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votatkonsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendrurkerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
M 21.
Fulda, Donnerstag den 27. Januar 1910.
37. Jahrgang.
KrKes Matt.
Ver-
Deutscher Reichstag« Sitzung vom 26. Januar 1910.
Der Nachtragsetat für Südwestafrika wird weiterberaten.
Abg. Dr. Arendt (Reichsp.): Der bisherige lauf der Verhandlung hat eine erfreulich« Ueberein- stimmung aller bürgerlichen Parteien über unsere KolonialpoliUk ergeben. (Während der Ausführungen des Redners erscheint in der Hostoge der K r o n p r i n z.) Die gestrigen Debatten bedeuten das Ende unserer kolonialen Kämpfe. Die Vorlage begrüßen wir, ebenso findet die Diamantenpolitik des Staatssekretärs unseren Beifall. Der Abschluß der Verträge auf 10 Jahre scheint mir etwas langfristig zu sein. Der Staatssekretär verdient vollen Dank und Anerkennung, daß rr den Glücksfall der Diamantenfunde zur wirtschaftlichen Entwickelung der Kolonie verwendet. Der Staatssekretär hat mit Recht darauf hingewiesen, daß für die wirtschaftliche Entwickelung des Landes die Farmwirtschast wichtiger ist als der Diamantenabbau. Die Rechtsverhältnisse in der Kolonie sind schwierig, daher ist die dortige Erregung wohl erklärlich, auch im höchsten Maße bedauerlich. Mögen die Diamanten Noch lange Einnahmen liefern, aber nicht den Geist der Bevölkerung so erhitzen, wie cs geschehen ist.
^Beifall.)
Abg. Storz (südd. Vvlksp.): Mit Recht hat die Kommission das Vorgehen der Lüderitzbuchter entschieden gemißbilligt. Wir billigen die Dramanten- politik des Staatssekretärs und auch dem geforderten Bahnbau stimmen wir zu. Im übrigen freuen wir unS, daß mit dem Staatssekretär des Kolonialamts eine kaufmännische Kra,t ersten Ranges an die Spitze unserer Kolonien getreten ist. (Beifall bet den Freis.)
Staatssekretär Dernburg spricht seine Freude darüber aus, daß die beiden Vorlagen im Hause einstimmige Zustimmung gesunden haben. Die neuen Verkehrswege werden den Ansiedlern zugute kommen, die nun ein auskömmliches Dasein und eine freie und K Entwickelung ihrer physischen und moralischen ! im Schutzgebiete finden werden. Noch ist von Südafrika kaum die Hälfte durch Bahnen er» schlossen, das bei weitem aussichtsreichste Gebiet im Norden ist bisher ganz bahnlos gewesen. Redner kommt dann noch einmal auf den neuen Vertrag der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwest- asrtka zu sprechen und meint: Ich würde reflortmäßig zweifellos das Recht haben, den neuen Vertrag end» e abzujchließen; ich habe indeffen die Absicht, den ingelungen, die in der Budgetkbmmission geltend gemacht worden find, Rechnung zu tragen und werde daher den Vertrag in'der jetzt vorliegenden Form nicht abschließen. (Bravo!) Unsere Landsleute in Südwestafrika müßten endlich einsehen, daß alle Entschließungen in kolonialen Dingen von der Zentralstelle auSgehen müssen. Die Folge der Bahnbewilligung wird eine bessere und intensivere Verwaltung sein. Und von diesem Gesichtspunkt aus begrüße ich mit Freude und Dank die Haltung des Reichstags in dieser Frage. (Beifall.)
Abg. Lattmann (Wirt. Bgg.): Alle bürgerlichen Parteien treten für die Vorlage ein. Auch di« deutschen fabeltet haben ein großes Interesse an dem Ausbau »er Bahnen. Wenn die Sozialdemokraten wirklich tue Interessen der Industrie und der in ihr beschäftigten Arbeiter verträten, so müßten sie der Eisenbahnvorlage zustimmen. Die Dtamantenpolitik des Staatssekretärs billigen auch wir, ebenso die Regie. Hinter der Lüderitz- buchtet Depesche scheint keineswegs die gesamte süd- westafrikanische Bevölkerung zu stehen.
Abg. Erzberger (Zentr.): Der Staatssekretär hat gestern den Wunsch ausgesprochen, wir möchten kaus- männischen Geist in der Verwaltung der Kolonien nicht durch Elatsvermerke, Resolutionen usw. einschränken. Daran denkt niemand; kaufmännischer Geist und Wahrung der Rechte dieses Hauses schließen sich nicht aus, nur muß man die richtig« Mitt« finden. (Sehr richtig!) 'Die Auffassung, daß die deutsch« Kolvnial- gesellschaft fiu heute noch im Besitze des Bergregals, des Bergwerks und sogar des Bergwerkseigentums be- Iinde, ist nicht richtig. Die Kolonialverwaliung möchte ch bitten, über die sinngemäße Ausführung des Abkommens mit dieser Gesellschaft zu wachen. (Beifall.) , Abg. Dr. Arning (natl.) teilt die Auffassung des Vorredners.
Damit schließt die Diskussion, der Nachtrags etat wirb bewilligt und die Petitionen werden entsprechend dem Kommisstonsantrag für erledigt erklärt.
Ein zweiter Nachtragsetat wird ht zweiter Lesung debaltelos bewilligt.
Es folgen Rechnungssachen.
Bei der zweiten Beratung der Ueberstcht über die Einnahmen undAusgaben der afrikanischen Schutzgebiete usw. für das Jahr 1903 fragt
Abg. Dr. Görke (nat?, weshalb ein Posten von 150000 Mk. für die Vermehrung der südwestafrikanischen Artillerie nicht auggegeben lei. Auffallend hoch seien die Ausgaben für Bürobevürfnisse; so seien in einem Jahr« 81 Mark für Radiergummi ausgegeben worden. (Heiterkeit) Aehn- lich sei es mit den Reisekosten. Die alte Verordnung müffe endlich ausgehoben werden. Bisher habe die Regierung den Reichstag stets in dieser Beziehung vertröstet ohne etwas zu tun.
Abg. Erzberger (Ztr.): Die Kabinettstückchen der Verwaltung müssen wir denn doch ans Tageslicht ziehen. Immer schweben Erwägungen. Immer heißt eS:bald- tunlichst I Was soll man dazu sagen, wenn für ein Gebiet, in dem sich nur wenige Tausend Leute befinden, die lesen und schreiben können, 6500 Mk. für Formulare verbraucht werden. (Hört, hört!) Löschpapier und Linienblätter kosteten 513 Mk., Aktenschwänze und Akten und Pappdeckel 494 Mk. (Heiterkeit.) Federhalter und Federn 561 Mk. Für Tinte, schwarze, rote, blaue und grüne, wurden 994,95 Mk. ausgegeben. (Heiterkeit). Für Büroleim und Gummi 59,90 Mk. Für Siegelmarken 82,50 Mk. und bann kommt noch eine ganz geheimnisvolle Forberung: Gebühren für Papieruntersuchungen 468 Mk. (Heiterkeit.) Was sinb bas für geheimnisvolle Untersuchungen, die so viel in einem Jahre ausmachen ? (Der Kronprinz, der ht der Hvfloge weil», folgt den Ausführungen Erzbergers mit sichtlichem Interesse und lacht bei der Verlesung der einzelnen Posten recht herzlich mit)
Auf eine Anfrage der beiden letztgenannten Redner, wann die neue Verordnung für die Reisegelder erscheine, •rroibert
Reichsschatzsekretär Wermuth, daß dies voraus- stchtlich bis zum 31. März b. Js. geschehe, er schränkt aber diese Mitteilung soso« durch die weitere Bemerkung ein, daß er Grund zu dieser Annahme zu haben glaube. Diese vorsichtige Aeußerung ruft beim Hause einen LeiterkeitSausbruch hervor.
Damit ist der Gegenstand erledigt und das Haus geht über zum
Miliiäreiat.
Abg. HeuSler (Ztr.): Die fortwährende Verstärkung der Kriegsrüstung, die den Völkern unerschwingliche Last auferlegt, wird mehr und mehr unhaltbar. Aber weil ein Staat gezwungen ist, dem andern auf diesem Wege zu folgen, können wir Ersparungen in der Ausrüstung unserer Armee nicht machen. Mit umso größerem Nachdruck muß aber die Ausmerzung aller Ausgab en verlangt werben, die mit bet KriegS tüchtigkeit unserer Armee in keiner Weise etwaS zu lut haben, z. B. den enorm hohen Ausgaben für Reisebedürfnifle, Vorspann- und Transportkosten. Es ist zu bedauern, daß die Militärverwaltung noch nicht die schon lange ht Aussicht genommene Erhöhung der Löhne derMannschaften durchgeführt hat. In Fachkreisen ist es längst bekannt, daß wir in der Feldartilterie zu viel Generale und in der Infanterie zu viel Leutnants haben. Daß der Etat die schon lange in Aussicht genommene Regelung des Veterinärmilitärwesens bringt, ist zu begrüßen. Die höchstmöglichste Verstärkung unserer Wehrkraft unter Herabsetzung der aktiven Dienstzeit ohne Verschlechterung der Qualität bildet das wichtigste militärische Problem unserer Zeit. Es müßten dann aber all« Einrichtungen, Gebräuche und Vorurteile, die mit der Schlagfertigkeit des Heeres nichts zu tun haben, rücksichislos beseitigt werden. Ferner ist zu verlangen eine systematische Heranbildung der Jugend in allen den Aufgaben, die ihrer in den Mannesjahren für die Verteidigung des Vaterlandes harren. Leider ist in dieser Beziehung bis jetzt ein bemerkenswerter Fortschritt nicht zu konstatieren. (Zustimmung.) Hoffentlich entschließt sich die Kricgsver- roaltung, aus ihrem so reich bemessenen Etat die dafür nötigen Mittel bereitzustellen. Es ist anzuerkennen, daß die Militärverwaltung in letzterer Zeit bemerkenswerte Vereinfach un gen im Dienstbetrieb der Armee eingeführt hat. Im weiteren bespricht Redner die im Oktober 1909 erlassenen neuen Schießvor- schristen für die Infanterie und Kavallerie und meint, an eine weitere Vermehrung unserer Kavallerie könne nur herangegangen werden unter gleichzeitigem Uebergang zur zweijährigen Dienstz-eit. (Beifall im Zentrum.) Redner verteidigt dann die Manöver großen Stils, die Hochschulen für unsere Heerführer seien. Leider aber haben wir noch immer das Exerzierreglement mit seinem durchaus entbehrlichen Exerzier« und Parademarsch. Auch dessen Be- feitigung wird noch' kommen. Aber bis dahin wird wohl der Soldat noch manchen Schweißtropfen vergießen, und manche Million für Paradczwecke wird vom Reichstag noch bewilligt werden müssen. Warum kommt denn die mililäriiche Erkenntnis nur so allmählich und so ruckweise? Eine gründliche und tiefgreifende Vereinfachung unserer Militärverwaltung ist unabweisbar. Die Verwaltungszweige, die mit dem mobilen Heer n-chts zu tun haben, müssen von der Heeresverwaltung losgelöst werden. Unser Beamtenheer bei der Militärverwaltung müßte eine bessere Vorbildung erhalten. Sodann wendet sich Redner gegen den Duellunfug. Jeder gesetzlich Denkend«, religiös Empfindende und vernünftig Urteilende muß das Duell verwerfen, das gegen göttliches und menschliches Recht verstößt. Nun hat bet Halberstadt ein solches Duell zwilchen Offizieren statt- gesunden, bet dem Mannschaften den Platz absperrten. (Lebhaftes Hört, hört!) Wenn wirklich unter Mißbrauch der Dienstgewalt Leute aufgeboten werden, um die Ausführung des Verbrechens zu sichern, so fehlt unS jedes Wort für die Beurteilung eines solchen Vorgehens. (Lebh. Beifall im Zentr. und links.) Der Redner wünscht Berücksichtigung der Handwerkergenossenschaften sind schließt mit der Versicherung, daß das Zentrum zu dem Kriegsminister volles Vertrauen habe und stets alle Forderungen bewilligen werde, die zur Aufrechterhaltung der Schlagfertigkeit des Heeres notivendig leien. (Lebh. Beifall.)
Abg. Dr. Osann (natO gedenkt mit anerkennenden Worten der Tätigkeit des früheren Kriegsministers und wünscht größer« Sparsamkeit bei der Militärverwaltung. Er bedauert, daß noch immer der Adelsstand bei der Besetzung der Offiziersftellen bevorzugt werde und fordert schärferes Vorgehen gegen Soldatenmißhand- lungen.
Abg. Stückten (Soz.) erklärt sich als Gegner des jetzigen MUitärfystems und verlangt, daß die für den Militarismus geforderten Ausgaben für kulturelle Zwecke verwendet würden. Es sei eine maßlose Kriegshetze bei uns. (Widerspruch rechts.) Für die Dauer könne man sich der Einführung der allgemeinen 2 jährigen Dienstzeit nicht entziehen. Soldaten dürfen nicht als Arbeitswillige und Streikbrecher verwendet werden. Unerhört find die drakonischen Strafen, Die gegen Untergebene wegen der kleinsten Vergehungen verhängt werden, während Vorgesetzte auch bei den schlimmsten Ausschreitungen nichts zu fürchten haben. Redner bespricht in diesem Zusammenhang ausführlich den Fall deS einjährigen Unteroffiziers Beith in Bonn. Der Gedanke, auch bte Jugend militärisch zu schulen, hat vor Jahren schon bei bet Sozialdemokratie bestanden. Die Kriegervereine sind Schutztruppen der politischen Reaktion geworden. Zum Schluß verlangt Redner ernsthafte Verhandlungen übet internationale Abrüstungen. (Beifall b. d. Soz.)
Kriegsminister v. Heeringen verspricht Verein- fachung deS Militäretats. Die Löhne der Mannschaften wurden hoffenllich bald aufgebeffert werden können. (Bravol) Im wetteren verteidigt Redner die kleinen Manöver und meint, von einer Bevorzugung des Adels könne keine Rede fein. Die Verwendung der Soldaten $n Streikdiensten ist unbedingt verboten. Der Falk Beith sei zu bedauern, aber die Sache ist noch nicht endgittig abgeschlossen. Zur Schlagfertigkeit der Arme« gehören nicht nur gute Mannschaften, gute Massen, sondern vor allem Disziplin, und wir werden in allen Stellen bemüht fein, den guten Geist in unserer Armee zu erhalten zum Wohl deS Vaterländer. (Beifall.)
Abg. v. Liebett (Rp.) verlangt eine Wehrsteuer und mißbilligt den Luxus im OssizierSkorps.
Frestag: Fortsetzung.
* Kaisers Geburtstag.
Hess Kaiser Mr! tönt es heute in allen (Sauen unsere- Vaterlandes. Vor den Altären kniet daS gläubige Voll und sendet zum Himmel Bitten und Wünsche empor, daß der ©egen und Frieden dem Herrscher, seinem Hause und seinem Volke bewahrt bleiben möge. Und mit der Bitte verbindet sich der Dank, daß im vergangenen Jahre GotteS Segen Kaiser und Reich im treulicher Hut gehalten hat.
ES find nicht leere Worte, nicht nur patriotische Phrasen, bU an diesem Tage gesprochen werden. DaS
deutsche Voll ist gewillt, durch opfervolle Tat die Treue zu Kaiser und Reich zu bewähren. Gottes Gnade hat uns im vergangenen Jahre den Frieden bewahrt. Wer zweifelt, daß die Sohne unseres Volkes wie ein Mann aufgestanden und unter die Waffen getreten wären, wenn die Not des Landes es erfordert hätte. Das deutsche Voll ist auch zu opfervoller Tat bereit, um die Wehr zu rüsten, die heute uns den Frieden sichert, es ist zu opfervoller Tat bereit, wenn es gilt, dem Reiche die Mittel zu geben, deren es bedarf, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Gerade das vergangene Jahr hat es bewiesen. Eine Steuerlast, wie sie noch keinem Volke zugemutet worden ist, hat das deutsche Voll im Bewußtsein der nationalen Notwendigkeit willig übernommen, wenn auch über die Form der Steuern der Streit Der Meinungen noch nicht verstummt ist. Diese Tat wiegt wahrhaftig unendlich viel schwerer als alle die schönen Worte, die bei Festfeiern und bei Festbanketten In stolzer Rede gesprochen werden. Mit besonderer Genugtuung dürfen wir uns daran erinnern, daß gerade w i r, die wir von übelwollenden Gegnern so gern als „Reichsfeine", als „antinationale Gesellen" verschrien werden, es gewesen sind, die bei jener nationalen Tat entscheidend mitgewirkt haben. Wir haben auch jetzt nicht versagt, wo es galt, das Reich zu stärken, so gut wie wir in der ganzen Geschichte des Reiches immer dabei gewesen sind, wenn es darauf ankam, die Schutzwehr des Reiches in seinem Heer und seiner Flotte zu stärken. Wenn man uns heute auch vielerseits keine Gerechtigkeit zuerkennen will, so dürfen wir doch darauf vertrauen, daß eine spätere Zeit, daß die Geschichte uns rechtfertigen wird.
Es ist kein Zufall, noch weniger politische Berechnungskunst, die uns dazu veranlaßt, das Reich zu unterstützen. Unser Glauben gebietet uns die Treue zu unserem Herrscher und zu unserem Volle; et verlangt von uns, daß wir dem Reiche geben, was dem Reiche gebührt, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Den Geboten unseres Glaubens und unserer Kirche gehorchend, leisten wir dem Kaiser und der staatlichen Obrigkeit Gehorsam, stehen wir zu unserem Herrscher in Liebe und Treue, und eine Revision dieser Gesinnung ist uns nicht möglich. Nur Unwissenheit oder böswillige Verkennung kann unserem Glauben vorwerfen, daß er eine „Gefahr für Kaiser und Reich" bedeute, im Gegenteil, als gehorsame Söhne unserer Kirche stehen wir als sichere Schuhwehr zur Verteidigung des Thrones bereit.
So lange die Altäre sicher standen, so lange standen auch die Throne gefestigt. Gewiß wollen wir gute Katholiken sein, aber gerade deswegen müssen wir auch gute Patrioten und gute Deutsche fein. Und in unserer Liebe und Treue zu unserem Kaiser stehen wir hinjxr keinem unserer Volksgenossen zurück.
Deutscher Reich.
** Berlin, 26. Jan. 1910. Zum Geburtstag des Kaisers trafen hier ein der König von Sachsen, der Großherzog und die Groß- Herzogin von Hessen.
4- Die Treibereien der alldeutschen und evangelisch' bnndlerischen Preffe gegen den Staatssekretär Frei- Herrn v. Schoen hatten sich zu der Behauptung verdichtet, daß der Leiter unseres Auswärtigen Amts durch die Angriffe der Presse, aber auch durch eine höheren Ortes gegen ihn eingenommene Haltung veranlaßt worden fei, seinen Abschied nach- zusuchen. Die «Post* ist zu der Feststellung ermächtigt, daß an dieser Behauptung kein wahres Wort ist.
c. In der Bugeikommission des Reichstages fand am Mittwoch eine vertrauliche Bei Handlung ücer den Vertrag zwischen dem Kolonialamt, der deutschen Kolonialgesellfchaft und der deutschen Diamant-Gesellschaft statt. Staatssekretär Dernburg gab gleich darauf im Plenum dir Erklärung ab, daß der Vertrag infolge der Bemängelungen in der Budgetkommifsion nicht abgeschlossen werden solle.
4- Dem Abgeordnetenhaus ist gegen die Wahl des freisinnigen Abg. Prediger Runze, der im 12. Berliner Wahlkreise (Moabit) mit knapper Mehrheit gegen den sozialdemokratischen Kandidaten Hoffmann gewählt worden ist, von sozialdemokratischer Seite ein Protest zugegangen. Der gestrige Tag war der letzte Tag für die Frist zur Eindringung eines Wahlprotestes. Die Freisinnigen haben diesmal gegen die Wahl der drei sozialdemokratischen Abgeordneten Heimann, Hirsch und Borgmann keinen Protest ein gebracht.
a Die Beratung der Jnstizgefetze hat am Mittwoch in der Justizkommistion des Reichstages ihren Anfang genommen. Man beschäftigte sich zunächst mit den Bestimmungen über die Tierquälerei. Auf Antrag des Abg. Engelen (Ztr.) wirb dem Abs. 3 des § 123 der Vorlage der Satz angefügt: »Die Zurücknahme des Antrages ist zulässig.- Die Frage der Vivisektion und des Schächtens rief eme ein» gehenoe Debatte hervor. Dabei stützten sich die Redner auf di« dem Hause zugegangenen Petitionen. Schließlich wurden aber alle zu der Frage der Tierquälerei vorliegenden Anträge abgelehut ober zurückgezogen unb die Fassung der Regierung angenommen.
o Ter deutsch-portugiesische Handelsvertrag wurde am Mittwoch in der Kommission mit .15 gegen 13 Stimmen abgelehnt. Die Konservativen, Freisinnigen und Sozialdemokraten stimmten geschlossen für die Nationalliberalen, fast das ganze Zentrum, der Pole unb ein Teil der Reichspartei gegen. Die Nationalliberalen behielten sich ihre endgültige Stellungnahme für bas Plenum vor. In der Kommission wurde privatim mehrfach die Ansicht geäußert, der Vertrag werde trotz aller Bedeuten im Plenum des Reichstages eine Mehrheit finderr
)( Tas Arbeitskammergesetz hat seinerzeit, als es durch den damaligen Staatssekretär im Reichsamt des Innern von Bethmann-Hollweg dem Reichs- tage vorgelegt wurde, eine fast ungeteilte Verurteilung erfahren. Herr Dr. Delbrück aber, der neue Staatssekretär im ReichSamt des Innern, wird diesen Entwurf ohne Rücksicht auf die damaligenKommisstons« beratungen im Parlament wieder vorlegen. Allgemein sieht der neue Entwurf vor: Die Arbeits- Kammern sollen auf Anrufen der Beteiligten beim Abschluß von Tarifverträgen mitwirken, können elbständig Umfragen über wirtschaftliche und gewerbliche Verhältnisse veranstalten, können an der Verbreitung von paritätischen Arbeitsnachweisen Anteil nehmen. Die Wählbarkeit der Arbeitssekretäre, bekanntlich der grundlegende Streitpunkt der damaligen Debatten, wird auch jetzt wieder abgelehnt.
+ Ein Gegenstück zu Kattowitz? Zu der gestern mitgeteilten Interpellation der National- tberalen betr. die Maßregelung von Beamten n der Provinz Posen wegen ihres Eintretens ür die nationalliberale Partei gibt die „National- zeitung" folgende Erläuterung:
Di« Interpellation soll einen Fall im Auge haben, bei dem ein Beamter, der im nationalliberalen Sinn« agitatorisch tätig war, vom Regierungspräsidenten gemaßregelt fein soll. In der Presse ist von einer solchen Maßregelung fhit der angegebenen Begründung nichts bekannt geworden. Der Fall scheint sehr harmloS zu fein, denn auch am 21. d. Mts. hat anläßlich der Besprechung derKattowitzer Maßregelungen der national- lrberale Sprecher Schrffer von diesem Fall nichts erwähnt.
Wenn schon die „Naüonalztg." die Begründung der Interpellation derart wässerig findet, so wird man ihr unbedingt Glauben schenken dürfen. Das Vorgehen der Nationalliberalen erscheint danach in einem eigentümlichen Lichte '(*) Zentrum und Postbeamte. Die ,Post - mit', das Organ der Oderpostschaffner und Briefträger, bringt in Nr. 2 einen Artikel, dessen Ueberschrist und Einleitung folgendermaßen lauten:
Weihnachtsfreuden der Postunterbeamten (ober t Schon jetzt fühlbare Folgen ber von hervorragenden Vertretern der Zentrumspartei geforderten Sparsamkeit im Postbetriebe). Wie heißt es doch gleich ht dem Weihnachtsliede „Heiligste Nacht"? Friede beu Menschen! Wer freuet sich nicht? Wenn den in der Ueberschrist bezeichneten Führern der genannten Partei, die vor allem die Erhaltung des Christenturn- auf ihre Fahne geschrieben hat, diese letzte Frage entgegentönt nno ihnen eine wenig befriedigende Antwort zuteil wirb, so mögen sie mir wenigstens Im Geiste ans ein Postamt folgen, das im Zeichen des Weihnachtsverkehrs steht bezw. gestanden hat. Vielleicht, daß fi» dann die wenig befriedigende Antwort verstehen unb ihre Schlußfolgerungen daraus ziehen.
Es folgt alsdann eine Schildetmng der Arbeiten der Postunterbeamten in der Weihnachtszeit, an die sich Klagen über Ueberbürdung der Beamten schließen. Dann heißt eS:
Aus den vorstehenden Ausführungen mögen sich die Herren, die auf ein« größere Sparsamkeit im Postbetrieb hindrängen, di« Antwort auf die Weihnachtsfrage „Wer freuet sich nicht?" selbst geben, und fi« mögen sich fragen, ob dieses übertriebene Drängen auf „kaufmännische unb sparsame" Gestaltung des Post- betriebsdienstes — von den Wirkungen auf die Leistungsfähigkeit und auf die Gesundheit des einzelnen sei ganz abgesehen — nicht doch gar zu üble Folgen zeitigen könnte. »Was nützt« es dem deutschen Reiche, wenn in seinen Kolonien die Heiden zu Christen bekehrt, seinen Beamten die Freude unb bie Tröstungen unseres Wechnachtssestes zu leerem Schalle unb sie selbst aber zu Heiden werden?"
Es ist recht bezeichnend, so wird der »Köln.' Volkszlg/ aus parlamentarischen Kreisen geschrieben, daß das Organ der Oberpostschaffner den christlichen Charakter der Zentrumspartei in Verbindung mit der Weihnachtsbotschaft bringt, um seiner wenig geschmackvollen An« rempelung eine Grundlage zu geben. Man darf wohl ohne weiteres annehmen, daß die christlich denkende Postbeamtenschast das ebenso entschieden verurteilt, wie wir eS tun. Aber die ganze Anklage gegen die Zentrumspartei ist grundlos und bei den Haaren herbeigezogen. Solange die Sitte in Deutschland besteht, Weihnachtsgeschenke und Neujahrsqrüße zu verschicken, wird um Weihnachten und Neujahr ein stärkerer Betrieb bei der Post stattfinden und .werden dementsprechend auch an bte Beamten höhere Anforderungen im Dienste gestellt werden, wie dies auch in den Privatbetrieben, besonders in den Handelsgeschäften um Weihnachten und zu anderen Zeiten der Fall ist. Dabei ist ganz selbstverständlich, daß den Beamten keine Übermenschlichen Leistungen zugemutet werden dürfen. Wenn die Postverwaltung einmal keine Hilfskräfte zur Verfügung stellt, so ist dafür die vom Zentrum geforderte Sparsamkeit nicht verantwortlich zu machen, da eS nie eine solche Sparsamkeit auf Kosten der Unterbeamten verlangt hat. Wie aber kommt die Postwelt dazu, in diesem Zusammenhang allein die Zentrums- Partei zu nennen? Warum nennt sie nicht auch die konservativen und liberalen Parteien? Gerade von diesen Parteien ist unter der Regie des Blockreichstags die Regierung zur äußersten Sparsamkeit bei der Postverwaltung ausgefordert worden, wie denn überhaupt bei allen Parteien die Ansicht vertreten ist, daß unsere gesamte Postverwaltung zu teuer arbeitet. Bei der Generaldebatte über den Etat am 7. Dezember 1908 führte u. a. der freisinnige Abg. Wtemer aus:
Es kann nicht beRrtiten werben, daß bie Ausgaben ber Pvstverwaltung nicht in einem richtige» Verhältnis zu ihren Einnahmen sieben.