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Vera Uw. ilebatteur

t. v : 21. wetzler;

MchEas«: „Illustrierte Sonntagrzeitung

37. Jaijr-ian

Swertes *MLatt

bert Samuel, zum Minister für Post und Tele­graphie und der Master of Elibank zum Parla­mentssekretär des Schatzamtes ernannt worden.

* Griechische Reformen. Wie die Blätter melden, befinden sich unter den Vorlagen, die der Kammer unterbreitet werden sollen, eine solche über die Gründung eines Ministeriums für Handel, Indu­strie und Ackerbau, das dem Nationalökonomen Papauastasiou übertragen werden soll, eine Vorlage über die Reoraanisation der Universität, ein Gesetz betreffend die Unvereinbarkeit der Funk­tionen eines Deputierten mit denjenigen eines Mit­gliedes des Aufsichtsrats oder der Direltton von Finanzgesellschaften, und endlich eine Vorlage be­treffend den Schutz der Arbeit. Ein Antrag auf Verfassungsrevision wird kurz vor Schluß der Session eingebracht werden.

* Persien unter englisch-russischer Vormundschaft. Nach einer Meldung des Bureaus Reuter haben sich die englische und die russische Regierung nach länger als zwei Monate dauernden Verhandlungen bereit erklärt, das Ersuchen Persiens um Ge­währung eines Vorschusses von 500000 Pfund Sterling am Dienstag dahin zu beant­worten, daß unter gewissen Bedingungen 400 000 Pfund gewährt werden sollen. In Anbetracht der kürzlich eingetretenen Verschlechterung in den Be­ziehungen zwischen Rußland und Persien ist es freilich nicht ausgeschlossen, daß das Medschlis die Bedingungen, die es vor einem Monat für nicht zu hart gehalten haben dürfte, nicht annimmt.

Paragraph) gar nicht geschützt sei. Als Sachver ständiger hierüber ist der Professor des Kirchen rechts Dr. Schroers at s Bonn geladen. Professor Harneck-Berlin soll zur Vernehmung darüber vov geladen werden, ob die Ausdrucksform des An­geklagten in den inkriminierten Artikeln die in reli­giösen Streitsachen übliche sei. Ter Prozeß wurd« auf unbestimmte Zeit vertagt.

* Vom Westerwald, 16. Febr. 1910. Eine arme alle Frau bittet die Redaktion des Mass. Boten' um die Ausnahme nachfolgender Zeilen: „In einem Dorfe auf dem Westerwalds lebt eint brave, sparsame und fleißige Familie, die sich ein schönes Vermögen erworben hatte und 3 Häuser besaß. Ans Einfältigkeit und zu großer Kindesliebe gaben die Ellern alles her und ließen sich bei der Vermögens-Teilung in keinem Hause eine Heimat schreiben. Jetzt tuet Den die unglückltchen Eltern vor die Tür gewiesen und müssen froh sein, wenn ihnen dann und wann ein Stück Gnadenbrot gereicht wird. Ich mochte doch alle alten Leute dringend warnen und ihnen warm an's Herz legen, recht vorsichtig bei bei Abfassung des „Aushalts".An!rag's zu s-in uni lieber keinen Pfennig herzugeben, solange sie leben, und wenn sie über Tau enoe unp abermals Tau sende zu verfügen Hünen. Eine, bis in diese! Sache bittere Erfahrungen gemacht hat."

* Aus Sachsen-Meiningen, 16. Febr. 1910, lieber eine höchst merkwürdige Demonflratwr berichten die bürgerlichen Blälttr Sonnebergs'. „Die hiesige Oberrealschule und ihre Be­handlung durch die Regierung hat in unserer Industriestadt große Aufregung hervor- gerufen. Man will in einer öffentlichen Volks­versammlung, zu der auch die Landtags-Abge­ordneten eingeiaden werden sollen, protestieren, Gleichzeitig sollen, falls die Regierung auf ihrem Widerstand beharrt, 'Massenunterschriften ge­fummelt werden, die zum Austritt aus bet Landeskirche auffordern. Es sollen hierzu nahe-u 200 Personen ihre Bereitwilligkeit erklärt haben." Was hat denn die Oberrealschule mit der Landeskirche zu tun?

* Meiningen, 15. Febr. 1910. Mit 15 ge­gen 9 Stimmen hat der Landtag die Eingabe, die den Herzog ersucht, sein Steuerprivileg aufzugeben und die Einnahmen aus den Do­mänen zu versteuern, angenommen.

* Limburg a. d. L., 16. Febr. 1910. Die hiesige von Dernbacher Schwestern geleitete Marienschule ist durch Erlaß vom 9. Februar durch das Kasseler Provinzial-Schulkollegium als zehnklassige höhere Mädchenschule im Sinne der Bestimmungen vom 18. August 1908 anerkannt worden. Im Anschluß daran hat der Kultus­minister die Errichtung eines Lyzeums an der Marienschule, bestehend aus drei wissenschaftlichen Fortbildungs»Klassen und einer Frauenschule in zwei Jahrgängen, genehmigt und zugleich seine Einwilligung zur Errichtung eines einjährige» pädagogischen Kursus, der Ostern 1912 ins Lebe« tritt, zugesagt.

Aus öem Nachdargebiete.

* Frankfurt a. M., 14. Febr. 1910. Im hiesigen Hauplbahnhof stießen Jieute früh zwei Rangier züge zusammen. Führer und Heizer der einen Maschine trugen erhebliche Verletzungen davon. Der Materialschaden ist gering.

* Offenbach a. M., 14. Febr. 1910. In den Kalkwerken von Grix hier wurde beim Sprengen der Gesteinsmassen ein Arbeiter ver­schüttet und so schwer verletzt, daß er nach kurzer Zeit starb.

* Wiesbaden, 16. Febr. 1910. Vor der Straf­kammer gelangte gestern der Prozeß gegen den freireligiösen Prediger Welker von hier wegen Gotteslästerung, Beschimpfung der katho­lischen Kirche und Beleidigung des katholischen Pfarrers Diefenbach in Rauenthal sowie des bischöf­lichen Ordinariats zu Limburg zur Verhandlung. Nach der Anklageschrift handelt es sich um folgen­des: In Rauenthal starb im vorigen Frühjahr ein Katholik, dem Pfarrer D., weil er feinen kirchlichen Pflichten nicht nachkam, das Geleit bei der Be­erdigung verweigerte. Welker nahm die Beerdigung vor "und behandelte diesen Fall ausführlich in seiner Zeitschrift ..Es werde Licht" und liest dann diesen Artikel in Rauenthal Haus für Haus verteilen. Er nennt darin die katholische Kirche eine Mördergrube, ein Seelenzuchthaus, ihren Gott ein schreckliches Ge- penst und ihre Religion eine Afterreligwn. Die Anklage stützte sich vor allem auf den Satz: „Katholiken Ranenthals, können Sie wirklich glauben, daß der Priester aus einem Teigbrocken einen Herrgott machen kann? Wenn Sie als gläu­bige Katholiken hinter der Monstranz durch die Straßen ziehen, dann ist der Teigbrocken immer noch ein Teigbrocken, und an einer so unwürdigen, den gesunden Menschenverstand beleidigenden Gaukelei wollen Sie teilnehmen und damit knnd- tun, daß Sie in einem Priester wirklich einen Gott­fabrikanten sehen!" Dem bischöflichen Ordinariat zu Limburg schickte W. diese Nummer zu und for­derte für 5 Pfg. pro Zeile zur 'Mitarbeit auf. Im Termin im Dezember v. I. bestritt der Angeklagte, die katholischen Einrichtungen überhaupt getroffen zu haben, er habe nur das katholische Dogma ge­troffen, das durch den § 166 (Gotteslästerungs­

Aus!and.

** Im englischen Ministerium ist der bisherige Handelsminister Churchill zum Minister des Innern an Gladstones Stelle, Buxton zum Handelsminister, Pease zum Kanzler des Herzogtums Lancaster, Her­

vermischtes.

* lieberfällig ist der belgische Dampfer „Bnlgaria". Das Schiff wurde am 5. Februar an der spanischen Küste gesichtet. Es hätte also am 9. oder 10. Fe- btuar bereits in Antwerpen ankommen müssen. Doch fehlt bisher von ihm jede Nachricht.

* * Gestrandet ist die Bark „tzaupesnnd" au8 Christiania nordwestlich von Helgoland. Da- Schicksal der Mannschaft ist unbekannt.

^ayres-Bericht der Handelskammer zu Hanau für das Jahr 1909»

in.

In der Entwickelung unserer Schutzgebiete nahmen die Diamantenfunde in Deutsch -Siid- westafrika unser besonderes Jntereste tn Ax\- spruch, weil Hanau als bet Hauptsttz der deutschen Diamantschleiferei und feinsten Juwelenbtjouterre be­zeichnet werden darf.

Von der fortschreitenden K a r t e l l b e w e g u n g, welche auch im Berichtsjahre wieder in besonderem Maße die Textilbranche betraf, interessieren vom Standpunkte unseres Handelskammerbezirks nament­lich die Begründung einer deutschen Schuhstoffkonven- tion mit Dauer bis zum 31 August 1914 und die Ver­längerung der Vereinigung deutscher Steingutfabriken auf weitere fünf Jahre. Die Konzentration im Bank­gewerbe hat sich 1909 insofern auf unfern Bezirk er­streckt, als in Hanau und Fulda auswärtige Groß­banken durch Uebernahme bestehender Bankhäuser Filialen errichteten. Die am 1. Oktober 1908 in Wirk­samkeit getretene neue Spirituszentrale ist durch das neue Vranntwemsteuergesetz in ihrer Monopolstellung sehr erheblich verstärkt worden. Mit der Inbetrieb­nahme des Kaliwerkes Neuhof bei Fulda ist in den besonderen Interessenbereich unserer Handelskammer auch das Kalisyndikat einbezogen worden.

Auf dem Gebiete der Sozialpolitik ist für Deutschland das wichtigste Ereignis des Jahres 1909 )ie Veröffentlichung des Entwurfes einer Reichsver- icherungsordnung zu betrachten-

Von großen Arbeiterbewegungen, wie z B. Schweden, ist Deutschland, abgesehen von dem Streik der städtischen Arbeiter in Kiel, der Bauhand­werker in Berlin und Hamburg und von dem Streik im Marisfelder Bergrevier, verschont geblieben. Ver- reicynen möchten wir hier noch den Zusammenschluß der beiden gtoyeit Atr^rn-gani^ionen der deutschen Arbeitgeberverbände outet) einer Kartellvertrag zur ge­meinsamen Lösung bestimmter Aufgaben der Organi­sation, der Abwehr und des Schutzes.

Von Handel und Industrie im Handelskam­merbezirk selbst ist zunächst die Edelmetall­ware n-Fabrikation und deren Hilfsge­werbe zu erwähnen. Nach dem empfindlichen Rück­schlag der Konjunktur, welchen die Hanauer Edelme­talindustrie mit dem Herbst des Jahres 1907 betroffen und fast unverändert das ganze Jahr 1908 hindurch angehalten hatte, hat sich eine allgemeine Besserung auch im Berichtsjahre noch nicht vollzogen. Zwar wa­ren die Diamantschleiferei und manche Betriebe der Silberwaren- und der feinen Bijouteriefabrikation, auch im Sommer normal und vom Herbst ab sogar stark beschäftigt; aber in anderen Zweigen, nament­lich in der Kettenfabrikation, dauerte die seither beob­achtete Geschäftstockung noch etwa 9 Monate des Jah- 1909 hindurch fort, um erst im Herbst einer leb’ -ei«* " 'chfrage zu weichen- Diese Zweige haben

-'her Dis " den Spätsommer hinein, um nicht ihre Arbeiter verdienstlos werden zu lassen, mit verkürzter Zeit gearbeitet und zum Teil auch noch auf Lager, was für die beteiligten Unternehmer mit nicht geringen Opfern verbunden war. Vom Oktober ab mußte dann durchweg mit zwei Ueberftunben gearbeitet wer­den; jedoch ließ der Ausfall sich durch -das Herbst- und Weihnachtsgeschäft nicht ganz ausgleichen.

Seit Einführung des Tabaksteuergesetzes von 1879 ist für die gesamte deutsche Tabakindustrie das Jahr 1909 wohl das denkwürdigste und bewegteste geworden. Nach den Beschlüffen des Reichstaacs trat zu der bisherigen Gewichtsbesteuerung bezw. Verzoll­ung verhältnismäßig überraschend und praktisch jeden­falls als vollständiges Novum ein hoher Wert zoll- Zuschlag hinzu, und sein Inkrafttreten am 15. August

»scheint tägltcp mit Aurnahile der Sonn« und Rtitttage. viertel­jährlicher Bezugspreis ohne B.ingerlohn und BesteÜa.'ld in Zulda fo= rott ai -wärt? 1 50 IHf.

ü. Donnerstag uen b. Februar 1910

mußte für die Tabakindustrie von umso größerer Be­deutung werden, als das Einleben in die völlig neuen Verhältnisse besonderen Schwierigkeiten begegnet, weil unter der Einwirkung der allgemein wenig gün­stigen Wirtschaftslage die Verteuerung der Tabakkon- fumartikel naturgemäß schwerer aufgenommen werd, als dies in Zeiten aufsteigender oder doch normaler Konjunktur der Fall gewesen wäre- In der Z i g a r- renfobritation hielten seit Beginn des Be­richtsjahres sich Gang und Umfang der Produktion ziemlich auf der seitherigen Höhe, ebenso der Absatz In der kurz bemessenen Zeit von der Verabschiedung des neuen Steuergesetzes bis zu seinem Inkrafttreten setzte bann aber eine so enorme und mit jedem Täg­lich steigernde Nachftage nach fertiger Ware ein, daß die Fabriken ihr nicht voll zu genügen vermochten. Auch wegen der vielfach unzureichenden Kredit- und Zahlungsverhältniffe in der Ztgarrenbr-mche lc vorsichtige Fabrikanten sich in der Lieferung Be­schränkungen auf, da infolge der allgemeine!, Speku­la tionskäufe offensichtlich von manchen Händlern nicht mit derjenigen Vorsicht eingekauft wurde, welche die Höhe ihrer Betriebsmittel erfordert hätte.

Als Wirkung der neuen Tabaksteuer ist sofort nach ihrem Inkrafttreten am 15. August eine allgemeine Geschäftsftille eingetreten. Nachdem bas neue Tabak- steuergesetz feit über vier Monaten in Kraft ist, läßt sich ivohl annehmen, daß ein größerer Teil der zu alten Preisen eingekauften Vorräte inzwischen ge -•mmt ist. Der normalen Entwicklung des Absatzes steht indeffen vor Allem im Wege, baß sich der größi Teil der Hänbler und Raucher in den mittleren und besseren Preislagen ablehnend verhält gegenüber den durch bas neue Steuergesetz bedingten erhöhten Prei­sen. Infolgedessen hat die anfängliche Absicht des größten Teiles der Fabrikanten, die alten eingeführ­ten Macken zu erhöhten Preisen weiterzuführen, sich als nicht durchführbar erwiesen, und man sieht sich vielmehr genötigt durch Darbietung neuer Fassons und Qualitäten in den früheren Preislagen bie Wunsche des Publikums zu befriedigen- Die Preise für R o h- tabak für Zigarren- und Einlagezwecke waren ziem­lich hoch, bewegten sich während des ersten Halbjahres aber im allgemeinen auf normaler Linie; steigerten sich aber bedeutend im zweiten Halbjahre.

Die Arbeitsverhältnisse in der Tabak­industrie waren zunächst im allgemeinen die gleichen wie im Vorjahre, und die Löhne hielten sich bei aller­dings steigender Tendenz ziemlich auf der seitherigen Höhe. Die vorhandenen Arbeitskräfte konnten voll beschäftigt werden. Nach Bekanntwerden des neuen Steuergesetzes aber mußte die Arbeitszeit aufs äußerste ausgenutzt und mit Ueberftunben gearbeitet werben. Jeboch hat bie Ueberarbeit verhältnismäßig nicht die­jenige Produktionssteigerung gebracht, welche nach Be­rechnung der Zeit sich hätte ergeben muffen; denn über bie regelmäßige Arbeitszeit hinaus sei eine gewisse Abspannung bei ben Arbeitern nicht zu verkennen ge­wesen. Nach bem Inkrafttreten bes Steuergeseyes bewickle der starke Rückschlag, daß die Fabrikanten sich genötigt sahen, entweder Arbeiter zu entlassen oder mit erheblich beschränkter Arbeitszeit zu produ­zieren. Im Interesse ihrer Arbeiter und, um sich ihren Arbeiterstamm zu erhalten, haben die meisten Fabriken unseres Bezirks sich nur zu letzterer Maß­regel entschlossen- Immerhin bedeutet dies eine stacke Verdiensteinbuße für die Arbeiter, zumal die gesetzlich vorgesehene Entschädigung mir bis zur Ergänzung auf 34 des bisherigen Lohnes gewährt wird. Ob sich unter den veränderten Verhältnissen eine dauernde Einschränkung der Arbeitsgelegenheit Herausstellen wird, muß abgewartet werden.

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Monakbellager „Fuldaer Seschkchtzhlatter Zernfprecher Ur. 9.

^ebranömarät.

lljRoman von G. Freifrau von Schlippenbach.

Der niedere Zaun war halb zerfallen, die Kreuze waren sckicf, die Gräber waren eingesunken, dürre Blätter und hohes Riedgras deckten die Stätte, bie verwahrlost unb ungepflegt erschien.

Sieben bem oerronterten, einfachen Holzkreuze, das den saft unleserlichen Rainen der Freifrau von Pfeileck wug, pand am anderen Tage Rottraut und blickte auf den Hügel der das Wesen barg, welches sich nie ganz erjeVen laßt, welches uns mit einer Liebe liebt/ der keine andere gleichkomnit.

Sie fmete nieder und suchte bas wirre Gras und das Laub zu entfernen, um ein Plätzchen für die Blumen zu finden, die sie im Garten der Pfeilburg gepflückt hatte. Friebrich war auf ihren Befehl zurück­geblieben, sie wollte hier allein sein

Plötzlich ließ ein schrilles Lachen sie auffahren- Auf einem der Nebengräber hockte eine seltsame Gestalt, den Oberkörper hin- und herwiegend, während sie leise vor sich hinniurmelte. Unordentliches, graues Haar flatterte um ihr raubvogelartiges Gesicht, und tiefliegende, schwarze Augen blickten mit einem irren Ausdruck auf Rottraut.

„Hi, hi, hi!" kicherte sie, „nun ist der „wilde Bfeileck" endlich tot; der Totengräber wird bald sein Grab graben. O! ich kannte ihn gut, den schmucken Runter Günther Erich! Wie ein Marder schlich er 1!’ mein bildsauberes Täubchen, die Anne-Liese. Ich Jr?e r« grün unb blau geschlagen; sie aber wollte W bäten, bis bas Unglück kam und man sie aus dem d-e herauszog."

Irre sprang auf und hob die hageren Arme pulagend gen Himmel Dann schrie ste mit heiserer stimme.

»Fluch üoe k-m „wilden Pfeileck", der mein ein= »ge3 Kind « den Tob trieb! Fluch über ihn in alle Itmcrfeil!"

J5ie wellte auf Rottraut einbringen, diese wich gegen ben morschen Zaun zurück- Tie Wahn­

sinnige schlug ein helles Gelächter an unb beugte sich übet bas Kreuz bet Freifrau

„Ja, Du warst gut", sagte sie. „Du kamst unb brachtest mir ein warmes Tuch, unb als sie Dich hier begruben, hat bie Karoline ein Vaterunser für Dich gebetet unb Dir später oft Blumen gebracht"

In diesem Augenblick erschien der alte Michel, der das Amt des Totengräbers versah, mit seiner Schau­fel. Erleichtert atmete Nottraut auf. Beim Anblick des Alten kreischte die Irrsinnige laut und sloh in lan­gen Sätzen davon

„Das ist so ihre Art", erzählte Michel, „ste ftitch- tet sich vor mir, seit ich das Grab ihrer Tochter gegra­ben — dort am Zaune liegt's, wo bie Selbstmörder ruhen"

Er beutete nach links, bann stutzte et sich auf sei­nen Spaten unb fragte:

Soll ich hier bidjt nebenan für ben „wilben Pfeil­eck" graben ?"

Rottraul bezeichnete ihm ben Platz unb sah bet traurigen Arbeit zu, bie Michel mechanisch verrichtete-

„Ist es wahr, was bie alte Karoline erzählte?" fragte sie mit gepreßter Stimme „Hat ihre Tochter sich deshalb in den See gestürzt, weil — weil" sie stockte und Leichenbläffe bedeckte ihr Gesicht.

„Ja, wahr ist's! Es gibt mehr als einen auf dem Grund und Boden der Pfeilburg, der ungern seiner gedenkt. Dem Neuhubet hat er die Pacht gekündigt, weil er zu wenig zahlte und hat ihn aus dem Hause getrieben, obgleich bie Frau des Bauern einer schwe­ren Stunde entgegensah. Vor Schreck ist sie totkrank geworben; das Kind ist gleich nach der ©eburt ge­storben und sie selber ist seitdem siech und elend ge­blieben. Den Anton Zacher hat er prügeln lassen, weil er ihn auf einem kleinen Holzdiebstahl ertappte; der arme Kerl lag später lange krank und seine Frau und die vier Kinder mußten um ein Stückchen Brot betteln gehen. O! ich könnte Euch noch mehr erzäh­len von der Zeit, als der Junker hier hauste."

„Genug, genug", bat Nottraut zitternd. „Ich will «s nicht Horen"

Sie floh wie gehetzt davon. Michel kratzte sich den

struppigen Kopf, wie wenn ihm plötzlich ein Licht auf- ninge.

„Sollte bas vielleicht bes „wilben Pfeilecks" Toch­ter sein?" murmelte er nachdenklich. „Na, es kann schließlich nichts schaden, wenn sie Höri, wie ihr Vater uns zugesetzt bat", tröstete er sich. „Vielleicht nimmt sie sich eS zu Herzen unb wirb uns eine bessere Her­rin"

Tiefgebeugt unb niedergeschlagen kehrte Rottraut heim. Wie ein Alp lag es aus ihrer Brust und still­schweigend getobte sie sich, soviel wie möglich bas Un­recht gut zu machen, das der Verstorbene über Land und Leute gebracht hatte, und den Fluch in Segen zu verwandeln- 7''''

Als sie bie Freitreppe emporstieg, kam Ursel ihr mit einem Briefe in der Hand unb einem Bund gro- f er Schlüssel entgegen Beides überreichte sie ihrer Herrin.

„Der Reitknecht des ®raten brachte dieses unb wartet auf Antwort", flüsterte bie Alte geheimnis­voll.

Rottmut öffnete den Brief unb las:

„Gnäb'ge Baronesse! Ueberbringer dieses Briefes bat den Auftrag, Ihnen die Schlüssel zum Erbbegräb­nis abzuliefern. Es ist das Recht eines jeden Pfeil­eck, dort seinen Platz zu beanspmchen.

Hartwig, Graf von Pfeileck-Grafenhorst.

Oktober, 18 . •"

Ein Gefühl, das sich nicht beschreiben läßt, kam über Rottraut Wie eisig klangen die wenigen Zeilen. Alles in ihr empörte sich gegen den Schreiber „Es ist das Recht eines jeden Pfeileck. dort seinen Platz zu beanspruchen", wiederholte sie halblaut. „Ich will dieses Recht nicht beanspruchen — und — mein Va­ter kann nicht neben den Männern ruhen, die den alten guten Namen fleckenlos hielten."

In bitterer Scham beugte sie das stolze, junge Haupt ttef zu Boden, wie wenn eine unsichtbare Bürde auf ihr lastete. Darauf warf sie folgende Zei­len auf das Papier:

„Herr Graf, ich sende Ihnen die Schlussel zurück,

ohne von meinem Recht sur den Freiherrn Günthq Erich Gebrauch zu machen-

Freiin Rottraut von Pseileck-Pfeilbnrg.

Oktober 18 . "

Dann ließ sie Friedrich rufen. dieser erschien, befahl sie ihm, den Brief und die schlüssel dem Reit» knecht aus Grafenhorst zu geben.

Der Herostabend sank hernieder. Friedrich hatte einige Holzscheite tut Kamin des Eckzimmers angezün- bet, Rottraut saß auf einem niedrigen Sessel und blickte sinnend in die Glut, die einen flackernden Schein auf ihr cmfteS Gesicht warf, während das übrige Gemach in tiefe Schatten gehüllt war.

Wie würde sich jetzt ihr Leben gestalten? Würde sie hier bleiben? Welche Kämpfe waren ihr Vorbehal­ten? Wenn es ihr nur glückte, Willis das dunkle Verhängnis zu verbergen, das ihr Leben getrübt! Wenn die Schwester doch nie so traurige Erfahrungen zu machen brauchte, die ihr die Unbefangenheit unb den kindlichen Frohsinn raubten, die den holden Zau­ber ihres Wesens bildeten- Unberührt toie eine Blume war sie erblüht — wenn nun ein Reiffrost sie be­rührte, sie vielleicht knickte — den Liebling der älteren Schwester!

Am peinlichsten war Rottraut der Gedanke, daß sie notgedrungen eine Unterredung mit Hartwig haben mußte. Er hatte ja die verworrenen Geschäfte gelei­tet, sie mußte einen Einblick in dieselben erlangen, um ihre Bestimmungen zu treffen Wie eine Wohltat er­schien es ihr, baß ihr fast noch zwei Tage bis zu die- fern Augenblick blieben. Erst wenn ihr Vater beer- bigt war, wollte sie den Grafen herüber bitten lassen.

Näher kommende Schritte unterbrachen sie in ihrem Grübeln. Ursel war es, die sich ihr mit einem halb verlegenen, halb glücklichen Gesicht näherte.

„Was gibts, Ursel?" fragte Nottraut mit jener müden Stimme, die ein? Folge großer Gemütsbeweg­ungen ist und die besser als alles andere von der Trau­rigkeit des Herzens spricht.

„Fraulein Trautchen, der Herr Baron aus Ties fenhall ist da und wünscht Sie zu sprechen." r' (Fortsetzung foU>*'