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37. Jahrgang
Fulda, Freitag den 21. Januar 1910
16
Zweites Wtatt
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genbe Lösung gefunden hat.
und erklärte, daß ihr daS Zentrum weit näher stehe als der Liberalismus und die Sozialdemokratie.
im vorigen Jahre auf den Erben überging, weigerte sich Herr v. d. Malsburg, die Zahlung zu leisten. Die Gemeinde hat hierauf das Verwaltungsstreitverfahren eingeleitet und zwei Rechtsanwälte mit der Vertretung ihrer Jnteresien beauftragt. Eine von diesen im Marburger Archiv angestellte Suche nach darauf be- züglichen Akten ist resultatlos geblieben, sodaß jedes Beweismaterial fehlt. Dem Ausgange dieser aktuellen Frage sieht man hier mit großer Spannung entgegen. Die Gemeindesteuern, welche bisher 75 Prozent betrugen, sind nun auf 95 Prozent erhöht worden, und dürften noch weitere Erhöhungen erfahren.
* Vom Westerwald, 20. Jan. 1910. Die Vorarbeiten zur Ausführung der Nistertalsperre sind beendet. Es steht jetzt fest, daß bei der Ausführung des Projektes die beiden Dörfchen Heimborn und Ehrlich, die eine Gemeinde bilden, vom Erdboden verschwinden werden. Die Dörfer Stein-Wingert, Niedermörs- bach, Limbach und Heuzert müssen einen beträchtlichen Teil' ihrer Gemarkungen opfern. Die Errichtung des Elektrizitätswerkes im Anschluß an die Sperre ist gesichert.
* Fechenheim, 18. Jan. 1910. Heute morgen wurde eine 60 Köpfe starke Zigeunerbande von Frankfurt abgeschoben. Die hiesige Polizei nahm bie braune Gesellschaft an der Grenze in Empfang und befördert- sie, da sie vorgaben, nach Kassel zu wollen, von hier aus nach Vilbel. Bei dem Transport der ficy sehr widerspenstig zeigenden Gesellen taten die Polizeihunde außerordentlich gute Dienste.
* Weida (Sachsen-Weimar) 20. Jan. 1910. Aus bei Landeskirche ausgetreten sind in der letzten Zeit 43 Mitglieder der sozialdemokratischen Partei. _________________
war hinterbracht worden, die Schwester hätte eine für einen Kranken bestimmte Portion Gänsebraten aufge- gessen, während sie in Wirklichkeit nur das Verbrechen begangen hatte, von einer im Kochtopf zurückbleiben- Sauce sich zum Vrot zu nehmen. Den Verweis, den sie daraufhin erhielt, hatte sie sich so zu Herzen genommen, daß sie sich mit Morphium vergiftete.
* En, Irrsinniger in der Heilanstalt zu Klagen- f u rt, den man allgemein für ungefährlich hielt, lockte einen Knaben in den Keller der Anstalt und hing chn hier, den Kopf nach unten, auf. Besinnungslos fand man den Bedauemswerten auf.
*§ Wo ist Cook? Die Alarmmeldung der „Frkf. Ztg.", daß Dr. Cook sich zur Wiederherstellung seiner zerrütteten Gesundheit in einem Sanatorium bei Heidelberg befinde, bestätigt sich nicht. Wo ist er denn? Es scheint leichter zu sein, den Nordpol zu finden, als seinen „Entdecker*.
* Verhaftet wurde in Schöneberg der Kaufmann Bintz unter der Beschuldigung, eine Hamburger Großfirma um iy2 Millionen Mk. betrogen zu haben.
* Zwei neue Angriffe auf das Auswärtige Amt meist die „Nords. Allg. Ztg." zurück. In dem ersten Falle handelt es sich um Entschädigungsansprüche eines Herrn Sunkel aus dem Transvalkriege, in dem anderen um die Beschwerde eines Frl. Lairitz, das als Maschinenstrickerin in Utrecht von einem Arzte in einem bewußtlosen Zustand mißbraucht sein will. In beiden Fällen hat das Auswärtige Amt, wie die „Aordd. Allg. Ztg." ausführt, seine Schuldigkeit vollauf getan.
* Durch den Einsturz eines Schornsteins bei dem Brande einer Meieret in Jaederen (Norwegen) wurden zwei Personen getötet und sechs schwer verletzt.
* Ein Leichenzug von Krüppeln. Nach einer Meldung aus Barcelona fand dort ein sonderbares Leichenbegängnis statt. Ein altes, vermögendes Fräulein, die zeitlebens gelähmt war, hatte testamentarisch bestimmt, daß jedem Krüppel, der -ihrem Sarge folgen würde, eine bestimmte Summe ausbezahlt werden soll. Damm sah man hinter ihrer Leiche gegen 250 Krüppel aller Art schreiten, was einen sonderbaren Anblick gewährte.
— Neueste Errungenschaft. Der Herr und die Gnädige sitzen bei Tisch. Es schellt, das Mädchen geht öffnen. »Nun, wer ist da, Jule?" — »Der Ardschitekt. Er will die Pläne für den neuer» H»»t der gnädigen Frau vorlegen!"
— Ach so! »Sie waren ja, liebe Frau Direktor, mit Jhrein Töchterchen in Heringsdorf und hatten so viel Glück. Wie ich hörte, vier Verlobungen!" „Ja, das ist richtig. Aber die vier Verlobungen betrafen alle — unsere Jüngste!"
Aus dem Uachbargebiete.
* Mederelsnngcn, 20. Jan. 1910. Ein P.ro- zetz, wie er wohl nicht alle Tage vorkommt, beschäftigt die hiesige Gemeinde. Das in hiesiger Gemarkung geleaene und zum Dorfe gehörige Rittergut des Herrn v. d. Malsburg zahlte seit etwa 200 Jahren, protokollarisch nachweisbar, seit Anfang des vorigen Jahrhunderts, ohne daß hiervon seine Gemeinbesteuern berührt wurden, zu sämtlichen Ausgaben „ein Zwölftel". Wofür dieser Betrag bezahlt wurde oder wie dieses „Soll" entstanden ist, be- mht auf Vermutung, da die hieraus bezüglichen Dokumente seit längeren Jahren spurlos verschivunden sind. Erwähnen möchten wir nur eine bei hiesigen alten Leuten erhaltene Tradition,wonach die Zahlung der Herren v. d. Malsburg auf einen kurz nach dem 30jährigen Stiege erfolgten Kauf eines der Gemeinde gehörigen Waldes zurückgehen soll. Ein derartiger Kails ist auch tatsächlich um die Mitte des 17.. Jahrhunderts nachgewiesen. Der Betrag wurde bis zum vorigen Jahre anstandslos bezahlt. Als das Gut aber
vermischtes.
* Dem Polizeihund, für dessen Zucht und Dressur der neue preußische Etat bekanntlich 27 000 Mk. aussetzt, sind gewiegte Verbrecher bereits „über" geworden. Kriminalbeamte sind der Ansicht, daß gewerbsmäßige Verbrecher alles tun werden, um durch scharfe Säuren usw. die Anfangsspuren zu „verwittern", ober durch Anlegung fremder Kleidungsstücke den Hund auf falsche Svuren zu leiten. Nichtsdestoweniger soll aber ein guter Polizeihund auch diese Fallen zu vermeiden verstehen und doch „richtige Wittemng" nehmen können.
* Eine Vermehrung der Lotterielose der preußr- schen Klaffenlotterie ist nach dem „B. T." in Aussicht genommen. Ebenso soll eine durchgreifende Aende- rung im Ziehungsmodus beabsichtigt sein. Das sog. Zweiseriensystem toll zur Anwendung kommen.
* Silberne Fünsuiarlstücke sind schon im Jahre 1909 nur noch im Betrage von 0,2 Millionen Mark zur Ausprägung gelangt. Nunmehr ist die Ausprägung von Fünfmarkstücken bis auf weiteres überhaupt ausgesetzt. Man wird abwarten, ob man bei größerer Ausprägung von Drei- und Zweimarkstücken überhaupt ohne weitere Prägung von Fünfmackstücken auskommen kann.
* * Der Mutter zuliebe, der beim Bedienen der Dreschmaschine die Kopfhaut abgerissen wurde, ließ in S o h r a u ein junget Mann eine Operation an sich vornehmen. Man transplantierte im Krankenhause die Haut seines rechten Oberschenkels auf das Haupt der Mutter. Die Operation gelang.
* Eine seltsame Sammlung. Der Zahntechniker Dusch in W a n z e n a u i. Els. hat sich eine Sammlung der von ihm gezogenen Zähne angelegt. Er hat während feiner 50jährigen Praxis die stattliche Zahl von 52 000 Stück zusammengebracht, die ein Gewicht von 50 Pfund aufweisen.
* Im Berliner Virchow-Krankenhause wollen die Krankenschwestem — es handelt sich natürlich nicht um Ordensschwestern — am 1. Februar gemeinsam aus dem Dienst scheiden. Veranlaßt ist dieser Entschluß durch den Selbstmord einer jungen Krankenschwester. Der Aufsicht des Virchow-Krankenhauses
Deutsches Reich.
** Ein Vizepräsident des preußischen StaatSmini- ^eriums? Am ersten Tage der Etatsdebatte im Ab- tzeordnetenhause hat der Wortführer der Konserva- ttven, Herr v. Pappenbeim, gesagt, er glaube dem Ermessen des Hetm v. Bethmann-Hollweg anheimgeben zu sollen, ob und wann er die Zett für gekommen erachtet, einen Stellve rtrete r für seine Geschäfte in Preußen zu berufen. Die „Frkf. Ztg." glaubt, daß diese Andeutung einen realen Hintergrund haben könne und deutet auf den Finanzminister Herrn v Rheinbaben. Man darf nun mit einigem Interesse abwarten, ob in nächster Zeit ein Vizepräsident des Staatsministeriums und ein Sprechminister für das Abgeordnetenhaus ernannt werden wird. Das ist an sich keine Frage, über die man zu streiten braucht, es ist eine Frage der Zweckmäßigkeit, die davon abhängt, ob der jeweilige Kanzler und Ministerpräsident eine Entlastung wünscht ober nicht. Und nach der Seite der politischen Wirkung ist es eine Personenfrage. Gegenwärtig kommt in diese Frage nur dadurch ein pikanter Zug, daß Herr v. Bethmann-Hollweg durch Bülow nicht nur zum Vizekanzler, sondern auch zum Vizepräsidenten in Preußen gemacht wurde, im Juli vorigen Jahres selbst aber, als er Reichskanzler und Ministerpräsident wurde und Herrn Delbrück zum Vizekanzler machte, die Stelle des Vizepräsiden- ten im Staatsministerium unbesetzt ließ. Vielleicht wollte er, der Arbeitsame, versuchen, wie es ohne Stellvertreter in Preußen abgehen würde. — Wie übrigens die „Nat.-Ztg." erklärt, kann in absehbarer Zeit von einer Verwirklichung des Gedankens nicht die Rede sein. Es sei nicht derartiges in Vorbereitung.
* Ahlwardt wieder auf der Bildfläche. Durch den Fernsprecher geht der .Deutschen Tagesztg/ eine umfangreiche Mitteilung über einen Vortrag zu, den der frühere Reichstags- Abg. Ahlwardt in Dresden gehalten hat. Das Blatt begnügt sich damit, folgendes mit- zuteilen:
„Herr Ahlwardt stellte sich als „Bahnbrecher großer Bewegungen" vor und bekundete bie Absicht, Dresden zum Ausgangspunkte dieser Bewegungen zu machen. Er wünscht eine Gesellschaft m. b. H. zu gründen, die ihm das Geld für die von ihm horaus- gegebenett Schriften garantiere. Die Hauptgefahr für Deutschland sieht Ahlwardt nicht mehr indem Judentum, sondern in den Jesuiten, denen er allerhand Böses nachfagt. So sollen sie Schuld an dem Tode Dr. Hasses und auch Schuld an der Verfehlung des früheren Reichstagsabg. Schack sein. Angesichts dieses haarsträubenden Unsinns wird man gut tun, Herrn Ahlwardt sich selbst und eventuell dem Nervenarzt zu überlassen."
Dem Grasen Hoensbroech usw. kann man zu solchen Mitstreitern nur gratulieren, den Jesuiten aber zu solchen Gegnern auch.
d* München, 19. Jan. 1910. Am Diens- lag kam es in der bayerischen Kammer der Abgeordneten zu Auseinandersetzungen über einen Zusammenschluß der liberalen und der sozialdemokratischen Parteien gegen das Zentrum. Die Liberalen hatten erklärt, daß sie bei den Wahlen jederzeit mit den Sozialdemokraten gegen das Zentrum zusammengehen würden. Die sozialdemokratischen Redner waren so gnädig, diese Unterstützung anzunehmen, vorausgesetzt, daß die Liberalen mit ihnen für die Aufrechterhaltung und Entwickelung der „bürgerlichen und religiösen Freiheiten" eintreten wollten. Die Freie Vereinigung, die aus Konservativen, Agrariern und Bauernbundlern besteht, lehnte den Beitritt zu einem derartigen Zusammenschluffe ab
Literarisches.
preußische Lehrerbesoldungsgesetz vom 26. Mch 1909 und die einschlägigen Landtagsverhandlungen, dargestellt und erläutert von einem Mitglied der Zentrumsfraktion. 60 S. 8°. Preis geod. 80 Pfg , postfrei 90 Pfg.
Die Schrift gibt in übersichtlicher Form eint Darstellung von Inhalt und Werdegang des preußischen Lehrerbesoldungsgesetzes vom Mai ds. Js., wobei bezüglich des letztem Punktes die Bemühungen der Zentrumspartei um das Zustandekommen der Besoldungsreform eine ausführlichere Erörterung erfahren. Interessiert der ganzen Materie nach die Schrift auch in erster Linie die beteiligten Lehrpersonen, so darf sie anderseits darüber hinaus auch auf die Beachtung weiterer Kreise Anspruch erheben. Sie instruiert nämlich zugleich in knapper Weise über die Entwicklungsgänge, die die Frage einer zeitgemäßen Lehrerbesoldung zu einem aktuellen, für unser ganzes Erziehungswesen, für Staats- und Volkswoht hochbedeutsamen Problem gestalteten, bas nunmehr durch das jüngste Besoldungsgesetz eine bei manchen Ausstellungen immerhin besriedi-
Ausland.
* Ei« schwerer Fall von Gehorsamsverweigerung trug sich in einem dänischen Infanterie- re g i m e n t in Odense zu. Einem Teil der Mannschaft war der Nachturlaub verweigett worden. Abends zeigte sich indessen, daß 82 Mann die Kaserne ohne Urlaubsschein verlassen hatten. Erst in spater Nachtstunde kehrten sie zurück. Eine Anzahl Soldaten stand außerhalb bet Kaserne und drohte jedem Kameraden mit Prügeln, der vor zehn Ubr in die Kaserne zurückkehren wollte. Die Aufwiegler sollen verhaftet sein, die Untersuchung ist im Gange.
* Andrea Costa, der Vizepräsident der italienischen Kammer ist gestorben. Costa war der älteste sozialistische Abgeordnete Italiens.
* Die englische tzeiratspolitik hat sich auf Italien ausgedehnt. Der Herzog von Connaught wird am 24. Januar mit seiner jüngsten Tochter, der Prinzessin Viktoria Patricia in Neapel erwartet, von wo sich Vater und Tochter nach Sansibar einschiffen werden. Es geht das Gerücht, daß beide in Mombaffa mit dem Prinzen Viktor Emanuel, dem älteren Bruder des Herzogs der Abruzzen, zusammentreffen werden. Das Zusammentreffen soll die Bekanntschaft der Ehekandidaten der Prinzessin von Connaught und des Grasen von Jurin vermitteln.
volkswirtschaftliches und Soziales.
* Schlimme Folgen hat die außerordentlich milde Witterung während den jetzigen sonst so kalten Win- termonaten für die verschiedenartigen Engros- Exportgesch äste. Die Großhändler, die vor Monaten schon große Kausabschlüffe für den ganzen Winter gemacht hatten, haben bei hohen Einkaufspreisen infolge der starken, durch die milde Witterung bedingten Preisrückgänge ganz enorme Verluste erlitten. Dies gilt in erster Linie von den Eier-Engros- gefchästen. Einer der ersten deutschen Engroshändler dieser Branche bezog, wie uns aus Mainz berichtet wird, in den letzten Wochen volle 50 Waggonladungen Eier aus dem Auslande. Wie von cingeroeibtei Seite versichert wird, verlor der Großhändler hierbei infolge des plötzlich eingetretenen Preissturzes gegen 200 000 Mack. Auch der Salatexport bat den Großhändlern unliebsame Überraschungen gebracht. Der Salat, der vor wenigen Wochen noch zu 55 Mark pro 1000 Stück im Ausland angekauft wurde, kostet heute nur noch ca. 35 Mark. Den Großfirmen erwächst hierdurch ebenfalls ein sehr empfindlicher Schaden.
Schattenblume.
82] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
Gerda sah sehr blaß aus. Ohne sich weiter um Vittor zu kümmern, schritt sie an ihm vorüber, als wäre er gar nicht da.
Ms er bemertte, daß sie sich dem Turm zuwandte und Miene machte, die steile wackelige Treppe zu besteigen, eilte er ihr nach, riß die eisenbeschlagene kleine Türe auf, durch die sie geschlüpft und die in einen schmalen, engen Vorraum führt. Er erwischte das Mädchen gerade noch am Aermel und hielt es fest.
„Um Gotteswillen, Fräulein, da hinauf dürfen Sie Nicht, der Turm ist sehr baufällig, es lösen sich nicht selten Steine ab! Das könnte leicht ein gräßliches Unglück geben! Cs gehört überhaupt eine Warnungstafel hierher ober die Türe müßte verschlossen werden! Ich will Sorge tragen, daß eins ober das andere geschieht, denn die Fremden, bie hierher kommen, ahnen nicht, wie gefährlich es ist, bahinauf zu steigen."
Serba schien nicht gewillt zu sein, ihren Vorsatz aufzugeben. Sie setzte trotz her biingenbtn Warnung ben Fuß toieber auf bie aus rohen Steinen gefügte Treppe
„Gerade bie Gefahr reizt mich," sagte sie eigensinnig, „ich bin nicht furchtsam, ich war schon einmal eben, es hat mir sehr gut gefallen, — nun, unb wenn der alte Turm mich unter feinen Trümmern begräbt, — was liegt auch daran, — mir gilt eS gleich!"
Er sah sie traurig und vorwurfsvoll an.
„Gerda, — liebe Gerda!"
Das klang so weich, so bittend, man hörte die Angst to'3 den Worten. Der kleine Raum war ziemlich dunkel, nur durch eine Lücke im Turm fiel ein schmaler Streifen des Tageslichts.
Nach einer kleinen Pause Hub Viktor wieder an: »Sie sind verbittert und ich bin der letzte, der Ihnen emm Vorwurf daraus machen möchte, — aber mit Sbrem Leben dürfen Sie nicht spielen, daS ist Sünde, Sie müssen es zu erhalten trachten."
»Für wen denn?" fragte sie trotzig, bereute aber M nächsten Augenblick das unbedachte Wort, denn
Vittor sah sie so leidenschaftlich erregt an, daß sie erbebte.
„Für wen?" wiederholte er und seine Stimme zitterte. „Sie fragen noch? — Wissen Sie denn immer noch nicht, daß es mein höchstes Glück wäre, wenn ich für Sie sorgen dürste? Ich wünsche mir nichts besseres!"
Wieder wollte er ihre Hand ergreifen ,aber sie wehrte ihm hastig. Er wußte es, daß er seine Wünsche nicht laut werden lassen durste Er wollte warten, geduldig warten. Vielleicht kam sie einmal zu der Erkenntnis, daß sie keinen treueren Freund besaß als ihn. —
Aeußerlich ruhig trat er einen Schritt zurück und sagte:
„Sie müssen auch ein wenig an Ihren Großvater denken. Ihm können Sie gewiß noch niühen."
„Herrgott — der Großvater!" rief Gerda erschrocken, „ich muß heim, er erwartet mich! Er hat eine unruhige, sorgenvolle Rächt hinter sich und liegt nun zu Bett. Die Rosel hat mich heraufgeschickt, hier oben bei der Ruine soll der beste Spitzwegerich wachsen, sagte sie, ich sollte welchen suchen, der wäre für alles gut. Sie will dem Großvater Tee davon kochen, das helfe ihm wieder auf die Beine. Nun habe ich den Auftrag ganz vergessen, und ich sollte mich doch beeilen."
Im Begriff, die Türe, die in den Turm filhrte, zu offnen, zog sie rasch die Hand wieder zurück, denn von außen wurden Sttmmen vernehmbar. In der tiefen Stille, die hier herrschte, konnte man jedes Wort deutlich verstehen und die Sprechenden mußten direkt bei der Türe Hall gemacht haben.
„Aber Du zerdrückst mir ja meine schönen Rosen," rief draußen eine lachende, übermütige Mädchenstimme, „sei doch nicht so ungestüm — Du sollst ja hundett Küsse haben — meinetwegen, aber laß mich doch erst zu Atem kommen, ich ersticke ja! Der Weg hier heraus ist ja so steil!"
„Himmel, welch peinliche Situation," murmelte Gerda, „wenn die beiden da draußen nun hier hereinkämen — was sollen wir nun beginnen?" Völlig ratlos schaute sie Viktor an.
Er aber antwortete nicht. Mit tief verfinstertem Gesicht stand er da, er hob die Hand, als müsse er irgend ein drohendes Unheil abwebren.
Draußen war es eine kleine Weile still, bann Hub die Mäbchensiimme wieder an: „Beinahe hätte ich mein Versprechen, das ich Dir gestern gab, nicht halten können. Wir bekamen nämlich Besuch, so eine alte Tante, die mich gleich völlig in Beschlag nahm. Ich mußte meine ganze Schlauheit aufbieten, um fort- zukommen. Aber die Liebe macht erfinderifch. Was denkst Du, was ich zu Hause vorgab? Das kannst Du nicht erraten! Ich schickte unseren Diener zu meiner Freundin mit einem Brief. Darin flehte ich sie an, mich sogleich abzuholen unter dem Vorwand, sie wollten ein Theaterstück aufführen, bei dem ich unbedingt mittun mußte. Sie kam dann auch und machte ihre Sache ausgezeichnet. Niemand schöpfte Verdacht. Bin ich nicht schlau^"
Da antwortete die andere Stimme: „Du bist mein süßes, kleines, herziges Mädchen — ohne das ick nicht leben kann! Ich hätte es nicht ausgehalten, wenn Du nicht gekommen wärst, ich zählte die Stunden, die Minuten, bis ich Dich wieder an mein Herz drücken durste, meine Else, meine Braut, — wann fcatf ich kommen, um mir Deine Hand von Deinen Eltern zu erbitten?"
Diefe Stimme trieb b<*m lauschenden Mädchen, das sich plötzlich zitternd an die Wand des alten Turmes lehnte, das Blut in die Wangen. Die Hand auf das pochende Her; gedrückt, lauschte Gerda mit angehaltenem Atem ans das, was draußen gesprochen wurde. Viktor betrachtete sie mit besorgten Blicken.
„Mein Gott," flüsterte sie, „er ist es, — ach, welche Gemeinheit!"
Ein Ausdruck tiefer Verachtung lag auf dem schönen Gesicht.
Draußen wurde indes das Gekose fortgesetzt und als die Stimme des Mädchens fragend erklono: „Nickt ivahr, Egon, Du liebst nur mich, — mich ganz allein —" und die Antwort folgte: „Nur Dich — Dich meine Else, noch nie habe ich eine andere geliebt, das will ick Dir schwören, was sind alle anderen gegen Dich, Du einzige", — da verstummte der Svrecher mit
ten in der Rede, denn die Türe, die in den Turm führte, wurde plötzlich aufgerissen und unter derselben erschien Gerda, zürnend und hoheitsvoll, mit dem lodernden Feuer tödlichen Hasses in den schönen Augen. Viktor hatte vergebens versucht, das Mädchen zurückzuhalten.
„Um Gotteswillen — Gerda, machen Sie keim Torheit" — raunte er ihr zu — zu spät, es war geschehen.
Und laut schrie sie es dem bestürzten Mädchen, daS sich im höchsten Schrecken wie Schutz suchend an Egon Hämmerte, zu: „Glauben Sie feinen Schwüren nicht, er lügt und betrügt — er ist ein Meineidiger, — der Sie elend machen wird! Dieselben Worte, die er Ihnen soeben sagte, hat er auch mir gesagt, denselben Schwur hat er mir geschworen, et wird sich über Sie lustig machen, wird mit seinen Erfolgen vrahlen, wie er über mich lachte. Ach wie ich ihn verachte!"
Man sah es, Gerda war ihrer selbst nicht mehr mächtig. Tiefaufatmend hielt sie inne. Totenstille folgte dem lndenschaftlicken Ausbruch.
Als aber Viktor, der bisher im Hintergründe stand, sich wie znm Schutz neben das an allen Gliedern bebende Mädchen stellte, da stimmte Egon ein lauies, bäßlickes Gelächter an. —
„Schau, schau, ein reizendes Plätzchen für ein Stelldichein, nicht wahr? Wer hätte das gedacht, daß sich mein tugendsamer Vetter dazu hergibt! Wahrhaftig ein famoser Spaß! Die Uebertaschung ist Euch beiden geglückt!"
Jetzt erst erkannte Gerda, daß sie eine Unbesonnen- beit begangen. Von Zorn und Wut fortgerissen,.hatte sie an nichts weiter gedacht, als sich an dem zu rächen, der sie schmählich betrogen. Da eS für sie kein Zurück mehr gab, redete sie sich immer tiefer in ihren rasenden Zom hinein: „Ich werde mich zu rächen wissen für den Frevel, verlassen Sie sich darauf! — Sie sollen an mich denken! Ich schwöre eS, daß ich mich rächen werde!" —
Dann eilte sie, so rasch sie konnte, den stillen Pfad hinab. Viktor folgte ihr.
Kortsetzunz folgt-?