rrscheim täglich M Aufnahme bet $o jn= ».idZeiertag« vieriel- ISHrttcherVenlyrpreir ohne Sringrrlohn und vesteLgeld in 8ulda sowie auswärts l.SvM.
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Fulda, Montan den 24. Januar 1910.
18.
37. Jahrgang.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 22. Januar 1910.
Die zweite Beratung des Etat»
wird fortgesetzt. Eine Reihe kleiner Etats wird ohne Debatte bewilligt. Beim Etat der Münzverwal- tung weist
Abg. Strombeck (Ztr.) darauf hin, daß das neue Fünfundzwanzigpfennigstück mit dem Markstück verwechselt werden kann.
Abg. Wolff-Metternich (Ztr.) bemängelte ebenfalls die Prägung der neuen Münze und meinte, das Mittel- alter scheine darin weiter gewesen zn sein als wir heute.
Abg. Hofmann (Ztr.) bemängelt die Münze vom künstlerrschen Standpunkt aus. _
Abg. Arendt (freikons.i: Das Bedürfnis nach einem Fünfundzwanzigpfennigstück ist vorhanden, aber es muß für den Verkehr brauchbar sein.
Der Etat der Münzverwaltung wird hierauf genehmigt.
Beim Etat des Gesetzsammlungsamtes wünscht Abg. v. Strombeck (Ztr.) eine billigere und handlichere Ausgabe der Gesetzsammlung.
Es folgt die Fortsetzung der Interpellation Dr- Porsch betr.
Zwangsarbeitsnachweise im Ruhrrevier.
Handelsminister v. Stzdow dankte dem Interpellanten für die ruhige und sachliche Art, mit der er die Sache erörtert habe und geht dann auf die Gründe ein, die für die Haltung der Regierung maßgebend gewesen seien. Beim Arbeitsnachweis des Zechenverbandes erregten zwei Punkte meine Bedenken-, erstens daß es den Arbeitern unmöglich sein sollte, stch vor der Kündigung nach anderer Arbeit umzusehen, und zweitens, daß die Arbeiter dahin geschickt werde« sollten, wohin sie wünschten. Durch eine Rücksprache mit den Unternehmern sind diese Bedenken beseitigt; neben den Nachweifen können auch die zuständigen Zechen« und Jndustriebeamten Arbeiter, auch wenn sie noch nicht gekündigt haben, annehmen, und die Arbeller sollen nicht auf eine Stelle verwiesen werden, die sie nicht wünschen. Jeder, der einen Kündigungsschein vor- *eigt, bekommt einen Nachweiszettel; nur wer kontrakt- oruchig ist, bekommt ihn nicht, oder wer eine Arbeitsstelle, die er angenommen hat, nicht angetreten bat Für die Entscheidung, ob Kontraktbruch vorllegt, wäre eine behördliche Instanz wünschenswert. Unberechtigt find die Befürchtungen, daß die Nachweise die Gewerk- chaften boykottieren könnten. Für paritätische Arbeitsnachweise ist nach meiner Ansicht der Boden im Ruhrrevier noch nicht genügend vorbereitet Die Regierung wird mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln darauf halten, daß die Arbeitsnachweise in dem Sinne aus- aeführt werden, wie sie der Staatsregierung gegenüber festgelegt sind. Die Frage, ob eine Bestimmung aufzunehmen ist, wonach der Regierung das Kontrollrecht über alle derartige Arbeitsnachweise zustehen soll, muß im Reichstag besprochen werden. Die Zecheuverwal- iungrn, aber auch die Arbeiterorganisation«!, müssen alles vermeiden, was den Zündstoff vermehren könnte. Wenn die Arbeitsnachweise so gehandhabt werden, wie sie der Regierung zugestchert sind, dann wird es zu keinem Streik kommen, und wenn es aus einem anderen Anlaß zu einem Streik kommt, dann wird die Regierung alles versuchen, ihn zu verhindern, geleitet von der unparteilichen Leitung ihres Amtes sowie den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Billigkeit, sowohl gegenüber den Arbeitgebern als auch gegenüber den Arbeitnehmern.
Auf Antrag des Abg. Herold (Ztr.) findet cm?. Besprechung der Interpellation statt
Abg. v. Gescher (kons.) billigt die Erklärung der Regierung und führt aus, daß der Zechenverband gar keine Nebenabsichten bei der Gründung der Arbc-ts- nachwelse gehabt habe. Wenn sich Mißstände ergeben guten, dann wäre es immer noch Zeit, einzuschreilen. ebner weist dann auf § 151 der Gewerbeordnung, die den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in gleicher Weise das Recht zufichere, einseitige Arbeitsnachweise zu gründen.
Abg. Hirsch-Effen tnatl.) verteidigt die Nachweise der Zechenbesitzer. Daß die zwangsmäßige Einführung der paritätischen Arbeitsnachweise bei den Berhält- niffen im Ruhrrevier jetzt nicht tunlich ist wird jeder zugeden, der die Verhältnisse kennt Wir find überzeugt daß der neue Arbeitsnachweis im Ruhrrevier
stch bewähren wird. Herrn Trimborns Wunsche nach einer Kontrolle wird durch die Oeffentlichkeit zumal im Ruhrrevier vollständig genügt Weshalb da noch eine behördliche Kontrolle? An der Verhetzung der Arbeiter im Ruhrrevier seien besonders auch die Ausrufe der christlichen Bergarbeiter schuld.
Abg. Gvßling (frs. Bp.) stimmt gleichfalls der Antwort des Ministers zu.
Abg. Korfanty (Pole) meint, bei den Arbeitsnachweisen, um die es sich hier handle, bestehe allerdings die Gefahr, daß sie zur Unterdrückung der Freizügigkeit dienen werden und daß fie auch geeignet seien, die Koalitionsfreiheit zu beschränken.
Abg. Krause-Walbenburg (freikons.) ist überzeugt, daß der Zechenverband den Arbeitsnachweis so Hand- haben werde, wie et nach den Satzungen vorgesehen fet Die paritätischen Arbeitsnachweise, wie sie die Arbeiter forderten, würden in der Hand der Sozialdemokratie ein Mittel zur Boykottierung der Arbeitgeber sein.
Abg. Leineri (Soz.): Das Bestreben der Arbeitgeber geht darauf hinaus, die Arbeiterorganisationen auf Jahre hinaus lahm zu legen. Der Arbeitsnachweis mit Perfonalkarten stellt eine geheime Polizei des Zechenverbandes dar. Bon gleichem Recht für Unternehmer und Arbeiter kann keine Rede sein. Im weitere« greift Redner in heftigen Wendungen den Minister an und wirft ihm vor, daß er endweder ein harmloser Mensch oder ein Scharfmacher sei. Wenn ein Streik im Ruhrrevier kommt, und er wird kommen, dann sind die Zechenverwaltungen die einzig Schuldigen.
Handelsminister Sydow weist die vom Vorredner gegen ihn persönlich gerichteten Angriffe zurück.
Abg. Jmbnsch (Zentr.): Es wird mir eben mitge- teilt, daß die Rettungsarbeiten auf der Zeche Holland von Erfolg gekrönt sind. Den Arbeitern, welche sich in so aufopferungsfreudiger Weise an den Rettungsarbeiten beteiligt haben, möchte ich im Namen meiner Partei danken, (Zuruf im Namen des Hauses!) und ebenso möchte ich im Namen des Hauses den Arbeitern, die so viele Stunden in dunkler Nacht verweilen mußten, unser Mitgefühl aussprechen. kBravo!) Heber die Ausführungen des Ministers bin ich nicht der Ansicht des sozialdemokratischen Redners. (Bravo!) Zwar bin ich nicht mit allen feinen 'Ausführungen einverstanden, aber manches muß ich als richtig anerkennen, besonders den Grundsatz, daß die Nachweise nur dazu dienen dürfen, die Arbeitsgelegenheiten und Arbeitskräfte zu vermitteln. Wenn man sich daran hält, wird sicher das Mißtrauen schwinden. Ich erkenne ferner an, daß der Minister versprochen hat, den Arbeitsnachweise« feine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß Die Zechen- besißer nicht im vollen Umfange ihr Wort hielten. Wenn der Aba. Hirsch über den Ton in der Ardeiter- preffe geklagt hat, so möchte ich ihm erwidern, daß der Ton der christlichen Arbeiterpreffe nicht schlechter ist als in der Presse der Arbeitgeber. (Sehr richtig! im Zentrums Redner verweist dabei auf die Behandlung, die die letzte Berggesetznovelle in der Unternehmer« presse erfahre« habe. Die Arbeitgeber sollten endlich einmal einsehen, daß Vie christlichen Gewerkschaften ihnen nicht seindlich gegenüberstehen. Die christlichen Gewersschaften find vollständig selbständig, und das Zentrum hat noch nie versucht, wie behaupt wird, sich derselben zu brmächtigen. (Beifall im Zentrum, Lachen links.) Zum Schluß gestatte auch ich mir, an Die Zechenverwaltung die Bitte zu richten, den Zwangs- arbettsnachlveis in loyaler Weise zu handhaben und zu ihrem Teile zur Erhaltung des Friedens im Wirtschaftsleben deizuttagen. (Lebh. Beifall im Zentrum.)
Abg. Dr. Beumer (natt) meint, der Ruf nach paritätischen Arbeitsnachweisen sei bezeichnend. Früher, wo die gewerkschaftlichen Arbeitsnachweise allein in Tätigkeit waren, war alles in schönster Ordnung; aber jetzt, wo die Arbeitgeber dasselbe tun, rufe man um Regierungshilfe.
Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen.
Montag: Stadterweiterungen (Darunter Essen, Köln), Lanbwirischaftsetat.
er Zum kirchenpolitischen Konflikt in -en Reichslanden
nimmt in der ,Weser-Ztg/ der frühere national« soziale, jetzt linksliberale Landgerichtsrat Ku le
rn ann das Wort. Er setzt in seiner Betrachtung über den Konflikt auseinander,
daß die Anschauung, die von der Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen LehrervereinS vertreten wird, zu der Richtung, die in der katholischen Kirche herrsche, im Gegensatz stehe. Deshalb seien die Bischöfe von ihrem Standpunkte aus berechtigt gewesen, vor dem Eintritte zu warnen. Die Bischöfe würden ihre Befugnisse Übertritten haben, wenn sie stch an die Lehrerschaft in ihrer Gesamtheit oder an ihre Hauptgruppen gewandt hätten. Das hätten sie aber nicht getan, sonvern sie-hätten ihre Mahnung nur an die Lehrer gerichtet, die als Katholiken, also auf Grund eines rein persönlichen Momentes, zu ihnen in Beziehung gestanden hätten. Die Bischöfe hätten sich auch durchaus nicht in die staatlichen Aufgaben der Lehrer gemischt. Ihre Mahnung habe'sich nicht im mindesten auf die dienstliche Tätigkeit der Lehrer, sondern nur auf ihre privaten Angelegenheiten bezogen. Sie hätten ferner keine Weisung an die Lehrer erlassen, sondern nur eine Mahnung ausgesprochen. Strafen oder fonftige Zwangsmaßregeln feien von ihnen für den Fall etwaiger Nichtdefolgung der Mahnung nicht angedroht worden. Der Staatssekretär habe in seinem Briefe selbst das Recht der Lehrer anerkannt, sich außerhalb des Amtes frei innerhalb der Schranken des Gesetzes zu bewegen. Damit habe er selbst erklärt, daß derartige Angelegenheiten außerhalb des staat- lichen Bereiches liegen. Es sei ein offener Widerspruch, eine Tätigkeit der Bischöfe, die sich auf dieses nichtstaatliche Gebiet beziehe, als einen Eingriff in staatliche Befugnisse zu bezeichnen. Wenn die Bischöfe die Lehrer ermahnt hätten, dem Allgemeinen Deutschen Lehrerverein nicht beizutreten, so seien sie damit den staatsbürgerlichen Rechtest der Lehrer, aber nicht den Rechten des Staates zu nahe getreten. Land- gerichlsrat Kulemann schließt feine Darlegungen mit Vern Satze, daß das Borgehen der staatlichen Organe nach keiner Richtung hin rechtlich h a l1 b ar und darum zu bedauern sei.
Was Herr Kulemann sagt, ist in der Zen- trumspreffe auch schon ausgeführt worden. Aber für die andersgläubigen Mitbürger wird die richtige Erkenntnis der Sachlage und der Rechtslage gewiß erleichtert, wenn ein Mann, der als Protestant und Liberaler über den Verdacht des „Klerikalismus' ergaben ist, ihnen klar legt, worauf es hier ankommt.
Das Zeugnis dieses Unparteiischen ist uns besonders erwünscht bei der gegenwärtigen Taktik unserer Gegner, mit heftigen und hartnäckig wiederholten Anschuldigungen den Schein zu erwecken, als sei von katholischer Teste aus der Friede gestört worden. So hat man auch aus dem einfachen Wunsche des Abg. Herold nach Freiheit der Kirche eine „Kampf» rede" und einen „Vorstoß zur Erlangung der.Herr- fd)aft* zu machen gesucht. I« dem elsaß-lothringischen Konflikt zeigt es sich für jeden unbefangenen Prüfer der Akten ganz klar, daß die Agitatoren des Allgemeinen Lehrervereins und die ihnen allzu gefügigen Staatsorgane aus der einfachen Pflichterfüllung, die den Oberhirten aufgenötigt war, ei ien Konflikt veranlaßt haben. Zugleich kann jeder erkennen, daß man hier die Kirche in ihrem innersten Wesen, in dem Lebensnerv der Seelsorge, anzugreifen gewagt hat.
Es handelt sich in der Tat um Sein oder Nichtsein des kirchlichen Hirtenamtes.
Deutsches Reich.
* Berlin, 23. Ian. 1910. Die Kaisermanöver werden vom 8. September ab in den Gelände« zwischen der Weichsel und der Paffarge abgehalten werden. Am 27. August wird die Kaiserparade des westpreußischen Korps tn Danzig stattfinden. — Entwürfe über eine neue Gebührenordnung für Notare und Novellen, enthaltend die geschlichen Vorschriften über die Gebühren der Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher sind dem Abgeordnetenhause zugegangen. Die Entwürfe find Folgeerscheinungen des neuen Gerichtskostengesetzes. —
Schattenblume.
84] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
„Ihr könnt dann in Eurem lieben, alten Haus bleiben so lange Ihr lebt", fithr Viktor Bolz fort, „und Eure Enkelin kann Euch pflegen, an sie müßt Ihr doch auch ein wenig denken. Und das alles könnt Ihr so leicht haben, Ihr dürst nur wollet,. Run — wie ist's, — hier meine Hand, — schlagt ein, Müller, besinnt Euch nicht lange, tut mir den Gefallen!'
Das Haupt des alten Mannes war auf die Brust gesunken, zwei schwere Tränen rollten über seine Wan- , ßen herab. Auch Rosel trocknete sich mit dem Schürzenzipfel die Augen.
Vittor wußte, daß er gewonnen hatte.
„Wenn einer so redet, dann kann man gar nicht anders als „ja" sagen', meinte der Müller und schlug kräftig in die bargebotene Hand ein. „Ja, wenn olle Menschen so waren, wie Sie, dann gäbe es in der Welt ein gut Teil Jammer weniger. Mir fällt eine große Last vom Herzen und heute Nacht werde ich nach langer Zeit zum erstenmal wieder ruhig schlafen können. O Gott, wird das eine Wohltat für mich sein!'
„Na seht Ihr,' rief Mttor freudig, „es ist gar nicht schwer, ich wußte eS doch, daß wir uns verstehen j würden! Uebrigens, — ich war Euch niemals gram, denn ich begriff Euren Haß, ich weiß ja, waS Ihr an Eurem Kinde verloren habt, die Rosel hat mir alles genau erzählt! Es war ein harter Schlag!'
Der Müller seufzte schwer.
,2Benn Sie meine Trudel gekannt hätten,' meinte ,er wehmütig, „sie war so ein liebes, fröhliches Kind, jeder, der sie kannte, hatte sie lieb, — bann würben Sie es begreifen, daß ich sie mein lebenlang nicht ver- geffen kann! önb so elenb mußte sie umkommen, weil sie von jenem — jenem Schurken nicht lassen konnte! Wenn ich chn erwischt hätte, — bamalS. al» ba8 Un- ! glück geschah, — mit blefen meinen Händen hätte ich !chn erwürgt! ES war gut, daß er mir überall auS ! dem Wege ging, — heute bin ich froh darüber, — denn sonst wäre ja das Elend noch größer geworden. Aber
damals, wenn er mir in den Weg gelaufen wäre, ich hätte fein Leben wahrhaftig nicht geschont!"
Der Müller wurde sehr gesprächig, er merkte gar nicht. Wie die Zeit verrann.
Rosel War heimlich hinausgeschlichen und hatte Gerda von dem Ergebnis der Unterredung in Kenntnis gesetzt, indem sie ihr Wörtlich alles wiederholte, was Vittor gesagt hatte. Die Alte ftimmte dabei ein begeistertes Loblied über den Retter in der Rot an; dann verschwand sie in der Küche, um einen kleinen Imbiß herzurichten.
Vittor nahm die Einladung, zum Abendessen zu bleiben, mit Freuden an. Er schien gar nicht an das Fortgehen zu denken. Gerda deckte den Tisch, sie richtete alles recht zierlich her, aber fie war so still und ernst dabei und beteiligte sich mit keinem Wort an der Unterhaltung. Sie sah blaß aus und hielt die Augen gesenkt.
Vittor tat e» nicht anders, Rosel mußte sich mit zu Tische setzen, obwohl sie sich dagegen fträubte, indem sie behauptete, das schicke sich nicht. Doch als auch der Müller zuredete, gab sie nach.
So saßen sie alle vier bei dem einfachen Mahl, daL nur aus Schinken, gekochten Eiern, Butter und Schwarzbrot bestand, aber Vittor meinte lachend, so gut habe eS ihm in seinem Leben noch nicht geschmeckt. Er wußte so viel zu erzählm von seiner Arbeit, seinen Erfolgen und der Müller würbe nicht mübe ihm zuzuhören. Als Viktor dann endlich gegangen war und der alte Müller seine Stube ausgesucht hatte, um sich bet langentbehrien Ruhe hinzu- geben, saß Gerda unter der Linde vor dem Hause neben Rosel und berichtete der treuen Alten von Egon HelldorffS Verrat Es war ein wunderbarer Sommerabend. Die Linde blühte, die Lust war erfüttt von dem süßen, berauschenden Dust, im Gebüsch unten am Bach fang eine Nachtigall. Der Mond stand am Himmel, alle« atmete Ruhe und Frieden, nur in dem Herzen bef jungen Mädchens wollte eS nicht M werden.
Rosel suchte ihven Schützling z« beruhigen, so gut fie t9 vermochte, aber Gerda hörte kaum hin. Ihr ganzes Sinne« und Trachten ging dahin, Rache zu
nehmen an demjenigen, der sie heuchlerisch umgarnt und schmählich betrogen hatte.
Rosel hörte bangen Herzens zu.
„Kind, Kind,' mahnte sie besorgt, „vergiß, WaS geschehen ist. Mit Racheplänen mußt Du Dich nicht abgeben, was willst Du denn eigentlich tun?'
„Das weiß ich noch nicht, — aber ich Werbe schon etwas finden!"
Rosel seufzte tief auf. Die Sorge um den Müller war nun von ihr genommen, aber eine andere legte sich ihr beklemmend auf das Herz: Gerdas Wesen, ihr Aussehen, ihr finsteres Gesicht, all das wollte der guten Alten nicht gefallen. Und e3 hätte jetzt alles gut werden können, wenn Gerda nur gewollt hätte. Denn, daß Viktor Bolz in das Mädchen verliebt war, mußte ja ein Blinder merken. Rosel wußte das schon in der ersten halben Stunde, daß Vittor nut um Gerdas willen eine Aussöhnung mit dem Müller gesucht hatte. Und etwas Besseres konnte man dem Mädchen gar nicht wünschen, als daß cS einen Mann bekam wie Vittor. Rosel nahm sich vor. das dem Kinde klar zu machen. Das wäre ja ein riesiges Glück für so ein armes Mädchen. Einen solchen Antrag durste man nicht von der Hand weisen.
IX.
Von jenem Tag an war Viktor Bolz häufiger Gast auf der MüUe. Der alte Müller hatte sich so rasch an den liebenswürdigen Gesellschafter gewöhnt, daß ihm fast etwas fehlte, wenn Vittor ausblieb. Diese Besuche konnten natürlich kein Geheimnis bleiben unb in der Umgegend sprach man bereits von einer bevorstehenden Verlobung des reichen Fabrikbesitzers mit der Enkelin des MullerS. Die Sache wurde überall eingehend besprocken, zumal Egon bafüt gesorgt hatte, daß es bekannt wurde, daß Gerda Werst ein Liebesverhältnis mit ihm selbst gehabt, ihm aber um des reichen FreierS willen den Laufpaß gegeben hätte. Er beteuerte, daß er daS Mädchen sehr geliebt unb daß die Untreue bäfelben ihn sehr unglücklich mache. St erzählte auch jedem, der eS hören wollte, daß Dikwr be» abfichttgt habe, Ada zu heiraten, doch Gerda habe es verstanden, Ada zu verdrängen und ihre eigene Person in bat Vordergrund zu stell«. Ada könne das
Wie ein Berliner Mittagsblatt erfahren haben will, ist die Verleihung deS Abels an den Staatssekretär deS KolonialamteS Derndurg m kürzester Zett zu erwarten. (?)
)( Das Kapitel Majestätsbeleidigungen hat infolge der neuen Novelle zum Strafgesetzbuchs eine erhebliche Besserung erfahren. Die Zahl der Verurteilung von 400 im Jahre 1899 ist auf 120 im Jahre 1907 zurückgegangen unb 1908 sind nur noch 39 Majestätsbeleidigungen zur Ab« urieilung gekommen.
* Die erste Neuerung der künftigen Offizierbekleidung soll nach einer Korrespondenz am 27. Januar, als am Geburtstag des Kaisers, bekannt gegeben werden. Es soll an diesem Tage die Einführung der grauen Reithose für die Offiziere befohlen werden.
Die Hose wird aus dem gleichen Stoff wie der künftige Feldrock hetgesiellt fein. Bisher tragen die Offizier« der Fußtruppen eine schwarze Stiefel- bejw. Reithose mit roter Biese, die Offiziere der berittenen Truppen eine blaue Reithose ohne Biese. Das neue feldmäßige Bekleidungsstück wird voraussichtlich für die Offiziere der Fußtruppen wieder mit der historischen roten Biese als Abzeichen versehen sein, während diese bet den Offizieren der Kavallerie, Feldartillerie und des Trains fehlen wird.
Der Einführung der feldgrauen Reithose wird dann sehr bald diejenige des feldgrauen einreihigen Waffenrockes folgen. Die jetzige ihrer Hellen Farbe wegen sehr unpraktische Litewka soll nach Einführung des Feldrockes abgeschafft werden und das neue feldmüßige Bekleidungsstück bei allen Gelegenheiten getragen werben dürfen, bei welchen bisher die Lttewka vorgeschrieben oder erlaubt war. Der Ueberrock und der bisherige Waffenrock, sowie die dazu gehörigen schwarzen langen Beinkleider und schwarzen bezw. blauen Reit- und Stiefelhosen werden beibehalten und zum kleinen Dienst, zu Paraden, Gesellschaften und auf der Straße weiter getragen. ,
* Znm Kampf um die Verfassung i« Mecklenburg meldet die in Schwerin erscheinende „Mecklenburger Warte', in Güstrow hätten Verhandlungen zwischen den führenden Mitgliedern der ritterschast« lichen Majorität und der landschaftlichen Majorität stattgefunden, um der Regierung neue Vorschläge in der Verfaffungsangelegenheit zu unterbreiten.
Zur Reichstagsersatzwahl in Eisenach- Dermbach.
)"( Geisa, 23. Jan. 1910. Der Tag der Reichstagsersatzwahl rückt näher heran. Die Gemüter werden erregter. Die Geister platzen heftiger aufeinander. Besonders die vereinigten liberalen Parteien und die vereinigten nationalen Parteien werben um die Stimmen der hiesigen Bevölkerung. Die Sozialdemokratie scheint mit Grund anzunehmen, daß eine Agitation unter der zentrumstteuen Nachbarschaft des Geisaer Landes keinen Erfolg hat. Gestern abend hielt die Partei der vereinigten Liberalen em« zweite Wahlversammlung hier ab, zu der der Kandidat, Herr Justizrat Appelius-Eisenach, selbst erschienen war. Ruhig und sachlich, ohne jede Leidenschaftlichkeit legte der Redner das Programm seiner Partei den Wählern vor. Natürlicherweise bildete die Reichsfinanzreforrtt einen wichtigen Gegenstand seiner Rede. Er stellte sie von seinem Standpunkt als verfehlt bar. Die Schuld trügen die konservativen Parteien und die wirtschaftliche Vereinigung. Er erörterte fodann seine Stellung zu den anderen Parteien, zu den Konservativen, zu den Links-
nicht länger mehr ertragen, sie beabsichtige ba$ Haus ihres Vetters zu verlassen unb nach Berlin zu einer entfernten Verwandten überzustebeln. Sie sei ebenfalls burch (Serba höchst unglücklich geworben. Da (Serba mit niemanbem verkehrte, so konnte sie natürlich nicht wissen, was man über sie sprach, nur wunderte fie sich im Süllen, wenn sie gelegentlich im Dorf oder im nahen Städtchen etwas besorgte, und ihr zufällig die Arbeiter der Fabrik, Arbeiismädchen ober Bauern, bie sie kannte, begegneten, baß man enfweber nur widerwillig ober gar nicht ihren freundlichen Gruß erwiderte, ja sie dreist anschaute ober gar ein halblautes Schimpfwort nachsandtc.
Egon tat, was er konnte, Gerba zu verleumben, denn er haßte sie jetzt glühend. War sie doch allein schuld daran, daß Else Kramer nichts mehr von ihm Wissen Wollte, baß bie reiche Erbin, bie er schon so sicher zu besitzen Wähnte unb bereu Verntögm er so notwenbig brauchte, allen seinen stürmischen Liebes- Werbungen ein entschiebenes „nein* entgegensetzte, daß sie alle seine Briefe uneröffnet zurücksandte. Für ihn wurde die Lage beinahe unhaltbar, er dachte bereits daran, sich seinen Gläubigern durch die Flucht zu entziehen, — aber er fürchtete sich auch davor, den« wo in aller Welt sollte eS ihm möglich fein, ein Leben z« führen, wie er es gewohnt war? Der Arbeit ging er stets scheu aus dem Wege, dennoch gewährte ihm Viktor die Mttel, ein anständiges Leben führen zu können. Egon wußte daS wohl, er durfte also nicht von dem Posten weichen, nur wußte er vorläufig noch nicht, wie er sein« Gläubiger vertrösten sollte. Er War ja beständig auf der Suche nach einer reichen Fra«, über eS war durchaus nicht leicht, eine folche zu finden, und auf eine Sinnesänderung bei Else wagte er nicht mehr zu hoffen, berat bie junge Dame war, um sich feinen Nachstellungen zu entziehen, mit ihrer Muitcr in ein Seebab gereist und würde, wie es hieß, bat ganze« Sommer über fortbleiben So lange konnte Ego« nicht warten, berat bie Gläubiger brängten. Alk feine schönen Pläne waren wie Spreu im Winde verweht unb an allem war nur biese Gerda schuld, bU nun Bitter immer tiefer in ihre Netze „zag',
(Sortfefeuna folaP