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37. Jahrgang
Fulda, Samstag den 19. Feburar 1910
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Irvertes Mbatt
der schwache» Kenntnir der Verhältnisse dieser Welt- abgeschiedenen Gegend — 1% Monate gebrauchte die Meldung von der Niederlage, um nach Frankrelch zu kommen! — der sofortigen Beurteilung.
In England haben sich die inneren Verhältnisse durchaus noch nicht konsolidiert. Man weiß vrel- mehr noch nicht einmal, ob das liberale Kabrnett im- stande sein wird, sich im Sattel zu halten Die Iren wünschen, daß zunächst ein Gesetz zur Einschränkung des Oberhausvetos eingebracht werde- Das heißt also, daß etwas für die Iren zunächst geschehe- Die Liberalen dagegen möchten zunächst das Budget erledigen, zumal sie fürchten, daß sie durch ein Nachgeben gegenüber den Iren an Anhänge« verlieren würden, eine Befürchtung, die allerdings durchaus berechtigt ist.
Nun eS wieder gegen den Frühling geht, tauchen auch die alten Befürchtungen vor den gewöhnlichen Unruhen auf dem Balkan wieder auf. Wer gehofft hatte, daß die Einführung der türkischen Verfassung den mazedonischen Aufrührern genügender Anlaß sein könnte, ihr räuberartiges Unwesen einzustellen, der wird sich allerdings getäuscht sehen. Es ist selbstverständlich, daß halbwilde Völker, die an Krieg und Räuberwesen gewöhnt sind, davon nicht so ohne weiteres ablassen. Das ist aber auch gar nicht die Frage: ob die bisherigen Vandenmenschen plötzlich Musterbürger werden, sondern vielmehr, ob die neuen türkischen Machthaber stark genug sind, den bisherigen Unfug zu unterdrücken- Bisher scheint die türkische Regierung mit fester Hand und nicht erfolglos zugegriffen zu haben; wenn sie das weiter mit Erfolg tun soll, dann ist allerdings notwendig, daß die slavischen Balkanstaaten die Banden nicht in jeder möglichen Weise unterstützen.
In Persien suchen Rußland und England chre Vorherrschaft durch eine große Finanzoperation mit der geldbedürstigen persischen Negierung zu festigen. Dabei sind den Engländern wertvolle Schiffahrtskonzessionen in die Hände gefallen.
Wochen-Rundjchau.
[:] Fulda, 18. Februar 1910.
Den armen Nationallib eralen geht e» in der letzten Zeit ganz besonders schlecht. Seit sie , tn den Kümpfen um die Finanzreform den krampfhaften Versuch gemacht haben, den alten Bülow-Block durch Ablehnung der neuen Steuer zu stutzen, sind ste auf die schiefe Ebene geraten, auf der sie unaufhaltsam weiterglettcn. Bei allen Nachwahlen zum Reichstag haben die Nationalltberalen in der Steuerhetze den Sozialdemokwten erfolgreich Konkurrenz gemacht So geschah es auch jetzt im Wahlkreise Mülheim- Wipperfürth. Und die Folge? Wre m allen Wahlkreisen, in denen Nachwahlen stattfinden, gingen die nationalltberalen Stimmen trotz dieser Hetze zurück und die sozialdemokratischen Stimmen stiegen an. In Mülheim-Wipperfürth fiel die Zahl der nationalliberalen Stimmen um 3000, die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen wuchs fast um diese Zahl Die Nationalliberalen haben eben die eine politische Wahrheit ganz vergessen, daß jede Hetze gegen neue Steuern dem Uebrrradikalismus zugute kommt, weil jede Unzufriedenheit gegen Steuern denen Wasser auf die Mühlen führt, die jede neue Steuer verweigern.
Die ^Beratungen über die Wahlrechtsreform in Preußen haben gezeigt, daß man auf allen Seiten entschlossen ist, energischer als je seine „Ideale" zu vertreten. Die Konservativen sind sogar dabei, und zwar, wie man anerkennen muß, mit großem Geschicke, überhaupt jede Reform unmöglich zu machen. So haben fie neuerdings sogar Anträge auf Wiederherstellung der indirekten Wahl eingebracht. Offenbar wollen sie sich damit Trümpfe schaffen, die sie gegen das Verlangen der geheimen Wahl auszuspielen gedenken. Die Regierung, der natürlich eine Rückwärtsverbesserung des Wahlgesetzes gar nicht unangenehm wäre, glaubt die Zeit für gekommen erachten zu dürfen, eine Parteigruppierung in die Wege zu leiten, und diese sucht sie in der Richtung des alten Bülow- BlockeS unter Ausschaltung deS Freisinns. Die Kon- {ervativen, Freikonservativen und Nationalliberalen ollen die Sache machen. Dazu wären beide Teile sehr wohl bereit, trotz des Geschimpfes der National- liberalen gegen die „Agrarier" während der Steuerkampagne, eS wird nur daraus ankommen, ob sie in der Lage sind, ohne allzugroße Blamage vor ihren Wähle« die dafür nötigen Umfälle zu vollziehen. -Jedenfalls können diese Gruppen, da sie die erdrückende Mehrheit im Lande haben, ihre gemeinsamen Ver- ffchlechterungswünsche sehr gut verwirklichen.
Wenn wir mit einem Worte der in Berlin und verschiedenen anderen Städten Preußens versuchten Wahlrechtsdemonstration vom letzten Sonntag Erwähnung tun, so geschieht es nicht deshalb, weil etwa die Demonstrationen von politischer Bedeutung gewesen wären. Im Gegenteil. Die Demonstrationen sind ganz kläglich ausgefallen, und haben wieder einmal bewiesen, daß das deutsche Volk für derartigen Straßen- und Gassenunfug nicht zu haben ist Wir mögen solchen Klimbim lieber anderen Völkern überlassen, deren Hauvtstädie wiederholt in der Geschichte durch solche Vollsdemonstrationen geglänzt, und einen ganz traurigen Einfluß auf die Geschicke des Volkes ausgeübt haben.
Frankreich muß einmal wieder die Gefahren der Kolonialunruhen durchkosten. Nachdem man alle die Jahre hindurch in anderen Ländern, wie ;3- B. in Marokko, Eingeborenen-Unruhen anzuzetteln bestrebt gewesen ist, muß man jetzt am eigenen Leibe spüren, was derartige Unruhen bedeuten. Im Hin- terlanbe von Senegambien, tief im Innern Afrikas, ist Anfang Januar eine große französische Kolonne mit 66 Offizieren vernichtet worden. Inwieweit dort ein großer Eingeborencnaufstand von der Art unseres HereroaufslandeS bevorstehen kann, entzieht sich bei
.Die Cache lag so, daß es unsere erste Auf» gäbe war, auf die Auflösung des Reichstags bin-,uaibetten . . . Allgemein wurde in der Partei die Abstimmung als ein Mittel zu diesem Zweck auf gefaßt und man war damit einverstanden, es herrschte Einigkeit." (.Vorwärts' Nr. 213, 09.) „Die einzige Waffe also, die wir befaßen, die Reichsfinanzreform zum Scheitern zu bringen, bestand gerade darin, daß eS unS gelang, die Erbschaftssteuer durchzusetzen (im Original fett gedruckt!). Dann hätte der Schnaps, block gegen die ganze Fmanzreform gestimmt." (,Fränk. Tagespost' Nr. 173, 09.)
Also aus rein politischen Motiven hat die Sozialdemokratie bei der Reichsfinanzreform für die Erbschaftssteuer gestimmt. In dritter Lesung hätte fie wieder dagegen gestimmt, obwohl sie m ihrem Programm ausdrücklich verpflichtet gewesen wäre, für diese Steuer zu votieren. Denn: die. Erbschaftssteuer — „stufenweis steigend nach dem Umfang des Erbguts und nach dem Grade der Verwandtschaft" — steht im sozialdemokratischen offiziellen Programm. Aber, aber ... so denken die „Genossen", haben wir das Programm denn nicht dazu, um die „Gläubigen" zu bemogeln?
In diesem Lichte und dieser ausführlichen Dar- legung muß man sich einmal die Stellung der Sozialdemokratie ansehen, um zu erkennen, weich' grobe Falschmünzerei die sozialdemokratische« „VolkSkalender" in der Frage der Finanzreform leisteten. Vorstehende Proben lassen hinsichtlich bei übrigen Inhalts der „roten" Kalender genügend Rückflüsse zu. Der Geist der schlimmste« Verlogenheit ist es, der unS aus ihrem halt entgegenweht!
sich unwillkürlich, hat denn eine solche Partei auch das Recht dazu?
Sie hätte das Recht, wenn die „Genoss«" im Reichstag bei der Reichsfinanzreform auch ehrlich und positiv mitgearbeitet hätten. Das ist aber in keiner Weise der Fall gewesen! Ihnen war es lediglich darum zu tun, die Fiuanzreform für ihre Parteiagitation auszunutzen. Mancher wird sich bei der jetzigen Hetze der Sozialdemokraten gegen das Zentrum schon gefragt haben: Wie wollte eigentlich die Sozialdemokratie die Finanzreform lösen? Was hatte sie für ein Programm? Die Antwort muß lauten: Die Sozialdemokratie wollte ine Reform überhaupt nicht lösen! Die Sozialdemokratie betrachtet ja die Fmanzreform als einen Teil des Regierungssystems, dem sie in unversöhn- lieber Feindschaft gegenüber steht. Deshalb diesem System keinen Mann und keinen Groschen!
— Wollte die Sozialdemokratie bei der Reichs fiuanzreform grundsätzlich nicht positiv Mitarbeiten, so gedachte sie gleichwohl durch Quertreibereien bei ihr nachher besondere politische Geschäfte zu machen. Sie wollte nämlich dadurch alle „Blocks" sprengen, und damit in erster Linie eine Reichstagsauflösung berbeiführen. Das haben die sozialdemokratischen Blätter jetzt glatt zuaegeben:
„Seit den Tagen des „Kommunistischen Manifestes" galt es in der Partei als ausgemacht, als außerhalb jeder Diskussion siebende Regel, daß es stets unsere Aufgabe sei, Konflikte innerhalb der herrschenden Klassen auf die Spitze zu treiben, um auf diese Weise den Klassenstaat, den Todfeind des Proletariats, zu schwächen und zu des- organisieren." („Dortm. Arbeiterztg.", Nr. 106, 1909.) „Die Sachlage lag so, daß e8 unsere erste Auf. gäbe war, auf die Auflösung des Reichstages binzu- arbeiten", bestätigte der „Vorwärts" (Nr. 213, 1909). Und die „Fränk. Tagespost" (Nr. 113, 1909) lieft sich also vernehmen: „Es war allerdings die Hauptaufgabe unserer Fraktion, ihre Taktik so einzurichten, daß die ganze Steuervorlage geworfen werden kannte ... . Die einzige Wahl, die wir besaßen die Reichsfinanzreform zum Scheite« zu bringen, bestand gerade darin, daß es uns gelang, die Erbschaftssteuer durchzusetzen."
Dieses unehrliche Spiel mit der ReichS- finanzreform trieben die „Genossen" aber in ganz besonderer Stärke und mit besonderer llebetlegung in die Frage der Erbsch af tssteuer. Die Sozial- demokratie macht dem Zentrum den Vorwurf, daß es, um sich vor einer Besihsteuer zu drücken und aus politischen Rücksichten gegen die Erbschaftssteuer gestimmt habe. Aus welchen wohlerwogenen und rein fachlichen Gründen das Zentrum gegen diese Steuer gestimmt hat, haben wir zu wiederholten Malen dargelegt. Daß dem Zentrum jede Drückebergerei fern lag, hat es am klarsten dadurch bewiesen, daß es für eine Reihe von Besitzsteuern sorgte, die die Wohlhabenden mit einem doppelt so hohen Betrag heranzogen, als die Erbschaftssteuer ergeben hätte. Dem Zentrum war es mit seiner Gegnerschaft gegen die Erbschaftssteuer durch und durch ehrlich gemeint. Die „Genossen" tun sich, je nachdem ihnen das für ihre Agitation am besten aus- komrnt, bald auf ihre Stimmabgabe für, bald auf diejenige gegen die Erbschaftssteuer etwas zn gute. Die sozialdemokratische Abstimmung für die Erb- anfallsteuer in zweiter Lesung war aber nur ein Bluff, eine schändliche Irreführung der sozialdemokratischen Wähler. Die 'sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat nur deshalb für die Erban- jallsteuer gestimmt, weil sie glaubte, damit den Block sprengen und eine Reichstagsaus- lüsung provozieren zu lönnen. Das war der Zweck der Hebung! Das hat der ganze sozialdemo- kratische Troß auf dem genannten Parteitag, von den radikalen Schreiern bis zu den diplomatisieren- den Revifionisten ausdrücklich bestätigt.
So war es auch in der gesamten sozialdemokratischen Parteipreffe zu lesen. Man vergleiche nur:
Deutsches Reich.
)( Für Eiscnbahnhandwerker und sonstige im Staatsdienst tätige Arbeiter hat das Zentrum iq Abgeordnetenhause Anträge eingebracht dahm, dst Ausschüsse dieser Arbeiter soweit auszubauen, daß sie für die Arbeiter die Vorteile der Arbeitskammern z«
Dft s-zialistische Menschheit ist absolut religio«». loS. Im,Atheist" (Nr. 7), einem PreßerzeugnA das von der ersten bis zur letzten Seite sozialistisch gehalten ist, wird der Freidenker .Genosse , Maurendrecher abgekanzelt, west er die Mei., nung hat, man müsse den Arbeitern ttgenb ernt Religion zusammenmachen, west der gewöhnuA Mensch doch einmal nach Religion verlange. I« dem Artikel heißt es u. a.: ;
„Daß man aber in sozialdemokratischen Kreis« ein Interesse für religiöse Bedurfnisse oder, religiöse Gefühle habe, - ist Unsinn und solches un-, möglich — er müßte begreifen, daß Sozialdemo, traten, d. h. solche, die den wiffenschastlrchen So« zialismus erfaßt haben, religionslos firto, daß denen alles fehlt, was alS Vorbedingung für daS Ent, stehen religiöser Vorstellungen in Betracht komm« kann... Die sozialistische Menschheit ist absolut religionslos, braucht auch keinen Gott noch Heiland, ist über die Religion hin aus gewachsen."
Ja, es ist wahr, den Sozialdemokraten ist Re> ligion „Privatsache"; Privatsachen aber darf ma< im roten Zukunftsstaat nicht mehr besitzen, darum nehmen die Sozialdemokraten ihren Anhängern d« Religion.
* Heber die Zunahme der Mischehen gibt das sozialdemokratische Hmrptorgan, der „Vorwärts", nachdem es festgestellt, daß in den Jahren 1905 bis 1908 Die Zahl der Mischehen sich so auffällig vermehrt, daß in Berlin jetzt sckon ziemlich j e d e f ü n f t e der eh» stylicßendeu Personen Mischehe schließt, seine Freuds folgendermaßen kund:
„Es darf als sicher angenommen werden, daß in den folgenden Jahren die Zahl der Mischehen noch gewaltiger anschwellen wird. Für die Kirche ist hiervon eine weitere Schwächun g ihres Einflusses zu erwarten. Mischehen führen in der Mehrzahl der, Fälle dazu, daß nicht nur die Eheschließenden noch mehr als bisher ihrer Religionsgemeinschaft entfrembet
4« Musterbeispiele sozialdemokratischer Agitationshetze
liefern namentlich die sogn. sozialdemokratifchen „Volkskalender", mit denen die „Genossen'-Partei alljährlich ballenweise das Land und die kleineren Städte im ganzen Reich überfluten. Wir haben uns an dieser Stelle schon mehrfach darüber unterhalten. Je nachdem in den einzelnen Proriuzen das Zentrum, die Nationalliberalen oder die konservative Partei als Gegner der Sozialdemokratie in Betracht kommt, wird speziell gegen diese der Spieß gerichtet, der beste Beweis schon dafür, daß es den Kalendern nicht um die Aufklärung der Massen zu tun ist, wie sie in verlogener Weise behaupten, sondern um die Bekämpfung gegnerischer Parteien und die Agitation für die Sozialdemokratie.
Daß in den diesjährigen Kalendern hauptsächlich die Reichs sinanzref orm, speziell die Erbschaftssteuer für die unwahre sozialdemokratische Hetze herhalten muß, erscheint bei der ganzen Art und Weise, wir die Sozialdemokratie die Finanzreform für ihre Parteizwecke auszubeuten gesucht hat, weiter nicht auffallend. Und so werden dann auch hier die alten Mätzchen aufgetischt: das Zentrum habe sich mit der Ablehnung der Erbschaftssteuer überhaupt um das Steuerzahlen Herumdrücken wollen, es habe sich dabei im wesentlichen von politischen Motiven leiten lassen. Die Massen sollen dadurch gegen das Zentrum scharf gemacht werden, demgegenüber dann die Sozialdemokratie als einzige Freundin des „werktätigen Volkes in Stadt und Land" in empfehlende Erinnerung gebracht wird.
Wenn eine Partei sich gegenüber andern so aufs hohe Roß setzt, wie die Sozialdemokratie das in ihren „Volkskalendern' fertig bringt, dann fragt man
Ts wird das Recht auf K ürze geltend gemacht.
Ksir.e ist dazu da, daß man sich da« wettere selbst hinzudenkt.
Berge stehen bleibt, ist ei« OchS.
«Tu0™6 ^omanleserinnen.
** unpolitische OnM, z. Z. kurz angebunden-
^Enner veckünden daS Recht auf den AauS-
L® f f t L
Kaurfchlüss^ diznt lediglich heM AageSverkhr-
Unpolitische Zettlause-
(N.) Berlin, 17. Februar 1910.
(Nachdruck verboten.)
, Der Polizeipräsident von Berlin gefällt mir. Er ist gewissermaßen ein Kollege. Die Artikel, die er schreibt, haben eS in sich- Kürze ist seines Stiles Würze. Er ist tausendmal so kurz, wie der Reichskanzler. Jedes Sätzchen ist ein Hammerschlag; mit hier Schlägen ist der Nagel gänzlich eingetrieben. Die Leser kennen die Proklamatton des Polizeipräsidenten »um WahlrechtZsonntag. Dieser Leitartikel über Straßendemonstrationen läßt sich ohne Mühe nachdrucken. Hier ist er-
„ES wird das „Recht auf die Straße" tiertünbet. Die Straße dient lediglich dem Verkehr.
Bei Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt Wafsengebrauch.
Berlin, den 13. Februar 1910.
Der Polizeipräsident, v Jagow".
In den paar Zeilen steht alle» drin. Ein Meister jd«S handlichen Stils. Ein Muster für Volksschrist- 'steller in dieser Zeit, wo keiner Zeit hat. Ein Glück für den Herrn Präsidenten, daß er nicht auf Zeilenhonorar angestellt ist!
i Ich bin nun auch des langgedehnten Tones satt. lJch werde auch so lapidarisch schreiben. Dann kann «an in einem einzeln« Artikel Dutzende von Fragen Erledigen. Paffen Sie gut auf, meine Herrschaften!
Bei heimlicher Entwendung wird die Sperrkette vorgelegt.
Ich warne den Stammtisch.
Eulalia Drachenfels, geb. Lamm.
♦
Es wird über die Macht des Pantoffels gespottet
Der Pantoffel ist nicht für den Fuß, sondern für den Kopf bestimmt.
Bei Widerstand erfolgt Gebrauch der Fingernägel.
Ich warne neugierige Nachbarn.
Aurora Böse, geb Sieden
*
Es wird von den Lehre« da« Recht deS Prügeln« beansprucht.
Der Stock ist lediglich für den Spaziergang da.
Bei gekränkter Ehre erschieße ich mich.
Ich warne den Schuldiener.
Der moberne Schüler.
*
Es wird das Unrecht der Mode verkündet.
Die Mode verdeckt den künftig« Moder.
Die Toiletten der Frau kosten dem Manne sein Geld »der seinen Frieden
Ich warne bk Bräutigam«.
August Einfiedler.
*
Da« Recht der Riesenhüte kann man nicht be- strettm
Sie find lediglich eine auf den Kopf gesetzte Krtno- line.
Wer sie in der Tür nicht schief hält, hat den Anstoß sich selbst zuzuschreibm.
Ich toarne die Vögel de» Himmels.
Klam Rademacher, Modistin.
•
Meine Nachbarin übt ihr Stimmrecht nach Noten au«.
E» ist lediglich ettte Nachahmung bei Schlachthaus- tön?, '
Bei Forffetzung schaffe ich mir einen heulenden Hund an.
Ich toarne den Hauswirt.
Emst Friedsarn, Dichter.
Es wird über Heiratsscheu geklagt.
Heiraten ist die erste Bürgerpflicht der großen Kinder.
Wer zu spät kommt, muß essen, was übrig geblieben.
Ich wame die Korbflechterinnen.
Kurt Schadenfroh, Standesbeamter.
Ich bestrette daS Recht der Schwiegermütter.
Die Schwiegermutter ist lediglich gut, wenn fie schenkt oder hüst.
Bei ausgedehntem Besuch setze ich Mäuse in« Zimmer.
Ich roamt meinen Schwager.
Karl Patzig, Egoist.
ES wird das Recht auf Schulden machen verkündet
Die Schulden sind lediglich ein Maßstab für den Wert deS Schuldners,
Alte Schulden tilgt man durch neue von größerem Umfang.
Ich traute die Konkursverwalter wegen Mangels an Masse-
Hugo Mndt, Wechselritter.
Die rnodeme Jugend erklärt da« Recht, sich au »- zutoben.
Da« sagt man, um sich nicht in die Arbeit einleben zu brauch«.
Bei tüchtigem SichauSleben ist da» Leb« bald au».
Ich wame vor Haarwuchsmitteln.
Emil Ältmann, Lebegreis a. D.
Hab« die Seamkn Gewiffenrkreiheit?
DaS Gewiss« muß fich lediglich mit dem Will« der Vorgesetzt« deck«.
Beim Widerstand gegen dm RegiemngSwtlle« «folgt Vnfetzung im Interesse de» Dimste».
Ich wame wählende Kollegen. >
Ein Kattowitzer.
*
Der Reichskanzler betätigt da» Recht auf Philosophie.
Philosophie ist lediglich daS, waS btr gewöhnliche Mann nicht versteht.
Bei längeren philosophischen Reden erfolgt Schlaf.
Ich wame die Stenograph«.
Emil Nicker, Tribüne A.
Das Volk will mehr Wahlrecht hab«. , Da» Wählen ist nur gesund für reiche Leute.
Dem kleinen Wähler wird die Kundschaft ob« da» Amt entzogen.
Wer di« Wahl hat, hat die Qual.
Ein Urwähler 3. Güte mit Nackenschlägen.
*
Es gibt Parteien, die ausschließlich „national" heiß« wollen-
„National" sind die offenen und heimlichen Bundesgenossen der Soziädemokratie. |
Bei den Stichwahlen wird von der Parole „Lieb« rot, als Schwarz" Gebrauch gemacht.
Ich wame die Schwarzblauen.
Ein badische» Großblockopfer.
*
Wozu ist d« Hansabund da?
Lediglich, um dm großen Pfeife« eine Masse klein« Tänzer zu verschaffen.
In ZmtrurnSwahlkreisen wird ein Gegmkandidat ausgestellt.
Ich irame den Mittelstand.
Einer, der fich nicht hänseln lassen will- ♦
Nun aber Schluß. Sonst komm« wir zu tief in bi» Politik.
E» sollt« ja lediglich ein paar Proben sein.
Beim Widerspruch der Leser würde ich nächste«- goch kürz« werd«. . &