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ro<*.bdray:^lluftrietteSomftagrzeitung"

37. Jahrganq

Fulda, Dienstag den 8. Februar 1910

JV8 30.

*wyrt>Mr» tru M» spaitige Petitzeile «der deren Raum |S pfg. LeNamendiePetitzeil« 25 psg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

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verantw. Sedatteurr «ar» Schütter

Monatrbellage: „Fuldaer GeschichtrblStter"

Pfeileck", kein Mensch fragte nach dem Kinde, dessen Mutter auf dem Kirchhof des Dorfe» ruhte und hef­ten Vater geächtet, fern von der Heimat, fein aben­teuerliche» Leben wetterführte. Hedwig wagte nicht, den Zom ihre» Gatten herauszufordrrn und die Pfeile bürg zu betreten. Heimlich mochte sie e» nicht tun, und ihn um Erlaubnis zu bitten, wäre vergeblich ge­wesen. So ließ sie die alte Ursel kommen ,und er­kundigte sich angelegentlich nach deren Pflegling, em­pfahl ihr die größte Sorgfalt an und sagte ihr, sie möge sich an sie wenden, wenn da» Kind etwa krank werde ober ihrer bedürfe.

Der unvermeidliche Zusammenbruch trat nur gu bald ein, her Konkur» wurde erklärt und Günther Erich wurde unter Kuratel gestellt. Die Gläubiger meldeten sich von allerorten, die Schuldenlast war er­staunlich hoch, und e» bedurfte voraussichtlich langer Jahre, um sie durch die Einkünfte der Pseilburg zu de­cken, deren Ertragsfähigkett um ein bedeutende» ge­schmolzen war. Da» Kuratorium wählte August Her­mann zum Vollstrecker; erst nach längerem Sträuben hatte er da» unangenehme Amt angenommen. Er mußte sich auf da» verlassene Schloß begeben, um Ein­sicht in die Verwaltung und die Geschäftspapiere zu nehmen und sich einen Ueberblick der verwickelten Sachlage zu verschaffen, ehe er irgendwelche Bestim- nmngen treffen konnte. Die Neugier, da» ffinb de» »wilden Pfeileck" zu sehen, lag ihm fern, und er er- s<brack fast, al» er ein kleine», etwa dreijährige» Mäd­chen auf sich zukommen sah. E» war ganz tote die Bauernkinder im Dorfe bekleidet, trag ein verwasche­ne», rote» Röckchen und ein grobe» Hemd, da» ben Hal» und die Arme freiließ, Schuhe und Strümpfe fehlten. Die von der Sonne tief gebräunten Füßchen eilten hurtig über den Kie» de» Wege» Um da» Köpfcken der «einen flatterte glänzende», dunkle» Lo- ckenhaar, und au» dem süßen Gesicht leuchteten zwei braune Augen.

jDn!el, willst Du meine Blumen?' fragte sie schel­misch lächelnd »Da hast Du sie, Ursel sagt, Ich soll sie Dir bringen.'

Sie streckte ihm einzelne Schlüsselblumen und wllde Veilchen entgegen und lächelte ihn an, wobei zwei

Justizminister veseler- Den Vorschlag de» Abg. Krause, daß auch RechtSanwätte bet Regelung juristischer Fragen gehört werden sollen, werden wir prüfen, lieber die Entlastung de» ReichSgericht» befindet fich ein Gesetzentwurf beim Bundesrat.

Auf eine Anregung de» Abg. Eckert (frett.) erwidert

Minister Befeler, daß eine Neuorganisation der AmtSanwaltschast erfolgen werde, wenn die Strafprozeß- Ordnung Rechtskraft erhalten hätte.

Darauf wird die Debatte geschlossen. Der Tttel Ministeraehalt wird bewilligt.

Beim Kapitel .JusttzprüsungSkommisslon" befürwortet Abg. Bell (Ztr.) eine möglichst praUtsche Ausbildung der Referendare.

Donnerstag: Wahlrechtsvorlage.

; Berlin, 7. Febr. 1910. Der Kaiser hörte am Montag Vorträge deS Chefs des Zivil- kabinettS von Valentins. Am Sonntag nach, mittag wohnte er einem Vortrage des Dr. Leh- mann-Haupt in der Deutschen Orientgesellschast Über SemiramiS bei. — Geheimrat Dr. Romen auS dem Kriegsministerium, hat aus gesundheitlichen Gründen seine Entlassung auS dem Staatsdienste beantragt. — Den Leitern privater höherer Knabenschulen, Höherer Mäd­chenschulen ist gestattet worden, sich als Direktor zu bezeichnen. — Eine Akademikerversammlung in Berlin hat eine Resolution angenommen, in welcher gegen die geplanten Bibliotheksge- bühren Protest erhoben wird. — Die national- liberale Fraktion brachte zum Etat deS Reichs- amtS deS Innern eine Resolution ein, die die Gründung und Unterhaltung einer Reichsanstalt für Luftschiffahrt und Flugtechnik anregt.

)( Die neuen Reichs- und Staatsanleihen haben eine gute, aber keine g'änzende Ausnahme gefunden. Bisher sind im ga> zen auf die Anleihen etwa 710 Millionen gezeichnet worden; davon entfallen etwa 270 Millionen Mark auf Zeichnungen mit Sperr- Verpflichtung und in das Schuldbuch. Von den ca. 710 Millionen Mark entfallen auf das Reich ca. 440 Millionen, auf Preußen ca. 270 Millionen Mark. Die Anleihen find fomtt um ca. 50 Proz. überzeichnet worden. — Es find noch keine z-hn Jahre her, da wurden Reichs- und Staatsanleihen in der Regel bOmal überzeichnet, daS Resuttat war also um 100 mal besser als heute. Freilich, da­mals . . .

X Der deutsch-schwedische Handelsvertrag läuft am 81. Dezember 1910 ab. Schweden will nun erst einen neuen Zolltarif schaffen, ehe es sich ans Der« tragsverhandlungen einläßt, und schlägt unS daher eine Verlängerung deS gegenwärtigen Vertrages vor. Die deutsche Regierung glaubt, daß die Ver­abschiedung einer solchen Vertrages vor Jah^es-

^ebranömarät

8] Roman von G. Freifrau von Schlippenbach „Weißt Du, Mutter, Onkel HanS au» Tiefenhall wird mir eine silberne Rüstung schenken und ein wirk­liches Schwert. Und, Mutter, hast Du geschen, rote der alte Freiherr von Pfeileck das Wappen Günther Erichs von der Wand nahm und e» zerbrachen wurde?'

„Warum ginst Du mit?* fragte Gräfin Hedwig gepreßt, „daS hättest Du nicht tun sollen, Hartwig.'

»Aber ich mußte doch mitgehen, Mutter! Der Vater nahm mich bei der Hand und sagte: Sieh, mein Sohn, so bestrafen wir einen, der itn» Schande macht!'

Die Mutter erhob sich hasttg und befahl dem auf- geregten Knaben, zu Bett zu gehen, aber er bestürmte ssie noch mit neugierigen Fragen, was der wild« Pfeil­eck getan und ob er dafür ins Gefängnis geworfen oder /onst bestraft werbe.

In der Nacht, die auf ben Familientag folgte, hör- -rn Ursel und der lahme Schlußwort Friedrich einige 'wmpfe Schläge an dem Portal der Pfeilburg. Sie zitterten vor Angst und wagten nicht, nach der Ursache Xu scheu.

L »Ich sage ja immer, es spukt in den alten Räu- vernest*, bemerkte Friedrich am folgenden Tage. „Da hat sich einer der toten Ritter den Spaß gemacht, dos Sandsteinwappen über dec Haustür zu zertrüm- Ursel, komm doch und stehl'

»-„."^?hrhastig, Du hast recht', erwiderte die Kaste- Ln.n L^frnd, und beide besahen sich die herabgefal- een Ts war fast nichts mehr von dem ftol-

hnvertehrtE^u.schen, nur die Spitze de» Pfeile» war deS^effehM-n Portal ging da» verlassene Sind die e» in b« £.^retnb ber bicr * Lebensjahre, «m». Sein froh« q Lciner 20>nen »«brachte ein und Zimmer, feine ne;^e" weckte das Echo der hohen den, der so viele tanzten über dem Bo-

Wand kümmerte fi» , Stamme» getragen. Nie-

M um das Töchterchen de- „wilden

schluß kaum möglich sein werde, und ist daher mit einer llmonatigen Verlängerung einverstanden. In diesem Sinne soll dem Reichstage nächsten» eine Vorlage gemacht werden. — Dre spielen wieder mal den Üebentoblen! Zunächst gestatten wir der schwedischen Regierung ein Jahr Zeit, damit sie sich möglichst kräftige Waffen in Gestalt eme» hohen Zolltarifs schmieden kann, und dann lassen wir unS auf Verhandlungen ein, bei denen wir den Kürzeren

Da» Gesetz über die Handelsbeziehungen zu Amerika ist foeben amtlich bekanntgegeben worden und damit in Kraft getreten. — Gleichzeittg hat Präsident Taft eine Proklamation erlassen, nach der der deutschen Einfuhr in die Vereinigten Staaten die Minimeliätze zugestanden werden.

* Die große landwirtschaftliche Woche beginnt am heutigen Dienstag in Berlin. Den Anfang macht die vertrauliche Konferenz der Vorstände der preußi­schen Landwlrtschaftskammern. Am Mittwoch be- ginnt-daS Landesökonomiekollegium seine Beratungen, die sich auf S ober 4 Tage auSdehnen. Dann folgt der deutsche Landwirtschaftsrat und schließlich die Generalversammlung deS Bunde» der Landwirte.

® Reichskanzler und Alldeutsche. Bethmann- Hollweg hat bekanntlich die Hauptleitung des alldeutschen Verbände» wegen deS Beschlusses der Vertrauensmänner von Rheinland und Westfalen gegen unser auswärtiges Amt überaus scharf angefahren. DerHauptauSschuß hat darauf­hin am Sonntag in Berlin eine Resolution ge­faßt, in der er, waS wenigstens die Form an- langt, demütig zu Kreuze kriecht. Davon, daß der alldeussche Verband im Gegensatz zu jener Resolution Vertrauen zur auswärtigen Leitung habe, sagt der geschäftsfahrende Ausschuß nichts. Der Reichskanzler kann also zwischen den Zeilen lesen. Wenn ferner der Ausschuß meint, daß die Mehrheit der Reichsbürger auf der Seite deS alldeutschen Verbundes stände, so haut er gründlich daneben. Die Mehrheit der deutschen Reichsbürger weiß viel zu gut, daß das Gebühren der Alldeutschen unS nur in politssche Verlegen­heiten und Unbequemlichkeiten führen kann.

+ Zwischen - Kredit bei ReutmgutSgründuugeu. Dem Abgeordnetenhaus ist ein Gesetzentwurf zuge- gangen, eine Erhöhung der Mittel für Zwischen- krebste bei Rentengutsgründungen sowie eine Er­weiterung ihres Verwenrnngszweckes zur Förderung ber inneren Kolonisation in Ostpreußen unb Pommern.

Für den Kaligesetzentwurf, der, wie ge­meldet, dem Reichstage zugegangen ist, sollen nach Meldung einer KorreSspondenz die Aus­sichten auf Annahme nicht besonders günstig sein. Für daS Gesetz sei eigentlich bis jetzt nur die Rechte im Reichstage. Der Gesetzentwurf sieht die Errichtung einer Betriebsgemeinschaft vor, der ausschließlich der Vertrieb des Kalisalzes ob­liegt. Zu dieser Vereinigung kann jeder Kali- werkbesitzer mit Genehmigung des Reichskanzlers zugelaffen werden. An das Ausland darf nur verkauft werden, wenn der Bedarf deS Inlands gedeckt wird und zu einem Preise, der mindestens die Höhe deS JnlandpreiseS hat.

* Der Beitritt zum Bolksverein für daS katholische Deutschland ist der Schuhmann­schaft in Danzig von dem dortigen Polizei­präsidenten auf Grund der allgemeinen Dienst- Vorschrift verboten worden. In der Dienst­vorschrift heißt eS, daß die Erlaubnis, einem politischen Verein beizutreten, im allgemeinen Dienstintereffe nicht erteilt wird. Die Polizei- Verwaltung hält also den Volksverein für einen politischen Verein, sonst hätte sie ja nicht daS Verbot erlaffen. Die konservative Freuzzeitung'

nimmt den Volksverein dagegen in Schutz und betont,

baß er ein katholischer BildungSverein sei, der ben Zweck verfolgt, die „katholischen' Grundsätze in alle Schichten beS Volkes hinetnzutragen. Er be­schäftigt sich mit öffentlichen Fragen nur vom Stand« puntte deS katholischen Bekenntnisses, nicht vom Standpunkte irgend einer politischen Partei. Der Bolksverein sehe in seinen Mitgliedern nur Katholiken, nicht Anhänger irgend einer Partei. Daher komme eS, daß im Volksverein — wenigstens in Danzig ist es so — eine bedeutende Anzahl von Männern vorhanden ist, die tijrer Parteirichtung nach konservativ sind. DaS Blatt meint zum Schluß, die Maßnahme deS Polizeipräsidenten beruhe jedenfalls auf ganz falschen Informationen.

* Zur Rechtfertigung der reichsländischen Bischöfe. Von einer Seite, von der man es wohl nicht erwartet hätte, kommt den Bischöfen von Metz und Straßburg in ihrer Warnung der Lehrerschaft vor dem Deutschen Lehre,.verein Recht­fertigung: Der Protestant Bep hl, der durch seinen Radikalismus bekannte Herausgeber der .Freien Bayer. Schulztg/ schreibt in feinem Blatt Nr. 3 folgendes:

In dem Streit hat die staatliche Behörde formell Unrecht gehabt. Wir müssen das objettio und gerecht beurteilen. Bischof Fritzen hat ganz richtig gejagt, er habe sich ja nicht in das dienstliche Verhalten der Lehrerschaft eingemischt. Und die Bischöfe van Metz und Straßburg haben mit Fug und Recht er­klärt, ste hätten es für ihre Pflicht gehalten, Glieder ihrer Kirche auf die religiöse Seite einer privaten Handlung aufmerksam zu machen."

Ob wohl die liberale Preffe auch noch zu dieser Einsicht kommt?

* Gott schütze mich vor meine« Freunden! Da» ist die Grundtendenz eines Artikels der libe­ralen »Allgemeinen Deutschen Lehrerzeitung' über die Fachschulaufsichl^ Da heißt es wörtlich:

„Seit vielen Jahren kämpft nun die Lehrer­schaft für fachmännische Schulaufsicht, roenn man aber fleißig herumhört, waS für Erfahrungen man da gemacht hat, wo ste eingeführt ist, so kommt man beinahe zu dem Schluffe: ber Lehrerstand ist für eine solche Selbstregiernng noch nicht reif! Es ist bitter, fo etwas sagen zu müssen, aber es ist die Wahrheit. Und wir müssen unS dies« Wahrheit erst einmal mitleidlos bekennen, wenn e8 besser werden soll. Wie geschieht es denn nur allzu oft, wenn einer der unseren zum Leiter eines wenn auch noch so kleinen Schulsystems geworden ift? Er rückt sogleich merklich von seinen Beruf-- genoffen ab, zieht sich in die systematische Wolke seine» Amtszimmers zurück und zückt von da ans den donnernden Strahl feiner Zurechtroersungen auf Ge­rechte und Ungerechte herunter. Die Berewssitzungen besucht er fortan nimmer unb in ben Zuschriften att seine „Untergebenen" bedient er sich lieber eines P. P, als daß er den Namen des Adressaten womöglich gar mit einem vorgesetzten „Geehrter" oder die jetzt wirk­lich ganz absurde Bezeichnung „Herr Kollege" an­wendet«. Bei seinen Revisionen läßt er mehr oder weniger deutlich fühlen, daß er alle» beffet versteht (in den abgelegten Prüfungen hat er da» ja bewiesen I!), und in den Heilen der Schüler tut er gerne fein« von der Zensierung de» Lehrers ab­weichende Ansicht — womöglich mit Blaustift — kund."

„Man kann," so schließt ber interessante Ar­tikel, „bie Lehrer begreifen, die ihr Unstern unter da» Szepter eines solchen ridiculus rector ton ans (lächerlicher polternder Rektor) gebeugt hat, wenn da» alte Wort vom Krumm stab, unter dem gut wohnen ist, für ste einen neuen In­halt bekommt." — Schärfer läßt sich bie Fachauf­sicht nicht verurteilen. Wenn so etwas ein Zen« trum»blatt geschrieben härte!

entzückend« Grübchen in den rosigen Wangen zum Vorschein kamen. Hermann August hatte innlgft ge­wünscht, etn Töchterchen zu besitzen — so wie diese» hätte t» fein müssen. Freundlich hob er ihr Köpfchen an dem runden Kinn empor.

„2Bie heißt Du, keine Man»?" fragte er.

lieber da» hübsche Gesicht glitt ein tiefer Ernst.

„Ich bin keine Mau»", versetzte sie gekrärckt, „ich Hn Rotkraut von Pfeiseck; aber Ursel nennt mich im­mer Tmutchen. Nicht wahr, da» ist ein schöner Name? Wie heißt denn Du, Onkel? Alle, bie ich lieb habe, sind meine guten Onkel, Friedrich ist c» unb der Schmied im Dorfe ist e» unb ber ölte Zacharia», bet mir immer SchokoladenplShchen gibt, wenn Ursel unb ich in seinen Laden gehen." d

Der ernste Mann lachte wider Willen

„Eine schmeichelhafte Verwandtschaft", dachte er bei fich.

"Run, tote ist Dein Name?' begann da» Kind wieder. „Ich muß e» wissen. Weißt Du auch war- vm?'

Unb al» er verneinte, zog sie feinen Kopf dicht zu fich heran unb flüsterte geheimnisvoll: „Damit ich am Abend tot Dich beten kann.'

Graf Hermann Auguft brückte unwiMrlich einen Kuß auf die reine Kinberstirn unb dachte:

„Du unschuldiger, kleiner Engel, ist e» möglich, daß Du da» Sind be« Manne» bist, bet fo viel Un- recht tat?"

„Ich heiße Pfeileck, wie Du, Utottraut", antwor­tete er.

Da klatschte sie fröhlich in bie Hände und hüpfte vor Freude.

„Arme, Keine Serie", murmelte bet Graf mittet big, „wie wird Dein Lo» fein? AI» Tochter be» Man- res, bet auSgestoßen au» bet Gesellschaft, ist Dir da» Schandmal schon jetzt aufgtbrüdt!"

Seit jenem Tage Iah Hermann August bi« Keine Nottraut öfter, roenn ihn Geschäfte auf bie Pfeilburg führten. Eine gewisse Summe roar dem noch im­mer in Pari» lebenden Günther Erich bewilligt toot» ben, bie ihm halbjährlich gezahlt wurde. Niemand wußte, wie und wovon er lebte, daß r« auf keine an*

Ausland.

; Frankreichs Landesverteidigung ist Gegenstand der Sorge der sranzöfischen Regierung. D«e Hebungen mit Flugapparaten für bte ständige Weise geschah, davon fühlten sich all« über- zeugt.

Der Sohn de» gräflichen Ehepaares wuchs heran: er war ein elfjähriger Knabe, der Stolz und die Hoff­nung der Eltern, ein echter Pfeileck, wie jedermann sagte, der ihn kannte. Sanier Hartwig, wie ihn bl« Leute nannten, war aber auch eti feiten begabte» Kind-, er lernte tüchtig unb versprach, einst ein würdt- ger Vertreter ber Familie zu werben. Schon mit dem achten Jahre kannte er genau ba» väterliche Gut, unb jede Hufe Lande» war ihm lieb; str jeden Bauern, der zum Grafenhorst gehörte, hatte er ein Lackeln, rin freundlich^ Wort E» war nicht zu öermeioen, daß der Knabe oft von dem „wilden Pfeileck" sprechen hörte, eine an Haß grenzende Verachtung bemächtigt« sich seiner, hatte ihm sein Vater doch schon im zarten After einen hohen Begriff von den StandeSpflichten beigebmcht, die seiner harrten. Er würde einst ba» Obechaupt bet Familie sein unb müßte alles Unreine auSmetzen, das Wappenschild seiner Ahnen tabello» bewahren, jedes unwürdige Glied semhalten.

Ost ritt der Knabe bis in die Nähe der Pseilburg unb besuchte seine frühere Amme, welche in dem zu Füßen der Burg gelegenen Dorfe wohnte. Auf einem solchen Mtt Iah er ein Kornfeld, daS voll Blumen stand: der Mutter Lieblingsblumen St stieg ab,. band daS Pferd an einen Baum und begann zu pflücken Et toat so vertieft in seine Beschäftigung, daß et w schreckt aussah, ati eine feine Stimme tief: „Du hiss mit doch Übet den Graben, ich will Dit pflücken Hel- fen. He Kornblumen find so bubsch. Em Reine» Bauernmädchen stand auf dem Wege und streckte di« Aecmchen nach ihm au», Hartwig sprang Übet den Graden, hob bie leichte Gestalt auf die Arme, setzte sie sorgsam am jenseitigen Rande nieder, und beide Kürt der suchten nun eifrig nach den Blumen. Dabei plau­derten fte lustig zusammen und erzählten sich allerlei.

„Wo wohnst Du?" fragte der Knabe, „im Dorf« habe ich Dich noch nie gesehen, und ich besuche dort doch so ost die Suse."

„Wer ist da»?' forschte bie Klein«.

Wortsetzung folaM

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 7. Februar 1910.

Die zweite Beratung des Justizetat»

wird beim Titel .Ministergehalt" fortgesetzt.

Abg. Liebknecht (Soz.): Unsere Justiz hat zur Be­vorzugung der besitzender Klassen und zur Unterdrückung der ärmeren Bevölkerung geführt. Das Berhatten ber Richter gegenüber den Anwälten ist keineswegs immer einwandfrei. Bei der Entschädigung unschuldig Verur­teilter macht fich ein bedauerlicher FiSkalismuS geltend. Unsere Anschauung, daß wir in Preußen eine «lassen, sustiz haben, die von den Interessen deS Kapitalis­mus besttmmt wird, wird auch von Vertretern anderer Parteien geteilt Der Redner verbreitet fich weiter über die zunehmende Kriminalität, die hervorgerufen sei zum Teil durch die brutale Behandlung der Ange­klagten seitens der Richter, von denen man manchmal ba« Gefühl habe, als habe man eS gar nicht mit Menschen zu tun. Zum Teil trage bie Schuld an ber zunehmenden Kriminalität die Kirche, die durch ihre Bildung-seindlichkeit zur Vermehrung der Verbrechen beitrage. Der Redner schließt seine 3‘A stündigen Aus­führungen : Die Justiz wirb in den nächsten Monaten eine Feuerprobe zu bestehen haben. Wir werben sehen» ob ste bei etwaigen Konflikten bie fich ergeben können auf bie unerhörte Provokation von Seiten ber Regierung mit der Wahlrechtsvorlage hin, die Bürgerfreiheit und daS Bürgerrecht schützen will, ober ob sie sich dazu t) ergeben wirb, mit brutaler Gewalt soziale Strömungen zu unterdrücken.

Bizepräsident Krause: Nach dem amtlichen Steno­gramm haben Sie gesagt: „Manche Angeklagten haben, wenn sie vor die Straskammer kommen, da« Gefühl, als ob ste den Wölfen vorgeworfen würden." Diese Aeußerung ist geeignet, die Richter zu beleidigen. Ich rufe Sie deshalb zur Ordnung.

Justizminister Beseler: Der Aba. Liebknecht hat nur eine Agitationsrede gehalten. Da« Ansehen unserer Justiz bat in keiner Weise gelitten. Wir können ber Handhabung ber Rechtspflege durch unsere Richter mtt Vertrauen entgegensetzen.

Abg. Dr. Bell (Ztr.) Ich glaube ber Auffassung Ausdruck geben zu sollen, daß die Zahl der Landrichter noch zu vermehren und auf Verringerung der Zahl ber Hilfsrichter Bedacht zu nehmen ist. In Sachen ber Entlastung be« Reichsgericht» möchte ich ben Serrn Minister bitten, den großen Einfluß Preußens i Bundesrat dahin geltend zu machen, daß nicht der Plan zur Durchführung kommt, wonach diejenigen Prozesse vom Reichsgericht ausgeschlossen sein sollen, in denen Landgericht und Oberlandesgertcht fiberem« stimmend geurteilt haben. Was das Verhältnis von Richtern und Rechtsanwälten angeht, so können Einzel» e; dem bestehenden guten Verhältnis keinen Abbruch

(Sehr richtig!) Aus ben Antrag Roeren und auch ans die Frage der Ausschließung der Presse bei Stan- dalprozefsen will ich hier nicht näher eingehen, ich will nur den von uns stets vertretenen Standpunkt betonen, daß von den Grundprinzipien der Strafprozeßordnung eine der wichtigsten die Öeffentli iltti de« Verfahrens ist. Wenn wir dieses Prinzip gewahrt wissen wollen, und einem Ausschluß berPreffe nicht das Wort reden, so­weit eS der Berhandlungsgegenstand unbedingt erfordert, dann ergibt sich hieraus für die Presse die Ehrenpflicht, die Berichte so zu erstatten, wie sie einer Gerichts­verhandlung würdig find. Leider ist e» aber eine be­dauerliche Tatsache, daß gewisse Blätter in einer Weise berichten, mit der man nicht einverstanden sein kann. ES muß Ausgabe der Presse fein, durch ihre Bericht­erstattung der Ekandalsncht nicht nur keinen Vorschub zu leisten, sonder« vielmehr zum Ansehen der deutschen Rechtspflege beizutragen. (Lebhafter Beifall im Zentr. und rechts.)

Abg. Dr. Krause-Königsberg (natL) (polemisiert gegen den Abg. Dr. Liebknecht, dessen Rede er al» eine Provokation des Abgeordnetenhauses bezeichnet und fordert weiter, daß für die Anstellung der Richter nur die Tüchtigkeit entscheidend sein dürste. Auch wünscht er, daß man bei Regelung juristischer Fragen Rechts­anwälte höre.

Abg. Dr. v. Liszt (freif. Bereinig.) behandelt die Frage ber Ausbildung der jungen Juristen. Wünschens­wert wäre e», wenn in der Justiz Theorie unb Praxi» möglichst eng in Verbindung ständen, sodaß Richter gelegenttich auch alS Dozenten zugelaffen werden könnten.

Deutsches Reich.

in» Die preußische Wahlrechtsvorlage.

Die verschiedenen Fraktionen haben beute vormittag ihre Sitzungen begonnen, um ihre Stel­lungnahme zu der Wahlreform festzulegen

E» bedarf keiner ausdrücklichen Hervorhebung, daß bie Vorlage in ihrer jetzigen Form nicht Gesetz werden wird und eS gewinnt immer mehr den An­schein, daß fich eine Mehrbeit für die Einführung der geheimen Wahl aussprechen wird. Man glaubt, daß auch da» Herrenhaus einem Beschluß des Abgeord­netenhause» auf Einführung der geheimen Wahl zu­stimmen werde, wenn dir Regierung Hefen Beschluß annehme.

In der SSgftedrigen Kommission zur Vorberatung der Wahlrechtsreform werden sitzen 9 Konservative, 6 Mitglieder be» Zentrum», 4 Freisinnige, 1 Pole 1 Sozialdemokrat, 4 Freikonservatloe und 4 Natio­nalliberale. Die Kommission wird ihre Beratungen am 16. oder 17. d. M. beginnen Wann werden sie mden?