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Rotationrdrncknnd Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckeret in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

37. Jahrgang

Fulda, Freitag den 4 Februar 1910

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Swertes Ml^crtt

gerer Verbindungen zwischen Frankreich und dein El­saß bar. Die Verteidigung des Landes würde durch die neue Linie nicht gefährdet tverden. Minister M i l- l e r a n d erwiderte, die Entscheidung über den Durch­bruch der Vogesen hänge nicht von ihm allein ab, sondern auch vom Kriegsminister, dem er die Akten unterbreitet.

acht Jahren in Florenz lebende Kunsthistoriker Dr. Gronau ausersehen. Dr. Gronau, der jetzt im Al­ter von 42 Jahren steht, ist in Fachkreisen hauptsächlich als Ttzianforscher bekannt. Außerdem hat er Werke über Correggio, Raffael und Leonardo veröffentlicht. — Um 200 Mark geprellt wurde ein Land­wirt aus Ihringshausen. Er wollte auf der KreiS- sparkaffe Geld erheben und fragte auf dem Köntgs- vlatze einen gut gekleideten etwa 13 Jahre alten Men- ichen nach dem Wege nach der Sparkasse. Der junge Mensch erbot stch, ihm den Weg zu zeigen, da er zufällig in derselben Gegend zu tun habe, führte den Bauer aber zum Justizpalast. Er bot ihm dann an, d«S Geld für ihn abzuheben, ließ sich das Sparkaffenbuch einhändigen und verschwand zu einem anderen Aus­gange hinaus.

* Erfurt, 3. Febr. 1910. Der 37jährige obdach­lose Arbeiter Kister mißhandelte seine Frau, alS diese sich weigerte, den Arbeitsscheuen aufzunehmen, derart, daß sie mit lebensgefährlichen Verletzungen be­wußtlos liegen blieb. Der rohe Mensch wurde ver­haftet.

Aus dem Nackbaraebiete.

— Buttlar, 2. Febr. 1910. Am 27. Januar fand hier eine Versammlung des Volksvereins statt. Nachdem Herr Pfarrer Klitsch ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht hatte, behandelte Herr Kuratus Schumann ans Vacha das Thema: „Die christ­liche Sozialpolitik". Herr Gewerkschastssekretär Bal­des aus Trier verbreitete sich über die Bedeutung der christlichen Gewerkschaften ans wirtschaftlichem und religiösem Gebiete. Beide Redner ernteten für ihre trefflichen Ausführungen reichen Beifall. Am Sonn­tag, den 30. Januar, folgte eine zweite Versammlung, in welcher Herr Rechnungsdirektor Böschen aus Kassel einen Inständigen Vortrag über die Unfall­versicherung hielt. Die zahlreich erschienenen Mitglieder des Volksvereins folgten den überaus klaren und prak­tischen Ausführungen mit gespannter Auftnerksamkeit. Die anschließende Diskussion erbrachte den Beweis, daß die vortrefflichen Belehrungen bei den Zuhörern großes Interesse erweckt hatten. Allseitig wurde der Wunsch nach ähnlichen Vorträgen ausgesprochen. Fünf neue Mitglieder traten dem Volksverein bei.

* Jaffa, 3. Febr. 1910. Die Vergrößerung des Bahnhofes geht nunmehr ihrer Vollendung entgegen. Der Umbau weist schöne. Helle Räume auf. Zur Beleuchtung wird wahrscheirllich Gasolin ver­wandt.

§ Neustadt, Kr. Kirchhain, 1. Febr. 1910. Beim Ausladen von Cis wurde dec Zimmermann Rückers- Häuser von einem mit Eis beladenen Wagen ü b c r- fahren vnb schwer verletzt.

♦ Essenbach a. M., 3. Febr. 1910. Das schreck­liche UnglückanderOffenbacherSchleuse am 19. August o. I., das bekanntlich sieben Opfer forderte, hat nunmehr eine interessanre Wendung er­fahren. indem einige Elteni der ertrunkenen Kinder beabsichtigen, gegen den Fiskus eine Schadenersatz­klage anzustrengeu. Da sie mittellos sind, haben sie sich bereits am 24. September v. I. mit einem Gesuch um Zuerkennung des Armenrechtes für diesen Pro­zeß an das Darmstadter Landgericht gewandt. Jetzt erst, nach viermonatlicher Dauer, kam der Bescheid, daß das Gesuch aus dem Grunde abgelehnt worden ist, weil die Klage „ausflchtslos" erscheine.

* Kassel, 2. Febr. 1909. Zum Dir ktor der Kasseler Gemäldcgallerie, die seit dem Abgang des Geheimrats Dr. Eisenmann, d. h. seit etwa einem Jahre, interimistisch von dem hiesigen Mu­seumsdirektor Dr. Böhlau geleitet wird, ist der seit

volkswirtschaftliches und Soziales.

* Zur Lage im Ruhrredier bringt die Bochumer sozialdemokratische „Bergarbeiter-Zeitung" einen un­gemein scharfen Kampfartikel, wonach die Vorstände der vier Bergarbeiterorganisationen angesichts des kommenden Kampfes beschlossen haben, Sonderbei­träge von monatlich 50 Pfg. auf unbestimmte Zeit hin­aus zu erheben. Im Ruhrbecken hätten die Gruben­besitzer innerhalb 21 Monaten den Lohn um mehr als 50 Millionen Mark herabgesetzt. Die jetzt herein- brechende Hochkonjunktur muffe ausaenützt werden, nm die Bergarbeiter gegen die Anmaßungen der Her­renmenschen wehrhaft zu machen. In dem vom Vor­stand des Verbandes der Bergarbeirer Deutschlands unterzeichneten Artikel wird weiter erklärt: „Wir wollen uns nicht mehr länger als Arbeitstiere behan­deln lassen. Wenn es nicht anders geht, muß zum letzten Mittel, zum Streik, ausgeholt werden."

Ausland.

* Die neutrale Staatsschule, das „Ideal" der deut­schen Liberalen, ist während dec liberalen Herrschafts- Periode in Holland eingeführt worden. Die Staatslehrer waren damals bei der Einführung na­türlich alte liberal. Konseauent machten sie mit dem Liberalismus den Ruck nach links mit und zwar so konsequent, daß jetzt 60 Prozent der Staatslehrer der Sozialdemokratie angehören. Diese wei­gern sich heute, die Schüler patriotische Lieder singen zu lassen. Und der Vorsitzende des Allgemeinen hol­ländischen Lehrervereins hat auf dem letzten Bundes­tag diesen Standpuntt als Grundsatz des Vereins ver­treten! Ein Sturm von Entrüstung geht nun durch das Land. Der Liberalismus aber erntet, was er ge- säet hat. Warum sollte man auch, wenn man Gott und der christlichen Sittenlehre gegenüber „neutral" sein will, nicht auch dem Staat gegenüber „neutral" werden?

* Der Bogesendurchstich durch eine Bahn wird, wie wir schon einmal erwähnten, von den um die Förde­rung der deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen bemühten Körperschaften dringend gefordert. Am Mittwoch befaßte sich die französische D ep u- tiertenkammer mit der Frage. Abg. Schmidt wünschte den Bau einer Eisenbahn von Saint-Diö nach dem Elsaß. Redner legte die Notwendigkeit en­

Gelegentlich einer Kreislehrerkonferenz sagte ein KreiS- chulinspektor ungefähr: „Wer durch die Stimmab­gabe für einen andern als den aufgestellten nationalen Kandidaten die Wahl desselben gefährdet, dem ziehe ich den Strick zu." Bei einer Stadtverordneten­wohl in einem ostelbischen Städtchen hatten einige Lehrer für einen deutschen katholischen Kaufmann ge­stimmt. Well er deutsch, gebildet und dec größte Steuerzahler war, dachten sie nicht daran, daß ihnen diese Absttmmung als eine staatsgefährliche Handlung ausgelegt werden würde. Sie hatten jedoch die Rech­nung ohne den Wirt gemacht; denn bald darauf wurde einer dem Unglüällichen nach dem Westen versetzt, dem andern aber soll das nationale Makel noch heute cm- kleben. Bet der Wahlmännerwahl zur Wahl eines Landtagsabgeordneten wurden bei der letzten Wahl 1908 vom „nationalen" Wahlkomitee die Namen der deutschen Wahlmänner allen „nationalen" Wählern bekannt gegeben. Das war recht schön in der Ord­nung, wußte man doch wenigstens, wie man abzustim­men hatte. Das mochte aber in einer vorhergehenden Wahl unterblieben sein, oder es war zufällig den be­teiligten Lehrern eines größeren Ortes nicht kundge- tan. Selbige wählten sich denn auch gegenseitig. Es fand sich aber sofort ein Denunzierblättchen, welches diese Vaterlandsverräter öffentlich an den Pranger stellte. Auch beeilte sich die Behörde, diese Ungc- treucn eines Bestem zu belehren. Ein Vorgesetzter, welcher in dieser Angelegenheit die Lehrer vernahm, sagte ihnen: „Als Mensch haben sie ja wohl recht gehandelt, nicht aber als Beamter!" Mit Straf­versetzungen wurden diese Lehrer zwar nicht bedacht, es blieb in diesem Falle bei einem Verweis. — Wenn die Nationalliberalen hier Gemaßregelte suchen vür- den, so würden sie nicht nur einen, sondern Dutzende finden.

— „Die rote Fahne auf der Wartburg" — so überschreibt die „Tägl. Rundschau" in Nr. 50 die Meldung, daß im Wahlkreise Eisen a ch-D erm - b a ch der sozialdemokratische Kandidat bei der Nach­wahl gesiegt habe. Die „Tägl Rundschau" hat wohl nicht so ganz unrecht, wenn sie diese Ueberschrist wählt. Ist doch auch dieser neue sozialdemokratische Sieg leider ein Beweis dafür, wie geringe Wider­standskraft der Protestantismus gegen die rote Hoch­flut besitzt. Alle die Wahlkreise, die in Nachwahlen von der Sozialdemokratie erobert wurden: Neustadt- Landau, Kolmrg, Halle und Eismach, sie haben über­wiegend, zumteil fast ganz protestantische Bevölke- rung.

vermischtes.

* Treu steh' und fest!" Der Generalfeldmarschall Graf v. Haeseler übersandte dieser Tage dem Musketier Gottschalk von bet 6. Kompagnie des Jn- santerie-Regiments Nr. 130 in Metz, der ihn am 1. Ok­tober v. I. den Eintritt in die Feste verweigert hatte, weil der Generalfeldmarschall keine Eintrittskarte bet sich fühtte, sein Bildnis mit der Unterschrift: „Treu steh' und fest. Zur Erinnerung an meinen Besuch am 1. Oktober 1909."

* Eine Zigeunerbande vergiftet. In dem an der ungarisch-rumänischen Grenze liegenden Orte B o l j t übersiel eine Zigeunerbande die Apotheke, raubte alles, was transportabel war, und entfloh. In den näch­sten Sagen wurden sämtliche Netzte der Umgegend nach dem Zigeunerlager gerufen, wv 15 Personen in den letzten Zügen tagen, während fast alle übri­gen über allerlei liebel klagten. Die Aerzte erkann­ten, daß die ganze Bande sich mit den geraubten Medikamenten vergiftet hatte.

* Der große Damenhut und die enge Kupeetür. Daß eine Dame, weil sie mit ihrem großen Hute nicht aus dem Eisenbahnkupee herauskonnte, den Anschluß verpaßte, hat sich dieser Tage auf dem Bahnhose in Altenburg ereignet. Die Dame, die mit dem Schnell­zug in Altenburg ankam und hier auf einen anderen Zug umsteigen wollte, sand stch mit ihrem großen Hute während des nur eine Minute dauernden Aufenthal­tes des Schnellzuges nicht aus dem Kupee heraus. Sie hatte das Hutungetüm erst unterwegs aufgesetzt, und ehe sie es wieder abnehmen konnte, setzte sich der Zug schon wieder in Bewegung und entführte sie nach Leipzig.

* Arn Hochzeitstage in den Tod. In Groß-HimS- darf (Schlesien) wurde der Schuhmacher Wohl, als er mit seiner jungen Frau in den Tanzsaal schritt, von einem Schlaganfall tödlich getroffen.

♦ Der Flugkünstler Mortimer Singer stürzte auf dem Flugplatz HelTopollS bei Kairo mit seinem Apparat und erlitt dabei einen Bruch beider Beine, sowie eines Armes und Verletzungen an der Brust.

♦ Eine scheußliche Bluttat ist in Zarizin (Po­sen) verübt worden. Dort wurde die ganze Familie Szezuki, bestehend aus den Eltern und fünf Kindern im Alter von 11 bis 4 Jahren ermordet. Als Mör­der ermittelte man den Sohn de? Szczuki au8 erster Ehe. lieber die Beweggründe ist noch nichts bekannt geworden

* Ein Geschütz, das transportiert werden sollte, stürzte in dem belgischen Fort Barchen aus der Kett« des Hebekrahns und zerschmetterte zwei Soldaten.

* Eine Räuberbande drang in D u n a r (Ungarn) in das Stationsgebäude ein, fesselte den Stationsvor­steher und plünderte die Kasse. Dann schnitten di« Räuber die Telegraphenleitungen ab und flüchteten.

Deutsches Reich.

* Abg. Schmieding in der Klemme. Der national- liberale Abg. Schmieding (Dortmund) hat stch durch seine unbesonnenen Aenßerungen in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 18. Januar bös in die Nesseln gesetzt. Er behauptete dort: „die Ixe* monia (das Zentrumsblatt von Dortmund) läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne der evangeli­schen Konfession etwas anzuhängen". Daraufhin forderte die Tremonia Herrn Schmieding zweimal in einem offenen Briefe auf, feine Behauptung zu ■ beweisen. AIS Herr Schmieding, roetl er nicht be­weisen konnte, sich in Schweigen hüllte, erinnerte die Tremonla ihn an die moralische Pflicht: un- wahre Behauptungen öffentlich zurückzunehmen. Als er das nicht tat, konnte die Tremonia mit Recht schließen:

Ihr Schweigen müssen wir als einen Beweis dafür ansehen, daß Sie Ihre Behauptungen nicht aufrecht erhalten können, aber dieselben trotzdem nicht offen und ehrlich widerrufen wollen, wie es sonst unter Ehren­männern üblich ist. Die Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst. . .

Dazu kommt nun noch ein zweiter Fall, tn dem Herr Schmieding ehrlicherweisewiderrufen müßte. Er hatte nämlich in seiner Rede auch dem franzö­sischen Katholikensührer LouisVeuillot folgende Aeußerung in den Mund gelegt: „Da, wo Ihr (die Liberalen) das Regiment habt, verlangen wir To­leranz nach Euren Grundsätzen; aber wo wir das Regiment haben, unterdrücken wir Euch nach den unfrigen." Nun weist Professor Rosenberg m Dortmund in einem Schreiben vom 26. Januar an die Tremonia nach, daß bereits der Lyoner Rechts­anwalt Löon Chaine, der in einem französischen Werke ebenfalls das angebliche Wort Veuillots ver­wendet hatte, in der zweiten Auflage des Werkes, nachdem er eines Befferen belehrt war, schrieb:

Der fragliche Satz ist frei erfunden, und ich bebaure, diese Legende, welche übrigens auch m noch so wenig informierten Kreisen keine Geltung mehr hat, beachtet zu Haden." Es wird Herrn Abg. Schmieding, der die erfundene Behauptung trotzdem wieder aufstellte, nichts anderes übrig bleiben, als der Wahrheit die Ehre zu geben und klipp und 'klar zu widerrufen.

> „ Der Mann ist katholisch". „An der Wiege ist

Ie8 mir nicht gesungen worden" — so sprach der zei­tige Stettor bet Universität Bonn, der protestantische -Geheimrat Löschke, auf dem Kommers der katholi­schen Korporationen — „daß ich einmal an der Ehren­tafel des Kaiserkommerses der katholischen Korporatio­nen stehen und Sie alle aus vollem Herzen als meine lieben Kommilitonen begrüßen wurde. Denn in dem schönen Tale, wo ich geboren und ausgewachsen bin, da lernte man nur au§ Büchern, daß eS Katholiken gebe Ich weiß cs noch wie heute, wie es unter un? Schuljungen als ein Geheimnis umging, das einer dem anderen ins Ohr raunte: Der Mann istka- tholisch." Der Rekwr erzählte bann weiter, wie er als Student nach Bonn gekommen und dann spä­ter als Dozent. „Und als ich dann zutückkehtte und mich einarbeitete in das Verständnis der anderen Hälfte des Volkes, da ist mir dies als eine heilige Pflicht erschienen, und darnach habe ich gerungen." — Wievielen Protestanten ergeht es tn der Jugend noch schlimmer! Ihnen werden Vorurteile und noch Bö­seres gegen die Katholiken eingeimpft, und wenn es heißt „Der Mann ist katholisch", regt sich eine feind­selige Gesinnung Der Rektor der Bonner Universität schlug den rechten Weg ein: er arbeitete sich hinein in daS Verständnis der Andersdenkenden. Ge­schähe das mehr, so würde es besser um den konfessio­nellen Frieden stehen, als es heute leider der Fall ist.

* Zu der Wahlfreiheit ber Beamten bringt die „Germ." noch einige Beispiele aus dem Osten bei.

Schattenblume.

43] Originalroman von Ireue v. Hellmuth.

(Schluß statt Fortsetzung.)

Gerda atmete wie erlöst von schwerer Last auf.

„Wenn nun derjenige, mit dem ich um zwölf Uhr fei der großen Buche stand, ungefähr zwanzig Mi­nuten vorn Turme entfernt, — wenn der kommt und das betätigt, — dann kann das meine Rettung wer-

^Ja, gewiß, das müßte Sie befreien", bestätigte der Beamte nickend."

„Gut, — den Beweis werde ich erbringen!"

„Wirklich?" rief der ernste Mann überrascht und ein schönes Lächeln huschte über fein Gesicht. Er sah Gerda erwartungsvoll an. Er hatte sich der Ueberzeu- gung nicht verschließen können, daß die junge Frau nicht schuldbewußt aussah. Er meinte es gut mit ihr, denn er sagte sich, daß sie die Wahrheit sprach.

Gerda sühlte, wie ihr mit der nahenden Rettung der Mut wuchs. Sie segnete den Zufall, der Alfred gerade in der kritischen Minute hergeführi. Wäre das -nicht der Fall, wie sollte sie ihre Unschuld be­weisen? , .

Aber wo mochte Alfred sich befinden? Wahrschem- /flch hatte die Kunde von dem furchtbaren Ereignis 'ihn nicht mehr ereilt, denn - sie zweifelte keinen Au- ißenblid, — er wäre sonst gekommen, denn er mußte ja wissen, daß seine Aussage von Wichtigkeit war. Doch Derda tröstete sich damit, daß Alfred vielleicht seinen Angehörigen Mitteilung gemacht habe, wo er sich zur Seit aufhielt. Diese Hoffnung erwies sich allerdings ’els eine trügerische. Alfreds Vater kannte den Auf- entbaltrori seines Sohnes nicht. Er hatte nichts mehr von sich hören lassen. Gerda ließ den Mut nicht sinken. Man mußte eben suchen, Ausrufe erlassen, alles tzufbieten, um ihn zu finden.

, Anfangs war die junge Frau voll froher Zuver- Achr. Als aber Woche um Woche verstrich, ohne Er- ■tbnte, ohne Erfolg, als alle Bemühungen, Alfred zu fbiben, umsonst waren, als sie merfte, daß man an ihren Aussagen zu zweifeln begann, daß man alle» für Er­

findung zu halten geneigt war, da faßte sie nianchmal die Verzweiflung und sie glaubte unterliegen zu müs­sen in dem fürchterlichen aufreibenden Kampfe. Sie sah blaß und abgezehrt aus, dieses lange Warten auf die erlösende Botschaft drohte ihre Gesundheit zu un­tergraben.

Wenn man Alfred nicht sand, was dann? Wenn er am Ende gar nicht mehr lebte? Wenn er Hand an sich gelegt hätte, wie er es ihr gegenüber angedeutet? War es denn auszndenken, was dann geschah?

Alle diese Fragen legte sich das unglückliche junge Weib vor Sie konnte Tag und Rächt nichts anderes mehr denken So oft man eine Spur gesunden zu ha­ben glaubte, immer verlor sie sich wieder. Alfreds Vater schrieb, daß er sich selbst auf die Suche nach dem Sohn gemacht habe, Gerda möge doch den Mut nicht sinken lasten, es werde noch alles gut werden.

Und endlich nahte die Erlösung von all der schwe­ren Pein. Es war in London gewesen, wo Alfred zufällig in einem größeren Restaurant speiste und er in der Zeitung den fettgedruckten Anftnf las Ohne seine Mahlzeit zu beenden, eilte er in seine Wohnung, ordnete seine Angelegenheiten und befand sich in kur­zer Zeit auf der Reise in die Heimat. Ohne sich nur eine Stunde Zeit zum Ausruhen zu gönnen, suchte er so schnell als möglich sein Ziel zu erreichen. Erst von seinem Vater erfuhr er, was sich schreckliches er­eignet hatte.

„Arme, arme Gerda, was muht Du gelitten ha­ben?" murmelte er.

Zugleich wollte sich in feinem Herzen eine Stim­me geltend machen, die ihm znflüsterie von kommen­dem Glück, von froher Hoffnung, von einem neuen glücklichen Leben.

Doch vorerst galt es, Gerda zu befreien von dem furchtbaren Verdacht.--—

Alftei« Zeugnis stimmte in allen Punkten so genau mit dem Überein, was Gerda ausgesagt hatte, daß den Richtern kein Zweifel an der Wahrheit mehr bleiben konnte. Sie hatten sich der Annahme, daß Gerda unschuldig sei, niemals ganz verschließen kön­nen, aber die Beweise schienen ganz dar Gegentell anzudeuten, und der Schein war gegen die arme junge

Frau. Sie wurde jetzt glänzend gereinigt von dem furchtbaren Verdacht.

Jahre sind vergangen. Alfred hat die verfallene Mühle von Grund anS renovieren lassen Sie sieht jetzt sehr stattlich aus mit ihren hellen, blinkenden Fensterschoiben und den grünen Läden. Er hat sich dort ein Atelier eingerichtet. Freilich, er kann im­mer nur einige Wochen bleiben, wenn er mit feiner jungen Frau zum Sommeraufenthalt eintrifft, aber auch da will er nicht müßig fein. Das Ehepaar freut sich immer herzlich, wenn es dem Trubel der Residenz entfliehen und hier die Ruhe und Sülle des Land­lebens nach Herzenslust genießen kann. Wenn die Linde blüht, dann treffen die beiden regelmäßig ein und dann sitzen sie Hand in Hand unter dem breit- ästigen Baum auf dem kleinen Bänkchen und atmen mit Wonne den süßen, berauschenden Duft. Sie sind noch immer so verliebt in einander wie damals, als st« in aller Stille in der kleinen Dorfkirche getraut wur­den.

Die Rosel wirtschaftet noch rüstig umher. Sie hat zu ihrer Freude jetzt immer ein paar Kühe und Ziegen im Stall. Der alte Müller kann zwar nicht mehr aufrecht und nicht ohne Stock gehen, aber seine Augen blicken noch hell unb er kann immer kaum die Zeit erwarten, bis die Linde blüht, denn bann weiß er, daß Gerda mit ihrem Mann bald kommt.

Diesen Sommer hat sie versprochen, ihm sein Ur- enkelchen, ein rosiges, herziges, zweijähriges Mädel- chen, mitzubringen, und hundertmal schon hat er ge­fragt, ob denn die Linde noch immer nicht blüht, und ob die Rosel denn glaubt, daß er die Freude noch er­leben wird, sein Urenkelchen an das Herz drücken zu dürfen. Lachend hat diese erwidert: Ach, Müller, Ihr seht so gut aus, ich glaube bestimmt, daß Ihr hundert Jahre alt werdet?"

Der Müller nickt befriebigt mit dem Kopf.

„'S könnt schon sein," meint ec vergnügt, „ist schon öfter dagewesen, daß einer hundert wird."

Dann sitzt er wieder geduldig in feinem Lehnstuhl und wartet. Und al» endlich sein Warten belohnt

wird, als der Wagen, der die ersehnten Gäste bringt, draußen vorfährt, als Alfred aus dem Wagen springt unb seine Frau ihm ein zappelndes, reizendes Kind im spitzenbesehten, weißen Kleidchen herauSreicht, da humpelt der Alte, fo schnell er vermag, hinaus. Er kann seine Rührung kaum verbergen, die Freude glänzt auf seinem runzelvollen Gesicht

Das lebhafte Kind ist bald heimisch in der Mühle, es plappert den ganzen Tag und Rosel wird nicht müde, der holden Kleinen zuzuhören.

Gerda und Alftcd versäumen nie, Viktors Grab zu besuchen und mit frischen Rosen zu schmücken. Die' Fabrik haben sie verkauft. Gerda wollte nicht In der Villa wohnen, wie sie auch nie mehr zur alten Ruine binaufgegangen ist. Ihr graut noch immer vor dem Orte, wo sie einst so gerne gewellt.

Egon Helldorff ist verschwunden. Niemand weiß, wohin er sich gewandt hat. Er hat auch allen Grund, für seine Heimat als ein Verschollener zu gelten, denn nicht nur seine zahlreichen Gläubiger fahnden nach ihm, sondern auch die Polizei. Denn er hat sich an dem Eigentum seines Vetters vergriffen, als er bei des­sen plötzlichem Tode für kurze Zeit Alleinherrscher in Haus und Geschäft war. Das zeigte sich freilich erst später, als das Gericht eine genaneAufstellung von dem Vermögen des Verstorbenen machte. Da kam es an den Tag, daß Egon Helldorff auch ein — Dieb war. Er hat sich der drohenden Strafe durch die Flucht entzogen.

Mit Ada Helldorff trifft Gerda manchmal zusam­men; sie verkehren äußerlich zwar freundlich mit ein­ander aber zu einem intimen Verhältnis ist es nicht gekommen. Ada hat sich in der Residenz ebenfalls vecheiratet, aber sie beneidet die elegante, von ihrem Manne fast abgöttisch geliebte Frau Gerda nicht we­nig. Wenn sich das schöne Paar auf der Straße zeigt, wie eS heiter plaudernd Arm in Arm dahinwandert, bann bleibt mancher stehen und schaut den beiden be­wundernd nach.

Au» Gerda» Leben sind die Schatten verschwun» den, die einst ihren Weg verdunkelten. Hell scheint die Sonne des Glückes auf ihren Pfad.

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