Einzelbild herunterladen
 

37. Jahrqanq

Fulda, Freitaq den 28. Januar 1910

22

Hrftes Wlcllt

und begab sich sodann mit seinen Söhnen zu

Fuß nach dem Zeughaus zur Parole­ausgabe. Nach der Rückkehr in das Schloß sand Frühstückstafel mit den Kindern und Geschwistern deS Kaiser- statt. Am Abend war Familien täfel für alle Fürstlichkeiten im Rittersaal.

Der Reichstag beging den Geburtstag des Kaisers mit einer Feier in den festlich geschmückten Erfrischungsräumen des Reichstagsgebäudes. Der

Rücktritt bereit- eingereicht, und zwar noch ehe Herr Dernburg im Reichstag jene beachtens­werten Worte über die Unerträglichkeit eines Widerspruches zwilchen dem heimischen Zentral­amt und den samten draußen sprach.

4- Ter Rücktritt des Gouverneurs v. Schick­mann dürste infolge der jüngsten südwestatri- konischen Irrungen und Wirrungen unvermeidbar geworden fern. Wie die ,T. R/ hört, hat der Gouverneur von Südwestafrika tatsächlich seinen

fete Begründung gefunden wird, als bo3 Vorgehen bet Deutschen gegen die Polen Im deutschen Reiche.

Ebenso .groß" sind die Erfolge der Antipolcn- polttik für die Interessen des Staate? und des StaatS- grdankenS. Kein Vernünftiger wird bezweifeln kön­nen, daß die radikalpolnische Bewegung durch nicht» so erhebliche Förderung und so starken Anhalt hat echalten können als durch die Unterdrü- ckungs- und Vergewaltigungsmaßnahmen der preu­ßischen Regierung. Jrnmer wieder hören wir das Lob der früheren staatstreuen oberschlestschen Bevölke­rung Ja, wer trägt denn die Schuld d aran, daß die Stimmung in dieser Bevölkerung sich geändert hat? Noch niemals hat die Geschichte einen Beweis dafür gebracht, daß Gerechtigkeit und Entgegenkommen gegen berechtigte Wünsche und Be­strebungen ein Volk zur Unzufriedenheit und zum Aufmhr gebracht habe. Aber Druck erzeugt Gegen­druck, und Iver diese einfache Wahrheit nicht versteht, darf gewiß auf die Qualitäten eines hervorragenden Staatsmannes keinen Anspruch erheben.

Um auch kurz die internationalen Wirkungen an­zudeuten: wer will behaupten, daß das System von Ungerechtigkeiten und Gewaltakten, aus dem sich die preußische Polenpolitik zusammensetzt, irgendwo im Auslande Achtung und Zuneigung erwecken könne! Ganz zu schweigen davon, daß die anderen Staaten, in denen ebenfalls Polen leben, unter Um­ständen in eine für uns sehr unangenehme Konflikts­lage hineinkonnnen können.

So seben in Wahrheit die „Erfolge" der Antipolen- politik aus. Kann cs bei solchen: Fazit zweifelhaft sein, welche Richtung eine in Wahrheit den Inter­essen des Deutschtums und des Staates fördersame Po­litik einzuschlagen hätte? Allerdings können wir uns, wenn wir nüchtern urteilen, nicht verhehlen, daß die Hoffnungen auf eine Wendung zum Bessern zurzeit nur recht gering sein können. Ez fühlen sich zuviele Leute teils moralisch, teils wirtschaftlich an der ge­genwärtige» Polenpolitik engagiert, und es fehlt der Mann, der die Kraft und die Energie hätte, alle diese Fesseln zu zerreißen. Wir müssen erst, noch weiter tu den Sumpf hinein!

erste Vizepräsident Spahn brachte das Kaiserhoch aus. Er feierte in einer Rede den Kaiser als den mächtigen Hort des Weltfriedens. Deutsch­land an die Front der Menschheit, dar sei deS Kaiser- Ziel.

Auszeichnungen und Besörderungen anläßlich des Kaifer-GeburtslagssesteS find zahl- reich zu verzeichnen. Besonders hervorgehoben zu werden verdient die mitgeteilte Auszeichnung bei Reichskanzlers. Interessant ist auch die Verleihung deS Kronenordens erster Klaffe an den Staatssekretär der Reichstage Zorn v. Bulach. Kultusminister v. Trott zu Solz erhielt den Roten Adlerorden erster Klaffe. Der Kaiser hat so- dann auS Allerhöchstem Vertrauen eine Anzahl neuer Mitglieder des Herrenhauses auf Lebenszeit berufen. Ebenso sind in Heer und Marine zahlreiche Beförderungen und Charakter­verleihungen erfolgt. Prinz Enel Friedrich, bis­her Hauptmann im 1. Garde-Regiment zu Fuß und kommandiert beim Leid-Garde-Hularcn- Regiment, ist unter Belastung in seinem Dienst­verhältnis zum Major befördert worden. General­leutnant v. Trotha, der bekannte Hererokämpser, erhielt den Charakter als General der Infanterie. Vizeadmiral v. Holtzendorff wurde unter Ernen- nung zum Chef der Hochseeflotte zum Admiral befördert.

Feiern amtlicher und privater Art haben im ganzen Reich stattgesunden und auch im AuS- lande hatten die amtlichen Vertreter des Deutschen Reichs, sowie die deutschen Kolonien besondere Festlichkeiten Deren (talkt.

® Die „Erfolge" -er Polenpolttik.

Herr v. Bethmann-Hollweg hat am 19. Januar Im preußische« Abgeordnetenhause zur Verteidigung der Kattowitzer Beamtenmaßregemngen auf die E r­folg e der Antipolenpolitik hingewiesen und als solche aufgeführt: Die Schaffung von über 15 000 bauer- liehen Stellen, von über 450 neuen deutschen Dörfern.

Dar war eigentlich alles, was er Positiv bezeich­nen konnte und man wird sagen dürfen, daß dieser Erfolg im Vergleich zu der aufgewendeten Krcfft und finanziellen Leistung r e ch t u n b e d e u te n d ist. Da­neben stellte er einen Wechsel auf die Zukunst aus, daß diese Kulturarbeit auch national einen Rückhalt gewäh.en werde, aber heute dürfe man diefen Erfolg noch nicht erwarten. Wir glauben, daß er auch für die Zukunft nicht zu erwarten ist. Jedenfalls aber sind die Schädigungen, welche die Antipolen­politik den Interessen des Deutschtums sowohl wie den Interessen des Staates bereits zugefügt hat und noch weiter zufügen wird, unvergleichlich größer als die Er­folge, die sie auch bei günstigster Beurteilung jemals haben kann. Eine kurze Uebersicht soll dies bestätigen.

Die Anstedlungspolitik hat dem Pol'entum wirtschaftlich nichts weniger als geschadet. Sie hat zahlreichen polnischen Grundbesitzern e n o r m e n G e- w i v n verschafft, sie hat unbestritten das Polentum wirtschaftlich ganz erheblich gestärkt. Die polnische Landbevölkerung bat durch die Maßnahmen der An- sicdlungspolitik wohl einen Rückgang erlitten. Aber die Leute sind natürlich doch nicht verschwunden. Sie sind zum Teil in die Städte abgewandert, und so sehen wir heute, daß in zahlreichen Städten der Ost­mark das polnische Element die Mehrheit erlangt hat, wo es früher in der Minderheit war. Aus Pom­mern und O st p r e u ß en kommen Klagen über das Eindringen von Polen in den ländlichen Grundbe­sitz: Es sind Leute, denen der Aufenthalt in der Hei­mat unmöglich gemacht worden ist. In W e st f a l e n und Rheinland ist der polnische Bevölkemngsteil in stetigem Wachstum begriffen. Es ist nicht zu be­streiten, daß an dieser Entwicklung die polenfeindliche Politik in der Ostmark einen Teil der Schuld trägt.

Das Fazit der Germanisierungsbestrebungen ist also lediglich das, daß für das Deutschtum wenig gewonnen wird, daß aber rein deutsche Gegenden und Landesteile immer mehr mit polnischen Ele­menten durchsetzt werden. Im Zusammenhänge mit dieser Wirkung der Antipolenpolitik steht die an­dere, daß die jüdische Bevölkerung in immer grö­ßerer Zahl die Ostmack verläßt und in deutschen Ge­rieten, vor allem in der Landeshauptstadt eine neue Heimat sucht.

Gegenüber dem wickschastlichen Aufschwung des Polentums steht die erhebliche Einbuße, welche die deutschen gewerblichen und industriellen Kreise in der Ostmack erleiden. Vor einigen Tagen hat Herr Heinrich Lee im „Berl. Tgbl." darüber recht nachdenk­liche Dinge mitgeteilt, lieber den Verfolg derSchul- Politik urteilte kürzlich Professor Bernhard, ein on- erfannter Kenner der Verhältnisse in der Ostmark, daß von einer germanisierenden Wirkung derselben keine Rede sein könne. Die Schulpolitik sei vollständig gescheitert und vergrößere in Oberschlesien heute die vorhandenen Gefahren. Bon Kennern der Ver­hältnisse ist versichert worden, daß ehedem die Po­len besonderen Weck darauf legten, auch die d e u t s che Sprache zu erlernen, in ihrem eigenen geschäftli­chen usw. Interesse. Seit der Zwangspolitik ist dies anders geworden, sodaß heute in der polnischen Be­völkerung weniger deutsch gesprochen und oeiftanben wird als früher. Und um die Erfolge der Antipolenpolitik zu Gunsten des DeutschtuniS in ihrer vollen Herrlichkeit zu ermesscii, sei auch darauf hinge­wiesen, daß in Rußland für die Unterdrückungs­politik gegenüber den beutfdjcn Minoritäten keine bes-

verttsches Reich.

— Kaisers Geburtstag.

Der Kaiser feierte am Donnerstag ir/ der herlömmiichen Weise feinen Geburtstag. Zu­nächst nahm er die Glückwünsche der kaiserlichen Familie emgegen und empfing bann die Gratu- lation der Herren und Damen des Hofes sowie der Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses und der fürstlichen Gäste. Danach empfing der Kaiser den Reichskanzler, dem er den Schwarzen Adlerorden verlieh. Sodann begab sich der Hof nach der Schloßkapelle, wo die Botschafter, die Mitglieder des Bundes­rats, die Generalität, die Admiralität, die Minister, die Parlamentspräsidien usw. sich be­reits eingefunden hatten. Oberhofprediger Dry- ander hielt die Predigt. An den Gottesdienst

Er zog ste zärtlich an sich, als könnte sie ihm jetzt noch entrissen werden, und streichelte ihr das Haar, das ihr in bit Stirne hing.

„Mein Liebling", begann er bann wieder, „nun weiß ich aber immer noch nicht, was die Ursache Dei­nes Kummers war."

Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, um ihn nicht ansehen zu müssen und erzählte: „Ich weiß nicht, was mich immer da hinauflvckt, es läßt mir keine Ruhe, und wenn ich da oben stehe und weit in das Land Hinausschmie, bann fühle ich mich freier, bann ist es mir, als wäre alles, was mich bedrückt, da unten ge­blieben."

„Und wa-3 ist eS denn, das Dich so bedrückt?" forschte er aufmertfant

„Ich weiß es nichtl Mir ist so bang und schwer, als läge ein Alp auf meiner Brust! Ich kann mich des Gefühl- nicht erwehren, baß ein neues Unheil meiner wackck, — ich habe solche Angst, — und nicht wahr, wenn ich noch nicht bin, wie ich sein sollte. Du hast Nachsicht mit mir — unb Du verzeihst mir, ich habe nämlich ein Geheimnis vor Dir, — ich werde eS Dir später sagen, — aber jetzt kann ich nicht davon spre­chen, — ich — kmin nicht!"

„Mein liebes Kind", suchte er sie zu beruhigen, „ich Oertrane Dir unbedingt, behalte Dein Geheimnis für Dich, ich will es gar nicht kennen lernen, denn sicher ist es mchtS Böses. Drr bist ckwas nervös, das ist alles Und baS Alleinsein ist nichts für Dich. Du mußt Dich mehr zerstreuen, dann wird alle» wieder gut."

„MS ich gestern da oben war", fuhr Gerda nach einer kleinen Pause fort, „da erfaßte mich plötzlich ein Schwindel, mir war eS, al» müßte ich ersticken, ich rang nach Atem und ckß meinen Kragen auf, dabei wagte ich mich unvorsichtiger Weise zu meit vor, ein paar Steine lösten sich, ich konnte gerade noch zurück- treten, sonst wäre ich rettungslos abgestürzt."

Er stieß einen lauten Schreckensruf au8 unb um­faßte sie fester, al? müßte er sie noch jetzt beschützen vor drohender Gefahr.

Gerda ober fuhr fort:' „Ich war natückich sehr er­schrocken, ich luchte einen Halt, aber während ich nach

Lust rang unb meinen Kragen öffnete, muß ich mein goldenes Kettchen verloren haben, das mir so teuer ist, Du weißt, was es mir weck war, weil c8 noch von meiner Mutter stammt. Ich trug eS alle Tage und hätte es nicht gegen den kostbarsten Schmu«! ringe» tauscht. Ich vermißte eS erst, nachdem ich längst wieder zu Hause war.

„Ich suchte ztvar den Weg bi» zur Ruine genau ab", fuhr Gerda sock, aber eS fand sich nicht, es liegt sicher oben auf dem Turm. ES tut mir so leib, daß ich es verloren habe, mir ist, als könnte ich nicht ruhen, bis es wieder in meinem Besitz ist."

Sie weinte auf» neue und Viktor, um sie zu be» ruhigen, sagte freundlich: „Wenn Dir so viel daran liegt, so werde ich selbst nachsehen, paß auf, ich bringe Dir Dein Kleinod zurück!"

„Nein — neinl" wehcke Gerda eifrig, „Du sollst nicht da hinauf, ich will es nicht, — ich ängstige mich!"

„Du ängsttgst Dich, um — mich?" brach et jubelnd aus. „So hast Du mich doch ein klein wenig lieb?"

Gerda nickte nur; da zog er sie noch fester an seine Brust. Er wurde auf einmal völlig übermütig. „Na, ich denke, einmal wird der alte, wackelig; Geselle schon noch halten", lachte er sorglos.

„Ich bitte Dich, geh nicht", sagte Gerda dringend. «Ich bemerkte gestern erst, daß eS wirklich gefaxt» sich ist."

Aber et ließ sich nicht abhalten.

„Jetzt ist eS halb zwölf", rechnete er, in einet Stnnde ist Essenszeit, bis dahin bin ich wlever zu­rück. Weim ich Dir Dein teure? Andenken bringe, wird Dir daS Essen noch einmal so gut schmecken."

„Ich werde Dich begleiten", erklärte Gerda be» stimmt.

„Wenn Du willst, aber hinauf gehe ich allein."

Sie verließen zusammen das HauS. Der heftige Sturm hatte die Wolken wieder auseinander getrie­ben, ohne daß ein Tropfen Regen gefallen wäre. Die Bäume bogen sich im Winde, eS rauschte in den Kronen, hie und da fiel ein abgebrochener Zweig zu Boden

Rtortfetann folaP

* Ein Rüffel für die Kieler Staatsanwalt­schaft. Bei der Beratung des Etats der Justiz­verwaltung in der Budget kommission des Ab­geordnetenhauses gab der Justizminister eine kurz« Darstellung der Vorgänge im Kieler Werftprozeß, wobei er anerkannte, daß die Art, in der di« Anklage erhoben und vertreten worden fei, keine lehr erfolgverheißende gewesen fei und zu ernsten sachlichen Ausstellungen Anlaß gäbe. Der Staatsanwaltschaft feien vom Justizminister ernste Vorwürfe gemacht worden.

„Cs ist doch ein eigentümlicher Zustand" — sagte kürzlich der nationalliberale Abgeordnete Schmieding im preußischen Abgeordneten« Hause, — „daß seit sehr geraumer Zeit der liebt Gott die Begabung für Staatsämter immer nur der konservativen und speziell her hochkonfervativen Seite gegeben hat, während sie doch früher auch bei etwas weiter link- stehenden Parteien gefunden wurde." So Herr Schmieding, dessen Parteifreunde durch ihn Staatsämter auch für sich verlangen. Herr Schmieding hat nicht bedacht, daß er damit zum unfreiwilligen Kämpfer für die Paritätsbe« fckwerden de- Zentrums und der Katho­liken wurde. Denn seine Freunde haben im Staat nicht entfernt den Anlaß, wie unser« Partei. In Koblenz sitzt al- weißer Rabe der einzige Katholik unter den Oderpräsidenten Preußens und einen Ministersessel ziert keiner. Herr Schmieding war aber auch unvorsichtig; er gab seinen Freunden in den zahlreichen liebe« ralen Stadtparlamenten einen Rüffel, welche bi« guten Aemter für ihre Gesinnungsgenossen in Anspruch nehmen und vielleicht den Nachtwächter­posten den Katholiken überlassen, alle- unter der feierlichen Erklärung, daß nur die Befähi­gung, nicht die Konfession oder die Parieizuge« Hörigkeit bei der Besetzung in Betracht komme. Wie tagte Herr Schmieding: ist doch ein

eigentümlicher Zustand, daß der liebe Gott bie Begabung immer nur der liberalen Verzeihung, das letzte Wort hat der liberal# Abg. Schmieding nicht gesagt: aber er hätte e- mit weit mehr Berechtigung sagen können und müssen! Freilich. . .

* Ein Nationalliberaler Über bie national­liberale Btt. Die Deutschsozialen Blätter er«, innere daran, daß der bekannte natwnalliberal# Politiker und Generalsekretär de- Zentralver­bandes deutscher Industrieller, der ftühere Ab« geordnete Bueck, auf der Generalversammlung deS Verbandes am 7. November 1908 gesagt hat:

Ich war selbst Abgeordneter, und ich weiß, wie bei allen grvßen Vortagen immer zuerst gefragt wurde, wie kommt die Partei dabei zu stehen, bann, rote komme ich vor meinen Wählern zu stehen, wenn ich diese oder jene Entscheidung treffe, und erst in dritter Linie, was erfordert txi$ Wohl des Staates. Ich tarnt Ihnen mein Ehrenwort geben, daß die Erwägung hauptsächlich mich veranlaßt hat, mein Mandat anst zugeben.

Herr Bueck hat diese seine Erfahrungen kn der nationalliberalen Partei gemacht, bie sich, wie keine andere, ihrer „nationalen Selbstlosig« teil" zu rühmen pflegt.

* Wie man Arbeiterintereffen vettritt. Di« sozialdemokratische .Leipziger Volkszeitung' halt« sich vor kurzem in sehr wenig geschmackvoller Weise darüber luftig gemacht, baß bet Buch» druckereidtsitzer B. Meyer in Leipzig seinem Personal zum Weihnachtsfeste ben doppelten Lohn hatte auszahlen lassen. Der ,Korrespon«

Es klang sehr ungeduldig.

„Well, — nun, eS scheint ihr etwas zu fehlen, sie weinte so heftig, daß ich sie nicht zu stören wagte."

Viktor schien sehr erschrocken.

„Meine Frau? — Sie weinte?"

Ohne ein weiteres Wort stürzte Viktor an Egon vorbei. Dieser sah ihm falt lächelnd nach. Er kalku­lierte, daß Gerda bei dem unverhofften raschen Ein­tritt ihres Mannes den verhängnisvollen Brief rasch irgendwo verbergen werde, vielleicht konnte man sich denselben später anelgnen.

Wie Egon vermutet, so war es. Als Gerda die Türe der Vorzimmers ins Schloß fallen hörte, sprang sie erregt empor und hatte eben noch Zeit, den Brief in ein auf dem Tische stehendes Kästchen zu werfen, dessen Schlüssel ste umdrehte, aber in der Verwirrung flecken ließ. Die Tränenspursn konnte ste freilich nicht so schnell verwischen, sie mußte nun wohl ober Übel Viktors Fragen standhalten.

„Gerda, weshalb hast Dir geweint?" begann er denn auch sofort in traurigem Ton. „Hast Du kein Vertrauen zu mir? Willst Du mir nicht sagen, was Dir fehlt?"

Sie seufzte tief auf und rang die Hände ineinander. ES wollte ihr gar nichts einfallen, und doch mußte sie etwas sagen, aber die Wahrheit durfte er nicht er­fahren.

Als sie zögernd und verwirrt vor ihm ffanb, wandte er sich in leichter Ungeduld ab, — doch da kam ihr ein rettender Gedanke.

„Bitte, - fei nicht böse, — ich —"

Sie stockte

„Nun?" fragte er schon wieder freundlicher,

„Ich war gestern, als Du die geschäftliche Unter­redung hattest, droben bei her Ruine--'

„Darüber weintest Du aber wahrscheinlich nicht!"

„Nein, — ich bin dann trotz Deines strengen Ver­botes auf ben Turm hinaufgestiegen — —'

„Aber Kind", unterbrach er sie erschrocken, „wie konntest Du nur — wie oft habe ich Dir schon ge­sagt, Du sollst daS unterlassen, e8 ist gefährlich, — ich begreife wirklich nicht, wie man so unvorsichtig fein kann, Dein Leben gehört doch jetzt mit."

Schattenblume.

38J Originalroman von Irene v. Hellmuth.

Egon zitterte vor Auflegung, als er den Brief zu .Ende gelesen. DaS waren ja interessante Neuigkeiten!

„Diese Gerda, schau — schau! Na warten »vir eS ab, wie sich die Dinge weiter entwickeln", murmelte Irr unb warf einen Blick auf die junge Frau, die noch :immer regungslos auf ihrem Platz verharrte. Sie fühlte nicht, daß der Wind durch den Salon strich, sie meinte noch so heftig rote vorher. Egon überlegte blitzschnell, ob es nicht möglich wäre, den interessanten Brief auf irgend eine Weise verschwinden zu lassen, aber das ging nicht. Er hätte ihn gar zu gerne be­balten, man konnte doch nicht wissen, wozu man ihn verwenden konnte. Wer mochte dieser Alfred fein um den sich die junge Frau fast die Augen ausweinte? Wäre dieser Brief nur wenige Wochen früher gekom­men, ehe daS bindende Wort gesprochen war, bann "wäre alles ander» geworden. Egon beschloß bei sich, hetzt um keinen Preis baS Feld zu räumen, et wollte beobachten, wie Gerda sich weiter verhalten würde ^orstchttg bückte er sich und warf geschickt den Brief mürber auf den Teppich zurück. Dann verharrte er, von der Portiere gedeckt, regungslos an seinem Platze. ,Er beobachtete Gerda von dem kleinen Vorzimmer aul. Sie richtete sich endlich empor, strich sich das Haar aus der Stirn, hob den verhängnisvollen Brief «uf und las ihn mit tränenden Augen nochmals durch.

Als Egon den Korridor betrat, wäre er fast mit S&ffior zusammengepralll.

„Was tust Du denn hier?" fragte dieser erstaunt. /• Egon lächelte unbefangen.

/ „Ich suchte Dich, — ich wollte Dich etwas fragen, trat deshalb hier ein, aber — da ich Dich nicht *°n eia0 mich sogleich wieder zurück." /, -vfl meine Frau nicht im Salon?" fragt« Viktor B3E ^'r/ wahrend er Egon scharf beobachtete.

Dieser nickte.

/ »34 flh si« durch bk Portiere, — konnte aber picht mit ihr sprechen."

, „Weshalb nicht?"

* Berlin, 27. Jan. 1910. Reichskanzler v. Betstmann-Hostweg wurde am Mittwoch im Königlichen Schloß von dem König von Sachfen empfangen. — Eine Revision de- preußischen Difziplinargesetzes von 1852 statte, wie ge- meldet, eine Eingabe des preußischen Lehrer­verein 8 an das Staat-Ministerium verlangt. Offiziös wird jetzt erklärt, daß diese Eingabe kaum Berücksichtigung finden werde.

X Neue Arbeit für den Reichstag. Drei Fragen, die spruchreif zu sein scheinen, werden noch in dieser Session zur Verabschiedung kom­men. Dem Bundesrat soll nämlich in dielen Tagen der Entwurf des Stellenverrnitl- lungSgelehes, des Arbeitskammergesetzes und des Gesetze- über die Regelung der Haus­arbeit zugesten, um sofort nach der Verabschie­dung an den Reichstag zu kommen.

)( Zur zweiten Beratung des Etats der landwittschaftl. Verwaltung bat Abg. Klocke (Ztr.) mit Unterstützung seiner Parteifreunde den Antrag eingebracht, die Staaisregierung zu er- suchens Maßnahmen zu treffen, die geeignet sind, in verstärktem Maße eine Umwandlung von Moor- und Oedländereien in Ländereien von höherem, wirtschaftlichem Werte herbei-

jrejetgen: v» tt» fpattige Petttzeite oder beten Baum 15 pfg. veklamendrepetttzett« 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspk. Rabatt gewährt.

Lotationrdrucknnb Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Lnlda

Monatrbellage: „zuldaer GeschichtrblStter" Zernsprecher Nr.S.

schloß sich die Gratulationscour im Weißen Saale. Danach nahm der Kaiser die Glück­wünsche des Staat-Ministeriums entgegen zuführen.

Erscheint täglich mit ''■f A

Ausnahme de» ro.rn» /Wk „ - H A AA

jurt Feiertag«-Wertet ■ /W

SEM V|| I ili||7|

verantw. Redakteur» N

«arr »chittter

ÄÄi- woch-Mimsr-Illustrierte Somtagrzeitung"