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v-mrerrtag, -en JO. Mörz 19(0.

87. Jahrgang.

« Tuldaer W Zeitung* *

2. Blatt.

vni» und Verlag der Zuldaer »ett«bn,Sera ti Krtta.

Aus dem Nachdargebiete

Soweit ich die Stimmung in den einzelnen Frak- itoneii des Reichstags kenne, besiegt hier Uebereinstim-

* Vom Main, 9. März 1910. (Line Geschichte zur Warnung teilt der „Hess. Bauer' mit: Eine Witwe in der Maingegend, die eine kleine Spezerei- Handlung betreibt, wurde kürzlich von einem Reisen­den aus Mannheim besucht, der sie dazu bewog, für zirka 18 Mark Zuckerwaren zu kaufen. Der Reisende bedeutete der Frau, daß sie als GratiLgeschenk einen Stuhl btgu erhalte, sie möge nur die Bestellung (die unleserlich auf dünnem, durchsichtigem Papier stand), durch ihre Unterschrift bescheinigen. Ohne Argwohn gab die Frau ihre Unterschrift her. Einige Tage spä­ter erhielt sie eine Sendung hn Betrage von 38 Mack, die sie auch annahm und bezahlte, um keine weiteren

«ung, auf Annahme des dem Reche günstige»» ” ™ M»™ - LackHf roettmt

ilngebats zu drinaen. Die Behauptung, daß Ba. I ^djercreum zu bekommen- — Rach .-»naus wenerer »urch Rechte der Kolonialgesellschaft «eUetzt werden, I vier Wochen kam von der Mannhermer Firma ein ist ganz unhalibar; denn das Gebührenrecht der l Schreiben deS Inhalts, daß die Witwe doch von ihrem

Ausland.

• et» österreichisch« Mesr«pm»p bildet den bit­teren Nachgeschmack nach der Wonne der «ngkiede- rung Bosniens und der Herzegowina. Ter Finanz. Minister hat am Montag dem Abgeordnetenbause eine Vorlaae unterbreitet, durch die er zur Beschaffung von 181740000 Kronen im Wege der Kreditopera­tion ermächtigt wird. Das Kapital ist hauptsächlich dazu beftmnnt, den stark geschwächten Kassevbefiävden die Beträge wieba zuzuführcn, die aus Anlaß der mit der Annexion Bosniens zusammenhängenden militärischen Vorbereitunger vorschußweise gezahlt wurden.

* Der tolle Georg, ehemals Kronprinz von Ser« bien, scheint sich in feiner Verbannung in Mila« nowatz recht wohl zu fühlen. Die dortigen 2000 Einwohner find größtenteils Ackerbauern, die an den Lerkebr mit Mitgliedern des Königshauses wenig gewöhnt find. Nichtsdestoweniger weiß Prinz Georg die entfachen Leute „fürstlich' zu behandeln. Allabendlich werden einige der Honoratioren zur Tafel gezogen und dort mit Wein und Sliwowitz (Zwetschenbramitwein) vollgepumpt. Sowie die guten Bürger die nölige Bellschwere erreicht haben, d. h. nicht mehr stehen und fitzen tönnen, läßt sie der Prrnz durch Soldaten seines Regiments, die bei ihm als Ordonnanzen Dienst tun, nach Hause tragen. Auch m dem einzigen Cafe des Ortes, wo ein 5kinematographentheater lebende Photographien vorführt, erf beirrt der Prinz des ö leren mit feinen Offizieren, um allerlei Unfug in dem verdunkelten Raum zu vollsühren. Eo schossen während einer Der letzten Vorstellungen aus fein Kommando wäh­rend der Vorführung einer Szene aus dem Bureu- krieg sämtliche amvefende Offiziere aus das Kom­mando des Prinzen ihre Revolver ab, nm „Kriegs­

stimmung' zu markieren.

Gesellschaft besteht auch beim Abschluß mit den ftoln» niften weiter. Andere Rechte aber gibt es für str nicht mehr. Liese Auffassung ha! ' icht nur der Reichstag, sonder» auch da» zuständige Gericht in Sirdwenafraa. Gerade auf diesem Urteil fußt der Reichstag k die? will er schützen, daß es nicht so durch nachträgliche Ab­machungen beseitig! werden kann, wie man eS bei der Verordnung Aber die Nachverzollung ton 1906 ver­suchte. R-ach dem heutigen Stande der Dinge ist es Sache der Kolonialgesellschaft, nun mit ihrem Offert fcerooryrftetat; daß dieses üt seiner finanziellen Trag­weite nicht hinter dem der Stauch-Gruppe zurück­bleiben darf, iü wohl selbstverständlich. Im allgemeinen Jutereffe aber liegt es, daß bei einem Neuabschluß auch di» sämtlichen Ansprüche der Gesellschaft auf Schürfgedühren, Feldessteueru, Förderuugsabgaben usw. beseitigt werden, damit einmal reiner Tisch im Bergwesen geschaffen wird; die Gelegenheft hierzu ist jetzt sehr günstig und lehrt vielleicht niemals >«eder. DaS neu vorgesehene Sperrgebiet könnte dann der Stauch-Gruppe überlaflen bleiben, falls man nicht an eine Teilung deS südliches Sperrgebietes denken will. Jedenfalls wird der Reichstag in der brftten Lesung deS Eta« eme klare und bestimmte Haltung einnehmen und dafür sorgen, daß die Interessen des JiskuS nicht geschmälert werden.

(] Es geht «m Millionen fürs Reich.

Bekanntlich hat kürzlich eine InterefsentenZruppe aus Lüderitzbucht für die Diamanten-schürf- «nd Abbaufreiheit auf dem Konzessionsgtdiete der deutschen Kolonialgesellschaft in Südwestafrika dem -0 o,o Anteil an der Gesamtforderuug bis zum Be­trage von 100 Milstonen geboten. Dasselbe Gebot ha^u bald daraus auch die Hamburger Herren B S d icke r & Co. gemacht. Wie in einer der letzten Sitzungen der Budgetkommission (veral. Nr. 52) des R^hsrages bekannt wurde, ist diese Offerte seitens der Lüveritzbuchter Herren noch erhöht worden. Eine T«pcsche an den Abg. Erzbcrger besagt:

„Wir erfahren, daß unsere Offerte eine Erörtermrg in der Presse hervorgerujen hat bezüglich der Limi­tierung des Gewinnanteils des LandfiskuS auf 100 Müiwnen Mark. Wir sind bereit, die Limitftrung überhaupt fallen zu lassen und erweitern unser» Offerte dahingehend, den LandesfiAus auch an der Liquida­tionsmaste mit 80 Prozent zu beteiligen gegenüber den Bedingungen ces § 6 des Vertragsentwurfes. Wir haben dem Reichskanzler und dem Staatssekretär die Entsenonug von Vertretern angeboten und bitten, für di» Hinausschiebung der Vertragsverhandlungen bis zu» Eintreffen betreiben einzutreten. Die ausführliche Denkichrift geht am 10. März ab. Für die Interessenten: Schmidt-Gtauch.'

Staatssekretär Derndurg, der in der Immission erschienen war, legte in vertrauliche» Mitteilungen feine Ansicht von der Sache dar. Er stand ja an­fangs auf dem Standpunkte, daß der Kolonial- gesellschäft weiter die Sperre zugute kommen solle bei einer Abgabe an den Fiskus von 10°,o. Anscheinend hat er sich jetzt zu der Ansicht bekehrt, daß er die Kolouialgeseilschaft unter bO°jo nicht, werde davon abkommen taffen können.

DaS Reich hat neben den 2000 blühende» Menschenleben mindestens eine halbe Milliarde in die Lolonie gesteckt. Daraus ergibt sich für das Reich wohl ein Rechtsanspruch auf einen sehr erheblichen Teil an den Erträgen dieser Dia» mantenwirlschast. Wie groß nun dieser Teil werden soll, das hängt von den verschiedensten Momenten ab.

Darin hat Herr Dernbnrg recht: daS Reich muß auch bei der Bemessung dieses Anteiles denkbarste Sorgfalt beobachten, es darf nicht seine Interessen von heute auf morgen adschätzen. Eine gründliche, planmäßige Untersuchung des gesamten Terrains wird zwar eine langsamere Ausbeutung im Erfolge haben. Dafür aber wird der Kapital« quell, der da sprudelt, weniger schnell versiegen. Derndurg glaubt, daß die deutsche Kolonialgefell- tchast wegen ihres größeren Kapitals die Garantie ür eine sorgsame Durcharbeitung des Sierra m3 eher stete als die übrigen Interessenten, und daß man it'i daher, auch wenn sie weniger an Abgaben bietet, den Vorrang lassen müsse, zumal auf diese Art und Weise auch die Spekulation mit unsoliden Grün- düngen unterdrück und die deutsche Schleifindustrie bevorzugt werden werde.

Den Mittelweg zu finden ist sehr schwer. Ob- ß bis dahin nur ein sehr kleiner Teil der Ab»

. eben in regelrechten Abbau genommen worden roar, roareu bt§ Ende November 1909 in Deutschland bereits für 14 Millionen Mark Diamanten eingegangen. Danach braucht man wirklich nicht anzunehmen, daß das Reich nrcht eines Tages aus diesen Diamanten jährlich 100 Millionen Mark zu ziehen vermöchte, sofern ihm 80% des Ertrages zuge- standen werden. Es fragt sich nur, in welchem Um» fange bei einer derart schnellen Förderung, wie die Lüderitzönchter sie offenbar vorhaben, Raubbau ge­trieben haben würden.

Ein Reichslaasabgeordncker schreibt im ,Bad. Beobachteist:

Zuckerwaren-Abschluß das monatliche Quantum eb- rufen mSge, zumal sie doch für über 600 Mack Waren bestellt habe Nachdem sich die Käuferin von ihrem Schrecken erhoff hatte, teilte sie der Firma mit, daß fle nur für zirka 18 Mack Waren bestellt habe, worauf ihr edoch eine Abschrift ihrer Bestellung zugesandt wurde, wonach bet Reisende auf du Bestellkacke für zirka 600 Dst-xrk Waren notiert hatte. Die Firma machte nun du Witwe daS entgegenkommende (1) Angebot, auf die Ausführung der Bestellung zu verzichten, wem, dir Frau eine Schadenersatzsumme von 140 Mack für entgangenen Verdienst zahlen wolle Dieses Angebot wurde von der Frau abgelehnt, zumal sie in Ersahrung brachte, daß noch weitere fünf Kleinkrämer auf dem Lande 'bei derselben Firma in ähnlicher Weise herein- gefalleu waren. Die Angelegenhell wurde zur straf- rechtlichen Verfolgung der Staatsanwaltschaft mitge- teilt Möge das Vorstehende aber auch wieder eine Warnung und Mahnung sein: „Seid vorsichtig mit Eurer Unterschrift!' (Wir bedauern, daß nicht der Name der „koulanten' Zuckerwaren­firma genannt ist, wir hätten dieselbe gern „empfeh­lend' bekannt gemacht.)

* Höchst a. M., 9. März 1910- In dem benach­barten Unterliederbach siegten bei den Gemeinde­vertreterwahlen in der dritte« Klaffe die Sozialdemokraten.

* Offenbach, 9. März 1910. Durch die Unter­schlagungen des fteiwillig au» dem Leben geschiedenen Vorstehers der Jnvalidengelderhebestelle, Ripper, er­leidet bie Kasse keine Verluste, da der Vater de» Selbstmörders den Fehlbetrag beift.

* Schneidhain (Taunus), 7- März 1910. Bei einer Radtour rannte in der Nähe unseres Ortes des löiähttge Jakob Diener aus Sindlingen so un­glücklich gegen einen Baum, daß er bewußtlos liegen blieb

* Eisenach, 9. März 1910- Der Einzug des Großherzoglichen Paares findet wahrschein­lich am 20 März statt. Zu den Feierlichkeiten wird die kaiserliche Familie erwartet.

* Aschaffenburg, 9 März 1910. Herrn Hauptlehrer Heinrich Fey wurde vom Stadtmagisttat für seine langjährige eifrige und ersprießliche Dienstleistung in der Volksschule die silberne Medaille der Stadt zuerkannt.

vermischtes.

% Wegen Erschießung eines ZagdhiiterS verurteilte das Schwurgericht inC teoe den Wilodieb Hermann Oste aus Moers zum Tode und zu sechs Jahren Zuchthaus.

\ Ei» eh maliger Rittmeister aus I- anksurt a. M. wurde m München verhaftet, wohin er nach Ver­übung von Betrügereien und Unterschlagungen in Höhe von über 50 000 Mark geflüchtet war.

** Ter Braud auf dem Linienschiffe „Posen' hat keinen so großen Umfang angenommen, wie c3 zu­erst schien. Der angerichtete Schaden ist nach neueren Meldung ohne Bedeutung.

*„ Ernste Rafsmkiimpfe sind zu Tampa als Florida ausgebrocheu, bei denen drei Neger und zwei Weiße gelötet und ein Weißer tödlich ver­letzt wurden. Die Polizei war hilflos.

* Verschleppt wurde eine 16jährige Dienstmagd aus Alstaden bei Oberhausen. Nach einigen Tagen kam an die Angehörigen ein Brief aus Brüssel, worin cm angeblicher Zahnarzt für das Mädchen um 20 Mk. schrieb- Anstatt des geforderten Geldes reiften zwei Angehörige des Mädchens nach Brüssel mit einem Schreiben der Polizeibehörde an das deutsche Konsu­lat. Man fand das Mädchen, den Zahnarzt und die drei Entführer des Mädchens, sämtlich aus Oberhau­sen. DaS Mädchen nahmen die Angehörigen mit sich, während die andern Personen verhaftet wurden. We­gen der Auslieferung sind schon Schritte getan worden.

* Dem Tode entronnen. Folgende gruselige Ge­schichte, die der dem Tode Geweihte selbst erlebt hat, erzählen die „Greizer N. N.', denen wir die Verant­wortung dafür überlasten müssen. Dcr Vieh-Aufkäu-

fa Herr Franz Weiser au» Zwötzen bd Gera fährt schon 15 oder 18 Jahr» nach der Gegend von D a » jig In Westpreußen, um Vieh str die hiesige Gegen» aufjufaufea. Zn diesem Behuf» führt er gewöhnlich eine größere Summe Gelder, etwa 30000 bi» 35000 Mack bei sich. So war e» auch diesmal der Fall, all er am letzten Freitag im „Hotel grüner Baum' borfr selbst (1) einkehrte. Da er am Samstag nachmittag noch Zett genug gewann, die Verladung der aufge» kaufte« Viehes, meistens Rinder, abzuwarten, ging er in den Gatten, wo er den Witt und dessen Sohn beim Graden eines tiefen Loches beschäftigt fand. Er fragt» bie beiden, was sie da machten, erhielt aber eine anbei friedigende Antwort. Am Abend befiel ihn eine Von ahmmg Aber feinen nahe bevorstehenden Tod. 8» glaubte, daß die Grube, die die beiden gegraben hat­ten, für ihn bereitet worden sei und daß er seine Sie­ben in Gera nicht Wiedersehen sollte- Am Abend zündete er In seinem Zimmer, da» er nun schon 15 Jahre lang bewohnt hatte, eine Kerze an, um seiner Gattin einen Brief zu schreiben. Beim Wegwerfe» des Streichholzes bemerkte er, daß da? brennend« Holz, das neben daS Bett gefallen war, von einet Menschenhand aufgerafst wurde. Beherzt, wie all» Fleischer sind, ging er aus dem Zimmer, schloß dl» Tür sorgfältig zu und begab sich in die Gaststube, w» noch einige Gäste, meistens Polen, anwesend wäre». Er erzählte sofott von seinen Erlebnissen und bat bi« Leute, mit auf sein Zimmer zu kommen, in welcher» eine fremde Person anwesend sei. Der Trupp bega» sich alsbald mit nach der Ober-Etage^ wo sie in dem betreffenden Zimmer unter dem Bett versteckt de» Sohu des Wirtes fanden. Dieser war mtt einem großen Fleischerbcile, einem Messer und einem Revol­ver bewaffnet. Er mußte sich aber der Mehrzahl g» genübet ergeben und wurde der alsbald erschienene» Polizei an8geliefert. Der Vater wurde gleichfalls noch in derselben Nacht in Haft genommen, da er te, Beihilfe des versuchten Raubmorde» dringend de» dächtig war. So war unser Viehhändler glückllch dem sicheren Tode entronnen, da die Halunken ei jedenfalls auf fein Geld abgesehen hatten-

Reklamen- und Anzeigenteil.

Zu schnelles Wachstum.

In den Entwicklungsjahren beginnen Knabe» und Mädchen oft so schnell und stack zu wachseq, daß die aufs äußerste in Anspruch genommene» Körperkräfte dringend einer vermehtten Nahrung»« zufuhr in Form eines Stärkungsmittel» bedürfe«, 'Nichts ist hier mehr am Platze al» die altbewährt» Scotts Emulsion. j

Scott» Emulsion wird von mte auSIchUcßUck tm ttetm ver­täust und iroat nt« toi« n< ch <S«wicht oder Watz, torwer» nur tu «rstraeiten OrtAtool flasche» tu eartee mtt unserer SchtA» matte Micher mtt dem Drrlch). Scott u. Bereite, A. «. b, v», ®t,»e»M?uUe: feinster Medtzinai-Lebertrao imlo, prtm« Sv»cri» 80,0, unstrphoSvhortgtawrer Satt M- uaterptzotvdotiq Untre« #«tan «A. prUv. Tragant «A ietnftet atab. flamm put», tfi, bettln, ö btt 188.0, «lloho! H,e. Hier,» etemittf* , Smuffiea mtt JJimt-i’ anbet und GanltberteSl jeTrovien. i

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La Fleur 6Pfg.

^ebrandmarlit

29] Roman von G. Freifrau von Schlippenbach'

Zuletzt erhob sich der Aelteste deS Geschlechts, ^reihccc Johan« aus Tiefenhall; indem er an das Glas schlug und eS grüßend gegen Rottrartt hob, sprach et laut und deutlich:

„Es fd mir erlaubt, liebe und vevchtte Anwesen­den, auf das spezielle Wohl eines Mitgliedes zu hin« fen, das wir bisher nicht in unserem Kreise hatten. Die Pfcklburg hat un8 wieder ihren Repräsentanten gesendet in Gestalt der jetzigen Besitzerin, der Freiin Rottraut von Pfeileck, auf deren Wohl ich hierdurch trinlc- Sie möge lange unter uns leben zum Segen ihres Hauses und ihrer Untergebenen l Sie lebe hoch! hoch! hoch!'

Die Gkäfer klangen hell aneinmber, alle kamen, um mit Rottraut auzustoßen, ihr s» das Heimatsrecht wieder zugesteheud, felbft Dietttch von Pfeileck umßte, obwohl ziemlich unwirsch, dem allgemeinen Beispiel folgen. Hartwigs und der junge» Schloßherrm Glä­ser berührten sich kaum.

Nach aufgehobener Tafel harrte der Jugend ein Tänzchen, wie ti meist zum Schluß der Fall war; doch zögerten die Witte noch mit dem Zeichen dazu und ungebirlbig trippelten die Füßchen der weiblichen Festtcilnehmeriimen.

„Sie gestatten mir wichl, mich zu empfehlen, Frau Gräfin', sagte Rottraut verbindlich, indem fie sich tief vor der Hausfrau verneigte.

„Sie wollen uns schon verlassen, gnädiges Fräu- lein?* rief Hchwig mit aufrichtigem Bedauern. „SS soll ja erst lustig werden. Bitte, bleiben Siel'

„Ich bedauere, ablehnen zu müssen', erwiderte Rottraut freundlich, aber entschieden.

„So leben Sie wohl und ich hoffe, wir sthre» gute Nachbarschaft, Fräulein von Pfeileck.'

Die herbe Entgegnung stockt» auf der Zunge bei jungen Mädchen», sie berabfchiedete sich von den üb­rigen Anwesenden und schritt, von Hattwig geleitet, bie Freitreppe hinunter zur Halle

„Ich wiederhole meiner Mutter Wunsch, es ist Mch der meine*, sagte Hartwig. „Der Grafenhorst und bie Pfeilburg liegen so nahe, daß e» natürlich ist, wenn fie gute Nachbarschaft führen.*

-D« find« ich nicht*, brach e» schroff von Rot- £Wit» Lippen, „ich denke Herr Graf, bie Tochter de»

Zuchthäuslers und der Wiener Chansonettensängettn dürste Ihnen kein willkommener Gast sein. Der heu­tige Tag mag auch für die Zukunft eine Ausnahme bilden!*

Hattwig prallte zurück bei diesen eisig gesprochenen SBorten; erst nach einiger Zelt fand er die Sprache wieder. „Wer — wer kann so taktlos gewesen fern, Ihnen meine Aeußerung zu wiederholen, welche ich — die ich* — er stockte verlegen.

„Die Sie an jenem Sonntag vor der Tiefenhaller Kirche taten. Meine eigenen Ohren hatte» die un- glaubffch» Indiskretion, es zu hören.*

„Ich bedauere es tief*, sagte Hartwig förmlich.

„O bitte. Sie sprachen ja leider nur die Wahrheit über meine Eltern*, versetzte Rottraut bitter. „In meiner Macht liegt es indes, mft meine Stellung selbst zu schaffen* — ihre Augen blltzten auf — „ich werde e», denn ich will esl*

S« standen in der Halle; Rottraut» Diener, der alte Friedrich, in der Livree von der Pfeilburg, hüllte sie in de» Mantel; Hattwig bot ihr mtt kalter Höf­lichkeit bat Arm und führte fie hinan». Ein präch­tige», russisches Dreigespann scharrte den Kies deS Wege» mft ben feinen Füßen, auf dem Bock faß ein bärtiger Kutscher in russischer Nationaltracht. Die Schellen der Pferde klingelten melodisch, wenn sie bi» Kopse hin unb her warfen. Graf Pfeileck hob feinen schönen Gast üt den Wagen und trat höflich grüßend zurück; ein kaum merkliches Ricken deS dunklen FraueickopfeS antwottete ihm, dann zogen die feurigen Tier» an, unb bai eigenartige hübsche Geführt rollte davon

Im hellen Mondschein der Herbstnacht blicke Hartwig ba» schwindenden Dreigespann nach, dessen Glöckchen «och leis» bis zu ihm heraufklangen. Ihm war ju Wut, als fahre dott sein Glück hin, das er verloren — und schwer und kaff lag Ihm da» Hem in bt* Brust, während er bie tiefe, wohltönende Frauenfilmme hörte: „Ich werbe mir selbst meine Stellung schaffen — Ich will e»!*

10. Kapitel-

Ztmte Hulda war nach der Pfeilburg Übergeste- bett. E» erfüllte sie mit nicht geringem Stolze, die Beschützerin der junge« Schloßherrdt zu sein.

Di« Stenten der Pfeilburg, Förster, Verwalter usw., waren tüchttge Männer, die', fett vielen Jahren e*»r»M. Um Sache verstanden. Rottraut behielt fie

im Amt, nahm sich jedoch vor, in besonderen wichtigen Fällen das entscheidende Wott selbst zu sprechen.

Am Sonnabend nach dem Familientage Berief Graf Pfeileck die Männer nach dem Grafenhoch, mit denen er in der Verwaltung des verfchuldeten Gutes bisher zu tun gehabt; er regelte die Rechnungen unb Geschäfte, bann schrieb er in streng sachlicher Weise an Rottraut unb übergab ihr die Pseilburg. In knappster Form antwortete sie und dankte ihm für die gehabte Mühe. Nichts befriedigte die Schloßherrm so sehr, wie die Tatsache, daß e» weniger ärmlich hn Dorfe aussah und die Leute ihr nicht mehr scheu und verdrossen begegneten, wie damals vor drei Jahren bei Üjrer ersten Anwesenheit. Die Häuser sahen wohn­licher aus, die Kinder weniger schmutzig und zerlumpt, und hin und wieder grafte eine Kuh ober Ziege hinter den Hütteu Ihren alten Freund Zacharias besuchte Rottraut gleich am Tage »ach ihrer Ankunft, unb bie Freude des Alten war geradezu rührend. Er er­zählte ihr zugleich, daß sein Sohn in Chicago ver­heiratet sei und e» gehe chm gut. Die Irre sah ganz sauber und wohlgepftegt aus.

Am ersten Sonntag nach dem Pfeileck'schen Fmni- lienfeft fuhr abermals ein Kahn über den See zur TiefenhaUer Kirche. Die Heimgckehtte sehnte fich, in dem schlichten Gotteshaufe zu beten. Durch Hulda hatte sie genau die Verwandtschaft der verschiedene» Glied« unter ein an ter erfahren unb war gut darin orientiert. Jetzt gehörte sie zu ihnen unb nahm den Platz ein, der ihr zukam. Sie wurde sofott von Tante Lottchen und Elsa in Beschlag genommen unb mußte versprechen, fie nach Hause zu begleiten, ba der Freiherr Hans infolge einer Heinen Erkältung daS Zimmer hütete.

Im Stuhl bet Pfeileck» saß Rottraut heute zum ersten Mal; ein Gefühl heißen Danke» gegen ben Lenk« ihre» Geschicke» durchflutete ihre Seele. Glockenrein klang ihre Stimme unb leitete den Ge­sang ter Gemeinde.

Rach und nach fuhr das hübsche Dreigespann vor die Haus« ter Rachbarn, Fräulein Huldchen unb ihr „Schützling* entstiege« dem Wagen Ma« em­pfing sie meist fteundlich; auch bei den Frauen ge­wann Rolttaut allmählich festen Fuß, denn fie besaß die seltene Gabe, bi« Mensche« zu nehmen, wie sie finb, nicht, wie man fi« haben möchte. DI» Herren waren zum größten Teil entzückt von ihrer vornehmen Schönheit, unb bie Jugend beiderlei Geschlecht» schwärmte für bi« neue Kousine.

Auch nach dem Grafenhorst mußt» di» Herttn dq Pfeilburg selbstverständlich, da ja ihr erste» Erschein«, daselbst nur dem Familientage gegolten hatte. 61 fand ein Austausch d« Kütten statt — denn Hattw iß und seine Mutter waren zur Stadt gefahren, al» Rot­haut ihre Karte abgab, und al» dl« Gräfin und ihtz Sohn bald danach die Bifite «widettm, war Roß- traut ebenfalls nicht daheim. >

Die Handwecker hatten trotz d« vorgerückten Iah, reszeit mit ter inneren und äußeren Ausschmückung des Schlosses zu tun. Da» alte Gemäuer, da» vor» wildem Wein umwuchett war, wurde gehegt unb gw pflegt; das Schieferdach mußt» auSgebessett werte», ein tüchtiger Steinmetz meißelte das Pfeilecksche Wap­pen über das Portal, nachdem bie traurigen Heberreft« be» affen entfernt waren; eine neue rot and weiß« Fahne wehte von der Zinne, unb die Äartenanlage, wurden in Ordnung gebracht. DaS Inner« deS Hau­ses sollt» erst im Frühjahr ein« durchgreifenden Ren« uation unterzogen werden. Jetzt ordneten bie beide, Damen in den Zimmern die vielen wertvollen Kunst, schätze unb Erinnerungen, bie Rottraut von ihre, Künstterlausdahn mitgebracht. Die kostbaren armenh scheu Waffen und Teppiche auS dem russischen Kaiser­reich, bie schönen Felle und zatten Gewebe de» Orient! au» Sterben unb Süden, hatten dazu beitragen müfi je», daS Heim der „Gebrandmattten* zu verschöne». Die meisten dieser Dinge waren Geschenke ihrer Bo- wunderer; durch die Hauptstädte de» großen Kaiser­reichs hatte die Sängerin ihre Siegesvalme gttrag», bi» hinunter zu dem schönen leichrsmmgm Odessa, i, dem sich Paris und Wien, Pttersburg unb Londo, kosmopolitisch vereinen. Hi« besonder» hatte ma, den Liebling de» Publikum» förmlich auf Hände» getragen unb mit Geschenken überschüttet. E» wa, anfänglich nicht RottrautS — damals Lilian Edgo- rock» — Absicht gewesen, diese» letzte Jahr in Ruß­land zu bleiben; e» zog fie vielmehr nach Deutsch­land zurück Der glänzende pekuniäre Erfolg bei stimmte sie indes, ihre Pläne zu ändern; lag ihr doch vor altem daran, ein Vermögen zu erwerben. Jede, Konzett brachte ihr Lausende ein; von allen Seite, bestürmte man sie, zur Oper überzugehen, intern ma, ihr bte glänzende Karriere einer Lucca oder Sigrid. Amoldsen vorhersagte; doch diese verlockende jü* sicht vermochte die Freiin von Pfeileck nicht umz» stimmen, da sie sich auf der Bühne al» nicht hing» hörig betrachtete-

(Fottsetzuna folat)