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Fulda, Freitag den 11. Februar 1910
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Monatrbellage: „Zuldaer Geschichtsblätter" Zernfprecher Er. 9.
Verantw Sebakteurr rar *chv"er wochEasc.Mnftrierte Sonntagszeitung
ß Stimmungsmache gegen den Toleranzantrag.
Die Stimmungsmache gegen den Toleranzantrag wich ihre Wellen bis hinein in Literaturblätter, von denen man dafür mit Recht erwarten bürfte, daß sie auf dem Boden der sachlichen Wissenschaft bleiben und sich nicht in den Dienst eines unwissenschaftlichen Miß-- branchr der Geschichte stellen.
So bringt das Zarnckesche .Literarische Zentralblatt" (Nr 2) eine dummdreiste Anpreisung des zwei- ien Bandes der vor 20 Jahren erschienenen „G e- schichte der Inquisition im Mittelalter, von dem Amerikaner Lea, in deutscher Uebersetzung herauSgegeben von dem Kölner Stadtarchivar Dr. Hansen, der in den Kreisen der Geschichtsschreiber keineswegs als tendenzfreier, ruhig und sachlich urteilender Darsteller der Dinge bekannt ist. Das genannte Siteraturblatt schreibt:
.Wir halten das Buch zur Aufklärung des deutschen Publikums sür sehr geeignet. Gerade zur gegenwärtigen Zeit, wo der Reichstag wieder mit dem Tole- raniantrag behelligt werden soll und wo es die konfessionelle Zenlrumsfraktion (!b ist, welche das Programm der Toleranz auf ihre Fahne C" jeden hat. Da möge denjenigen die Augen ge- werden, welche sich durch die üblichen Phrasen gaben täuschen lassen. Toleranz, ja für uns, da ihr die Macht habt, nicht für euch, wenn wir die Macht haben. Im Mittelalter batle die katholilche Kirche d:e Macht. Wie sie diese angewandt hat, dafür legt das jetzt vorliegende Buch em grauenvolles Zeugnis ab ... Daß diese deutsche Bearbeitung des Leaschen Buches seilens der ultramontanen Partei als ein harter Schlag empsunden wird, dafür zeugen die erbitterten Angriffe, welche sie dervoi gerufen Hal. Möchte nur das Buch in wetten Kreisen gelesen werden!"
Zunächst sei darauf kurz bemerkt: Was würde wohl das Literarische Zentralblatt sagen, wenn wir sagen wollten etwa im Anschluß an eine eingehende Geschichte der Katholikenverfolgungen in England unter Heinrich VIII- und Elisabeth, oder in den Niederlanden unter den Generalstaaten, oder in Deutschland in den Ländern der Reformation: Seht, das ift die Toleranz des Protestantismus, wo er die Macht hat! Ei, da würden wir sehr wahrscheinlich flugs belehrt, daß derartige Tinge unter Berücksichtigung der damals herrschenden Anschauungen und Grundsätze zu beurteilen seien und nicht nach den Anschauungen der Gegenwart. Ganz recht, das gilt erst recht von der noch weiter zurückliegenden Inquisition. Warum vergißt man da diesen ganz vernünftigen Grundsatz?
Bon einem „barten Schlag für die ultramontane Partei" zu reden und von „erbitterten Angriffen" zu fabulieren, ist dummes Zeug. Die Tatsache ist einfach die, daß das Werk von Lea schon bei seinem Erscheinen vor 20 Jahren als wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügend nachgewiesen wurde, und daß insbesondere die Uebersetzung, für die der Kölner Archivrat Dr. Hansen als „Verantwortlicher" zeichnet, einfach unter aller Kritik ist, fn sich nicht einmal von Fälschungen freihält.
Das ist eine sehr schwere Anklage: daß fle stimmt, »eigen die genauen Belege, die N- PauluS in der Literarischen Beilage der „Kölnischen Volkszeitung" (Nr. 2 vom 10. Januar 1907) und besonders P. M. Baumgarten in seiner Schrift: „Die Werke von Henry Charles Lea und verwandte Bücher, nebst einer Auseinandersetzung mit dem kölnischen städtischen Archivrat Professor Dr. Hansen", Aschendorff-Mün- fter 1908, beigebracht hat- Und diese Schrift Baumgartens bedeutet für Herrn Dr. Hansen nichts anderes als eine moralische Hinrichtung. DaS Interessanteste ist jedoch, daß der Herausgeber Hansen bestätigt, daß jene vernichtende Kritck im Recht fftlk
In dem neuen zweiten Band steht auf Seite X eine Liste von Druckfehlern und Berichttgungen und da liest man die schüchterne Notiz: Seite 150 Zeile 22 lies „verbannt" statt „verbrannt". Schlägt man nach, so lieft man: „Nach den Bestimmungen der Briefe (Innozenz III.) sollten alle Ketzer, die nicht zum wahren Glauben zurückkehren wollten, verbrannt werden." Im Englischen des Herrn Lea ist von Verbrennen gar keine Rede, fonbem von „verbau- n e n". Zu dieser Feststellung von Paulus bemerkt Baumgarten (S. 74 Sinnt. 1) bei der Ausrede, es könne ein Druckfehler vorliegen, mit Recht: „daß dieser Fall von außergewöhnlicher Schwere ist, sieht jeder ein. Hoffentlich gelingt eS Hansen durch Vorlage des originalen Uebersetznngsmanuskriptes und der Korrekturfahnen, daß eS sich tatsächlich um emewDruck- fehler handelt."
Wie viele von den Lesern des zweiten Bandes werden die Druckfehlerliste nachlesen und die Korrekturen anbringen, da Hansen es unterlassen hat, in etwas mehr in die Augen fallender Weise daraus aufmerksam zu machen.
Noch merkwürdiger ist der zweite „Druckfehler", b- h. von einem Druckfehler kann überhaupt nicht mehr gerebet werben. Es heißt: Seite 2C2 Zeile 9 lies: „einschließlich d. G." statt „abgesehen v. d. G-" Man sieht schon jetzt: bas bet warfbeit sich ins — birefte Gegenteil. An bet betreffenden Stelle lieft man: „Ms Innozenz III. die Gebiete Raimunds dem Grafen Montfort übertrug, nahm er die Grafschaft Melgueil davon aus. Er verkaufte diese Grafschaft an den Bischof von Maguellone, der dafür die ungeheure Summe von 33 000 Mark zahlte, abgesehen von den Geschenken an das Personal der geistlichen Kanzlei." Im Englischen steht inclubing — mit Einschluß von- Unb das soll ein „Druckfehler" sein? Daß auch bie ganze Angabe nicht richtig, vgl. Paulus bei Baumgarten S. 74.
Dieser „Druckfehler", b. h. bie Manier, in der Nebersehung ben Sinn des Textes in tendenziöser Weise zu verstümmeln, ist nun keineswegs vereinzelt- Baumgarten hat sich der Mühe unterzogen, eine ganze Liste von „Merkwürdigkeiten" dieser „Uebersetzung" herauSzustellen, auf Grund deren sich Hansen daS Zeugnis, notabene das wohlbegründete, ausstellen lassen muß, „daß die Uebersetzung eine der unzuverlässigsten ist, die wohl je von einem wissenschaftlichen Werke gemacht worden ist" (S. 75.)
Der Hereinfall ist dem Herrn Professor Dr. Hansen wohl zu gönnen: wer den Mann und feine Art ?u arbeiten kennt, weift, daß es das Leasche Werk ihm bloß weoen feiner antikatholischen Tendenz angetan bat Daß aber diese Tendenz selbst in Literaturblät- tern sich breit macht und für viele ohne alle weitere Einsichtnahme als Empfehlung gilt, das ist ein Zeichen der Zeit, aber kein erfreuliches!
Deutsches Keich.
*' Tierquälerei und Schächtverbot. Von authentischer Seite wird uns mitgeteilt, daß ein Passus in unserem unter der angeführten Hebet» schritt erschienenen Artikel in Nr. 28 aus Mißverständnis beruht. Im Anschluß an die Bemerkung, daß nach zahlreichen Gutachten medizinischer Autoritäten das Schächten den Tieren keinen besonderen Schmerz bereite, indem der Schächlschnitt die sofortige Betäubung bewirke, hieß es dort: „In der Praxis ist zu. dem vielfach eine vorherige Betäubung der Tiere üblich. Die Meinung, daß die Betäubung vor dem Schächten rituell nicht erlaubt sei, ist nicht ganz richtig, die rituellen Vorschriften lassen vielmehr auch den Genuß des Fleisches von in der Betäubung geschachtetem Vieh zu." Die An- nähme der rituellen Zulässigkeit der Betäubung der Tiere vor dem Schächten, roe ch letztere nach
jenen autoritativen Gutachten zur Verhütung von Schmerzen auch gar nicht nötig ist, trifft nun aber nicht zu, rote folgende Erklärung des Verbandes orthodoxer Rabbmer Deutschland, beweist :
„Die rituelle Schlachtmethode der Juden, das „Schächten", ist ein tn den jüdischen Religionsquellen ausgesprochenes gö tli es Gesetz. Nach diesem Religionsgesetz ist der Genuß des Fleisches von nicht geschächtelen Tieren verboten.
Ebenso verbietet das jüdische Religionsgesetz den Genuß des Fleisches von Tieren, die vor dem Schächten mit gewissen inneren oder äußeren Verletzungen behaftet waren. Zu diesen Berletzungen gehört auch diejenige des Gehirns:
Da aber bie Betäubung durch Gehiruschlag, Genickstich, Schlacht- oder Schußmaske, Bolzen-Apparate und bergt, eine solche Verletzung bewirkt, so würde die allgemeine gesetzliche Einführung dieser Beläubung für viele Tauiende von Bekennern der jüdischen Religion nie verhängnisvolle Folge haben, daß sie aus ben Fleischgenuß verzichten müßten.
— Wie der Liberalismus die konfessionelle Hetze sich nutzbar macht, zeigt folgende Auslassung der „Augsb. Abendztg." 9lr. 38, finden:
„In einem evangelischen Monatsblatt („Auf ber Wacht" in Fünh) leien wir: „Sehr merkwürdige Aeuße- rungen hat tm Landtage der Abg. Beckh über das Z u- sammenarbeiten der katholischen und evangelischen Deutschen, des Zentrums und ber Konservativen, nicht nur am wirifchasllichem Gebiete, getan. Wir glauben nicht, daß diese Aeußerungen ber Ausdruck ber Meinung unserer protestantischen Bauern sind, welche bie Gefahr des Ultramon- tanisrnus kennen und bie Bewahrung ber beutsch- protestai.tischen Interessen sich zur Ausgabe gemacht haben. . . . Protestantische Bauern, laßt euch nicht fürs Zentrum einfangen, ihr werdet nachher die Betrogenen sein!" — Herr Beckh-Rathsberg darf sich nicht wundern, wenn seine Versuche einer Zentrumsverbrube- rung in protestantischen Kreisen solches Echo wecken"
Ganz offen und frei wird hier also neuerdings der Versuch gemacht, die Abneigung von Protestanten gegen die Katholiken auszunützen, um ein Zusammengehen von katholischen und protestantischen Deutschen zu hintertreiben. Vom Standpunkt des Liberalismus ift das wohl be- greiflich; denn mit Recht sagte einmal der Kon- fervalive Lutz in der bayerischen Kammer: „Wenn heute Katholiken und Protestanten sich vertragen, ist morgen der Liberalismus tot!" Ob nicht endlich einmal die gläubigen Protestanten den liberalen Schwindel durchschauen und es müde werden, sich vom Liberalismus gegen ihre katholischen Mitbürger Hetzen zu lassen?
Ausland.
** Die französischen Sozialdemokraten sind sür ihre radikalen Parteigenossen in Deul'chland wahre Schmerzenskinder. Sie wollen in den Parlamenten sogar positive Mitarbeit leisten. Am Donnerstag hat der Kongreß der geeinigten Sozialisten in NimeS die Abstimmung über den Entwurf eines Altersrentengeietzes vorgenommen. Mit 193 Stimmen erklärte sich der Kongreß für einen Antrag Vaillant, der die sozialistischen Mitglieder ermächtigt, für das Altersrenttnaesesi zu stimmen.
* Das Schicksal Finnlands, besten verhältnismäßig günstige wirtschaftliche Lage bie Habgier Rußlands erregt hat, ist voraussichtlich bald enbgültig ent» schieben. Bekanntlich hatten kürzlich deutsche Professoren einen Aufruf gegen bie Unterdrückung Finnlands erlassen. Dagegen ist nunmehr ein von 6 hervorragenden „reaktionären" Verbänden unterzeichneter Protest erschienen- Der Protest ist zwar maßvoll gegen das Ausland, aber sehr scharf
gegen Finnland. Es wird darin erklärt, Rußland kenne gar keinen selbstänbigen finnischen Staat, Finnland sei kriegsgerecht erobert unb habe Untertanen» treue geschworen Die finnische Regierung wirb auf» rührerischer Tendenzen und politischer Quertreibereien bezichtigt. Wahrscheinlich werden schon im März die neuen Gesetze für Finnland in ber Reichs» buma eingebracht werden, unb dann ist es mit bet Selbstänbigkeit Finnlands definitiv vorbei; es wird eine russische Satrapie werden. — Von Interesse ist übrigens, daß auch die niederländischen Aktiven Staatsrechtslehrer sich in einer für Rußland Wenig schmeichelhaften Weise über die finnische Frage ausgesprochen haben.
Aus -em Nachbargebiete.
* Witzenhaufen, 10. Febr. 1910. Auf dem Eichsseld zwingt der eintretende Futtermangel die dortigen Schafhaller, ihre Herden bedeutend zu reduzieren. Auswärtige Händler machen gegenwärtig dort große Ankäufe. Heute passierte eine solche zusammengekaufte Herde von 250 Stück unsere Stadt.
V Mardorf, 7. Febr. 1910. Gestern abend sprach der frühere Burenführer Joste in der Wirtschaft von W. Raabe in einem mehr al- zweistündigen recht interessanten Vortrag über das Buren-Land, seine Leute und über dessen Ackerbau und Viehzucht. Von höchstem Interesse waren die Schrloerungen aus dem Kriege mit den Engländern. Die Zuhörerschaft lauschte den Ausführungen des Redners mit gespanntester Aufmerksamkeit.
* Frankfurt a. M„ 10. Febr. 1910- In ber letzten Stabwerordnetensitzung führte ber Antrag auf Bewilligung von 45 000 Mk. zum Ankauf einet Sammlung Höchster Porzellan zu langen Erörterungen; bie Beschlußfassung würbe schließlich vertagt- Zur Stiftung eines Ehrenpreises für ben Stenn- klub wurden wiederum 5000 Mack bewilligt, obwohl Herabsetzung bezw. Streichung bcs Betrages beantragt worben war.
* Offenbach, 10. Febr. 1910- Ein Fallen bet Jagbpachtpreise ist in unserem Kreise zu berichten. Währenb beispielsweise in Dietzenbach für bie bärtige Gemeindejagb bis 4825 Mack vereinnahmt würben, stnb bei bet jetzt borgenommenen Neuverpachtung nur 2851 Mark geboten worben.
* Mainz, 10- Febr. 1910. Ein Mehgermeistet von hier, ber zur Fastnacht noch etwas Gelb brauchte, wollte bei einem Kollegen in Kostheim eine Schulb für geliefertes Fleisch unb Wurst eintreiben. Dem paßte bie Sache gerabe auf Fastnacht aber auch schlecht unb bie beiben gerieten schließlich in Streit, ber bamit en bete, daß bet Kostheimer Metzgermeister gegen ben Mainzer tätlich würbe. An bem Kampfe beteiligte sich schließlich auch noch bie Frau des Kostheimers und so mußte bet Herr au8 Mainz intt mit Geld mit einem Buckel voll Schlägen ab» ziehen.
* Wiesbaden, 10. Febr. 1910- Um dem starken Abzug besserer Mieter in die Vororte Einhalt zu tun, bat der Haus- und Grundbesitzer-Verein an den Magi» trat eine Petition gerichtet, das zur Zeit noch mäßig billige Baugelände in bet Umgebung z. B aus der Bierstadter Höhe, nach Biebrich zu, auf dem Leberberg und dem Atzelberg städtifcherfeits unverzüglich zu erschließen unb auf jede Art ben Anbau von Lanbhausquartieren zu fötbem. In bet Stabt selbst unb ihrer nächsten Umgebung mangelt eS so stark an billigen Landhäusern, besonders Einsami- lien-Vrllen, daß die begüterten Familien zu Hunderten in die Vororte ziehen, bie durch den leicht ermöglichten Anbau berartiger Kolonien ihre Vorteile zu wahren wissen.
^etirandmarät
6] Roman von G. Freifrau von Schlippenbach.
„Wie ist es mit ber Erbfolge?" fragte ber Major a. D „Er hat keinen Sahn: ist die Pfeilburg Man- neSlehen?"
„Ich glaube, es gibt keine nähere Bestimmung darüber", sagte Baron Dietrich, „in ben Urtunben heißt es, daß die vom Grafenhorst bie Pfeilburg erben, falls dock die Linie ausstirbt Bisher sind immer männliche Erben vorhanden gewesen: dieses wäre ber erste Fall, wo sie fehlen- Nach Günther Eckchs Tode müßre man im Archiv nachsuchen, vielleicht firn- bet sich dock eine diesbezügliche Bestimmung."
»Der „wilde Pfeileck" hat, denke ich, nur eine Tochter?" fragte ein junger Offizier.
„Nein, er heiratete zweimal, und jeder Ehe ist eine Tochter enssproffen", versetzte Freiherr Dietrich
Hartwig hatte bisher geschwiegen. DaS Blld .flies kleinen, barfüßigen Mädchens tauchte in seiner Stinnerung auf, er sah das süße Gesichtchen wieder, das ihn so freunblidj angelächelt, unb bann sah er die Tranen in ben großen, dunklen Augen, als Suse sie rauh gescholten für etwas, wofür daS atme Ge- schöpfchen keine Schuld traf. Wie mochte das Kind geworden fein, das in ber verdorbenen Lust eines Hauses auf wuchs, in dem Ehrlosigkeit unb Betrug herrschten?
Erst bie direkte Anrede des LandrateS Adolf von Pseileck weckte ihn aus seinen Gedanken-
„Wie steht es mit den Schulden, Hackwig? Sind sie bald gedeckt?" fragte er. „68 war eine deträcht- Ua)e Summe. Du und vorher Dein Vater wäret ja mit ber Regulierung bet verworrenen Geschäfte betraut"
„Die Schulden sind getilgt", erwiderte Hartwig, ’Jbte auf einen Rest von einigen sechszigtausend Mack. Diese Summe hat mein Vetter von Stahlbach zu be- anspruchen; _ fein Vater war ganz in den Händen Günther Erichs; er nutzte ihn schamlos aus, und als <*m Bettelstäbe wat, erschoß sich Wahlbach unb ließ
seine Familie in der bittersten Armut zurück. Es ist ein Faktum, daß überall, wo ber „wilbe Pfeileck" befreunbet war, bet Ruin unausbleiblich folgte.
„Hellnntt hat wohl nach dem Tode Günther Eckchs keinen Anspruch auf die entliehene Summe zu erheben?" fragte ber Major?
„Nein, die Erben sind nicht verpflichtet, zu zahlen", antwortete bet ßanbrat, „wenn sie es nicht freiwillig tun, zwingen kann sie niemand."
„DaS Gut trägt jetzt, nachdem mein Vater es lange Jahre bewirtschaftet, wieder sehr hübsch", nahm Hack- w*g das Wort- „Immerhin würde es einige Zeit dauern, bi- auch diese alleckehte Schuld getilgt ist und ich traue ber Tochter des Zuchthäuslers und der Chansonettensängerin nicht so viel AnstandSgefühl zu daß sie das Wock „Adel verpflichtet" begreift."
Schneidend und bitter kamen die Wocke über die Lippen be» Sohnes, dessen Vater mehr als alle übrigen durch den „wilden Pfeileck" gelitten hatte.
„Werden wir Günther Eckch einen Platz in bet Familienkapelle bewilligen?" fragte ber Herr auf Dedenweiß. „Meiner Ansicht nach wäre das ein schmählicher Schimpf Würde er dock neben unseren Slbnen ruhen, so müßten diese sich noch im Sarae umdrehen!" s
.-»Mr dürfen ihm bie letzte Ruhestätte nicht ver- Sfr? iüe sanfte Stimme des Greise» auf
Tiefenhall ein, „hecht es doch in der 83ibel- Die
ist mein. Ich will vergelten, spckcht der Herr". E» sähe tote em Racheakt aus, wenn wir ihn auch hier verstießen. Vergiß nicht, daß wir alle Sünder find und vor Gott Barmherzigkeit unb Gnade zu suchen haben
Tiefe SMe folgte diesen ernsten Docken.
„Nun gut", stimmte ber Major bei, „aber ich W. daß hin einziger Pfeileck hinter dem Sarge Guncher Erich? emhergeht; mag er ohne Sana und Klang beerdigt werben."
„Ich werde jedenfalls eine Ausnahme machen" fugte der alte Freiherr, „ich'stehe schon mit einem Fuße im Grabe Ich werde mich nicht abhalten lassen.
Günther Eckchs Tochter mit Rat und Tat beizustehen, ihr als einziger Stammverwandter in ber schweren Stunde zur Seite zu bleiben. Sie kann kaum achtzehn Jahre alt sein unb wirb eines Beraters bedürfen."
Tie Sitzung wurde aufgehoben unb bie Türen geöffnet. In diesem Moment schlüpfte eine Keine Frauengestalt wie ein Wiesel davon- Es war Fräulein Hulda von Pfeileck. das einfältigste, neugierigfte unb gutmütigste Geschöpf von ber Welt, bie gern etwas erhaschte was für sie nicht bestimmt war unb es bann in ihrem Kopf verarbeitete. Der Familientag berührte Dinge, bie sie ungemein interessierte»!, deshalb wünschte sie zu erfahren, was die Manner ver- handrlten Sie hatte um einen kleinen Zuschuß zu ihrer bescheidenen Jahresrente gebeten, unb mußte doch wissen, ob er ihr bewilligt wurde. Mtt tiefer Be- friebtgung vernahm sie, daß ihre Hoffnung erfüllt wurde. Schon wollte sie sich leise entfernen, als bet Name des „wilden Pfeileck" an ihr Ohr schlug und sie regungslos an ihrem Lauscherposten verharrte. Sie hatte' als reife Jungfrau für Günther Erich geschwärmt, der ihr in einer feiner tollen Launen auf einer Jagdgesellschaft den Hof gemacht. Fräulein Huldas altes Jungfrauenberz brannte lichterloh für ben Taugenichts, der so „furchtbar nett" sein konnte. Eigentlich war sie eine „Allerweltstante", die fast das ganze Jahr von HauS zu Haus bei ten Pfeilecks umherreiste, überall etwas geneckt wurde unb in ihrer Harmlosigkeit niemand etwas zu Leibe tat- Sie hatte ihren Wohnsitz in ♦, war aber die Hälfte deS Jahres auf Logierbesuch und jedermann hieß sie freundlich willkommen, wo sie mit ihrem Strickbeutel und den, fetten Mops erschien.
Hackwig kam einige Male im Jahre nach bem Grafenhorst. Er war Rittmeister bei den Kürassieren, die in der Hauptstadt der Provinz standen, und persönlicher Adjutant deS Prinzen, ber das Regiment befehligte. Vorläufig war er mit Leib imd Seele Soldat, unb dachte noch nicht daran, sich auf bem Lanbe nieberznlassen. Im Herbst, zur Jagdzeit nahm er cknen mehrwöchigen Urlaub, denn wie fast alle Pfellecks war er ein leidenfchafllicher Freund des edlen Waidwerkes.
Sein stolzes Heim auf ber Höhe war in bester Drbnung, ba seine Mutter Sommer und Winter aus bem Grafenhorst lebte- Nur um bJe Weihnachtszeit verließ sie bas tief verschneite Schloß, nm einen Monat bei ihrer verheirateten Schwester in derselben Stadt, wo ihr Sohn in Garnison stand, zu verleben. Fräulein Hulda leistete der einsamen Schloßfrau treulich Gesellschaft; den beiden Damen wurde bie Zeit nicht lang: Besuche in ber N rchburschoft, Gäste im Haufe, Armenpflege unb Lektüre füllten Die Zeit w-s und nur ungern trennte sich bie AllerweltStante
Frau Hedwig, um einer anderen Einladung zu folgen Wo es in ber Familie ein frohes Ereignis gab, cme Verlobung, Hochzeit, Taufe oder Heimkehr eines Angehörigen, da bürste „bal Hnldchen' nicht fehlen, denn sie besaß bas Talent, hübsche Gelegen- hettsged chte zu machen uno recht gefchmackimlle lebenbe Bilder und kleine Aufführungen zu veranstalten
Als sie das Rücken ber Stühle im Ahnensaal hörte, huschte sie eilig in ihr Zimmer und onS Fenster, die Hand auf das Herz pressend.
„Ich bin so erregt", flüsterte sie, „er ist wieder ba Richtig, ba weht bie rot uno weiße Fahne von ber Zinne ber Pfeilburg".
Unwillkürlich feuchteten sich ihre Augen.
! . „Mir tut er doch schrecklich leid", fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort. „So ganz allein zu sterben, ohne einen Menschen, ber bei ihm bleibt, bet ihm die Augen zudrückt. Es ist aber Unrecht von mir, ihn zu bemitleiden I Ich bin eine Pfeileck, und er hat uns allesamt durch seinen Leichtsinn gekränkt."
Sie ckchteie ihre kleine Gestalt höher auf unb schritt erhobenen Haupte? durch baS große Speisezimmer — tn bem bereits die festlich gedeckte, lange Tafel stand — nach dem hübschen Erkerstübchen der Schloßftau. Hartwig nannte diesen Lieblingsaufenthalt der Mutter scherzweise „bie Kemenate"; bet alt« beutsche Name paßte gut zu der stilvollen Einrichtung deS Raumes, den die Liebe Hermann Augusts einst für sein über alles geschätztes Weib geschmückt hatte.
Absetzung fol$W