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Fulda, Montau den 3L Januar 1910
37. Jahrgang
M 24.
Fwertes ’Sftlatt.
K Die geheime Wahl und ihre Gegner.
Die Vorgänge von Kattowitz haben gerade zur rechten Zeit und recht eindringlich die Notwendigkeit der geheimen Abstimmung erwiesen. Aber wer da glauben sollte — so führt die Zentrumskorrespondenz Nienkemper aus — daß nun der Widerstand gegen diese notwendige Schutzwehr der Wahlfreihelit nachlassen würde, der wäre sehr im Irrtum. Im Gegenteil: Es gibt viele Leute, und zwar auch sogen. Liberale, die da sagen: Nun gerade wollen wir die öffentliche Stimmabgabe aufrecht erhalten, da die Unfreiheit der Beamten uns zugute kommt.
Kurzsichtige, selbstsüchtige Jnteressenpolitik bestimmt leider weithin die Entscheidung in dieser wichtigen Angelegenheit, die das höchste Gut der Gewissensfreiheit berührt. Vemunst und Sittlichkeit fordern, daß der Wähler sein staatsbürgerliches Recht nach seiner Ueberzeugung, nach seinem Gewissen auS- übt. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen kann aber eine sehr große Zahl von Wählern nur dann ehrlich wählen, wenn sie vor der Maßregelung oder Schädigung wegen unliebsamer Stimmabgabe gesichert sind, und diese Sicherung läßt sich nur durch das G e h e i m ni s dec Abstimmung erreichen. Das gilt ebenso gut von den Krämern, die durch sozialdemokratische Bohkottdrohungen zur Wahl roter Kandidaten gezwungen werden, als von den Beamten, die unter dem Damoklesschwert der „Versetzung im Interesse des Dienstes* zum Triumph von Ferrer- Demonstranten Mitwirken müssen.
Das ist so klar und von so zwingender Logik, daß die Verteidiger der öffentlichen Wahl schon eine ganze Reihe von kramphasten Trugschlüssen aufbauen müssen, um den Anschein des Gegenteils zu erwecken. In die- ' ser Hinsicht leistet die „Kreuzztg." in einem Leitartikel das Menschenmögliche. So schreibt ste z. B. zu dem Kattowitzer Musterfall:
„Wenn mir bei den S'adtverordnetenwahlen in Kattowitz geheime Wahlen gehabt hätten, und einige Beamte hätten polnisch gewählt, sie hätten aber habet sich verraten, indem sie bei ihren Mitbeamten ein bischen zu werben versuchten, und die Regierung hätte sie nun im Interesse des Dienstes versetzt, wäre dann 4e Sache etwa angenehm?"
Wie kann man nur das Beispiel so fälschen? Denn die betreffenden Beamten „ein bischen zu werden versucht* hätten, so würden ste wegen Agitation verantwortlich geworden sein. Von dem .Rechte auf Agitation reden wir aber zur Zeit gar -nicht; es handelt sich jetzt nur um dieG ewissens- srei heil bei der Stimmabgabe. Ist die letztere geheim, so hat die Regierung keine Gelegenheit, in Maß- •tfgelungen ihre jeweilige Parteipolitik austoben zu lassen.
Noch sonderbarer ist die weitere Behauptung der „Kreuzztg.*, gerade in der Oeffentlichkeit liege für einen Beamten ä la Kattowitz der größere Schutz, , bcnn wann er um einer öffentlichen Wahl willen ver- > setzt werde, so könnten „große und mächtige Parteien" für Ihn eintreten. Du lieber Himmel, was nutzt das schönste Eintreten der Parteien für den Gemaßregelten? Er bleibt in der Verbannung sitzen, wohin ihn die harte Regierung geschickt hat. Und gerade vom konservativen Standpunkte aus ist es doch gewiß kein erfreulicher Zustand, wenn die Beamten gegenüber der j Willkürherrschaft, die^ hinter der beliebigen „Versetz- ittttg* steckt, auf den Schuh der parlamentarischen Par- steien angewiesen sein sollen, während im Rcchtsstaate -doch auch den Beamten der Rechtsschutz nicht entzogen werden sollte!
Geradezu wie Hohn klingt es schließlich, wenn Das konservative Blatt schreibt: „Wer nicht frei genug D, daß er öffentlich wählen kann, der wähle geheim? Mein, der werde so frei, daß er öffentlich wählen jlann.* Wie soll denn der Beamte das
machen? Sollen etwa alle braven und fleißigen Beamten, die der jewelligen Wahlparole der Regierung um des Gewissens willen nicht folgen können, ihr Amt fahren lassen und ihre Familie der Hungerkur ausliefern? Oder wie soll der kleine Geschäftsmann „frei* werden, wenn die Sozialdemokratie ihm mit der Entziehung der Kundschaft und dem Ruin seines Geschäftes droht?
Es bleiben schließlich nur die Rentner als „freie" Wöhler übrig, wenn der Terror von unten und von oben so weiter geht.
Deutsches Reich.
+Zentrum und Bismarck-Nationaldenkmal- Dem Zentralansschuß ;ur Errichtung des National' denkmals für Bismarck in Bingen gehören auch einige Zentrumsführer an. Im Kölner Ortskomitee sind gleich drei Zentrumsleule vertreten, darunter der Abg. Trimborn. Die sozialdemokratische .Rheinische Zeitung" machte sich über diese Bismarckfreunde lustig und nannte ihre An- Wesenheit in den Denkmalausschüffen einen „Faustschlag ins Gesicht des katholischen Volkes". Die Sozialdemokraten sind natürlich die beauftragten Leute, das zu beurteilen. Die ,Köln. Volksztg." hat darauf die Teilnahme der Zentrumsmitglieder an der geplanten Bismarckehrung, wie folgt verteidigt.
Heute hat sich mit Bezug auf diesen Punkt zweifellos eine Wandlung innerhalb der Zentrumspartei, wenigstens innerhalb sehr weiter Kreise her ; Zentrumspartei, vollzogen. Der Ablauf der Zeit hat die Erinnerung an den hervorragenden Anteil, welchen Fürst Bismarck an der Bedrückung der deutschen Katholiken in dem sogenannten großen Kulturkämpfe hatte, etwas zurücktreten lassen, so wenig diese Erinnerung verblaßt ist und jemals verblassen darf. Anderseits treten die unauslöschlichen Verdienste, welche der erste Kanzler des Deutschen Reichs um heften Grünbung unb Festigung sich erworben hat, bei einer Betrachtung des historischen, ben Kämpfen her unmittelbaren Gegenwart entrückten Staatsmannes mehr unb mehr in ben Borbergrunb. Fürst Bismarck ist der Gründer des Deutschen Reichs mehr als irgendeine her bebeutenben Persönlichkeiten seiner Zeit .... Keine Frage- Bismarck steht heule in ben Augen auch der weitesten katholischen Kreise anders da als vor einigen Jahrzehnten. Seine Gestalt wächst vor unseren Augen bei dem notgedrungenen Vergleich mit manchem der Männer, welche heute die Geschicke des Deutschen Reichs in ben Hänben haben. Unb ste wächst mit dem Maße der Entfernung von ben Kämpfen, in deren Brandung der Lebende stand. Die deutschen Katholiken ehren in ihm nicht ben Minister des Kulturkampfes, sonberndenMann, her Deutsch- land groß machte; auch für ste ist seine Gestalt-bas Symbol der deutschen Einigkeit geworden.
Man wird dieser Auffassung eher zustimmen können, als z. B. der Meinung der „Essener Vztg.", die die Opportunität des Vorgehens für' stark umstritten hält und sagt, so lange z. B. Jos. v. Görres kein Denkmal habe, solle man es sich auf katholischer Seite doppelt überlegen, bevor man nach den traurigen Erfahrungen der Vergangenheit dem Gegner Lorbeerkränze flechte. Zu Lebzeiten Bismarcks und in den ersten Jahren rach seinem Tode konnte man nalürlich keine überschwängliche Begeisterung des Zentrums für seinen großen Gegner erwarten. Auch heute st das bittere Leid, das er uns angetan, keineswegs vergeffen, aber vergessen ist auch nicht, daß er selbst den Kulturkampf abzubrechen begonnen )at, und vergeffen sind auch nicht die Großtaten des Begründers des Deutschen Reiches.
+ Der „Reichsbote" tadelt die „Arbeit", das Organ der evangelischen Arbeitervereinigung im Ruhrgebiet, wegen ihrer relativen Zustim
mung zu der Rede des Grafen Oppersdorf über die Kattowitzer Beamtenmaßregelungen und erteilt ihr folgende Lektion:
„Wenn bas in einem Zentrumsblatt stände, würben wir unS nicht rounbent; aber baß ein Organ her evangelischen Arbeitervereine hie preußische Polenpolitik für falsch bezeichnet, von Härte unb Ungerechtigkeit gegen die Polen unb von einem Mangel an Besonnenheit und Weisheit auch auf Seiten bei Regierung redet, hätten wir nicht erwartet.*
Die Begründung des Tadels ist eigenartig: die „Arbeit" darf als „evangelisches" Blatt an der preußischen Polenpolitik nichts auSzusetzen finden! Also das evangelische Interesse steht im Einklang der Antipolenpolitik! Wir quittieren für dieses Eingeständnis.
Ausland.
** Persiens Selbständigkeit wird von England langsam bedroht. Die augenblickliche Schwäche der persischen Regierung, die mit den Anhängern des alten Schahs immer noch nicht fertig werden kann, hat die Engländer jetzt zu einem energischen Vorstoß ermutigt, In Bombay stationierte Kriegsschiffe setzten bei Djask an der persischen Küste eine englische Truppenabteilung unter dem Befehl des Obersten Delamain an Land. Die Expedition ging sieben Stunden weit in das Innere vor und grif: das Dorf Lascar am Fluß Djagin an, wo sich einer Waffenniederlage befand. Der Platz wurde genommen. Es wurden 760 Gewehre, Patronen, Revolver, Bajonette und Pulver erbeutet. Die Engländer hatten keine Verluste. 3 Afghanen sind gefallen. Die Expedition kehrte nach Djask zurück.
* Die Kaifersgeburtstagsrede des Grafen Wolff- Melternich, des deutschen Botschafters in London, gehalten am Freitag bei dem Festmahl der dentschen Vereine, wandte sich nachdrücklich gegen die Deutschenfurcht der Engländer. Deutschland beabsichtige mit seiner Flotte nicht, die stärkste Macht aus dem Meere zu sein, wolle aber im Einklang mit seinen überseeischen Interessen eine achtunggebietende Stellung einnehmen und nicht allein von dem guten Willen anderer Seemächte abhängen. Die Rede findet in der englischen Presse große Beachtung.
Aus dem Nachbargebiete.
* Geisa, 28. Jan. 1910. Behufs Gründung eines kath olischen Avbeiterv ereins fand am 27. Januar im Gasthaus zum „Stern* eine- gut besuchte Arbeiterversammlung von Geisa und Umgegend statt, in welcher Herr Volksvereinssekretär Frank-Fulda über Zweck und Notwendigkeit eines solchen Vereins referierte. Es traten alle Anwesenden dem neugegründeten Vereine bei.
* Offenbach, 29 .Jan. 1910. Gin merkwürdiger „Brau ch", so schreibt das „Mainzer Journal", ist hier entdeckt worden. Eine Reihe städtischer Beamten hatte sich eine Ausnahmestellung dadurch geschaffen, daß sie ihre ©emeinbefteuem, Schulgelder usw. nicht zu den vorgeschriebenen Terminen bezahlten, wie gewöhnliche Sterbliche, sondern, wenn es ihnen paßte, bis zu einem Jahre nachher. Die Herren hatten auch Sorge getroffen, daß sie weder gemahnt noch gepfändet wurden: auf der Stadtkaffe trug man ihre Namen weder in die Mahnungs- noch in die Nückstandsliste ein, sodaß die betr. Herren auch keinen Pfennig der Gebühren zu leisten hatten, die sonst von äumigen Steuerzahlern unerbittlich beigetrieben wer- )en, wenn sie die festgesetzten Termine auch nur um einen Tag versäumen. Diesem groben Mißbrauch der amtlichen Stellung wurde nun ein Ende gemacht. — Der in dem Möbeltransportgeschäft Schickedanz beschäftigte Fuhrmann Gegner stürzte beim Heuholen
vom Gebälk der Scheune und trug einen doppelten Schädelbruch davon. Er liegt schwerverletzt im Krankenhaus darnieder.
vermischtes.
* Wie gehetzt wird! Pastor Heinrich Fliedner- Religionslehrer in Kaiserswerth, Bruder des durch seine lügenhaften Berichte aus Spanien bekannten Pastors Fliedner, gibt ein Blättchen heraus, betitelt: Der Bote der Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums. In Nr. 26 erzählt dieses Blatt aus der Pfalz: Ein Katholik, der mit einer Protestantin verheiratet war, verlangte die letzte Oelung. Der Kaplan kommt: „Sie sind mit einer Protestantin verheiratet?' „Ja!" „Hm, hm. Aber die Kinder werden doch katholisch erzogen?* „Ja!' „Nun, das ist ja schön. Nur eins rnüffen Sie mir noch versichern, bevor Sie die letzte Oelung empfangen: daß es Ihnen leid tut, eine Protestantin geheiratet zu haben." „Was soll ich tun?* „Sie brauchen ja bloß diesen Zettel zu unterschreiben.' „Nein, das kann ich nicht! 37 Jahre habe ich im Glück mit meiner Frau gelebt. Sieben Kinder haben wir erzogen. Ich hätte gar keine bessere Frau finden können." „Uebetlegen Sie sich. Am Abend komme ich wieder. Schwach und allzu gutmütig, wie wir Evangelischen nun einmal sind, redete die Frau ihrem Manne zu: „Unterschreib'doch. Mir macht das nichts. Ich weiß ja doch, wie wir zusammen gelebt haben." „Also mit ei ter Lüge auf den Lippen soll ich in die Ewigkeit geben?" fragte der sterbende Katholik, der nicht umsonst jahrzehntelang die Bibel seines Weibes gelegen hatte. Der Kaplan kommt am Abend wieder. Aufgeregt erwartet ihn der Kranke: „Wollen Sie mir die letzte Oelung wirklich verweigern, wenn ich nicht unterschreibe: es tut mir leid . . .?" „Ja, ich muß!' „Nun, dann gehen Sie hinaus! Dann habe ich mit einer solchen Kirche nichts mehr zu tun.* Im Frieden seines Gottes, ohne Sterbesakramente seiner Kirche» ist er dann abgeschieden, und der evangelische Stadtpfarrer hat ihn beerdigt. — Die Redaktion des „Christlichen Pilger" in Speyer richtete einen offenen Brief an Pastor Fliedner, in dem sie um Angabe des Ortes in der Pfalz und des Kaplans, der die Geschichte verbrochen haben soll, bat. Die Redaktion bemerkte zugleich, daß der Bericht den Stempel der Unwahrheit an der Stirne trage. Denn wenn der Mann katholische Kinder habe, sei er jedenfalls auch mit kirchlicher Dispens in gemischter Ehe vor dem katholischen Pfarrer getraut worden, da hätte doch der Kaplan nicht verlangen können, daß er das bereue, was er mit kirchlicher Erlaubnis getan habe. Der »Christliche Pilger' galt Pastor Fliedner vier Wochen Zeit. Er antwortete nicht. Nun griff die Redaktion des Christlichen Pilger' den Pastor unter dem 23. Januar in einem zweiten offenen Brief an und stellt ihn vor eine sehr peinliche Wahl. Aeußern müßte er sich jetzt, wenn er nicht einen sehr schlimmen Verdacht auf sich sitzen lassen wolle.
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Schattenblume.
10] Originalroman von Irene v. Hellmuth. - „Das und noch vieles andere erzählte mir der JBatter", fuhr Alfred fort. „Ich mußte an mich halsten, um nicht aufzuschreien vor Schmerz und Weh, In meinem Kopfe begann es zu hämmern, wild raste mein Blut durch die Adern! Mein Begleiter schien Su merken, daß etwas Besonderes mit mir vorging, >enn er sah mich ganz verwundert an und sagte:
„Sie sind wohl bekannt oder verwandt mit der Monen Müllerin?" Da bade ich laut mifgeschrien vor übergroßem Jammer, ich mußte mein Leid hinausrufen, sollte ich nicht daran erfiiden, — ich konnte nicht anders in der fürchterlichen Minute, da es mir |ur Gewißheit wurde daß ich Dich für ewig verloren ML bei Ich brach in Tränen aus! Der Bauer mochte begreifen, um was es sich handelte, denn er klopfte Dich beruhigend auf die Schulter und meinte gutmütig: „Na, — na, nehmen Sie es sich nicht gar so ckehr zu Herzen, junger Mann, es gibt ja noch mehr -chöne Mädchen auf der Welt!" Dann trabte er allein Leiter, denn ich war unfähig, ihm zu folgen und er hatte Eile. Noch immer stiegen mir Zweifel an der jWahrheit des Gehörten auf, das Bild, das der Bauer von Dir entworfen, stimmte so gar nicht zu dem, das jich von meiner Gerda im Herzen trug. Du erschienst imir als eine ganz andere, — ich konnte und wollte M nicht glauben. Ich suchte den Müller, Deinen iGroßvater auf, und der sagte mir, daß die Rose! und s» selbst Dir lange zugeredet, ehe Du „ja* gesagt hät- %'•** toeil es doch eine so gute Partie fei und well ihr r™* fo viel Dank schuldig wäret. DaS lautete Mn freilich ganz ander», — aber dennoch, — dennoch, ö,”n" 63 "'Hi„lassen, - ach Gerda, warum hast Du Nrs>e ,,«h L ®r schlug die Hände vor da» Ge- sschs Ussd verharrte regungSlo».
«nlk.» ^^chEschen vergeben» versucht, fich ju jotfen. Sie zitterte am ganzen Körper, sie sah sehr
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Dich an, denke nicht schlecht von 'ließ sie hervor. „Denn nicht, um de» GeldeSe
willen nahm ich Viktor Bolz zum Manne, nicht um irdischen Besitzes willen habe ich einen andern genommen. Lieber Gott, ich weiß gar nicht, wie ich es Dir klar machen soll! Wer konnte auch denken, daß alles so kommen würde! Versetze Dich doch einmal in meine Lage. Von der Stiefmutter hatte ich mich losgesagt, ich konnte es bei ihr nicht mehr aushalten, nicht ein Leben ertragen. Bei dem mir jeder Bissen Brot zum Vorwurf gemacht wurde. So kam ich hier an. Der Großvater besitzt selbst kaum das, was er zum Leben braucht, er ist ein alter gebrochener Mann, dem ste beinahe das Dach Über dem Haupte wegge^ nommen hätten. Der alten treuen Rose! vermag er nicht einmal den Lohn für ihre Dienste zu bezahlen. Er sollte fort von feiner geliebten Mühle, da kam mein Gatte und rettete ihm das alte Haus. Ich war dem edlen Manne fo dankbar für seine Tat. Er ist so gut, und er liebt mich wahrhaft. Er war fo glücklich, als ich ihm mein Jawort gab. Wenn mein Großvater die Augen für immer schließt, so stehe ich ganz allein und verlassen in der Welt; wie lange wird das noch dauern? Von Dir wußte ich nichts, — ich dachte immer. Du hättest mich vergessen. Du gabst mir beim Abschied mein Wort zurück, ich war frei, — sollte ich da die Hand nicht ergreifen, die sich mir bot als eine Stütze für mein Leben? Es war doch so furchtbar eirssach; jetzt ftellich denke ich auch, es war ein Un- rea)t, daß ich einem andern Manne zum Mare folgte d-nn ich fühle e» deutlich: Ich werde ihm niemals das Gluck geben können, das er verdient, e3 ist schrecklich, in eine Ehe zu treten mit dem Bild eines Andern im Herzen! *
Alfred wollte die geliebte Gestalt an sich reißen vergessen war all der Schmerz, den ste ihm Bereitet' — aber sie wehrte ihm hastig: „Nicht so, — Alfted' e» kann, e» darf ja nicht fein!* '
Seine erhobenen Arme sanken schlaff herab. Verzech, — ich vergaß einen Augenblick, daß Du eines andern Weib bist", sagte er schmerzlich.
„Hättch Du mir Beim Abschied nicht mein Wort zurückgegeben, hättest Du mich behalten als Deine Braut, keine Macht der Welt wäre imstande gewesen, mich von Dir zu trennen?' '
„Konnte ich denn anders?* rief Alfred verzweifelt.
„Mein Vater im Gefängnis, unser Name befleckt, entehrt, für immer gebrandmarkt, wie ich erwähnte, und gar keine Aussicht, daß sich das Dunkel jemals lichten werde. Da durfte ich meine Hand nicht nach Dir ausstrecken, ich mußte Dich vergessen, ich mußte Brot schaffen für die Geschwister, — da durfte ich an kein eigenes Glück mehr denken. Es ist auch wie ein Wunder, daß die Sache an den Tag kam. Das konnte freilich niemand voraussehen!"
„Wie ging es denn zu?"
„Ach hier ist nicht der Ort, die lange Geschichte zu erzählen. Wie habe ich mir das alles ausgemalt, wenn wir beisammen säßen, Hand in Hand und uns glücklich in die Augen sähen, dann wollte ich Dir erzählen, wie alles gekommen. Nun ist der schöne Traum in nichts zerronnen, ich Bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!*
Wieder stöhnte er schmerzlich auf.
„Weshalb ließest Du nie ein Wort hören?" fragte Gerda mit halberstickter Stimme.
„Was sollte ich denn schreiben?" versetzte er traurig. „Unsere Lage war die denkbar schlechteste. Und kein einziger Hoffnungsstrahl fiel in das Dunkel. Mein Vater konnte feine Unschuld nicht beweisen, der Schein war gegen ihn. Ach laß mich schweigen über bas, was ich in diesen Monaten durchgekämpft! Schildern könnte ich es doch nicht! Und nun, da die Sonne des Glückes wieder über mir aufzugehen schien, nun Bin ich elender denn zuvor, denn was ist die Qual der letzten Zeit gegen den Jammer, der jetzt mein Herz erfüllt! Du, die mein Alle» war, die ich an meine Brust drücken wollte in namenlosem Jubel — bist mir verloren für immer! Jetzt weiß ich erst, daß in meinem Innern trotz alledem noch die Hoffnung lebte, daß bet Gedanke an Dich mich hinwegtrug über alles Leid, denn jetzt erst bin ich ganz unglücklich!"
Gerda Begann jetzt sehr unruhig zu werden. Vom Turme der Fabrik hatte eS längst Mittag geläutet, ihr Gotte konnte jeden Augenblick zurückkommen und ste wollte nicht, daß er sie hier traf mit einem unbekannten Manne. Er müßte ihnen beiden ja die Erregung an-
schen. Was sollte ste ihm überhaupt wegen de» langen Ausbleibens sagen? Wie sollte sie das erklären? Auch konnten jetzt Arbeiter, die um die Mittagszeit die Fabrik verließen, hier vorbeikommen. ES wohnten zwar keine Bediensteten in der Nähe, denn die Wohnungen lagen weit unten im Tal, aber der Zufall konnte doch den einen ober andern hier herauf führen. Das wollte Gerda nicht, daß man fli hier sah, es konnte leicht Anlaß zu müßigem Gered« geben. Sie spähte angstvoll nach allen Seiten hin, doch der Weg lag ganz einsam, niemand war zu sehen. Nur der Sturm umtobte sie mit ungeheurer Gewalt. <
»Wir müssen uns trennen, Alfred", begann Gerda endlich. „Mein Gatte kann jeden Augenblick zurück» kommen, mich zu suchen."
Er fuhr auf, wie aus einem Traum.
»Ja, — Du hast recht", murmelte er, „ich gehe!' Während sie sich die Hände zum Abschied reichten, brach noch einmal das ganze bittere Weh, der ganze Schmerz dieser qualvollen Trennungsstunde durch, sie fühlten eS beide, daß ste diese Szene beenden mußten, sollten ste nicht unterliegen.
»Was gedenkst Du jetzt zu tun?" fragte Gerda cljne die Augen zu erheben, denn sie fühlte, daß der Blick Alfreds heiß und glühend auf ihr haftete unb ste fürchtete sich, diesem leidenschaftlichen, wenn auch stummen Flehen gegenüber.
„Mein Entschluß ist gefaßt", sagte er dumpf. „Ich kehre gar nicht zu den Meinigen zurück. Ich teile meinem Vater schriftlich mit, was geschehen ist, und daß ich nach England gehe. Ich fürchte, er könnte mich wankend machen wollen in meinem Vorhaben. Er will mich natürlich jetzt, wo er mich so lang entbehren mußte, nicht fort lassen, das weiß ich, — aber bleiben kann Ich nicht, — ich kann nicht! Ich muß hinan», — fort, — am liebsten ginge ich in ben Krieg, — wenn daS möglich wäre, — vielleicht fände bann irgend eine mitleidige Kugel ben Weg zu mir, um diesem elenden, verfehlten Dasein ein Ende zu Bereiten. — Na wer weiß, waS geschieht —*
Fortsetzung folffP