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M 20.

Fulda, Mittwoch den 26. Januar 1910.

37. Jahrgang.

* Leopold H. und der Vatikan, ein entlarvter Freidenkerschwindel.

Mit einer Frivolität, die ihresgleichen sucht, be" treibt die freidenkerische Presse einen Verleumdungs' feldzug gegen die katholische Kirche. Da wird ge­arbeitet nach dem Grundsätze, daß der Zweck dar schlechteste Mittel, wie Luge und Verleumdung, heilige.

Ein vortreffliches Beispiel für diese Praxis liefert z. B. das Freidenkerorgan „Menschentum". Dieses Wochenblättchen (Redakteur Eugen WolsS» dorf freireligiöser Prediger in Gotha), hatte die Stirn (Rr. 2 vom 2. Januar 1910), einen Artikel »u veröffentlichen unter der Ueberschrist „Leopold IL, der Heilige". Darin war die Behauptung ausge­sprochen, „der eben verstorbene König von Belgien ist im Vatikan der „katholische Musterkönig" genannt worden".

Diese erlogene, blank erfundene Behauptung mußte dann die Unterlage bilden zu allerhand ungezogenen Ausfällen gegen „Rom". Man höre die Perfidie:

„Rom fragt nur, ob jemand äußerlich die Pflichten — nicht etwa gegen Gott — sondern gegen die Hierarchie erfüllt hat. Das dürfte Leopold getan haben. Er war stets (!! ?>, weil cs in seinem Interesse lag, der gehorsame Sohn der Kirche. Er wird reiche Opfer gebracht und für den Konaostaat Missionen aus­gerüstet haben, damit die Neger als katholische Christen verhungern und zu Tode gepetischt werden konnten, er wird bei Kirchensesten in der Galaprozesston den frommen Mann markiert haben."

In diesem von echter Freidenker-Ignoranz zeugenden Stile geht es weiter. So drückt sich ein honorarhungriger Zeilenschinder aus, der nichts weiß und doch etwas schreiben will, und darum feine Behauptungen einfach aus den Fingern saugt.

Daß in der Tat auch das „Menschentum" keine, aber auch gar keine Unterlage für seine gemeinen Verdächtigungen hat, beweist folgender Briefwechsel, der zwischen Herrn Dr. Äteffert-M.-Gladbach und dem Redakteur des „Menschentum", Herrn E. Wolfs- dorf stattgehabt hat.

Herr Dr. Meffert wandte sich an den Herrn mit folgendem Schreiben:

DL-Gladbach den 1L Januar 1910. Herrn Eugen Wolfsdors, Gotha. Geehrter Herr! Soeben, den 11. Januar, kommt mir die Nr. 2 Ihres Blattes, das „Menschentum" zu Gesicht, worin Sie Ihren Lesern Mitteilen, daß der Vatikan den König Leopold II. den „katholischen Musterkönig" genannt habe. Eine Quelle für diese Ihre Erzählung nennen Sie nicht. Da ich mich sehr für die Sache interessiere, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Eie die Liebenswürdigkeit haben wollten, mir den Originaltext dieser vatikanischen Er­klärung in lateinischer ober sranzösischer Sprache mit- zuieilen, eventuell den Fundort anzugeben, wo ich die Stelle selbst nachschlagen könnte. Das wird Ihnen wenig Mühe machen, da Sie ja die Worte in An- führungszetchen setzen, also gewiß den Originaltext vor sich hatten. Im voraus verbindlichsten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit. Für gefl Rückantwort gestatte ich mir eine Retourmarke beizulegen. Hochachtend Dr. Meffert.

Darauf antwortete der edle Herr Wolfs darf:

Gotha, den 15. Januar 1910. Ew. Hochwürden! In Beanlivortung Ihres Brieses vom 11. d. M. teile ich Ihnen mtt, daß ich mich mit Ihnen in feine Aus- ein Indersetzungen einlas se. Ergebenst Eugen Wolfsdorf, freireligiöser Prediger, Redakteur des „Dti nschentum".

Daraus ging Herrn Wolfsdorf folgende Ant­wort zu:

M.-Gladbach, den 18. Januar 1910. Geehrter Herr! Empfangen Eie meinen verbindlichsten Dank für Ihren köstlichen Beitrag zur Charakteristik der Moral des Freidenkertums. Auf meinen Brief gab es nur eine Antwort: nämlich genaue Quellenangabe;

Zweites Wtcrtt.

dann war ich der blamierte Europäer un dSie konnten lachen. Jetzt ist die Situation gerade umgekehrt. Bis­her nämlich war es Sitte, gute alte Sitte, daß niemand mehr behauptet, als er beweisen kann oder den Tatsachen entspricht. Verweigert er aber auf Auf­forderung hin den Beweis für seine Behauptung, so galt und gilt das überall als Kneifen und als Ein­geständnis, daß der geforderte Beweis nicht zu er­bringen ist. Mit welchem Vergnügen hätten Sie auch mir gegenüber den von mir gewünschten Beweis er­bracht, wenn Sie — gekonnt hätten! Die von Ihnen verbrettete Behauptung, der Vatikan habe Leopold II. alS „katholischen Musterkönig" bezeichnet, erledigt sich damit von selbst als blanke Erfindung, um keinen fchärsern Ausdruck zu gebrauchen.

Die Sache hat aber auch noch eine weitere Bedeu­tung. Wie entrüstet man sich freidenkerischerseits über die Verruchtheit der Jesuitenmoral, bei welcher der Zweck die Mittel heilige. Man spare sich von letzt ab die ohnehin vergebliche Mühe, in den Schriften der Kasuisten nach einem Beispiel für Anwendung dieses Satzes zu suchen. Der Artikel des „Menschentum", „Leopold IL, der Heilige", ist — von anderm nicht zu reden — ein ganz ausgezeichneter Beleg hiersür.

Das also ist die neue „freie" Moral! Man schreibt Behauptungen in die Welt hinaus, die jeher Unter« läge entbehren, benutzt diese dann zu denunziato- rifchen Ausfällen gegen Andersoenkende, und zur Rede gestellt, weiß man keine Antwort und leistet natürlich auch keinen Widerruf. Da muß ich schon sagens Die alte christliche Moral, welche das Gebot verkündet „Du sollst nicht lügen", und von jedem, der dagegen handelt, einen vollen Widerruf.verlangt, ist denn doch edler und — menschenwürdiger. Ergebenst Dr. Meffert.

Da hätten wir also wieder mal eine photographüche Ausnahme des Freidenkertums mit Röntgenstrahlen! Ist das eine Gesellschaft! Der eine, wie der erste Vorsitzende des Freidenkerverbandes für Rheinland und Westfalen, August Schulte, schimpft Sonntags über die „Pfaffen" in echter Freidenkermanier, an Werktagen aber möchte er einen Handel mit Heiligen­bildern betreiben und die — Geistlichkeit um ihre Unterstützung angeben! Andere schwindeln das Blaue vom Himmel herunter. Alle aber verzapfen, wo sie ihre Weisheit über religiöse Fragen aus­kramen, einen solchen Unsinn, daß alle Esel beider Erdhalbkugeln Tränen vergießen würden, wenn man ihnen das Zeug vorlesen würde. Traurige Zeichen ihrer fortschreitenden Volksverdummung.

Aus Kirche und Schule.

§ Paderborn, 25. Jan. 1910. Der Rechenschafts­bericht des Bonifatius Vereins über das Jahr 1908 ist erschienen. Danach beläuft sich die Einnahme des Generalvorstandes auf 376 838 Mk. (59 984 Mk, mehr als im Vorjahre); die einzelnen Diözesankomitees haben im ganzen 2 053 414 Mk. (36 523 Mk. weniger als im Vorjahre) aufgebracht Die Gesamteinnahme stellt sich — eingeschloffen den Bestand aus dem Jahre 1907 — auf 2 910639 Alk. (125 300 Mk. mehr als im Vorjahre). Eine bedeu­tende Summe hat wiederum der Bonisatius- Sammelvereln zusammengebracht: fast 160000 Mark gegen 136 000 Mk. im Jahre 1907. Die Aus­gaben belaufen sich auf 2 478 915 Mk., die fast ganz für Unterstützungen von Diasvoragemeinden verwandt wurden. Bis $um Schluffe des Jahres 1908 hat der BonisatiuSverein zur Errichtung bezw. Erhaltung früher errichteter Kirchen und Schulen in vorwiegend protestantischen Orten die Gesamtfummre von 42 384073 Mk. ausgegeben. So erfreulich auch die Höhe der eingekommenen Gelder ist, so sollte doch zu denken geben daß in vielen Diözesankomitees sich die Einnahmen zum Teil ganz bedeutend verringert ha­ben. Es müssen Mittel und Wege gesunden werden, die früheren Einnahmen wieder zu erreichen, womög­lich noch zu überflügeln.

Aus dem Nachbargebiete.

* Kirchhain, 23. Jan. 1910. Die Stadtver­ordneten shten das Gehalt des Rektors der

Rektoratschule auf 2700 Mark bis 5100 Mark fest mit einer Funktionszulage von 300 Mark und einen Woh­nungsgeld von 450 Mark.

* Göttingen, 23. Jan. 1910. Gestern mittag wurde im Leinekanal eine Leiche angetrieben. Es handelt sich um den schon seit Wochen vermißten Se- minar-Kandidaten Bohnes. Ob ein Unglückssall oder ein Selbstmord vorliegt, ist noch nicht festgeftellt wor­den.

* Bad Ems, 25. Jan. 1910. Die Gesund- heitsk ommission in Bad Ems ersucht die Po­lizei, die Namen der wegen Nahnlngsmittelfälschung bestraften Personen öffentlich bekannt zu geben. Um der Staubplage entgegen zu treten, sollen Versuche mit der Teerung der Landstraßen gemacht werden.

vermischtes.

* 156 Millionen Stadtbahnpassagiere hatte der Berliner Stadt- und Ringbahnverkehr im Jahre 1909.

* Mitten im Tanze wurde in Berlin eine Ehefrau vom Tode überrascht. Sie brach, während sie mit ihrem Manne einen Walzer tanzte, vom Schlage gerührt zusammen.

* Die Toten von Messina. Die italienische Re- gierung veröffentlicht soeben den offiziellen Bericht über den Schaden und die Opfer des Erdbebens von Messina am 28. Dezember 1908. In der Stadt Mes­sina hat die Katastrophe 77 283 Menschenleben gefordert. 27 523 Leichen wurden unter den Trüm­mern Herborgesucht und bestattet. 325 Personen star­ben an den Verletzungen, die sie während der Kata­strophe erlitten hatten. 32 477 Personen werden als „vermißt" bezeichnet; ihre Körper mhen noch unter den Ruinen Messinas oder sind von den Wellen des Seebebens, das dem Erdbeben folgte, hinweggespült worden. In der Stadt Reggio und dem zu ihr gehörigen Distrikt hat die Katastrophe 7 9 69 Opfer oefordert; in Palmi 1734, in Villa San Giovanni 1092, in Gallieo 963 und Pellarax 922 Opfer. In den übrigen kleineren Gemeinden und Dörfern beläuft sich die Gesamtzahl der beim Erdbeben Getöteten auf 7108. Im Ganzen hat also die furchtbare Kata­strophe 96 271 Opfer gefordert.

— Häusliche Astronomie. Mann: „Macke lein finsteres Gesicht, mein Kind, sei heiter und glücklich! Ihr Frauen habt das schöne Vorrecht, den Sonnen­schein in die Ehe zu bringen." — Frau: „Ach ja — und ihr Männer den Mondschein!"

b. vollfleischige über 21/» Ztr. Lebendgewicht 00.00 M., c. vollfleiich. über 2 Ztr. Lebendgewicht 57.'/»— 59.00 M.k, d. voüflersch. bis zu 2 Ztr. Lebendgew. 58 — 59.00 Mk., e. fleischige 58-59 Mk., f. Sauen 00-00 Mk. Das Rindergeichäsr entwickelte sich in guter Ware lebhaft, tonst schleppend ab und hinterläßt nur geringen lieber» stand. Der Kälber-Handel gestaltete sich langsam; es' wird schließlich ausverkauft. Bei Schafen war der Geschäftsgang gut; es wird geräumt. Der Schweine­markt verlief schleppend und^wirdnicht geräumt^

Marktbericht.

* Frankfurt n. M>, 24. Jan. 1910. Amtliche No­tierung der Viehmarkt-Preise. Zum Berkaus standen 386 Ochsen, 56 Bullen, 921 Kühe und Jungrinder, 461 Kälber, 352 Schafe und Hammel und 1801 Schweine. Bezahlt wurde für 100 Pfd. Lebendgewicht: Ochsen: a. vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlacht- wertes bis zu 6 Jahren 42—16 M., b. junge steijchige nicht ausgemästete und ältere auszemäitete 37 -41 M., c. mäßig genährte junge, gut genährte ältere 33 —35 DL, d. gering genährte jeden Alters 00—00 M. Bullen: a. voll fleischige höchsten Schlachtwertes 36- 38 Mark, h. mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 00- 00 Mk., c, gering genährte 00—00 Mark. Kühe und Jungrinder: a. vollfleischige, ausgemästete Jungrinder höchsten Schlachtwertes 36-41 Mark, b. vollfleischige, ausgemästele Kühe höchsten Schlacht- wertes bis zu 7 Jahren 34 bis 37 Mark, c. ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Jungrinder 26 bis 31 M., <1. mäßig genährte Kühe und Jungrinder 20—26 M., e. gering genährte Kühe u. Jungrinder 16—20 M. Bezahlt wurde für 100 Psd. Lebendgewicht: Kälber: a. feinste Maü- (Bollmilchmastj und beste Saugkälber 50—54 Mk., b. mittlere Mast- und gute Saugkälber 45—48 Mk., c. geringe Saugkälber 40 — 43 Mk., d. ältere, gering genährte Kälber (Fresser) 00-00 Mk. Schafe: a. Mastlämmer und jüngere Mail Hammel 34—35 Mk., b. ältere Masihämmel 26-00 Mk., c. mäßig genährte Hammel und Schafe (Merz-Schafe; 00 - 00. Schweine: a. Fettschweine über 3 Zentner Lebendgewicht 00.00 M.,

Kurier Setreide-Wochenbericht der Preisberichtsstelle des deutschen LandwirtschaslS- rats vom 18. bis 24. Januar 1910.

Während der letzten Tage hat die Witterung end­lich einen etwas mehr winterlichen Anstrich erhalten, nur wäre jetzt, nach dem der Boden trocken ist, eine Schneedecke erwünscht, damit die meist kräftig ent­wickelten Saaten vor Schaden bewahrt blieben. Vom Auslände lagen in der Verichtswoche mancherlei Kla­gen über die Witterung vor. In Frankreich und England erweckt übermäßige Feuchtigkeit Befürchtun­gen wegen der Felder und wirkt auch einschränkend auf das landwirtschaftliche Angebot. Im Südosten Euro­pas ist der Schneeschutz mich nicht überall ausreichend, um die Saaten bei ebent. eintretenden Frösten vor Schaden zu bewahren, auch hindert die schlechte Wege- beschaffenheit in Südrußland die Zufuhrtätigkeit. Ebenso würben in Amerika Besorgnisse laut, wo mil­des Wetter, auf dessen Dauer noch nicht zu rechnen ist, einen großen Teil der Felder ihrer Schneedecke, beraubt hat. Jedenfalls hing damit die festere Stim­mung zusammen, die drüben zuletzt wieder die Ober», Hand gewonen hat, und mit der auf dem Fonds- und Baumwollmarkte eingetretenen Beruhigung schien auch das Vertrauen zur Situation auf dem Getreidemarkte zurückznkehren. Die von Amerika gemeldete Erholung war auch für die übrigen Märkte das Signal zu einer, neuerlichen Befestigung, zumal Argenttnien wieder nur kleine Exportzahlen und nngünftige Ernteberichte sandte. Auch Deutschland schloß sich der festeren Stimmung an. Die Preise für Jnlandsgetreide waren durch die zeitweise Flaue des Auslandes ohnehin wenig beeinflußt worden, denn das Angebot blieb knapp, während sich an der Küste andauemd Verwen­dung zum (Sri;ort zeigte. Aus dem Lieferungsmarkt«' konnten die Weizenpreise nach einem empfindlichen Rückgänge den letztwöchigen Schlußftand um % bis 1% Mk. überschreiten. Roggen war zunächst gleich-, falls schwächer, zumal sich etwas mehr Angebot be-! merkbar machte, während die Mühlen im Hinblick aus das unbefriedigende Mehlgeschäft vorstchttg kauften und auch an der Küste die Nachfrage nachzulaffen schien.' Sieferung stellie sich zeitweise 3 Mk. niedriger, ver­mochte den Verlust aber schließlich auf % bezw. Vj Mark zu reduzieren. Hafer war von der Provinz bet«' mehrt, aber nicht viel billiger angeboten, im Konsum daher nach wie vor schwierig zu plazieren. Dagegen bietet der Export andauernd Absatzmöglichkeit und für' Lieferung manche Anregung. Für Futtergerste hat. Rußland seine Forderungen wieder erhöht. Mats behauptete unter leichten Schwankungen und bei stil­lem Geschäft seinen Stand.

Es stellten sich die Preise für inländisches Betreib« am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualität, wobei da- Mehr (-(-) brzw. Weniger (—J gegenüber der Vorwoche in Klammern 0 beigefügt ist wie folgt:

Weizen Roggen Hafer

Danzig 236 ( — ) 166'/,(— l1/,) 168 (4- 8

Berlin 227 (- 1 ) 167 ( — ) 172 (— 8

Frankfurt 234 (- 1 ) 170 ( — ) 170 ( —

München 240 (4-2 ) 160 (— 4 ) 158 ( —

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Mai 228 50 (+ 0.75 ), Juli 229.50 (+ 1.25) Budapest April 243.35 > 4- 0.65t, Liverpool März 187.66 (— 0.95), Chicago Mai 171.95 (+ 0.20), Roggen: Berlin Mai 177.50 (- 0.75), Juli 180.75 (— 0.50) Hafer: Berlin Mai 166.25 (— 0.25) Juli 168.25 (— 0.25) Mk. per 1000 Kilogramm.

g>dpattenMume.

86] Originairoman von Irene v. Hellmuth.

Solcher Art waren die Gedanken, die Egon be­schäftigten, während er vor dem Spiegel stehend, sei­nen hübschen Schnurrbart bürstete und seinem Spie­gelbild zunickte, indem er mit sich selbst redete: „Wozu wäre man denn so ein hübscher, junger Kerl, wenn es einem nicht einmal gelingen sollte, bei so einem dum­men Ding den Sieg davon zu tragen. Ra, wir werden ja sehens War freilich eine verdammte Geschichte, daß ich mich so dumm erwischen ließ, aber wer konnte auch ahnen, daß iüe schöne Müllerin im Turm steckte! Hm, geschickt müßte man es fieilich anfangen, wenn man wieder in Gunst bei ihr kommen wollte! Aber die Idee ift nicht fe schlecht, wenigstens ist sie der lieber; legung wert!"

Er drehte sich auf dem Absatz herum und trällerte In seiner sorglosen Weise vor sich hin:

„Lose munt’re Lieder singt man voller Lust, Frische duft'ge Blumen steckt man an die Brust, — Volle würz'ge Flaschen leert man bis zum Grund — Holde schöne Frauen — küßt man auf den Mund."

X.

Der Tag, der Gerda und Viktor für immer ver­einigen sollte, war herbeigekommen. Gerda hatte zwar immer noch gehofft, es möchte etwas eintreten, das sie ihres Versprechens enthob, sie wollte den Hoch­zeitstag immer noch hinausgeschoben wissen, obwohl der Herbst bereits ins Land zog. Sie bereute eS, sich mit Viktor verlobt zu haben, obwohl er alles tat, um sie aufzuheitern. Er hoffte, wenn sie erst feine Frau war, ihre Liebe doch erringen zu können. Deshalb drängte er und wollte nicht länger mehr warten.

Und an einem trüben, regnerischen Herbsttag stan­den sie vor dem Altar.

3" ,d« kleinen Dotfkitche, die reich mit Tannen ano Girlanden geschmückt war, drängten sich die Neugierigen. In Scharen waren sie herbeigeströmt, um 01c schone Braut bewundern zu können Als sie an der Seite ihres stattlichen Bräutigams die Kirche betrat, mürben allenthalben die Köpfe zusammenge­steckt. Flüsternd tauschte man feine Ansichten aus.

„Man muß es nur klug anzufangen wissen, bann bringt man es zu etwas", hieß es da und dort. „Herr­gott, so ein unmenschliches Glück, das dieses Mädchen macht! Sie soll ja nicht einen Pfennig besitzen; aber sie hat sich auch Mühe genug gegeben, den reichen Freier einzufangen. Wie man hört, hat er ihr fein ganzes Vermögen verschrieben. Sie hat es so be­stimmt, heißt es, sie ließ nicht nach, bis der Bräutigam die Sache materiell geordnet hat. Und die Verwandten sollen dabei nur wenig bedacht worden sein. Die schlaue, junge Frau will alles für sich allein haben. Die armen Verwandten tun einem wirklich leid. Fräulein Ada hatte doch den Vetter so lieb gehabt, die mußte natürlich zuerst fort. Und nun soll auch noch der Herr Egon ans dem Hause, das fordert die Braut, wahrhaftig, die ist klug!"

Solche und ähnliche Reden wurden getauscht. Das Gift, das Egon geschickt auSgestreut, tat seine Wirkung. Man stand der jungen Braut beinahe feindlich gegenüber. Uebrigens merkte man ihr wenig ober nichts an von dem „unmenschlichen Glück", das überall so sehr hervorgehoben touebe. Sie sah bleich und angegrifstn aus, die Augen hasteten beständig am Anden. Manchmal streifte ein besorgter Seitenblick Viktors die zarte, bebende Gestalt an seiner Seite, die so mädchenhaft lieblich aussah in dem weißen Seiden­kleid mit den frischen Myrten im dunklen Haar. Sie trug keinerlei Schmuck, nur um den Hals ein seines, goldenes Kettchen, das sie schon als Mädchen immer getragen. Villar hatte seiner Braut einen wertvol­len Schmuck zur Hochzeit geschenkt. Er war sehr ent­täuscht, al» er bemerkte, daß sie denselben unberührt zur Seite gestellt hatte. Sie bemerkte es und bat saust: „Laß mich zur Trauung dies Kettchen tra­gen, sei nicht böse, mir ist, als müßte es mir Glück bringen, e» ist das einzige Schmuckstück, das ich von meiner verstorbenen Mutter habe. Sie trug es an ihrem Hochzeitstage. Mir ist, als wäre die Teure mir näher, wenn ich das Kettchen anhabe. Ich trug es seit ihrem Tode und möchte gerade heute mich nicht davon trennen."

Da war er schon halb entwaffnet.

„Man wird sagen, ich hätte meiner Braut nicht

einmal einen Schmuck geschenkt. Die Leute reden übet alles, sie werden es bemerken, daß Du keinen Schmuck trägst."

Sie machte eine abwehrende Handbewegung.

„Laß sie doch reden, Viktor, das ift ja so gleich­gültig", sagte Gerda fast verächtlich.

Da gab er nach.

Die junge Braut hatte darauf bestanden, daß die Hochzeit nur im engsten Kreise gefeiert würde. Ihr Sinn stand nicht nach einem prunkenden, glänzenden Fest. Saute ausgelassene Fröhlichkeit hatte sie nie kennen gelernt, so wollte sie mich jetzt nichts davon wissen. Viktor lud nur einige feiner älteren, bewähr­ten Beamten mit ihren Familien ein.

Um wenigstens den äußeren Schein zu wahren, hatte Gerda auch ihrer Stiefmutter eine Einladung gesandt, doch diese hatte mit einigen kurzen, frostigen Worten gedantt und ertlärt, daß sie nicht kommen würde. Auch Ada hatte zur großen Erleichterung Gerdas abgesagt.

So verlief die Heine Feier reckt still und klanglos. Es berührte Gerda peinlich, daß bei der Tafel Egon chr gerade gegenübersaß und sie mit frechen Blicken anstarrte. Sie konnte cs aber nicht ändern und tröstete fick schließlich damit, daß er ja nun in wenigen Dä­nen abreisen würde. Eigentlich hätte er schon am Morgen nach der Hochzeit das Haus verlassen sollen, aber er erfand tausend Gründe, noch bleiben zu dür­fen Er hatte seinen Freunden ein Abschiedssouper versprochen, aber heute war der, morgen jener am Kommen verhindert; da auch Villor in seiner großen Güte zum Fürsprecher des Vetters wurde, so mußte Gerda nachgeben und den Verhaßten noch im Hause dulden. Sie tat es nur ungern, aber Viktor, dem die harte Maßregel schon wieder leid tat, legte sich ui? Mittel: „Wir sehen ibn ja nur bei den Mahl­zeiten, Schatz, ich werde bafür sorgen, daß er uns nicht stört. Bitte, laß ihm Zeit,feine Angelegenheiten zu ordnen."

Villor, der fick so unendlich glücklich fühlte, wollte mich andere glücklich sehen, und so setzte er.es durch, daß Gerda dem Vetter noch eine kurze Frist gewährte.

Daß Egon sich ihr neuerdings wieder zu nähern

suchte, hatte Gerda mit Abscheu bemerkt, doch vermied sie geschickt jede Gelegenheit, mit ihm ein Wort wech­seln zu müssen. Sie tat, als wäre er überhaupt nicht da. Nur als sich nach der Trauung mit den übrigen Glückwünschenden auch Egon näherte, mußte sie e8 geschehen lassen, daß er ihre Hand an seine Lippen zog und seine Augen sich sekundenlang in die ihren bohrten.» Sie erbebte vor diesem Blick und flüchtete rasch dicht an Viktors Seite, als müßte sie hier Schutz suchen vor irgend einer Geiaht.

Er sah besorgt in ihr blasses Gesicht.

„Du zitterst ja förmlich, mein Lieb", flüsterte et zärtlich, „fühlst Du Dich nicht wohl?"

„Wenn wir nur den ganzen Trubel erst hinter un8 hatten", gab sie ausweichend zur Antwort, aber schon loieber drängten sich andere an die Neuvermählten heran, um ihnen die Hand zu drücken.

Endlich war auch das überstanden und Gerda at­mete auf. Sie hätte sich am liebsten in ihr stille» Stübchen geflüchtet, sie fühlte sich müde und abge­spannt. Aber es half nichts, sie mußte Stand hatten. Ihr war es, als wäre sie gar nicht sie selbst, als be­fände sie sich in einemTraum, aus dem sie erwachsen müßte. Sie begriff sich selbst nicht. Sie wußte nicht/ was sie mit solchem Bangen und Zagen erfüllte, wie die Ahnung kommenden Unheils. Sie hätte sich doch eigentlich freuen sollen, denn daS Schicksal hatte es doch unendlich gut mit ihr gemeint. Sie nannte einen Gatten ihr eigen, der sie auf Händen durchs Leben tragen wollte, der ihr jeden Wunsch erfüllte, der sie bergötterte.

Und doch konnte ibr Herz nicht zur Ruhe kommen, doch lebte eine Sehnsuckt nach etwas, dem sie keinen Namen zu geben wußte, in ihrem Innern. Sie fühlte sich unbefriedigt, ihr Herz blieb kalt und leer bei Viktors Liebkosungen. Sie machte sich heimlich bittere Vorwürfe, daß sie eingewilligt, Viktors Fran zu werden. Doch wenn sie daran dachte, welchen Schmerz fie ihm bereitet hätte durch ihr „Nein", dann sagte sie sich wieder, daß sie recht gehandelt. Er war ein guter Mensch, der Nachsicht mit ihr haben würde, sie schalt sich undankbar, waS wollte, was verlangte sie denn noch? — lForts. folgt.)