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uldaer W Zeitung

Monatsbeilage: „Fuldaer Geschlchkblötter"

^ulda, Freitag den 25. Februar 1910

üva 45.

37. Jahrgang

Er stes Wlcrtt

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Rotaflonsbrudnnb Verla, bet LuibaerA« tlrubruLerei ht Lulba LenlsprecherM.y.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 24. Februar 1910. Fortsetzung der zweiten Beratung über den Etat de» Inneren.

Preußischer Landtag.

Ahge«rdnete»han».

Sitzung vom 24. Februar 1910.

Forfetzung der ^weiten Beratung über den

Mat de» Minifterinm» de» Innern

». Grasv. Mvltke sretkoas.): Auch meine Partei e* a*f# lebhafte»« verxvtiflet, wenn Religtons- Aelellichaften reringlmryft und beschimpft werden.

Ausland.

r Die liberale Partei in Spanien, die jetzt die Regierung führt, hat sich in drei Teile ge­teilt. Damit verurteilt sie sich zur Ohnmacht, und Maura dürfte wohl unter solchen Umständen seine Zeit bald wieder für gekommen erachte». AnderfeiiS heißt eS jetzt wieder, der König habe dem Ministerpräsidenten da« Dekret der Auf­lösung der CorteS übergeben; doch werde eS erst in 10—12 Tagen veröffentlicht werden. Daß Dekret werde die letzten Bedenken jener Liberalen beseitigen, die noch zögern, sich dem Minister- präsisenten anzuschließen.

)( Die Wahlrechtsvorlage in -er Kommission.

Die Wahlrechrsvorlage wurde am Donnerstag in der Kommission des Abgeordnetenhauses in erster Lesu g erledigt.

In der Hauptsache drehte sich die Verhandlung um den freisinnigen Antrag auf Einführung der geheimen Wahl, auch für die Wahl der Abgeord- neten durch die Wahlmänner. Wie schon nach den Verhandlungen der vorigen Sitzung zu er­warten war, wurde der Antrag abgelehnt, so­mit die Oeffentlichkeit der Wahl beibehalten

Der Zentrumsredner begründete sein Eintreten für dte öffentliche Wahl damit, daß die Urwähler imstande sein müßten, kontrollieren zu können, ob die Wahlmänner auch in dem Sinne wählten, in dem sie sich verpflichtet hätten. ES sei ja bebauet, "ch- daß man für die geheime Wahl der Wahl, mannet die indirekte Wahl der Abgeordneten iw den Kauf nehmen müffe. Die geheime Wahl der Wahl- mannet ser aber so wichtig, daß man diese unter allen Umständen zu erreichen suchen müsse Uebrigens, wer sich als Wahlmann aufstellen lasse bekenne sich dadurch doch schon als Vertreter einer bestimmten Partei. Ihm mache es also nichts auS nachher öffentlich feine Stimme abzugeben. Wenn die Wahl der Abgeordneten geheim wäre, könne man gar nicht kontrollieren, ob ein zwischen zwei Parteien «^geschlossener Kompromiß von den Wahl, männern auch durchgesührt werde, und Berdächti. gungen der Wahlmänner wäre Tür und Tor geöffnet.

Bei der Abstimmung wurde der freisinnige An- trag gegen die Stimmen der Nationalliberalen Freisinnigen, Sozialdemokraten und Polen, und zwar mit 19 gegen 9 Stimmen abgelehnt. ES bleibt also beider öffentlichen Wahl der Ab. geordneten durch die geheimgewählten Wahlmänner.

Die übrigen Bestimmungen der Vorlage wurden unter entsprechender Einfügung bet durch die Bei. behaUung der indirekten Wahl notwendigen Aende- rungen angenommen. Die zweite Lesung soll Donnerstag den 8. März stattfinden.

Auch die freifinnigen Blätter schelten, toenn auch mit etwas geringerer Grobheit. Die freikonservative .Post"' schlägt tu eine ähnliche Kerbe, fie wittert allerhand Ränke und meint, das Zentrum habe den Konservati» ven da» WahlrechtSkompromitz nut vorgeschlagen, um ihnen die Verwerfung der Vorlage im ganzen zu er­möglichen, ohne daß da» Zentmm direkt dazu mit» wirke. Durch die Beibehaltung der indirekten Wohl solle den Anhängern deS gleichen und bireften Wahl­rechts, also Freisinnigen, Sozialdemokraten und Po- len, die Möglichkeit, für die umgemodelte Vorlage zu stimmen, genommen und solle so bei der Schlußabstim- mung eine Majorität aus Konservativen, Fretflnni- gen, Sozialdemokraten und Polen gegen die ganze Vorlage zusammengeführt werden. Da» Zentrum würde dann bei der Ablehnung unbeteiligt sein und natürlich erklären, daß e» sein möglichstes für die Durchsetzung der geheimen Wahl getan. So etwa» mag Politik nach dem Rezepte eines Freiherm von Zedlitz sein, das Zentrum kennt solche Schleich­wege nicht-

Den Leuten, die gegen daS Zentmm Hetzen, kann man kurz und einfach antworten: Wozu der Lärm? Wollt ihr die geheime Wahl haben, so müßt ihr dem Vorgehen der KommisstonSmehrhett Verständnis ent» gegenbringen; denn es gibt kein anderes Mit- tel, um in absehbarer Zeit das WahlgeheimniS zu erreichen. Wenn ihr trotz dieser klaren Sachlage weiter schimpft und poltert, so wollt ihr überhaupt keinen Fortschritt, sondern nur Agitation.

Es ist nicht bloß eine Unwahrheit, sondern eine bewußte Lüge, wenn in den fraglichen Entrüstungs­artikeln frech behauptet wird, die geheime Wahl sei so wie so bereits gesichert gewesen Ein bodenloser Schwindell Es lag nichts weiter vor, als die Mög­lichkeit, daß im Abgeordnetenhause eine knappe Mehrheit die geheime Wahl beschlösse, — nämlich unter der Voraussetzung, daß die nationalliberale Partei bis zum Schlüsse bei der Stange bleiben würde. Aber mit einem solchen Beschluß wäre nichts gewonnen und nichts gesichert. Erstens würde die Regiemng nach wie vor für die öffentliche Stimmab­gabe eintreten, und zweitens würden die Konserva­tiven, die im Abgeordnetenhause überstimmt wären, im H e r r e n h a u s e die geheime Wahl unbedingt wieder zu Fall bringen. Dort steckt ble Gefahr, mit der jeder praktische Politiker rechnen muß.

Wie kann man das Herrenhaus zur Nachgiebigkeit im Puntte der geheimen Wahl bewegen? Durch Straßendemonsttationen am allerwenigsten. Durch Druck von oben auch nicht, weil die Regierung selbst ja gegen die geheime Wahl sich erklätt hat. Es bleibt nur ein Mittel übrig: wenn die konservative Frak- tton des Abgeordnetenhauses für die ge­heime Wahl gewonnen würde, so könnte man hoffen, daß ihre Parteigenossen im Herrenhause sich das Zugeständnis gefallen lassen würden. Nun gut: die Konservativen im Abgeordnetenhause zeigen sich geneigt, die geheime Abstimmung bei den Urwahlen zu bewilligen, wenn ihnen die Beibehaltung der in­direkten Wahl zugestanden wird. Da eröffnet sich also ein Weg zu dem Ziele deS Wahlgeheimnisses.

Müssen nicht unsere Freunde im Abgeordneten- hause einen Versuch machen, ob sich auf diesem Wege ein wertvoller Fottschritt im Interesse des Vol­ke» erreichen läßt? Gelingt der Versuch, dann ist die wesentliche Besserung erzielt, daß die Ur­wähler ohne Bedrängnis von oben oder von unten durch verdeckte Stimmzettel die Wahlmänner ernen­nen können, bei deren Wahl sie bisher der Kontrolle ausgesetzt waren.

Beamten Freisahrtscheine einzufahren, überwiegend einen ablehnenden Standpunkt ein, weil di« Kontrolle und Verrechnung zu schwierig sei.

» Da» Hausarbeitsgesetz wurde am Donnerstag in der zuständigen Reichstagskommission in Angriff genommen. Die Regierung beantwortete die Frage, ob kleine selbständige Handwerker, die nur sich und ihre Familie beschäftigen, unter bal Gesetz fallen, mit ja, sofern diese Bettnebe Gefahren für sich und daS Publikum mit sich bringen. Di« Beratung führte noch zu keinem Beschlüsse.

* Wer ist „®ermanieu3"? Der Verfasser der Broschüre .Fürst Bülow und seine Zeit', die am Mittwoch im Abgeordnetenhaus« vom Abg. Bell fürchterlich zerzauste Schmähschrift, hat bekanntlich seinen wahren Namen hinter dem Pseudonym „Germaniens' versteckt. In Berliner politischen Kreisen wird der Name des Urhebers dieser Bro­schüre offen genannt: Herr Dr. Stephan Neu­mann, Redakteur der — Täglischen Rund- chau. DaS sagt alles.

* Mühlheim (Rhein), 24. Febr. 1910. Wie der 4?. Vzt/ mitgeteilt wird, wurden für die Stich« wahlparoledeS liberalen Wahlausschüsse;: „Keine Stimme dem Zentrum t' in der liberalen Vertrauens« männerversamrnlung 268 Stimmen abgegeben, nur 38 der Anwesenden erklärten sich dagegen. Der Jungliberalismus hat also mit starker Mehrheit seinen Willen durchgesetzt. — In Gummersbach haben die Lieberalen sogar unter dem Einfluß der Zentrumshetze beschloffen, die Stimmabgabe für den sozialdemokratischen Kandidaten zu empfehlen.

* Meiningen, 24. Febr. 1910. Der Landtag nahm die probeweise Einführung der Ver­mögenssteuer gegen die sozialdemokratisch:» Stimmen an.

* Straßburg, 24. Febr. 1910. Im Lan- deSauSschuß brachten sämtliche Abgeordnete einen Antrag ein, worin die Regierung ersucht wird, Elsaß »Lothringen zu einem selbstän­digen Bundesstaat zu erheben und als sol­chen den anderen Bundesstaaten völlig gleichzu stellen. Staatssekretär Zorn vonBulach er­klärte, die Regierung sei ernstlich bestrebt, den Ausbau der Verfassung zu fördern, um dem Lande eine größere Selbständigkeit zu sichern. Die zuständigen Stellen erwögen die Frage seit langem und man könne hoffen, daß die Ange­legenheit bald zur Entscheidung kommen werde.

(tl Die BeisetzungSfeier für den Grafen Stolberg.

Die Leiche des Reichstagspräsidenten Grasen Stolberg wurde gestern auf seinem Familiengut Dönhofstädt beigesesetzt. Als Vertreter des Kai­sers war der kommandierende General des 17. Armeekorps v. Mackensen erschienen. Mit dem Vizepräsidenten des Reichstags, Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburg, waren etwa 15 Mitglieder aller Fraktionen gekommen, um dem Verblichene» die letzte Ehre zu erweisen.

Ueber den „schwarzen Block', der sich auf in- direkte Wahl mit geheimer Stimmabgabe aeeiniat hat, schimpft die Preff« der Linken wi, rin gaS Regiment von Rohrspatzen. D« ,Vorwärts-kamrS natürlich am besten, er schreit fich heißer übe, die neue „Zeutrumsverräterei', ,Non plus ultra nieder- trächtigster Wahlrechtsverrätraei", „infamer Kuh- handel'; er tobt: die geheime Wahl werd« durch die indirekte Wahl .verhunzt und entwertet', »erde nichts als eine „erbärmliche Schrinkonzeffion', er- mögliche .jede terroristische Vergewaltigung. .Es gilt mit den Wahlrechts Verrätern unerbittUche Ab­rechnung zu hatten; nieder mit dem preußischen Schnapsblock, dem Antiwühlrechtsblock!' Heber solch öde und blöde Schimpfereien kann man mit Gleichmut hinweggehen; fie beweisen nur, daß man wn sachliche Argumente vrrleaeu ist.

Deutscher Reich.

r Berlin, 24. Febr. 1910. Graf Nehren- thal hatte nach 5 Uhr wiederum eine Konferenz mit dem Reichskanzler. Die Abreise erfolgte abends. — Der Großherzog von Oldenburg ist Donnerstag mittag zur Besichtigung der Guß- stahlfabrik Krupp in Esten eingetroffen.

* Wer wird von Stolbergs Nachfolger? Verschiedene Blätter wollen wissen, eS stehe noch gar nicht fest, daß der konservative Abg. Graf Schwerin-LöwitzPräsident deSReichstage» wird. Graf Schwerin solle sich, waS bei seiner schwächlichen Gesundhett auch begreiflich wäre, nur zur Funktion des AuShilfS-Präfidenten be- reit erklärt haben. Die Konservativen dächten für den Posten des Präsidenten an zwei andere Männer, an den Abgeordneten für Ruppm- Templin, Justizral und Rittergutsbesitzer Diet­rich, und an den Grafen Finck von Fincken- st e i n, Vertreter des Wahlkreises Rosen berg« Löbau.

b Di« Budgetkommistwn des Reichstages beschäs- tiflte sich am Donnerstag mit einer Reihe technischer Marinefragen. Eingehend unterhielt man sich über die Frage, ob Schwimmdock- oder Trockendocks einzurichten seien. Allgemein herrschte Genugtuung darüber, daß die Begeisterung der Regierung für die teuren Trockendocks zugunsten der Schwimm- d«8 geschwunden sei. Gegenüber den Bedenken über die Festigkeit der Insel Helgoland erklärt« der RegiernngSvertreter, die Insel bröckele nut an weichen Stellen an der Luvsette ab. Sin Abbröckeln der eigentlichen Insel sei unmöglich.

r Die Penßonsvevsicherung der Privatan« gepellten ist um einen bedeutsamen Schritt vor­wärts gekommen. Der Vorsitzende des Haupt- auSschuffes ersuhr vom Staatssekretär Dr. Del- brück, daß der Gesetzentwurf in Arbeit ist, nur kann der Zeitpunkt der Ausgabe der Gesetzes­vorlage noch nicht bestimmt «erden. Haupt- Schlich scheinen die Finanzfrage, die rechtliche Gestaltung und die Verwaltung der neuen Kaffe Schwierigkeiten zu bereiten.

X DaS Beamten-Reisekostengesetz ist in der Zuständigen Kommission deS Abgeordnetenhauses in Beratung genommen worden. Die Kommission nahm gegenüber der Anreguna. für die beteiligten

rinerlei von welch« Seite diese Beschimpfungen kommen, Det Kritik des Herrn v. Pappenheim vom gestrigen Tage schließe» wir uns vollinhaltlich an, und bedauern gleichfalls die Unvorsichtigkeit deS Minister» in der GermanikuS-Broschüre. Was die gestrigen Ausfüh- tunge t des Herrn Dr. Liebknecht anlangt, so kann ich Herrn Liebknecht nur sagen, daß er ein Taschenspieler ist. Mit der sozialdemokratischen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat es so sein eigenes Bewenden, Freiheit und Gleichheit nur für sich und indezug aus die Brüderlichkeit hatten sie es mit dem Wort: „Und roiflft Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein.'

Abg. Gaffel ffreis. Volksp.): Wenn der Minister- Präsident bestritten hat, daß wir in Preußen keine Parteiregienmg haben, so steht diese Behauptung mit den Tatsachen aus gespanntem Fuße. Es ist nicht ab­zuleugnen, daß wir in Preußen ein konservatives Parteiregiment haben, und daß sich der konser­vative Einfluß ht den Verwaltungen geltend macht. Die anderen, die mchtkonservativen Pattei en, werden in der Verfolgung ihrer Ziele überall gehindert und den konservatwen die Bahn geebnet Ja di« Kreis, blattpreffe legt sich eifrig für die Konservativen in'» Zeug. Kollege Bell hat gestern erklärt, daß die libe­ralen Stadtverordneten von Krefeld durch Abschiebung einer großen Anzahl von Wählern aus der zweiten in die dritte Wahlklasse bestrebt seien- auf dem Gipse! ihrer Macht zu bleiben. Ich daff erklären, daß wir derartigen Manipulationen vollständig sernsiehen und alle Bestrebungen mißbilligen, die geeignet sind, das Wahlrecht noch ungleicher zu machen. Was die sozialdemokratffchen Behauptungen bezüglich der blutigen Affäre in Frankfurt a. M. betrifft, so kann ich da nach unparteiischen Blättermeldungen sagen, daß nicht die Polizei dort angegriffen hat, sondern daß e» die von der Sozialdemokratie verhetzten Massen waren, die mit Stockd egen, Messern, Revolver »sw. bewaffnet waren und sich außerdem gestoßenen Pfesser mitgebracht hatten, um ihn den Polizisten in die Augen zu streuen. Wozu alles das, wenn man nur friedlich demonstrieren wollte? Redner fordert schließlich Be­schleunigung bet Berwaltungsreform.

Minister deS Innern ». Moltke: Die ® er mal» tungsreform ist eine überaus schwierige und um­fangreiche Materie. Ich hoffe aber bald mit posstliven Vorschlägen kommen zu können.

Abg. Switala (Pole) kommt auf das Verbot der Abhaltung einer polnischen Versammlung bei der letzten Katholikenversammlung zurück und bezeichnet das Verbot als ein, Ungerechtigkeit Scdann verbreitet sich der Redner über die schikanöse Anwen­dung des Bereinsgesetzes auf die Polen. Es ist schon so weit gekommen, daß die Polizei Schlösser sprengt und Türen einrennt, um in geschloffene Ver­sammlungen hineinzukommen. Wenn die Polen trotz­dem vernünftig blieben und sich nicht zur Unbesonnen­bett provozieren ließen, so sei das nicht Verdienst der Polizei, sondern eS fei der politischen Besonnenheit der Polen zuzuschrriben.

Ein Regierungsvertreter weist die Beschwerden deS Vorredners alS ungerechtfertigt zurück bis auf eine, in dem der Minist« Redemur geschaffen habe.

Freitag: Fortsetzung.

Abg. tiuruvito (fr,. Vp.>: Die vorn Zentrum an­geregte Potemtt gegen den Hanjndund gehört nicht hieryrn. Vom Etaaissekrct ir hätte ich gern einiges über feine Stellungnahme zu den Schiffahrrsabgaben gebär:. Die Resolution des Zentrums betreffend das vtelcyskarlellgesetz werden wir ablehnen, weil wir ein folche» Borgehen nicht nur für schädlich, sondern auch ür praktisch undurchführbar hallen.

Adg. Hoch (So*.) tritt für eine Gesetzgebung gegen die Kattelle ein. Da» einzige Mittel, die Syndikate und Kartelle auSzurnerzen, sei die Berstaattichung. Zu Bebauern sei, daß der Staatssekretär mit keinem Worte auf die Arbeiterfrage eingegangen fei Darin liege «ine Mißachtung bei Arbeiter.

Staatssekretär Dr. Delbrück: Ich habe am Frei­tag ausdrücklich erklätt, baß ich über bie Sozial­politik im Laufe bet Debatte mich äußern werde. Da heute bie Generaldebatte zu Ende geht, will ich daher auf einzelne Fragen eingehend Ich bin stet» be» ■ flieht, an bie sozialen Aufgaben heranzutreten, ab« fwährenb bie Sozialdemokratie von uns einen Sprung ;in das Dunkle verlangt, muß bie Regierung ihre Maß­nahmen genau überlegen. Sie kann nicht bie Jn- terefien ein« einzelnen Klaffe ausschließlich vettrelen. Der Reichstag hak sich seit seinem Zusammentritt fast in jeb« Woche mit sozialpolitischen Aufgaben befaßt Wir Haden Ihnen vorgelegt da» Gesetz über die Stellenvermittelung, das Ardeitskammer- gesetz, bas Hausarbeitsgesetz unb die Novelle »ur Gewerbeordnung. Da kann man doch nicht sagen, daß bie jetzige Regierung unb speziell ich kein Verständnis für sozialpolitische Fragen hätten. Außer b:esen Gesetzen beschäftigen uns noch eine ganze Reihe von Fragen, beten Lösung noch nicht gefunben ist. Wit werden uns ab« auch in Zukunft mit biefen Fragen eingehenb beschäftigen. Was bie Frage bet Arbeitslosenversicherung anlangt, so ist ihre gesetzliche Regelung vorerst noch unmöglich. Durch oas Gesetz üb« ben Arbeitsnachweis kommen rott viel­leicht spät« zu ihr. DaS Bergrecht eignet sich nicht Kr eine reichsgesetzliche Regelung. Dasselbe gilt vom appschastsroeskn. Betreffend bie Stieikstatiftik schweben Verhandlungen mit den BundeSstaateu, von denen wir eine Beseitigung der Mängel d« Statistik erwarten. Was die Frage der Einführung amtlicher Wahlurnen anlangt, so hat fich ergeben, daß die Zahl der Wahlen, die infolge unzweckmäßiger Beschaffenheit von Wahlurnen beanstandet wurden, sehr gering ist. Die amtlichen Wahlurnen würden auch teuer sein; gleichwohl wollen wir dieser Frage nähettreten, so­bald wir ein geeignetes Modell haben

Freitag: Fortsetzung.

Abg. Wtrner (Reformp.) spricht den Wunsch _______

es möge die Regierung auch hinsichtlich des Mittel» standes und der Landwirtschaft eine vernünftige gesunde Sozialpolitik treiben. Er warnt ben Hanbrorrkerstanb, sich durch bie Lockreben des Hansadunbes zum Eintritt in biefen Bunb von Großindustrie unb Handel ver­leiten zu lassen. Gegen bie Konkurrenz ber Wander­lager unb Warenhäuser verlangt er ein schaffes Vorgehen.

Abg. Göring (Ztr.) Wir finb nicht bamtt etnver- ?landen, baß, wie ber Reichskanzler im vorigen Jahre agte, in ber Sozialpolitik ein langsameres Tempo eingeschlagen wirb, ba bas H anb w erk für bie Sozial­politik erst eben an bie Reihe gekommen ist. Die Hanb- roeit« braußen mögen überzeugt sein, baß das Zentrum für die Handwerk« stets eifrig eintreten wirb. Wenn für bie Hanbw«!« erst wenig geschehen ist, so liegt das an ber Schwierigkeit ber Verhältnisse. Die Eigen­hilfe ber Hanbroerker allein reicht nicht auS. Es ist zu wünschen, baß sich bie Hanbroerker mehr als bisher am politischen und öffentlichen Leben beteiligen. Auch zur Aufklärung ber Handwerker darf man sich Nicht allein auf bie Handwerkskammer-Sekretäre ver­lassen, letztere müßten znm Teil dem Handwerkerstande entnommen werden. Da die Handwerker ihrerseits vieles gur Lösung der Arbeiterfrage tun, ist es gerecht, daß nun auch ihre Selbsthilfe von der Gesetzgebung energisch unterstützt wird. Dank verdienen unsere G e- Iellenvereine für ihre Tätigkeit auf dem Gebiete er Hanbroerker-Organisation. Den Herrn Staatssekretär möchte ich bitten, seine besondere Ausmerksamkett den Jugend-Organisationen zuzuwenden. Besonders dring­lich «scheint uns die Abgrenzung von Fabriken und Saud werk. Wir haben daher eine entsprechende esolution eingebracht. In einer andern Resolution empfehlen wir Anordnungen, durch die dem Handwerker in roeit größerem Umfange als bisher Aufträge bei Lieferungen an bie Reichsverroaltung zu­fließen. Manches ist ja in bieser Beziehung besser geworben, aber bas Geschehene genügt noch nicht. Ich gebe allerbingS zu, baß bie Hanbroerker manchmal zu hohe Forberungen stellen. Zum Schutze bes MUtelstanbeS fordern auch wir eine Einschränkung der Wanberlager. Auch gegen bie Abzahlungs­geschäfte müßte gesetzgeberisch vorgegangen iverden. Fern« ist eine schäffere Ueberwachung bes Hausier­handels erforderlich, namentlich ist nach diesen bei­den Setten hin die Bedüffnissrage eingehen zu prüfen. Was den Hansabund anlangt, so ist bas vom Abg. Meyer erwähnte Flugblatt nicht etwa ein Entwurf, wie Herr Sttesemann meinte, sondern eS ist in vielen tausend Exemplaren z. B. in Koblenz verdrehet worden. Hött, hött! im Ztr.) Daß der Hansabnnd nicht die Interessen des Handwerkers vertritt, ist den meisten Handwerkern klar unb es kann gar keine Rede bavon rin, baß der Handwerkerstand dem Hansabunb beige» treten ist. (Beifall im Zir.s

Ada. Findel (natl.): Die schlimme Lage der Hand­werk« fft zum Teil eine Folge davon, daß sie es nicht verstanden haben, bie technischen Errungenschaften für sich auszunutzen. Gleichwohl ist es eine Pflicht bes Staates, ben Mittelstand zu unterstütze», bet für das ganze deutsche Kultur-eben so wichli i ist. Bor allem ist es aud) noiwendig, das Selbst kervniuf ein des Mittel­standes zu

Z Die Stimmung der englischen Liberal«» ist feit der ungünstigen Wirkung der Eröffnungsreden im Parlament überaus gedrückt. Einen ersten Erfolg hat die Äegietung allerdings zu verzeichnen. Ein Zusatzantrag der Oppofitton zu der üblichen Adresse an den König wurde mit 31 Stimmen Mehrheit abgelehnt, wobei fich die Iren ihrer Stimme ent­hielten. — In London sprach bei dem Empfang der Abordnung deS englisch-deuts chen Freund» jchaftS-Komiteer durch den Prinzen Hein­rich von Preußen der ihrer der Abordnung die Hoffnung aus, daß in ukunst jeder Grund zum Mißtrauen und n zwischen England und Deutschland beseitigt werden möge. Prinz Heinrich erwiderte, er stimme mit den aus­gesprochenen Freundschaftsgefühlen überein und sei sich«, daß der Kaiser sich freuen w«de, den In- hall kennen zu lernen.

r König F«dimmd v«n Bulgari«» ist in Peters- bürg mit seiner Gemahlin Eleonore ein getroffen, und vom Hof sowie den RegierungSorganen auf! liebenswürdigste begrüßt worden. Die offiziöse ,Nowoja Wremja' betont vor allem die politische Bedeutung deS Besuchs gerade im jetzige» Augenblick.

* Bon der türkisch-bulgarischen Grenze wird wiederum ein „Zwischenfall" berichtet, b« srigt, daß bie gegenseitigen Rüstungen, auch wen» fie nicht bireft für einen Krieg betrieben werben, bedenklich auf bie Stimmung der beteiligte» SolbateSka einwirkt. Am Dienstag nachmittag versuchte eine türkische Patrouille einen bulgari­schen Soldaten int GebrrgSzuge von Taurus z» arretieren. Andere bulgarische Soldaten tarnen herbeigeeilt unb schossen auf die türkische Patrouille, wobei ein Mann gelötet und mehrere verwundet wurden. Nunmehr gab auch bie türkischePatrouillt Feuer, zog sich aber zurück und verschanzt« sich chfteßlich. Von beiden Seiten wurde ein heftige- Gewehrseuer eröffnet, wobei ei jedoch fein« weiteren Toten gab. Dem Zwischenfall wird