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ja 21.

Fulda, Donnerstag den 27. Januar 1910.

37 Jahrganq.

Iwertes HZlcrtt.

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Deutsches Reich.

* Ter angebliche konfessionelle Charakter deS Zentrums ist ein beliebtes Thema für liberale „Ultramontanen--Töler. Man will diesen kon- sesfionellm Charakter aus zwei Tatsachen schließen: einmal, daß das Zentrum in den Parlamenten ganz aus Katholiken bestehe, und zum zweiten, daß die Wähler des Zentrums meist aus Katho­liken sich rekrutieren. Wenn die erste Tatsache Beweiskraft hätte, so müßte mit derselben Be­rechtigung gesagt werden, daß die National­liberalen eine konfessionelle, eine protestan- tische Partei sind. In der nationalliberalen Reichstaqsfraktionsitzt kein einzigerKatholik mehr; Graf Oriola hat man als letzten hinaus­geekelt und dafür den Direktor des Evangelischen Bundes mit offenen Armen ausgenommen. Und waS das Zweite anlangt so stellte ja der Libera­lismus von jeher den Protestantismus in den Dienst seiner Parteiagitation, indem er oft genug erklärte, kein Protestant könne dem Zentrum ferne Stimme geben, sondern müsse liberal stimmen. Tatsächlich hat sich ja auch der Llberalivms stets als Feind der katholischen Kirche gezeigt, und zwar in allen Parlamenten; im Reichstag, im preußischen, im bayerischen, im württembergifchen und im badischen Abgeordnetenhaus.

Ein sonderbarer Abgeordneter. Seit einer Reihe von Tagen kommt der Abgeordnete Dr. Böhme (Marburg-Kirchhain) der Syndikus des liberalen Bauernbundes, jeden Tag in den Reichstag, läßt sich aber im Sitzungssaal nicht sehen. Er schreibt ernsach feinen Namen tu die Präsenzliste ein, damit er dem Abzug von 20 Mk. an den Diäten entgeht. Aber in keiner Kommission zeigt et sich, an keiner Sitzung nimmt er teil. In den Reihen der Abgeordneten aller Fraktionen werden bezeichnende Urteile über dieses Verhalten laut. Seine Wähler haben ein Jn- teresfe daran, daß sie einen Abgeordneten in Berlin haben und nicht einen Mann, der sich nur in die Anwesenheilsliste eimeichnet.

*e Wachsender Mangel protestantischer Theo­logen. In liberalen Blättern kann man lesen: Ein recht empfindlicher Pfarrermangel macht sich im Großherzogtum Sachsen und in den angren­zenden thüringischen Staaten, besonders im Her­zogtum Meiningen bemerkbar. In Sachsen- Weimar z. B. sollen zurzeit über 20 Pfart­stellen zu besetzen fein. Dieser Mangel an Plär­rern liegt daran, daß in letzter Zeit eine ganze ^ieihe Pastoren ins Ausland gegangen ober ins Schulfach überleiteten sind. Eine Reihe von Stellen ist auch durch Tod oder durch Pensio­nierung erledigt worden. Berücksichtigt man, baß auch die Zahl der Theologiestudierenden keineswegs sich in aussteigender Linie bewegt, so glaubt man, daß dieser Theologenmangel eher zu- als abnehmen wird. Bei der dieser Tage für das Großherzogtum Weimar stattgefundenen theologischen Kandidatenprüsung unterzogen sich

Beispiel nur je drei Kandidaten dem ersten und zweiten theologischen Examen.

* Ergänzungssteuer in Sachsen-Weimar. Nach­dem die finanziellen Verhältnisse deS Reiches durch die Reform im vergangenen Sommer ein« wenn auch keineswegs befriedigende Neuordnung erfahren haben, schreitet man auch in verschiedenen mitteldeutschen Bundesstaaten zu entsprechenden Finanz- und Steuer­reformen. DaS Fürstentum R e u tz hat schon im Som­mer eine Revision seines Einkommensteuergesetzes vor- aenommen. Im Herzogtum S ach s« n-M c in i n- gen steht die Frage einer Neugestaltung des Ein­kommensteuergesetzes augenblicklich beim Landtage zur Beratung, und in dem größten thüringischen Bundes­staate, dem Großherzogtum Sachte n-W e t m ar, bitt das Staatsminiskerium in diesen Tagen dem neu ge­wählten Landtage den Entwurf eines Vermö­genssteuergesetzes zugehen lassen. Mit Aus­nahme des schon zur Grundsteuer herangezogenen Grundbesitzes soll alles mobile u. immobile Vermögen der steuerpflichtigen Personen im Großherzogtum, so­weit es den Gesamtwert von 5000 Mk. übersteigt, zur neuen Ergänzungssteuer herangezogen werden, also nicht nur das mobile Kapital, wie es Bankguthaben, Hypotheken, Obligationen- und Aktienbesitz darstellen, sondern auch diejenigen Kapitalwerte, die zur Durch­führung irgendwelcher gewerblicher, land- und forst­wirtschaftlicher Betriebe angelegt worden sind. Nach­dem bei 20 000 Mk. Vermögen die Ergünzuiigssteuer den Satz von 100 Mk. erreicht, ist eine wertere Staffe­lung um je 10 Mk. für jede weitere angefangene 20 000 Mk. Vermögen vorgesehen. Ter Gesamter­trag dieser Ergänzungssteuer ist auf 265 000 Mk. ge­schätzt. Zwei Drittel dieses Betrages werden zur Deckung des Staatsdesizits erforderlich sein, das sich nach dem Vormrschlag für die nächste dreijährige Fi­nanzperiode aus 168 491 Mk. beziffert. Den Rest der Mehreinnahmen werden die gesteigerten Gehalts- und Pensionsbezüge wegnehmen, deren nach den Beschlüs­sen des vorigen Landtages sämtliche staatlichen Beam­tenkategorien teilhaftig werden sollen.

volkswirtschaftliches und Soziales.

sc Für bcn vierten sozialen Kursus für Hand­werker, den der Volksverein für das katholische Deutschland in der Woche vom 20. bis 25. Februar in M.Gladbach veranstaltet, steht nunmehr bas ge­naue Programm fest. Danach werden au den einzelnen Tagen in täglich zwei Vorträgen — je einer vormittags und nachmittags — mit anschlie­ßender Diskussion im Volksvereinshaus folgende Themata behandelt werden: Die Lebenssähigkeit des Handwerks und seine Stellung im Wirtschaftsleben; Die Beteiligung des Handwerks an Staats- und Kommunallieferungen. (Montag, 21. Februar.) Wie gewinnt dasHandwerk Einfluß auf die Gesetzgebung? Erziehungssragen im Handwerk. (Dienstag, 22. Fe­bruar.) Tie praktische Arbeit in d.er Innung; Hand­werk und Fortbildungsschule. (Miltwock, 23. Fe­bruar.) Wre und unter welchen Vorrmssetzmigen sind Bezugs-, Absatz- und Werkgenossenschasten für das Handwerk anwendbar? Die Kreditoerhälinisse im Handwerk. (Donnerstag, 24. Februar.! Fragen des Arbeitsverhältniffes; Mitarbeit des Handwerks an der Durchführung der Gesetzgebung. (Freitag, 25. Februar.) Zur Einleitung des Kursus findet am Sonntag, 20. Februar, abends 8 Uhr im Ge­sellenhaus ein allgemeiner Handwerk er abend mit nachstehenden Vorträgen statt: Zehn Fahre Handwerkerbewegung und Die Beziehungen zwischen Meister und Geiellen. — An alle Handwerker, die

schon selbständig sind oder bald selbständig zu werden beabsichtigen und gewillt sind, bei der Standesbe- wegung der Handwerker an leitender Stelle mitzu- rottfen, ergeht hiermit erneut die Einladung zur Teilnahme an dem Kursus. Den Handwerkerkor­porationen (Innungen, Handwerkskammern, Pleister« und Handwerkeroereinen, Gesellenvereinen usw) ist dringend zu empfehlen, tüchtigen, strebsamen und gemeinnützig denkenden Mitgliedern durch einen an diese zu gewährenden Zuschuß zu den Kosten der Reise und des sünstägigen Aufenthalts in M Glad­bach Ersatz zu bieten für die Auslagen und den Ausfall an Verdienst, welche die Teilnahme am Kursus mit sich bringt. Alles Nähere durch einen Prospekt, den die Ze ttralstelle des Volksvcreins bereitwilligst versendet!

Aus dem Nachbargebiete.

* Lengenfeld, 25. Jan. 1910. Der Kutscher eines hiesigen Arztes wurde vom Pferde durch eine« Husschlag vor den Leib geschlagen und ist infolgedessen gestorben.

* Gera, 25. Fan. 1910. Der wegen Mordes zum Tode verurteilte Weber Geiihner ist zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wor­den, da es nicht unmöglich erschein!, daß die Tat im Delirium geschehen ist.

* Weimar, 25. Januar 1910. Das groß­herzogliche Paar ipricht in einem Erlaß an die Bevölkerung seinen Dank aus für die zahl­reichen Beweise aufrichtiger und treuer Gesinnung, die ihm anläßlich feiner Vermählung und wäh­rend b:r Emzugsseierstchkeiten aus allen Teilen des Landes kundaeaeben worden find.

* Aus Waldeck, 25. Januar 1910. Das Projekt einer lieberlandzentrale von der Edertalfperre nach den drei in Betracht kommenden ivaldeckichen Kreisen ist einen merk- lichen Schrill vorwärls gekommen. Im Landes- dsteklor um sand dieserhalb im Beisein eines Be­amten der Berliner Elekirizilätsgesellschast eine eingehende Besprechung stall. Die Zentrale soll vom preußischen Frskus gebaut werden, welcher die elellkliche Kraft pro Ktlomattsiimde abgibt. Die Leitung soll der Billigkeit wegen oberirdisch angeordnet werden.

vermischtes.

* Eine Anleihe von 400 bis 500 Millionen wird von der Stadl D e r l i n in nächster Zeit ausgenommen werden.

* Dr Achtungsverlrtmng und Gehorsamsverweige- runz gegen Borgesel^e hatte sich an einem Dezember- obend ein Füsiler von dem 39. Infanterie-Regiment in Düsseldorf in betrunkenem Zustande schuldig gemocht. Das Krigsgerichi sprach den Angeklagten mit Rücksicht auf seine Trunkenheit frei; das L-ber- kriegsgericht aber hat ihn jetzt zu ?y2 Monaten Ge­fängnis verurteilt.

* Eine Eaunerfirma. „Eugros-Geflügelhäudlert aus dem Oderbruch nannten sich hier Männer, die lange Zeit hindurch Berliner Delikatessengeschäfte mit recht billigem Geflügel versorgten. Jetzt sind die Her­ren als routinierte Geflügeldtebe entlarvt worden, die den Schrecken für die Bauerit des Ooerbruches bil­deten.

*♦ Vermißt wurden drei Lehrerseminariftcn aus Bamberg feit einigen Tagen. Zwei davon tonn­ten in München ausgegrissen werden. Sie gaben an, nach Genua reifen zu wollen. Der dritte verständigte seine Eltern von Nürnberg aus, daß er sich erschießen werde. In der Tat jagte er sich gestern abend in einem Kupee des Nürnberger Schnellzuges eine Kugel durch den Kops. Er ist tödlich verletzt.

* Ungemütliche Verhältniffe herrschen noch immer in Mülhausen im Elsaß, wo bekanntlich in dem Zentralhotel der Schweizer Kaufmann Wegelin die Marseillaise spielen ließ, was den Anlaß zu deutsch- seindltchen Krrndgebungen gab. Nicht nur mürbe den Offizieren fortan der Besuch des betr. Lokals unter­sagt, jetzt dürfen auch die Milttärmufiker an den Ver­anstaltungen im Zentralhotel nicht mehr tcilnehmen. Bei einem Teil der Bürgerschaft herrscht deshalb große Erbitterung.

§ Die Präsidentin am Waschfaß. Von der Ge­mahlin des neuen schweizer Bundes-Präsidenten war erzählt, sie habe einen Besuch mit Seifenschaum an den Händen, eben vom Waschfaß kommend, empfan- gen. Die Geschichte tft zwar falsch; so schlecht geht es den schweizerischen Präsidenten mit 17 000 Fr. Ge­halt nicht, daß ihre Frauen selbst waschen müßten. Richtig ist aller, daß die Frauen der Bundesräte, aus welchen letzteren jährlich der Präsident der Eidgenos­senschaft gewählt wird, meist anßerordentlich tüchtige Hausfrauen sind, die überall nach dem Rechten sehen. Und daraus ist wohl die Geschichte entstanden.

* Eine interessante Forschungsreise hat ihren Ab­schluß gefunden. Der schwedische Freiherr von Nor- denskjöld tft von einer 2jährigen Expedition durch un- ersorschte Gebiete Südamerikas soeben zurückgekehrt. Er bringt den reichen Schatz von etwa 11000 «Sammel» stücken mit heim.

* Aus Seenot gerettet. In Liverpool ist die Mannschaft des Dampfers „Bettan" gelandet worden, der vor mehreren Wochen an der Südspitze von Ame­rika Schiffbmch erlitt. Der Dampfer war verbrannt. Die Mannschaft flüchtete in Booten auf ein kleines Eiland, wo sie dreizehn Tage lang sich nur von Mu­scheln und Moos nährte. Endlich gelang es den der Erschöpfung nahen Schiffbrüchigen, sich einem Wal- fischfahrer bemerkbar zu machen, der sie an Bord nahm. Der Kapitän der Mannschaft ist auf der Heimreise sei­nen Strapazen erlegen.

Reklamen- und Anzeigenteil.

fehlender Appetit

ist nie unbedenklich, denn der Körper bedarf einer regelmäßigen Nahrungszufuhr, die unterbrochen wird, wenn keine Eßlust vorhanden ist. Letztere muß also vor allen! wieder gehoben werden, und dies geschieht am beste» durch Scotts Emulsion. Sie w'irkt sofort anregend auf den Appetit, das Essen sci weckt, dienolwendige,regelmäßige Nahrungs- zusuhr wird wieder aufgenommen, und damit ist die Hauptsache gervonnen.

Eoous ttmulflau rotrb von uns au«chU»bUch hn 'roRett vor- lauft unv imer nie tote ni ch Gewicht ober Matz, sondern nur "t wrfie3nten OrtgN alNaschev tn Horton mit u derer Schutz, matte (Stt®er mit dein Da^ch). Scott u. 53crone, ®. m. 6. H. Sranlfmt a. M.

Bestandteile: Feinster Medijincl-Ledertrao iso,', prima 'SUnrrta 50", ’.nlerpljLävtjoriglciuter Halt 4F mtterpl^rphotig. «aureS 'Jiarroit 2,0, pu’p Sraqanr »,0, feinster ar ab (Summt aal». 2,0. Be nll. i a er i2t>,0, Mkohol H,o. Hierzu aromatische Emalsi»« a«: ymt - anoeb imt> «aulttjertaöl Je 2 tropfen.

Schattenblume.

87] vriginalroman von Irene v. Hellmuth.

Sie tröstete sich endlich damit, daß eine Zeit kom­men würde, wo die innere quälende Unruhe aushören mußte.

Sie empstmd es wie eine Erlösung, als sie endlich leben Viktor im Wagen saß, der sie ihrem neuen heim zuführte. Sie hielt sich nur mit Mühe aufrecht. Bittor merkte es wohl, Laß sie wie erschöpft war, daß ie dringend der Ruhe bedurfte.

Er hätte sie am liebsten an sich gezogen, er hatte hr ja so viel zu sagen, aber er wagte es nicht. Sie Dar immer so scheu und zurückhaltend, in ihren Augen lag etwas wie Abwehr, so daß er kaum den Mut sand, sie zu küssen. Er hoffte, daß das schon anders werden würde, wollte chr Zeit lassen, sich an ihn zu gewöhnen. Er hatte sie ja so lieb, und diese Liebe mußte Gegenliebe erwecken.

Einige Wochen waren vergangen. Egon schob seine Abreise noch immer hinaus. @c wußte da» Viktor in seiner Güte nicht drängte. Er hatte' auch In der letzten Zeit mehr als sonst gearbeitet, um seinem Vetter keinen Grund zur Klage zu geben.

Egon stand am Fenster seiner Zimmers und sah hinaus in die trübe, verschleierte Landschaft. Em heftiger Sturm hatte sich erhoben. Er wirbelte den Staub auf und trieb die welken Blätter in ganzen Haufen zusammen. Am Himmel jagten graue Wol­lenmassen dahin. Es schien, als wollte sich Regen ein- siellen. Aber noch war kein Tropfen gefallen.

Egon sah, wie Viktor aus dem Hause trat und oen Weg nach der Fabrik einschlng.

.. «Der Narrt, murmelte er halblaut, „da läuft er lernen Geschäften nach, als ob es auf der Welt nichts Besseres zu tun gäbe, als zu arbeiten. Herrgott, wenn

’0 ,eine schöne Frau und meines VetterS Geld K: H setzte keinen Fuß in die Fabrik WaS die fetzt treiben mag? Am Ende

V Ob ich nicht versuchen sollte, ff, ru vertreiben?'

Käbn. nnh diesem Selbstgespräch leise durch die N"' und in seinen Augen leuchtete es dämonisch »en trnf fibrr diesen Gedanken nachnifin-

£at.h” den spiegel und musterte sein Aeußeres imd stand dann wieder am Fenster B

' Er bemerkte, daß der alte Briefbote vom Dorf her­auf kam und der Villa zuging.

Er rief denselben an: „Habt Ihr etwas für mich, Krause?" Der Slngerufene schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr Hclldorf, nur für die gnädige Frau einen Brief.

Dann stampfte er ins Haus.

Egon spann seinen unterbrochenen Gedankengang weiter.

Jetzt wäre ein günsttger Zeitpunkt, die „gnädige Frau" auszusuchen', ich werde sie um Verzeihung bit­ten, werde sie anflehen, mich doch nicht von hier zu vertreiben, nötigenfalls riskier- ich einen Fußfall, na, sie hat kein Herz von Stein, wir werden ja fetzen, was sich machen läßt*

Er lachte selbstbewußt vor sich hin, trat nochmals vor den Spiegel, zupfte die Kraoatte zu recht, drehte den Schnurrbart, fuhr sich glättend durch das Haar und studierte sich eine recht betrübte Miene ein. Dann stieg er langsam die Treppe hinab.

Unten begegnete ihm Marie, das Zimmermädchen, das ein Tablet mit Kaffeegeschirr trug. Er kniff sie lachend in die vollen Backen und sagte: „Hast Du heute die gnädige Frau schon gesehen? Ist fie zu sprechen?"

Marie nickte.

„Sie ist drüben im blauen Salon. Ich habe ihr soeben einen Brief hineingetragen. Der gnädige Herr war auch schon bei ihr, sie haben zusammen gesrüh- ftrnft; nun wollte er für eine Stunde in die Fabrik, um nachzusehen, wie er sagte. Ra, bet rotrb keine halbe Stunde ausdleiben, ich wette daraus. Gestern ging er auch weg, aber kaum war er drüben ver­schwunden, da kam er auch schon wieder zurück. Die Gnädige war inzwischen allein sortgesahren. Er machte ein sehr trauriges Gesicht, als sie nicht da war. Der kann sich fa gar nicht trennen vor seiner schönen, jungen Frau. Ach wer doch auch solch zärtlichen Mann hatte l-

Die Seine Kokette feufjte tief auf und warf Egon einen schmachtenden Blick zu.

„Aber mir kommt es immer vor, als ob die gnä­dig« Frau ihren Mann nicht so recht lieb hätte, fie sieht gar nicht so glücklich aus." Das Mädchen sprudelte das alles eifrig hervor, es schien, als wollte es noch mehr hinzufügen, doch Egon, der zu sehr mit feinen eigenen Silanen beschäftigt war, achtete kaum darauf.

Er nickte der kleinen Schwätzerin zerstreut zu und schritt den Korridor entlang. . Vorsichtig öffnete er links eine Tür und trat ein. Es war ein kleines Vor­zimmer und nun durch eine Portiere vom blauen Sa­lon getrennt. Weiche Teppiche bedeckten den Fuß­boden und machten jeden Schritt unhörbar. Vorsich­tig, um jedes Geräusch zu vermeiden, drückte Egon die äußere Türe ins Schloß, denn er versprach sich von seinem Erscheinen mehr Erfolg, wenn er ganz plötzlich vor der jungen Frau stand. So schlich er auf den Zehenspitzen näher, schlug den schweren Samtvorhang auseinander und verharrte dann wie feftgebannt, regungslos auf feinem Platze. Das Bild,

i dos sich ihm bot, war ein völlig unerwartetes, im ersten Augenblick unerklärliches: Dort auf dem weichen Teppich vor dem kleinen Divan kniete Gerda. Sie hatte das Gesicht auf die Hände gelegt und wühlte den Kopf in die Polster. Der ganze Körper bebte in verzweiflungsvollem Schluchzen. Sie meinte so herz­brechend, so erschütternd, daß es Egon sogleich klar wurde: H er mußte etwas Besonderes vorgesallen sein. Er wagte kaum zu atmen, um seine Gegenwart nicht zn verraten und spähte aufmerksam umher, um viel­leicht irgend etwas zu entdecken, was die Ursache die­ses SchmerzensausbruckeS sein konnte.

Richtig, am Boden lag etwas Weißes, anscheinend ein Brief. Egons Neugierde war auf das Höchste ge-

Üiegen, denn er vermutete, daß der Brief etwas ent­halten mußte, was die jung« Fran an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte. Dock wagte er nicht so wett vorzudringen. Gerda schien zwar völlig vergessen zu haben, wo sie sich befand, dennoch konnte fie aber aufmerksam werden, wenn er in den Salon trat. Der Teppich dämpfte zwar auch hier jeden Schritt und Egon überlegte eben, ob er es wagen durste, den Brief, den er um jeden Preis lesen wollte, aufzuheben, als ein heftiger Windstoß den Fensterflügel aufriß. Die Weinende merkte es nicht und Egon hob rasch ent­schlossen die Portiere in die Höhe, so daß die dadurch enfftandene Zugluft das Papier tiefer in den Salon

hineinwehte. Jetzt war es leicht, dieses aufzuheben; eö bedurfte nur einiger Schritte und Egon hatte er­

reicht, was er gewollt. Er bemerkte, während er sich bückte, daß zwei verschiedene Kouverts ebenfalls am Boden lagen. Der Brief mußte in großer Aufregung

und eile- geöffnet worden fein. Wie es schien war derselbe zuerst an einen andern Bestlmimmqsort ge­

sandt und von dort aus in einen neuen Umschlag ge­

steckt und hierher nachgeschickt worden.

Daß diese Annahme die richtige war, bestätigte bet Inhalt des Schreibens, das Egon jetzt mtt wett auf- gerissenen Augen überflog. Es waren große, klare Schriftzüge, die da auf dem Papier standen. Der Brief war schon vor drei Tagen abgesandt worden, wie das Datum zeigte.

Egon las die Anrede und lächelte. Der Schreiber hatte keine Ahnung, daß Gerda verheiratet war.

„Meine heißgeliebte Gerda, mein süßes, teures Mädchen! Endlich ist die Schranke gefallen, die ich zwischen uns errichten mußte? Mein Vater ist frei! — Frei! Welch herrliches Wort! Seine Unschuld ist glänzend an den Tag gekommen! Ich vermag die Wonne kaum zu fassen nach all dem Furchtbaren, das ich erleben mußte! Du weißt nicht, was ich gelitten habe, rote mich die Sehnsucht nach Dir fast verzehrte! Aber nun weichen die Schatten! Der Dieb, der uns beinahe um Ehre und guten Namen brachte, wurde durch einen Zufall verraten! Das ist eine lange Geschichte, die ich hier nicht wieder- geben kann und die ich Dir ausführlich erzählen werde. Nun gibt es nichts mehr, das imstande wäre, »ns zu trennen? In wenigen Tagen bin ich bei Dtt, kaum vermag ich meine Ungeduld noch so lange zu bezwingen. Ich weiß. Du liebst mich noch ebenso treu, rote ich Dich, meine süße Gerda. Unser Schicksal hat sich wunderbar gewendet; eS sah so ttostlos au8, jo hoffnungslos, daß ich an eine solche Lösung nimmermehr zu glauben wagte. Ver­zeih, daß ich nichts von mir hören ließ, aber mir war so verzweiflungsvoll zu Sinn, weil ich Dich für ewig verloren glaubte. Mt einem befleckten, entehrten Nmnen durfte ich nicht vor Dich hintreten. Du Reine, Du Süße! Deshalb gab ich Dich frei! Nun schwindet das Dunkel, und das Glück lacht ' unS wieder. Meines Vaters Straft ist Gott sei Dank ungebrochen, er kann wieder sorgen und schaf­fen für meine Geschwister wie ehemals. Ich wollte Dir zuerst gar "nicht schreiben, um mit der Freuden­botschaft vor Dick hinzutreten und das lachende Glück aus Deinen Attgen zu lesen. Aber einige Tage muß ich noch bleiben, ehe ich zu Mr eilen kann! Und Du hättest dann die freudige Nachricht erst einige Tage später erhalten. Das konnte ich nicht so lange hinausschieben. Ich kann es nicht sagen, wie sehr ich mich sehne, Dich wiederzusehen.

In alle Ewigkeit bin ich Dein

Alfred.-

(Fortsetzung folgte