Maer W Zeitung
3.ÄÄÜC wochkEoe«: .^Kastrierte Somtag^ektllng"
Monatrbeilage: ..Zuldaer Geschichtsblätter"
Fulda, Dienstaa den 1. Februar 1910
37. Jahrgang
enddettitüN*« 3Usw*«t fra Sw» ».töStitrtay-Dterteb jährliche, Vetttz,rprdr ohne vringrrtohn *xl VestelseldinZuldas». wie auswärts 1.50 IRL
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Krkes ’SÖtatt
Wegen des Feiertags Mariä Lichtmeß wird die nächste Nummer der,F«ldaer Zeitung erst am Donnerstag ausgegeben.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 3L Januar 1910.,
In dritter Beratung werden koloniale Reich-fachen debattelo- erledigt. Es folgt die dritte Beratung eines
Rachtrag-etat- für die Schutzgebiet«.
Es handelt sich um Forderungen zum Schutz gegen den Diam ante »schmuggel und solche für Bah» baute» in Ost» und Eüdwestafrika.
«bg. Erzberger (Ztr.): Wir werden dem Nach- tragSetat zustimmen, aber mit dem einen Vorbehalt, der begründet ist in den ungellärten Beziehungen der Deutschen Koloniaigesellschaft zur Kolonialverwaltung. Der Staatssekretär hat den neuen Vertrag mit der Kolonialgesellschast al- vorteilhaft für das Reich be« zeichnet. Da ist es doch bezeichnend, daß die Aktien der «oloniatgesellschast, alS es bekannt wurde, daß der Vertrag noch nicht abgeschlossen sei, an einem einzigen Tage um 10 ue/. getunten find. (Hört, hört!» Ich habe schon bet der »weiten Lesung darauf hingewiesen, . daß die Koloniaigesellschaft auf ihre BergwerkSgerecht- i tarne verzichtet. Diese Gesellschaft hat nun am Samstag in der Kölnischen Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem sie den Vertrag von 1908 nach Inhalt md Form als zweifelhast bezeichnet, (Hört, hörtl) er sei nicht notariell beglaubigt und keinesfalls hab« Ee auf ihre Bergwerksgerechtsame verzichtet. Es ist och ganz undenkbar, daß die koloniale Verwaltung einen solchen Standpunkt billigt. (StaMssekrrtär Dern- durg schüttelt den Kopf.) Dann würde die Landkom- mifston einfach für nichts gearbeitet haben, denn der Haupterfolg der Landkommisstou ist doch, daß ein ?statte- Verhältnis mit der deutschen Koloniaigesellschaft ür Südwest geschaffen ist. Dann würde ich freilich auch begreifen, weshalb in Südwest sich eine Empörung gegen gewisse Maßnahmen gezeigt hat. Also nur unter dem Vorbehalt, daß der Bergrezeß von 1908 das Bergeigentum der Kvlonialgeselllchast beseitigt hat. find ich und meine Freunde tn der Lage, für den Nachtragsetat zu stimmen.
Abg. Dr. Arning (natl.) ist gleichfalls der Meinung, ■ daß die Gesellschaft durch den Vertrag von 1908 auf ihre Bergwerksgerechtsame endgültig verzichtet habe.
Abg. Dr. Arendt (Rp.) verlangt, daß der Staatssekretär mit aller Energie dieser Gesellschaft gegenüber die Rechte des Fiskus wahren möge. (Beifall und Zustimmung;)
StaatSsrtretär Dernbnra: Ich bleibe durchaus auf allen den Ausführungen stehen, die ich früher ge- macht habe. Der Vertrag von 1908 bleibt nach wie vor die rechtsgiltige Grundlage für dte Auseinandersetzung zwischen FiskuS und Kolonial-Ge-
sellschaft. „ £
Nachdem noch einmal Abg. Erzberger (3-X ferner die Abgg. Dr. Görcke (ntl.1, Frhr. v. Richthofen (tonf.) und Ledebour (So,.) gleichfalls die Manipulation der Gesellschaft aufs Schärfste oeturteilt haben, schließt die Diskussion. Der Nachtrags-Etat wird gegen die Stimme der Sozialdemokraten bewilligt.
Es folgt der
Kolonial-Etat.
Dazu liegt eine Resolution der Kommission vor, die eine besondere Neuregelung der Gehälter der Kolonialbeamten abgelehnt und auf das zu erwartende Kolonialbeamtengesetz hinweist. Staatssekretär Dernburg stimmt der Refolution zu, womit dieselbe angenommen ist. — Sodann erhält bas Wort
Abg. Erzberger (Z.): Um einen für die Förderung der Kolonien notwendigen zuverlälstgrn und einwands- sreie» Beamtenstand zu erhalten, bedarf e» einer besseren Regelung der Rechtsverhältnisse, speziell der PensionSverhällnisse dieser Beamten. Dringend notwendig ist auch ein weiterer Ausbau der Selbstverwaltung. Eine große Gefahr, besonders in vstasrika besteht für die Christianisierung de» Schutz- gebiete» und auch für die Aufrecht erhaitung der deutschen Herrschaft in bet Ausbreitung des Islam». WaS gedenkt die Kolonialverwattung gegen diese Gefahr zu tun? Zunächst sollten bie Eingeborenen angehalten werden, ihre Kinder in die Missionsschule zu schicken. Besonderen Wert sollte die Berwaltung daraus legen, überall christliche Beamten zu Haden. Die christlichen Bewerber sind unter allen Umständen den mohammedanischen vorzuziehen. (Beifall im Zentrum). Die Politik de» Staats- fekrrtärs bezüglich der Neger er Haltung billigen wir. Zweckmäßig wäre auch die Verbesserung der WohnungSverhältnifle. In Neuguinea muß mit allem Nachdruck den große» Mißständen, die einer Vermehrung der Bevölkerung entgegenstehen» entgegengetreten werden. Auch ist auf einen guten Schulbesuch in den Kolonien hinzuwirkrn. Ich verweise hierbei auf die segen-reich« Tätigkeit der Missionen beider Konfessionen. Sie verdienen eS, daß ihnen von der Tribüne de» Reichstag» gedankt wird. (Lebhafter Beifall.) Redner geht bann auf verschiedene Mißstände auf Samoa unb Neuguinea ein. In bezug ans Samoa frage ich den Staatssekretär, wieviel Beleidigungsklagen der Gouverneur gegen deutsche Ansiedler angestrengt hat. (Der Staatssekretär zuckt Me Achseln.) Was? Der Staat-sekretär hat von dem Rattenkönig von BeletdigungS» prozessen nichts gehört, die der Gouverneur zum „Schutze seiner Autorität führt? Bis zu 24 Klagen bei tot ganzen 400 Weißen? Unb noch bapr unter Ausübung der Gerichtsbarkeit, weil bie Richter in Ferien find, durch zwei Subalternbeamte, die vom Gouvernement abhängen? In Samoa arbeitet man übrigens anscheinend auch nach dem Rezept de- Aus- wattigen Amtes: wenn man mit einer Klage nicht durOonunt, erklärt man den Mann für unzurechnungsfähig. Im letzten Jahre befand sich Samoa bet den Unruhen in einer höchst kritischen Situation, unmittelbar vor dem Bürgerkrieg. Ich freue mich, daß e- friedlich beigelegt ist. Dazu haben die Missionen außerordentlich beigetragen. (Der Staatssekretär nickt.) Da wäre eS an der Zeit, daß der Staatssekretär die Dtanipulationen verhindert, mit denen den Missionen j erschwert wirb, ihre Missionsschulen für bie Elnge- einzurichten. Der Redner fragt zum Schluß, weshalb die katholischen Missionsschulen ans Samoa aus alle mögliche Weis« von der Regierung bedrängt und den ssimultanen Regierungsschulen nachgesetzt wurden. (Lebh. Beis. i. Zentr.)
«dg- Dr. Arning (natl.) bittet den Staatssekretär Mn Abhilfe gegen verschiedene Mißstände in de» Kolonien, bie dem Hand«! schadete», sowie um Au-- kuntt üb« bi« Jndertraae. Von -<uu brtbaberer
Wichtigkeit sei bie Bekämpfung der Schlafkrankheit, bie Baumwollkultur müsse unterstützt werden und dem fliegenden Händlertum in Südweftafrika müsse ein Ende gemacht werden. Zum Schluß bittet Redner um Nachsicht für die Lüderitzbucht«; denn diese Leute könnten auch einmal über die Stränge schlagen, wenn sie m den Zeitungen läsen, welcher Radau manchmal im Reichstag — wie erst noch vorgestern — gemacht werde. (Sehr gut! unb Heiterkeit.)
Staatssekretär Dernburg: Mit dem Ausbau der Selbstverwaltung dürfen wir nur schrittweise und sehr vorsichtig vorgehen. Die weiße Bevölkerung fluktuiert zu sehr. In der Kolonie hat jeder Beamte die Pflicht, die Politik »u vertreten, die die Kolonialverwaltung alS richttg anerkennt. Die katholischen Missionsschulen werden keineswegs zugunsten der Simultanschulen eingeengt und schikamert. Die Sache liegt vielmehr so, daß der Bischof den katholischen Kindern den Besuch der Regierungsschule verboten und Zuwiderhandlungen mit Kirchenstrafen belegt hat. Dagegen, daß eine Regierungsinstitution verächtlich und lächerlich gemacht werden sollte, hat sich der Gouverneur gewehrt, und das war fein gutes Recht. Was wir gegen die Ausbreitung des Islams tun können, tun wir; aber auf keinen ftaQ darf bei dem Fanatismus der Bevölkerung mit Gewaltmaßregeln gegen den Islam vorgegangen werden.
Abg. Dove (irs. Vgg.): Die Rechtsordnung in den Kolonien läßt noch immer viel zu wünschen übrig. Im weiteren fordert Redner eine Kodifikation des Eingeborenenrechts. Die Mitteilungen des Staatssekretär» über die Schulverhältnisse auf Samoa beweisen, daß die katholische Kirche ihre Ansprüche überall mit derselben Energie durchzusetzen versteht. Derartigen Uebergriffen der Kirche muß mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. (Sehr richtig! und lebhafte Zustimmung bei den Freisinnigen) Sonst haben rott demnächst eme Neuauflage des Kulturkampfes in den Reichslanden und auf Samoa. (Sehr richtig! bei den Freisinnigen, Zuruf des Abg. Erzberger: Wo bleibt da bie Unterrichtsfreiheit?) Bon Unlerrichtsfreiheit, Herr Erzderger, ist bei den Maßnahmen, den Sie gegen den Islam verlangen, auch keine Rede. (Sehr richtig! bei den Freisinnigen.) Wir müssen mit aller Entschiedenheit uns dagegen aussprechen, daß das Christentum in den Kolonien die Machtmittel des Staates für sich in Anspruch nimmt, um sich auf Kosten anderer Glaubensbekenntnisse auszubretten. (Sehr richtig! und lebhafter Beifall bei den Freisinnigen.)
Nachdem Abg. Roske (Soz.) sich gegen die Kolonialpolitik ausgesprochen, vertagt sich das Haus.
Vizepräsident Dr. Spahn schlägt vor, auf die Tagesordnung vom Dienstag zu setzen: L Abstimmung über den Einspruch deS Abg. Ledebour, 2. Beratung des Handelsvertrages mit Portugal, 3. Fortsetzung.
Hieran schließt sich eine längere Geschäftsordnungs- bebatte, in welcher die Freisinnigen und Sozialdemo- Imlni Citl&itn, Cteneaufgrund Loss«r* Sor Abg. Ledebour seinen Ordnungsruf erhalten habe, widerspreche dem amtlichen Stenogramm, und es fei nicht ersichtlich, wem der Ordnungsruf gegolten habe.
Ferner war man darauf gekommen, daß ein Ordnungsruf nur dann gütig ist und als erteilt gilt, wenn der Name de? Empfängers dabei genannt worden ist. Das ist in diesem Falle nicht geschehen. Infolgedessen ergab sich bie Frage, ob der Lederbonr- sche Appell an das Haus eine Unterlage habe und auf bie Tagesordnung gesetzt werden könne.
Abg. Bebel (Soz.) beantragt, darüber abzustimmen, ob der Ordnungsruf zulässig wäre.
Abg. Etzzberger (Ztr.): Nach der Geschäftsordnung deS Reichstages kann kein Zweifel darüber bestehen, daß ein Ordnungsruf nur dann zulässig ist, wenn er sich an einen bestimmten, namentlich bezeichneten Abgeordneten richtet.
Abg. 8effermann (natl.) schließt sich diesen Ausführungen an.
Abg. Bebel (Soz.): Die Sache liegt jetzt so, daß sich aus dem Stenogramm nicht ergibt, wer mit dem Ordnungsruf geneint ist. War der Abg. Ledebour gemeint, dann mußte er auch mit dem Namen genannt werden.
Abg. Dr. Pachnicke (frs. Bgg.): ES ist nur einer hier int Hause, der alle Zweifel beseitigen kann, unb. das ist der zweite Herr Vizepräsident.
Abg. Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg Oh».) erklärt, daß der Orduungsruf dem Abg. Ledebour ge« gölten habe unb zwar als Fortsetzung der diesem kurz vorher erteilten Rüge.
Bor der Abstimmung über den Antrag Bebel, den Punkt 1 der Tagesordnung auf Donnerstag zu verschieben, bezwetfett Abg. Gras Westarp (kons.) die Beschlußfähigkeit des Hauses.
Das Büro schließt sich dem Zweifel an. ES verbleibt also bet der vom Präsidenten festgesetzten Tagesordnung.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 31. Januar 19ia
Da» HauS fetzt
bie zweite Lesung des LandwirtschastSetatS fort bei den einmaligen und außerordenttichen Ausgaben. Bei dem sogenannten Oftfonb» in Höhe von 1245000 Mark bemängelt
Graf Sanitz (tonf.) die zu hohen VerwaltungS- kosten der LanbwirtfchaftSkammern. ES gäbe Kammern, bereit Generalsekretäre 18000 Mark Gehalt beziehen. Eo sei es auch in Ostpreußen. Die Kammern sollte» Maß halle».
LandwirtschaftSminister ». Arnim erwidert, baß er sich in bie Selbstverwaltung der Kammern nicht rin« mischen könne. Erstklassige Kräfte seien eben nicht billig zu haben.
Abg. Erüger (frs. Bp.): Wir müssen unS dagegen wenden, daß die innere Kolonisation durch bie Konservativen zn politischen Zwecke» benutzt werde. Da» Junkertum, sagt die Rechte, fei nicht rückständig. Sehen Eie doch bie Rebe des Abg. ».Oldenburg. (Lachen rechts.) Durch Ihr SelLhter schaffen Sie diese Rede nicht au» der Well. Die bleibt bcftcl)€n.
Abg. Graf ». b. Groeben (kons); Der Minister verdient Anerkennung für feine Förderung der inneren Kolonisation. Wer glaubt, bie innere Kolonisation dazu benutzen zu könne», einen Keil zwischen Großgrundbesitz unb «leingrundbefitz treiben zu können, der irrt sich. (Zustimmung recht».) Was hat nun die Rede des Abg. v. Oldenburg mtt der inneren Kolonisation zu tunf Herr v. Oldenburg hat feiner Rebe nachträglich eme Deutung gegeben, die die Entrüstung de» Abg. Erüger nicht rechtfertigt. (Beifall recht».!
Abg. Kreih (kons.): Dr. Erüger sprach von der Reichstagsrede des Herrn v. Oldenburg Zunächst haben die Herren von der Linken im Reichstage ebenso gelacht, wie wir. Erst als ihnen klar wurde, daß sich aus der Sache eine canse celebre machen ließe, daß endlich der Freisinn Nun eine neue politische Sensation hat, da die alten nicht mehr ziehen, besann man sich und zeigte Entrüstung, was bie Herren bei ihrem Schauspielertalent auch sehr gut fertig bekamen. (Seif, rechts, Lachen links.)
Ein Schlußantrag wird angenommen. Der Titel wird bewilligt, ebenjo eine Reihe weiterer Titel. Beim Titel „Enlschuldung des ländlichen Grundbesitzes"' führt
Minister v. Arnim auZ: Die Verschuldung des ländlichen Besitzes hat in besorgniserregender Weise z»' -ommen. Bei der großen Bedeutung der Landwirts»:, ft hat die Staatsregierung sich entschlossen, diejenigen Organisationen, die die Entschuldung in die Hand nehmen, zu unterstützen. Es sollen zinsireie Darlehen gegeben werden, die in 30 Jahren zurückzuzahlen sind. Sollte dieser Weg nicht gangbar fein, so würden wir genötigt sein, auf dem Wege der Gesetzgebun vorzgugehen.
Abg. GerharduS (Ztr.): Wir erkennen die Wichtigkeit der Entschuldung an, halten aber die Sache noch nicht für genügend geklärt. Wir beantragen, Zurückweisung des Titels «Gewährung von Beihilfen für Versuche zur Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes" an die Budgetk^mmiision.
Abg. Erüger |t|. Vp.) schließt sich dem Antrag auf Zurückverweisung des Titels an bie Kommission an. Den Genossenschaften gegenüber soll Der Sicherheitsfonds mit staatlichen Mitteln gefüllt werden. Der Staat übernimmt damit eine große Verantwortung.
Ein Regierungskommtssar bemerkt, bie Mitwirkung der Genossenschaften bei der Entschul- dunqsaklion fei nicht zu entbehren.
Abg. Erüger «frs. Bp.s: Die Genossenschaften stehen dem Versuch der Regierung ablehnend gegenüber.
Präsident Heiligenstabt erwidert, daß das Vorgehen der Regierung in den Kreisen der Genoffenschasten gebilligt werde.
Minister v. Arni«: Wenn die Sache auch urancher- lei Schwiertgkeiten bietet, so wollen wir doch endlich emen praktischen Versuch machen.
Der Antrag auf Zurückweisung des Titels an die Kommission wird ab gelehnt uns 6er Titel bewilligt, ebenso der Rest des Etats.
Nächst« Sitzung Dienstag 10 Uhr: Etat der Ge- stütsverwattung.
Deutsches Reich.
** Berlin, 31. Jan., 1910. Der Kaiser be- suchte den Reichskanzler und nahm Vorträge des belgische Sonder-Gesandtschaft, die dem Kaiser die Thronbesteigung des Königs Albert I. von Belgien amtlich anzeigen soff, ist in Berlin eingetroffen. — Der Gesetzentwurf für die fakultative Feuerbestattung in Preußen soll nunmehr sertiggesteüt fein und noch in dieser Session dem Abgeordnelenhause unterbreitet werden.
* Der Dank des Kaisers. Der ,Reichsanzeiger, veröffentlicht folgende» an den Reichskanzler gerichteten Dankerlaß des Kaisers:
Auch mein diesjähriger Geburtstag ist durch die herzliche Anteilnahme des deutschen Volkes und der im Auslande lebenden Stammesgenoffen für mich zu einem rechten Freudentage geworden. In zahlreichen Telegrammen unb Zuschriften sind mir aus allen Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Bekenntnisse- und der Parteistellung freundliche Glück- und Segenswünsche dargebracht. Durch diese patriotischen Kundgebungen auf das freudigste bewegt, drängt eS mich, den städtischen und ländlichen Gemeinden, Vereinen und Korporationen, sowie allen, welche mit au diesem Tage ihre Anhänglichkeit und Zuneigung in so mannigfacher Art zum AuSoruck gebracht haben, meinen herzlichen Dank zu sagen. Gott der Herr aber wolle unser teures Vaterland auch ferner in seinen gnädigen Schutz nehmen unb das deutsche Volk durch Entmüligkett und Opserwilligkeit zur Erfüllung der großen sozialen unb kulturellen Aufgaben unserer Zeit stark machen. Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntnis zu bringen.
+ Die preußische Wahlrechts-Borlage hat, wie wir hören, die Unterschrift des Königs erhalten; sie wird am Freitag oder Samstag dem Abgeordnetenhause zugehen.
-|- In der Frage des Protestes deS Abg. Ledebour gegen den ihm im Reichstag am SamStag erteilten Ordnungsruf hören wir, daß die Nationalliberalen sowie Zentrum und Konservative am Dienstag den Protest ab lehnen werden. Damit ist er gefallen und eine KrifiS für daS Präsidium beseitigt.
c 3um Vereinsgesetze beantragen die Abgg. Kesternich, Fleuster und Stanke (Ztr.) hn Ab- geordnetenhmtse: die Staatsregierung zu ersuchen, eine Vorlage einjubringen, durch die bet unbeschränkte Gebrauch der wallonischen, franz- fisch en und mährischen Sprache in öffentlichen Versammlungen lande-gesetzlich gewährleistet wich.
0 Herr W. Zedlitz scheint eine gerade unb ehrliche Politik nicht zu kenne» noch überhaupt für möglich zu halten. Seine neueste Leistung bildet wiederum eine nicht näher zu bezeichnende Verdächtigung des Zentrums. In einem fieitartitd bei „Yag* (Nr. 25 v. 30. L) führt er an»,
er sei naebgerabr zn der festen Ueberzeugmig gelangt, daß ba» Zentrum dafür sorgen werde, keine be» Konservativen unannehmbare Aende- rung unseres Wahlrecht» zustande kommen zu lassen. Zu diesem Ziele seien verschiedene Wege mSy sich: Versumpfung der Vorlage in der Kommission, Verhinderung bet Annahme bet geheimen Wahl durch Abkommanbienmg weniger Stimmen, Ablehnung der ganzen Vorlage »ach der Parole »alle- ober nichts*, stillschweigender Vorbehalt bei der Annahme der geheime» Wahl, daß bas Herrenha»» diese wieder beseitigen werde »sw. »sw.
Wir glauben nicht, daß feiten» be» Zentrum» Her» v. Zedlitz in die Absichten der Fraktwn emgeweih» woroe» ist, und deSdald wäre * «ae besser.
wenn er sich mit seinen Voraussagungen und Ver« mutuiigen etwas in Acht nehmen wollte. Die Verdächtigung der Zentrumspolitik, daß sie im Ab- georbnetenhause für da» freie Wahlrecht eintreten werbe unter ber Voraussetzung, daß das Herrenhaus die Verbesserungen ja wieder beseitigen werde, ist recht einfältig. Kann das Zentrum denn irgendwelchen Einfluß auf die Beschlüsse des Herrenhauses ausüben ? Das ist ausgeschlossen, während hingegen die Parteifreunde deS Herrn v. Zedlitz im Herren- j Haufe nicht ganz ohne Einfluß sind. Da man niemand hinter dem Ofen fuchl, hinter dem man! nicht selbst gesteckt hat, so wirb Herr v. Zedlitz eS uns nicht verargen können, wenn wir später viel«! leicht ©degenbeit erhalten, die Haltung der frei-' konservativen Partei in der Wahlrechtsstage zu be*' leuchten. j
* Weimar, 31. Jan. 1910. Der 32. ordentliche Landtag des Großherzogtums Sachsen-Weimar würbe gestern in Vertretung des erkrankten Staats« Ministers Dr. Rothe vom Departementschef Dr. Hunnius eröffnet. U. a. wurde eine Vorlage betr. Errichtung eines Oberverwaltungsgerichtes für die thüringischen Staaten in Aussicht gestellt. Bei der Wahl des Präsidiums siel der Posten de» Präfibenten zum erstenmal« in liberale Hände.
§ Meiningen, 31. Jan. 1910. Die Meininger Staatsregierung lehnte die B e st e u e r un g be» Einkommens des Herzogs, sowie die Besteuerung de» herzoglichen Domänenvermögens ab.
= Karlsruhe, 31. Jan. 1910. Der Karlsruher! Zwischenfall beim Kaisersgeburtstagsessen, wo' sich der preußische Gesandte roegen einer Bemerkung über die Schiffahrtsabgaben entfernt hatte, ist beige», legt, da der Festredner Dr. Frey erklärte, er habe nie«! mand verletzen wollen.
* Landau, 30. Jan. 1910. Stet ber Land tagS», ersatzwahl rour e Heeger (lib.) mit 2622 Stimmen! gewählt. Ackermu» l (Soz.) erhielt 996, Helk (Bundi b. Landw.) 2408 Stimmen. Bei ber7 letzten Land«! tagswahl Halle ber nationalliberale Ranbibot 3086j Stimmen, ber Zentrumslanbibat 1736 unb bet! Sozialbemokrat 326 Stimmen erhalten.
; Der sozialdemokratische Steg in Eisenach.
Das Gesamtwahlergebnis ist folgenbe»: Appelius (natl.) 5786, Hädrich (deutsch-soz.) 4355 unb Leber (Soz.) 10250 Stimmen. Leber ist somit mit einer Mehrheit von 108 Stimmen gewählt.
In Uebeteinftimmung mit unseren gestrigen Au»-! führungen wirb in ber Presse ganz allgemein be» folge» der Sozialdemokratie bezeichnet. Die ,RöIim Vztg.' sagt:
Der ganze Vorteil ber Steuerhetze ist auch hier ber Sozialbemokratte zugute gekommen, , . . doch ist ba» natürlich nicht so zu verstehen, al8 ob ber Verlust dieses Mandates lediglich auf bie Steuerhetze zurück- zuführen wäre. Man muß vielmehr annehmen, baß e» to der Hauptsache die unglückliche Affäre des Herrn Schack ist, die von der sozialbemokrattfchen Agitation natürlich aufs auSgiebigfte unb, wie man sieht, mit Erfolg verwertet würbe. Allgemeine politische Rückschlüsse lassen sich baher au» dieser Ersatzwahl weniger! als ans anderen Nachwahlen ziehen.
Die ,Germ.' fuhrt aus: Daß die Deutsch-Sozialem den Wahlkreis Eisenach-Dermbach nicht mürben.' halten können, war im Hinblick auf die schwach«, Mehrheit, mit der Schack bei der Wahl von 1907! gesiegt hatte, hauptsächlich aber wegen der schwere« Schädigung, die Abg. Schack durch feine Trwlen-i Affäre dem Ansehen der Partti gebracht Halle, vor»! auszufehrn. Das ist auch in den Deutsch-sozialen: Blättern zur Genüge ängebeutet worden, wenngleich! die Hoffnung nicht aufgegeben wurde, die Kandidatur des Postverwalters Hädrich, die auch von den Zentrumswählern im Geisa'« Bezirk uuterstüht- wurde, in bie Stichwahl zu bringen. .... Der Triumph ber Sozialdemokratie über das Steigen! der „roten Welle" in Eisenach-Dermbach sollte für# alle bürgerlichen Parteien und insbesondere für die Liberalen eine ernste Mahnung sein, sich enger zu« ! sammenzufchließen und die Wasser nicht mehr auf die sozialdemokratischen Mühlen zu leiten. Die Liberalen haben in Eisenach-Dermbach ja wiederum^ erfahren mttffen, daß sie mit ihrer Fmanzresorm« Hetze gegen die Reichstagsmehrhett den Sozialdemokraten da» Wasser nicht abgroben können, sondern damit nur, wenn auch ungewollt, im Dienste der Sozialdemokratie arbeiten.
Ausland.
* Von der russisch-österreichischen Annäherung, die schon feit einiger Zeit angetünbigt wird, erfährt man jetzt etwas Näheres. Der „Mwyork Herold" läßt fich aus Rom melden, daß Kaiser Franz., Joseph anläßlich deS Begräbnisses deS Großfürsten Michael dem Zaren Nikolaus ein eigen«' händigeS Schreiben überreichen ließ. Dieser Brief enthielt freundschaftliche Vorschläge zu einer österreichischen Annäherung an Rußland. Man. versichert, daß die öfterrenhischen Vorschläge den russifchen Interessen außerordentlich entgegenkommen und für Rußland sehr günstig sind. Der Zar soll auf dieses Handschreiben allerdings bis jetzt noch nicht geantwortet haben. Anscheinend sind dies« Meldungen aber bestimmt, den in Rußland so sehr gehaßten für Oesterreich so überaus wichtigen Baron Aehrental zu bejeitigen; betm eS wirb noch hinzu-, gefügt: „Trotzbem hoffe man in Wien, baß emej Annäherung zustanbe kommen wirb, obgleich die Tatsache, daß Graf Achrenthal bisher noch am Ruder ist, für Rußland ein große» Hrnderms bildet. Bestätigt wird ferner, daß d« Besuch eines Mtt«. gliede» der österreichischen Kaiserfamilie tn Aussicht steht." — Mit der ersten Nachricht von ein« An«! Näherung Oesterreichs an Rußland kam bekanntlich, auch die Meldung von Versuchen, die nach bett’ Plänen einer gewissen Diplomatengruppe zu einer* tiefgchenden Verstimmung zwischen bem Deutsche« Reich und Oesterreich-lln-arn führe« MU*. Die Stordd. AL« Rte." « bittet Ver-