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37. Jahrgang

Fulda, Samstaa den 12. Februar 1910

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geordnete n, der in der Regel schon vor der Wahlhandlung von dem Parteikomitee in Vorschlag gebracht worden ist Der Abgeordnete ist nicht da- Geschöpf der Wahlmänner, sondem die Wahlmänner sind auf den Namen der Abgeordneten gewählt mit dem bindenden Auftrage, diesem Manne den Weg ins Parlament zu bereiten.

Es darf nicht übersehen werden, daß das Interesse für die Wahl und also die Wahlbeteiligung beträcht­lich gehoben wird, wenn jeder Wähler sich befähigt sieht, selbst dem erstrebten Abgeordneten unmittel­bar seine Stimme zuzuwenden. Bei dem gegenwär­tigen Verfahren sagt sich mancher Wähler: „Warum soll ich zum Wahltermin gehen? Aller Wahrscheinlich­keit nach kommen in unserem Urwahlbezirk die und die Wahlmänner durch. Ob sie eine Stimme mehr oder weniger erhalten, ist gleichgültig und bleibt un­beachtet. Und wenn ich in der Minderheit bleche, so geht meine Stimme erst recht sang- und klanglos in den vier Wänden unseres kleinen Wahllokales unter." Aber bei der direkten Wahl weiß der Wähler, daß seine Stimme von den Zufälligkeiten in seinem engeren Urwahlbezirk nicht erstickt werden kann, daß sie bei der Gesamtaufrechnung des Ergebnisses für den Wahlkreis zur Geltung kommt und daß sie auch im Falle der Uebereinstimmung durch die anderen Parteien noch ihren Wert behält als Beitrag zu der Abmessung der Stärke der eigenen Partei.

Zur Wahlrechtsvorlage.

De Bildungs- und Berdienstvorrechte, die die neue preußische Wahlrechtsvorlage schafft, sind das einzige Mittelchen, das der persönlichen Würdigkeit etwas Geltung gegenüber dem Geldbeutel verschaffen

Erscheint täglich mit Aufnahme der §o.m- nildKeterta-e. Viertel» jährliche* v«s«gspreir ohne vringertohn und vepeLseldtnzuidasd» wiea»rwärtrl.S0M.

Verantw. vedaktenrr ««N Schütter fSr die Anzeigen:

Z.ParzeSer in S«lda.

könnte während an sich der Vermögensstand als herr­schender Maßstab erhalten bleibt. Wer schon nach sei­nem Vermögen in die 2. Klasse gehört, kann natürlich nur um eine Stufe hinaufrücken. Der würdige Wähler der 3. Klasse könnte steilich, bet einer Häufung von guten persönlichen Eigenschaften, allenfalls um zwei Stufen, also über die 2. Klasse hinweg in bte erste rücken- Aber bi» zu einem solchen Grade das Verdienst über den Geldbeutel zu setzen, ging doch den Verfassem der Wahlreform gegen den plutokrati- scheu Strich. Den Sprung von zwei Stufen ha­ken sie sorgfältig ausgeschlossen. Und oben­drein haben ste noch die Klausel beigefügt, daß die Inhaber der Befähigung zum einjährigen Dienst nur dann von der 3- in die 2. Klaffe gelangen können, wenn ste außer ihrer Bildung auch noch mehr als 1800 Mark steuerpflichtiges Einkommen haben. Das Alter, das als Gewähr einer größeren Erfahrung und Besonnenheit entschieden Berücksichtigung ver­dient, wird bei dem System der Vorlage nur inso­fern herangezogen, als man den Leuten, die wegen ihrer höheren Bildung eine Stufe hinaufspringen könn­ten, eine zehn- oder sogar eine 15jährige Wartezeit auf erlegt. Der Familienstand wird gar nicht berück­sichtigt.

Das sind noch nicht die schlimmsten Mängel des vorgeschlagenen Ausrückungsverfahrens. Das aller- traurigite ist die raffinierte Verklausulierung der Auf- rückungsgründe, die bekanntlich darauf hinausläuft, daß in der Regel nur Beamte, welche die Staats- prüsiing bestanden oder wenigstens die Bestätigung der Regierung in den kommunalen Ehrenämtern erhalten haben, zum Auftücken kommen. Für den Militäran­wärter ist die Erhöhung vorgesehen, sogar bei der geringen Wartezeit von 5 Jahren; für den Privat- gelehrten. Künstler, Schriftsteller, hochgebildeten Ge­schäftsmann nicht, es sei denn, daß diese Herren sich in ihrer Jugend den Luxus der Staatsprüfung gelei­stet haben.

Eine gewisse Ausnahme scheint die Begünstigung der Inhaber des E i n j ä h ri g-F r e iw il l i g e n- Zeugnisses zu bilden. Auf den ersten Blick könnte man glauben, daß dadurch hunderttausende in eine höhere Klasse gelangen würden . Aber die Wirkung wird gering sein. Der Mann mit der Einjähttgen- Bildung kann nämlich höchstens von der 3. in die 2. Klaffe versetzt werden, und zwar nach 15jähttger War­tezeit, im Alter von 30 bis 40 Jahren- Die „Ein­jährigen" stammen aber in ihrer großen Masse aus den besser gestellten Familien und werden in der Regel im dritten Jahrzehnt ihres Lebens schon ein Ein­kommen haben, das ihnen sowieso den Eintritt in die 1. oder 2. Klasse sichert. Die wenigen Zurückgebliebe­nen reichen nicht aus, um dieser Vergünstigung einen reellen Wert als Gegengewicht gegen die Plutokratie zu geben.

X Direkte Wahl der Wahlmänner? Man sollte denken, diese Frage sei längst erledigt und endgülttg zu Gunsten der unmittelbaren Wahl der Abgeordneten entschieden. Aber nun bringt die „Deutsche Tages­zeitung" einen langen Artikel, der entschieden das bis- hrrige indirekte Wahlverfahren verteidigt, das Zwi­schenglied der Wahlmänner beibeballen wissen will. Es ist gut, sich über die Bedeutung dieser Frage klar zu werden.

Die Behauptung, daß die Zwischeninstanz der Wahlmänner „sich überlebt" habe, ist nicht so schlecht begründet, wie die „Deutsche Tagesztg * glauben ma­chen will. Früher mag der Wahlmann der zu freier Entschließung besiegte Vertrauensmann seiner Bezirks- unb Klassengenossen gewesen fein- Im Fortgänge der politischen Bildung und Organisation des Volkes ist er herabgesunken zu einer Dienstmanns-Stellung. Die Wähler kümmern sich gar nicht um den Namen des Wahlmannes, sondern nur um den Namen des Ab-

wochaibeiws«:„^llusttiette Soimtagrzeitung"

fequent weiter vorwärts, und zahlreiche Liberale im Lande wollen diese Entwickelung nicht mitmachen.

Im R e ich S t a g e hat der deuffch-amerikanische Handelsvertrag ohne vorhergehende Debatte die Zu­stimmung der Mehrheit gesunden. Daß der Vertrag von der deutschen Vollsvettretung nicht in geordne­ter Weise vorher besprochen werden konnte, ist eine Folge der amertkanischen Rücksichtslosigkeit, die der deutschen Regierung ihre Vorschläge viel zu spät un­terbreitete. Diese amerikanische Unverschämtheit schließt sich dem sonsttgen Verhalten der Amerikaner würdevoll an und es muß doch die Frage aufgeworfen werden, wann denn solchem amerikanischen Vorgehen endlich einmal ein Halt entgegen gerufen wird. Auch bei dieser Gelegenheit kann man die Bemerkung nicht unterdrü­cken, daß Deutschland in derarttgen Fällen und Ver­hältnissen nicht mit der festen Entschiedenheit vorzu­gehen scheint, die der Kraft und der Würde des Deut­schen Reiches angemessen find.

Die Alldeutschen von Rheinland und West­falen hatten eine Eingabe an den Reichskanzler ge­macht, in der sie das Auswärtige Amt in Gmnd und Boden verdonnerten, und „ganz ergebenst" mitteilten: sie feien der maßgeblichen Ueberzeugung, daß das Auswättige Amt fortgesetzt große reichsdeutsche In­teressen schädige; daran war die im Grunde nicht mehr „gehorsamste" Frage geknüpft: wie lange er, der Kanzler, solches schädliche Gebaren denn noch mit seiner Verantwortlichkeit decken wolle? Woraus Herr v Bethmann-Hollweg die Resolutton an der Alldeut­schen beseitigen Obersten, einen Mainzer Rechtsan­walt, zurückgesandt und sie „unverantwottlich", „un­würdig" und „beweislos" genannt hat. Dergleichen Skripta lehne er ab entgegenzunehmen. Das war energisch vom Herrn Reichskanzler, und man muß der „N. Hamb- Zig." zusttmmen, wenn sie auch künftig gegenüber diesen Geschästshubern des Nationalismus Energie wünscht. Sie verdienen's nämlich und ste können, wenn man sie weiterhin streichelt und mit Sammethandschuhen anfaßt, geradezu zu einer natio­nalen Gefahr werden- Diesen Dilettanten aller Po­litik stellen sich die Beziehungen in der Staatengesell- sckaft etwa bar tote Studenten vom ersten bis vierten Semester die Eouleurverhältniffe einer kleinen Univer­sität. Sie find immer aufgeregt: immer drauf und dran, ins Nachbarland hineinzurufen: „Meine Her­ren. haben Sie uns vielleicht schief angesehen? Wo­hinter bann, toentastens soweit die zum Sprechen und Lärmmachen benutzbaren (und auch ausgiebig b<nuh- ten) Organe in Betracht kommen, die forsche Bereit­willigkeit lauert, den bösen Nachbar sofort auf Ma­schinengewehre und Kanonen zu fordern. Bon den großen wirtschaftlichen Zusammenhängen, die in Wahrheit heute die Geschicke der Well bestimmen, lebt diesen Herrschaften auch keine Ahnung. Ebenso wie ihnen jede Fähigkeit fehlt, zwischen Großem und Klei­nem, Beträchtlichem und Unbeträchtlichem zu scheiden.

In Griechenland hat man beschlossen, eine Nationalversammlung zu berufen, zu der kretische Ge­sandte zwar nicht eingeladen, wohl aber aufgenommen werden sollten; die Folge war ein heftiges Aufbegeh­ren in der Türkei, welches dahin führte, daß die Ent­entemächte die Kreta-Angelegenheit von neuem ganz in ihre Hand nahmen, sodaß für die nächste Zukunft wieder jene alten Verhältnisse vorliegen: solange die Schuhmächte mit gelindem Druck die bestehenden Ver- hältnisse auftecht erhalten, wird der Friede am Bal­kan dauern.

Deutsches Reich.

(♦) Die Imparität protestantischer Stadwerwal- tungen zeigt sich auf dem Gebiete des höheren Mäd­chenschulwesens. Nach dem Kunze-Kalender, Jahrgang 1909, sind von den angeführten 170 (Ira Vorjahre 152) Direktoren nur 6 (3) katholisch. Diese sechs sind alle im Rheinland angestellt. In sämtlichen übrigen Provinzen findet stch an keinereinzigen öffentlichen höheren Mädchenschule ein katholischer Direktor, im katholischen Rheinland aber neben den 6 Katholiken 21 (20) evangelische Direktoren! Untre den 571 (446) Professoren und Oberlehrern sind nut 59 (25) katholisch, davon 35 (15) im Rheinland. In Ostpreußen, Berlin, Pommern, Sachsen, Schleswig- Holstein, Hannover sind überhaupt keine katholischen Oberlehrer angestellt, im Rheinland neben den 35 Katholiken 50 (48) Evangelische! Die Stadt Berlin hat außer 41 evangelischen Oberlehrern zwar 3 Is­raeliten, aber keinen Katholiken!

* Sozialdemokratische „Kulturarbeit". In einer Broschüre: „Francesco Ferrer, ein Kapitel der Reaktion und Inquisition", die in sozial­demokratischen Kreisen massenhaft verbreitet wird, kommt folgende Stelle vor, die man sich wohl merken soll:

„Allerdings gingen ein paar Dutzend Kirchen und Klöster in Flammen auf und dienten jo, als ihr Feuer den Nachthimmel von Barcelona erhellt, zur Beleuchtung, statt zur Verfinsterung der Massen; . .. es ist eine hundertfach grüße re Kulturarbeit, eiueKirch e niederzubrennen, als eine Kirch» auf Hub au en."

Trotzdem haben natürlich die Sozialdemo­kraten nichts gegen die Religion.

Karlsruhe, 11. Febr. 1910. Die Beratungen über den Kultusetat, die in früheren Jahren ein ober zwei Wochen bauerten, sind diesmal im Land» tag in zwei Stunden zum Abschluß gebracht worden. Doch bot die Debatte manches Interessante. Der so- zialdemokratische Abg. Kolb machte sich das Ver­gnügen, die kirchenfeindliche Gesinnung der Sozial­demokratie zu bestreiten- Die Sozialdemokratie ver­trete jederzeit bett Grunbsatz, daß bte Religion Pri­vatsache sei. Als ber Abg. Zehnter (Zentr.) den Sozialdemokraten die zahlreichen Runbgebungen so-

wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 11. Februar 1910.

DaS ruhig fließende Bächlein volitischer Erörte­rung ist ganz vlöhlich in einen gewaltigen Strom ver­wandelt worden. Die WahlrechtSresorm für Preußen hat die Gemüter allüberall gründlich aufge­rüttelt So allgemein wie bei dieser Frage war die politische Erörterung seit langem nicht mehr. Im erben Augenblick erweckte die Haltung bet Presse aller Parteien den Eindruck, daß diese Reformvorlage ket- nerlei Aussicht auf Annahme habe. Nach und nach aber hat es sich gezeigt, daß man mit sich handeln lassen will. Damit ist das Schicksal der Vorlage in dichten Nebel gehüllt, denn auch die 1. Beratung im Plenum des Abgeordnetenhauses nicht lösen konnte. Wie üblich sagten die Parteiredner bei ber Gelegenheit nichts bin­dendes, und zweitens ist es nicht üblich, etwas, was bei ber Gelegenheit gesagt wird, als allzu zuverlässig anzusehen Es ist selbstverständlich, daß die Vorlage den Wünschen keiner Partei im ganzen entspricht. Aber gut gewillte Parteien und Politiker werden doch aner­kennen, daß sie trotz aller einzelnen Mängel und Fehl­griffe eine Grundlage für die künftigen Verhandlun­gen bieten kann. Und so iverben alle Parteien, die auf den Titel einer staatserhaltenden Partei Anspruch ma­chen wollen, in eine sachliche Erörterung ber Vorlage eintreten unb nach bestem Wissen und mit Maß die­jenigen Bestimmungen der neuen Vorlage abzuändern bestrebt sein, die das nach den jeweiligen Parteistand­punkten nötig haben. Eine ber wichtigsten Bestimmun­gen ber neuen Vorlage ist bekanntlich bte, daß die Abstimmung auch in Zukunft eine öffentliche fein soll. Vonseiten bet Regierung ist zur Begründung dieser Oeffentlichkeit ber Wahl barauf hlngetoiesen worden, daß auch die geheime Abstimmung nicht gegen Terro­rismus unb Beeinflussung schütze; unb ferner, daß in kleineren Orten die Abstimmung ber Wähler ber !• Klasse eben doch bekannt werben würde, unb daß man lonfequentertoelfe diese Wähler ber ersten Klasse ge­gen bie Wähler ber anderen Klassen nicht zurücksetzen dürfe. Man hätte ferner dafür anfuhren können, daß es ber Würbe eines deutschen Mannes entspreche, seine Ueberzeugung offen unb frei, ohne Furcht unb Heimlichkeit zu bekennen, nicht aber mit seinem Stimmzettel wie ein Dieb in ber Nacht durch Heim­lichkeiten dahinzuschleichen Aber es handelt sich biet eben um politische Dinge, um Dinge, bei denen sich mit idealen Gesichtspunkten und einer übertriebenen Konsequenzenreiterei nicht viel anfangen läßt. Schließ­lich hat jedes Wahlrecht seine Vorzüge, aber auch seine Schattenseiten. Und da kommt es also darauf an, ein solches Wahlrecht zu schaffen, bei dem die Vorzüge noch Möglichkeit überwiegen- Unb betrachtet man bie Sache so, unb hält man bie Abhängigkeit weitester Volkskreise von politisch Andersdenkenden baneben, so wirb man unbedingt zu dem Schluffe kommen müs­sen, daß bie Art ber Abstimmung derjenige Punkt ber neuen Vorlage sein wirb, in dem eine Abänderung bet Regierungsbestimmung unbedingt durchgesetzt wer­den muß.

Die konservative P a r te i hat vor gut acht Tagen in Hildesheim ihren Parteitag für bie Provinz Hannover abgehalten, ber bewiesen hat, daß bie Kon­servative Partei mit erneutem Nachdruck auch in den westlichen Provinzen Anhang suchen wirb. Es ist zweifellos, daß ein großer Teil der rechtsliberalen Wähler, die bisher zur nationalliberalen Partei stan­den, sich in Zukunft mehr und mehr den konservativen Parteien zuwenden werden. Denn die Entwicklung ber nationalliberalen Partei nach links hin geht kon-

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Verlag der Zuldaer Hk> tiendruckerei ht .Hulda monatsbenage: „Fuldaer Geschichtrblätter" ZernsprecherNr.».

Unpolitische Zeitlaufe.

(N.) Berlin, 10. Februar 1910.

(Nachdruck berieten.)

„Kurz unb gut ist wohl ba8 beste." So heißt es in einem Kinderverschen, das auch die Erwachsenen Ich merken können. Das beste an dem ganzen Fa- ,chingsrummel ist ber rechtzeitige Schluß mit bem Aschermittwoch. Hier in unserer Eegenb tümmert sich bie Mehrheit des Volkes nicht um ben Aschermitt- "woch unb Vie Fastenzeit überhaupt; ba werden denn (bie sogen. Lustbarkeiten immer noch fortgesetzt, bis in den Frühling hinein und zu Ostern heran. Diese (Verlängerung ist vom Übeln. Die Sache wird lästi­ger, aber nicht luftiger; der Aufwand an Geld und ! Zeit steigert sich, aber nicht ber Genuß. Unb je länger bie Hetzjagd nach Vergnügung dauert, desto ärger wird der Verdruß, der schließlich das letzte Wort hat.

Als ich noch ein ganz grüner Junge war, fiel mir < mal zufällig ein Krug Bier zur freien Verfügung in »bie Hande. Welch eine Wonne für ben Gernegroß! /Um den Genuß recht auszubehnen, beschloß ich, das . Bier durch Wasserzusatz noch zu vermehren. Ach, bie- Jer Versuch ber Verlängerung des Vergnügens ist mir schlecht bekommen.

Dmnals war ich auch mit meinem Vater nicht ein- - verstanden, als er sagte, man müsse mit bem Essen l aufhören, wenn es einem gerabe am besten schmecke. (Ich hielt es für kluger, immer weiter zu essen, bis ber Magen auf ben größten verfügbaren Leisten ge- ' schlagen war Inzwischen habe ich unb die Erfahrung < gelernt, daß der rechtzeitige Schluß bei allen angeneh- !»nen Dingen sehr klug, schön unb vorteilhaft ist.

... »Hör' bald auf!" Das wäre bie beste Inschrift <pit alle Stammtische, alle Plauderstuben, alle Redou- (E1' ^(Me, Bummelorte und Vergnügungsstätten. 'nAnn-^e Anschrift aus begreiflichen Gründen äu^er- gebracht wird, so sollte sie jeder sich doch oL-, schreiben, das er in seinem

, wenn ber vernünftigere Teil

-<n Vtäl rum rechtzeitigen Schluß anschickt,

,so solltm bte anderen dem Signal keine Obstruktion .entgegensetzen. Wer eS selber vorziebt, bie Zitrone ft »T ^szupressen, ber kann wenig-

C x *eba$Mten Mitmenschen bte Freiheit las- Jen, nach ihrer Fasson bas Genußleben einzurichten.

Das Drängeln und Nörgeln unb Nötigen zum weite­ren Mthalten ist eine Anmaßung

In ber Beschränkung zeigt sich erst ber Meister. Auch ber maitre de plaisir, ber Meister ber Ver- gnügungskimst

Wirb bie angemessene Kurze gewahrt, so ist auch umso mehr Aussicht, daß bas Vergnügen bie scharfe Probe des Nachgeschmacks besteht- Sage mir, wie bu am andern Tage gestimmt bist, und ich will dir fegen ,ob dein Vergnügen ein wirkliches Vergnügen war. Von bem körperlichen Katzenjammer wollen wir scheu gar nicht reben; ba ist bet Mantel der Liebe ober wenigstens des Mitleids am Platze. Aber die seelische Stimmung bildet einen feineren Gradmesser. War bie Sache wirklich gut, so denkst bu am andern Tage mit vollem Behagen daran zurück. Du schwelgst innerlich noch mit ber Zunge bei bem Rückblick. Die angenehme Erinnerung erneuert das Vergnügen, sie vervielfältigt ben Genuß unb hält ihn für längere Zeit frisch unb wirksam- Aber mit dieser Konservie­rung des Vergnügens geht es ähnlich, wie bei der Aufbewahrung von Speisen. Die halten sich nur, wenn sie frei sind von allen Fäulniskeimen. War das Vergnügen mit Bazillen ber Liederlichkeit ober Spalt­pilzen der Rohheit versetzt, so tritt schnell die Gährung ein und bei bem Rückblick ergibt sich Aergre unb Ekel. Was hat man nun für sein Geld unb seine Anstrenq^ ung? Wat das augenblickliche Aufflackern ber kürz­lich gesteigerten Lebenslust ber Mühe wert? Wiegt nicht bie anbauetnbe Verdrießlichkeit, bie nachfolgt bie ganze kurzatmige Lustigkeit mehrfach auf? Schon bie einfachste Klugheit gebietet, daß man bet jedem Genuß das Ende im Auge behält, b. h die Ver­gnügungen nach ihrer Art unb ihrer Länge so einttch. tet. baß kein Nachwehen im Kopfe ober im Herzen ober im Gewissen eintrete, sondern nur eine frohe er­bauliche Erinnerung zurückbleibt. Eine n<uf)6altiae Erfrischung für Leib und Seele. Sonst war es ein schlechtes Geschäft.

Die sogenannten Vergnügungen mit bitterem Nach­geschmack haben nun eine besondere Gefahrenseite. Nachher ist der Mensch unbefrtebigt, verdrossen, ärger­lich. In diesem jämmerlichen Zustand kommt er leicht auf den Gedanken, bet Teufel müsse durch Beelzebub ausgetrieben werden. Zur Betäubung stürzt er sich wieder in ben Strudel- Die Arbeit will nicht schw»-

cken, die Ruhe führt zu quälenden Gedanken, also nochmals zu dem Giftbecher gegriffen! Auf das mangelhafte „Vergnügen" wird ein noch schlechteres gesetzt. So geht die Hetzjagd nach Freude und Gluck weiter, unb baS Erwachen aus bem Taumel wird immer bitterer.

Die Sittengeschichte lehrt uns, daß die Vorfahren auch keine sogenannten Kostverächter gewesen sind Sie haben gelegentlich kräftig gefeiert und einen lusti­gen Kampf um das tönerne Kalb des Vergnügens ausgefuhrt. Aber einen großen Vorzug hatte die alte Zeit vor den modernen Wesen. Das Feiern und Bummeln währte nicht das ganze Jahr hindurch, sondern beschränkte sich auf gewisse festliche Tage oder allenfalls Wochen- Die Lustbarkeiten waren kräftig, aber kurz. Für bie übrige Zeit bes Jahres galt bie Parole: Tages Arbeit, Abends Ruhe.

Abends Ruhe! DaS laufet so einfach; aber ein übergroßer Teil der modernen Menschheit kennt bie eigentliche Ruhe gar nicht. Man muß schon auf ba8 platte Land gehen, um Leute in gelegener Beschau­lichkeit vor ber Haustüre fitzend zu finden, bie gar nichts tun, und gar nichts wünschen und wollen. In ben städtischen Kreisen hält man so einen phlegmati­schen Feierabend für orientalischen Stumpssinn. Wenn dort „Feierabend" ist. so geht eine neue Arbeit von neuem an, nämlich die Jagd nach Zerstreuungen, Ver­gnügungen, Genüssen- Die Nerven dieser modernen Menschen find so unsolide geworden, daß sie aus ihrem Zitterzustande überhaupt nicht mehr herauZkom- men können. Die wirkliche, volle Ruhe paßt ihnen nicht mehr. An Schlaf wird ihnen nur das allein ot- wendigste gegönnt Ein behagliches Ruhestündchen vor bem Schlafengehen gilt als langweilig unb Zeit­verschwendung. Ter Mensch muß seine „Anregung" haben, sagt man, und meint damit bie Aufregung. Die moderne Welt fft voll Unrast, unb weil das ein­zige Heilinittcl der vollen Ruhe verschmäht wird, fällt immer mehr Lebenskraft unb Gesundheit zum Opfer.

Mt dieser Unrast hängt mich ber Wandertrieb zu­sammen. Der normale Mensch sollte sich in seinen Sommerfetten recht schön in feinem behaglichen Heim erholen können. Aber nein: dort in behaglicher Be­schaulichkeit daS H-rz und sie Nerven sich abspannen * zu lassen, gefällt ihm nicht mehr. Er muß hinaus in. bte Welt, wo es etwas anderes zu sehen und zu ge-i

nießen gibt. Er gibt vor, daß er an ben Busen ben Natur sich flüchten wolle. Doch wo gibt es heutzutage noch Sommerfrischen mit ungetrübtem Naturleben! Uederall bringt man den „modernen Komfort" mit allen Schikanen ber Neuzeit an- Die „Kurorte" bie­ten den Gästen alle möglichen städtischen Belustigun­gen (Musik, Theater, Brettl, Redouten, italienische Nächte, Sports usw.), unb bie Gäste bringen ihren Toilettenluxns unb ihre sonstigen Unsitten mit.

Der Sport hat zweifellos seine guten Seiten unb namentlich ist er zu schätzen als baS kleinere Uebel ge­genüber ben „Belustigungen" in ben Wirtshäusern ober in noch schlimmeren Winkeln. Aber auch auf ben Gebieten des Sports fehlt es am rechten Maß. Man übertreibt die Sacke sowohl in ber Höhe ber Leistun­gen, als in ber Weite des Betriebes- Auch in bem Svortwesen zeigt sich die Unrast ber neueren Zeit. Jetzt ist ber Wintersport recht in Aufschwung gekommen, unb das Treiben in Schnee unb Eis macht auf ben ersten Blick einen gesunden, erfrischenden Ein­druck. Aber zeigen sich nicht bereits auf diesem Ge­biete raffinierte Künsteleien unb protzige Maßlosig­keiten? Statt des naturgemäßen Kräftespiels ein eit­les Fexenttirn? Der Winter sollte eigentiich bie aus- erwahlie Jahreszeit der Ruhe sein, und die Menschen sollten im Punkte Winterschlaf von den Tieren etwas Lehre annehmen. Der moderne Mensch findet aber seine Freude daran, die Jahreszeiten auf den Kopf zu stellen und gerade im Winter das zu betreiben, was im Sommer üblich war.

Bisher konnte der ntbebebürftige Mensch auf einem Seeschiff sich noch zeitweilig von ber nervenzec- rüttenben Welt abschließen. Aber auch damit hapert eS jetzt. Jeder ordentliche Dampfer hat jetzt drahi- lcse Telegraphie und bietet ben Fahrgästen Zeitungen mit allen sensationellen Neuigkeiten. Soeben wird gemeldet, daß auf den Kulturdampfern auch Theater eingerichtet werden sollen.

Die Ruhe soll mit aller Gewalt aus der Welt ver­trieben werden. Wohl dem, der in seinen vier Pfählen noch einen Zufluchtsort für abgespannte Nerven hat und die stille Beschaulichkeit des leeren Feierabend- noch »u genießen vermag- Am vergnügtesten ssl doch ber Verächter alles Vergnügens