Einzelbild herunterladen
 

erscheint täglich M Aurnabme bet §o.m- nab Feiertage Viertel- iS-rlicheeve,ngLpreir ohne »ringertshn uab VesteLgeldinFnldafo- wie auswärts 1.56 ölt

Verantw. Redakteur: tarr ZchLtter fürMÄn^tge«:

A.parzeLer i« Fulda.

ZMaerW Zeitung

monatrbeUage: „Fuldaer GeschichtsblStter"

w-chenb-uas-: „Illustrierte Sonntagszettung"

»nzrigen: vte et» fpaltige petitzeile ober bereu Baum IS psg. NeNauiendrepetitzeile 25 psg., bet Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

AotatlonrbruSuud Verlag der Fuldaer Ak» fienbruderet in Fulda Fernsprecher Rr.y.

s^ulda, Samstag den 15. Januar 1910.

JV3 11.

37. Jahrgang.

Iweites Mlcrtt.

Wochen-Kundschau.

[:] Fulda, 14. Januar 1910.

Die Parlament e des Reichs und Preußens haben wieder ihre Pforten geöffnet Freilich wird es keine lange Session geben, denn Ostern ist früh. Der Reichstag beschäftigte sich zunächst mit einer Frage, die schon seit etlichen Jahren in der Schwebe ist, und manchen Leuten, die sie nichts angeht, viel Kopfzer­brechen macht. Die Linksparteien interpellierten die Reichsregierung über ihre Stellungnahme in der mecklenbur gischen Verfassungsfrage. Diese Parteien befürworten bekanntlich ein Eingrei­fen des Reiches in die inneren mecklenburgischen Ver­hältnisse und würden zu diesem Zwecke, falls notwen­dig, die Reichsversassung erweitern. Bei den Ver­handlungen im Reichstag hat sich herausgestellt, was man allerdings auch schon vorher hätte wissen können, daß weder die Reichsregiemng, noch die Mehrheit des Reichstages dafür zu haben sind. Bei dm Schwie­rigkeiten, die die mecklenburgische Regiemng bei den zuständigen Stetten ihres Landes bei der Regelung bet Frage findet, hatte sie sich im vorigen Jahre ver­leiten lassen, zu erflären, daß sie, falls die Angelegen­heit wieder im Reichstage zur Sprache käme, ben Dingen ihren freien Lauf lassen werde. Diese Er­klärung hat die mecklenburgische Regierung bereut, und so wurde im Reichstag von ihrem Bundesrats- bevollmächtigtm erklärt, daß zwar die heimischen Ver­handlungen sich als aussichtslos herausgestellt hatten, die mecklenburgische Regiemng aber die Wiederein, bringung der Vorlage sich Vorbehalte, auf jeden Fall aber ein Eingreifen des Reiches zurtickgewiefen wer- ben müsse. Auch ber Staatssekretär deS Innern sprach sich gegen die Wünsche ber Linksparteien aus. Die Stellung des Zentmms in der Angelegenheit er­gibt sich von selber aus ber Haltung, die es ben ver­fassungsrechtlichen Zuständen des deutschen Reiches gegenüber entnimmt. Gerade so, wie etwa ein Ein­greifen des Reiches in innere bayerische Angelegen­heiten strikte zurückgewiesen wird, und zwar durchaus im Sinne der Reichsoerfaffnng, so steht es auch dem Eingreifm des Reiches in die mecklenburgischen Ver­hältnisse ablehnend gegenüber. Als ber Zentrums- rebner, ber Abg. Gröber bei dieser Gelegenheit aus­rief: „Wir Süddeutsche wollen uns auch nicht in unser Verfaffungslebm hinein reden laffen!* rief ihm der konservative Abg. Kreth, ber sich durch schlag­fertigen Witz auszeichnet, dazwischen: „Wir in Preu­ßen aber auch nicht!" Herr Kreth wollte damit der Agitation entgegentreten, die im außerprmßischen Deutschland, beispielsweise vom Abg. Pfarrer Nau­mann (Heilbronn) gegen das preußische Wahl­recht betrieben wird. Die Thronrede, die der König von Preußen im Weißen Saale des Schlosses vor ben beiden Hausern des Landtages verlas, teilt übet die preußische Wahlrechtsvorlage nicht genaueres mit. Es heißt einfach, die Vorlage wirb kommen, und in ähnlicher Weise versprach auch in der ersten Sitzung des Abgeordnetenhauses Ministerpräsident von Beth- mann-Hollweg zu gelegener Zeit ausführlich zu reden. Der preußische Finanzminister, Frhr. v. Rheinbaben, brachte sodann seinen Etat ein. Aus feiner Rede geht hervor, daß ber preußische Etat mit einem De­fizit von 92 Millionen veranschlagt worden ist, (was man ja auch schon vorher wußte). Doch konnte der Minister auch einige erfreulichere Mittei­lungen machen, so vor allem die, daß die preußischen Finanzen für das Jahr 1909 nicht mit demjenigen Fehlbetrag beschließen würden, der im Voranschläge angenommen worden war. Diese günstige Aenderung

Unpolitische ZettlSuse

(N.) Berlin, 13. Januar 1910.

(Nachdruck verboten.)

Ungefähr 80 Jahre war die Frau all geworden, die neulich begraben worben ist. Wenn die Entfer­nung nicht gar zu groß wäre, hätte ich ihr gern das Geleit zur letzten Ruhestätte gegeben. Sie war mir fteilich nicht verwandt, auch nicht einmal näher be­freundet, aber sie ist mir eine Lehrmeisterin gewesen, ohne es selbst zu wissen. Eine Lehrerin der Lebens­weisheit, und zwar durch ihr Beispiel.

Als ich ein grüner Jüngling war, war sie ein be­wegliches, zierliches, munteres Frauchen. Sie hatte »inen ernsten und imposanten Mann sowie eine Reihe von Kindern. An Sorgen und Arbeit hatte sie ein gerütteltes Maß zu tragen, aber sie toar immer ver­gnügt. Wenn andere Frauen über die Schlechtigkei­ten ber Mitmenschen klatschten, so erzählte sie lieber von ben guten Eigenschaften, bie sie hier ober da ge­troffen hcttte, und wenn bie anderen Frauen schalten und klagten, so schwieg sie still. Sie klagte nie, nicht einmal über ihre Dienstboten, geschweige denn über ihren Mann. Trotzdem (ober gerade deshalb?) war sie nicht beliebt in ben weiblichen Kreisen ihres Ortes. Die einen sagten, sie sei dünkelhaft unb wolle sich selbst und ihre Familie in einem absonderlich guten Licht: erscheinen lassen. Die anbem meinten, sie fei leicht­fertig unb oberflächlich, sie nehme das Leben unb ihre Pflichten nicht emft genug.

Nun geschah eS, baß ein schweres Gewitter über diese Familie sich zusammenzog. Krankhett, Prozesse, Geschästsstockung — alles brach gleichzeitig herein. Der M<Mn, ber große, stolze, würdevolle Mann brach »nter der Prüfung zusammen. Er verlor vollständig den Kopf, schrieb eine Unmasse von Jammer- tmb Schmähbriefen über all' das Unrecht, bas ihm getan £orben, und — verschwand. Da saß mm das zier- llche Frauchen mit der ganzen Kinderschar hilflos da mis dem Wrack ihres häuslichen unb geschäftlichen

. nb siehe da, das vermeintliche Püppchen »<ngte sich als eine Heldin. Sie behielt ihr kleines Köpfchen oben, sie wußte geschickt und zielbewußt ihre Ländchen zu rühren. Sie ordnete ben geschäftlichen JBlrrwarr. als ob sie ein Recktsanwalt unb ein Kaus-

fei eint Folge bet Besserung der wirtschaftlichen Ver- HAtnisse feit etwa ber Mitte des Jahres 1909, unb man dürfe wohl hoffen, baß diese Besserung der wirt- schastlichen Verhältnisse mich weiterhin anhalten werbe, sodaß bei vorsichtiger Finonzgebahrung auch die veranschlagte Höhe des Defizits für bas Jahr 1910 nicht erreicht werde, ja, daß für die Zu­kunft die Defizttwirtschast ganz verschwinden werde.

Die Beamten Maßregelung en in Kat­ts w t tz sind — soweit eS sich um Reichsbeamte han­delt — am Mittwoch unb Donnerstag im Reichstage zur Sprache gekommen. Beamte bes Reiches unb Preußens hatten, wie man weiß, in Kattowitz für bie polnischen Kandidaten zum Stadtverordnetenkollegium gestimmt. Die Verfassung garantiert allen Staatsbür­gern ohne Ausnahme, also auch den Beamten, die freie Ausübung beS Wahlrechts, also kann eine Regiemng, die Willens ist, bie Verfassung zu wahren, gar nicht daran denken, einem von ihr abhängigen Beamten ein Haar zu krümmen. Weil er sein Wahlrecht in einem ber Regiemng nicht genehmen Sinne ausübt. In Preußen-Deutschland aber setzt man an bie Stelle deS Gesetzes, der Verfassung ben Kautschukbegriff des „Staatsinteresses*, der nach den Erklärungen des Staatssekretärs Delbrück angeblich die Grenze für das verfassungsmäßig freie Stimmrecht des Beamten bil­den soll. Freilich, wenn die Verfassung so nach den Bedürfnissen ber Regierung frisiert ist, bann hat man Mittel unb Wege, um unbequeme Beamtenwähler mit Stoch,rügeln auf den Magen zu regelieren. Drastisch und jeden Zweifel beseitigend hat der Abg. Groeber nachgewiesen, daß das Staatsintereffe zu Bismarcks Zeiten gerade entgegengesetzt gelautet hat. In ver­ständlicheres 'Deutsch übertragen, heißt das, daß die jeweilige Regiemng das Staatsintereffe mit ihrem eigenen Interesse gleichzustellen beliebt. Uebrigens- ging dies auch aus ber Rebe des Staatssekretärs im Reichspostamte Kraette hewor, ber, da bie gemaßregel­ten Beamten ihrer Mehrzahl nach Postbeamte stnb, als beteiligter Ressortchef in bie Debatte eingriff. Er sagte mit bürten Worten gerade heraus, daß die Frage, wie ein Beamter stimmen soll, eine Machtfrage ist, daß ein Beamter bet der Stimmabgabe sich nach der herr­schenden Regiemng zu richten hat. Gegenwärtig ist der Hakatismus, also Polenfeindschast, in den ober­sten Schichten der Bürokratie Preußens Trumpf, unb die Reichsregiemng, die ja so sehr unter ber preußischen Fuchtel steht, muß ihr Spiel danach einrichten. Kein Beamter in den östlichen Landesteilen darf daher für einen Polen seine Stimme abgeben. Staatssekretär Delbrück wurde in der Besprechung so in bie Enge getrieben, daß et schließlich die Maßregelungen als einen Akt bet nationalen Rotwehr des Deutschtums im Osten hinstellte. Das Gelächter im Reichstag über diese klägliche Entschuldigung War nicht gering.

Schrille Tone kamen aus dem R e i ch s l a n d. Vom Zaun des anttkatholischen Deutschen Lehrer- Vereins brach der Staatssekretär Freiherr v. Zorn- Bulach einen Konflikt mit den Bischöfen von Slrahbnrg und Metz, bie, ihrer Hirtenpflicht folgend, die kachollschen Lehrer vor dem Eintritt in ben ge­nannten Verein warnten. Wie hätten wir es herrlich weit hx Vaterlande gebracht, wenn ein Bischof seine Diozesanangehörigen vor einer religiösen Gefahr nicht mehr warnen dürfte! Ist bet Deutsche Lehrer- vetein eine Staatseinrichtung, bie ber Staatssekretär schützen muß? Und sind bie Lehrer nur Beamte, die auch in religiösen Fragen den Stempel des Vorge­setzten haben müssen? Das ganze katholische Deutsch­land bejaht entschieden das Recht der Bischöfe unb wird dieses nicht nehmen lassen. Der allzu eifrige Staatssekretär wird seinen übereilten Schritt regre- blettn müssen.

Als bet ungarische Staatsmann von Lucaes vor etlichen Tagen zum ungarischen Minister-

monn zugleich Wäre, unb sofort ergriff sie eine gute Gelegenheit, um mit den paar geretteten Talern einen Broterwerb zu begründen. Der Mann kam zurück; das Familienleben kam wieder in die alte Ordnung, unb wenn man auch etwas mehr Sparsamkeit üben mußte als früher, so War sie doch wieder das allzeit freundliche und fröhliche Weibchen. Et aber hob all­mählich den schönen Männerkopf wieder hoch empor, zog die Denkerstirn in Falten unb kritisierte in über­legenem Tone die Welt im allgemeinen unb bie Mit­menschen im befonberen. Nur über seine Frau sprach dieser Weltweise nicht mehr.

Nun denken vielleicht einige Leser, das sei eine Ausnahme von der Regel; meistens liege doch die Sache umgckehrt, indem ber Mann in kritischen Zeiten der Halt und ber Helfer sei, während bie grau als zarter Efeu an dem männlichen Eichenftamm sich an- klammere. Streiten Wir nicht darüber, was am häu­figsten vorkomme, sondern gestehen wir zu, daß Stark­mut und Klugheit nicht immer an ein bestimmtes Ge­schlecht gebunden sind. Es kommt daraus an, daß jeder Mensch, mag er nun einen Bart ober lange Kopfhaare tragen, sich möglichst viel Lebensweishett Wirbt und sich bie nötige Spannkraft für kritische Zei­ten bewahrt.

Es ist nicht weise, wenn man seine Spannkraft aufreibt in alT den Kleinigkeiten unb Nichtigkeiten des gewöhnlichen Alltags. In dem erwähnten Falle gehört« der Mann zu den tieffmnigen unb theatrali­schen Naturen, die von jeder Fliege an der Wand ein großes Wesen machen. Solche gibt es in Masse bei beiden Geschlechtern. Es gibt grauen, bie sich fürch­terlich aufregen könneir über jeden abgebrochenen Tassenhenkel, über jede kleine Vergeßlichkeit des Dienstmädchens, über jeden Riß im Kinderkleidchen, über jedes schiefe Wörtchen ber zungenfertigen Nach­barin. Und nicht genug, daß sie sich selber über solche Lappalien argem, muß dann auch noch die ganze Fa­milie unter dem törichten Verdruß mitleiben. Die Kinder werden von der launischen Mutter scharf ange­fahren, und wenn ber Mann nach ber ermüdenden Berufsarbeit zu Hause Erfrischung sucht, so wird ihm von ber gallischen Ehefrau ein Haufen von Kla­gen aufgetischt. Sie könne sich das nicht gefallen las­sen, und er dürfe das nicht so hingehen lassen, wenn er als Gatte, Vater und Hausherr richtig auf dem

Präsidenten ernannt worden war, da wurde bie Möglichkeit der Durchführung seiner Aufgabe in Wei­testen Kreisen angezweifelt. Nach unb nach aber ge­wöhnte man sich an den Gedanken, daß Herr von Lukacs doch Erfolg haben Würde, und kaum hatte sich so die Stimmung geändert, so gab von Lukacs feine Demission. Jetzt ist ber Gras K h u e n-H eder - vary mit der Bildung eines Kabinetts beauftragt, in das von Lukacs als Finanzminister eintreten wirb Wie es heißt, wird der neue Ministerpräsident, falls ihm keine Indemnität bewilligt wirb, den ungarischen Reichstag unverzüglich auflösen und Neuwahlen vor­nehmen.

England steht am Vorabend der Wah l. Unser Reichstagswahlkampf in Deutschland ist, was Erregung und Leidenschaftlichkeit angeht, ein Kinder­spiel gegen den englischen. Die böseste Erscheinung war bvr Popanz ber Deutschensurcht, ben ber Führer ber Unioniften Balfour aufgesteckt hat Selbst die deutschfeindliche Times hält es für erforderlich, „die unangenehmen Wirkungen zu entschuldtgen, die der Wahlkampf mit feiner Hineinziehung heikler Fragen mit sich gebracht habe." Die Mnsster, allen voran Ministerpräsident Asquith, der Generalstaatsanwalt Robson, ber Deutschland als Englands größten unb besten Verbündeten bezeichnete, zuletzt Staatssekretär Grey haben redlich auf die Beruhigung der Gemüter vor der deutschen Gefahr hingearbeitet. Der Erfolg sst zweifelhaft. Der Wahlkampf hat jedenfalls ber Besserung der beutsch-englischeu Beziehungen großen Abbruch getan.

Die Türkei kommt aus ben Sorgen nicht her­aus. Soeben hat man ein neues Kabinett zustande gebracht, indem man dem türkischen Botschafter in Rom, Hakki Bei, zur Entwirrung ber Lage herbeige- rufen hat. Damit war bann wenigstens eine Sorge beseitigt. Aber eine andere naht sehr schnell. In Nordasrika hat man zwischen Tunis unb dem türki­schen Besitz natürlich noch keine genauen Grenzen, zumal bie Gegend dort vielfach kaum bebauungswür­dig ist. Dort ist nun ein Streit zwischen Frankreich und der Türkei über die Grenze ausgebrochen, der anscheinend weitere Wellen wirft.

Ein Plan, der die Großmächte in die Lage brin­gen wirb, ihre Stellung zur Politik im fernen Osten darzulegen, ist von dem nordamerikanischen Staatssekretär Knox der Oeffentlichkett unterbreitet worben. Die von Japan und Rußland in Angriff genommene Mandschureibahn soll nut internationalen Mitteln zurückgekaust und als neutrale Bahn in den Schuh Chinas gestellt werden. Rußland, das doch nicht mehr viel in der Mandschurei zu sagen hat, scheint ben Vorschlag zu billigen. Ganz entrüstet darüber sind natürlich bie Javaner, deren Erobe- rungspläne in ber dortigen Gegend gestört würden, wenn die Neutralisation ber Bahn zur Durchführung käme.

V Zur SchrUauffichtssrage.

IIL Die Rektors n- und Hauptlehrer frage.

B.

Nunmehr gehen wir über zu einer Prüfung der angeführten Gesetze, Ministerialerlasse und Dienst­anweisungen bezüglich ber Rektoren und Hauptlehrer.

Die Lehrer haben für ihre Standesinteressen seit Jahren einen entschiedenen Kampf geführt. Der Kamps War, soweit er in gesetzlichen unb maßvollen Formen sich bewegte und berechtigte Ziele verfolgte, durchaus nicht zu mißbilligen. Dieser Kampf hat die Lehrer auch zum Siege geführt. Sie Baben ihre materielle Lage verbessert durch bie Herbeiführung einer einheitlichen unb im großen Ganzen zufriedenstettenden Gehalts­aufbesserung. Sie haben auch ihre ideale Lage, ihr Ansehen unb ihre soziale Stellung in der Gesellschaft und im Staate in ganz hervorragender Weise zu he-

Posten sei, usw. Wagt er zu widersprechen, so labet er sich schließlich den ganzen Zorn unb Aerger auf sein Haupt ab. — Das Seitenstück zu einer solchen unzufriedenen Frau liefert ber „Klagemann", bet bei seiner Heimkehr in den Familienkreis keinen besseren Gesprächsstoff kennt, als die Aufzählung aller Unannehmlichkeiten und Ungerechtigkeiten, bie ihm in feiner Berufstätigkeit oder im gesellschaftlichen Verkehr zugestoßen sind. Ach, was so ein Mann alles auszustehen hat; da hat ihn dieser oder jener hoch- mütige Mensch nicht rechtzeitig oder nicht respektvoll genug gegrüßt; der Vorgesetzte oder Brotherr hat ihm eine lästige Arbeit aufgebürbet, während die Kol­legen, diese Liebediener, viel besser wegkommen; im Geschäft geht es flau, woran die abscheuliche Konkur­renz schuld ist; der Schulze bezahlt nicht pünktlich und die Frau Mever erlaubt sich sogar Ausstellungen an den Waren; bie Lehrlinge sind faul unb die Gesellen sind ftech; der Bürgermeister verwaltet die Gemeinde ganz falsch, und ber Bürgerverein besteht aus Eseln und Ochsen, die von „meinen'' Anträgen nichts wissen wollen; ber Lehrer ist ungerecht gegen unseren Jun­gen und ber Doktor hat eine steche Anspielung ge­macht, als ob wir die Kinder nicht früh genug ins Bett schickten. Kränkungen über Kränkungen! Wie kann em Mann mit so hochentwickeltem Selbstbewußt­sein das aushalten? Er muß seinem Aerger Lust machen; er will aus einem anderen Munde hören, daß ihm tatsächlich schweres Unrecht geschieht. So gerät er and) ms Klagen, Schelten und Kessen. Er verbittert sich das Leben und seinen Angehörigen auch, obschon es ihnen allen eigentlich ganz gut geht.

Solche Leute kommen mir vor wie bet Besitzet eines Rosengartens, der keine Zeit hat zum Genießen des Blumenflors und seines Dustes, sondern nur mit verdrießlicher Miene den Blattläusen unb Räupchen seine ganze Aufmerksamkeit widmet. Freilich, bas Ungeziefer muß bekämpft werben, aber habet kann man auch noch fingen: Pflücket bie Rose usw. Die kleinlichen Mißhelligkeiten im alltäglichen Leben Ms- sen überwunben werben; doch braucht man sich durch solche belanglosen Zwischenfälle nicht das ganze Leben zu verbittern und den Genuß der guten Be­scherungen zu vereiteln.

Hinter dem geräuschvollen Kamps gegen die Fliege an bet Alltagswand steckt nichts heldenhaftes oder im*

ben verstauben. Ein drittes aber ersehnen sie noch:; Größere Selbständigkeit in bet Ausübung ihres Amtes, größeren Einfluß auf ben Betrieb ber Schule. Wit sprechen eS offen aus, baß Wit diesen Wunsch nach einer Hinsicht voll unb ganz billigen; nach einer an­deren Hinsicht freilich müssen Wit ihn als undurch­führbar erklären.

Es ist durchaus zu billigen, wenn bie Lehrer die Forderung erheben, daß auch ihre Stimme bei bet Gestaltung des Volksschulweseus gehört werde; das ist berechtigt erstens von feiten ber Lehrer und zwei­tens von feiten ber Schule. Die Lehrer setzen ihre ganze Kraft für bie Schule ein, tagtäglich widmen sie der Schule ihre beste Zeit, ihr Interesse, ihre Liebe unb Hingabe, und bie weitaus größte Zahl der Leh­rer tut es nicht bloß um des Lohnes willen, fonbern noch mehr ausBegeisterungfürdieSchule, aus Liebe zur Jugend, auB Eifer für die Bildung und Erziehung bes kom­menden Geschlechtes, aus Vaterlands­liebe und Religiosität. Wir können unse­ren Stiftern und Lehrerinnen hierfür nicht genugsam Dank und Anerkennung zollen. Und aus diesem Grunde haben alle Rechtlich- und Billigdenkenden den Lehrern und Lehrerinnen die Gehaltsaufbesserung unb bie StandeSerhöhung von Herzen gegönnt und stehen ihren berechtigten weiteren Wünschen sympathisch ge­genüber.

Aber auch vonseiten ber Schule ist es burchauS zu billigen, daß ben Lehrern ein größerer Einfluß auf die Gestalttmg des Schulwesens gewährt werbe. Familie, Kirche unb Staat, die drei an ber Schule beteiligten Faktoren, sind der Gefahr ausgesetzt, bet ihren Bestimmungen über das Schulwesen sich manch­mal mehr von ZweckmäßigkeitSrücksichten als von pädagogischen Gründen leiten zu las­sen; das kann selbst bei den kirchlichen Organen zu Tage treten. Und so kann es Vorkommen, daß von geistlichen und weltlichen Behörden Forderungen an die Schule gestettt, Anordnungen getroffen werden, die praktisch undurchführbar ober verfehlt sind; bet Lehrer hingegen, bet jeden Tag in der Schule lebt unb Webt, ber die Kinder, ihren Bildungsstand, ihre Bildungsbedürfnisse, ihre religiösen und sittlichen Ge­fahren oft besser kennt, als trgenb ein anderer, er kann viel besser Wissen unb beurteilen, was für die Schule nötig und möglich, durchführbar und ersprießlich ist. Darum ist den Lehrern eine wirksame Anteilnahme an der Gestaltung des Schulwesens auch im Interesse der Schule einzuräumen.

Aber mißbilligen muß man die Forderung extre­mer Bolkserzieher, die sich in das Schlagwort kleidet^ „bie Schule den Pädagogen". O nein, bie Schul« ist an erster Stelle eine Hilfsanstalt ber Familie, der Kirche und des Staates, wie wir bas früher bewiesen haben. Diese drei Faktoren müssen, jeder nach -dem ihm zustehenden Rechte, immer und überall ben mafjgebenben Einfluß auf bie Schule behalten, wenn nicht das Naturgesetz und ba8 christliche Gesetz' zu Schaben kommen sollen. Nicht also gehört bk Schule ben Pädagogen allein, wie sie auch nicht dein Staate allein gehört, sondern Familie und Kirche, Staat und Lehrerschaft zusammen sollen, jeder nach dem Maße der ihm nach Recht und Billigkeit zustehen­den Ansprüche, .auf die Gestaltung des Schulwesens Einfluß haben. Hierüber müssen diese vier Faktoren eine Einigung herbeiführen.

Wie sott aber diese Einigung des näheren auS- fehen? Aus welchen Grundlaaen die Einigung zwi­schen der Familie unb Kirche einerseits unb, dem Staate andererseits beruhen müsse, haben wir' früher ausgesühri; auf welchen Grundlagen sie mit den Lehrern vereinbart werden könnte, soll jetzt zur Sprache kommen.

Der Lehrer nmß sich bewußt bleiben, baß die ge* tauften Kinder, die ihm zum Unterrichte und zur St-'

posautes, sondern nur Schwäche, die von ben Un­beteiligten nur zu leicht durchschaut wirb. Solche Klageweiber beiderlei Geschlechts gleichen ben kleinen' Kindern, die über ein Steinchen stolpern und dann' jämmerlich schreiend liegen bleiben. Der Vorüber­gehende lächelt unb sagt: Steh nur auf unb geh wei­ter, es ist nicht so schlimm!

Bei ben Erwachsenen wirb freilich bie Sache schlimmer, wenn die Heulmeierei wegen Kleinigkeiten' sich zur Gewohnheit ausbildet. Dann nimmt die vor-' handene Schwäche immer noch zu, bie Widerstands­kraft gegen unangenehme Zwischenfälle wird fortwäh»; renb geringer, und kommt bann einmal eine ernste Prüfung, so bricht der halb verbrauchte Mensch zu-' sammen.

Es tfl ja nicht immer leicht, über einen kleinliche» Aerger schnell Hinwegzukommen. Witt sich bet mir so eine Nadel durchaus ins Gehirn hineinbohren, so denke ich mir: Wenn jetzt einmal meine Frau oder ein Kind von einer gefährlichen Krankheit befallen würben, ober wenn ein toller Hund mich gebissen hätte, ober wenn in der Stube Feuer ausbräche —’ würde ich bann noch einen einzigen Augenblick an die vorliegende Lappalie denken? Sein, ich würde sofort erlernten, daß sie gar nichts wiegt im Vergleich zu den Gutem, die mir der Himmel beschert und belassen hat. Mso fort mit dem Mißmut! Schluß der unge- müssichen Debatte! Es geht auch so ganz leidlich!

Des Lebens ungemischte Freude wird bekanntlich keinem Sterblichen zuteil. Etwas Verdrießliches mischt sich immer hinein. Wer wegen der unoermeib» lichen Dornen die Rosen vergißt ober verschmäht, ist ein Narr. Der kluge Lebenskünstler dreht bie Dinge so, daß die beste unb schönste Seite sich ihm zuwendet. Er soll nicht leichtsinnig sein, aber auch nicht schwer­mütig. Seine Widerstandskraft sott er nicht vergeuden im Kanonenkampf gegen Spatzen, sondern — soll sie zusammenhalten für den Ernstfall, wenn eine schwere Prüfung an ihn herantritt.

Immer ruhig, immer gelassen, immer gemütlich. Wegen eines Nadelstiches braucht man nicht mobil zu machen. Aber wenn einmal das Schicksal die Kriegserklärung überreicht, bann muß ordentlich mobil gemocht unb die ganze verhaltene Straft zur Abwehr eingesetzt werben. Jäger unb Soldaten sind schlecht erzogen, wenn sie baS Pulver vorzeitig verschwenden.