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37. Jahrgang

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Zweites Wtcrtt

direkten und geheimen Wahlrecht, als in die Landtags- Wahl mit ihrer abgestnsten, indirekten und öffentlichen Stimmabgabe. Die Voraussetzung ist aber das Vor­handensein von Wahlkreisen fürmehrere Mandate. Wollte man den Proporz allgemein für die Reichs­und Staatswahlen einführen, so müßte man die vor­handenen Wahlkreise mit je einem Mandat zusammen­legen. Eine solche Bildung von größeren, stark be­völkerten Wahlkreisen geht wohl an für größere Städte, aber nicht für das Platte Land. Hier würden Wahl­kreise für drei oder noch mehr Abgeordnete eine solche Ausdehnung ersahren, daß die Einwohner das Be­wußtsein der Zusammengehörigkeit nicht mehr haben können. Der „Proporz' drängt zum sog. Listenskru- tinium, das in Frankreich eine so große Rolle in der Agitation spielt. Der Wähler hätte dann nicht mehr einen Vertreter seiner engeren Heimat zu wählen, son­dern über eine ganze Liste von Abgeordneten sür die betreffende Provinz oder wenigstens für den betreffen­den Regierungsbezirk abzustimmen.

Einen so großen Sprung bis zur Listenwahl wird Preußen oder das Reick in absehbarer Zeit gewiß nicht machen Aber es wäre die Frage,ob nicht der Pro­porz für die großstädtischen Bezirke (mit Einfluß der dicht bevölkerten Jnduftriegegenben) eingefühtt wer­den könnte. Die ländlichen Bezirke würden dann ihre gewohnten und naturgemäßen Einzelwahlkreise behal­ten können, und dort würde das Mandat an die Mehr- heitspartei fallen. In den Wahlkreisen mit dichtge­drängter Bevölkerung dagegen könnte man mehrere Mandate nach der verhältnismäßigen Stärke der Par» lesen vetteilen. Hier würde sich der Proporz als ein gerechtes Abwehrmittel gegen den Radikalismus be- ivähren. In Berlin, Hamburg, Bremen usw. kann die Sozialdemokratie die absolute Mehrheit aller Wahlstim- men aufbringen und würde also nach dem alten Sy­steme die sämtlichen Mandate des Stadtbezirks in Beschlag nehmen können. Unter der Proporz-Be­rechnung aber würbe jeder biirgerlichen Partei, die einen entsprechenden Teil der Wahlstimmen ausbringt, eins oder mehrere von den Mandaten zu- fallen.

Der Proporz würde also eine ernste Beachtung ver­dienen, wenn nach dem Wunsche der Liberalen (und auch gewisser Freikonservativen) die Zahl der Man­date für gewisse dickt bevölkerte Wahlkreise vermehrt werben sollte.

Schande. Ein besonders schmählicher Fall wurde aus Auxerre berichtet. Dort hatte General Clerc, Kom­mandeur der 17. Jnfanteriebrigade, Befehl gegeben, daß nicht nur alle Zivilpersonen, die in den Kasernen etwas zu tun haben, sondern auch Militärs andrer Truppenteile und Gendarmen von einem Manne der Kasernenwache ins Innere des Gebäudes zu begleiten seien. Als vor einigen Tagen ein Gendarm in die Kaserne Goure trat, nm sein Gewehr dem Büchsen­macher zur Reparatur zu geben, wurde er infolge­dessen von einem Soldaten geleitet. Dabei stellte es sich heraus, daß dieser Soldat und der Gendarm alte Bekannte waren, denn der Gendarm hatte den Mann, als dieser noch in Zivilkleidern steckte, als gefährlichen Einbrecher verhaftet und nach Nmnmer Sicher ge­bracht. Jetzt waren die Rollen vertauscht. Der Apa­chensoldat geleitete den Hüter der Ordnung. Das war aber nicht ein Spiel des Zufalls. Nein, sämtliche Soldaten der Kasernenwache waren an jenem Tage Apachen bis auf einen, der gerade Posten stand. Es ist aber klar, daß solche „Verfallserscheinungen" Leute mit gesundem Menschenverstand auf den Gedanken bringen, die Entchristlickung Frankreichs könne Ur­sache der Unmoralität fein. In der Kammer hat man diese Ansicht auf konservativer Seite ausgespro­chen mit dein Erfolg, daß die Radikalen jetzt noch eifriger daran gehen, durch die Verweltlichung der Schule Glaube rind Sitte zunichte zu machen.

In Konstantinopel wurde das Parlaments­gebäude ein Raub der Flammen. Die türkische Regie­rung drangt nach wie vor auf eine endgültige Lösung der Kretafrage. Ihr Zwischenfall mit Frankreich über die türkisch-turnesische Grenze ist harmlos ver­laufen. •

Wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 21. Januar 1910.

Der Konflikt in den Reichslanden Hat, soweit die prinzipielle Seite der Frage in Betracht kommt, zu keiner Einigung gesühtt. Regierung und Bischof beharren auf ihrem Standpunkt. Der Statt­halter erklärt in unverblümten Worten, die Regie­rung werde ihren Standpunkt gegebenenfalls mit aller Entschiedenheit vertreten. Trotzdem aber bleibt der Bischof bet seiner Ansicht, daß et durch die Warnung an die katholischen Lehrer, bei der er nur die religiöse Seite der Frage im Auge hatte, die Grenzen feiner Gewalt nicht überschritten habe. Die Volksvertretung wird Klarheit darüber schaffen, ob die Regierung wirklich von Kulturkampfgelüsten erfüllt ist ober ob sie sich nur in eine Sackgasse verrannt hat, aus der sie augenblicklich keinen anderen Ausweg findet.

Der Reichstag hat schon wieder seine Lieb­lingsbeschäftigung aufgenommen,nämlich die mit so­zialpolitischen Fragen. Das bedeutendste in dieser Beziehung waren die Verhandlungen über die vom Zentrum und Nationalliberalen eingebrachten Inter­pellationen über die Pensiorisverstckerung der Privat­beamten. Diese Interpellationen hatten den Zweck, Klärung über die Aussichten der Privatbeamten zu schaffen, und sie haben diesen Zweck auch erfüöt. Lei­der aber ist die Auskunft des Staatssekretärs Dr. Del­brück sehr unerfteulich ausgefallen. Es hätten sich so unüberwindliche technische Schwierigkeiten ergeben, daß an eine baldige Vorlegung einer Privatbeamten­versicherungsordnung nicht zu denken ist. Danach scheint es beinahe, als ob die Regierung die Absicht habe, vor den unüberwindbaren technischen Schwierig­keiten die Segel zu streichen. Kein Mensch wird be­zweifeln, daß in der Tat die Durchführung einer sol­chen Versicherung mit ganz ungewöhnlichen Schwierig­keiten verknüpft ist. Das darf aber doch kein Anlaß fein, eine Ausgabe, die als notwendig erkannt und anerkannt ist, überhaupt fallen zu lassen. Am Mitt­woch gab8 wieder eine Interpellation! Diesmal ging es um das Reichsvereins- und Versammlungsrecht. Von allen Seiten kommen Klagen über das Gesetz, oder wenigstens seine Handhabung, und — Ironie des Schicksals! — der eigentliche Vater des Vereins­gesetzes dieser feinsten gesetzgeberischen Blüte der Blockära, nämlich der Abg. Müller-Meiningen (frs. Vp.) war von seinen politischen Freunden dazu aus- ersehen, den Klagen über das Gesetz Ausdruck zu geben. Natürlich wollte er es durchaus nicht wahr haben, daß das Gesetz eine ganze Reihe von Bestim­mungen enthält, die zu Eingriffen und Mißgriffen der Behörden geradezu anreizen. Nach ihm ist das Gesetz ounderschön- nur seine Handhabung taugt nichts mb an den zahllosen Klagen und Beschwerden, die er in unendlicher Weitschweifigkeit aneinanderreiht, ist lediglich eine „verknöcherte verständnislose Büro­kratie" schuld. Die Besprechung verlies im allgemeinen ziemlich ruhig. Bon allen Seiten hat man zwar Kla­gen vorgebracht, aber man erkennt doch im Großen und Ganzen, wenigstens bei den Zentralbehörden, den guten Willen an. Möchte der Abg. Gröber Recht be­halten, wenn er der Hoffnung Ausdruck gab, daß die alljährliche Behandlung der Materie der Regierung Anlaß geben werde, einmal ernstlich darüber nachzu­denken, wie sie einer falschen Anwendung des Gesetzes wirksam entgegentreten könne.

Im Abgeordnetenhause hat man sich bei bet Etatsberatung lebhaft mit Dingen beschäftigt, die eigentlich in ben Reichstag gehören: nämlich mit ber Reichsfinanzreform. Bei bet großen Bebeutung, die ber Reichsfinanzreform zukommt, unb bei ber gro­ßen Erregung, bie ihretwegen im ßanbe unb unter den Parteien entftanben ist, ist es nicht verwunberlich, daß die große Angelegenheit auch im Abgeordneten-

X Der „Provorz".

Ueber bie Reform des preußischen Landtagswahl­rechts ist in den letzten Wochen ungeheuer viel geschrie­ben worden. Wer das alles gelesen hat, wirb bas bekannte Mühlrad im Kopfe spüren.

Die Erörterung macht den Eindruck ber Zerfah­renheit unb Unscklüstigkeit. Ein klares unb bestimm­tes Ziel haben nur diejenigen, die einfach das Reichs­tagswahlrecht auf Preußen übertragen wollen; doch gehen diese Parteien wiederum auseinander in der Frage der Neueinteilung ber Wahlkreise. In ben an­dern Parteien sind die Ansichten und Absichten über die Form und das Maß der Abänderung des Wahl- verfchrens außerordentlich verschieden.

Unter den mannigfachen Vorschlägen, die in der Presse aufgetaucht find, hat der von Prof. Laband etwas bestechendes: er will die Härten des Mehr­heitsprinzips mildern durch das Proportional­wahlsystem. Bisher entscheidet, sowohl bei der Reichs- als bei den preußischen Staats- unb Kom­munalwahlen, bie absolute Mehrheit ber abgegebenen gültigen Stimmen, unb zwar beseht diese Mehrheit alle Mandate, die bei dem Wahlakte zu vergeben sind. Bei den Wahlen zmn Reichstage haben wir nur Wahlkreise für je einen Abgeordneten; die Aus­schaltung ber Minderheit fällt also dort weniger aus. Aber wenn in größeren Landtagswahlkreisen ober städ­tischen Wahlbezirken mehrere Mandate gleichzeitig zu vergeben sind, so empfindet man es als ein Un­recht, daß eine knappe Mehrheit die ganze Bente da­vonträgt, während die fast ebenso starke Minderheit ganz leer ausgeht. Die „proportionale" Verteilung der Mandate ermöglicht nun eine angemessene Berück­sichtigung auch dersenigen Parteien, die wohl eine be­trächtliche Stimmenzahl aufbringen, aber nicht die ab­solute Mehrheit erreichen können. Sind z. B. drei Mandate zu vergeben, so kann die Partei, die ein Drit­tel ber abgegebenen Stimmen aufbringt, auf ein Man­dat rechnen.

Der „Proporz", d. h. die Verteilung der Mandate nach ber verhältnismäßigen Stärke ber Parteien, läßt sich in jedes Wahlsystem einstigen, so­wohl in die Reichstagswahl mit ihrem gleichen, in-

Fulda, Samstag den 22. Januar 1910

Hause gestreift wurde. Dabei wurden von Seiten der Linken sehr abfällige Kritiken über das Werk vor­gebracht, bie von Seiten bet positiven Parteien natür­lich nicht unbeantwortet bleiben können. Dieser Auf­gabe, das große Werk ber Reichsfinanzreform noch ein­mal in großen Zügen zu schildern, unb seine Berech­tigung im einzelnen nachzuweisen, unterzog sich mit ebensoviel Geschick als Erfolg ber Abg. Herold. Wie ber Reichstag schon in voriger Woche, hatte jetzt auch das Abgeordnetenhaus eine K at t o w i tz-D e b atle. Diesmal war auch ber Ministerpräsident aus der Wolke herausgetreten, in bie er sich bisher verhüllt hatte. Der Ministerpräsibent und nach ihm ber Kul­tusminister sagten mit anberen Worten dasselbe, was Herr Delbrück und Herr Krücke ausgeführt hatten. Die Tiraden über bie polnische Gefahr wiederholte ber Ministerpräsibent, während Herr v. Trott zu Solz nachzuweisen suchte, daß die polnischen Kandidaten bei ber Stabtverorbnetenwahl in Kattowitz Großpolen gewesen flnb. Wie wenig bie Regierung die Verfas­sungsmäßigkeit ihres Vorgehens nachweisen konnte, ergibt sich aus ber Rede eines so unbebingten An­hängers ber preußischen Polenpolitik, wie es ber nationalliberale Abg. Schiffet ist. Er drückte sich sehr höflich aus, als er sagte, daß ihm die feine Unter­scheidung des Ministerpräsidenten zwischen der Straf­versetzung unb ber Versetzung im Interesse des'Dien­stes im vorliegenden Falle nicht ganz einleuchten wolle. DeutlicherMsgedriickt heißt bas, baß bie feine Unterscheidung ber Regierung Spiegelfechterei ist. Abg. Schiffer verlangte, die Regierung solle, wenn sie schon einmal nach den eigenen Worten des Staatssekre­tärs Delbrück von dem Bismarckschen Erlasse über das Wahlrecht ber Beamten abgegangen sei, einen neuen Erlaß hinausgeben. Die Beamten werden bann doch endlich wissen, daß sie in allem einfach ber Macht zu gehorchen haben, unb daß für sie die den anderen Staatsbürgern durch die Verfassung gewährleistete Freiheit ber Stimmenabgabe nicht existiert. Jeder Beamte wirb bann auch wissen, daß er ängstlich aus- zuschauen hat, wie gerade in den oberen Regionen ber Wind geht. Das ist zwar eines Verfassungsstaates unwürdig, paßt aber durchaus in das herrschende System.

In England fanden während der Berichts­woche die Wahlkämpfe statt, deren Ausfall die europäische Politik der nächsten Zeit maßgebend be­einflussen wird. Liberale und Konservative, Frei­händler und Schutzzöllner scheinen nach den bisherigen Wahlergebnissen in fast gleicher Stärke in das neue Parlament einzuziehen. Das läßt vermuten, daß das englische Volk noch nicht zur rechten Klarheit und Entschiedenheit gelangt ist. Der sogen. Volkswille schwankt noch. Die politischen Nachwirkungen dieser Unentschiedenheiten werden voraussichtlich darin be­stehen, daß bie liberale Regierung ihren Sturmlaus gegen bas Oberhaus aufgeben muß, während bie kon- fervatio-unionistischen Politiker sich bestreben werden, möglichst bald einen neuen Konflikt unb eine aber­malige Wahl herbeizufuhren, um bann ben jetzigen halben Erfolg zum ganzen zu machen. Englanb konmtt also vermutlich aus ber innerpolitischen Un­sicherheit so halb noch nicht heraus, beider darf man daraus nicht bie Hoffnung auf eine Beschränkung ber Rüstungen herleitcn. Denn die Liberalen, die sich jetzt in bie Verieibigungsstellung gedrängt sehen, werden fortan erst recht alles aufbieten, um mit ben Unionisten in „Patriotismus" unb „Opferwillig­keit" zu rivalisieren. Aus Rücksicht auf die chauvi­nistischen unb bie furchtsamen Wähler wirb man sich in Flotteneifer gegenseitig zu überbieten suchen.

In Ungarn hat bas Ministerium Khuen - Hebervarh bie Leitung der Staatsgeschäfte ange­treten. Er wirb im ßanbe ber Stephanskrone nun halb zu wichtigen Entscheidungen kommen.

Die Franzosen werben durch immer neue Schreckenstaten ber „Apachen" beunruhigt. Auch im französischen Heer haben sich diese Verbrecher ein ge­nistet und machen ber granbtz armee Schande über

Deutsches Reich.

* Der frühere Oberbürgermeister von Pose«, Geh. Regierungsrat Witt in g, schreibt in der »Kreuz« Zeitung" zur Ostmarkenfrage u. a.:

Die wirtschaftliche und kulturelle Hebung deß Ostens soll nur die Abwanderung deutscher Elemente verhüten, und getragen werden muß meiner Meinung nach die gesamte Ostmarkenpolitik von dem Bestreben, sich jeden Eingriffs in das religiöse Be­kenntnis und die Sprache der Polen zu ent* halten.

Also mit dem landläufigen Hakatismus stimmt Herr Mitling auch nicht überein.

* Tas wahre Gesicht ber „freien" Gewerkschaften. Die ,Metallarbeiterzeitung', das Organ des „freien" (sozialdemokratischen) Metallarbeiter * Verbandes, schreibt in Nr. 49:

Wir haben keinen Grund, zu verheimlichen, daß unsere Gewerkschaften zum größten Teile aus So- zialdemokraien bestehen und deshalb auch die Tätigkeit unserer Gewerkschaften sich im s o z i a l d e m o • kratischen Geiste vollzieht. Wir machen gar kem Hehl daraus, daß unsere Gewerkschaften von Anfang an mit der Sozialdemokratie eng verbunden waren; wir haben alles Interesse daran, daß die engen Beziehungen von Partei und Gewerkschaft stets erhalten bleiben. .

Den Mut, offen zu bekenuen, daß bie „freien Gewerkschaften sich im sozialdemokratischen Geiste betätigen, wird man bei ben Agitatoren bei „Treten Gewerkschaften vergeblich suchen. Gestänbnisse, wie

Unpolitische Seitlaufe.

(N.) Berlin, 20. Januar 1910.

(Nachdruck verboten.)

Die Prinzessin Klementine von Belgien wirb also doch noch ihre Jugenbliebe heiraten, ehe sie vierzig Jahre alt wirb. Erst ber Tob ihres Vaters, bes Kö­nigs Leopolb, hat i hr bie Heiratsfreiheit gegeben. Leopold II. war als Gatte unb Vater etwas sehr eigenartig, um es möglichst höflich auszubrücken. Er nahm fich selber alle Freiheiten heraus, bie ihm gerabe paßten, aber für andere Leute hatte er keine Spur von Herz, auch für feine nächsten Angehörigen nicht. Mit seinen ältesten Töchtern stand et auf dem schroff­sten Kriegsfuß; feine jüngste Tochter Klementine blieb in feiner Gewalt und fügte sich in die väterlichen Ver­hängnisse soweit, daß ber königshäusliche Friebe nach außen hin gewahrt erschien. Warum eigentlich ber Vater von ihrer Verheiratung mit bem Prinzen Vik­tor Napoleon nichts wissen wollte, ist nicht ganz klar. Man sagt, er habe politische Bedenken gehabt, weil der Prinz Viktor das Haupt bes Hauses Napoleon ist unb von ber bonapartistischen Partei in Frankreich als Thronbewerber betrachtet wirb. Aber Leopold II. war doch sonst nicht so ängstlich gegenüber der Mei­nung ober bem Gerede anderer Leute. Er hätte ja den französischen Republikanern sagen können: „Mich als konstitutionellen König der Belgier geht es gar nichts an, wen meine Tochter heiratet; Belgien wird natürlich seine Haltung gegenüber dem großen ^o^bar Frankreich nicht im mindesten ändern, ebenso- emg wie Dänemark wegen der dortigen Verschwäge- den orleanistischen Thronbewerbern." Es rirfuL ein anderer Grund hinter bem väter- en w!., Spruche gesteckt haben. Aber weshalb sol- k.T den Kopf zerbrechen wegen ber Rätsel, bie gebend Brüssel der Welt ausge-

32,6m5?Lbrei Lesern Anlaß nur darauf hintvei- X t UI w Södern aus dem gewöhnlichen Volke ebenso «raeht, wie bet Prinzessin Klementine.

Ihre Heiratspläne werben von ben Eltern mißbilligt; Weil ber elterliche Segen fehlt, müssen bie Kinder sich zum Verzicht verstehen ober sich auf das Abwarten verlegen. Das Warten kann manchmal sehr lange bauern. Wenn das Hindernis fortfällt, ist es nicht selten bereits zu spat. Entweder hat ber' eine Teil inzwischen bie Geduld verloren unb sich eines anbern besonnen, ober es haben sich bie Alters-, Gesundheits­oder Wirtschaftsverhältnisse derartig verschoben, daß der einst geplante Bund nicht mehr möglich ist. Von einem derartigen Bankerott der Jugendliebe kann sich ber männliche Teil noch eher erholen als ber weibliche Teil. Mr das Mädchen wird aufgeschoben leicht zu aufgehoben. Schon manche ist sitzen geblieben ihr Lebe­lang, weil bie (Eltern gegen ben ersten unb letzten Be­werber Einspruch erhoben.

Ein verfehltes Leben, sagen bie Leute. Wer hat bie Schuld? Es wäre ja ganz töricht, die Eltern ohne weiteres zu verdammen. Erst müßte doch untersucht werden, ob sie nicht bei ihrem Widerspruch vernünftig und recht gehandelt haben. Vielleicht wäre das Kind noch viel unglücklicher geworden, wenn es damals sei­nen Willen bekommen hätte. Und dann würde das Unglück nicht auf eine Person beschränkt geblieben sein, sondern es hätte den Mann und die Nachkommenschaft ntit betroffen. Es ist gut unb heilsam, daß bie Eltern ein entscheidenbes Wort mitzusprechen haben. Denn erstens bars man annehmen, daß bie Eltern burch län- gere Erfahrung sich eine größere Portion Menschen­kenntnis u. Lebensweisheit erworben haben, unb zwei­tens muß man bebenken, baß bie Siebe leicht blinb macht. Die sog. Siebe muß aus bem Prüfstein der Ver­nunft bestehen

In diesem Puntte bat nun der übliche Ausdruck „Vernunstheirat" eine gewisse Verwirrung angerich­tet. Als „Vernunftheirat" bezeichnet man gewöhnlich solche Bündnisse, hinter denen keine herzliche Zunei­gung steckt, sondern kalte Berechnung des wirtschaft­lichen ober sozialen Vorteils. Wenn Habgier ober Eitelkeit Leute zufammenfühcen, die nicht zueinander passen, so ist diese «sogenannte Vernunstheirat ein sehr unvernünftiges Ding Aber die gelegenlliche Austval- lung des Geschlechtstriebes kann auch Leute zusam-

mensühren, bie auf bie Dauer nicht zu einander passen, unb wir sehen es ja tagtäglich, daß eine im Schimmer der Romantik begründete sogenannte Liebesehe ver­zweifelt unglücklich verläuft. Die Ueberspannung und Einseitigkeit führt zu unvernünftigen Entschlüssen Soll ber Ehebunb eine vernünftige Grundlage haben, so müssen a II e Seiten des künftigen Zusammenlebens vorher geprüft, alle Grundlagen eines gedeihlichen Familienlebens besorgt werden. Der Einklang der Seelen ist der erste, aber nicht der einzige Puntt. Die G e s u n d h ei t bildet auch ein sehr we­sentliches Erfordernis, und über diese hochwichtige Ge­sundheitsfrage können in ber Regel bie Eltern ein sichereres Urteil sich bifben, als die unerfahrenen unb hoffnungsseligen Kinder. Das wirtschaftliche Fortkommen bildet den dritten Kernpunkt, unb wenn die leichtfertige Jugend sich an Schillers Aus-

grunb schieben wollen. Letztere phantasieren viel von bem Recht ber „Persönlichkeit", bie sich ausleben soll. Die Ehe ist aber nicht bloß für die beiden Persönlich­keiten da, die sich verbinden, sondern auch für die Kinder, die aus dieser Verbindung hervorgehen sol­len. Deshalb ist die Frage nicht zu umgehen, ob denn das Brautpaar auch imstande ist, zu einem ge­deihlichen Nachwuchs des Menschengeschlechts niitzu- wirken.

Die Sache ist wirklich nicht so einfach, daß sie burch die bloße Willensregung ber grünen Jugend kurzer Hand entschieden werden könnte. Vor allem sind die Eltern berufen und berechtigt, ihren Rat unb ihre Willensmeinung mit in die Wagschale zu werfen. Die Voraussetzung ist freilich, daß die Eltern vernünf­tiger flnb, als die Kinder, und ihren Einfluß nur nach sorgfältiger Prüfung mit gutem Gewissen geltend machen.

Je größer die Macht, desto größer die Verantwort­lichkeit Die (fitem können über den zukünftigen Le- benSgang der Kinder entscheiden; sie haben in ihrer

Eltern dürfen nicht ihr Behagen ober ihren Vorteil im Auge haben. Ja, wenn das Kind in einer groß­mütigen Wallung ihnen das Lebensglnck zum Opfer bringen will, so müssen sie ablehnen und sagen: „Sieh mal, mein Kind, cs ist sehr schön von dir, daß du ben Rest unseres Lebens uns recht behaglich machen willst. '21 bet Wenn du für die tiaar Jahre, die du uns noch leglückst, dein ganzes künftiges Leben in die Schanze schlagen mußt, so fit das ein schlechtes Geschäft Und uns würde es in ber Tobesfiunbe schwer aufstoßen, dich einsam und unversorgt zurücklassen zu müssen. Rein, du mußt rechtzeitig zugreifen, wenn du dir eine befriedigende Lebensstellung verschaffen kannst. Wer weiß, ob diese Gelegenheit wieder kommt! Wir wer­ben uns schon behelfen unb in bem Bewußtsein trösten,

Hanb bie heiteren unb bie schwarzen Lose, das Gluck und das Unglück ihrer Kinder; nicht selten wird mtt dem irdischen Geschick auch das Schicksal für die Ewig­keit entscheidend beeinflußt. Wehe den Eltem, die aus Laune ober Selbstsucht ihren Sptößlingen das Leben

verderben!

Zunächst müssen bie Eltem den Eigennutz beifette schieben. Der Heiratsplan kann ja unter Umftänben ben Eltem sehr unbequem fein. Das bisherige Zu­sammenleben unb Zusammenarbeiten Wird gestört; ba3 Ausscheiben des Kindes ans der angestammten Fa­milie beeinträchtigt die Behaglichkeit, vielleicht auch ben Erwerb. Der Vater ober die Mutter wollen nicht gern allein sein. Es wird ihnen bei dem vorgerückten Miet vielleicht sehr schwer, die eintretende Lücke zu stillen. Sie meinen, das Kind könne doch wohl bis zu ihrem Ende bei ihnen aushalten, zum Heiraten käme es doch immer noch früh genug, vielleicht würde sich bann noch eine bessere Partie finden usw. Das ist

daß du geborgen bist."

Der Eigennutz zeigt sich in der häßlichsten Form, wenn die Eltem die Geldfrage zum Angelpuntt ma­chen. Es soll durchaus eine reiche Partie fein, damit die Habgier ber Eltem befriedigt werde. Das ist ge­wissenlos unb zugleich unvernünftig im höchsten Grade. Denn die Geldheiraten führen oft zum ärgsten Unglück, unb wenn man einen Bewerber mit bescheidenen Mit­

spruch von der „kleinsten Hütte" hält, so machen bie

Eltern mit Recht geltend, daß der Hunger die Liebe vuun »uiy mit vtntit i““« “i,v. *'*

und die Rot den häuslichen Frieden gefährdet. End-' Eigennutz, — trotz aller Bemäntelungsversuche^ Die sich ist noch ein Gesichtspunkt zu beachten, den die mo- demen Stürmer unb Dränger gern in ben Hinter-