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Jv9 19.

Fulda, Dienstaa den 25. Januar 1910.

37. Jahrqansi.

Giftes matt.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 24. Januar 1910.

Das Haus stimmt zunächst der Verordnung vom 8. Oktober 1909 betr. die Bekämpfung der akuten Kinderlähmung in den Regierungs­bezirken Köln, Arnsberg und Düsseldorf zu.

Es folgt die erste Beratung der Gesetzentwürfe vetr. Erweiterung der Stadtkreise Essen, Köln, Ratibor, Kiel, Flensburg, Harburg und Frankfurt am Main. Uebcr diese Entwürfe wird in allgemeiner De­batte verhandelt. t

Abg. Linz (Ztr.) tritt für die Wahrung der Inte­ressen der ländlichen Bevölkerung ein und hält Kom- misstonsberakung für erforderlich.

Abg. Treskow (kons.) beantragt Ueberweisung an die verstärkte Gemeindekommission.

Abg. Funck (frs. Vp.) führt aus, die Entvölkerung des platten Landes zugunsten der Städte laffe sich nicht verhindern, auch wenn die Eingemeindung er­schwert werde. Die Städte schnitten bei der Ein­gemeindung nicht günstig ab.

Abg. v. Zedlitz (srk.) zieht die Bildung von Z w eck- verbänden in Erwägung, um eine enge Verbindung zwischen Stadt- und Landkreisen herzustellen.

Abg. Schröder-Kassel (ntlb.) erklärte, die Stadt Kassel stehe der Eingemeindungsfrage mit sehr ge­mischten Gefühlen gegenüber. Die eingemeindeten Orte sind den städtischen Verhältnissen zumeist gar nicht gewachsen. Seine Freunde zögen die Bildung von Zweckverbänden der Eingemeindung vor.

Unterstaalssekretär Holtz erklärte, bei der demnächst z erwartenden gesetzlichen Aenderung werde es zu­nächst darauf ankommen, Zweckverbände von Stadt zu Stadt zu bilden . Ob die Vorlage noch in dieser Session komme, vermöge er nicht zu sagen.

Nach weiterer Debatte wird die Vorlage an die verstärkte Gemeindekommifsion überwiesen. Es folgt dann die Beratung des Etats der landwirtschaft­lichen Verwaltung.

Abg. Wallenborn (Ztr.) wünscht, daß bei künftigen Handelsverträgen Konzessionen in Bezug auf den Schutz gegen Viehkrankheiten nicht mehr gemacht würden, was der Landwirtschaftsminister zusagt.

Abg. Crüger-Hagen (frs. Vp.) empfiehlt, bei allen Maßnahmen zugunsten der Landwirtschaft zu bedenken, daß die Landwirtschaft das Wohlergehen, dessen sie sich heute erfreue, der Industrie verdanke.

Abg. Ecker-Bingen (ntlb.) wünscht die baldige Vor­lage des Wassergesetzes.

Abg. Fleuster (Ztr.) gibt dem Abg. Crüger zu, daß die Lage der Landwirtschaft sich gegen früher ge­bessert habe; daß sie aber blühend sei, sollte man erst dann sagen, wenn sich Aktiengesellschaften zum Betrieb der Landwirtschaft bilden. (Heitk.) Emer Revision bedarf die Regelung des Konzesstonswesens bei ge- avernltchen Betrieben auf dem Lande, zumal in der Hinsicht, daß die landwirtfchastl. Interessenten rechtzeitig von emer zu errichtenden Anlage erfahren. Besonders schwierig gestaltet sich die Frage, wenn bei Schadenersatzansprüchen der Schaden durch mehrere Werke entstanden ist. Hierbei müßten die in Betracht kommenden gemeinsam für den Schaden einstehen.

Abg. Schröder-Kassel (natl.) beteuert die Schutzzoll- sr.mndtichkeit der Nationalliberalen.

Abg. Humann (Ztr.) wünscht, daß von den 342 000 Mark, die für Pserderennen vorgesehen sind, auch den landwirtschaftlichen Vereinen, die solche Rennen ver­anstalten, Beihilfen gewährt würden, sowie, daß die Kosten für die Nachschau bei der obligatorischen Fleischbeschau auf den Staat übernommen wurden. Zum Schluß bittet Redner, von den 20 000 Mark, die für die Aufsorstung von Privalgrundstücken eingestellt seien, auch den Kreisen Paderborn und Wiedenbrück etwas zugute komme. (Beif. im Ztr.)

Dienstag: Fortsetzung und Etat der Gestütsver­waltung.

Deutsches Reich.

; Berlin, 24. Jan. 1910. Der Kaiser sprach ;beute beim Auswärtigen Amt vor. — Der wirt­schaftliche Ausschuß trat im Reichsamt des -Innern zusammen. Den Gegenstand seiner Be­ratungen bildet die Zukunft unserer Handelsbe­ziehungen zu Frankreich und zu Nord-Amerika.

4- Das Zentralkomitee für die General- Versammlungen der Katholiken Deutschlands hielt am letzten Sonntag, 23. Januar in Berlin unter dem Borsitz des stellvertretenden Präsi­denten des Fürsten Löwenstein eine Sitzung ab, die sich nach der Berichterstattung über den Ab­schluß der Breslauer Tagung ganz ausführlich mit der Vorbereitungsarbeit zur demnächstigen Augsburger General-Versammlung be­faßte. Vom Augsburger Lokalkomitee waren die Herren Justizrat Reifert, der erste Vorsitzende, und Domkapitular Dr. Ahle erschienen, die über die bisher in'Augsburg geleisteten Vorarbeiten und die bestehenden guten Aussichten auf zahl- reiche Beteiligung berichteten. Die dortige General- Versammlung wird in den Tagen vom 21. bis 25, August stattfinden.

♦ lieber den Charakter des Zentrums hat der Oberlandesgerichtsbräsident Spahn beim Festessen tu Ehren der Jubilate der Zentrumsfraktion (Hitze, f. Strombeck, dec dritte ist er selbst), einige bemerkens­werte Ausführungen gemacht. Er führte u. a. aus:

Selbst ein Mann wie Majunke konnte noch anfangs der 90er Jahre die Behauptung aufstellen, der Grad- meffer der Fraktion sei der Kulturkampf, ohne den Kulturkampf gehe die Fraktion in ihrer Stärke zurück. Das ist ein Irrtum gewesen. Wenn irgend etwas den nicht konfessionellen Charakter des Zen­trums bewiesen hat, so ist es die Tatsache, daß auch nach dem Ablauf des Kulturkampfes gerade die son­stigen Programmpunkte der Partei die Bedeu« der Fraktion in den Vordergrund treten und sie erttarten ließen. Wir sind am Ende des 19. und bei «oeqinn des 20. Jahrhunderts stärker an Zahl in den Reichstag eingetreten als je einmal zuvor im Kultur­kämpfe. °

. Als wir mt Reichstag 1906 aus unserer Position verdrängt routben, frag mich einmal ein freisinniger Abgeordneter, w,e lange ich meinte, daß wir (die Frei- sinnigen) aus den Rädern des Reichswagens gut fahren

würden. Ich antwortete ihm, das dauert höchstens drei Jahre, dann ist die Herrlichkeit vorüber. Es freut mich, daß ich mit meiner Voraussage Recht gehabt habe.

Worauf beruht aber unsere Stärke, die keine Wechsel der Zeiten und keine politische Konstellation überwinden konnte? Auf unserem Programm! Wäre unser Programm nicht richtig und wären unsere Grund­sätze nicht derart, daß auf ihnen die Zukunft des Reiches beruhen muß, dann würde auch die Fraktion nicht diese Kraft und Ünüberwindlichkeit besitzen. Deshalb bin ich vollkommen von der Ueberzcugung durchdrungen, daß unser Programm trotz aller zeitweiligen Rück­schläge den Sieg im Deutschen Reiche haben wird. Da sind nicht Jahrzehnte entscheidend, ent­scheidend ist, daß die Partei an ihre Fahne glaubt und daß diese Fahne zum Siege getragen wird. Auch ein Rückblick auf das Jahr 1906 zeigt uns, wie gut wir damals beraten waren bei unserer Stellungnahme. Es wird ja die Entscheidung kommen, ob künftig eine christlich-konservative oder eine liberale Politik betrieben wird. So wie ich das politische Leben kenne und werte, sind unsere Staatsmänner in der Mehrzahl in ihrem innersten Herzen nationalliberal. Diese Gesichts­punkte dürfen wir nicht aus unfern Augen lassen. Wir aber werden alle Fragen vom Standpunkte der Ver- faffung aus behandeln, getragen von der Ueberzeugung einer christlichen Weltanschauung. Deshalb glaube ich auch an dieZukuuft unserer Par teiundFraktion, so stark auch die Gegensätze sind, die uns im politischen Leben entgegentreten. Glauben Sie mit mir an die Zukunft der Partei.

)( Bülows rechte Hand, Exzellenz v. Löb eil, der als kanalrebellischer Landrat die Treppe hinauf« gefallene frühere Chef der Reichskanzlei, sollte be- kanntlich nach Bülows Zusammenbruch zum O b e r - Präsidenten der Provinz Brandenburg beför­dert werden. Er hat aber jetzt seines ungünstigen Gesundheitszustandes wegen auf dieses Amt ver­zichtet. v. Löbell leidet an Arterienverkalkung, d e auch das Herz angegriffen hat. Die Krankheit wird als eine Folge der Anstrengung während des Kampfes um die Reichs-Finanzresorm erklärt.

)( Der Bund der Industriellen, die liberal gerichtete Gruppe der mittleren Industrie, hielt am Montag in Berlin feine General - Versamm­lung ab. Es wurde u. a. eine Resolution gegen die Schiffahrts-Abgaben angenommen.

X Sine Kiautschou-Denkschrift ist soeben dem Reichstage zugegangen. Rach ihren Mit­teilungen ist die Krisis in diesem unserem ost- asiatsichen Pachtgebiete langsam überwunden worden. Die Handels- und Verkehrsziffern weifen zufriedenstellende Fortschritte auf. Die eigene Einnahme des Schutzgebietes wurde um 19,5 Prozent gegen das Vorjahr auf 2,4 Mill. Mark gesteigert. Der Ausbau des Bahnnetzes im Hinterlande hat erhebliche Fortschritte gemacht. Die am 25. Oktober 1909 eröffnete deutsch- chinesische Hochschule hat 110 Schüler.

X Eine unerwartete Wirkung. Das seit einem halben Jahre in Kraft befindliche Lehrer- befoldungsgesetz hat eine bedeutende Zu­nahme der Zahl der Pensionierungen von Lehrern und Lehrerinnen ergeben. In den amtlichen Schulblättern der einzelnen Regierungsbezirke wird auf diese Erscheinung hingewiesen und da­bei u. a. ausgesührt, daß überhaupt fortan die Zahl der Lehrer und Lehrerinnen a. D. etwas stärker anwachfen wird, da nach dem neuen Lehrerbesoldungsgesetz das höchste Ruhegehalt einer ländlichen Minimalstelle das bisherige Höchstgehalt einschließlich der Mielsentschädigung des aktiven Lehrers um rund 500 Mk. über­steigt. Nach der ,Pr. Lehrerztg/ wird berechnet, daß seit dem Inkrafttreten des Lehrerbesoldungs- gesetzes etwa 1000 Lehrer und Lehrerinnen in den Ruhestand getreten sind.

* Verminderung der Militür-Musiker? Bei der nächsten Neufestsetzung ver Friedenspräsenz, stärke des Heeres soll nach Blättermeldungen auch dem Verlangen des Reichstages nach Verminde- rung der Hoboisten und Hilfsmusiker bei den In­fanterie-Regimentern näher getreten werden.

+ Den Fehdehandschuh wirft jetzt der Bund der Landwirte den Nationallibe­ralen hin. Die .Deutsche Tagesztg/ konstatiert im Hinblick auf die Tatsache, daß nationalliberale Blätter und Redner sich immer und immer wie- der in den schärfsten Kampfrufen gegen den Bund der Landwirte gefallen und weiter auf das Hinausdrängen der Abgg. Freiherr v. Heyl, Leh­mann und Gras Oriola aus der nationalliberalen Reichstagsfraktion, daß die Mehrheit der Nationalliberalen unter Baffermanns Führung einen starken Ruck nach links gemacht und sich von dem Boden des alten Heidelberger Pro- gramms entfernt haben. Selbstverständlich müsse der Bund der Landwirte mit Vieser unverkennbaren Entwicklung rechnen. Es folgt dann folgende Kampfansage:

„Angesichts all dieser Vorgänge und Verhältnisse ist es völlig ausgeschlossen, daß der Bund der Landwirte mit der Bassermann'schen nationalliberalen Partei irgendwie zusammengeht. Erwürbe sich selbst aufgeben, seinen Grundsätzen zuwiderhandeln und den Eindruck der Schwäche machen, wenn er das täte. Eine solche Zumutung muß er von vornherein und rundweg ablehnen. Der Bund der Landwirte scheidet jedoch scharf zwischen den Nationalliberalen der Baflerrnann'schen Richtung, rote sie verkörpert ist in den genannten Abgg. Freiherrn v. Heyl, Lehmann und Grafen Oriola, die durchaus nicht alleinstehen. Mit diesen Herren, die der jetzigen nationalliberalen Reichs­tagsfraktion den Rücken gekehrt haben, um außerhalb der Fraktion die Grundsätze des alten Nationalliberalis­mus zu vertreten, und mit ihren zahlreichen Gestnnungs- ?genossen in vielen Landesteilen wird der Bund auch päter zusammengehen können; sie wird er gegebenfaUS bei den Wahlen unterstützen. Der Kampf, den er not­gedrungen führen muß, und mit der erforderlichen Schärfe führen wird, gilt nur dem sogenannten Nationalliberalismus Bassermann'fcher Richkuna."

♦ Das politische Treiben der Burschenschaften trat auf dem Reichskommers alter Burschenschafter, der am 15. Januar d. I in Berlin ftattfanb, wieder deutlich in die Erscheinung. Die „Tagt. Rundschau" berichtet in Nr. 25 darüber:

„Das erste Wort galt dem Kaiser, Justizrat Wagner erinnerte in seiner Kaiserrede an den Blockring, den die konservative und liberale Partei geschlossen hatten zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und des Ultramontanismus. In dieser Kampfstellung, sagte er, hat die Burschenschaft immer gestanden . . . Wir stehen nicht nur vor neuen Kämpfen gegen die Sozialdemokratie und Ultramontanismus, sondern es drohen auch schwere Kämpfe innerhalb der früheren Blockparteien. Mag das Vaterland keinen Schaden davon erleiden!"

Hier wird offen zugegeben, daß die Burschenschaft in „Kampfstellung gegen Sozialdemokratie und Ul­tramontanismus" steht, mit anderen Worten, daß die Burschenschaften nichts anderes sind, als p o 111 i s ch e Organifatinnen an den Universitäten. Den katholischen «studentenkorporationen wtrft mau immer grundlos vor, sie trieben Politik. Zu diesem offenen Eingeständnis der politischen Tätigkeit und Tendenz der Burschenschaft wird die liberale Presse kein Wort sagen. Katholische Eltern, denen noch ein Funke von katholischem Ehrgefühl im Herzen sitzt, werden nach der Auslastung des Justizrats Wagner wissen, was sie von den katholikenfeiudlichen Burschenschaften zu erwarten haben.

)( Eine Art Revolution gegen Dernburg spielt sich in Lüderitzbucht ab. Dort veran­staltet man große Kundgebungen gegen den Kolonialsekretär. Nachdem die Budgetkommiflion des Reichstages abermals die Lüderitzbuchter Petition abgelehnt hat, brachten mehrere hundert Bürger von Lüderitzbucht dem dort anwesenden Gouverneur und dem Bürgermeister von Lüdentz- bucht einen Fackelzug. — Dieser Bürgermeister hat neulich die famose Depesche an den Reichs­tag geschickt, über die der Reichstag zur Tages­ordnung überging unter hestiger Kritik. Dern­burg hat damals erklärt, derartige Bürgermeister könne er nicht behalten. Herrn Kreplin wird dieser Fackelzug wohl ein schlechter Trost sein.

Ausland.

I Der englische Wahlkampf ist heute im großen Ganzen entschieden. Dreiviertel der 670 Mandate des englischen Unterhauses sind ve;rtzt. Konservative und Liberale haben einen mühevollen, opferreichen Kampf geführt, der Steges­preis ist keinem von beiden zugefallen. Den trug die Partei der irischen Nationalisten da­von. Die Freihändler und Schutzzöllner, die Freunde und Gegner des Oberhauses roetben sich in dem neuen Parlament in fast gleicher Stärke gegen­überstehen. Die Nationalisten mit ihren 68 Man­daten bilden das Zünglein an der Wage. Sie werden zunächst den Liberalen ihre Hilfe leihen, da der Ministerpräsident Asquith ihre Hauptforde­rung, Selbständigkeit für Irland, zu bewilligen ver­sprochen hat. Ob die liberale Partei dieses Ver­sprechen auch einlösen kann, ist sehr zweifelhaft. Man würde sie des Hochverrates zeihen und die Engländer würden sich noch entschiedener den Kon­servativen zuwenden. Deshalb ist es sehr wahr­scheinlich, daß das neue Parlament sofort wieder aufgelöst werden wird. In einer Rede stellte auch schon der Unterstaatssekretär Mafterman Neu­wahlen vor Ablauf weniger Monate in Aussicht. Diese neuen Wahlen, die dann wie im Jahre 1886 zweimal in einem Jahre stattfinden, dürften den Konservativen die Mehrheit und Eng­land den Schutzzoll bringen. Ueber diese betrüb­lichen Aussichten tröstet die Liberalen vorläufig der Sieg des Schatzkanzlers Loyd George hinweg.

♦ Khuen Hedervary, der neue ungarische Ministerpräsident, stellte sich gestern dem Ab- geordnetenhause und dem Magnatenhause vor. Im Abgeordnetenhause wurde er feindselig empfan­gen; es kam zu wüsten Lärmszenen. Heute wird dem neuen Ministerium sicher ein Miß trauens­votum erteilt werden, und man ist gespannt darauf, ob das Kabinett dann formell seine Demis­sion gibt oder mit der sofortigen Vertagung des Hauses vorgeht.

* Für gute deutsch-englische Beziehungen bemüht man sich anvauernb in der englischen Kirche. Nachdem erst kürzlich die Wesleyanischen Metho- dtsten dem deutschen Botschafter eine Resolution zu­gunsten der dauernden Erhaltung des Friedens übermittelt hatten, hat nunmehr die Presbyterifche Kirche von London-Süd ebenfalls einen Beschluß zugunsten eines freundlichen deutsch-englischen Ver­hältnisses gefaßt, der von allen Kanzeln des Kirch­spiels verkündet werden soll.

5 Der Kongreß gegen die Trunksucht, der in diesen Tagen in Petersburg stattfand, hat die Sympathie der ruffifchen Regierung nicht gewinnen können. Fast alle Teilnehmer sind jetzt verhaftet worden. Allerdings nicht, weil sie gegen den Alkoholteufel gewettert haben, sondern weil sie Mitglieder des Komitees der rufsifchen fozial- demokrätifchen Arbeiterpartei oder Propagandisten sind.

** Die „Ferrerschulen", für die unsere libe­rale Presse sich so begeistert, sind in Spanien selbst anscheinend-sehr schlecht angeschrieben. In Barcelona hat jetzt eine gewaltige Versamm­lung, die von dem Komitee für soziale Fürsorge berufen war, gegen die angestrebte Wiedereröff- nung der feit der Juliwoche geschloffenen Laien- schulen Kataloniens Einspruch erhoben.

% Die spanischen Rifkrieger find jetzt zum größten Teil beimaekebrt. Am Samstaa aab

der feierliche Einzug der Madrider Brigade in die Hauptstadt der Bevölkerung Anlaß zu Ovationen und den Behörden Gelegenheit, den Truppe» und Führern ihre Anerkennung für die in Nordafrika geleisteten Dienste auszusprechen.

* Die ungleichen Brüder. Der Prinz Georg von Serbien macht seinem königlichen Vater viel Sorge. Er soll bekanntlich jetzt wegen seiner neuen Ungezogenheiten in ein kleines Pro­vinznest verbannt werden. Das gefällt ihm natür­lich nicht und es bedurfte langer Verhandlungen, bis er sich bereit erklärte, aus Belgrad abzureisen. Vorläufig bleibt er allerdings noch in der Haupt­stadt — bis zu seiner Genesung. Er hat sich nämlich beim Einschlagen einer Fensterscheibe eine schwere Wunde an der Hand zugezigen. Freude erlebt König Peter anderseits an seinem zweiten Sohn, dem Kronprinzen Alexander. Der weilt augenblicklich am bulgarischen Hofe in Sofia und verhandelt mit König Ferdinand und den Gesandten von Italien, Rußland und Frank­reich über die Zukunst der Balkanstaaten.

* Im Prozeffe gegen die indischen Ver­schwörer, der in Kalkutta stattfindet, erschoß ein junger Hindu vor dem Gerichtshof einen Ge­heimschutzmann, der sich in der Untersuchung gegen die Attentäter hervorgetan hatte. Auf der Flucht warf der Hindu gegen einen ihn verfolgenden be­rittenen Polizeibeamten eine Bombe, die jedoch nicht explodierte. Er wurde verhaftet.

Zur Schulaufsichtsfrage.

Die „Kathol. Schulzeitung für Mitteldeutschland" beschäftigt sich in ihrer letzten Nummer vom 20. Jan. mit der Schulaufsichtsfrage. Zunächst begegnet sie der „Art und Weise, in welcher zur Zeit gegen die An­stellung von Rektoren und Hauptlehrern agitiert wird" mit folgender Erklärung des Vorstandes und bei Redaktionskomitees:

Der Vorstand und die Mitglieder des Redaktions­komitees stehen auch heute noch voll und ganz auf dem Standpunkte» welchen die Generalversammlung bei Vereins zu Hünfeld und später auch die Generalver­sammlung des Kathol. Lehrerverbandes des Deutsche« Reiches zu Breslau in der Schulaufsichtsfrage einge­nommen haben. Wir befinden uns damit in der lieber­em st immun g mit der Zentrnmssraktion des Landtages, welche die in Breslau angenommenen Thesen ge­billigt hat.

Eine Stellungnahme zu der Art und Weise, in welcher der Kampf gegen die Anstellung van Rektoren und Hauptlehrern zur Zeit in unserer Diözese geführt wirb, behalten wir uns bis nach Schluß der soeben tn der „Fulb. Ztg." zur Schulaujstchtsfrage erscheinenden Artikel-Serie vor.

Dazu ist folgendes zu sagen. Der hier erwähnte Standpunkt zur Schulaufsichtsfrage hat die Erhaltung des geistlichen Einflusses auf die Schule zur Voraus­setzung. Die Art und Weise, wie diese Frage jetzt gelöst werden soll (durch die Anstellung von Haupt­lehrern und Rektoren.) gibt aber Anlaß.zu berech­tigten Befürchtungen, daß dieser Einfluß nicht erhalten bleibt. Von diesem Gesichtspunkte ans wird der Kampf geführt, er richtet sich keineswegs gegen die Stellungnahme des Kathol. Lehrerverban­des in der. Schulaufsichtsfrage. Alle, die die er­wähnten Befürchtungen hegen-und darum für die Er­haltung des geistlichen Einflusses auf die Schule kämpfen, befinden sich in Uebereinstimmung mit der Zentrumsfraktion des preußischen Landtages, auch mit den Konservativen und überhaupt mit allen weit­blickenden, religiös gesinnten deutschen Männern, di­es gut mit unferm Volke meinen.

Eine weitere Auslassung unter „Mitteilungen" beschäftigt sich mit zwei Artikeln der „Fuld. Zeitung" in Nr. 290 und Nr. 296, die sich gegen die Anstellung von Hauptlehrern wenden. Zunächst wird gesprochen von „der Karnpfesweise der Fuldaer Zeitung, welche in Lehrerkreisen allgemein verurteilt wird". Nimmt cs der Verfasser der „Fuld. Zig." vielleicht übel, daß sie überhaupt Stellung nimmt in der Angelegenheit? Das Zeugnis wird man doch der Fuldaer Zeitung ausstellen können, daß die Art und Weise, w e sie es tut, durchaus sachlich unnd maßvoll ist. Das haben selbst Lehrer zugegeben. Di) Verdächtigung, daß die „Fuld. Ztg." einzig uni allein den Zweck verfolge, „die Lehrer zu schädig» bezw. die Mißgunst gegen dieselben zum Ausdruck zu bringen", können wir da wohl auf sich beruhen lassen.

Dem Schreiber eines Artikels in Rr. 296 der „Fuld. Ztg." wird sodann Unkenntnis der Sachlage vorgeworfen, weil er die Anstellung von Hauptlehrem und Rektoren für u n n ö t i g erklärt. Darüber weiter raten. Sehr übel genommen wird ihm die Auffor­derung an die Gemeinden, die Bewilligung der Mit­tel zu versagen. Es könne fast scheinen, meint das Blatt, als wolle der Verfasser „mit voller Absicht den nur allzu gläubigen Bewohnern unserer Dörfer Mär­chen aufbinden, um sie mit Furcht für ihre Finanzen zu erfüllen". Seine Sorge wird als überflüssig be­zeichnet, „da die Gemeinden nie mehr geben, als sie unbedingt müssen". Ganz so überflüssig war die Be­merkung nun doch nicht. Es ist dein Verfasser des Schulzeitungsartikels wohl nicht bekannt, daß den Schulverbänden ein Erlaß der Regierung zuging, der so aufgefaßt werden konnte und fast durchweg auch so aufgefaßt wurde, als mußten sie einen Haupt­lehrer anstellen und müßten sie die dazu erforder­lichen Mittel bewilligen. Das ist falsch, und eine Aufklärung war da wohl am Platze, besonders wenn man an solche Gemeinden denkt, die bereits 300 Pro­zent und mehr Umlage erheben.

Die ganze Sache wäre ja anders zu beurteile«, wenn die Anstellung von Hauptlehrem und Rektoren wirklich zur Hebung der Volksschule beitragen wurde, immer wieder vorausgesetzt, daß der geistliche Ein­fluß erhalten bliebe. Damit tormnen wir zu der oben berührten Frage von der Notwendigkeit dieser Ein­richtung und zugleich zu dem von der Schulzeitung ebenfalls anoeioaenen Artikel von Gersfeld In Nr 1