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Fnlda, Montaa den 28. Februar 1910
37. Jahrgang
jiS 41 ♦
Erstes Matt
mißmutig in den schwellenden türkischen Divan. Auch er fand einige Briefe vor, einen von seiner Mutter, einen vom Verwalter der Pfeilburg, eine Postkarte seines Onkels aus Tiefenhall und mehrere Schreibe« von Korukäufern, Pferdehändlern und anderen Leuten. Er las zuerst den Brief feiner Mutter, die ihm schrieb, daß Hu-'da bei chr sei und chr Gesellschaft leiste, daß beide ihn voll Ungeduld erwarteten und der Famllientag ihn doch gewiß heimführen werde; sie hoffe chn indes schon früher willkommen heißen zu können.
Der Brief der Verwalters melbete ihm, daß di« Ernte dieses Jahr auf der Pfeilburg sehr reichlich ausgefallen sei und da» Korn einen schönen Ertrag liefere. Dann berichtete er über einige- in der Wird schäft und erbat des Grafen Befehle in verschiedenen Dingen, die sich nicht gut schriftlich abmachen ließen
»Und ich kann nicht fort/ brummte Hartwig. »Hol der Teufel die ganze Mustt und die Sänger und die Sängerinnen dazu!' Der alte Freiherr bat ihn um einige Besorgung und schloß mit einigen herzliche« Worten und Grüßen von Fran und Tochter.
Seit der Unterredung des Grafen Pfeileck mit Rottraut waren zwei Jahre verstrichen; keine Kunde von dem jungen Mädchen war in die Heimat ge* drungen; es war, als sei sie verschollen. Fräulein Huldchen war nach RottrautS Abreise nach Gmfen- horst zurückgekehrt und lebte dort ihr beschauliches Dasein weiter. Als Rottraut ihr kurz mitgetilt, daß sie fortreise, hatte sie streng hinzugefügt: .Ich bitte Sie dringend, fragen Sie mich nichts und schweigen Sie darüber, wie Sie mich nach der Grafen Fortgehen fanden. Ich bin nervös, deShÄb weinte ich; rS wäre mir höchst ärgerlich, wenn andere eS erführen."
Und das alte Fräulein, die sonst gern ein wenig schwatzte, blieb beharUich.
Die Schuld an den jungen Stahlbach war bereits zu zwei Dritteln getilgt; ein Jahr noch, und es waren die sechztgtausend Mark bezahlt, und Rottraut hatte wenigsten- in einer Richtung die Erinnerung an ihren Vater rein gewaschen.
(Fortsetzung foIpPj
erscheint täglich mit Anrnahm« der So.m- «itd Feiertage, viertel- fährlicherveMrpreir ohne Sringerkohn und VestellgeldinZuldaso. »’it<m$wirt$1.50int
verantto. Redakteur: Carl Schütter
jKSS» w-ch-Eage: „Illustrierte SmntagrzeitMlg
Sie sprach englisch ebenso geläufig wie sran- zöstsch und beherrschte die deutsche Sprache ohne den leisesten, fremdländischen Akzent.
Alles das hatte Graf Pfeileck nach und nach von verschiedenen Seiten erfahren. Einige seiner Kameraden hatten die Sängerin in Konzerten gehött und mehr oder weniger ihr Herz an sie verloren. Zuletzt sprach Prinz Ferdinand begeistert von der Diva, die er bei seiner Anwesenheit in der Residenz kennen gelernt hatte.
»Man begreift nicht, weshalb Miß Edgerock nicht zur Bühne übergeht,' sagte er zu Pfeileck. .Die glänzendsten Engagements sind ihr von den Hoftheatern angeboten, und wahriich, sie würde eine herrliche Bühnengestalt abgeben. Sie schlägt derartige Anträge immer rund ab und zieht es vor. nur in Konzerten zu fingen, freilich ist der pekuniäre Erfolg dabei fast immer noch größer. Sie muß auf einer einzigen Reise große Summen verdienen. In Rußland, wo sie zuerst auftrat, zahlte man den Platz mtt unglaublich hohen Preisen.'
Hartwig hörte mehr aus Höflichkeit, als aus Neugier zu; es war ihm recht gleichgiltig, ob Miß Lilian Beifall fand oder nicht.
.Wann denken königliche Hohett mir Urlaub geben zu können,' fragte Hartwig, nachdem der Prinz eine Handbewegung gemacht, die ihm bedeutete, daß der Adjutant sich zurückziehen durfte
.Vor vierzehn Tagen nicht,' versetzte der Kommandeur. »Ich möchte Sie nicht entbehren, während Miß Edgerock hier ist; denn Sie müssen mir bei dem Fest helfen, ba» ich für die Künstlerin hier im Schloß zu geben gedenke.'
Graf Pfeil-ck verneigte sich ehrfurchtsvoll, obgleich er innerlich die Sängerin ins Pfefferiand wünschte. Er hatte gehofft, sofott nach dem Grafenhorst abreisen zu können- Run mußte er dieser langweiligen Engländerin wegen in der Stadt bleiben.
Hartwig war sonst die Selbstbeherrschung selbst, heute jedoch fühlte et eine zornige Erregung in sich; in seinem Zimmer angelangt, warf er ärgerlich den Säbel in eine Ecke und entledigte sich der hohen Reit- stiefel. Dann steckte er eine Zigarette an und warf sich
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Verlag der Fuldaer 8k>
Monatrbellage: „Fuldaer SeschichiMätter"
tzrebvcrndmclvkt.
20] Roman von G. Freifrau von Schlipp enbach
»Papa, mein lieber, guter Papa!' ruft ein helles Stimmchen über ihnen, und aufschauend ficht er die „kleine Hoheit' mit dem Taschentuch grüßen und dem Prinzen Kußhände zuwerfen. Auch er grüßt militärisch hiunuf und lächelt dazu.
Einige Minuten später steigen der Kommandeur und fein junger Adjutant die breite Treppe zur Wohnung des Prinzen empor, denn Graf Hartwig hat im oberen Stock seine besonderen Zimmer. Ju- -belnd fliegt Shlva dem lang entbehrten Vater um den HalS mid küßt ihn stürmisch, bann reicht sie Psnleck die Hand, die er lächelnd an die bärtigen Lippen zieht Auch die Fürstin wird in gleicher Weise begrüßt. * w
„9hm, mein Wildfang, da hast Du mich wieder', jagt Prinz Ferdinand, indem er den Arm um sein Töchterchen fegt, „ich habe mich recht nach Dir ge- skhnt.'
Sylvia wollte ibn sofort ganz in Beschlag nehmen, der Vater wehrte sich jedoch dagegen und meinte, et habe noch mit seinem Adjutanten verschiedener Dienst- liche zu besprechen.
„Immer der langweilige Dienst,' schmollte das verwöhnte Kind. „So beeile Dich wenigsten- recht, (Väterchen! Sonst sterbe ich vor Ungeduld, ich habe Dir so viel zu erzählen und will so viel von Dir i , Der Prinz nickte ihr freundlich zu, dann wandte er stch an Hartwig.
L »®hte, begleiten Sie mich nach meinem Schreib- -tnnner,' sagte er, „ich möchte die ein gelaufenen ”ncfe mit Ihnen durchsetzen, vielleicht befinden sich ^«runter solche, die auf den Dienst Bqug haben-'
Sie betraten das Schreibzimmer de» hohen Herrn, Wen äußerst behaglich auSgeftnttetcn Raum mtt schö- «r Oebiegenet Einrichtung. Hebet dem großen
hing ba3 Oelbild einer jungen, blonden £’■*' die mit «Ylva große Ähnlichkeit hatte: es
wat deren verstorbene Mutter. Der Prinz streifte dar Blld mtt einem innigen Blick, dann beugte er sich über den schön geschnitzten Schreibtisch und prüfte die angekommenen Briefe Et las sie flüchtig durch, reichte einige derselben Hartwig zur genaueren Durchsicht und beriet sich mit ihm darüber. Während sich Graf Pfeileck in das Schreiben eine» Lieferanten vertiefte, erbrach der Prinz da- letzte Kouvett und stieß einen freudigen Ausruf aus.
Pfeileck blickte auf und sah dar Gesicht seine- Chefs floh bewegt, daß er sich fragte, waS wohl bet Grund baut sei.
Er sollte es bald erfahren, denn bet Prinz teilte ihm mit, daß der Impresario bet Lilian Edgerock ihm meldete, er habe die berühmte Sängerin dazu bewogen, drei Konzerte in K. zu geben. Sie müsse K- auf ihrer Reise nach Petersburg und Moskau passieren und wolle es ihrem köniAichen Gönner, dem Prinzen Ferdinand, nicht abschlagen, einige Tage al« sein Gast in der Stadt zu weilen.
Eett fast zwei Jahren war bet Name der Künstlerin durch alle Residenzen Europas geflogen; voll Begeisterung rühmte man ihr herrliches Talent ihre warme, empstndungSreiche Altstimme, welche ihr die Herzen der Zuhöret im Sturme eroberte Das Heufeere Lilians entsprach der köstlichen Gottesgabe die sie in kurzer Zeit zum gefeierten Liebling des Publikums erhob; von etwas strenger, tiefbrünetter Schönheit, belebte sich das schwermütige Auge und ein hinreißende» Lächeln teilte die roten Lippen wenn sie in ihr« liebenswürdigen Weise an der fcb teren Plauderei der Gesellschaft teilnahm, deren Zierde sie durch ihren Geist und ihre vornehme Erscheinung Überall wurde
Sin gehetnmi-volleS Dunkel umhüllte ihre Herkunft. SS hieß, ste sei in Indien als die Tochter eine» Nnigldh« Prinzen und ein« indischen Fürstin geboten; andere wollten wissen, dafe sie das Kind ein« berühmt« Schauspielerin und eine- englischen Lord» wäre und dereinst eine reiche Erbin sein würde, wenn sich die verworrenen Familienverhältnisse ge^ klärt hätten und ste dm Ramm ihres BaterS öffentlich tragen dürfe
sie sich weder um die Staatsautorilät noch um das Wort des Königs gekümmert haben.
Adg. v. Böhlendorff (lonf.) wendet sich mit Ent- schiedenheit gegen die vom Vorredner sein« Partei gemachten Vorwurf. Sagen die Konservativen zu einer Vorlage einmal Ja, dann seien sie Ja-Brüder, sagen sie aber Nein, dann werden sie als Rebellen bezeichnet. Redner fordert dann, daß bei den Wahlen zum Kreistage die Grundsteuer wenigstens zur Hälfte angerechnet werde.
Abg. Dr. Wiemer (sreis. Vgg.): Zur Erklärung d« Tatsache, daß die höheren Berwaltungsbeamten ausschließlich aus den Reihen d« Konservativen genommen werden, wird angeführt, daß die konservative Partei die einzige fei, die jederzeit für die Wahrung der Staatsautorilät eingetreten fei. Zunächst war das bei der gegenwärtigen Situation dem Zentrum gegenüber eine Reine Unvorsichtigkeit. Wo blieb die Wahrung der Staatsauiorität bei der Beratung der Handelsverträge und vor allem bei der Finanzreform? Sie (zu den Konservativen) also find die „gottgewollte Etaatsautorität,' von der die Regierung abhängt! (Heiterkeit.)
Es wird ein Antrag auf Schluß der Debatte ange' nommen.
Zur Geschäftsordnung bemerkt der
Abg. Krawinkel (natl.): Zu den gestrigen Ausführungen des Abg. Granowski möchte ich folgendes bemerken: Es ist unrichtig, daß die Nationalliberalen in Gummersbach die Parole auSgegeben hätten: Gegen das Zentrum! Es ist lediglich die Parole ausgegeben worden, die Sache laufen zu lassen. Gleich- zettig wurde in der Versammlung das Vorgehen der Nationalliberalen in Mülheim einmütig mißbilligt.
Abg. v. Knrdorff (frf.): Ich nehme Kenntnis von der Erklärung des Grafen Praschma, daß der Erz- priester Schmidt kein Hoch auf Korfanty aufgebracht hat. Daß Herr v. Recznizek sich für die polnische Unterstützung bedankt hat, müssen wir bezweifeln.
Abg. Graf Praschina (Ztr.): Ich habe nicht bestritten, daß der Erzpriester Schmidt ein Hoch auf Korfanty ausgebracht hat, ich habe vielmehr gesagt, daß er das Hoch nur als Dank für die Unterstützung des Herrn Korfanty ausgebracht hat und darin den Spuren des Herrn v. Reeznizek gefolgt ist. Keinesfalls hat er das Hoch im Auftrag der Zentrum?- Partei ausgebracht. Der Freikonservative v. Recznlzek hat ja früher ebenfalls den Radikalpolen Korfanty und Kowalski für ihre Wahlhilfe schriftlich und mündlich gedankt.
Abg. v. Kardorff (frr.): Wenn der Erzpriester Schmidt also doch ein Hoch ausgebracht hat, so halte ich alle die Borwürfe aufrecht, die ich deswegen gegen die Zentrumspariei gerichtet habe.
Abg. Graf Praschma (Ztr.): Dann kann ich mit demselben Rechte dir Borwürfe gegen Herrn von Reeznizek und gegen die Freilonservativen ausrechterhalten.
Das Kapitel „Landräte' wird bewilligt.
Beim Kapitel „Polizeiverwaltung von Berlin' bemerkt
Abg. Dr. Liebknecht (Sozd.): Die Berliner Polizei steht mit dem russischen S p i tz e l t u m auf bestem Fuß. Beweis: Die Berliner Polizeiverwaltung hat im Jahre 1905 eine russische Lesehalle aufgehoben und einen Teil der Russen ausgewiesen. Damit schnitt sie sich aber ins eigene Fleisch, denn sie begab sich der Möglichkeit, die Russen fernerhin so gut zu kontrollieren, wie dies in der russischen Lesehalle möglich mar. Später wollte die Berliner Polizei, nachdem sie die begangene Dummheit eingesehen, die Russen veranlassen, wieder eine Lesehalle zu gründen, aber diese krochen nicht ans den Leim. Später ober wurde wieder eine Lesehalle gegründet, und es steht so ziemlich fest, daß diese russische Lesehalle im Einverständnis der Berliner Polizei von russischen Polizeispitzeln ins Leben gerufen wurde. Besser wäre es, die ganzen Spitzel zum Lande hinauszuwerfen.
Abg. F ßbendrr (Ztr.t fordert reichsgesetzliche Regelung lei Waffenhandels und Waffentragens.
Minister v. Moltkr: Ich bin ebenfalls der Ansicht, daß die Mißstände im Waffenhandel und Waffentragen nur durch Reichsgesetz aus 6er Wett geschafft werden können.
Montag: Rest der heutigen Tagesordnung und öeigetat
Im Frühjahr 1909 kam nun die Zeit der Bullenkörung (Heiterkeit), und da erging eine Verordnung de? Regierungspräsidenten, nach der mit Zustimmung des Bezirksausschüsse» dieKörordnung sür den betreffenden Kreis anfgehvben wurde. (Hört, hört!) Weil der Vorsitzende der Körkommisston nicht mit den anderen Mitgliedern der Kommission gleichstimmte, wird auf einmal die freie Kuhliebe im Kreise proklamiert. (Große Heiterkeit.) Zum Glück hat die freie Kuhliebe nicht lange gedauert, st« wurde bald wieder durch eine neue Körördnunä in die legitimen Bahnen zurückgeführt. (Große Heiterkeit.) Man hat sich schon über den Land- rat beschwert; und er ist wohl auch schon rektifiziert worden. Ich möchte nur hier meinem lebhaften Bedauern Ausdruck geben, daß die politische Anschauung derartig auf bett gesellschaftlichen und amtlichen Verkehr ausgedehnt wird. (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Wir werden uns ganz gewiß nicht über die prinzipiellen Fragen unserer Ostmarkenpolitik einig; aber wenn wir im übrigen da» gleiche Ziel verfolgen, zum Besten des Vaterlandes z« wirken, so sollten wir uns doch wenigstens darüber verständigen, daß derartige Verhetzungen unterbleiben. (Beifall im Ztr.)
Abg. v. Kardorf (frt.): Aus die hier zur Sprache gebrachte Angelegenheit will ich hier nicht eingehen. (Ma! im Hir.) 1908 hat das Zentrum in meinem Kreise eine Agitation entfaltet voll solcher Gehässigkeit, wie ich solches in meinem Leben noch nie gesehen. Da wurden die Wunden des Kulturkampfes mit Gewalt wieder aufgeriffen. (Zuruf aus dem Zenir.: Beweise! Langanhaltender Lärm.) Da wurde den Leuten gesagt, wenn sie iti-sst für den von Zentrum und Polen ausgestellten Kompromißkandidaten stimmten, würde ihren Kindern der Glaube aus dem Herzen gerissen. Nein, der Glaube wurde ihnen nicht aus dem Herzen gerissen, aber Sie (zmn Ztr.) reißen den Leuten die Vaterlandsliebe aus dem Herzen! (Lebh. Widerspruch im Ztr.) Das Zentrum hat mit einem solchen Maße von Unehrlichkeit und Verlogenheit gearbeitet, daß die Leute gar nicht mehr wußten, woran sie hielten. (Lärm und Widerspruch im Ztr.) Ja, Sie haben sogar die Wahl des Abg. Korfanty unterstützt, und der Erzprrestrr Schmidt bringt zum Dank für die Unterstützung des Zentrums durch die Polen im Auftrage der Zentrumspartei ein Hoch auf Korfanty aus. Der ganze Hintergrund Ihrer Politik ist nichts wie Mandatsschacher und Machthunger. (Lebh. Widerspruch im Ztr.) Wenn die Katholiken, die nicht auf die Zentrumspolitik schwärmen, von den Polen an die Wand gedrückt werden, so ist daS Ihnen egal. Und gerade ein einiges Zusammenstehen aller Deutschen ist angesichts der von den Polen betriebenen Bewegung dringend notwendig, andernfalls sind unsere ganzen Bemühungen und Erfolge der letzten Zeit verloren.
Abg. Graf Praschma (Ztr.): Ich muß meinem lebhaften Bedauern Ausdruck geben über die Art, wie der Abg. v. Kardorf die von mir behandelte Affäre aus em anderes Gebiet hinüberzuspielen verstanden hat. Ich überlasse es dem hohen Hause, darüber zu urteilen, inwieweit ich zu einer so heftigen Rede die Beran- lassung gegeben habe. Die Behauptung, daß wir den Abg. Korfanty unterstiitzt hätten, ist unrichtig. Auch die Behauptung, daß der Erzpriesier Schmidt im Auftrage der Zentrumspartei ein Hoch aus Herrn Korfanty ausgebracht habe, ist unrichtig. Er hat ihm lediglich dafür gedankt, daß auch die Polen das Zentrnm unterstützten. Wir sind darin nur den Spuren de- Parteifreundes des Herrn v. Kardorf gefolgt, des früheren Abg. Rzesnitzeck, der selbst einmal die Anhänger Korfanlys um ihre Wahl Hilfe an ging und sich nachher bet Herrn Korfanty bedankte. (Schallende Heiterkeit und Hört hört! im Ztr.) Dem friedlichen Zusammenarbeiten der Deutschen in der Ostmark zur Besserung der Verhältnisse wird aber durch derartige Anschuldigungen, wie sie Herr v. Kar- dorf hier vorgetragen hat, nicht gedient. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Lippmann (frelf. Bolksp.) polemisiert gegen die landrätliche Betätigung zugunsten der konservativen Partei. Wenn irgendwo ein Landratsamt zu besetzen sei, so sei der Mann von den Konservativen schon lange vorauSgesehen. Wie kommt es, daß einzelne Landratsämt« sich in derselben Familie forteiben ? Die Landrät« rekrutieren sich fast nut auS agrarischen Kreisen! Liberale Familien stellen keine Landräte, und mit den paar nationalliberalen Landräten wird auch bald aufgeräumt werden. (Heiterkeit.) Die Landräte sollen die Hüt« bet Staatsautorilät fein! Ganz und gar nicht! Ich erinnere nut an die Kanalvorlage, wo
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 26. Februar 1910.
Fortsetzung bet zweiten Beratung be5
Etats bei Ministeriums deS Innern.
Abg. Switala (Pole) führt Klage, baß bie Statt» besbeamten der polnischen Landesteile sich weigern, die weidlichenNamen mit derEndung „fa* in dasStandes- register einzutragen.
Minister v. Molrke erwidert, daß nach einer Kammergerichtsentscheidung verfahren werde, die dieses „ka" nicht zulasse.
Abg. Brots (Ztr.) bringt den Bensberger «Arger- meisierfall zur Sprache und bedauert, daß bei Besetzung der bett. Bütgetmeisterstelle Gemeinderat und iKreiSausschuß nicht befragt worden feien. Dafür werden durch die Landräle oft Personen als Bürger- meister eingesetzt, die nicht das Vertrauen der Gemeinden besitzen. Schließlich fordert Redner eine Reform der Bestimmungen über die Entennung bet rheinischen Landbürgermeister.
Ein Regirrungsvertreter antwortet, daß der Ober- ?Präsident in der Bensberger Angelegenheit korrekt ver- ahren sei. Die Reform bet rheinischen Landbürger« meifter-Ernennung solle bei der Frage der Land» gemeindeordnung zur Sprache gebracht werden.
Abg. v. Gotzler (kons.): Ich muß der Behauptung .entgegentreten, als ob die Landräte verflichtet seien, ;eine einseitige konservative Politik zu treiben. Gewiß soll bet Landrat sich nicht in extremer Weise politisch ■ betätigen, aber man darf es ihm doch nicht verwehren, (gelegentlich einmal einen Wahlaufruf zu unterzeichnen jeder seine Ansicht über den Wert oder Unwert wirt- fchastspolitischer Anschauungen der Freisinnige» zu (äußern. Den Referendar möchte ich sehen, bet bes- halb von der Verwaltung abgewiesen wurde, weil sein Vater liberal wat! Man lege uns solch' ein Exemplar auf beit Tisch des Hauses! (Heiterkeit, Zuruf des Abg. Dr. Müller: Wollen wir machen! Erneute Heiterkeit.) Aufgabe der Verwaltungsbeamten ist in erst« Reihe die Wahrung der Staatsautori» tä t. Diese ober wird allein von der konservativen Partei rückhaltlos verteidigt — allenfalls, aber nut ^teilweise, auch vom Zentrum. (Beifall rechts.) Was Wunder, daß die Regierung sich da der Partei der Staatsautorilät anschließt und nicht den Parteien, die immer für ein aufgeklärtes, modernes Sichausleben des Einzelnen eintreten? (Lebhafter Beifall rechts.) Der Minister bestreitet mit gutem Recht die Existenz eines konservativen Parteiregiments. Wit treten für die Landräte ein, nicht weil sie konservativ sind, sondern weil wir sie für den Bestand des preußischen Staates als unentbehrlich ansehen. (Lebhafter Beifall rechts.)
Abg. Graf Praschma (Ztr.): Ich will Ihnen eine kleine komische Geschichte erzählen, die noch den Vorzug hat, wahr zu sein. Ein Rittergutsbesitzer kam aus dem Westen zu uns nach dem Osten und zeichnete sich durch seine wirtschaftliche Tüchtigkeit, durch sein flanges Auftreten aus, sodaß et bald eine recht ange» ehene gesellschaftliche Stellung einnahm, und in ver- chiedenen kommunalen Aemtern war. Unter anderem war er auch Vorsitzender der BullenlörunaSkommission. (Heiterkeit.) Bei der Landtagswahl entschied er sich für das Zentrum, das mit den P o l e n ein Kompromiß abgeschlossen hatte. An der Agitation beteiligte er sich nicht im geringsten. Bald nachher bekam er die Mit« teilrnj, daß die Mitglieder der Bullenkörkommiflwn ihre Aemtet niebergelegt hätte», weil sie nach ber Abstimmung des Vorsitzenden der Bullenkörkommis- sionbeiderLandtagswahl ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit ihm für ausgeschlossen hielten, weil man mit • diesem Mann zusammen nicht mehr Bullen kören könnte (Heiterkeit), und man forderte ihn auf, fein Amt nieder zulegen. Inzwischen bekam er ein Schreiben von der Landwirtschaftskammer durch den Landrat. Hier hatte der Landtat das „etgebenst' dick dutchstrichen. (Hört, hört! im Ztr.) Wettet bekam er ein Schreiben vom Landrat, et möchte, um allen Mißvetständniflen vorzubeugen, fein Ausscheiden aus sämtlichen Kreisämtern wegen bet Wahl im Interesse bes Kreises anzeigen. (Hört, hört! L Ztr.)
Deutscher Reich.
*♦ Die Reichstagsstichwahl in Mülheim« Gummersbach.
Bei der Reichstagsstichwahl im Wahlkreis« Mülheim-Wipperfürl^GummerSbach erhielt am Samstag Oberlandesgerichtsrat Dr. Marx (Zentrum) 21496 Stimmen und Schriftsteller Dr. Erdmann (Sozialdemokrat) 13 382 Stimmen. Dr. Marx ist somit gewählt.
Bei der Hauptwahl am 14. Februar waren 10 924 sozialdemokratische, 8465 nationalliberale, 1127 christlichsoziale und 20376 Zentrums- stimme» abgegeben worden. Bei der Stichwahl scheinen nur die Christlichsozialen entsprechend ihrer Wahlparole für den Zentrumskandidalen gestimmt zu haben. Die Nationalliberalen hatte» bekanntlich die Parole ouSgegeben: „Freiheit der Stimmabgabe! Dem Zentrum keine Stimme!* Nuno zweieinhalb Tausend haben das so verstanden, wie es von den Führern gemeint war, und haben dem Sozialdemokraten ihre Stimme gegeben. Das bat den Sieg deS Zentrums jedoch nicht hindern können. Der Zentrumskandidat wurde mit starker Mehrheit gewählt.
DaS Wahlergebnis ist für unS hocherfreulich, die Gegner haben alle Mittel angewandt, de» Zentrumslurm niederzuzwingen, es ist ihm nickt gelungen, sie haben sich nur die Köpfe blutig gerannt. Der Wahlkreis bleibt dem Zentrum. Der Besitz ist in einem wilden Kampf gefestigt worden. In hunderten von Versammlunge»
haben die Gegner den Zentrumsturm bestürmt und einen Flugblattregen niedergehen lassen. .« Alle Register einer gehässigen Kampfesarl haben sie spielen lassen. Asses vergebens, dank der Aufklärung fettens der Parteileitung und dank der Ueoerzeugungstreur der Zentrumswähler! DaS große, vom ganzen Reiche beobachtete Schauspiel hat von neuem die Wahrheit deS Verses erhärtet: Fester nach jedem Sturm Steht unser Zentrumsturm!
Dis Hauptwahl war symptomatisch dadurch, daß Liberalismus und Sozialdemokratie dre Plätze tauschten und die Sozialdemokratie 2rA Tausend Stimmen verhetzter liberaler Wähler eiristreichen konnte. In der Stichwahl haben die Liberalen den Sozialdemokraten weitere 2Vt Tausend Wähler zugeführt, von denen sicher viele bei der nächsten Wahl den Weg zurück z« Den Liberalen nicht finden werden. So bedeutet die Nachwahl eine Katastrophe für den Liberalismus.
Die hessische Ministerkrisis.
cP Darmstadt, 27. Febr. 1910. Wie bereits telegraphisch gemeldet wurde, hat Finanzminifter Dr. Gnauth dem Grvfeherzog sein Mmisterportefeuille zur Verfügung gestellt. Ein anderer AuSgang in dem Konflikt mit dem Finanzausschuß der Ersten Kamm« war nach Lage der Dinge nicht möglich, nachdem d« Minister ttotz des energischen Widerspruchs der Stan» desherren und der offenkundigen Abneigung auch zahlreicher Mitglieder der Zweiten Kammer, sich mtt ein« weitgehenden Schuldentilgung im Sinne der Regierungsv orschläge zu beftennden, auf der Verabschiedung des Schuldentilgungsgesetzes beharrte. Di« beiden anderen Minister erflärten sich nicht soweit mtt Dr. Gnauth solidarisch, daß sie für ihre Person die gleichen Konsequenzen zogen, was im Interesse ein« friedlichen Lösung der Krisis nur lebhaft zu begrüße» ist.