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Fulda, Samstag den 5. Februar 1910

37. Jahrgang

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Zweites Wtcrtt

L-jrigen: v« et» fpaltige Petitzeile ober deren Bannt 15 pfg. Beklamendtepetitzeitt 25 Pfg., bet wieder» (Ölungen wirb entfpt, Rabatt gewährt.

Äofafionsbrntfunb Verlag der Fuldaer Ak» flenbrnderei in Fuld« Fernsprecher Ur. 9.

+ Tierquälerei und Schachtverbot.

Die Bestrebungen, die auf eine Verschärfung des geltenden Strafrechts für Mißhandlungen von Tie­ren gerichtet sind, sind ebenso berechtigt wie verdienst­lich. Es kann aber nicht geleugnet werden, daß diese Bestrebungen zumteil über das gerechte Maß hinausge­gangen sind, indem sie vernachlässigt haben, daß un­ter Umständen wohl berechtigte Jntereffen vorliegen können, denen Leben und Wohlbefinden der Tiere ge- epfert werden muß.

Zu erwähnen ist hier zunächst das Interesse der Wissenschaft an dem Tierexperiment; es würde nicht richtig sein, durch ein Verbot der Vivisektion die Erkenntnis der physiologischen usw. Vorgänge zu hindern. Als zweite Frage kommt in Betracht, ob die

stoff haben. Schon au8 diesem Grunde muß man die Oldenburgsche Aeußerung als unklug bezeichnen. Sie war aber auch an dem Orte, wo sie getan, nicht ange­bracht. Schließlich ist eS ja richtig, daß ein Offizier unter allen Umständen einem ihm vom Vorgesetzten erteilten Befehl gehorchen muß. Aber wenn v. Olden­burg, um das klar zu machen, den Gedanken der ge­waltsamen Schließung des Reichstages so leicht bei bet Hand hat. so läßt daS freilich nicht auf eine be­sonders hohe Achtung vor diesem parlamentarischen Institute schließen. Nun kann man ja natürlich keinem Menschen vorschreiben, wie er über Parlamentarismus zu denken hat — und vielleicht ist die hohe Zeit des Parlamentarismus schon vorüber. Auch Herr von Oldenburg ist berechtigt, den Parlamentarismus aus ganzer Seele und mit allen Kräften zu verachten; aber es ist für den Abgeordneten unllug, unpolitisch, diese Verachtung allzu offen auszusprechen. Es ist direkt ein großer politischer Fehler, diese Mißachtung, wenn auch in noch so problematischer Form, im Reichstage selbst durchblicken zu laffen. Denn diejeni­gen, die es mit chrer parlamentarischen Arbeit emst meinen, müssen ganz selbstverständlich an solchen Re­dewendungen Anstoß nehmen, und, waS noch schlim­mer ist, den bürgerlichen und unbürgerlichen Linken wird dadurch reiches Wasser auf ihre Mühlen gelie­fert. So wird also niemandem genützt als nur dem bösen Feinde jedes staatlichen und geordneten Bür- gerlebenS.

Eine eigenartige Persönlichkeit unter den preu- schm Ministern ist der Landwirtschastsminister von Arnim. Bei keinem seiner Kollegen hat man in dem Maße den Eindruck, daß er seine Sache wirklich ver­steht, als bei ihm. Dementsprechend wird man beim Durchlesen der Parlamentsberichte auch finden, daß kein anderer Minister so häufig und so viel in Einzel- fragen daS Wort ergreift, als er. So sitzt der alte, magere Mann Tag für Tag in den endlosen Sitzun- gm des Abgeordnetenhauses auf seinem Stühlchen, stets aufmerksam und immer bereit aufzuklären, „wohl­wollende Erwägung"' zuzusagen usw. In dieser Woche kam er aber auch mit neuen Vorschlägen. Er will von Staatswegm die Entschuldung des ländlichen Grund­besitzes fördern, und Verlangte hierfür im Etat vor­läufig, versuchhalber, die Summe von 50 000 Mark. Das Zentrum war demgegmüber mit Recht der An­sicht, daß die Sache von eminent Prinzip eller Wich­tigkeit nicht genügend gellärt, ja vielleicht gar bedenk­lich sei, und beantragte deshalb, dm Plan des Mini­sters in der Kommission einer nochmaligen scharfen Nachprüfung zu unterziehen. Etwas wie eine Unge­rechtigkeit empfand man auch darin, daß hier der Land­wirtschaft östlicher Provinzen eine Summe zugeführt werden sollte, während andererseits einer westlichen Provinz, der Rheinprovinz, ihr Anteil am Westfonds gekürzt werden sollte. Für den vollen Anteil der Rheinprovinz am Westfonds konnte das Zentrum eine Mehrheit zusammen bringen, dagegen wurde es in seinem Vorhaben, die Entschuldungsfrage nochmals in der Kommission zu beraten, überstimmt.

Die englischen Wahlen find zu Ende. Sie haben ergeben, daß die Liberalen, von Iren und Ar- beitem unterstützt, als Mehrheit ins neue Haus ein­ziehen, daß sie aber auf ihre Bundesgenossen in sehr einengenber Weise abhängig find, und aus sich selbst nichts rechtes machen können. Die Konservativen oder Unionisten haben einen außerordentlichen Stimmen­zuwachs zu verzeichnen, ohne daß sie doch mit ihrem Erfolge ganz zuftiedm wärm. Das hat sich fteilich gezeigt, baß die unionistifche PoMk in England, dem Mutterlande des Parlammtarismus, eine erheblich stärkere Zugkraft besitzt, als der Liberalismus. Für eine weitere Demokratisierung sind die Engländer offenbar nicht zu haben. ES liegt ihnen nichts daran, das Oberhaus abzufchaffen; trotzdem gegen das

Oberhaus ein ziemlich ausgiebiger Agitationsstoff vorhanden war, hat die Parole: Abschaffung des Oberhaufe», absolute Volksregierung, nicht viel auS- geridbtet Das vom Oberhause abgelehnte Budget wird also nochmals von der Mehrheit des Unterhau­ses angenommen werden, und bann können bte LordS, die sich ja ausdrücklich auf diese Abstimmung deS neu- gewählten Unterhauses festgelegt habm, nicht umhin, der Finanzbill ihre Zussimmung zu erteUen.

Die Beziehungen zwischen Rußland und O e st e r r e i ch sind in der üergangenen Woche Gegen­stand allgemeiner Aufmerksamkeit gewesen. Auf bei­den Seiten scheint man das Bedürfnis zu haben, jenes Verhältnis, dessen drastischer Ausdmck die KreiS- fahrt des Zaren um Oesterreich hemm nach Italien trat, in ein freundlicheres umzugestalten. Auf öster­reichischer Seite ist diese Tendenz wenigsten» sehr stark vorhanden; und wenn man auf russischer Seite nur ein ganz klein wenig friedlichen und vemünstigen Sinn hat, so werden die Aktionen, so zaghaft fie auch noch zu fein scheinen, zweifelsohne Erfolg haben. Die innerpolitischen Zu stünde in Oste r- r c i ch und Ungarn sind nach wie vor unerfreulich. Das ungarische Parlament ist von dem neuen Minister­präsident Khuen-Hedervary vertagt worden; die Auf­lösung und Neuwahlen stehen bevor und werden vor­bereitet.

Im Lande der Hellenen geht es toll her: In diesem „Lande der Freiheit" herrscht arge Verwir­rung nicht nur infolge der Militärdiktatur, die das Volk im Banne hält, und durch ihre ungesetzliche Herrschaft sich eines Verfaffungsbmches schuldig macht, sondem vor allem durch den falschen Be- täsigungsdrang, die Insel Kreta einverleiben zu wollen. Ein solches Verlangen, das fteilich dem eigenen Wunsche der Kretenser voll entspricht, würde vielleicht einem gekräftigten Volke zustehen, das auf seine Entwickelung stolz fein kann. Dem armen, im Innern völlig zerrütteten Königreich, dessen Herr­scher ein Spielball der Launen eines Teils seiner Offiziere ist, gebührt Alles andere eher wie ein Macht­zuwachs auf Kosten bet Türkei, die in diesem Punkte jedenfalls nicht mit sich spassen läßt. Trotzdem die Griechen oft genug die Erfolge der tückischen Waffen am eigenen Leibe verspürt haben, was bei der Ver- fosstlng der beiderseitigen Armeen kein Wunder ist, lassen sie nicht von ihrem Ehrgeiz, der Kreta gilt. Sie hören anscheinend auch nicht auf die Wamungen bet Mächte, und es kann ertoariet werben, daß bie vom König bewilligte Nationalversammlung, die im Herbst zusammentteten soll, auch kretische Abgeordnete zu ihren Mitgliedern zählen wird. Daß hierdurch bie Pforte noch in ihre Unnachgiebigkeit in der kretischen Frage weiter bestäckt wird, kann bei ihren Prinzipien beim besten Willen nicht Wunder nehmen. Kriege­rischen Verwickelungen auf dem Balkan dürfte jedoch das energische Eingreifen der Kreta-Schutzmächte auch diesesmal verhindem.

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wocheN'Rundschau.

[:] Fulda, 4. Februar 1910.

Eine Frage, die auch in bet Vergangenen Woche lebhaft erörtert worben ist, ohne daß sich bie Aus- ichten auf eine alle Interessenten befriebigenbe Lösung rgenb gebessert hätten, ist die Frage der Etnfühmng bet Schiffahrtsabgaben. Bekanntlich hat die preußische Regiemng einen Gesetzentwurf zur Einfüh­rung der Schiffayrtsabgaben veröffentlicht und der preußische Finanzminffter hat im preußischen Landtag auf das entschiedenste erltärt, daß Preußen für diesen Plan mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln käm­pfen werde Diese scharfe Stellungnahme deS Frei- Herm von Rheinbabm war offensichtlich gegen alle jene gerichtet, die einen Widerspruch gegen die preußischen Vorschläge hatten laut werden lassen, also sowohl ge­gen den Freisinn, wie auch gegen die sächsische und badische Regierung. Diese beiden Bundesstaaten sind nämlich entschiedene Gegner der Schiffahrtsabgaben — ba für ihre Verkehrsadern die aus den Abgaben zu be- ftteitenden Flußkorrektionen und Kanalbauten wenig bedeuten — und die Entschiedenheit, mit der man auf beiden Seiten seinen Standpunkt feftijält, läßt eine glatte Erledigung der Frage als unmöglich erscheinen. Bayern, unter Führung des um bie Entwickelung bes bayerischen Verkehrswesens so verdienten Prinzen Ludwig, hat sich dagegen auf die Seite Preußens ge­sellt. Die Sachlage kompliziert sich noch mehr durch bte Frage, ob durch bie Einführung der SchiffahrtS- cbgaben die Bestimmungen der Reichsverfaffung außer icht gelaffen werben. Dieser Frage aus dem Wege gehend will Preußen auf seinem Plan nur bestehen, falls et im Bundesrat zwei Drittel Mehrheit findet — waS er zweifellos tun wird —, also gerade als ob es sich um eine Versaffungsänbemng handele. Dann 'Ißt sich versaffungsrechtlich nichts mehr gegen die Schiffahrtsabgaben einwenden. Da die Frage der Ein­führung der Schissahrtsabgaben ff r die deutsche Volks­wirtschaft von der einschneidend:n Bedeutung ist, so wird fie noch lange und lebhaft die Gemüter beschäf­tigen.

Der deutsche Reichstag hat sich eingehend mit Afrika beschäftigt und ist auch in der Etatsberatung ein gutes Stück fortgeschritten. Recht lebhaft, wie übrigens seit Jahren, hat es auch diesmal bei der Behwrdlung des Militäretats bergegangen. Nachdem sich bet preu­ßische Kriegsminister v Heeringen wiederholt als fchnei- biger preußischer Offizier erwiesen, und die gewöhn- lichen Klagen über Soldatenmißbandlungen, Benach­teiligung der Juden im Heere und so weiter, wie all­jährlich erledigt waren, kam das „Ereignis". Der kon­servative Abg. v. Oldenburg Januschau, dessen grotesk wicksanie Art zu reden niänniglich bekannt, und je nach der Parteistellung als frisch und angenehme Abwechselung ober als unverschämte Herausforderung empfunden wird, sprach über bte Disziplin im Heere und gebrauchte dabei jene unvorsichtige Wendung, die zunächst von allen Seiten als Mtz empfunden und gewertet wurde — bis die Herren von der Linken auf den Ja nicht unklugen Einfall kamen, Kapital und Sensation daraus zu schlagen. Der sozialdemokratische Schmtspieler Ledebour übemahm es bann, die Würde des Reichstages zu wahren, und brüllte zu diesem Zwecke dem Vizepräsidenten, Fürsten Hohenlohe, zu: Hemnter vom Prästdentenstuhl! Gegen den darauf erfolgenden Ordnungsruf legten die Sozi Beschwerde ein, die selbstverständlich vom Hause als unbegründet zurückgewiesen wurde. Damit ist die Sache an sich er­ledigt. ES bleibt bestehen, baß bie Linksparteien, vor allem bie Sozialdemokratie, einen neuen Agitations-

bei den Israeliten übliche Schlachtmethode, das sog. Schächten, al- strafbare Tierquälerei angesehen »erben darf. ES ist dabei zu berücksichtigen, daß da» Schächten nicht nut eine hergebrachte Sitte, sondern eine religiöse Vorschrift ist, die die gesetzeSttmen Ju­den streng verpflichtet. Aus diesem Grunde darf man grundsätzlich das Schächten der Schlachttiere nicht auf eine Stufe mit Akten von Tierquälerei zusammensteft len. ES wird behauptet, daß das Schächten eine über­aus schmerzhafte Art der Tötung darstelle. Dem stehen aber zahlreiche Gutachten medizinischer Autoritäten ge­genüber, bie feststellen, daß das Schächten den Tieren keinen besonderen Schmerz bereite, indem sie sofort betäubt würden; in der Praxis ist zudem vielfach eine vorherige Betäubung der Tiere üblich. Die Meinung, daß die Betäubung vor dem Schächten rituell nicht er­laubt sei, ist nicht ganz richtig, die rituellen Vorschrif­ten lassen vielmehr auch den Genuß des Fleisches von in der Betäubung geschachtetem Vieh zu.

Rach der augenblicklichen Rechtslage ist eine Be­handlung des Schachtens als Tierquälerei nicht mög­lich, und auch die dem Reichstag vorliegende Straf­gesetznovelle, welche im § 145b eine neue Vor­schrift gegen die Tierquälerei vorschlägt, schließt auS- drücklich in ihrer Begründung das Schächten als straf­bare Handlung aus. „Der Strenggläubige, der bei der Befolgung der Schächtvorschristen religiösen Pflich­ten nachkommt, kann nicht al» boshaft oder roh han­delnd angesehen werden."

Dos Zentrum hat von jeher den Standpunkt vertreten, daß in der Sitte beS Schachtens die rituel­len Vorschriften der Juden geachtet und geschützt wer­den mütien, wie es allgemein für Anerkennung der re­ligiösen und rituellen Eigentüuckichkeiten der verschie­denen Konfessionen und Religionen, soweit sie mit dem Sittengesetz Vereinbar sind, eintritt. Windthorst und Dr. Lieber haben die Frage für wichtig genug gehal­ten, um selbst im Parlament für fie einzutreten.

Bel der Beratung des neuen Tierquälerparagra­phen in der Justizkommission ist daS Zen­trum dieser Tradition treu geblieben. § 360 bei Strafgesetzbuches soll in Ziffer 13 bie Bestimmung er­halten: „Wer die zur Verhütung von Tierquälerei er­lassenen Vorschriften übertritt." Diese Bestimmung würbe ein Verbot deS Schächtens burch lokale Instan­zen, z. B. Schlachthofordnungen, möglich machen. El sind beshalb von ben Abgeordneten Engelen, Gröber und Dr. Mayer-Kmlfbeuren verschiedene Stbänbe» rung santräge gestellt worden, bie derartige Ver­bote unmöglich machen wollen. Letzterer schlug vor, der Bestimmung beizufügen: „Der Erlaß eine» Schachtverbotes ist unzulässig." Die Aufnahme dieser Bestimmung würde zweifellos am besten alle Versuche, in irgend einer Form ein Schächteverbot zu erlassen, unmöglich machen.

Durch eine Zufallsmehrheit ist in bet Kommission der Antrag abgelehnt worden. Er wird ober voraussichtlich im Plenum wieder aufgenommen wev» den und dürste hier auch eine sichere Mehrheit finden. '

Deutsches Reich.

* Das Verzeichnis der Landtagsabgeordnete« nach Parteien, abgeschlossen am 28. Januar, ist dem Ab­geordnetenhaus gugegangen. Danach zählen die Kon­servativen 152 (darunter 25 Mitglieder des Reichs­tags), die Freikonservativen 61 (7), die National- liberalen 64 (6), die Freisinnige Volkspartei 27 (6), die Freisinnige Vereinigung 8 (1), bie 3 entrumS- Partei 104 (23), die Polen 15 (4) und bie So­zialdemokratie 6 Abgeordnete. Wild sind 3 Abge­ordnete, während drei Mandate erledigt find, nämlich eins in Guben (bisher nationalliberal) und je einl in Hagen i. W. und In Bielefeld (bisher Freisinnige Volkspartei).

Unpolitische Zeitlause.

(N.) Berlin, 3. Februar 1910. (Nachdruck verboten.)

Zu Fastnacht glauben etliche Leute, fie müßten pie Welt auf ben Kopf stellen und fich selber dazu. Vernunft wirb Unsinn, sagt derDichter. Wenn ber Unsinn nur nicht so oft in Unfug ausarten wollte! Wer im blöden Lärmen und Saufen, Lumpen und Sumpfen fein „Vergnügen" sucht, ber hat keine Ahnung von der Natur unb Bedeutung bet alten Fa-- schingSgedräuche. Nicht daS gemeine soll ben Ton angeben, fonbem etwas seines, nämlich ber Witz, ber über bie frembert unb eigenen Torheiten sich luftig macht. Und nicht die Roheit soll den Reigen füh­ren, fonbem bie Kunst, die auch den einfachsten Mummenschanz erklären kann. Wenn bie Diener sich °lS Herren aufsvielen unb die Herren sich für eine Weile die dienende Nolle gefallen lassen, wie eS bet den altrömischen Vorgängern unseres Karnevals der Fall wat, fo steckt in einer solchen Welt ein tiefer sozialer Sinn unb eine heilsame Mahnung, übet dem Kasten- wesen nicht bie ewige Ordnung b. Menschenbrüderlich­keit zu vergessen. Unb wemckein junger Fant zu Fast­nacht als würbevoller Großpapa herumstolziert ober ein hockachtbarer Patrizier den jobelnben Bauernburschen darstellt, fo gibt sich babei dichterisches unb schauspiele­risches Talent künd, unb bie Kunstfertigkeit erroedt Behagen.

In bet drastischen unb geschickten Vertauschung bet Rollen liegt bet Schwerpunkt eines richtigen Fa­sch ingstreibens. Man will einmal etwas anberS sein, als was man sonst auf Erden fein muß. Man spielt W) selbst und ben Mitmenschen eine Szene vor aus rtner erdichteten Welt, unb wenn biefet phantastische »üequdj halbwegs gelingt, so wirkt er erfrischend ge» der Stickluft bet Alltäglichkeit. ES ist nur Kroas Mutterwitz unb etwas Nachahmungskunst n3- A,' d°nn laßt sich mit wenig äußeren Zutaten ein «Elches und zugleich hübsches Bllb eszielen.

A kö"ntt es sein, unb so sollte eS sein. Aber ^L s- ber die Verrohung sind leider nut zu be- bc§ Fasching! läßt nicht bloß ft* im Shebeigang erscheinen, sondern auch den Geschmack und den Kunstsinn btt breiten Massen.

Die Menschheit wird zu brutal. Ochsen können nicht Menuett tanzen unb Esel haben nur Sinn für Heu- bündel.

Unter ben obwaltenden Umständen braucht man auch die Gegenden, wo noch der Karneval sich öffent­lich abspielt, nicht mehr zu beneiden. Es ist mehr AergerniS al! Freude babei. Wer noch aus Vergnügen unb Erbauung sich in bie verkehrte Welt stützen will, ber muß in einen kleineren Kreis von erprobten Ge­nossen sich flüchten. Unb wo eS eine solche Zu­fluchtsstätte für gesunden Humor auf Gegenseitigkeit nicht gibt, da muß man sich mit bet häuslichen Gemüt­lichkeit begnügen.

Man kann auch im stillen Kämmerlein Karneval feiern, — bet einer Taffe Kaffee ober einer Pfeift Ta­bak Im stillen Kämmerlein, wenn man seine Ge- banken spazieren gehen läßt über ben Markt des Le­ben! unb sich klar macht, wie viele und wie große Narren und Gecken dort Tag für Tag unterlaufen, ohne sich ihrer Verdrehtheit bewußt zu fein. Das liebe Ich braucht man babei nicht auszunehmen; ein bischen närrisch find wir ja allzumal. Unb man kann sich weiter aulmalen, wie eS wohl in bet Welt zugehen würbe, wenn all die Herrlichkeiten, auf welchen sich bie großen Toren dieser Wett so breit machen unb dicke tun, eines schönen Tages zusammenbrächen und dal oberste nach unten, daS unterste zu oberst käme.

Ich möchte aber noch einen recht praktischen Stoff für stille Fastnachtsbetrachtungen Vorschlägen. Wie wir gesehen haben, ist ja daS Wesentlichste an dem Fa­schingstreiben, daß man gleichsam aus der eigenen Haut fährt und bte Rolle eines ganz anders gearteten Mitmenschen spielt. Wer diese Komödie gut durch­führen will, muß sich natürlich in die geistige und kör- perfiche Verfassung des betreffenden Mitmenschen gründlich bineinbenken. Erst wenn er sich bineingelebt hat in die ftemde Persönlichkeit, kann er fie wicksam .zum Ausdruck bringen. Nun schlage ich vor, daß wir ber Bequemlichkeit halber ben Mummenschanz fort­fallen laffen, aber um so kräftiger im stillen Kämmer­lein unS versenken in daS Wesen und Treiben unserer Angehörigen oder nächsten Freunde.

Dir z. B., du gebieten bet Hausherr, kann es gar nicht! schaben, wenn bu bir einmal vorstellst, wie bit dich als grau diese! HauseS eigentlich fühlen wür­

dest. Wie würde eS bir gefallen, wenn du von der ersten Morgenfrühe bis zum Nachllämpchen und ost noch darüber hinaus all die Unmasse von Arbeiten und Sorgen zu erledigen hättest, die deiner Frau obliegen? Und was würdest du sagen, wenn bei dieser unendlichen Plackerei noch immer ein frisches fröhliches Gesicht, ein munteres Wort, eine zärtliche Aufmerksamkeit verlangt würde für den rauhen Mann, der seinerseits für das rastlose Walten der Hausfrau keinen dankbaren Blick, geschweige denn ein anerkennendes Wort hat? Wür­dest Du es nicht ungerecht und hart finden, wenn der gestrenge Ehemann ber Hausfrau unb bem ewigen Einerlei ihrer Tageslast gar keine Erholung und Er­frischung bietet, für ihren Hunger nach geistiger und gemütlicher Anregung und Abwechselung blind bleibt? Kannst bu ihr nicht manchmal etwas zu Gefallen tun?

Aber bu, verehrte Hausfrau, bu kannst viel­leicht auch etwas lernen, wenn du dich einmal an die SteFe deines Mannes denkst. Seine Berufsarbeit wird bir doch bei näherem Zusehen wohl etwas schwerer Vorkommen, als tote bu sie in ber alltäglichen Gewöh­nung schätzest. Er steht ttn heißen Kampf umS Dasein mitten in der kalten, gefährlichen, feindseligen Welt. DaS setzt nicht bloß Arbeitsschweiß auf ber Stirn, son­dern mich Sorgenschweiß im Herzen. Wenn der Mann ermattet unb vielleicht verärgert in bie Wohnstube zu­rückkommt, empfängst bu ihn da so, wie du eS in ähnlicher Lage wünschen tvürbest? Hast bu stets für pünktliche» und gutes Essen gesorgt? Suchst bu mit zarter Hand die Falten auf ferner Stirn zu glätten, ober schaffst du durch nachlässiges, verdrossenes Wesen ihm neue Enttäuschung? Vermehrst bu vielleicht noch seinen Aerger und seine Sorgen burch Geklatsch unb Geleise wegen allerhand kleiner Zwischenfälle, bie bu ganz gut selbst erledigen könntest? Und bist bu, liebes Frauchen, dir auch stets bewußt, daß ber Mann, ber baS Geld mühsam verdient, von Rechtswegen eine ver­nünftige, sparsame, zweckmäßige Wirtschaft verlangen kann? Denke bich lebhaft hinein in bie Stellung unb bie Tätigkeit deS ManneS, bannt bu erkennst, was er beanspruchen darf unb erwarten muß.

Ungeheuer heilsam wäre eS für bie Kinder, wenn bie fich einmal in daS Arbeit!» unb Seelenleben ihrer Eltern recht versenken könnten unb wollten. Aber bie kleineren stnb dazu noch nicht fähig, unb bie größeren

sind in ihrem grünen llebermut meisten! nicht gewillt dazu. Wenn in ber Kinderstube einmal „Papa unb Mama" gespielt wird, so bleibt eS bei Aeußerlichkeiten, unb bie kleinen Schauspieler verstehen sich bester auf die Schwächen, als auf bie Tugenden der Eltern. Den verständigeren Elementen unter der sogenannten reife­ren Jugend mochte ich aber zurufen: Betrachtet flei­ßig und gründlich die Tätigkeit eurer Eltern; stellt euch vor, daß ihr an deren Stelle wäret unb von früh bis spät euch abmuhen müßtet für das Wohl der Kin­der, die dafür mit Gleichgiltigkeit, Widerspenstigkeit ober gar grober Unbanlbarfeit lohnen. Was würdet ihr als Eltern von ben Kindern verlangen? Dasselbe müßt ihr euren Eltern gewähren.

Wird umgekehrt auch ein Schuh daraus? Haben auch die Eltern Veranlassung, sich (n das Denken, Fühlen unb Tun ber Kinder zu Persenken? Frellich. ES wird viel unb schwer gefehlt, auch von wohlmei- nenben Eltern, weil die kindliche Eigenart nicht ge­hörig berücksichtigt wird. Die Einen fehlen durch ein übergroßes Vertrauen, indem fie sich einbilden, daß ihre Kinder doch von selbst Musterexemplare fein müß­ten. Die anderen gehen zu eifrig, zu heftig, zu unge­duldig vor, weil fie vergessen, daß das Kind erst einen Heinen Teil ber geistigen, sittlichen und Körperlichen Kraft besitzt. Viele Eltern haben anscheinend ihre eige­nen Jngendjahre auS dem Gedächtnis auSgelöscht; sie tun so, als ob sie nichts mehr wüßten von dem Drange nach Bewegung, von ben zerbrochenen Spielsachen unb ben tollkühnen Streichen, von der Flüchtigkeit unb Vergeßlichkeit, von bem Leichtsinn unb dem Eigensinn, und all' ben anderen Kindereien, welche sie selbst in ihren jungen Jahren betätigt haben. Wer Kinder er­ziehen will, muß Kinder verstehen, unb darum sollten bie Estern stets zurückdenken an ihre eigenen Werde- und Uegeljahre. Dann werden fie erkennen, daß nicht mit Gewalt in einem Nu, sondern nur mit kluger, ge- baldiger Arbeit nach und nach sich dieVeredelung bei Nachwuchses erreichen läßt.

Es ist gut unb heilsam, wenn man wenigstens in Gedanken die Nolle eines Mitmenschen gelegentlich spiest. Wer nur sich selbst versteht, versteht sehr wenig. Je gründlicher man bie anderen kennt, desto weiser unb geschickter wird man.

6*Ä*6*Wt