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Fulda, Freitaq den 14. Januar 1910.

10.

37. Jahrqang.

Zweites Wtcrtt.

ö Die „ernste Ausgabe".

Die mit Spannung erwartete Thronrede zur Er­öffnung der preußischen Landtags hat uns nicht klü­ger darin gemacht, was die angekündigte Wahl­rechtsreform bringen wird. Der lakonische Hin­weis auf die „ernste Aufgabe* enthält keine näheren Angaben.

Nun, wir wissen sa schon so, daß die „Reform* iHe3 andere sein wird, nur keine Reform. Die von der Regierung veröffentlichte Statistik der letzten Wahl bezw. der Kommentar dazu meint recht deutlich, daß man da» „elendeste aller Wahlsysteme* für gar nicht so übel hält. Heute beruft sich alles auf Mittelstands­freundlichkeit, und so hat auch die Regierung glücklich das Sprüchlein gefunden: Da» Dreiklaffenwahlrecht hält die Mitte zwischen Plutokratle und Demokratie, also ist fie daS Wahlrecht des Mittelstandes.*

Auf die geheime Wahl ist nicht zu rechnen. Damit fällt auch unser Interesse an der Reform. Hier kann e» nicht heißen: Lieber etwas als nicht»! Hier handelt e» sich um einen Kardinalpunkt der ganzen Reform. Die geheime Wahl ist die unerläßliche Vor­bedingung, sie ist — wie der freisinnige Abg. Träger unlängst mit Recht sagte — nicht eine Forderung der Partei, sondern eine Frage der Gerechtigkeit, der öffentlichen Moral. Ohne geheimes Wahlrecht ist eine Reform nicht möglich, ohne dieses kann sich lieber die ganze Reform begraben lassen.

So wie die „Reform* dem Landtage vorgelegt wer­den wird, wird sie auf keinen Fall angenommen wer­den, aber tote schließlich bei der Beratung der Hase laufen wird, ist völlig ungewiß. Die Parteien stehen sich zumteil diametral gegenüber, andere welchen doch in wichtigen Punkten voneinander ab. Ohne Kon­zessionen wird es nicht abgehen. Aber wenn — wie eS unsere Forderung ist — die geheime Wahl Gesetz toitb, so wird sie nicht mit Ausnahme-Bestimmungen verkuppelt fein, durch die einem Teil der Staatsbür­ger minderes Recht zugckprochen wird. Das Zentrum weiß auS den Kattowiher Vorgängen, wie wichtig der Schutz des Wahlrechts für den Staatsbür­ger ist; es wird nicht das Schwert schleifen Hessen, das zu gegebener Stunde ohne Zweifel gegen feine eigene Brust gezückt werden würde Wir sind hinreichend gewarnt, und wissen unfern Gegnern Dank

Entschiedenen Widerstand erhebt das Zentrum ge­gen die liberale unb sozialdemokratische Forderung, daß die Wahlkreise ausschließlich nach der Kopf stärke der Einwohner neu eingeteilt werden sollen. Das wäre eine ungerechte Benachtei­ligung der ländlichen Bezirke und eine höchst bedenk­liche Bevorzugung der Großstädte. Die Staatsregie­rung wird auch gewiß nicht daran denken, mit einer solchen Wahlkreiseinteiluna daS ganze Land der Herr­schaft de» großstädtischen Liberalismus und der in den Industriezentren wurzelnden Sozialdemokratie auszu­liefern Sollte jemals eine derartige Neigung in den oberen Regionen bestanden haben, so ist sie gewiß durch die „Großblock*-Aergernisse der jüngsten Zeit ausge- räumt worden. Je ernster die Gefahr eines „Blocks von Wassermann bis Bebel* hervortritt, desto vorsich­tiger wird man bei der „Demokratisiemng de» Wahl­rechtes" fein, und ganz besonders bei der Entrechtung der ländlichen Wahlkreise.

Erne „ernste Ausgabe* hat der Kaiser die Wahl­rechtsreform genannt. Sie ist sehr ernst Der Libe­ralismus hat die Fahne entrollt mit der Parole: Ge­gen die „Reaktton* in Preußen. Wir verstehen die­sen Ruf: Nachdem im Reich die liberale Aera ban­kerott gemacht hat, soll sie in Preußen Einzug halten. So sehr wir die Notwendigkeit der Wahlrechtsreform

anerkennen, ebenso notwendig halten wir die Abwehr liberaler „wahlreformerischer* Gelüste, die darauf ab- zielen, das Fell de» Löwen nach i h r en Interessen zu verteilen. Wir kennen unsere Pappenheimer.

Deutsches Reich.

) ( Der Zolltarif kommt auch dem preußi­schen Staate zugute. Wie alljährlich ,sind auch tn diesem Jahre dem Abgeordnetenhause bei sei­nem Zusammentritte die lieber sichten über die Ergebnisse der anderweiten Verpachtung der im Jahre 1910 pachtfrei werdenden D o- mänen zugegangen. Im Jahre 1909 sind im ganzen 26 Domänen neu verpachtet worden. Der neue Pachtzins Betrug durchschnittlich 50,6 Mark für das Hektar, während er in der letzten Pachtperiode 44,1 Mark, in der vorletzten 44,2 Mark betragen hatte.

* Eine Novelle zum preußischen Gerichts­kostengesetz in Verbindung mit einer Denkschrift über die Wirkung des geltenden Gerichtskosten­gesetzes ist dem Mgeordnetenhause zugegangen.

) ( Der nationallibcrale deutsche Bauern­bund hat es bereits mit seinen linksliberalcn Freunden verdorben. Er hat in seiner Korre­spondenz sich zur preußischen Wahlrechts- t e f er m ausgesprochen und zwar dahin, daß er für die Beseitigung der geheimen Wahl und die Abschwächung des plutokratischen Charakters des Wahlrechts ist, nicht aber für die Beseitgung der kleinen Wahlkreise. Dazu hat die linkslibe­rale Presse, die sonst dem Treiben dieser Kon­kurrenz des Bundes der- Landwirte begeistert zufchaut, nur Worte äußerster Entrüstung.

* Die Borstände der christlichen Bauernver­eine Deutschlands trafen sich im Reichs­tag zu einer längere» Besprechung über das zu erwartende K a l i g e s e tz. In einer Resolu­tion wird der Reichstag gebeten, bei denr zu er­wartenden Kaligcsetzentwurf dahin zu wirken, daß eine Verschleuderung der Erzeugnisse des Kalibergbaues in das Ausland verhindert toirb, dagegen keinerlei gesetzlichen Maßnahmen zuzu­stimmen, welche in der Zukunft eine Erhöhung der inländischen Kalipreise fördern könnten.

** lieber unsinnige Privilegien ereifert sich die „Tügl. Rundschau* und beschäftigt sich dabei ein­gehend mit ben Revenüen, welche in England die Erben verstorbener Staatsmänner und Heerführer auf Grund von Gnadenbewilligungen des Parlaments beziehen. Da» Interesse für den Nachbarstaat ist ja recht schön, aber die „Tügl. Rundsch.* hat vergessen, daran zu erinnern, daß derartige „Unsinnige Privi­legien* auch in Preußen bestehen, und zwar so­wohl nach den Beftetuungskriegen als auch nach bem vreußisch-österreichischen und deutsch-französischen Kriege in erheblichem Umfange verliehen worden sind, wenn die Form auch eine andere gewesen ist, in der es geschehen fft. Schon „Kutschke* hat 1871 gesungen:

„Des Kriegers Tat wird anerkannt, Unb niemals bitter ist fern Lohn: Süß ist bet Dot sors Vaterland Und ooch sehr süß die Dotation!*

In früheren Zeiten wurde vielfach säkularisiertes katholisches Kirchen- unb Klostergut zur Belohnung perbienter Männer verwandt. So erhielt 1814 der zum Fürsten v. Wahsstatt ernannte Feldmarschall Blücher die Güter des ehemaligen Stifts Trebnitz (Krieblowitz), Graf 9)orf v. Wartenberg Klein Oels ufro. Im Jahre 1867 wurden den einzelnen

SchcrLLenMume.

26] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

Ihre Hände glitten herab, es war ganz still im Zimmer Gerda schien der Gegenwatt völlig entrückt zu sein. Ihre Augen blickten gerade aus ins Leere, sie sah sich plötzlich in ihres Vaters Zimmer am Kla­vier und sang dieses selbe Lied, — und neben ihr stand Alfred Roland. — Es war während der Zett ihrer Verlobung, — und als sie geendet, schloß Al­fred sie jubelnd in die Arme und wiederholte mit glück­lichem Gesicht: „Ich liebe Dich in Zeit und Ewig­keit! Ja, fo soll eS fein!" Dann sah er sie an mit feinen guten, treuen, ehrlichen Augen und küßte sie.

Merkwürdig, daß sie, seit Egon Helldorff ihr von Liebe gesprochen, immer wieder an Alfred denken mußte. Sie kam sich vor, als ob sie ein Unrecht be­singe, wenn sie auf die Liebesbtteuerungen eines an­dern hörte. Und Alfred hatte sie doch frei gegeben, hatte selbst die Verlobung aufgelöst. War dies denn nicht giftig? Durste sie da nicht handeln, wie es ihr beliebte? Und doch, sie konnte sich des neuen Glückes nicht freuen, sie konnte Alfred nicht vergessen. Was er wohl sagen würde, wenn er wüßte, daß ein Ande­rer seine Stelle in ihrem Herzen einnahm? — — Nein, — nicht seine Stelle, denn so wie sie Alfred geliebt hatte, würde sie leinen mehr lieben können im Beben, — das fühlte sie. Wäre Egon nicht so un­gestüm gewesen mit feinem Liebeswerben, sie hätte illcht so schnell nachgegeben. Aber er hatte sie förm- “5. an sich gerissen, sie überrumpelt, so daß sie ganz °^ubt, kaum wußte, wie ihr geschah, als er sie küßte st« ferne Braut nannte. Das alles war so über« Tk6 eniL910n,,l^\unb glücklich fühlte sie sich eigent- (faon ffi, beVö ben tausend Schmeichelnamen, die Sänaen mif 'h wenn sie sein ungestümes veraftch glichen Werben Alfreds

Hn« Ja Vergleich sehr zu Ungunsten r“ W mit seinen unend- ble ihm so sicher von den Lippen stossen wie etwas Eingelerntes.--Aus

.efl diesem Sinnen ttß sie Ada, — die ihr länast das freut) bMvrff Orb« .Dl'" atwbert Jmtf, inU d-n harten •

„Woran denkst Du eigentlich Gerda? Lu bist ganz verstummt. Willst Du nicht mehr singen?*

Gerda fuhr empor, als erwache sie aus einem Traum; dann schüttelte sie heftig den Kops und sagte: „Ich muß nach Hause, — ich habe mich ohne­dies schon lange aufgehalten; Du weißt, der Groß­vater dass nicht ahnen, daß ich hierher gehe. Es kostete Mühe genug, sortzukommen. Ich wäre heute lieber zu Hause geblieben, ach Du glaubst nicht, wie schwer es mir wird, ohne Wissen und Willen des Großvaters zu Euch zu gehen. Aber Egon läßt nicht nach mit Bitten und Flehen — bis ich immer wieder „ja* sage. Er hat mich auch heute überredet, und nun ist et nicht einmal da, — länger will ich nun nicht mehr auf ihn warten.*

„Er komntt ganz bestimmt bald nach Hause*, ver- sichette Ada eifrig, „er ging heute mittag nach der Stadt, um verschiedenes zu besorgen und wollte um vier Uhr wieder zurück sein Jetzt ist es halb fünf, — fo genau läßt sich das nicht bestimmen; er wird irgendwo aufgehalten worden sein. Du bist etwas em­pfindlich, Kleine, das mußt Du Dir abgewöhnen.*

„Nein, Du täuschest Dich, Ad«, ich nehme Egon die Verspätung nicht übel, es kann ja sehr leicht sein, daß er aufgehalten wurde.*

Der Lauscher an der Türe konnte von der halblaut geführten Unterhaltung nichts verstehen, denn die Mädchen saßen zu entfernt, das Gemach war ziemlich groß. Seine Blicke hingen an der feinen zierlichen Gestalt Gerdas, die sich jetzt erhob. Gleichzeitig stand auch Ada auf unb als fie Viktors ansichtig wurde, stteckle sie ihm mit strahlendem Lächeln beide Hände entgegen und begrüßte ihn mit lebhafter Freude.

»?lch, da bsst Du ja schon, wir erwarteten Dich erst morgen, lieber Vetter! Ist das eine Ueberrasch- ung! 8Bte ich mich freue!*

Er begnügte sich, auf ihren Wortschwall nur mit einem kurzen, flüchtigen Gruße zu antworten. Sie biß sich auf die Lippen. Sie ärgerte sich, daß Gerda Zeugin ihver Niederlage war; al» er bann lebhaft auf ble Freundin zuging unb seine Augen aufleuch­tend die des Mädchens suchten, wäre Ada beinahe aus ihrer Rolle gefallen. Sie ballte die Hände und war nahe barmt, mit bem Fuße ben Boden zu stamp- ken Dock nock reditieitia besann fie fick Sie äraerte

Persönlichkeiten entsprechende Geldbeträge zugewandt, der damalige Gras Bismarck erhielt beispielsweise 300 000 Taler, wofür er das Gut Varzin in Pom­mern erwarb, gleicherweise wurden Graf Moltte, v. Steinmetz und die anderen Heerführer bedacht. Aehn- lich war es 1871. Die Heerführer erhielten Geld- botationen, Fürst Bismarck Fttedttcksmh mit dem Sachsenwald zuerkannt. Hier hat das Verdienst noch seine Krone gefunden. Anders war es zur Zeit Fttedrich Wilhelms II., der feinen Günstlingen und Nebenweibern aus dem fäfularifiertcn Kirchengut großartige Zuwendungen machte. Die „Tägl. Rund­schau" sieht, daß, wenn sie eigene Angelegenheiten auswärtiger Staaten kritisiert, sie zunächst nachsehen muß, ob e» bei uns nicht ähnlich so ist.

* Als „Land der Schulfreiheit" wurde in den letzten Monaten Sachsen-Meiningen in der liberalen Presse gepriesen, weil es die Kirche völlig aus der Schule verdrängt hat. Nun stellt sich heraus, daß diese Geschichte doch auch einen großen Haken hat. Wir lesen in der „Freien Bayerischen Schulzei­tung" Nr. 1:

„In dem freien Meiningen, da ift die liberale Halbheit gerade jo daheim wie anderswo. Und in Meimngen, da gehört es eben zu den touleroatioen (?! Regierungslradittonen wie überall in Deuttchland, daß man die Volksjchullehrer nicht gerecht entlohnt, weil es zu viel Geld kostet ... So reicht denn die meintngische Regierung wieder ihren Lehrern eine Auf­besserung, was em bayerischer Enenbahntaglöhner mit Achselzucken eine Maß Bier samt einem Sreumbrot nennen würde. Dazu wird die Gerechiigkeitssorderung der deutschen Volksjchullehrer: Gleichstellung mit den mittleren Staatsbeamten, mit Hohn damit zurückgewte- sen, indem man bte Spannung zwischen beiden Gehalts­sätzen noch vergrößert und "die Arbeit eines Lehrers geringer eimoertet als die Arbeit eines Gerichts- schrei'bergehilsen ... ES ist Tatsache, daß Meiningen auch nach der Ausbesserung noch hinter seinen thürin­gischen Nachbarstaaten weit zurückbleibt. Man will das Endgehalt nur um 200 Mark erhöhen . . . Wäh­rend der Lehrer im kleinsten pommerichen Tors einen Erzgehalt von 3300 Mark bezieht, soll oas im Herzen Deutschlands liegende stolze Meiningen, das aus Kultur­taten stolze Mei lugen, nur 2800 Mark leisten können? Das ist nicht richtig. ES kann mehr leisten. Aber es will nicht. Es befreit die Lehrer vom geistlichen Druck und laßt sie m den Fesseln Der wirtschaftlichen Gebun­denheit und Not. Die ganze Vortage ist nichts anderes als em StuIturftanDal . . . Eine solche Tat, rote die der Meininger Negierung, trifft uns deutschen Lehrer alle miteinander. Wo ein Häuflein Brüder so in feiner Ehre gekränkt wird, da bekommen wir alle rote Köpfe und schämen unS, daß so was möglich ist in einem — liberalen Land!"

Wer die Geschichte des Liberalismus kennt, der weiß, daß die Lehrer noch niemals etwas zur Förderung ihrer wirtschaftlichen Lage von dem so „lehrerftsundlichen" Liberalismus zu erwarten hatten. Mit kulturkämpferischen Phrasen und Taten speiste der Liberalismus sie ab, und die liberalen Leh­rer waren gutmütig genug, dem Liberalismus für diese „schönen" Worte zu huldigen und zu dienen. Genau so ist es auch im liberalen Sachsen-Meiningen gekommen.

Aus dem Nachbargebiete.

* Hanau, 13. Jan. 1910. Auf dem Wege zwischen Erbach nnd Pfaffenbeerfurt stürzte in der verflossenen Nacht der Lehrer Hottes von einer Brücke in das Wasser der hochgehenden Gersprenz und ertrank.

* Frankfurt a. M., 12. Jan. 1910. Die Stadtverordnetenversammlung hat die Errich­tung einer großen I w e i g a n st a l t für Nervenkranke und Irre in Köppern nn Taunus grundsätzlich genehmigt. Mit deut

sich mtbeschteiblich, daß Egon so lange nicht kam. Ge­wiß hatte er sich von feinen Freunden aufhalten las­sen. Sie nahm sich vor, ihm bei feiner Rückkehr eine tüchtige Strafpredigt zu halten. Einstweilen hielt sie es für das Klügste, Gerda so bald als möglich von hier fortzuschaffen. Damit Viktor sich nicht noch etn- faUen ließ, das Mädchen zu begleiten, wollte sie selbst ein Stückchen mitgehen. „Die Luft ist so schön drau­ßen*, sagte sie deshalb, „wenn es Dir recht ist, so komme ich mit. Ich habe Kopflchmerzen und hoffe, daß cs im Freien besser wird."

Viktor merkte die Absicht Adas. Aber je mehr Mühe sie sich gab, ihn von Gerda fernzuhaften, desto mehr wuchs das Verlangen, in ihrer Nähe zu bleiben. In dieser Absicht begann er Gerda in ein Gespräch zu jieijen. Sie antwortete sehr einsilbig und zurückhal­tend und als er jetzt einen großen Karton, den er vorhin auf den Tlsch gelegt hatte, umständlich zu öff­nen begann, schaute sie kaum hin Es schien, als brenne ihr der Boden unter den Füßen. Erst als Viktor sie freundlich cmfsordette: „Bitte, mein Fräu­lein, wollen Sie nicht einmal sehen, was ich mir in der Residenz kaufte?" trat sie naher, um nicht un­höflich zu erscheinen.

Viktor löste ein künstlerisch ausgeführtes Gemälde ans der Umhüllung und hielt es dem Mädchen ent­gegen mit den Worten: „Ist e» nicht ergreifend schön?" Der Künstler betitelte es: „Abschied!*

Gerda hatte kaum einen Blick auf das Bild ge­worfen, als sie jäh erblaßte; fast hätte sie einen Schrei ansgestoßen. In der unteren Ecke des Bilde» las sie den Namen des Künstlers: Alfted Roland. Sie hätte es auch ohne diese? erraten, wessen Hand e» ge­malt. Es stellte zwei junge Liebesleute vor, die von einander Abschied nahmen. Das tiefe, bittere Leid, das herbe Tretmungsweh war mit rührender Deutlich- lichkett zum Ausdmck gebracht. Der Manu hielt die Hände de» Mädchens zwischen den feinen unb sah dabei so unendlich traurig auf die zierliche Erschei­nung herab, daß es ben Beschauer unbedingt fesseln, mußte.. Und ringsum kahle, leere, öde Felder, ein paar unbelaubte Bäume, nicht» Lebendige», affe» schien tot und kalt. Trüb und grau hingen bte Wol­ken am Himmel unb vermehrten noch das Trostlose der berbstlicken Sttmumna. Und da- Mädchen auf

Bau soll möglichst rasch begonnen werden, da die Ueberfüllung der hiesigen Hauptanstalt schon einen bedenklichen Grad erreicht hat.

* Bon der Lahn, 13. Jan. 1910. In Hessen-Nassau besteht seit längerer Zeit die se­gensreiche Einrichtung der u n e n t g e l t l i- chen Rechtsauskunft für Unbemittelte. Nach dem Jahresberichte wurden 1909 erledigt in Wiesbaden 2597, an 35 anderen Orten, auf Reisen und schriftlich 2857 Rechtsfragen. Die Erfolge waren in jeder Weise befriedigend. Große Verdienste um die Rechtsauskunft hat sich besonders der Geheime Justizrat Meyer aus Wiesbaden erworben, der trotz seinen 73 Jahren selbst noch viele Reisen unternommen und Sprechtage abgehalten hat.

Literarisches.

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dem Bilde trug Gerdas Züge. Die Aehnlichkett war unverkennbar, wenn auch im einzelnen etwas ver­wischt. Aber wer Gerda kannte, bem mußte eS auf­fallen.

„Das Bild erregte allgemeines Aufsehen*, sagte Viktor, das eingetretene Schweigen unterbrechend.

„Es war in einer Kunsthandlung ausgestellt unb weil eS mir so gut gefiel, so kaufte ich es. Der Händ­ler hat mir die Geschichte des MalerS erzählt, — e» soll ihm sehr schlecht gehen; der arme Kerl wurde im emsigen Schaffen und Streben vom Unglück ereilt Sein Vater soll große Summen miterschlagen haben, man setzte ihn hinter Schloß und Riegel und nun hat der junge Künstler feine zahlreichen unversorgten Ge­schwister zu ernähren. Er kämpft wie ein Held gegen die Not an, indem er Tag und Nacht arbeitet, am Tage malt und des nachts fchriftliche Arbeiten er­ledigt, um zu verdienen. Er hat unbedingt Talent, dieser junge Künstler, — ich zahlte unbedenklich den geforberten Preis — aber jetzt weiß ich erst, was mit auf den ersten Blick an dem Bilde so sehr gefiel* —

Er brach ab und schaute prüfend erst das Gemälde, dann Gerda an, immer von einem zum andern. Dann schüttelte et ben Kopf.

„DaS ist doch seltsam*, murmelte er, „seht selt­sam, — es fällt mit jetzt erst auf — das Mädchen auf dem Bilde — finden Sie nicht, daß es Ihnen gleicht?*

Da» letztere hatte er ganz leise gesprochen, um von Ada nicht verstanden zu werden. Gerda suchte sich zu fassen. Sie war aber vor Innerer Bewegung keine» Wortes mächttg. Der Anblick des Bildes hatte sie tief erschüttert. Den ganzen Schmerz, aff das bittere Weh, das Alfted empfunden, brachte er hier ergreifend zum Ausdruck. Es war ihr mit einem Male klar, er dachte noch an sie, er hatte sie nicht vergessen, davon gab die» Gemälde Zeugnis. Eine unendliche Sehn- sucht nach den lieben, ehrlichen Augen überkam sie plötzlich, eine Sehnsucht nach ihrer ersten Liebe. Unb ohne sich weiter um die Anwesenden zu tümmem, eilte sie nach kurzem Gruße zum Hause hinaus, fo daß Ada ihr nicht zu folgen vermochte.

Kopfschüttelnd schaute Viktor ihr nach.

„Seltsames Mädchen!* murmelte er.

(Fortsetzung folgte