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w-ch-nb-tt-sr: Illustrierte Sonntagrzeitung

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Lot««»»rdr»Sm» verlas der Fuldaer Rl> ßa***tti fa Sulb« Fenkfprecher Nr. 9.

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Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 28. Februar 1910.

Das Haus überwies die Borlagen betr. Auflösung deS Landkreises Mühlheim (Ruhr), Erweiterung des Landkreises Essen, der Stadtkreise Mühlheim, Ober­hausen und Effen an die verstärkte GcmeindekommWon. v Es folgte Fortsetzung der Beratung deS

Etats deS Ministeriums des Innern.

Auf Anfrage des Abg. Bartfcher (Ztr.) bemerkt „ Unterstaatssekretär Holtz, dem Landrat von Gelsen­kirchen würden die Geschäfte als PolizeiPiSfrdent von Bochum in absehbarer Zeit abgenommen werde».

Abg. Liebknecht (Soz.) beschwert sich über die Organisation der politischen Polizei in Posen, die eine provokatorische Tätigkeit entfaltete. Di« Bres­lauer Polizei habe ihre Beamten angewiesen, auf die antimilitärische Propaganda ein scharfes Auge zu Ha­chen. Man habe durch Bestechung Soldaten zu einem provokatorischen Vorgehen zu veranlassen gesucht. Dies hängt mit dem System der politischen Polizei zusammen. Wei den Straßendemonstralionen in Frankfurt a. M. hat die Polizei die Menge in unerhörter Weise provoziert. Ein mündige? Volk läßt sich auf di« Dauer das Recht auf die Straß« nicht nehmen, es weiß dieses Recht auch in der rechten Form zu üben. (Beifall bei den Sozialdemokraten.

Unterstaatssekretär Holtz bestreitet, daß di« Posener «e Polizei mit gefälschten Berichten arbeitet und iefgeheimnis verletzt. Herr Liebknecht wolle nur Agitationsstoff nach außen hin verwerten. (Sehr richtig! rechts.) Ueber die Frage der Straßendemon- strationen wollen wir uns nicht unterhalten. Die weiteren .Frankfurter Gerichtsverhandlungen rott bett zeigen, daß die Agitatoren und eig«>ttlichen Angreifer sich auch hier wieder hinter der Front befunden haben! (Lebhafte Zustimmung rechts.)

Abg. Grunenberg (Ztr.): Die Sozialdemokratie ftört durch chre verhetzende Agitatiou nur die Verhaud­ungen über die Wahlrechtsreform. Dec Redner for­dert dann im Zusammenhang mit der augekündigten Trennung der Gelsenkirchener Landrats- und der Lochumer Polizeipräsidialgeschäfte einen besonderen Politetpräsidenlen für die Stadt Bochum.

Abg. MüUrr - Berlin (frs. Vp.) beanstandet, daß Polizeihunde zur Verfolgung von Personen gebraucht werden dürften. ,

Minister des Jimern v. Moltke will die Bedenken ln Erwägung ziehen. .... u,

- Beim Titel „Landgendarmerte" treten die

Abgg. Hammer (f.\ Heine (ntl.), v Kardorff (freiE? «nd Müller-Berlin (fr. Vp.) für di« Gendarmen ein, ln deren Kreisen Zus ieS-nheit zu erhallen durchaus stotroendig sei.

Abg. Hirsch (Soz.) begründet einen Antrag feiner Kei, die politische Geheimpolizei adzuschaffen. Der itter habe selbst zugegeben, daß die Geheimpolizei ohne Spitzel nicht auskommen könne. Sie sprechen so viel von der preußischen Ehre! Durch die Bewilligung solcher Geheimfonds schänden Sie die Ehre Preußens!

Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner zur Ordnung. ,

«bq. Hirsch: Bewilligen Sie die Summe, so machen Eie sich muschuldig an den Beibrechen der Spitzet.

Mnister v. Moltke: Die Materie ist schon mehr­fach eingehend behandelt. Ich beziehe mich aus meine

1=6« drückung der polnischen Sokols und Jngendorgani- Lationen. . ~

Der Titel wird gegen die Stimmen der Freistumgen, «ölen und Sozialdemokraten genehmigt.

Beim Kapitel Strasanstallsverwaltunz bespricht der

Abg. Dr. Faßbender (Zentr.) die Fürsorge­erziehung und regt die Schaffung von sozialpSda- aogischen Seminaren an. Bedenklich sei die Beschäfti­gung der Zöglinge zu nur gewerblichen Zwecken, viel, wehr muffe der erzieherifch« Zweck über den Erwerbs­zweck gestellt werden. Die Fürsorgeerziehung auf ge­setzlicher Grundlage sei eine soziale Tat tat wahren ©inne des Wortes, die mit aller Kraft gefördert "^Abg"stcSbel (Soz.) bezeichnet das heutig« System zer Fürsorgeerziehuug als unzulänglich. __

Tin RegieruaaSverireter kündigt weitere Kurse zur Aasbildung deS Erzieherperfonals an.

Abg. Triarbor» (Zentr.) bespricht die Mißstände in den Wanderarbeitsstätten.

Darauf wird der Etat bewilligt.

Dienstag: Bergetat.

Deutsches Reich.

* Neber die preußische Wahlrechtsvorlage finden, wie der »Bert. Lokalanz." wissen will, zwischen Vertretern der konservativen, der freikonservativen und der national- liberalen Partei Verhandlungen statt, um für die 2. KommisstonSlesung des Gesetzentwurfes eine. Einigung dieser Parteien über weitere Abände- rungSanträge zu erzielen, denen auch das Zentrum zustimmen könne. Die Richtigkeit oder Unrichtig­keit der letzteren Vermutung kann man natürlich erst beurteilen, wenn der Inhalt der Anträge bekannt ist.

Mit der Beibehaltung der indirekten Wahl scheinen sich die Nationalliberalen, wie aus mehreren Kundgebungen ihrer Presse heroorgeht, befreunden zu wollen, wenn die Rechte daS Zu­geständnis macht, daß die Wahlmänner nicht dem Urwahlbezirk anzuaehören brauchen, sondern aus der ganzen Gemeinde genommen werden können.

*, Berlin, 28. Februar 1910. Der Kaiser besuchte Montag mittag den Reichskanzler. Später empfing er den persischen Gesandten in Audienz. — Wie berichtet wird, hat der Bürger­meister Kreplin von Lüderitzbucht gegen den Staatssekretär Dernburg die Beleidigungs­klage eiugereicht, weil er ibn mit dem Diaman­tenschwindel von Hoolop in Verbindung gebracht haben so!!. — Zwischen Deutschland und Schott­land sollen nach einer Vereinbarung zwischen den zuständigen Instanzen zum Zwecke der Förderung her Sprachkennlmsse noch in diesem Jahre Lehrerinne» ausgerauscht werden.

* Die Wahl des Reichstags - Präsidenten findet heute im Reichstage statt. Gewißheit herrscht über das Ergebnis noch immer nicht. Graf Schwerin - Löwitz hat unter Hinweis auf seine keineswegs kräftige Gesundheit, sowie auf die zahlreichen Aemter, die et bereits bekleidet, bis zur zwölften Stunde Bedenken gegen die lieber« nähme des Präsidentenpostens geäußert. Die Wahl kann daher leicht tleberraschungen bringen.

(♦) Graf Pofadswily über die innere Reichspolitik. Der frühere Staatssekretär des Innern, Graf Po- sadowsky, hat für die Münchener Zeitschrift ,März' einen Artikel veröffentlicht über die Schädi­gungen, die dem ReichSgedanken ans der Behand­lung der Frage der Schiffahrlsadgaben und des Gesetzentwurfes über die Wahlrechtsändermrg in Preußen erwüchsen. Dir Schifsahrlsahgabeu läßt Graf Poiadowsty zwar vom finanziellen Standpunkte gelten, vom wirtschaftlichen und poli­tischen aber bezeichnet er sie als zweifelhaft. Zur Wahlrechtsfrage tritt Graf Pofadowsly ent­schieden für das Reichstagswahlrecht ein und betont:

Auch Gegner des Reichstagswahlrechts müssen an­erkennen, baß unter der Herrschaft dleies Wahlrechts m Deutschland auf gesetzlichem und wirtschaftlichem Gebiete eine ungeheure Kulturarbeit geleistet ist, und daß die auf Grund dieses Wahlrechts gewählte Körper­schaft noch stets die Tstittel gewährt hat, welche zur Verteidigung unseres Vaterlandes zu Land und zu Wasser notwendig waren. Der Streitpunkt, der ün Winter 1906 zur Auflösung des Reichs­tages führt«, kann nicht als ein solcher betrachtet

werden, bei denen es sich ernsthaft um Berka- gung der Mittel zur nationalen Bertetbi- gnng gehandelt hat.

Hier hat Graf Posadowsky, der im Winter 1906 Staatssekretär des Innern und Stellvertreter deS Reichskanzlers war, die Unehrlichkeit der damaligen Hetze gegen das Zentrum, zweideutig bekannt. Diese chrltche Auffaffung deS Grafen Posadowsky war ja übrigens schon in jener Zeit kein Geheimnis, und gerade diesen Umstand nahm die Mißstimmung in der polftischen Umgebung deS Fürsten Bülow gegen bett kenntnisreichen und charaktervollen Staatssekretär zum Anlaß, um ihn als nicht ganzblockverlässig abzustempeln und darum seine Absägung zu verlangen und durchzusetzen. In seinen weiteren Ausführungen konstatiert ~®raf Posadowsky, daß ein zu starkes partikulares Selbst­bewußtsein nur geeignet ist, die vorhandenen Rei- bungsflächen zwischen den einzelnen Bundesstaaten zu vergrößern und daß der Widerhall, den solche Stimmungen im Ausland« finden, die Vertretung des Reichsgedankens erschwert. DaS gilt in gleicher Weife unzweifelhaft auch gegenüber der maßlosen Verhetzung unseres Volkes, derenfich die liberalen Parteien feit ihrer Niederlage vom vorigen Sommer wie die Sozialdemokratie schuldig machten, und die, wie es scheint, in der Wahlrechtssrage eine Neu­auflage erleben soll.

* Zum Stichwahlergebnis von Mülheim- Gummersbach bringt die .Köln. Volkszeitung' detaillierte Angaben, die den ziffermäßigen Nach­weis führen, daß das Zentrum seinen Sieg der eigenen Stärke verdankt. Die hohe Stimmen­zahl der Wahl vom 15. Februar ist nicht nur überall wieder erreicht, sondern fie ist, vor allem in den überwiegend "katholischen Orten noch ge­steigert worden, in einigen Orten sogar auf Kosten der sozialdemokratischen Stimmen, die dort zurückgegangen sind. Die Christlichsozialen haben einmütig die Parole für das Zentrum ausge- geben; von ihren 1135 Wählern in der Haupt­wahl haben indes kaum mehr als 450 Herrn Marr gewählt; seinen übrigen Stimmenzuwachs erhielt das Zentrum in den B^irken, in denen am 15. Februar für die Christlichsozialen Stimmen nicht abgegeben wurden, somit auS eigener Krast. Die Wahlparole der Liberalen war geradezu von kläglicher Wirkung. Für den Gesamtwahl- kreis lautete sie: Keine Stimme dem Zentrum, oder auf gift deutsch' wer zur Wahl gehen will, wähle rot." In mehreren Orten wurden von der Hauptparole abweichende Losungen ausgegeben. Und der Erfolg dieser „Strategie" ? Der sozial­demokratische Kandidat hat seine Stimmenzahl gegenüber der Haupiwahl um 2401 vermehrt; da die Liberalen bei der Hauptwahl 8462 Stimmen auf ihren Kandidaten vereinigten, sind somit 70—75 Prozent der liberalen Wähler zu Hause geblieben. Die Mülheimer Stichwahl hat gezeigt, daß das Gros der liberalen Wähler, entgegen dem Willen ihrer Führung, sich nicht völlig uneigennützig der Sozialdemokratie ver­schreibt. DaS tut höchstens der radikale Flügel unter den Jungliberalen. Auch ein politisches Geschäft besteht zum Schluffe aus Geben und Nehmen. Und weil in Mülheim die Sozial­demokratie, entgegen den Stadtverordnetenwahlen in Effen und Dortmund nichts geben konnten, ist der größte Teil der liberalen Wähler zu Hause geblieben.

)( Die RetchsversichrruugSordnuug soll am Sams­tag vom Bundesrat genehmigt worden sein. Es wird erwartet, daß fie dem Reichstage noch vor Ostern zugeht. Für ihre Erledigung hat der Reichstag eine Einrichtung in Aussicht genom­

men, He feier jeit bei der BeratungdeS Zolltarifs bereits einmal vorhanden war: Man will eit« besondere Kommission sür die Durcharbei­tung bet 1760 Paragraphen entsetzen und biefe, mit Diäte« ausgestattet, bett Sommer hin­durch tage« lasten. Sonst würde er unmöglich sein, die Vorlage im kommenden Winter zu verab­schieden. I« dieser Kommission würden sich na­türlich die berufensten Spezialisten ans diesem Ge­biete zusammenfinden. Es wird jetzt bestätigt, daß dieser Weg auch von der Regierung als der einzig mögliche für die schnelle Erledigung angesehen und darum gewünscht wird, weil der Reichstag im kom­menden Jahre bekanntlich Schluß machen muß und für die bis dahin nicht erledigten Sachen eine Ver­schleppung mn 3 bis 4 Jahr« unvermeidlich ist.

X Für die Schiffahrtsabgaben soll eine neue Form gefunden sein. Die bisher vorgeschlagene Form fand ja den schärfsten Widerstand der süd- und mitteldeutschen Einzelstaaten besonder- deshalb, weil danach eine Erhöhung der Abgaben nur zu leicht war und darum auch sicher erwarltt werden durfte. Unter den Einzelstaaten soll eine Vereinbarung über eine andere Form in Aussicht stehen. m

np Liberale Sttaßendemonstratione«. Die Ge­nossen Haden den Linksliberalen am Sonntag tu Berlin zu einem Erfolge verholfen. Sie stellten das Hanptkonttngent zu der großen Wahlrechtsversamm« lang, von der gestern kurz berichtet wurde. Die Rede» boten nichts Neues; was gegen das Wahl­recht an Gründen gellend zu machen ist, das alles ist ja schon so oft und in guter Form ausgesprochen worden, daß auch Prof. Lißt, Dr. Wiemer und die andern großen Geister deS Linksliberalismus es nicht besser auszusprechen vermochten. Dafür hatten die sämtlichen Redner fich aber um so bester mit Schlag­worten gewappnet. Dr. Wiemer erweckte bet der geistreichen Versammlung endlose stürmische Heiterkell und Beifallskundgebungen, als er erklärte: »Ich hoffe noch die Zett zu erleben, wo auch der -suttan an den König von Preußen ein Glückwunschtelegramm senden kann." Die nachfolgende .liberale" Straßen- demonstration in1 der Gegend deS Schlosses nahm die Polizei offenbar nicht sehr ernst. Man ließ fu nach Herzenlust schreien und Spektakel machen. Der Kaster soll selbst den Kundgebungen vom Schlöffe aus in aller Gemütsruhe zugeschaut haben.

❖ Militärische Krankenpflegerkurse. In diese« Tagen haben bei den meisten Truppenteilen mut» tärische Krankenträgerkurse ihren Anfang genommen. An dem Kursus nehme» von jedem Regiment einige Unteroffiziere und Soldaten teil. ES kommt auch häufig vor, daß sich Offiziere daran beteiligen, denen daran gelegen ist, im Kriegsfälle die not­wendigen Handgriffe zu verstehen. Die Ausbil­dung der betreffenben Mannschaften erstreckt sich auf alle diejenigen Maßnahmen, die im Felde zur ersten Hilfeleistung notwendig sind.

n. Würzburg, 28. Febr. 1910. Ein Partei» tag der bayerischen Demokraten, der bayerischen Gruppe der süddeutsch«! Volkspartey der hier am Sonntag stattsand, nahm eine Reso­lution gegen die preußische Wahlrechtsvorlage an. Mer Vereine zeigten sich der linksliberale» Fusion abgeneigt, worauf e- zu stürmischen De­batten kam.

= Köln, 28. Febr. 1910. Bekenntnis« Versammlungen der kathol." Arbeiter, die auf Veranlasstmg deS Verbandes katholischer Arbeitervereine an den letzten Sonntagen (relig. Sonntage) in verschiedenen Orten der Erzdiözese Köln stattfanden und denen weitere folgen wer» den, wurden gestern für den Bezirk Köln- Mülheim (Rhein) abgehallen. 20 Ver­sammlungen waren anberaumt worden. Die imposanteste war die für die Altstadt Köln und

^ebranbmarlU.

21]Roman von G. Freifrau von Schlippenbach.

Ihrem Wunsche gemäß wurden zweitausend Mark zur SBerbefferung der Lage der Dorfbewohner ver­wandt, und allmählich gewannen die verfallenen Hut Jen ein minder trauriges Aussehen, die Leute sahen gesunder aus und änderten ihre Meinung über die Tochter des .wilden Pfeileck", die so liebevoll für fie sorge. Die Irre wurde von einer Familie des Dor­fes in Pflege genommen und freundlich gepflegt, sie kichert« vergnügt vor sich hin und ihr verwahrlostes Aussehen begann einem menschlichen zu weichen.

Wenn Hartwig an seine Unterredung mit Rottraut dachte, so fühlte er zu seinem Aerger ein Gefühl der Hochachtung für das junge Wesen, das mutig und ent­schieden dagestanden hatte, sich auf ihre eigene Kraft stützend und dabei doch durch und durch Weib blei­bend. Das schöne, ernste Gesicht tauchte deuÜich in feiner Erinnerung aus und immer wieder hörte et die tiefe, weiche «stimme sagen: .Ich werbe arbeiten"

Ehe Rottraut die Pseilburg verlassen hatte, hatte sie einen herzlichen AbschirdSbrief nach dem gastfreie» Tte- senhall gesandt, in warmen Herzenstönen für die Liebe dankend, die man ihr entgegengebracht und um cm „Willkommen" bittend, wenn sie wiederkehre, um die Heimat nicht mehr zu verlassen.

Die Ankunft der gefeierten Sängerin war in der Stadt bekannt geworden und man erwartete fie mit Jubel. Tage lang vorher waren alle Plätze in dem großen Saal, in dem das Konzert stattfinden sollte, ausverkauft und man zahlte gern den dreifachen Preis, um noch einen Stuhl eingesch^ben zu erhalte«.

Im Palast des Prinzen Ferdinand rüstete man im linken Flügel eine Reihe von Zimmern für Miß Edgerock her. Die Gärtner brachten Blumen aller Art; das Prinzeßchen schlüpfte fortwährend hin und her und konnte es nicht schön genug sür den berühm­ten Gmt ihres Vaters haben.

Am Abend, an welchem das Konzert stattsinden sollte, kam Graf Vfeileck erst spät vom iDenft nach Hause Sein Bursch« teilte ihm mit, daß Miß Edge- rock mit dem Zuge um Vier Uhr angefnmmcu sei und der Prinz sie persönlich mit seinem Wagen abgeholt habe.

• .Schweig!" herrschte der Rittmeister den Diener an, .bringe mir das Essen herauf, ich bin hungrig und müde und gehe nicht hinunter."

Der Graf machte es fich bequem und beschloß, fich erst zum Beginn des Konzertes einzufinden.

„Wecke mich, wenn e8 Zett ist", befahl et dem Burschen, nachdem er gespeist hatte. Dann streckte er sich auf dem Dwan aus, und bald tierfünbeten seine tiefen Atemzüge, daß der junge Offizier fest einge­schlafen war.

Gottlieb, so hieß der biedere Pommer, der bei Hart­wig die Stelle eines Dieners vertrat, legte die Pa­radeuniform seines Herrn zurecht, den weißen, blau besetzten Waffen rock, die hohen Lockstiesel mit den sil­bernen Sporen, Pallasch und Helm, alles blitzblank geputzt, ferner alles, roaS noch zur Kleidung eines Kürassiers nn Regiment Prinz Adolf gehörte, dann ging er in den unteren Stock Die Neugier trieb ihn bin, er wollte doch auch etwas von der Vielbesproche­nen erschauen, die so wunderschön sein sollte, wie ihm der Leibjäger des Prinzen gesagt, der auf dem Bock gesessen, als sei« Herr die Sängerin von der Station abgeholt hatte. Der brave Gottlieb vergaß darüber die Stunde, in her et seinen Herrn wecken sollte; er starrte mit den runden, nicht allzu geistreichen Augen die elegant«, schön« Tarne an, der der Pern; ritterlich den Atm reicht«, als fie in ihrem weißen, mit ZobA verbrämten Mantel in dar Vorzimmer trat und die breite Treppe langsamen Schrittes hinabging.

.Donner und Blitz, hat die ein Paar Augen im Kops!" dachte er. .Wie Kohlen brennen sie, mein Herr wird sich gewiß in sie verlieben!"

Er plauderte noch einige Zett mit den Dienstboten, darüber schlug ti acht Uhr.

.Donnerwetter, ich habe vergessen, meinen Grafen zu waten I" ries her Buricbe und lief nun svorm'treicks

die Treppe empor, das Versäumte wieder einzuho- len.

Hartwig fuhr erschreckt aus tiesstem Schlafe auf und sprang auf die Füße. Er schaü seinen braven Pom­mer und machte eiligst Tollette, um nicht zu spät zn kommen, aber eS war doch bereits halb neun, ehe er fertig angekleidet war. Der große Spiegel warf daS Bild des stattlichen Küraffieroffiziers zurück, den der weiße Waffenrock vorzüglich Heibete; die schlanke, hohe Gestalt Hartwig's schien für diese Uniform tote ge­schaffen. Das von dunkelblondem, leichtgewellten Haar umrahmte, energische Gesicht hatte etwas Strenges, wenn der Atund geschlossen war; toenn er aber un­ter dem blonden Schnurrbart lächelte und die herr­lichen Zähne sich zeigten, dann gewannen auch die Augen einen strafenden Ausdruck und der sonst in ihnen liegende Ernst schwand gleich Wolken vor der Sonne.

SaS Konzert hatte bereits begonnen, als Graf Pfelleck aus dcm Wagen sprang. Er legte seinen Mantel ab; den Helm in der Hand wollte er eben in den Saal treten, als die Stimme der Sängerin an sein Ohr schlug und et wie festgewurzelt stehen blieb- ES war eine italienische SarraroTe voll versteckter Lei­denschaft. Tie Zuhörer lauschten atemlos. Bei dcm herrlichen Mt mit der reichen Klangfärbung rann ein Schauer über Hartwigs Rücken, er fühlte sich selt­sam erregt und gepackt. Wo hatte er diese wunderbare Stimme schon gehört? War es nur in seinen Träu­men gewesen?

Plötzlich wußte er c8: er sah die Tiefenhaller Kirche im Geiste plötzlich vor sich, et hörte die ergrei­fende süße Mädchenstimme vom Chor herab und er sah die in tiefe Trauer gekleidete Gestalt, bai bleiche, schöne Gesicht RottrautS von Pfelleck, das Kind des ManneS, t>en er und feine Sippe aus ihrer Mttte ver­stoßen hatten

DaS Lied war zu Ende, ein tauschender Applaus lohnte die Künstlerin. Hartwig öffnete die Tür und trat hastig ein. Dort auf dem erhöhten Podium stand eine aana in weiß gekleidete Gestalt und verneigte sich

mit anmutiger Freundlichkeit für den gespendete» Beifall.

Ja, Lilum Edgerock und Rottraut, Freiin von Pfelleck, waren ein und dieselbe Person. Wie tu einem Traum befangen stand der Gras da, er strich übet sein Gesicht — als et jetzt wieder hinüberschaute, war die weiße Erscheinung verschwunden. Er mußte sich wohl getäuscht haben, die Entfernung war zu weil die Helligkell in; Konzertsaal hatte ihn geblendet.

Sei» Amt als Adjutant des Pnnzen rief ihn an dessen Sette; er schritt, links und rechts grüßend, bi» gut ersten Reihe, wo sein Platz resewiert war. Prinz Ferdinand war nicht da, man teilte ihm mit, daß et nach dem italienischen Liede in das der Künstlerin zur Verfügung gestellte Zimmer gegangen sei.

Ein Klavierstück von einem mit Miß Edgerock rei­senden Virtuosen vorgetragen, folgte jetzt: aber ob­gleich das Spiel vortrefflich war, schenkte man ihm we­nig Aufmerksamkeit, man schien voll Ungeduld das Wiedererscheinen Lilians zu erwarten.

Der Prinz reichte ihr den Arm und führte sie zum Podium, ein Beifall sondergleichen begrüßte sie, die schon jetzt zum Liebling des Publikums erhoben war- Ihre dunklen Augen Irrten gleichgültig über die vielen Menschen, sie streifien auch Hartwig mtt dem­selben katten Blick, so daß er sich fragte, ob sie ihn erkannt habe. Er war damals in, Zivi!, als er in der Pfellburg mit ihr gesprochen; sollte sie nicht be­teil» seinen Namen gehört haben?

ES fiel allen auf, wie bleich Lilian Edgerock auS- sah, fast so weiß, wie das schwere Seidenkleid, da­chte königliche Gestalt in weißen, schimmernden gal­ten umfloß. Sie ahnten ja nicht, wie sehr sie in diesem Augenblick seelisch litt, wie ihre Lippen zitter­ten und ihr Herz wild pochte. Eben erst hatte sie durch ihren hohen Verehret erfahren, daß Hartwig noch sei» Adjutant sei und sie ihn heute abend sehen würde ES wat gut, daß sein Anblick ihr nicht unvorbereitet kam; sie sammelte sich gewaltsam, fit wußte, sie ver­stand sich zu beherrschen, wenn es auch in ihrem 3»» nern stürmte und wogte.

(Fortseüuno fnLtV