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Wochenbeilage: „Illustrierte Somtagrzeitung

37. Jahrganq

Fulda, Samstaq den 29. Januar 1910

vtf 23

Zweites Mtatt

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rotnn es dem bösen Nachbar nicht gefällt 1 Die Bul- aartn suchen wieder AwiNgketten anzuzetteln und ha­ben eS bei Sotir, drei tSunden von Philippopel, zu tiner zehnstündigen Schießerei zwischen Grenzwachen gebracht, wobei es auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Verwundete gegeben haben soll. In Bulgarien hat man eben nicht die Absicht, Frieden zu halten, und glaubt, durch Anzettelung neuer Bandenunruhen in Mazedonien sich die Aussichten auf die einstige Erobe­rung Mazedoniens erhalten zu können.

In Nicaragua, dem unruhigen Ländchen von Mittelamerika, ist dir Revolution von neuem ausge­brochen; der neue Präsident Madriz scheint seiner Herrschaft nicht froh werden zu sollen. Dahingegen scheint die Ruhe in P a r a g u a v, der abgelegensten Republik Südamerikas, wiederhergestellt zu sein. — Zum Protest gegen das Treiben des,Fleischtrustes ist in ganz Nordamerika der Fleischboykott erklärt worden. ________

bandelte sich da um einen katholischen Familienvater, der in eine ganz andersgläubige Gegend versetzt war.! Der Mann fand in seiner Umgebung überhaupt keines üeiratsfähigen Katholiken. Eine Mischehe wollte«' weder die Eltem noch die Tochter. Eine zeitweilige Verpflanzung des Mädchens in eine andere Gegend wat unmöglich. Wenn so alle anderen Mittel versag-' ten so handelte der Vater offenbar ganz richtig und pflichttreu, als er ein Heiratsinserat erließ, — na*' tätlich in angemessener Form und ohne Wissen bet Tochter. In der Verteidigung dieses Inserats hat mir übrigens der glückliche Erfolg auch recht gegeben.^ Daß dieser „nicht mehr ungewöhnliche Weg" auch seine Gefahren hat, fft klar. Vorsicht und sorgfältige Prüfung ist da doppett und dreifach geboten.

Der gute Zweck kann kein schlechtes Mittel heiligen; aber die erlaubten Mittel darf und soll man anwen­den. DaS endlose Abwatten kann nicht helfm, da» Klagen und Schelten auch nicht. Sich regen bringt Segen, — auch auf diesem Gebiete, wenn nur die Regsamkeit sich in den Schranken und Formen hält, die bei einer so zatten Angelegenheit geboten sind. Wer in geeigntter Weise dazu mitroirft, daß eine gute Ehe zustande kommt, der tut ein gutes Werk, dessen er sich am jüngsten Tage nicht zu schämen braucht. Aber wohlgemettt: die Mitwirkung muß aus edeln' Beweggründen und in gewissenhafter Sorgfalt erfol­gen, nicht etwa als interessanter Spott von unruhigen Zungen und Fingern.

Schließlich muß ich aber noch eine ernste Anmer­kung zu dem obenstehenden Klagebrief machen. Wenn die Eltern für die geistige und wirttchaftliche Au»- bilduug des Mädchens fo viel getan haben, warum ha-' ben sie dabei nicht an irgend eine weibliche Berufs­tätigkeit gedacht? Mit Recht haben fie den schön­sten und eigenttichen Beruf al» Hausfrau und Mut­ter in erster Linie im Auge gehabt, doch in zwei-' ter Linie sollte für alle Fälle die Befähigung für eine sonstige befriedigende Tätigkeit vorgesehen fein. Wenn auch nur als Behelf, als Lückenbüßer für deck Fall, daß eine Verheiratung nicht zu Stande kommt ober bet HauSstanb sich durch den Tod des Manne» voreilig auflösen sollte. Da» Mädchen, da» eine Pas»

kehr so eng begrenzt ist, muß manche Blume still ver­blühen, weil derjenige, der sie mit Fug und Recht be­gehren könnte, sie nicht sieht und nickt kennen lernt. Auch BÜdung, Schönhett und Vermögen helfm über diese Schwierigkeiten nicht hinweg. Wenn z. B. ein Mädchen von hübscher, stattlicher Erscheinung, gesund und fräftig, in erstklassigen Anstalten wissenschaftlich, gesellschaftlich und hauSwittschastlich ausgebildet ist, auch eine recht anständige Mitgift zu' ermatten hat, kurz alle» bietet, was man vernünftiger Weise von einer guten Hausfrau erwarten kann, so sollte doch von GotteS und Rechts wegen das Sitzenbleiben auSge- schlossm sein. Aber sie bleibt fitzen, weil das Schicksal sie in die ländttche Einsamkeit verschlagm hat. Was nützen alle Vorzüge des Geistes und des Herzens und auch des Bermögms, wenn man damit allein steht auf weiter Flur."

Der Notschrei au» bekümmertem Herzen verdient gctviß Teilnahme und Beachtung. Ob es in den Städten gar so leicht ist, das richtige Schwieger­kind zu finden, lasse ich dahingestellt. Die Masse der Begegnungen in Vereinen usw. tut es nicht allein. Mer zweifellos macht sich in den ländlichen Vechält- niffen vielfach eine gewisse Enge des Verkehrskrei- se» geltend. Mau lernt nur eine beschränkte Anzahl von gleichstehenden Familien kennen, und wenn sich nicht in diesem kleineren Steife gerade die passende Persönlichkett findtt, so gerät die HttratSfrage auf die lange Bank. Das ruhige Abwatten muß seine Gren­zen haben, beim die Jahre der Blüt, gehen schnell dahin. Soll man nun verzagen und klagen? Oder soll man besondere Anstrengungen machen um die Schwierigkeiten zu überwinden?

Derattige besondere Anstrengungen widerstreben cst dem Zartgefühl. Alle», wa» nach .HeimtSmorkt" auSfieht, hat einen unliebsamen Beigeschmack, und wer sich für die zielbewußte Vermittelung von Bekannt- schäften intereffiett, kann leicht Bemerkungen über „Kuppelholz" usw. zu hören bekommen. Aber wenn nun einmal die Verhältnisse so liegen, daß die Sache nicht von selbst in den richtigen Gang kommen kann, — dürfen dann nicht die Eltem und sonstigen näheren Anverwandten tn geeigneter Weise „nachhelfen"?

Wochen-Uundjchau.

[:] Fulda, 28. Januar 1910.

Es ist ein schöner Zufall, daß der patriotische Fest- tQ» KaiseH Geburtstag mitten in die parlamentari­schen Debatten de» Winters fällt. Denn eS ist nur natürlich, daß bei diesen Debatten, zumal anfänglich, die Parteigegensätze etwa» schärfer zutage treten, und ba ist es denn gut, daß der Geburtstag deS Kaisers Anlaß gibt, die Blicke auf das allgemeine Interesse des Vaterlandes zu toenben unb darüber wenigstens für einen Augenblick der Parteien Gunst und Haß zu ver­gessen. Mächte das besonders in diesem Jahre aus feiten der bürgerlichen Linken der Fall fein. Denn was man sich da in letzter Zett inner- unb außerhalb bet Parlamente an Politikastereien geleistet hat, ver­diente wohl, gründlich abgetan und vergessen zu wer- den Da ist zunächst das wunderliche Konjekturieren der freisinnigen Presse zu nennen, die tagtäglich mit unerhörter Scharfsinnigkeit die Fragen erörtert, ob Herr v. Bethmann-H ollweg auch fest in sei­nem Sattel sitze, ob die Konservativen schon tückisch darauf lauerten, ihn zu Boden zu werfen, ob der preu­ßische Finanzminister Ftht. v. Rheinbaben nicht bin­nen kurzem Reichskanzler werde unb ob ber_ Staats­sekretär Dernburg — o ja, her Staatssekretär Dern- burgl Man wird sich erinnern, mit welch notorisch unfreundlicher Haltung jene Presse den Herrn von Bethmann-Hollweg als Reichskanzler empfangen hat. Man warf ihn schon sofort zum alten Etsen. man griff ihn heftig an, weil er nicht reden wollte, unb man griff ihn noch heftiger an, als bie Berichte feiner Reden die Zwischenbemerkungen: Beifall rechts und im Zen­trum! aufwiesen. Aber plötzlich — man weiß nicht, ob infolge der Drehscheibennatur freisinniger Politik, ober aus sonstiger Erleuchtung — änderte der Freisinn leine Haltung, man behauptete, baß die Konservativen 'den Reichskanzler schon abgetan hätten und war ihnen darob fürchterlich böse. Diese politischen Phantasten der liberalen unb besonders linksliberalen Presse fmb nun zwar nicht von großer politischer Bedeutung; aber es war außerordentlich lehrreich und interessant zu sehen, wie sich hier in dieser Weise die freisinnige Weis­heit betätigte. Staatssekretär Dernburg ist von Anfang an von der linken Presse sehr freundlich will­kommen geheißen worden; jetzt aber kennt die Begei­sterung für ihren Dernburg keine Grenzen. Tatsache ist ja, daß der Staatssekretär Dernburg wirtlich große Erfolge zu verzeichnen hat. Seine Kolonialpolitik ist von den Parteien im großen ganzen gutgeheißen wor­den, und besonders auch in dem Streit bet Südwest- cfritaner gegen ihn hat er einen vollkommenen Sieg davongetragen. Es dürste wenig Leute m Deutsch­land geben, die heute noch die Politik der Südwest­afrikaner als eine glückliche und berechtigte verteidi­gen. Das ganze Verhältnis gibt außerordenllich zu 'denken. Kaum haben sich hier einige deutsche Auswau- derer unseren Kolonien zugewandt, und so ist der 'Streit dieser Auswanderer gegen das Mutterland auch § schon da. Im englischen Kolonialleben passiert fo etwas nicht. Woran es liegt, daß es bei uns passiert, wollen wir nicht nähet untersuchen; aber das eine müssen wir doch konstatieren: daß dieser (Streit das stmerquicklichste ist, was uns unsere Kolonialpolitik bis­her gebracht hat.

Wie sehr bie politischen Vorgänge, bie sich um bie Finanzreform gruppierten, heute noch in ben politi­schen Kämpfen nachspielen, haben die Verhandlungen Im preußischen Abgeordnetenhause gezeigt. Handelte es sich in den ersten Tagen um ein großes Rededuell zwischen dem Zentmm, vertreten durch den Abg. Herold, unb ben Nationalliberalen, sowie dem verbündeten Freisinn, so kamen in der neuen Woche die Gegensätze zwischen Konservativen und Freikon- fervattven einerseits unb Nationalliberalen unb Frei-

Lkstheim tigh«P **tt Hnsnabme btt $ox» u*b .^tttrW Vtettel- irhrlicht-StttXrtprttr olpte vrinqerwlm unb »tsttLgeld in Zulba sa­nfte auswärts 1-50 fflt

-tränt». Redakteur» «arrr»«"e, für di-Anreisen:

).parze«er tn Lnlba.

= Deutschrands handelspolitische Beziehungen.

In dem Augenblick, in dem das englische Volk, wie der Wahlausfall beweist, zu der Erkenntnis kommt, daß das handelspolitische System unserer Zeit der Schutzzoll sei, nmß Deutschland, das sich seit Jahr­zehnten des Segens der Zollmauern ..rfreut, eine Schattenseite dieses sonst so bewährten Systems ken­nen lernen.

Es drohen uns jetzt gleichzeitig handelspolitische Verwicklungen mit Portugal, Frankreich unb den bereinigten Staaten von Nordamerika. Diese Staaten suchen nämlich durch eine Erhöhung ihrer Einfuhrzölle dem Vordringen deutscher Industrie Hindernisse zu bereiten. Die handelspolitischen Aus­einandersetzungen mit Portugal werden in Kürze im deutschen Reichstag vor sich gehen. In der Kom­mission ist der Entwurf des deutsch-portugiesischen Handelsvertrags, der den Portugiesen manchen Vor­teil sichern würde, bekanntlich verworfen worden. Es tft zu hoffen, daß die deutsche Regierung im Stande ist mit dem kleinen Portugal einen annehmbaren Ver­trag zu Stande zu bringen.

Viel schwieriger liegen die Dinge gegenüber Ame­rika. Die Amerikaner haben sich vor kurzem einen Höchsttarif geschaffen, der die importierenden Staaten ungemein belasten wird. Diesen Tarif wollte Ame­rika vom nächsten Monat an, in dem das Handels- Provisorium mit Deutschland abläuft, auf die einge- fiihrten deutschen Waren anwenden. Zu einer Er­mäßigung, die es z. B. Rußland und England zuge- standen hat, wollte es sich Deutschland gegenüber nur bann verstehen, wenn wir die Zollsätze auf ainerika- nisches Fleisch herabsetzten. Mit Frankreich gedachten die Vereinigten Staaten ebenso zu verfahren. Da Amerika schon bisher unfern Porzellanexport, unfern Spielwarenexport, den Export von Luxuspapier, Ga­lanteriewaren usw. außerordentlich schwer durch hohe Zollsätze und noch mehr durch die schikanöse Anwen­dung der Zolltarifbestimmungen von feiten der Zoll­behörden belastet hat, trotzdem Deutschland immer großes Entgegenkommen gezeigt hatte, so wurde bei uns zu einem energischen Boraehen, zu einem Zoll­krieg mit Amerika vielfach geraten. Da zeigte sich eine Friedensaussicht. Der in diesen Tagen in Nord­amerika proklamierte Fleisch bohkott und der Kampf gegen die Fleischtrufrs scheint Deutschland und auch Frankreich vor dem Zollkrieg mit Amerika be­wahren zu sollen. Die hohen Fleischpreise, gegen bie man in Amerika kämpft, müßten ja noch steigen, weim Teutschlänb, ber amerikanischen Forderung entspre­chend, seine Einfuhrzölle auf amerikanisches Fleisch jetzt herabfetzte und damit der amerikanischen Fleisch- ausfuhr neue Anregung geben würde. Amerika hat bontm die Forderung, bie vor allem einer handels­politischen Einigung entgegen stand, fallen lassen.

Nach den Äeußerungen verschiedener einflußrei­cher Handelskreiss diesseits und jenseits des Atlan-

veutsches Reich.

X Die gemaßregelten Nationalliberalen. Bekannt» lich haben die Nationalliberalen im Abgeordnetenhause! eine Interpellation eingebracht, um Auskunft darüber, zu erhalten, warum nationalliberale Beamte in deck Provinz Posen gemaßregelt worden seien. Die go»; maßregelten Nationalliberalen, von denen man bisher' nichts wußte, scheinen jetzt gefunden zu sein. SBit'. ersehen das aber nicht etwa aus ber nationalliberalen' Presse, sondern aus dem freisinnigen „Bett. Tgbl."^ Es soll sich um einen Gymnafialdirektor und eine« Professor handeln, die nach der Ablehnung ber @rb* schastssteuer im nationalliberalen Sinne agitiert ha« ben. Der Direktor soll fein Amt ntebergelegt habxni um ber Maßregelung zu entgehen, ber Professor soll im Interesse des Dienstes versetzt worden fein. —{ Wenn wegen der Polensache gemaßregelt wird, dann finden die biederen Nationalliberalen e» ganz in ders Ordnung, kommen fie selbst aber heran, bann werden sie wild.

Welche Mittel und Wege zu ergreifen sind, läßt sich eher im Einzelfall praktisch entscheiden, als systematisch barlegen.

Die Angehörigen eines heiratsfähigen Mäbchens haben boch einen viel weiteren Verkehrskreis, als bas Mädchen selbst. Sie können in diesem größeren Kreise Umschau halten, ob sie einen jungen Mann finden, ber nach feiner Person unb seiner sozialen Stellung wohl zu ihrem Schützling 'paffen würbe. Im gegebenen Falle fft es boch nicht schwer, eine Begeg­nung zu vermitteln, ohne daß die Regeln ber guten Sitte, das Zartgefühl der Beteiligten ober bie sonst gebotene Vorficht irgendwie verletzt würben. Mit etwas Geschick läßt sich bie gesellschaftliche Annähe­rung so ganz „zufällig" ohne trgenb eine voreilige Verbinblichkeit herbeiführen.

Nicht ganz so einfach ist der andere Weg. Ist bie ländliche Einsamkeit wiüffich so tröst» unb hoffnungs­los für das Mädchen, so kann man an eine Verände­rung bei Aufenthaltsortes beulen. Mit Besuch bei Verwandten in anderen Orten kann die Sache an- fengen. Fehlen solche Verwandte, so läßt sich eine Stellung in einer anderen Familie in Betracht ziehen. Bei einer klugen Auswahl wirb man fich immer sagen hülfen: Hilft es nicht, so schabet es boch auch nicht. Jedenfalls wird durch eine solche Aenberung in ben Aufenthalts- unb Lebensbedingungen bie Weltkennt­nis und die Lebensklugheit des jungen Wesen» weiter entwickelt, und da» ist für die Zukunft sehr gut, — namentlich auch bann, wenn wirklich das Mädchen zum Sitzenbleiben bestimmt sein sollte. Es wird bei erweiterter Erfahrung nach dem Tode ber Eltern sich besser auf die eigenen Füße stellen können, al» wenn eS fortwährend die zärtliche Haustochter geblieben ist.

Al» letzt« Notanker benutzen manche das Hei- rat»inferat. E» gibt Leute, die ein solches öffentliches Ausbieten unbebtngt verwerfen. Ich möchte nicht so streng urteilen. E» find schon recht mufterifafte und glückliche Ehen auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zustande gekommen. Vor 30 Jahren, al» ich noch ein Tageblatt redigierte, habe ich über die Frage der Heiratsinserate schon einen Streit mit einem prüden Kritiker auSzufechten gehabt. ES

tischen Ozeans scheinen nunmehr die AuSfichteu für Den baldigen Abschluß eine» annehmbaren deutsch- amerikanischen Handelsverträge» nicht mehr so schlecht zu fein.

Daß sich gegenüber Frankreich, dessen Ein­fuhrzölle vor kurzem ebenfalls zum Schaden Spanien», Belgiens und auch Deutschlands erhöht wurden,- taum Hoffnungen auf eine annehmbare handelspoli­tische Verständigung hegen lassen, daran ist der Frank­furter Friede vom Jahre 1871 schuld. Wichtige deut- sche Ausfuhrartikel, die tn großen Mengen nach Frankreich gehen, wie Bier, Baumaterialien, Glüh­lampen, Handschuhe, Tapeten, landwirtschaftliche Maschinen, Stecknadeln, Automobilreifen werden durch den neuen sranzöstschen Taris hart getroffen. Wir können zur Revanche die Franzosen recht tüchtig schikanieren. Wir können ihre Weine genauer unter­suchen, wir können vielleicht die eine ober andere Zollposition gerade gegenüber Frankreich etwas ge­nauer auslegen, als das bisher geschah. An schwer» wiegendere Maßregeln hindert uns der Frankfurter Friede. Als Bismarck den Friedensvertrag mit Frankreich schloß, da hatte er die Idee, die Fran­zosen gegenüber Deutschland auch handelspolitisch möglichst lange tributpflichtig zu halten. In dem Art. 11 des Frankfurter Friedens verpflichten sich die leiden Nationen, sich gegenseitig als in e istb e gün­stig t e Nation zu behandeln. Alle Vorteile, bie Frankreich ober Deutschland an England, Belgien, Niederland, die Schweiz, an Oesterreich und an Ruß­land gewährten, sollten stets auch dem andern Frie­denskontrahenten zu gestanden werden. Zu jener Zett war in Frankreich die liberale Handelspolitik an bet Herrschaft. Auch in Deutschlanb herrschte damal» wirtschaftlich ber Liberalismus, unb Bismarck konnte nicht voraussehen, daß schon nach wenigen Jahren die Welt erheblich verändert werden würde. Später schwenkten Frankreich und Deutschland zum Schutzzoll ab. Während aber Deutschland schließlich durch di« Handelsverträge seinen Schutzzoll minderte, schloß Frankreich nur ganz wenige Handelsverträge ab, unb bann stets mit Ländern, die außerhalb des Kreise» derjenigen lagen, mit welchen es Deutschland auf glei­chem handelspolitischen Fuße behandeln mußte. Di« Folge war unb ist, daß in demselben Maße, wie der. Kreis der mit Deutschland verbundenen Handelsver- tragslander sich vergrößerte, Frankreich immer weitere handelspolitische Vorteile von Derttschland errang, während Deutschland tatlos zusehen mußte, wie Frankreich sich mit einem immer höheren Zollkartell umgab. Und so werden wir denn auch diesmal kaum etwas anderes tun können, als mit ein paar Schikanen' bie schwerwiegenden handelspolitischen Veränderungen in Frankreich zu beantworten. Denn ein F r l e 4 densvertrag ist ein ewiger Vertrag, unb beshalb ist unsere handelspolitische Vindung an' Frankreich eine ewige Bindung, wenn un» Frank-' reich nicht freigibt

finnigen andererseits zu interessantem Ausdruck. Denn jene Leute, die sich durch ihre Ablehnung dy Reichs­finanzreform eine stacke politische Lähmung zugezogen haben, befinden sich andauernd so unwohl, daß sie es nicht unterlassen tonnen, bei jeder Gelegenheit auf jene Dinge zurückzukommen, und das Weck und jene Leute zu schmähen, die nicht fahrläffig genug waren, fich auch jene Lähmung zuzuziehen. Da die verhetzende Aufllärung" jener Parteirichtung über die Reichs­finanzreform im Lande sowohl wie in den Parlamen­ten rüstig toeiterbetrieben wird, so war es wohl be­rechtigt, daß bie positiven Parteien diesem Unfug in gebührender Weise entgegentraten. Wenn bas im preußischen Landtag geschah, so ließ sich allerdings dagegen geltend machen, unb ber Abg. Herold hat das auch hervorgehoben, daß die Reichfinanzreform eben nicht in die Einzelalndtage gehört; aber wovon das Herz voll ist, davon fließt der Mund über, und außer­dem ist eS für die fernere Politik gerade in Preußen ja auch von Bedeutung, zu wissen, wie die linken bürgert. Parteien dieses Parlamentes sich zu dem Ver­halten ihrer Gesinnungsgenossen im Reichstage stellen. Den Nationalliberalen leuchtete der Direktor des Bun­des der Landwirte, Dr. Dietrich Hahn, in seiner be­redten und schlagfertigen Weise heim, und hielt ihnen ihre politische Entwicklung nach links, zur Demokra­tie, ja, zur Sozialdemokratie hin, vor. Bei dieser Ge- legenhett fand Dr. Hahn auch einige ganz beachtens­werte Worte über das Zentrum. Die alte Anschauung, als ob man unter den bürgerlichen Parteien das Zen­tmm als unnational ftreng von ben eigentlich allein berechtigten unb zuverlässigen nationalen Parteien scheiben müsse, warf er gründlich zum alten Eisen. „Das Zentrum", rief er ben Nationalliberalen zu, „kann im Konkurrenzkampf um nationales Verantwort­lichkeitsgefühl unb nationale Gesinmmg mit Ihnen ganz ausgezeichnet bestehen!" Es ist erfreulich, daß daS endlich einmal von so zuständiger Stelle mit aller Offenheit und Ehrlichkeit anerkannt wird.

In E n g l a n d hat die liberale Mehrheit ihr Spiel verloren. Sie hat bei den Wahlen. derart viele Man­date eingebüßt, daß auch der günstigste Ausgang der letzten Wahlen die Abhängigkeit einer liberalen Regie­rung von der Arbeiterpartei und von den bei den un­duldsamen Engländem wegen ihres Katholizismus überall so verhaßten Irländern nicht wird beseitigen können. Mit gwßem Hohn hat ein konservativer Füh­rer gesagt, die ausschlaggebende Persönlichkeit in Eng­land wäre nicht der Premierminister, sondern der Füh­rer der Irländer John Redmond Das wunderbare Schauspiel: die Vertreter der Minderheit als aus­schlaggebende Partei, wiederholt sich also auch hier. Es ist nur fraglich, ob unsere heißblütigen irischen Freunde die nötige diplomatische Veranlagung besitzen, um sich diese Situation zu nutze zu machen. Gerade in die­sem Augenblicke ist das ja von außerordentlicher Wich­tigkeit, weil ber Katholizismus in England mächtig aufblüht, ber großen Ausgabe aber, einem im Mate­riellen aufgegangenen Volke ben Weg zur geistigen Befriedigung zu zeigen, nur mit geringen Mitteln unb blei weniger Einfluß und gefehllchen Rechten gegen­über steht.

Die Mlnffterkrists in Ungarn ist beseitigt, aber über der gesamten Politik des Magyarenreiches schwebt die bange Frage: auf tote lange? Graf Khuen-He- bervary hat sich in ben Parlamenten bisher mit einem gut durchdachten Programm trotz Mißtrauenskund­gebungen wichtiger Parteien zu halten vermocht.

In Serbien hatte man viel Mühe, den Prin­zen Georg von staatsgefährlichem Wirken wegen der über ihn verhängten Strafe abzuhalten. Der serbische Kronprinz machte in Sofia bei König Ferdinand Be­such. Bet der Gelegenheit sollen engere Bande zwi­schen den beiden Ballanstaaten geknüvst worden sein.

Die Türkei Hai den neuesten Ministerwech­sel gut überstanden. Hakki Pascha hat ein Programm vorgelegt, das bei allen Parteien befriedigte. So würde die Tüttel schon besseren Zuständen entgegensehen, boch: Es kann ber Frömmste nicht in ff rieben leben,

Unpolitische Zeitiause.

(N.) Berlin, 27. Januar 1910.

(Nachdruck verdaten.)

( Wenn ich einmal daS Heiratskapitel an« ffchneide, so gibt es sofort Zuschriften aus bem Kreise »er Leser. So ein Echo ist angenehm. Man merft, -wo der Schuh drückt.

Heute möchte Ich einen Landbewohner zu Worte ckommen lassen, der als Vater eines still verblühenden Mädchens jein Herz ausschüttet. Er schreibt: , „In den letzten „Unpolttischen Zeittäusen" halten Sie den Eltern heiratsfähiger Kinder eine scharfe Standrede wegen des Verhaltens gegenüber Heirat»- jplänen. Ich beneide alle Eltem, die bei dem Lesen jetne Gewissenserforschung anzustellen hatten. Sie find llttotz vielleicht begangener Fehler) noch viel gücklicher Daran, als ein toeltfrember Landbewohner, tn dessen föauS sich fein Bewerber verliert. Sonst ist man voll ^es Lobes über das Landleben: Dichter und Sänger stvffsen es nicht genug zu preisen. Aber wehe dem jungen Mädchen, da» nach einer erfolgreichen geistigen «nb haus wirtschaftlichen Ausbildung in ba» Vater­haus zurülllchrt unb nun unbeachtet fitzen bleibt, — das auf staubiger Scholle seine Jugend verträumen, Leine Hoffnungen zu Grabe tragen muß. — Gewiß mögen manche Eltem daran fehlen, daß fie zu hoch hin­aus wollen unb eine übermäßige Sorgfalt und Aengst- lichkeit an den Tag legen bei der Wahl deS zuküiff- strgen Lebensgefährten ihre» Kinde». ES soll anbeter» Veits auch nicht verkannt werden, daß eine angemeffene Wachsamkeit bei dieser wichtigen Angelegenheit in gieren Tagen wohl geboten ist. In den allermeisten ^er hat die Sache — wenigsten» tn gebildeten bem Lande — einen ganz anbeten Haken.

überhaupt schon als eine glückliche TAh>n* -sÄ ttenn jemand mit .ernstlichen Ab» ton in 3” den großen Städten,

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