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motraWtage: „Fuldaer Geschichtrbläüer"

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Rotationsdruck«^ Verlag der Fuldaer Ab tiendruckerei tu Fulda Fernsprecher Rr. 9.

. Jahrqanq.

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>;< Der sozialdemokratische Laad- t arveiterverband.

Es dürfte an der Zeit sein, die Oeffentlichkeit ttmnal näher bekannt zu machen mit dem sozial­demokratischen Landarbeiterverband.

Dieser Verband wurde am 1. Juni 1909 ge­gründet und entfaltet seither eine ausgedehnte Agi­tation in allen Teilen Deutschlands. Der Propaganda dient das Verbandsorgan „Der Landarbeiter", das im Sommer und Herbst vergangenen Jahres in Hunderttausenden von Exemplaren unentgeltlich all­überall verbreitet wurde. Das Blatt ist geradezu gespickt voll von offenen und versteckten Ausfällen der verhetzendsten Art, in denen die „kleinen Leute" ‘auf dem Land unter Ausnutzung jedes nur irgend­wie greifbaren „geeigneten* Materials gegen Bauern und Grundbesitzer aufgewühlt werden. Systematisch wird dabei versucht, den Kleinbauer gegen den „größern* aufzuhetzen. In erster Linie aber ist es naturgemäß auf die landwirtschaftlichen Arbeits­kräfte abgesehen. Hand in Hand mit dem alle 14 Tage erscheinenden „Landarbeiter* arbeiteten dann die sozialdemokratischen „Volkskalender", die um Neujahr massenhaft in ländlichen Kreisen ver­breitet werden und die in diesem Jahre ganz be­sonders auf die Landagitation zugeschnitten sind.

Als Beispiel von der Art, wie da „gearbeitet* wird, möge eines von vielen genügen. So heißt es in dem „Neuen Hannoverschen Volkskalender" für 1910 (S. 20) zu Eingang e.uer Erzählungsskizze, d.e den Titel „Erwachen" führt:

3er „r n-rmann Ruft lebte wie die

— ----------—.uyrten seine Tage in Stumpf«

)eu. c: rnirschte wohl leise mit den Zähnen, wenn er den reichen Segen der Mutter Erde entgegennahm, um ihn den „Herren" zu g-ben, während er selber nichts davon zurückbehalten durste, nichts, gar nichts, sondern nach Fron und Mühsal spät abends müde undhungrigiu seine Hundehütte kriechen mußte. Dann schoß ihm wohl das Zornesblut heiß in [fein Antlitz. Und er ballte wohl auch die Fäuste, wenn [er die Junkerchen oben in den Sälen prassen sah, oder wenn sie in leichten Wägelchen mit feurigen Rossen (!) zum Bahnhof fuhren, um in der Hauptstadt den Schweiß ihrer Arbeiter zu vergeuden.

Und in dieser Tonart geht's weiter. Die Er­zählung endigt natürlich damit, daß Hermann Rust tn der Sozialdemokratie seine „Erlösung* findet. Daß in dem Machwerk die „Pfaffen* nicht besser wegkommen als die „Junker*, versteht sich von selbst.

■ Bei diesen Verhetzungsversuchen bleibt es aber nicht. Bedeutsamer sind die Versprechungen, mit denen der Landarbeiterverband sich in einem Artikel „Eine frohe Botschaft* anpreist. Die wichtigsten sind die Organisation eines unentgeltlichen Rechts­schutzes im Falle von Streitigkeiten mit Arbeit­gebern, ferner „Rechtsauskunft* beim Abschluß von Verträgen und Kontrakten sowie in allen Angelegen­heiten des Versicherungswesens. Als wirksamstes Werbemittel erscheint endlich die Krankenkasse und die Sterbekasse. Man sieht, aus zwei Wegen sucht die Sozialdemokratie die ländliche Arbeiterbe­völkerung an sich zu ziehen, durch Aufwühlung des „Gegensatzes* zwischen den „Kleinen" und den „Großen" und zugleich durch Anpreisung von wirt­schaftlichen Vorteilen.

Es dürfte an der Zeit sein, daß das Augenmerk aller interessierten Kreise aufmerksamst auf diese Vor­gänge sich richtet.

Deutsches Reich.

— Ter Toleranzantrag — eine Umsturz­bewegung ? Zu welch' schauerlichem Unsinn die liberale Presse sich versteigt, wenn es gilt, eine

Forderung der Zentrums niederzutreten, zeigt ihre Haltung gegenüber dem Toleranzantrag. Die „Pfälz. Presse" bringt in Nr. 50 allen Ernstes daS Kunststück fertig, zu schreiben:

„Zum erstenmal gab eS im deutschen Reichstag eine ausreichmde Mehrheit von der äußersten bürger­lichen Linken biS zur äußersten Rechten, die nicht nur dem sozialdemokratischen Umsturz, sondern auch dem Zentrum und der an der Kirchenhoheit rüttelnden ultramontanen Umsturzbewegung eine ge­schloffene Phalanx entgegenstellen könnte. Und mehr als jemals wurde an diesem Tage deutlich, welchen Verlust die Nation erleidet, wenn diese Mehrheit schwindet.* ,

Toller kann man die Begriffe nicht mehr durcheinanderwirbeln, als wenn man eine For­derung, der jeder wahrhaft Liberale zustimmen muß, wen» sein Liberalismus nicht durch bor­nierten Katholikenhaß ertötet wird, als „Umsturz­bewegung" zu bezeichnen sich nicht scheut. Selbst die „Franks. Ztg." mußte zugeben, daß „sachlich alle Parteien dem zustimmen, was das Zentrum als Ziel seiner Aktion darzustellen beliebt". Die liberale Unduldsamkeit erdreistet sich aber trotz­dem, di« Dinge so zu entstellen, daß aus dem Toleranzantrag eine „ultramontane Umsturz­bewegung" wird. Dem liberalen Philister soll um jeden Preis das Gruseln vor dem wohl­berechtigten Verlangen des Zentrums beigebracht werden. Der Liberalismus kann sich die Kirche nur unfrei, nur abhängig von der Gnade des Staates denken. Er will der Kirche keine wahre Freiheit zugestehen, und wer für die religiöse Freiheit aller Konfessionen eintritt, ist in den Augen des Liberalismus Umstürzler. Schärfer kann der Liberalismus seine ausgesprochen kirchen­feindliche Gesinnung wahrlich nicht mehr be­kunden!

][ Ueber die Wahlrechte des Auslandes gehen augenblicklich Mitteilungen durch die Presse, die zurückzuführen sind auf die Ergebnisse seiner Spezial- stndien, die Abg. Dr. Bell (Ztr.) im Abgeord- netenhause bekanntgegeben hat. Nach einer Zusam­menstellung eines nationalliberalen Blattes haben nur noch Ungarn, Dänemark und — Preußen die öffentliche Wahl, alle übrigen die geheime, sogar Rußland. DaS indirekte Wahlsystem gibt es nur noch in einigen deutschen Einzelstaaten und in Rußland.

volkswirtschaftliches und Soziales.

m Die Sage des Arbeitsmarktes in Hessen, Heffen- Naffau und Waldeck im Januar 1910. Endlich scheint eine langsame Besserung des Arbeitsmarktes Platz zu greifen, wie sie in anderen Gegenden des Reiches schon früher beobachtet wurde. In der Schuhfabrika- tion hält der in den letzten Monaten beobachtete flotte Geschäftsgang immer noch an. Arbeitskräfte sind genügend vorhanden. In der M e t a l l i n d u- ftrie tritt endlich allem Anschein nach die lang er­wartete Besserung der Lage des Arbeitsmarktes ein, speziell gilt dies für Frankfurt a. M. Die Maschi- neu -I n d ust r i e ist gegen das Vorjahr etwas besser beschäftigt. Das Baugewerbe erwartet fast über­all mit Bestimmtheit einen recht baldigen größeren Aufschwung, sobald bessere Witterung eintritt, da in allen größeren und mittleren Städten zahlreiche Neu- und Umbauten angemeldet sind. Im Tiefbauwesen wird die Lage wohl noch einige Zeit schlecht bleiben. Es sind außer in Waldeck der Bau der Edertalsperre, nur vereinzelt in Mainz größere Unternehmungen (umfangreiche Kanalisationsarbeiten) zu erwarten. In der Holzindustrie hält der schlechte Ge­schäftsgang noch immer an und beeinflußt auch den Arbeitsmarkt ungünstig. Man erwartet aber auch in dieser Industrie bald gute Aufträge für die angemelde­ten Bauten. Im Bekleidungsgewerbe war

die Lage deS Arbeitsmarktes gegen den Vormonat unverändert, haupffächlich wurden jüngere Schuhma­cher- und Schneidergesellen gesucht. Im Buchdru- ckergewerbe bessert sich der Geschäftsgang nur langsam. Auf dem landwirtschaftlichen Ar­beit sm arkte war es, der Jahreszeit entsprechend, noch sehr ruhig. Auf dem Dienstbotenmarkt hält die seit Monaten beobachtete Steigung der Ar­beitsuchenden an; alle größeren und mittleren Ar- beitsnachweise im Verbandsgebiet konnten die Zahl ihrer Vermittlungen auf diesem Gebiete schon seit Mo­naten ständig erhöhen, wenn auch über das Material mancherlei Klage geführt wird. Die Zahl der ver- sichemngspflichtigen männlichen Mitglieder ist bei 7 von 12 Ortskrankenkassen noch weiter zurückgegangen, bei den weiblichen Mitgliedern derselben Kategotte sogar bei 9 Kaffen. In Fulda stteg die Zahl der männlichen Mitglieder von 2337 auf 2352, die der weiblichen von 1175 auf 1197.

Aus dem Nachbargebiete.

* Gersfeld, 22. Febr. 1910. Nach Zeitungs- Berichten plant der bayerische Staat die Errich­tung einerAutomobil-Verbindung Bad Kissin- gen - Brückenau-Gersfeld. Das Kissinger Gemeinde-Kollegium begrüßt diesen Beschluß, wünscht jedoch, daß diese Verbindung als bestän­dige Einrichtung in der Zeit vom 1. Juni bis 15. September geschaffen werden möge.

* Aus dem Taunus, 22. Febr. 1910. In König- stein soll dem G roß Herzog Adolf von Luxem­burg, srühern Herzog von Nassau, ein Denkmal errichtet werden, das voraussichtlich im Juli d. I. eiugeweiht werden soll.

* Mainz, 22. Febr. 1910. Für das Rech­nungsjahr 1910 ist gegen das Vorjahr im städtischen Haushalt ein Mehrbedarf von rund Mk. 716000 zu decken. Nach dem Vor­schlag der vereinigten Kommissionen werden zur Deckung dieser Summe aus den Erhöhungen verschiedener Gebühren, Erhöhung des Gaspreises usw. etwa Mk. 617000 vereinnahmt; der Rest­betrag soll sich durch eine Erhöhung des Steuer­ausschlags von 106,5 Proz. auf 109,5 Proz. ge­deckt werden.

* Wiesbaden, 22. Febr. 1910. lieber die Ausstellung für Handwerk, Gewerbe, Kunst und Gartenbau 1909 liegt jetzt die Abrechnung vor. Der anfänglich angenommene Fehlbetrag ist jetzt auf 40,000 Mark gesunken, sodaß eine Inanspruchnahme der Garantiezeichner nur bis zur Höhe von 10 Prozent erfolgen wird. Die Tatsache fällt aber angesichts des gewaltigen Um­schlages wenig ins Gewicht, denn die Ausstellung^. Leitung hat allein zirka 800,000 Mark an Löh­nen rc. ausgegeben, eine Summe, die den hiesigen Arbeitern in der stillen Jahreszeit zugute gekom­men ist.

vermischter.

* * Eine Explosion einer Lokomotive erfolgte am Berliner Rmgbahnhof Wedding. Der Lokomotiv­führer erlitt schwere Brandwunden. Der Heizer ist mit leichten Verletzungen davongekommen.

* Der Ban eines großen Trockendocks in Antwer­pen ist der Firma Dyckerhoff u. Widmann in Bieb- rich a. Rh zum Preise von 4,5 Millionen Mark über­tragen worden.

* * Plumper Schwindel. Sächsische Blätter kol- pottieren folgende Geschichte: „In gebildeten Patt- ser Kreisen ist es Sitte, daß Brautleute, die vor der kirchlichen Trauung nicht beichten wollen, sich in einem Kloster einen Absoluttonsbttef (lettte d'abso- lution) kaufen, wodurch die Sünden ohne Beichte

vergeben würden. Die Geschichte ist natürlich er­funden.

*♦ Ein Hypnotiseur versetzte in einer Wittschaft Münchens ein etwa 18 Jahre altes Mädchen in Schlafzustand. Es gelang ihm jedoch nicht, die Schla­fende wieder zum Bewußtsein zu 6ringen. Ein her­beigerufener Arzt ergriff fofort Gegenmaß regeln und verfügte die Verbttngung der Bewußtlosen in die psy­chiatrisch« Klinik. Das Mädchen ist erst nach 11 Stunden wieder aus seinem Dämmerzustand er* wacht. Der Hypnotiseur, ein Techniker, der vermut­lich schon andere hypnotische Expettmente in Witt- schasten öeranftaltet hat, wurde verhaftet, aber nach Feststellung seiner Personalien wieder freigelassen.

** Der Straßenbahnerstreik in Philadelphia hol zu ernsthaften Straßenkämpfen geführt. Die Zahl der Verwundeten wird auf dreihundett angegeben. Ueber 500 Verhaftungen wurden vor- genommen. Auf einigen Straßen sind Barrikaden er­richtet. So oft die Polizei eine Barrikade zu besei­tigen versucht, enfftehen neue Kämpfe. Im Stadtbe- zick Kensington versuchte die erregte Menge einer Wagenführer zu lynchen. Es gelang der Polizei noch rechtzeitig, ihn in Sicherheit zu bringen- Die Stra ßenbahnwagen, die mit Polizeileuten dicht besetzt sind, werden von den Dächern der Häuser herab mb Steinen beworfen. In der ganzen Stadt verkehi' nach Einttttt der Dunkelheit kein Wagen mehr

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^etiranömarät.

17] Roman von G. Freifrau von Schlippenbach-

6. Kapitel.

„Gnädiges Fräulein I Da mein Urlaub zu Ende geht, möchte ich Sie bitten, mir mitzuteilen, wann ich Sie beute sprechen kann. Mein Amt als Letter der Geschäste in der Konkursverwaltung hat auf- gehört.

Hartwig, Graf Pfeileck-Grafenhorst.

Grasenhorst, Oüobcr 18 .

Diese Zeilen las Rottraut am Morgen des TageS, «er dem in Tiesenhall verbrachten folgte. Sie knit- tette den Bttefbogen zusammen und toa.f ihn in die Flamme des Kamins. Das Papier lodette hell auf, nur der Name Hartwig blieb übttg, da ein Luftzug das Schnitzelchen zur Seite wehte. Rottraut nahm die Feuerzange und stieß es in die Flammen zurück, die es nun verzehrten. Dann setzte sie sich an den .Schreibtisch und schrieb kühl und geschäftsmäßig:

„Herr Graf, ich ermatte heute vier Uhr nachmit­tags Ihre Mitteilungen.

Rotttaut, Freiin Pfeileck-Pfeilburg.

Oktober 18 . '

Nachdem sie Friedrich diese wenigen Zeilen zur Uebergabe an den Wattenden Boten eingehändigt, ffand sie lange sinnend am Fenster. Die gestern noch don goldenem Sonnenschein überstrahlte Gegend lag ;v?ute in dichten Nebel gehüllt; es tropfte von den und Sträuchern und von der Dachrinne trau-, leite eintönig der Regen nieder. So still und tot alles aus, als klage die Erde um den geschiedenen 7°n,tncr fürchte sich vor des Winters rauher Um- .«nnung,

«t R°Aaut fröstelte, ein kalter Schauer lief durch ,, ^^örper, aber sie gab sich solchen Gefühlen des 6in^C ken3 nicht lange hin; sie beschloß, einen tun/3 <das Dorf zu machen, ihre Kindererinne- beim Anblick Ker Häuser und Hütten neu zu r- e« itttb sie den Laden ihres Freun­

des ZachattaS noch eben so verlockend fände wie da­mals, als ste barfüßig neben Ursel einhergetrippelt war.

Das Dorf Pfellburg lag vielleicht eine Viettel- stunde vom Schloß entfernt. Es war zum großen Teil von kleinen Handwerkem und Landarbeitem be­wohnt. Lang gestreckt und gewunden zog sich die Dorfftraße hm. Rottraut bemerkte, daß viele der Häuser zerfallen und dürftig waren und nur unge­nügenden Schutz gegen das Wetter boten. Die Leute sahen ärmlich und mürrisch aus; sie erwiderten ihren freundlichen Gmß kaum oder wichen ihr scheu aus-

„Das soll anders werden*, dachte die Herrin der Pfellburg, „ich will mich bestteben, mit der Zeit die Liebe und daS Vettrauen meiner Untergebenen zu gewinnen * Einige Kinder kamen lärmend aus einem Hause gestürzt und balgten sich auf der Straße herum; dabei fiel ein kleiner Junge zu Boden, er hatte sich das Näschen blutig gefallen und schrie laut.

Rottraut eitte auf ihn zu, hob ihn auf und suchte ihn zu ttösten, aber er schrie weiter. Mit chrem Ta­schentuch stillte sie das Blut, während die älteren Kinder um sie herum standen und miteinander flü- stetten.

„Du*, sagte ein etwa zwölffähttgeS Mädchen, „das muß deS „wilden Pfeilecks* Tochter sein. Mut­ter sagt, sie stt eine Hexe, der wir nicht zu nahe kom­men dürsten.*

Wie die Worte aus dem Munde der Kleinen Rottraut schmerzten! Ueberall begegnete ste derselben Feindseligkeit, demselben Mißtrauen. Sie schob ein Geldstück in des kleinen Jungen schmutziges Händchen.

„Lauf nach Hause!* sagte sie; dann schritt sie schneller weiter.

Das Häuschen, das am baufälligsten aussah, ge-' hotte der armen, geistesgestötten Karoline; sie saß auf der Schwelle und sang leise, den Obeckörper takt­mäßig dazu wiegend, dazwischen lachte sie und gestiku- lierte heftig. Rottraut wandte sich' schaudernd ab-

Wie ein Ruhehafen erschien ihr der Laden des alten ZachattaS, den sie jetzt vor sich sah. Der alte

Krämer stand neben der offenen Tür und prüfte die Butter, die eine Bauersftau ihm gebracht hatte.

Als er die junge Herrin der Pfttlburg ernannte, glänzten die schwarzen, stechenden Augen erfreut und er sagte:

„Das ist aber schön von Ihnen, daß Sie den armen, alten ZachattaS besuchen. Nehmen Sie ge­fälligst Platz, gnädiges Fräulein!*

Er wischte mit dem Zipfel s-ineS Rockes einen Holzschemel ab und deutete mit der Hand darauf; dann kehrte er zu der Bauersfrau zurück und schloß nach längerem Feilschen den Vutterhandel ab.

Rottraut sah sich in dem Laden um; eS war noch gerade so wie früher; an der verräucherten niederen Obcrlade hingen die Zwiebelrechen, Fässer mit Hettn- gen, Petroleum und Syrup standen umher, alte Klei- der hingen an der Wand, Lederweck und irdenes Ge­schirr lagen in Kisten, Backpflaumen, Rosinen, Zucker und Kaffee füllten die Schubladen, die des Kindes Augen oft sehnsüchtig betrachtet hatten, bis Zacharias hineinlangte und ihr etwas von den süßen Dingen in den kleinen Mund schob. Außer den HaushaltungS- gegenständen gab es noch allerhand Kurzwaren, Baumwolle, Nadeln, Bleifedern, Siegellack, Papie» und dergleichen mehr, selbst unechte Schmucksachen fand man hier, wie Broschen und Ringe mit bui.xn Glassteinen.

Plötzlich besann stch Rottraut eines Erlebnisses aus ihrem liierten Jahre. Da hatte sie einem heb- schen, blonden Knaben einen solchen Ring geschenkt, aus Dank dafür, daß er sie auf sein Pferdchen ge-' hoben und sic hatte reiten lassen. Eine dunkle Blut­welle färbte ihr Gesicht, dieser Knabe war es gewesen, den sie als ihren Feind betrachtete: Graf Hattwig von Grafenhorst. Auch die spätere Szene bei Suse fiel ihr wieder ein.

„Das ist des „wilden PseileckS Tochter*, hatte Suse wütend gerufen, „die rühtt kein ordentlicher Junker an, das ist Teufelsbrut!*

„Nun, gnädige Baronesse*, begann der Alte, „Sie sind hübsch und groß geworden, seit Sie zuletzt hier saßen — es sind volle vierzehn Jahre, seit Sie mit der Uttel in mein Haus kamen *

Rottraut lächelte.

„Ja, mein guter ZachattaS*, gab sie zu, „ich hatte nicht gedacht, daß ich je in meinem Leben in die Pfeilburg zurückkehren würde.*

„Sie find doch aber die Erbin des prächttge« Gutes, eS sst doch kein Bruder da, der Ihnen borge- zogen wird.*

„Sie haben Recht*, vettetzte Rottraut, „ich wollte, damit mr sagen, daß mein Vater eigentlich noch eil ( junger Mann war, als er starb.*

„DaS wohl, aber — aber — na, nehmen Sie'S n.ii nicht für ungut, der Freiherr Günther Ettch hat zu toll drauf los gewirtschaftet, daS HM kein Mensch fchge aus.*

„ZachattaS*, bat Rottraut, „erzählt mir etwa» von ihm! Ihr habt ihn doch nicht gehaßt?*

„Gott bewahre, warum sollte ich ihn hassen? Zu mir ist er stets gut gewesen, er hat mir immer etwa» zu v.rdienen gegeben, wenn ich ihm Geld verschaffe« moßte. Auf ZachattaS kann ich mich verlassen, hat er oft gesagt, und als es zum Sterben ging, da mußte ich t-.'i ihm bleiben *

E. vaS tote Rührung zitterte in der Stimme bei KrämcrS, und er wischte mit dem Rücken bet Hanb über bie trüb geworbenen Augen.

W" unenblich wohltuenb berührten Rottraut bte D^'te des alten Mannes! So gab e8 doch toenig- si-ns einen Menschen, der dem Verstorbenen nicht sichte, der ihn in seiner Att gern gehabt hatte-

Sie blick lange bei ZachattaS und plauderte mit 'hm von der Zeit, alS sie unter Uttel s Obhut auf der Pfeilburg lebte; auch von den Leuten im Dorf sprachen sie.

„Sorgt denn niemand für die arme Irrsinnige?* fragte Rottraut, „ihr Hänschen und sie selbst sehe« schrecklich vettommen auS*

„Die Gemeinde tut es*, antwortete ZachattaS, „Seit ihr Sohn nach Amettka gegangen ist, hat ste nur noch eine alte, taube Verwandte bei sich, die eben­so arm ist, aber sic kocht ihr doch wenigstens bann und wann etwas Warmes.*

„Lebt die Suse noch hier?* fragte Rottraut, „ich '-eine die Amme des Grafen Hattwig* (F. f)