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^ulba, Donnerstag den 20. Januar 1910.

Jt0 15.

37. Jahrgang.

Zweites Wtcrtt.

Veutjches Reich.

* Zu der Fra«;e, ob der Staat seine Be­amten westen der Ausübung ihres Wahire chts zur Verantwortung ziehen darf, schreibt der Staats­rechtslehrer Geheimrat Dr. Bar in der Zeit­schrift „Das Recht":

So gewiß es ist, daß jede Regierung das Recht haben muß, die Wahl von Kaudrdaten bestimmter Parteien ais unangemessen, ja als dem Siaatswohle verderdtich zu ertlären, ein Verfahren, durch welches die Regierung sich freilich mehr oder weniger am Partei^ltegierung charatlerisieren kann, so gewiß durste es andererseits fein, daß Versüssung und Gesetz, mdem sie dem Volke das Wahlrecht geben und den Be­amten von der Ausübung des Wahlrechts nicht aus- schließen, auch den Beamten insoweit von der Ge­horsamspflicht befreie». In der Tal läßt sich kein schärferer Gegensatz denken, als der zwischen Ge­horchen und Wählen. Eine Wahl auf Befehl ist nicht Wahl, und selbst das Verbot, oestimmte Per­sonen zu wählen, ist Gesetzwidrigkeit. Ein an­ständiges und würdiges Verhalten des Beamten vor­ausgesetzt, dürfen gegen einen Beamten wegen Abgabe der Stimme oder auch wettergehender Tätigkeit bei öffentlichen Wahlen Nachteile im Disziplinarwege Nicht verhängt rotiben. Die Regierung ist andererseits nicht verpflichtet und kann nicht verpflichtet fern, nach ihrem Ermessen frei versetzbare Beamte an einem Orte zu beiaffen, für welchen sie nach Ansicht der Regierung nicht oder nicht mehr paffen. Zieht daher die Regle- rung aus dem Verhalten eines solchen Beamten bei öffentlichen Wahlen diesen Schluß, so muß der Regie­rung die Versetzung des Beamlen an einen anderen Ort freistehen, indes ohne daß den Beamlen Nach­teile treffen, welche nur disziplinarisch zulässig sind. Praktisch ausgedrückt: es werden dem Beamten die Umzugskosten erstattet werden müssen. Aber ein um­fangreicher Gebrauch solcher Versetzungen, die oft des Ersatzes der Umzugslosten ungeachtet die Beamten empfindlich treffen werden, wirkt doch unvermeidlich als Beeinträchtigung der Freiheit der Wahlen, während er zugleich das Budget belastet und fomit eine Verantwortlichkeit der Regierung gegen­über der Volksvertretung begründen kann.

Es wird der Regierung ja nicht schwer fallen, eine Formel zu finden, die die Zulässigkeit von Maßnahmen gegen beamte „begründet", wenn fie so wählten, wie die Regierung nicht will. Aber immer sind diese Maßnahmen, mag man sie be­gründen, wie man will, eine Beeinträchtigung der Wahlsreiheit und darum unberechtigt.

) ( lieber die Konkurrenzllausel der Handlungsge­hilfen werden, anscheinend von berufener Seite, Mit- teifüngen gemacht, wonach in der Regierung über dir Abänderung der Paragraphen des Handelsgesetzbu- cheS 74 und 75 beraten wird. Aus den Kreisen der Angestellten heraus ist man mit verschiedenen Forde- rungen an die gesetzgebenden Körperschaften herange­treten. Einmal soll eine Vereinbarung zwischen Prin­zipal und Handlungsgehilfen für letzteren nur inso­weit verbindlich st in, als die Beschränkung nach Zeit, Ort und Gegenstand nicht eine unbillige Erschwerung des Fortkommens des Handlungsgehilfen bedeutet. Weiterhin soll die Konkurrenzklausel nur zulässig sein bei Angestellten, die mindestens 3000 Mark Jahresge­halt beziehen. Als Höchstgrenze für die Zeit der Be­schränkung wird allgemein ein Jahr verlangt. Weiter­hin wird vorgeschlagen, daß die verwirkte Strafe das Jahreseinkommen des Handlungsgehilfen nicht über­steigen darf. Von verschiedenen Seiten wird auch die Forderung erhoben, daß während der Gültigkeits­dauer des Kankurrenzverbotes die Fortzahlung des Ge­halts an den Handlungsgehilfen erfolgen soll. Einen vermittelnden Standpunkt in dieser Frage vertritt u. a. der Verband der katholisch-kaufmännischen Vereine. Im Gegensatz zu jenen, die die Konkur-

renzklausel prinzipiell verwerfen, vertritt eine Mehr­heit in diesem Verbände die Auffassung, fie müsse als zulässig angesehen werden überall dort, wo der Prin- zit.al ein berechtigtes Interesse nachweisen kann.

# Karlsruhe, 19. Jan. 1910. Die badische Regierung und der Großblock haben bei der allgemeinen Etats-Debatte in der Zweiten Kam- mer jetzt ihre Begrüßungs-An sprachen ausgetauscht. Die Regierung hat erklärt, ihr Standpunkt sei der altbadischer liberaler Tradition; den Groß- block mißbillige sie und erwarte im Landtage eine Erledigung der großen Arbeiten durch Ein­verständnis zwischen Zentrum und Nationallibe­ralen. Recht scharf äußerte sich besonders der Präsident des Staatsministeriums v. Dusch über die Vorgänge bei der Präsidentenwahl in der Zweiten Kammer. Als der „demokratische" Abg. Muser die Leute, die sich scheuen, einen sozial­demokratischen Stimmzettel abzugeben, Lakaien und Höflinge nannte, protestierte der Minister des Innern v. ® ob man sehr energisch dagegen. Er äußerle sich auch deutlich über Beamte, die sozialdemokratische Wahlzettel abgeben:

Wenn ein Beamter aus taktischen Gründen oder aus Aerger sozialdemokratisch wählt, ist das nicht schön. Wenn er einen solchen Zettel aber abgibt, weil er sozialdemokratische Gesinnung hat, bann muß nach meiner Meinung ein solcr.er Beamter seinen Ab­schied nehmen. «Links: Hört, hört! — Zwischenruf des Abg. Süßttnd (Eoz.): Ter wär' schön dnmm! — Große Heiterkeit.) Wer den Beamteneid geleistet hat, rann feine sozialdemokratische Ge­sinnung betätigen. Wir sorschen selbstverständlich nicht danach, wie die Beamten wählen. Das Wahl­geheimnis ist uns heilig. Ich halle es für unver­einbar mit der Eigenschaft einesBeamten, sozialdemokratisch zu wählen, und ich freue mich des­halb auch, daß Minister Honfell dies ausgesprochen hat. Mit den staatsbürgerlichen Rechten hat das nichts zu tun.

Die Regierung betrachtet die Frage, ob ein Be­amter unter besonderen Umständen einen sozialdemo- krattschen Wahlzettel ab geben dürfe, als Gewissens- fache Sie verzichtet nicht nur auf die Maßregelung von Beamten, die ihren Erwartungen durch Abgabe eines sozialfftischen Wahlzettels zuwiderhandeln, sie schreitet auch nicht gegen Beamte ein, die infolge des Abkommens mit der Sozialdemokratie offen zur Wahl von Sozialdemokraten auffordern. Man vercsseiche da­mit das Verfahren der preußischen Regierung in Kat- towitz! — Die liberalen Abgeordneten wiesen es weit von fich, gemeinsam mit dem Zentrum gegen die Sozialdemokratie Front zu machen. In dieselbe Kerbe haut die badische nationalliberale Presse, die förmlich s.berschäumend von fanatischem Zentrunlshaß, während sie den sozialdemokratischen Rednern nicht Lob genug zu spenden weiß, ganz, als ob sie Redner ihrer eige­nen Partei gewesen seien. Die „Bad. Landesztg." äußerst immer wieder ihre Freude über die klugen, zahmen, von Revisionismus triefenden Genossen der badischen Kammer; sie preist das Zusammenarbeiten mit ihnen als den höchsten Gipfel staatsmännischer Weisheit. Ja, HM denn das nationalliberale Blatt die SoziMsten für io polizeiwidrig dumm und be­schränkt, daß fie jetzt, wo sie im badischen Landtag von ihren nationalliberalen Freunden so verhätschelt werden und auf dem besten Wege zu Macht und Ein­fluß sind, die Jakobinermütze aufsetzen und sich das ganze schöne Spiel wieder verderben sollten? Wie mögen die roten Genossen, wenn sie unter sich sind, sich luftig machen über diese von ihnen an der Nase geführte nationalliberale Gesellschaft! Was könnte es denn den Sozialdemokraten nützen, wenn sie jetzt den wilden Mann spielten und ihr revolutionäres Gesicht zeigen wollten? Die Zeit dazu kommt erst später. Wozu jetzt schon die Karten aufdecken, wo man so schön auf dem Weg zu seinem Ziele ist? Tatsache ist, daß die nationalliberale Pattei als solche aushört.

Schclttenvlume.

31] Orißiualroman von Irene v. Hellmuth.

Die Löcher und Ritzen der alten Maiiem boten ihnen willkommene Schlupfwinkel für die Rester. Vik­tor saß ganz unbeweglich. Er war müde geworden. Tie Vögel kamen zutraulich näher, drehten und wen­deten die Köpfchen, plötzlich flog der ganze Schwarm mit lautem Gefchrei davon vor dem sich nähernden Menschenkind.

Mit einem Ausruf der Ueberraschung sprang Vik­tor in die Höhe. Eierda hatte soeben den Burghof betreten. Sie fuhr heftig erschrocken zurück, als sie des Mannes anstchttg wurde, den sie hier wohl am wenig­sten vermutet hatte, und den sie erst bemerkte als sie schon fast vor ihm stand. Es schien.als wollte sie sich eilig wieder entfernen, doch dann warf sie mit einer trotzigen Bewegung den Kopf zurück und blieb stehen Eie mochte wohl einsehen, daß es zur Flucht zu spät war.

Viktor vermochte seine Freude über dieses unver­hoffte Zusammentreffen nicht zu verbergen, ein heller Strcchl brach aus seinen Augen, als er Gerda lebhaft begrüßte. Sein glückliches Gesicht »erriet deutlich, was । in seinem Innern vorging, doch Gerda schien von alle­dem nichts zu bemecken. kühl und abweisend stand sie vor ihm, ihr ganzes Wesen war so ftemd und eisig, daß der freudige Strahl in Viktors Gesicht jäh wieder er­losch.

„Fräulein Gerda", begann er mit einer Stimme, 1*3er tiefe Bewegung zitterte, „ich freue mich, daß "5 Zufall uns hier zusammengefühtt hat, denn ich m*t fä°n fange. Sie ohne Zeugen sprechen »u rannen . Wollen Sie mir einige Fragen beantwort sah wie erstaunt in seine bittend au ihr k ^u?en- Er aber wartete ihre Antwort nicht - ' ^n fubrjori:

baden sich seltsam verändert. Bei Akunst brachten Sie mir Ihr Vertrauen ent- Fracht" mtt mir von Vergangenem und ßLuWrrstigem - und ich, - ich gestehe es ttickhattlos, entzückt, — denn vom ersten Sehen an flöß- m,t Interesse ein. SiemußtendaS füllen, ~

und nun auf einmal hat sich Ihr ganzes Wesen in eisige Abwehr umgewandelt; wie soll ich mir das deuten? Habe ich etwas getan, was Sie beleidigte? Oder hat uian Ihnen etwas von mir gesagt, — ich kann zwar nicht ahnen was, — aber etwas, das mich m Ihrer Achtung herabsetzt? Ich bitte, sprechen Sie es offen aus, — ich kann es nicht ertragen, wenn Sie gering von mir denken."

Es kam stockend heraus, dieses halbe Geständnis. Er hatte versucht, ihre Hand zu fassen, doch Gerda ent­zog ihm dieselbe rasch. Ein Keines ironisches Lächeln spielte um ihren Mund.

„Mein Herr, Sie täuschen sich*, sagte sie kalt, .ich wüßte nicht, daß ich mein Benehmen Ihnen gegen­über geändert hätte."

„Doch, doch, Fräulein Gerda, leugnen Sie es nichtI Sie welchen mir aus, — hat vielleicht Egon etwas gefügt." —---

Sie fiel ihm ungestüm in die Rede.

„Herr Helldorff wird doch nichts Nachtefliges über denjenigen verbreiten, der in kurzer Zeit in so nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu ihm treten soll? Dazu ist et wohl zu klug."

Verständnislos schaute Vittor das junge Mädchen an. „Wie meinen Sie das, Fräulein?"

„Nun, ich denke, das ift doch einfach genug! Sie stehen im Begriff, fick mit Ada Helldorff zu berleben, llnb da Sie mich offen fragten, will ich Ihnen eine offene Antwort geben > Es ärgert und beleidigt mich, daß — nun, daß Sie mit mit Motten und Blicken im­mer wieder zu verstehen geben, — Sie hätten ein Jntereffe an mir, während Sie doch um Ada Helldorf warben! Mfo lassen Sie mich, — bitte, in Zukunft in Ruhe mit Ihren versteckten Anspielungen!"

Jetzt endlich hatte Viktor begriffen. Also daher dies scheue Ausweichen, dies halb verächtliche La­chen, wenn er eine leise Andeutung machte über das, was fein Mund noch immer nicht auszusprechen wagte.

„Fräulein Gerda, und das haben Sie geglaubt?* rief er.

„Ich hatte feinen Grund, daran zu zweifeln*, er­klärte sie Utt blitzenden AuLe».

eine Rolle im politischen Leben zu spielen, um nach und nach vollständig im Großblock aufgelöst zu werden.

Ausland.

* Ein bedeutungsvoller Hofboll fand am Diens­tag in Wien statt. Die Herzogin Hohenberg, die bekanntlich nicht ebenbürtige Gemahlin des Thron­folgers durste zum ersten Male bei einer solchen Ver­anstaltung erscheinen. Sie trat als letzte der Erzher­zoginnen am ?lrme des Prinzen Ludwig von Coburg, gleichzeitig nut der Erzherzogin Isabella, den Saal Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand hatte zwtt Maler auf die Galerie beordert, die ein Bild vom Einzüge der Herzogin auf den ersten Hofball unfer­tigen sollen.

** Ein Momentbild ans dem englischen Wahl­kampf, der besser als lange Beschreibungen die augen­blickliche Erregung der Engländer erkennen läßt, lie­fert eine Schilderung des Wahlsieges des bisherigen Arbeiisininisters Burns, der zu den populärsten Engländcm der Gegenwart zählt. Er wurde in einer Londoner Vorstadt gewählt: Taufend Schutzmänner waren bei der Verkündung des Wahlergebnisses vor dem Rathaufe auf gestellt. Man erwartete Krawalle; aber alles lief gut ab, trotz der enormen Aufregung. Meilenweit erstreckte sich eine eingekeilte Menschen- maffe vor dem Rathaufe aus durch alle Straßen. Ihre Hurras und ihr Johlen war ohrenbetäubend. Man wartete auf die Entscheidung. Da plötzlich erschien John Burns auf dem Balkon, das war das Zeichen feines Sieges Tie Menge brach in orkanartigen Ju­bel aus. Burns riß den Hut vom Kopfe und schwenkte ihn wie wahnsinnig zehn Minuten lang in der Luft. Dann redete er; aber selbst seine starke Stimme ver­hallte machtlos in dem Brausen der menschlichen Bran­dung. Plötzlich erschien ein Fackelzug. Der praktische Minister sah sofort, daß das zu einem gefährlichen Ge­dränge führen könnte. Er stellte sich auf einen Stuhl und wurde so durch die Menge getragen. Barhäuptig und ohne Ueberzieher, umringt von der Bestall don­nernden Volksmenge, dirigierte er so den Fackelzug mit befehlenden Handbewegnngen durch die zurückwei­chenden Menschenmassen.

vermischter.

* Durch ein umstürzendeS Sprungpferd wurde in einer Berliner Turnhalle ein sechsjähriges Kind er­schlagen. Das Kind war mit seinen Geschwistern in Abwesenheit des VaterS, des Tumdteners, unbefugter- weise damit beschäftigt, die benutzten Turngeräte fort- zuschaffen.

* Weil er nicht zum Tanz gehen durste, hat m dem Dorfe LübarS bei Hermsdorf der 19jährige Be- sitzerssohn Hermann Rathenod von der Straße au9 einen Revolverfckmß auf seinen 26jährigen Bruder Al­bert, als dieser sich mit dem achtzehnjährigen Rach- barssohn Albert Neuendorf im Pferdestall aufhielt, ab- gefeuert. Die Kugel fehlte aber ihr Ziel, und traf den jungen Neuendorf am Oberschenkel. Die Ver­letzung erwies sich als sehr schwer.

* Fra« von Schönebeck, die Gattin des getöteten Majors von Schönebeck in Allenstein, hat sich gestern mit einem Berliner Schriftsteller Weber in London trauen lassen. Frau v. Schönebeck ist bekanntlich längere Zett auf ihren Geisteszustand hin untersucht ivorden. Das Verfahren gegen sie wegen Ermordung ihres Gatten ist noch nicht erledigt.

Aus dem Nachbargebiete.

* Bebra, 18. Jan. 1910. Gestern morgen wurde auf dem Bahnhofe ein Mann feftge­nommen, her in Dankerode einen Einbruchs- diebstahl auSsührle, wobei ihm 130 Mark, die Ersparnisse eines Dienstknechtes, in die Hände gefallen waren.

— Marborn, 19. Jan. 1910. Der hiesige Turn­verein führte am ■sonntag abend vor einem sehr zahlreichen Zuhörerkreise das Drama „Der Glockenguß zu Breslau" auf, von dessen ernstem Inhalt alle An­wesenden bei trefflicher Wiedergabe sichtlich ergriffen wurden. Ein gut dargestelltes Lustspiel trug dem Humor Rechnung.

* Oberursel, 15. Jan. 1910. Die hiesige protestan­tische Genwinde hat den Altkatholiken das Mit­benutzungsrecht ihrer Kirche eingeräumt.

* Frielendorf, 18. Januar 1910. Da die Räumlichkeiten des seilherigen Postgebäudes den Anforderungen des gesteigerten Verkehrs nicht mehr genügten, hat die Verwaltung die Errich­tung eines neuen Postgeb Sudes beschloffen.

* Frankenberg, 18. Jan. 1910. Bei einem Brande in Hemmighausen wurde das Anwesen des Landwirts Pohlmann I vollständig vernichtet. Vier Stück Rindvieh, drei Schweine und sämt­liches Federvieh kamen um.

„Ja, wenn es so wäre, dann hatten Sie ein Recht, mich zu verachten," sagte er langsam, „jetzt ist mir alles klar. Denn jeder meiner Blicke sollte Ihnen Kunde geben von dem, was in meinem Innern vor­ging, es war ein Betteln um ein bischen Liebe, — wenn man Ihnen freilich sagte, daß ich mich in kurzer Zeit mit Ada zu verloben gedächte, so mußten Sie mein Benehmen Ihnen gegenüber allerdings für abscheulich haften. Aber ich schwäre Ihnen, daß ich niemals ht Ad« etwas anderes als eine Schwester sah, es kam mir nie von ferne in den Sinn, mich mit ihr zu ver­loben! Wer Ihnen etwas anderes sagte, der sprach die Unwahrheit! Wenn vielleicht unter meinen Ar­beitern ein solches Gerücht auftauchte, fo darf man ihm doch nicht fo unbedingt Glauben schenken. Die Leute vermuten manchmal verfchiedenes. Woher wis­sen Sie denn überhaupt von der Sache?"

„Von Eg — — von Ihrem Vetter selbst," ver­besserte sie errötend.

„tzstha, Egon allo! Die Absicht, die ihn dabei lei­tete, ist nicht schwer zu erraten! Denn er vor allen anderen wußte genau, daß ich für Ada nichts empfinde als rein freundschaftliche Gefühle! Aber er ahnte auch, wie es um mich stand, deshalb erfand er das Märchen. Also auch das noch! Natürlich, wo» kommt es bei ihm auf eine Lüge mehr oder weniger an. Nicht genug, daß er auf meinen Namen Schulden macht, daß er mir das Geld Ärmlich aus der Tasche stiehlt, — denn ich war bisher gutmütig genug, ihm tin monatliches Gehalt auszuzahlen, von dem et nicht einmal den vierten Teil verdiente — nun sucht er mich auch noch aus dem Herzen derjenigen zu verdrängen, die ich liebe — ja liebe," wiederholte et laut, als Gerda einen Schritt zurückwich, — „dar ist feig — erbärmlich — das ist niederträchtig! — Er ist et« Schurkenstreich, den er mir büßen soll!"

„Mein Herr, ich bitte, — Sie gebrauchen starke Ausdrücke," rief Gerda bebend, denn noch wollte sie von Egon nichts Schlechtes glauben. Si« war viel­mehr geneigt, anzunehmen, daß Viktor Bolz die Ver­lobung mtt Ada ableugne, um Wetter fein Spiel mit ihr selbst treiben zu können. Das aber sollte ihm wei­te r nicht gelingen. Sie richtete fich zu ihrer ganzen

Literarischer.

Historisch-politische Blätter. Jahrgang 1910. 145. Band. Zweites Heft. Inhalt: Maria There­sias Korrespondenzen mit Klemens XIV. und Pius VL (Schluß.) Von Prof. v. Chotkowski. — Der Ab­schluß des Galileihandels. (Schluß.) Von Univer« sitätsprof. Dr. Karl Braig, Freiburg i. Br. —; Eine Heldengestalt des alten englischen Episkopates. Richard Challoner 1691—1781. Von Dr. A. Bel« lesheim. — Gedanken über Verfassung und nationale« Frage in Oesterreich. Von einem Juristen. — Zum Dreiklassenwahlsystem und dem Reichstagswahlrecht. Von Prof. Dr. Brägelmann. — Fünfzig Jahre künstlerischer Wirksamkeit. — Katholizismus und Protestantismus in Geschichte, Politik und Kultur. Von Alexander von Padberg. — Kürzere Be­sprechungen : Kurt Sethe, Die Einsetzung des Veziers unter der 18. Dynastie; Ulrich Stutz, Der neueste' stand des Bischofswahlrechtes; Keiters Katholisch«! Literaturkalender.

Rücke«

deren

Scotts

tau-

viele mehr oder weniger

Scotts Emulsion, und nur diese ist nach dem (Scott- schen Verfahren berge stellt. Da es aber

wird, so achte man beim Einkauf genau auf unsere

Höhe auf, in ihren dunklen Augen glühte es fast un^ heimlich, dann sprudelte sie die Worte hervor: „Witz ich darüber denke, daß Sie Ihren Verwandten so zu beschimpfen wagen, will ich nicht aussprechen, — ab« — für andere ist es noch Geheimnis, doch Ihnen will ich es sagen: — derjenige, von dem Sie eben sprachen. — ist mein Verlobter, — und ich dulde es nicht, dafi Sie in solcher Weise seine Ehre angreifen! Do» wer-?, den Sie zurücknehmen oder ich fe6e mich gezwungen^ ihm alles zu sagen!" i

Wenn Gerda eine besondere Wirkung ihrer Wort» erwartet hatte, so sah fie fich getäuscht. Viktor Bolz blieb vollkommen unbeweglich. Mt gänzlich gemildert ter Stimme erwiderte er: „Wie leid Sie mir tun. Fräulein Gerda! Zu all den traurigen Erfahrungen, die Sie in Ihrem jungen 2eben schon machen muß­te«, kommt nun eine neue HM;». Denn Egon HeLz dorff Ijat Sie getäuscht, wenn et Ihnen von Siebe sprach, er ist einet solchen Empfindung gar nicht fähig. Ich nehme nichts zurück von dem, was ich sagte, — nichts — und ich verbiete Ihnen auch nW^ cs ihm mitzuteilen, wenn Sie Lust haben, denn ich hab« ihm etwas ähnliches erst heute ins Gesicht gesagt! Arme Schattenblume!" ,

„Ich brauche Ihr Mitleid nicht", fuhr Gerda zoyi nig auf. >

Er beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr ruhig fort: „Und totffen Sie, weshalb ich ihm heute in blinder Wut beinahe ans Leben gegangen wäret, Wett er sich mir gegenüber rühmte, daß Sie ihn hcutg am frühen Morgen geküßt hätten — der Elende!"

Gerda fuhr hemm, wie von einem Schlag ge» troffen. -

„DaS — da» sagte er nicht! Es tft nicht wahr!" „Mein Gott, wie soll ich Sie denn überzeugen, daß Sie sich einem Unwürdigen zu eigen gaben?"

Gerda erwiderte nichts. Sie starrte mit großen, weitgeöffneten Augen ins Leere. Sie tat ihm so un­endlich leid, er hätte fie gern an seine Brust gezogen und sie getröstet: „Gräme Dich nicht, et ist eS nicht wert, —" aber das durste nicht sein. Er fühlte ,daß et vom Ziel- ferner heißen Wünsche weitet denn |t entfernt war. (Forts, folgt)