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37. Jahrqanq
Fulda, Freitag den 11. WLrz 1910
Erstes Blatt
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le$e?6twt Mt d» spalttgepetttzelle oder deren «an» 15 Pfg. rleNamendrepetitzeile 25 pfg., bet Wiederholungen wirb enffpr.
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Rottraut freute sich unaussprechlich, ihre Schwester nach drei Jahren wiederzusehen, sich nicht mehr von ihr zu trennen und das zarte Geschöpf mit Liebe und Sorgfalt zu umgeben, damit ihr die trüben Seiten des Lebens erspart blieben, die sie selbst allzufrüh kennen gelernt.
Das schönste Fest des Jahres stand vor der Tür, ein echtes, rechtes Weihnachtswetter hatte die Berge und Täler um die Pfeilburg herum in fleckenloses Weiß gehüllt. Es hatte mehrere Tage lang geschneit; wir kleine Schmetterlinge schwebten die Flocken zur Erde und weich und flaumig deckte der Winter seinen weißen Mantel über die, Welt. Durch den Reiffrost standen Baum und Strauch glitzernd da, und die Sonne lachte freundlich aus einem klaren, blauen Himmel herab. Die weite Fläche des Tiefenhaller Sees war zugefroren und die Schlitten fuhren darüber hin.
Durch dm schönen Grafenhorster Forst klingelten die Glocken des mssischen Dreigespanns; das leichte, offene Gefährt sauste blitzschnell über die glatte Bahn, von Iwan gelenkt, der im Bärenpelz mit dem großen Vollbart eine stattliche Figur abgab. Entgegen der sonstigen Regel, stand er im Block des Schlittens und feuerte die Schimmel mit der kurzstisligen Peitsche zum Laufen an, ihnen in seiner Sprache Kosenamen zu- rufend.
Eine Depesche seiner jungen Herrin hatte die Nachricht gebracht, daß beide Schwestem am Nachmittage ankämen und der Wagen um vier Uhr an der Eisenbahnstation sein solle. Sorglich erinnerte Tante Hulda an die warme, dicke Wolfsfelldecke, dann trippelte sie geschäftig im Hause hin und her, ordnete den Kaffee- ttsch vor dem brennenden Kamin, ließ die Vorhänge an den Fmstem herunter und schob den niederen Sessel zum Feuer, den Rottraltt bevorzugte. Tief befriedigt, den Mops zu ihren Füßen, saß sie dann da, das Strickzeug in den Händen und wartete in behaglichster Stimmung auf die Reisenden. Huldchen hatte alles nach Wunsch ihrer Nichte — ime sie die Herrin der Pfeilburg mit Stolz nanyte — besorgt. Die Wirtschafterin hatte nach alt bewährtem Rezept ganze fJerge von Honigkuchen gebacken, denn morgen war
der Christabend und der liebe grüne Tannenbaum sollte in der Pfcilbnrg zum ersten Mal seit langer Zeit seine Kerzen wieder erstrahlen lassen.
„Nun, Iwan, ist alles wohl?" fragte Rottraut, als sie den Kutscher begrüßte. Mit dem ihr eigenen Sprachtalent konnte sie sich notdürftig russisch ausdrücken.
„Zu Befehl", antwortete Iwan, die große Bäcen- mütze lüftend, »alles ist wohl daheim und wartet auf das gnädige Fräulein."
In diesem Augenblick fuhr der Schlitten aus Gia- fenhorst vor dem Gebäude vor. Graf Pfeileck saß in demselben; er grüßte die beiden Schwestery, die unterdessen im Dreigespann Platz genommen. Die ungeduldig den Schnee stampfenden Pferde zogen an, unb mit munterem Geläute der Silberglöckchen flogen sie dahin.' Sowohl Hartwig wie Rottraut gedachten in dieser Sekunde jenes ersten Tages, als die Herrin der Pfeilburg hier anlangte und in Zacharias Wägelchen ihrem Heim zufuhr.
„Wer war der schöne Mann, Trautchen?" fragte Willis.
„Graf Pfeileck-Grafenhorst", antwortete Rottraut und konnte es nicht verhindern, daß der kalte Ton ihrer sonst so harmlosen Begleiterin auffiel.
„Hat er Dir etwas zu Leide getan?" fragte Willis. „Er hat ein so offenes, angenehmes Gesicht."
„Er ist mir unshmpachisch", versetzte die ältere Schwester, „ein Nachbar, mit dem wir nicht verkehrerz "
„Das ist schade! Ich dachte, der Grafenhorst sei unsere nächste Nachbarschaft", bemerfte Willis.
Rottraut fing sehr lebhaft zu sprechen an und zeigte ihrer «chwester die verschiedenen Güter der Umgegend. Die Kleine war von dem Walde entzückt und sand alles so reizend, daß sie sich nicht genug freuen konnte. „Ach, Trautchen", sagte sie, und schmiegte sich fest an die stattliche Gestalt der Schwester, „es ist mir noch wie ein Traum, daß ich nun in Deutschland bin und hier immer leben soll, daß ich die Pfeilburg bald sehen werde, wo unser geliebter Vater starb, — sein Heim, das er so innig liebte. Warum verließ er es eigenüich, um in den Städten zu leben?*
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Deutsches Reich.
* Berlin, 10. März 1910. Die Novelle über die Gehaltsausbesserungen der Reichsbankbeamten ist vom Bundesrat angenommen worden. Die Nachzahlungen erfolgen im Laufe des Monats Marz. — Der Gesetzentwurf betr. die Zuständigkeit des Reichsgerichts ist dem Reichstage in einer neuen berichtigten Fassung zugegangen.
t Der Kaiser, der am Mittwoch nach Helgoland gefahren war und dort Besichligungeu vornahm, ist zum Festlande zurückgekehrt, und zwar nach Bremerhaven.
)( Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg wird sogleich nach Eintritt der Parlamente in die Osterferien seine seit längerem geplante Reise nach Rom zum Besuche der dortigen Regierung und des Papstes antreten.
c. Die Mannesmann-Angelegenheit wurde in der Budgetkommission des Reichstages gestern weiter erörtert. Staatssekrär v. Schoen bestritt, daß durch die Veröffentlichung des Weißbuches eine Schädigung der Mannesmann'schen Interessen eingelrelen sei. Was in dem Buche gesagt sei, sei schon bekannt gewesen. Die dem deutschen Botschafter zugeschobene Aeußerung, die deutsche Regierung Irrte öffentlich für die Brüder Mannesmann, heimlich für die Union des mines oder für Krupp ein, fei völlig unwahr. Das Auswärtige Amt sei entschlossen, für die Interessen der Brüder Mannesmann einzulreten und diese
Rottraut antwortete nicht, sie suchte die Gedanken des jungen Mädchens von diesem Thema abzulenken, indem sie auf das Dach eines Hauses wieS, welches, in einer Birkenschonung liegend, den Tiesrnhaller Seo zur Linken halte.
„Das ist das Familiengut", erklärte sie. »Dl« Pfeilecks haben eS angekauft, damit dort die ärmeren Mitglieder ein Heim finden; im Frühjahr ziehen sie ein, und da wir nur eine kurze Strecke von Bickenrodr wohnen, werden wir oft durch den Wald hinüber reiten ober fahren. Ich hoffe. Du lebst Dich hier bald ein, meine liebe Willis. Ost ist mir bange, daß Du Deeprnoore-Castle, Edith unb unser gute Lady Florence vermissen wirst."
„Wie kannst Du das nur denken!" rief die Kleine entrüstet. „Gewiß fiel mir die Trennung schwer, aber die lieben Menschen versprachen ja, uns im Sommer zu besuchen! Hab Edith unb ich werden un3 fleißig schreiben. Bei Dir ist meine Heimot, mein Glück unb meine Sonne, Du bist mir doch das Liebste auf der Welt!"
Die weiche Stimme hatte einen leidenschaftlichen Klang, unb Rottraut dachte bei fick, daß ihre Schwester zu den Naturen gehöre, die leicht an einer bitteren Enttäuschung, welche ihr zartes Gefühlsleben rmih zerstört, sterben Sie fuhren durchs Dorf, Zacharias wartete schon die ganze Zeit an Der Tür seines Ladens, nun zog er das Käppchen von dem grauen Kopf und nickte und winkte Rottraut freundlich zu, welche feinen Gruß lächelnd erwiderte.
DaS ist mein alter Freund, von dem ich Dir schon erzählte", sagte Rottraut, „Du mußt ihn spater mit mir besuchen." _ , .
Gleich darauf hielt daS Dreigespann vor dem Schlosse. Ursels gutes, altes Gesicht zeigte sich, dahinter Tante Hulda, unb Friedrich half den Reisenden die warmen Hüllen ablegen.
„O! wie gut ist es, heimzukehren!" rief Rottraut mit liebevollem Blick auf ihre Umgebung, bann stellte sie Willis unb die Familientante einander vor. Heiter plaudernd saßen die drei Damen am Kamin, von Friedrich unb Ursel abwechselnd l dient,
IFortsetzuns
^eßranömarät.
80) Roman von G. Freifrau von Schlippenbach
Ihr treuester Verehrer war der Füfft Amoffoff, ein älterer Mann, der um die Hand des schonen Mädchens geworben, jedoch einen Korb erhalten haue. Trotzdem folgte er ihr von Stadt zu Stadt und ergab sich endlich darein, die Rolle des väterlichen Beschützers zu spielen. Das Dreigesvann war sein Geburtstags- zeschenk an Miß Edgerock.
Im November wollte die Herrin der Pfeilburg nach Deepmoore-Castle reifen, um ihre Schwester ab- zuholen, die sich schon unbeschreiblich aus die deutsche Heimat freute und es kaum erwarten konnte, bei ihrem „Trautchen" zu fein.
Du mußt uns nut einer echten, schönen Weihnachtstanne erwarten", sagte Rottraut zu Fräulein Huldchen. „Ich will endlich wieder das hebe Fest nach deutscher Art in den eigenen vier W-mden feiern, unb meine Willis soll zugleich einen recht freundlichen Eindruck empfangen. Und hier, verwende den Inhalt zu einer Bescherung für bie Bewohner des Dorfes!" ' . , ’ .
Sie reichte Hulda eine schwere Börst, in der es goldig glänzte, dann fuhr sie fort: „Du wüst zur Stadt fahren imd eintaufen, was Dir notig erscheint Sei nicht sparsam, der Verwalter kann Dir noch Geld geben, wenn T'.i es brauchst .Warme Sacheni für bie .Wen, für die Kinder viel Pfefferkuchen Aepfel Russe mb Spielzeug. Wir wollen in der Halle far sie auf- . uen, bet Förster soll eine Tanne aus dem Walde ■ Icfen, die wir prächtig schmücken werden. >M^Zu- st werde ich alles selbst einlaufen, dieses Jahr ver- "e ich mich auf Dich, Tantchen, und ich hoffe, Du mir den Gefallen, da Willis und ich erst kurz vor
i Feste hier sein können."
iüer war glücklicher, als Huldchen! Das war so t ihr Element, sie versprach mit strahlenden Augen, J gut einzurichten unb kam sich dabei äußerst wich- vvr,
auch bei den Beratungen über das Minengesetz zuzuziehen. Wenn daS bisher nicht geschehen sei, so wäre deren bisherige ablehnende Haltung die Ursache. Gegen zwei Resolutionen, welche die Regierung verpflichten wollen, die Mannesmann- Jnteresien mit allem Nachdruck wahrzunehmen, wandte sich ein Mitglied der Reichspartei. Es sei so schon ein Unding, daß man tagelang über die Privatintereffen einer wenn auch angesehenen Firma verhandle. Man solle lediglich mit Be- friedigung die Erklärungen deS Staatssekretärs zur Kenntnis nehmen. Die eine von der Fortschrittlichen Volkspartei eingebrachte Resolution wurde hierauf zurückgezogen, die andere von der Wirtschaft!. Vereinigung ausrechterhalten und begründet.
c. Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses setzte die Beratung des KultuselatS fort. Im Laufe der Debatte erklärte der Kultusminister, bewährte ältere Lehrer würden auch ohne Examen zu Rektoren zugelassen. Betreffend den obligatorischen Schul- unterricht der Tauvstnmmen und Blinden sei ein Gesetz in Vorbereitung. Zn dem Projekt, in Frankfurt a. M. eine Universität zu errichten, habe er noch keine Stellung genommen, er habe aber Bedenken, die Handhabe zu bieten zur Grün- düng einer Universität auf anderer Grundlage als der bisherigen. Ein Lehrauftrag für Lust- schisfahrt bestehe in Göttingen. Es handle sich dabei aber nur um technische Fragen, Zu einem Lehrauftrag für rechtliche Fragen scheine ihm noch keine Veranlassung vorzuliegen.
)( Die fortschrittliche Volkspartei („so. Vo.« sagt der Berliner) hat den Abg. Fischbeck zum Vorsitzenden ernannt. Die Reichstagsfraktion hat zu Vorsitzenden die Abgg. Wiemer und Dr. Müller-Meiningen gewählt. Die Zusammensetzung des Vorstandes der LandtagSfrakrion (die Abgg. Fischbeck, Kindler, Funck und Pach. nicke) soll unverändert bleiben.
4- Nachträgliches zu den letzten Sonntag-Unruhen. Das Polizeipräsidium gab als charakteristisches Kuriosum folgenden Bericht bekannt:
„Gelegentlich b'er wiederholten Zerstreuung von bemonstrierenden Zusammenrottungen durch die von mir am 6. März er. geführten 12 Berittenen wurde uns gegen !•/< Uhr nachmittags von verfchiedenen Demonstranten in der Nähe des kleinen Sterns im Tiergarten ein Mann zugetragen, der anscheinend besinnungslos war und nach den Behauptungen der Demonstranten überritten sein sollt«. Zugleich wurde ein berittener Schutzmann als Täter bezeichnet. Die Demonstranten wurden ersucht, den Ueberrittenen der mit der Tiergartenwache verbundenen Unsallstation zuzus ähren, wonach sie ihn in eine Droschke packten und davonfuhren. Am Pariser Platz ist später ein Herr an einen Schutzmann herangetreten und hat sich über den Vorfall wir folgt geäußert: „Die Berittenen brauchen sich über den Vorfall im Tiergarten keine Gedanken zu machen, der Mann hat nur simuliert, und nachdem er von Genossen in eine Droschke gebracht war, ist er aufgesprungen und hat sich wie toll benommen und gerufen: „Hoch das allgemeine Wahlrecht". Der Schutzmann hat um den Namen des betreffenden Herrn gebeten, er ist ihm jedoch nicht genannt worden, da der Herr mit dem Gericht nichts zu tun haben wollte. Er erklärte aber, daß, wenn es fein müßte, er die Sache dennoch zu bezeugen sich bereit finden werde."
Dem Polizeipräsidenten ist folgendes Schreiben eines hochangeseheuen Berliner Bürgers zugegangen:
„Wenngleich auch meine Gewerbebetriebe durch den gestrigen Sonntag Tausende Schaden gelitten haben, so sehe ich doch ein, daß das Vorgehen der Behörde gegen die radaulustige, unreife Pöbelmaffe unbedingt geboten war, um Eigentum und Besitz des ruhigen Burgers zu schützen und den vernünftigen Kreisen der Arbeiter ein warnendes Beispiel zu geben. Ich bitte um die Erlaubnis, einliegende 300 Mark zur Verteilung an die, in Erfüllung ihrer schweren Pflicht, verwundeten Beamten überreichen zu dürfen.
Die Sozialdemokraten haben im Reichstage eine Interpellation wegen der Nichtgenehmigung der Versammlung unter freiem Himmel im Treptower Park eingebracht.
* Auf der kaiserlichen Werst in Kiel sollen, wie der ,Lokal-Anzeiger' meldet, nächste Woche umfang« reiche Arbeiterentlafsungen, man spricht von 600, vorgenommen werden, weil der Reichstag nicht genügend Mittel für Somrnerarbeitcn zur Verfügung stellte. Ter Arbeiterausschuß verhandelte mit der Direktion der Werft, um die verheirateten Arbeiter von der Kündigung auszuschließcn. — Tie Meldung hat offensichtlich den Zweck, einen Druck auf den Reichstag auszuüben. Dieses M-ttel, gestrichene Forderungen durchzudrücken, ist aber etwas verbraucht, weil es schon öfters versucht worden ist. Die Reichswerft wird ebenso wie jeder Privatunternehmer dafür sorgen müssen, daß sie die vorhandenen Arbeiten gleichmäßig verteilt.
) ( Die nationalliberale Korrespondenz, bas Partei' amtliche Organ der nationalüberalen Partei wird gegenwärtig von einem gewissen Dr. Bahr, einem Deutschrussen, geleitet, der von der deutschen Poliitk allerdings ehrlich gar nichts versteht. Jetzt heißt es, Stephan Reumann, bisher Redakteur bei bet „Tägl Rundschau" unb Verfasser bet neulich so nett angenagelten „Germanicus"-Broschure, solle bie Leitung dieser Korrespondenz übernehmen. Die Nationalliberale Korrespondenz dürfte unter seiner Leitung noch mehr in das Fahrwasser des Evangelischen Bundes geraten, als es bisher schon der Fall war.
* Wege» der Absendung des Bebel-TelegrammS ist von dem bremischen Senat gegen vier Lehrer die Voruntersuchung angeordnet worden. Zwei davon sind vorläufig vom Amt susspendiert. Der sosort entlassene Lehrer war unter Vorbehalt angestellt gewesen.
== Dem Grafen Hoensbroech ist durch den . Privatdozenlen Dr. H. Gehrig bös heimgeleuchlel worden. Graf Paul Hoensbroech hatte bekanntlich behauptet, ein jetziger Privatdozent der Nationalökonomie hätte aus einer größeren Ar- beit aus Veranlaffung zweier Fachprofefforen einige „antiultramontane" Darlegungen weglaffen sollen. Das beweise, daß „der UltramontaniS« muS auch auf die Koryphäen der Universitäten seinen unheilvollen Einfluß auSübe". Dr. Gehring hatte daraufhin eine Rundfrage bei den deutschen Privatdozenten veranlaßt, auS der sich ergab, daS ihnen von einem solchen Falle nichts bekannt ist. Nunmehr hat Graf Hoensbroech dem „Akademiker" die Abschrift eines an ihn gerichteten Briefes übersandt, aus dem wir folgendes wiedergeben:
Sie deuten an, wie zurückhaltend unsere Profeffo- reu im allgemeinen über den UltramontanismuS urteilen. Ich habe das selbst am eigenen Leibe schmerz- lich erfahren. Meine Arbeit hat bereits früher dem verstorbenen G. von Schönberg-Tübingen Vorgelegen; sie wurde wegen einer damals in ihr enthaltene« Betrachtung über bie Stellung ber römischen Kirche, speziell der Päpste, zur sozialen Frage als zu „politisch unb aggresiv" abgelehnt. Als ich mich dann an meinen hochverehrten Lehrer Adolf Wagner mit der Bitti wandte, mir auf Grund dieser Schrift zur Promotion zu verhelfen, zwang mich die Rücksicht auf ihn, der auS verschiedenen Ursachen dem Katholizismus noch ungleich freundlicher gegenübersteht, jene Ausführungen von vornherein fortzulaffen, und ich hatte auch bann noch genug mit Milderungen unb Abschwächungen zu tun, um ihn zur Annahme bereit zu machen. So ist bie jetzige Dissertation entstanden als ein Kompromiß zwischen meinen Wünschen unb äußeren Notwendigkeiten.
Dr. Gehring erklärt demgegenüber, daß Graf Hoensbroech seine Behauptung durch diese Briesstelle nicht bewiesen habe, da die Einwendungen Schönbergs und Wagners sich offenbar
Abg. Dr. Droescher (kons.): Mtt dem langen Klatsch des c'oirebner§ ist sicher ber Post unb ber Zufrieden- beü ' Postbr iwttn wenig gedient, und der Vorredner sollic auch bcvai'c::, baß die Tribüne dieses Hauses Nicht dazu da ist, um aufhetzige Agitattonsreden zu halten. Was den Etat angeht, so sind rotr mit ihm zufrieden. Im nächsten Jahre werden wir wohl mit einer Menge neuer Beamtenstellen zu rechnen haben.
Abg. Racken (Ztr.): Auch meine politischen Freunde fliid der Ansicht, daß der diesjährig« Postetat den Stempel ber Sparsamkeit an der Stirn trägt Leider ist es infolge dieser Sparsamkeit unmöglich gewesen, neue Stellen zu schaffen, was natürlich eine Verschlechterung der Avancemenisverhällniffe mit sich bringt. Namentlich für die mittleren Postbeamten sind die Be- fvrberungsaussichten ungewöhnlich schlecht, doch laßt sich zur Zeit nichts dagegen machen. An den Herrn Staatsjekretär möchte ich die Anfrage richten, wie wett bas Projekt der Schaffung einer Krankenkasse für die Postunterbeamten gediehen ist. Dringend erforderlich ist e$ zur Vereinfachung und Mr Hebung der Rentabilität derPostvetwaltung, baß Schreibarbeit unb Versetzungen eingeschränkt werden. Ebenso konnte an eine Vereinfachung der Postanweisungskontrolle an, eine Erhebung einer Lagergebühr für lagernde Postsendungen, an eine Erhebung einer Gebühr für Chiffre» sendungen gedacht werden- Für eine Beseitigung der Pauschalgebühren für Telefonanschlüsse kann sich der größere Teil meiner Freunde nicht erwärmen, da eine solche Beseitigung dem Jnteresse des Handels unb Verkehrs im Wege steht. Ich möchte sodann noch die Frage an die Postverwaltung richten, nach welchen Grundsätzen sie beim Berkau, des Alt- Materials verfährt. Zum Schluffe will ich gern anerkennen, daß die Postverwaltnug in den letzten Jahren mancherlei Fortschritte und Verbesserungen eingesührt Hal. Der Postscheckverlehr hat neh m erfreulicher Weise enlroidelt. Leider sind habet aber noch keine Ueberschüsse erzielt worden. Was dre natwnal- liberak Resolution auf Einsetzung eines ständigen Post- beiratS angeht, so halten wir von einem foUfjen Beirat nicht Biel, doch werden m.r der -leso luiion zustimmen. Empfehlenswert aber scheut uns die Resolution der Kommission, welche fordert, die Pofiverwattung der Schutzgebiete anbte Verwaltung der Schutzgebiete anzuschtteßen. Möge um er Post wesen sich in der Weise weiter entwickeln, rote es fich bisher entwickelt hat. (Beisall im Zentrum,.
Staatssekretär Sratife: Dem letzten Wunsche des Vorredners stimme ich bei. Nur lasten sich < a“e Verkehr°w>mi-r.e von Heute auf Morgen erfüllen. Mit grober Vorsicht stehen wir auch den Wünschen auf yulaffung der Privatindustrie zur Herstellung
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 10. März 1910.
Am Bundesratstisch Staatssekretär Krätke. Die zweite Lesung des Postetats wirb beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs" fortgesetzt.
Aba. Zubeil (So;.): Trotz bes erheblich vermehr- ten Verkehrs ist die Zahl der Beamten, namentlich ber Unterbeamlen, noch verringert worden. Ungeheuer brutal ist das Vorgehen der Verwaltung gegen den Assistentenverband. Am schlimmsten aber ist bie Ver» Wendung der Unterbeamten zu dem unsauberen Zweck, ihre Kollege» z« überwache». (Der Präsident Graf Schwerin rügt den Ausdruck.) In Kassel wirb em un» gehöriger Druck auf die Unterbeamten ausgeubt, sich dem Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie anzuschtteßen. Ferner ist,esvorgekommen- daß durch unabsichtliche oder absichtliche Ungeschicklichkeit eines Briefträgers die Firma Hentschel u. Sohn in Kassel in den Besitz eines an den Vertrauensmann des Deutschen Metallarbeiterverbandes gerichteten Brieses gelangte. Die Folge war, daß sämtliche in ^- Schreiben als Mitglieder jenes Verbandes ange- fürnten Arbeiter auf der Stelle entlassen wurden. In Pofen werben schulpflichtige Kinber bei ber Post be- schäftigt. Das alles sind Mißstände, gegen bie bei Reichstag unb jeder einzelne Abgeordnete laut seine Stimme erheben muß. «Zuruf- Aber mcht zu laut. Große Heiterkeit), liebet bie Mißstände im Postwesen, habe ich noch soviel Material, daß ich noch zwei Stunde:: sprechen könnte (Stürmische Heiterkeit). Wenn es "frincht zu sehr anstrengen wurde — auf Ihnen wurde ich keine Rücksicht nehmen — (von neuem stürmische Heiterkeit) so würde ich mein Material noch vorlegen. Will mich nun aber auf die dritte Lesung
von Nebentelesonstellen gegenüber. Wir werden die Wünsche aber noch einmal erwägen. Was die Verwendung des Altmaterials anlangt, so werden Metalle, wie Kupferdrähte usw., öffentlich ver- steigert, jedoch nicht unter einem Mindestpreis. Selbstverständlich kann ich auf die vielen Einzelfälle deS Abg. Zubeil hier im Plenum nicht eingehen. (Sehr ricktia! rechts.) Ich kann nur generell erklären, daß die Postveimaltung auch fernerhin bemüht sein wird, keine Mißstände auskommen zu lasten.
Abg. Beck (natl.): Wie schlecht die BefördrrungS- Verhältnisse find, geht auS der Tatsache hervor, daß rtn Postprattikant sein 2ö jähriges Jubiläum feiern konnte. Für den Weltpostverkehr sollte bei de» Nachbarländern ein Zroischenporto eingeführt werden. Unter einer Verpachtung der Post würden Handel und Wandel schwer leiden. Hinsichtlich der Portofreiheit hätten wir mancherlei Wünsche.
Abg Linz (Rp.) bedauert lebhaft die Abschaffung bes Ankunstsstempels unb fordert seine Wiederein- fübrung, wenigstens bei Ausländsbriefen. Die national- liberale Refolution auf Einsetzung eines ständigen Postbeirats würden feine Freunde annehmen. Die Vorschläge deS Abg. Nacken zur Besserung der Rentabilität der Postverwattung seien sehr beachtenswert. Besonders erscheine ihm eine Erhöhung der Gebühr sür postlagernde und chiffrierte Sendungen angängig, da hiermit vielfach ein grober Unfug getrieben werde.
Abg. Seyda (Pole): Um die Reichspost zu einem möglichst vollkommenen Institut zu machen, ist es notwendig, daß die Postbeamten auch die Sprache der Bevölkerung beherrschen.. Leider ist es ht den polnischen Landesteilen nur in sehr geringem Umfange der Fall. Redner rügt es, daß man in Kattowitz nach der politischen Gesinnung der Beamten geforscht habe.
Staatssekretär Krätke: Ich halte meine vorjährige Behauptung aufrecht, daß wir nach der polttischen Gesinnung der Beamten nicht fragen. Die Beamten in Kattowitz haben wir versetzt, weil wir sie für den Ort nicht geeignet hielten.
Abg. Werner <Rsp.): Ueber bie Briefbesörberung in Groß-Berlin tlagt man immer mehr. Für die Unter» beamten muß mehr getan werden.
Darauf wird der Titel „Gehatt des Staatssekretärs bewilligt. — Die Resolution auf Einsetzung eines Post- beirats wirb abgelehnt.
Nach Erledigung einiger weiterer Kapitel wirb die Weiterberatung auf morgen vertagt; vorher sozial- bemokratische Interpellation wegen Verhinderung des „Treptower Spazierganges".