Zuldaer W
3.ÄJL wochmbeil-se: Illustrierte Soimtagzzeitung
37. Jahrstanc;
Fulda. Samstag den 15. Ionuar 1910
Erstes Matt
der
Aurnahm« »er $*Jn» Mitb Feiertage Wertei« jährlicher Ver«g5preir ohne «rkngerlshn und Bestellgeld inZlstdaic,- wk auswärts X. 50 mt.
verantw. Redakteurr «art Schütter
schichte doch nicht so sehr zu Herzen gehen. Man kann ja anderswo auch leben, es muß nicht gerade hier auf der Mühle fein/
Er schüttelte trübe den Kopf.
.Dn weißt nicht, was das heißt, das verstehst Du noch nicht so. Du bist ein gutes Kind und willst mich trösten, — aber ich sage Dir, ich kann mich anderswo nicht eingewöhnen/
Er streichelte ihr Haar, was er noch nie getan, seit sie hier war. Er erschien ihr so weich gestimmt, so anders als sonst.
.Du hättest nicht nach dec Mühle kommen sollen, armes Kind", begann er nach einet Weile wieder. „ES tut mir leid, daß Du all den Kummer mit duich- machen mußt, ich hätte Dir gern etwas besseres gegönnt/
Gerda schmiegte ihre weiche Wange an fein runzelvolles Gesicht.
„ES ist doch gut, daß ich kam, Großvater. Jetzt werde ich für Dich arbeiten und sorgen, Du sollst eS gut haben, ick bin jung und stark, es wird alles wieder gut werden!"
Als sie bann später in ihrem Bette lag, konnte sie keinen Schlaf finden. Tausend Gedanken durchkreuz- ten ihren Kops, unruhig warf sie sich hin und her. Immer mußte sie an Alfred denken, an das Bild, daS sie heute gesehen an den Kmmner, den et allein tragen mußte. — „ES soll ihm sehr schlecht gehen", — hatte Viktor Bolz heute gesagt; .nenn er hätte ahnen können, wie diese Worte sie getroffen. Seltsam, daß sie ihre Gedanken nicht loSzureißen vermochte.
Sie richtete sich im Bett auf. lieber ihr klangen Schritte. Der Großvater, den feine Sorgen wahrscheinlich auch nicht zur Ruhe kommen ließen, begann wieder bin und her zu wandem, wie so oft schon In diesen Wochen. Gerda lauschte mit angstvoll klopfendem Herzen. Immer auf und ab dröhnte sein Schritt — sie füllte ein unsägliches Mitleid mit der Oual des alten. Wenn sie ihm doch helfen könnte! Sie dachte an den Rat, den Rofel heute ersonnen. Wenn sie doch mit Viktor Volz spräche, er könnte, wenn er wollte, die Sache regeln, denn er sollte sehr reich fein.
△ Z«m Konflikt irr Elsatz-Loth- rrngen.
Nachdem früher der Briefwechsel zwischen dem Staatssekretär Zorn von Bulach und den Bischöfen Fritzen und Benzler verösfenllicht worden ist, hat die Regierung jetzt noch die daran anknüpsenden Schreiben des Statthalters Grasen Wedel mitsamt den bischöflichen Antwolten der Oeffentlichkrlt übergeben. Allzu viel Neues erfährt man ans ihnen nicht. Wohl aber kann man aus den Aktenstücken entnehmen, daß der Str ei t noch in keiner Weise beigelegt ist. Die Mitteilungen von einem Nachgeben dec Regierung, welche die „Franks. Zig." verbreitet hatte, entsprechen also nicht den Tatsachen.
Die Veröffentlichung des offiziös 6t bienten Wolfs- fdjen Tel.-Büros, auf Grund der wir gestern über
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 14. Januar 1910.
Aus der Tagesordnung steht die Fortsetzung ersten Beratung der
Justizgesetze.
den Briefwechsel berichteten, zeigt bedauerliche Lücken. Wir müssen deshalb auf den gesamten Schriftwechsel noch einmal zurückkommen:
Als die beiden reichsländischen Bischöfe die Lehrer warnten, dem Allgemeinen Deutschen Lehrerverein beizutreten, machte der S t a a 13 f e l re t ä t den Bischöfen Vorhaltungen. Mitteilungen an die Lehrer feien nur auf dem Dienstwege zulässig, und die bischöfliche Einwirkung auf die katholischen Lehrer enthalte einen Eingriff in den Bereich der staatlichen Bestigniffe. Worauf Bischof Fritzen und ähnlich Bischof Benzler mit der Richtigstellung erwiderte, daß außer den staattichen Gesetzen die katholischen Beamten und Lehrer kirchliche Pflichten zu erfüllen haben, „in Bezug auf welche sie ihren kirchlichen Vorgesetzten unterstehen".
Darauf griff nun der Statthalter Graf v. Wedel ein. Er erklärt in einem Schreiben vom 9. Januar:
daß die an die Lehrer gerichtete bischöfliche Mit- teilung nicht im Einklang stehe mit dem in Elsaß- Lothringen geltenden Staatslirchenrecht. Gegen die von den Bischöfen beanspruchte Befugnis muffe er um so ernstere Verwahrung einlegen, weil ihre Anerkennung 6te kat doli ich en Beamten des Landes bei der Ausübung ihrer dienstlichen Pflichten und staatsbürgerlichen Rechte in Gewiffenskonstitte treiben könnte. Der Anschluß der elsaß-lothrmgffchen Lehrer an den Deut- lchen Lehrerverein sei weder eine religiöse noch eine kirchliche Angelegenheit. Es handelte sich dabei um Fragen» die die Berufstätigkeit und die Standesinteres- ien der Lehrerschaft als solcher betreffen. Eine derartige Angelegenheit aber falle in das Gebiet der Staatshoheit. Dte Regierung hätte keinen Anlaß den Beitritt der Lehrer zum Deutschen Lehrerverein zu beanstanden, auch seien dessen Bestrebungen seines Wissens nicht gegen die katho tische Religion gerichtet. Der Statthalter verweist out die „unhaltbaren Zustände", zu denen die bischöfliche Auffassung führen müsse. Es würden die kirchlichen Behörden das Recht herleiten können, Lehrern und Beamten nicht nur in außerdienstlichen, sondern auch in dienstlichen Ange- legenheiten, sofern nur ein mittelbares oder vermeintliches kirchliches Jntereffe geltend gemacht werden könnte, Berhaitungsmaßregeln zu erteilen, was em biretter Eingriff in die dem Staate zustehende Disziplin Über seine Beamten fein würde. Er bedauere, daß der Artikel des .Schulfreundes' mit seiner Verunglimpfung der Lehrer als Mittel dec Einwirkung gewählt worden sei, und schließt, daß dem Frieden am besten gedient sei, wenn, wie es die Regierung tue, auch die kirchlichen Behörden ihre Grenzen nicht überschreiten.
Am 10. Januar erfolgte die Erwiderung des Bi- fchofs Fritzen.
Er »führt darin auS, daß er die Förderung des friedlichen Zusammenwirkens der beiden Gewalten zum Wohle des Vaterlandes als eine der vornehmsten Pflichten seines Amtes erachte, und daß insbesondere ferner Mitteilung an die katholischen Lehrer durchaus nicht die Absicht zugrunde lag, auf die staatlichen Befugnisse überzugreisen, ©eine Auffassung von dem Verhältnis aller Katholiken zum kirchlichen Hirten- und Lehramt sei aber die offiziell e dogmatische Lehre der Kirche. Die Möglichkeit gcgeniätzlicher Auffassungen aus staatlicher und kirchlicher Seite sei gegeben. Schwierigkeilen könnten aber jeweils bei gutem Willen und freundlichem Entgegenkommen gelöst werden. Der Bischof hebt hervor, daß feine Mitteilung an die Lehrer nicht deren dienstliches Verhalten betroffen habe, und behauptet weiter, daß die Tendenzen des Deutschen Lehrervereine gegen d i e christliche Religion gerichtet feien. Dies sei zwar nicht in den Statuten, aber in schriftlichen und rednerischen Aeußerungen hervvr- geireten. Der Brief führt eine Reihe von Kundgebungen aus dem Bereich des Allgemeinen Deuljcheii Lehrervereins an, die unseren Lesern bekannt sind. Angesichts dieser Tatsachen stehe wohl außer Zwetsel- daß der Allgemeine Deutsche Lehrerverein aus dem religlö-kirchlichen Gebiete Bestrebungen an den Tag lege, die den katholischen Glauben aufs schwerste zu gefährden geeignet sind. Ohne irgendwie die bürgerliche Freiheit der Lehrer und deren staatsbürgerliche Rechte antasten zu wollen, habe er nur diese antireligiöse Tendenz des A. D. L.-V. im
sehen! Schämen sollte er sich, das arme Mädchen fo zitm Narren zu haben!"---
„DaS hätte ich aber von dein nicht gedacht", meinte Mosel nachdenklich. „Ja, ja, die Männer find zu fchlechk heutzutage."
„Wo ist der Großvater jetzt?" begann Gerda wieder.
„Er ist gleich in feine Schlafftube gegangen", berichtete die Alte. „Als er aus dem Dorfe zurückkam, da machte er so verstörte Augen, daß ich mich fast fürchtete und gab mir auf, alles vorzubereiten, denn wir müßten mm bald fort von hier. Die Mühle würde verkauft, er fei ein Bettler, ein Faulenzer, der nichts mehr tauge. „Und hat fein Lebtag fleißig gearbeitet", fügte Rofel hinzu. „Freilich fett dem Unglück ist er ein anderer geworden, er ging dem Geschäft nicht mehr fo nach wie fonft, es freute ihn halt nichts mehr, als die Trudel tot wat. Aber das ist nun nicht mehr zu ander»."
Gerda ging, den Großvater auszusuchen. Sie wußte zwar selbst nicht, was sie ihm sagen sollte, um ihn zu trösten, aber vielleicht fiel ihr doch etwas ein. Sie stieg die steile Treppe empor und horchte an der Türe. Kein Laut irantg zu ihr. Drinnen rührte sich nichts Eine ungeheure Aitgst befiel sie plötzlich. Oie drückte auf die Klinke. Drinnen war der Riegel vorgeschoben.
„Großvater!" flehte sie angfwoll.
Alles blieb still wie zuvor. Sie pochte und rief immerzu: „Großvater, mach doch auf, ich binS ja, die Gerdas Ich habe so große Angst!"
Endftch ließen sich schlürfende Schritte vernehmen, der Stieget wurde zurückgeschoben, Gerda trat ein. Sie erschrak über dir Veränderung, die mit dem alten Manne »orgegangen. Seine Augen tagen tief in den Höhlen, die Wangen waren eingefallen, er sah aus, cüs vermöchte er sich nur mit Mühe aufrecht zu erhalten. Gerda fühlte einen schmerzenden Stich im Herzen. E» tat ihr weh, den Alten so sehr leiden zu sehen, ohne helfen zu können.
„Lieber Großvater, Du mißt nicht so traurig fein', bat da» htnat Mädchen weich. „Laß Dir die Gr-
Ada. Dr. Wagner (kons.s: Der Entwurf bringt alS eine wichtige Neuerung die stärkere Heranziehung deS Laienelements zur Rechtsprechung, nur hatten ww gewünscht, daß das Laienelement auch in die Be- rusungsinstanz ausgenommen wäre. Dte Berufung gegen das Urteil der Strafkammern rotrb wohl allgemeine Zustimmung finden, ntcht aber dte Zusammensetzung deS Berufungssenats Ein großer Test meiner politischen Freunde wenigstens wünscht, daß der »enifungSfenat als Schöffensenat eingelötet würde. Heber die Art der Zusammensetzung könnte man ja reden. Die Botschrislen über das Verfahren aeaenIugendlichefinden unseren vollenBeijall,desgletchen die Einschränkung der O essentlichkeit in Beleidt- aungs- und Skanvalprozessen, nur müßte das Gericht dafür sorgen, daß in Fällen, wo die Oeffentlichkeit aus- aefchtoffen ist, auch nichts in die Presse gelangt Lrotz mancher Bedenken bildet der Entwurf eine gute Grundlage für die weiteren Verhandlungen. Ich bean« trage Verweisung an eine Kommission von 28 Mit- obesetn. (Lebhafter Beifall.) .
Abg. Dr. Heinze (natl.); Die Zuziehung der Laien zu der Rechtsprechung der Strafkammern »st eine Solitische Notwendigkeit, nur müssen sie auch zu der lernfungSinstcmz zugezogrn werden. Zu begrüßen ist die Einschränkung des Legalilätsprinzips, ebenso der Versuch der Regelung des Gerichtsverfahrens gegen Jugendliche. Dem Antrag der Verweisung der Vorlage an eine 28 gltebrtgt Kommission schließen wir uns an. (Bravo! b. d. Natl.)
Preußischer Justizminister Beseker: Im großen und ganzen hat die Vorlage bet ihrem Bekanntwerden eine recht beifällige Ausnahme gefunden. Der Zuziehung der Laien auch zu der Berufungsinstanz stehen schwere Bebenken entgegen. Die Tätigkeit des Berufungsgerichtes ist eine wesentlich andere, als dir des Gerichts erster Instanz, und es würde ein äußerst bedenkliches Experiment sein, ohne ausreichende Erfahrungen Laien zu dieser Art richterlicher Tätigkeit zuzuziehen. Auch würde eS wohl Schwierigkeiten machen, eine genügende Zahl geeignete Laienbeisitzer aufzutreiben.
Abg. Grorber (Ztr.): Wir sehen in der Vorlage i. N'ichluß und den Erfolg der Bemühungen des Z.t.^ams und des Freisinns um eine durchgreifende Reform der veralteten Strafprozeßordnung. Aus Einzelheiten der Vorlage will ich nicht eingehen. Wichtig ist vor allem, zu untersuch«,^ »b eS nicht ent» Segen der Meinung des Herrn Justizministers möglich t, daS Laien eie men t auch in der Berufungsinstanz hineinzuziehen. Unsere ganze Entwickelung in unserem Rechtswesen drängt aus eine stärkere Heranziehung des Datenelementes hin. (Sehr richtig!) Dann aber haben die Laien eine viel bessere Fühlung mit den Volkskreisen, denen der Berufsrich-er fern- steht. (Sehr richtig!) Auch bringt der Laienrichter jedem einzelnen Fall ein weit größeres Interesse entgegen, als der Berussrichter, der Tag für $ag mit solchen Dingen zu tun hat. (Sehr richtig!) Ans all diesen Gründen gewinnt durch die Zuziehung des Laienelementes das Vertrauen znr Unparteilichkeit un- ferer Rechtsprechung. Warum sollen nun diese Vorzüge nur der ersten Instanz zugute kommen und nicht auch der zweiten? Das wäre em innerer Widerspruch und würde bedeuten, die ungleiche Organisation der Strasgerichte, wie wir sie jetzt haben, fortbestehen zu lassen. Die hiergegen geltend gemachten Bedenken kann ich als berechtigt nicht anerkennen. Dadurch, daß eine große Zahl von bisher schöffengerichtlichen Etraffällen künftig vom Amtsrichter behandelt werden, wird eine bedeut ende Entlastung für das Bedürfnis an Schöffen eintreten, und außerdem werden durch die Einführung von Tagegeldern K Schössen in Zukunft auch solche Personen sei Amt übernehmen können, die es bi8l)er wegen der Baratt verbundenen materiellen Opfer nicht konnten. Die Schwurgerichte sollen »ach Ansicht meiner politischen Freunde neben den Schöffengerichten bestehen bleiben. Gegen die Durchbrechung des Lega-
litätSprtnzips bei der Staatsanwallschaft muß ich doch ganz erhebliche Bedenken gellend machen. Wenn der StaatSauwaU eS in einer ganzen Reihe von Fällen in der Hand haben soll, ob er Anklage erheben soll »bet nicht, so wird ihm damit eine Entscheidung zugemutet, die in einer allseitig als gerecht anerkannten Weise zu treffen er kaum in der Lage fein wird. (Sehr richtig!) Die Strafverfolgung bei ttebertretung der Vorschriften der Gewerbeordnung über die Sonn- tagshetltguug wird Henle vielfach zu lax gehandhabt, und dieser Punkt wird in der Kommission besonders eingehend geprüft werden mässen, i Beifall iw Ztr.) Auch die vorgeschlagene Regelung der Stellung der Staatsanwaltschaft im Vorverfahren wird enter sehr «rundlichen Nachprüfung bedürfen. Bei den Berhand- lungen der Jugendgericht sh öse ist die Oeffentlichkeit nach Möglichkeit einzuschränken. Der Forderung, Frauen alS Schöffen zu diesen Gerichten zuzuziehen, muß ich mit aller Entschiedenheit entgegen« treten. Wo eS gilt, das Recht zu sprechen, da gehört die Frau nicht hm, dazu gehört der harte und gerechte Sinn des Mannes. (Beifall.) Die Forderung, daß, wenn bet einer Verhandlung die Oeffentlichkeit ausgeschlossen wird, auch die Presse auszuschließen ist, haben meine politischen Freunde bereits zum Gegenstand eines Jnitiativanttags gemacht. Die Ver- befferung der Stellung der Redakteure in Ansehung chres Zeugnisververweigermigsrechts ist mit Freuden zu begrüßen, ebenso daß das Fragerecht nach den Vorstrafen künftig milder gehandhabt werden soll. Söffentlich gelingt es, in gemeinsamer Arbeit zum
ohle des Balerlanses ein gutes Gesetz in der Kommission zustande zu bringen. (Lebhafter Beifall int Zentrum.) „ .
Abg. Dr. Rilkler-Meinmgen (frs. Bp.): Bezüglich der Zuziehung des Laienelements stehe ich auf demselben Standpunkt wie mein Vorredner. Ich begrüße die Beibehaltung der Schwurgerichte, denen auch Preß- prozeffe zugewiefen werden müßten. Mit der Beschänkung desLegalilätsinftttuls sind wir einverstanden, aber dieses Recht muß das Gericht bekommen. (Sehr richtig! links!. Ganz besonders reformbedürstig ist das Jnsticut der Slaatsanwallschaft und des ganz unüberflchllichen Polizeirechts. Sehr bedenklich erscheint mir in der Vorlage die Verschlechterung der Beweisführung und wenn diese nicht beseitigt wird, ist die ganze Vorlage für die freisinnige Fraktionsgemeinschaft unannehmbar. (Beifall links). Der Zeugniszwang für die Presse hätte ganz beseitigt werden können. (Sehr richtig!) Auch bie Abgeordneten sollten davon ganz befreit weiden. Wir hoffen, daß in der Kommission ein Gesetz zustande kommt, dem auch wir freudig zustimmen lönnen. (Lebh. Beifall links.) ,
Abg. Barenhorft (Rp.): Der abfälligen Kiltck des Vorredners kann ich mich nicht anschließen. Die Re« form bringt unbestritten große Verbesserungen. Im großen und ganzen können wir uns mit der Vorlage einverstanden erklären. (Beifall.)
Abg. v. Dzitmbomski-Pomian (Pole): Es ist zu bedauern, daß diese hochdedeutfame Vorlage fo wenig Interesse gefunden hat. Daß in weilen Kreisen ein tiefgehendes Mißtrauen gegen die Richter, namentlich in den Strafkammern herrfchk, kann ich mir bestätigen, namentlich in der polnischen Bevölkerung, der manRichter aufnötigt, die nicht einmal der polnischen Sprache mächtig find. Wir behalten uns deshalb vor, eine Erweiterung des Ablehnungsrechts zu beantragen. Im übrigen werden wir gern an der Kommisüonsarbert mitroirten.
Samstag: Fortsetzung und Inlervellationen.
Schattenblume.
27] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
Fast atemlos langte Gerda auf der Mühle an. Rofel empfing sie mit verweintem Gesicht.
„Um Gotteswillen, Du hast geweint, — was ist denn geschehen?" fragte das junge Mädchen angstvoll.
„ES hilft nichts, — erfahren mußt Du es doch", stammelte die Alte, wahrend sie die Schürz« vor das Gesicht hielt und in bitterliches Schluchzen ausbrach.
„Wir müssen nun fort von hier, die Mühle wird verkauft! Vorhin sagte es mir der Müller. Niemand will ihm das Geld vorstcecken, das ihn retten könnte. \— Diese hartherzigen Menschen — nichts ist imstande, ihren Sinn zu ändern! Sie haben eS darauf abgesehen, den armen Müller zu Grunde zu richten." j „Fort von hier — aber wohin?" fragte Gerda, die sehr blaß geworben war.
„Das weiß ich noch nicht, Dein Großvater ist tote "geistesabwesend, ich konnte gar nichts mit ihm an- fangen. Und er hat doch immer feine Zinsen punkt- lich bezahlt, nicht einen Tag zu spät. Run behauptet der Wirt, das Kapital nicht mehr länger entbehren zu können. Der Müller überlebt die Schmach nicht, wenn sein Anwesen zwangsweise verkauft wird/
„Aber liebe Rofel, es muh doch einen Ausweg heben!" jammerte Gerda.
f „Ja, sobald einer kommt und leiht dem Müller .daS nötige Geld, dann ist ihm geholfen. Weißt Du, neulich — erzählte ich dem Herrn Mktor Bolz vou ^unserer Rot und er fprach davon, uns auS der Klemme Reifen zu wollen. Aber ich glaube, er hat es schon wieder vergessen. Du kommst ja doch öfters mit ihm Zusammen, da könntest Du wohl nebenbei eine Bemerkung machen, daß es für feine Hilfe jetzt höchste -Zeit wäre."
> „Ich? — Nein, das tue ich nicht! — DaS kmm nicht!" stieß Gerda hervor. „Viktor Bolz ist auch sticht besser als alle anderen! Ek- liebt Ada Helldorff, HM sich mit ihr demnächst verloben, und scheut sich Mcht- dabei — andere mit verliebte« Sluaen anru-
roie die Leute sagen. Aber nein, daS wollte ste nicht, waS sollte er von ihr denken.
Stunde um Stunde verrann.
Gerda wurde immer erregter, an Schlaf war nicht zu denken^ endlich schimmerte «S hell durch die Läden. Sie vermocht- eS tm Bett nicht mehr auszuhalten. Sie stand auf, warf ihr Kleid über, schlug die hölzernen Läden mrück; dann setzte sie sich still an daS offene Fensür Die frische Luft tat ihr wohl, st« wurde ruhiger. Der Dörgen dämmerte bereits herauf, hie und ba vernahm man schon eine leise zwitschernde Vogelstimme, ein neuer Tag begann. —
Das Geräusch der Schritte über ihr wollte noch immer nicht verstummen.
Gerda hielt die Hände im Schoß und blickte hinaus ans den füllen Hof, wo sich noch nichts rührte.
Lange faß sie fo. Plötzlich sah ste eine Gestalt daherkommen und auf daS Haus zugehen. Sie erschrak.
„Hat die Rosel wieder ba8 Hoftor zu schließe« vergeffen," murmelte sie. „Aber daran ist eben der Kummer schuld, sie dentt an nichts anderes mehr — —" Gerda brach ihr Selbstgespräch ab, denn sie erkannte den Näherkommenden; — eS war Egon Helldorff. — Rasch versuchte sie sich zurückzuziehen, fie wollte jetzt nicht von ihm gesehen werden, aber et hatte sie schon bemerkt und winkte ihr eifrig zu. Er sah bleich und übernächtig auS, seine Wäsche war zerdrückt und daS Haar hing ihm unordentlich in dir Stirn. Er lüftete den Hut und fuhr sich rasch durch daS dichte Haar. Er schi-m sich mit Gewalt zusarn- mrnzuraffen. Gerda beugte sich ein wenig vor, er rief ihr mit halöunterdrückter Stimme zu: „Guten Morgen, schöne Müllerin, bist Du schon auf? War daS nicht ein famoser Einfall von mit, im Vorbei- gehen hier vorzusprechen?"
Sie winkte ihm, leise zu reden, und sagte: „Welch, Unvorsichtigkeit, hierherzukommen! Wenn uns je-' mand jähe! Der Großvater hat schwere Sorge«, et’ schläft nicht. Du mußt sogleich wieder fort! Die Rose! steht auch immer schr frühe auf, ich bitte Dich — gehe, — was soll sie denken, wenn sie Dich hier steht!' —
(Fortsetzung folaM
-»zrige«: dte et» spalttge Petitzeile oder deren Raum (8 pfg. NeNamendrepetttzeile 25 Pfg., bei Wiederholungen wird entspr.
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MoNatsLellage: „Zuldaer Geschichtrblatter Zernsprecher Ht.9.
Auge, als er die Mitteilung an die katholischen Lehrer richtete, deren Beitritt zu diesem Verein nach seiner Auffassung die schwerste Schädigung für die Orthodoxie des kalbolische« Religionsunterrichtes und somit allerdings auch unabsehbare Schwierigkeiten sowohl ür die Schulverwaltung, als auch für die kirchlich« Behörde beiürchten lassen. Die Form des Schulfreund- Artikels billige er nicht in allen Einzelheiten, und ex habe katholische Lehrer in keiner Weife verletzen wollen.
Auf diesen Brief folgt das gestern telegraphisch gemeldete zweite Schreiben des Statthalters, worin eingangs der friedliche Geist beS bischöflichen Schreibens anerkannt wird. In eine Erörterung über bie Tenbenzen beS deutschen Lehrervereins ein- zntreten lehnt baS Schreiben ab und macht barauf aufmerksam, daß ben Ortsgeistlichen ja die Aufsicht über ben Religionsunterricht in der Schule zustehe. Die Regierung muffe unbedingt an ihrem Stand- punkt festhalten und werde ihn gegebenenfalls mit aller Entschiedenheit vertreten. Der Statthalter betont nochmals, daß die Grenzen zwischen staatlicher und kirchlicher Gewalt bei dem Vorgehen der Bischöfe nicht gewahrt worden seien.
Auch aus dieses «schreiben sandte der Brschos von Straßburg eine Erwiderung.
Er stellt darin als eine sichere Gewähr für dw Erteilung eines rechtgläubigen Religionsunterrichts und für die Erziehung zum christlichen Leben, in erster 8inU die gläubige Heberzeugung der Lehrer hm und begrüßt mit lebhafter Genugtuung die mit seiner Ansicht Übereinstimmende Aeußerung deS Statthalters, daß etwaige gegensätzliche Auffaffungen auf staatlicher und lirchlicher Sette durch beiderseitigen guten Willen und freundliches Entgegenkommen auf zufriedenstellend, Wecse gelöst werden können. Wie die Regierung an ihrem Standpunkt unbedingt festhalte, so dürfte eS auch ihm nicht verübelt werden, we m er an dem bereits früher bargelegten Standp unkt festha1t, » müsse. Er könne nicht anerkennen, daß er durch 6t, Warnung an die katholischen Lehrer, bet der nur di, religiöse Seite die Frage im Auge hatte, die Grenze» der bischöflichen Gewalt überschritten habe. De« Bischof schließt, daß nach beiderseitigem MemungS- austausch bei der Verschiedenheit der Gesichtspunkt« schwerlich ein anderes Ergebnis i« de, Theorie zu erwarten sei, daß er aber trotzdem hoffe, der ungetrübte religiöse Friede« werde m M Praxis wie bisher auch in Zukunft dem Lande erhalt«! bleiben. ___ ... „
In der Sache ist der Konflikt zwischen R», aierung und Kirche durch den Briefwechsel zwischen Graf Wedel und Bischof Dr. Fritzen also feine8*. roegS deigelegt worden, die Gegensätze tu bex grundsätzlichen Beurteilung des Falles dauern un- verändert und unvermindert fort. Und es kann nur eine Frage der Zeit sein, dir diese GegensätzS in einem neuen Konflikt wieder auseinander prallen. Darum wäre eS zehr zu begrüßen, wenn der gegen» luärtige Fall eine grundsätzliche Verstau« oigung anbahnen könnte.
Eine solche Verständigung ist aber auf der Grund-, läge der von dem Statthalter vertretenen Anschau- ung nicht möglich. Es gehört zum Wesen der katho» lischen Krrchendisziplin, daß die Bischöfe in allen religiösen und kirchlichen Fragen, insbesondere ht allen das Glaubensheil angehenden Angelegenheiten Die Lehr« und Hirtengewalt haben, und dies, Lchr- und Hirtengewalt kann niemals vor dem Beamtencharakter des Katholiken Halt machen. Wer es verneint, daß die Bischöfe ihre beamteten Gläubigen vor einem nach ihrer Ansicht kirchen» und religionsfeindlicheit Vereine warnen dürften, der leugnet überhaupt die Existenz eines kirchlichen Lehr» und Hirtenamtes. ES ist das göttliche und natürliche Recht der Bischöfe, allen rhren Gläubigen, auch den Staatsbeamten tn religiös- sittlichen Angelegenheiten seelsorgerische Mitteilungen zugehen zu lassen. Die tatholffche Kirche muß sor- vrrn,daß dieses Recht von d er Staatsgewalt anerkannt und respektiert werde. Dies ist i» dem zur Besprechung stehenden Falle mcht gescheh«»,,
Rian mag es erklärlich finden, daß der Statthalter Graf von Wedel seinen Staatssekretär nicht