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Fulda, Mittwoch den 12. Januar 1910.
37. Jahrgang*
Gvstes Wlcrtt.
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< Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 11. Januar 1910.
r Vizepräsident Dr. Spahn begrüßt die Abgeordneten zum neuen Jahre und teilt mit, daß der Abg. v. Chrzanowski (Pole) sein Mandat niedergelegt habe.
Aus der Tagesordnung steht die liberale Interpellation betr. die
Mecklenburgische Berfaffung.
Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort T Abg Linck (»all.): Die mecklenburgischen Regierungen haben eine Vorlage eingebracht, die aber an dem Widerstand der Ritterschaft scheiterte. Die Verhandlungen mit der Ritterschaft versprechen überhaupt keinen Erfolg mehr. Die jetzigen Zustände sind daher, wie auch in der Bevölkerung allgemein anerkannt wird, unhaltbar. Deshalb muß das Reich eingreifen. Rur dadurch kann der bisherige Zustand geändert werden. Der Bundesrat sollte in freundschaftlichem Sinne ritten nachhaltigen Einfluß auf die mecklenburgische ^Verfaflungssrage ausüben. Die Reichsverfaffung sollte (dahin ergänzt werden, daß -für jeden Bundesstaat eine aus Wahlen hervorgegangene Vertretung verlangt wird. Eine Verletzung der bundesstaatlichen Kompetenz liegt nicht vor, wenn die Reichsregierung Mecklenburg zur Einführung einer Verfassung auffordert, zumal die Mecklenburgischen Regierungen selbst eine Verfassung wollen. Möge die Reichsregierung ihre Pflicht tun und der Mecklenburgischen Regierung ihre Hilfe gewähren. (Beifall linls.)
Staatssekretär Delbrück erklärt, daß wie bisher die tatsächlichen und rechtlichen Voraussetzungen für die Anwendung des Artikels 78 der Reichsverfaffung fehlten, daß daher nur die Frage übrig bleibe, ob etwa vurchErweiterung der verfassungsmäßigen Zuständigkeit im Artikel 78 der Reichsverfassung Grundlagen für ein Eingreisen des Reichs geschaffen werden könnten. Im Namen der Verbündeten Regierungen habe ich die Erklärung abzugeben, daß sie es nicht für angängig erachten, diesen Weg zu beschreiten, da dies mit den föderativen Grundlagen, auf denen die Reichsverfaffung beruht, unv ereinbar sei. (Lebh. Beifall rechts, große Unruhe links, erneuter Beifall und Heiterkeit rechts.)
Mecklb. Bundesratsbevollm. Frhr. v. Brandenstein <gibt namens der Großherzogl. Regierung von Mecklen- bur^Schwerin eine Erklärung ab, wonach zwar zurzeit eine Einigung mit der Ritterschaft über die Verfassungsreform nicht zu erreichen sei, anderersäts aber ein Eingreifen des Reiches im Anschluß an die vom Staatssekretär abgegebene Erklärung nicht angebracht sei. (Beifall rechts, Gelächter u. Unruhe links.)
Auf Antrag des Abg. Pachnicke (srs. Bgg.) findet gegen die Stimmen der beiden konservativen Parteien eine Besprechung der Interpellation statt.
Abg. v. Treuenfels (kons.) erklärt namens seiner politischen Freunde, daß sie ganz auf dem Boden der Erklärung der verbündeten Regierungen ständen.
Abg. Pachnicke (frs. Bgg.): Die mecklenburgische -Frage ist anerkannt eine deutsche Frage. Man soll ..baä mecklenburgische Volk nicht unter eine Hand voll Gutsbesitzer demütigen. Die jetzigen Zustände sind auch wirtschaftlich und kulturell zurückgeblieben. Daß das Eingreifen des Reiches eine Verletzung des förde» -raliven Charakters des Reiches sein soll, vermag ich nicht anzuerkennen. Wir werden nicht ruhen, bis wir unser Ziel erreicht haben.
t Staatssekretär Delbrück führt nochmals aus, daß eS nicht möglich sei, auf Grund eines Verfaflungs- artikels die mecklenburgische Berfaffung zu regeln.
( Abg. Groebe, (Ztr.): Ich möchte wünschen, daß endlich einmal diese Frage aus der Welt geschaffen wird (sehr richtig!) und daß endlich Mecklenburg nicht mehr an seiner ganz veralteten Gestaltung seines Ver- faffungswesens festhalten möge. Aber mit Gemüts- sragen ist hier nichts anzufangen; es handelt sich lediglich um Rechtsfragen, und die Rechtsfrage ist die, daß der Artikel 56 der Reichsverfaffung hier nicht in Anwendung kommen kann. Es fragt sich, ob auf Grund des maßgebenden Landesgesehes nicht der Landesherr ohne Zustimmung der Stände die Frage lösen kann. Das ist eine Frage der Auslegung und müßte einwandsfrei nachgewiesen werden. Wir Süddeutsche
lichen Wasserstraßen trotz des hervortreteuden Widerstandes verwirklicht werden wird. Aach steht zu hoffen, daß die Betriebsziffer bei den Eisenbahnen, die in den letzte« Jahren erheblich gewachsen ist, wieder zurückgehen wird und daß im neuen Jahrzehnt wieder ein Ausgleich in Einnahme« und Ausgaben eintteten wird. Es ist zu erwarten, daß die Besserung der wbckschaft- lichen Verhältnisse, die in der letzten Zeit eingetreten ist, anhalten wird. Immerhin beträgt daS Defizit für 1910 noch 92 Millionen. Der ausländische Markt wird uns immer mehr verschlossen. Deshalb werden wir vor allem auf eine Stärkung des inländische« Marktes Bedacht nehmen müssen. Vor allem muß die Bundesgenoss enschaft zwischen Landwirtschaft und Industrie aufrecht erhallen werden. (Bestall.) ES ist die größte Sparsamkell nötig, wenn wir vermeiden wollen, neue Einnahmequellen zu suchen. Die Eisenbahnverwaltung ist bestrebt, daS Extraordinarium möglichste hoch zu Halle« mit Rücksicht auf die geringe Schuldentilgung. In guten Jahre« müffen wir Vorsorge treffen und Investitionen machen, well wir nicht wissen, vor welche Aufgaben wir gestellt werden. Der neue Etat stellt sich im ganzen auf etwa vier Milliarden. Es muß möglichst gespart werden, um das Defizit auf 92 Millionen zu beschränken. Der Minister erörtert sodann die einzelnen Etats und schließt: Auf dem Wege der Sparsamkeit, der zur Konsolidierung der preußischen Finanzen führt, werden wir weiter fortfahren.
Nächste Sitzung Samstag, den 16. Januar, 11 Uhr.
11 Uhr: Wahl deS Präsidiums und der Schriftführer. _______________
Herrenha«».
Das Haus konstituierte sich gestern, indem es das bisherige Präsidium wiederwählte, sowie die Wahl der Schriftführer vornahm.
Nächste Sitzung? Mittwoch l/*2 Uhr. Tagesordnung : Geschäftliche Mitteilungen, Vereidigung der ne« eingetretenen Mitglieder.
wollen uns nicht in unser BersassungSleben hineinrede« lassen. (Abg. «reih: Wir in Preußen auch nicht!) So wollen wir auch für Mecklenburg keine« Zwang von feiten des Reiches wegen der Konsequenzen eines solchen Schrittes.
Abg. ». Oertzen (Rp.) schließt fich den A«S- sührungen des Vorredners an.
Aba. Frohme (Soz.) wendet fich gegen die Regierungserklärung.
Abg. ». DteuenfelS (kons.) wendet fich gegen die Ausführungen des Abg. Pachnicke und stimmt den AuS- sührungen veS Abg. Groebrr zu.
Nach einigen weiteren Ausführungen deS Abg. Pachnicke (frs. Bgg.) vertagt sich das HauS.
Mittwoch: Fortsetzung, Interpellationen betr. die Beamtenmaßregelungen in Kattowitz.
Preußischer Landtag.
Die Eröffnung der Landtagssession durch den König ging gestem mittag 12 Uhr im Weißen Saale nach dem herkömmlichen Zeremoniell vor sich. U. a. wohnte die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise dem Akt bei. Exzellenz von Manteuffel brachte das Hoch auf den Kaiser und König aus. Der König verlas die gestern von uns bereits mitgetälte Thronrede, die er aus den Händen des Ministerpräsidenten entgegengenommen hatte. Die Versammlung hörte die Thronrede schweigend an, ohne jedes Zeichen des Beifalls. Der Ministerpräsident erklärte den Landtag für eröffnet. Exzellenz v. Kröcher brachte ein zweites Hoch auf Seine Majestät aus. Hierauf verließ der König im feierlichen Zuge den Saal.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 11. Januar 1910. Staatshaushaltsetat.
Am Ministertisch Ministerpräsident v. Bethmann- Hollweg, FinanMinister v. Rheinbaben und der Land« wirtschastsminifter v. Arnim.
Abg. v. Kröcher eröffnet als Präsident der vorigen Session die Schung mit einem Kaiserhoch.
Nach der vorläufigen Konstituierung des Hauses erklärte MinisterprSsident v. Bethmann-Hollweg: Ich beabsichtige nicht politische Erörterungen anzustellen. Dazu wird fich später noch Gelegenheit finden. Die Lösung der Aufgaben, an denen ich bisher mit ihnen wirken konnte, war von einem von mir mll Dank empfundene« gegenseitigen Vertrauen begleitet. Dieses Vertrauen, die unentbehrliche Grundlage e ner ersprießlichen Geschäftsführung, künftig zu pflegen, werde ich stets bemüht sein. (Beifall.)
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben bespricht zunächst das tatsächliche finanzielle Ergebnis des Jahres 1908 und das voraussichtliche des Jahres 1909. Die Mindereinnahmen der Eisenbahnverwal« tuug im Jahre 1908 infolge der wirtschaftlichen Depression betragen 135,1 Millionen, in ben Ausgaben sind geringere Ersparnisse eingetreten, sodaß die Eisenbahnverwaltung im Jahre 1908 mit einem Minderüberschuß von 134,5 Millionen abschließt. (Hört, hört!) Das zweite, das Jahr 1908 ungünstig beeinflußende Moment waren die erheblichen Aufwendungen für die Gehaltsaufbesserung in Höhe von 126 Millionen Mark, von denen für 66 Millionen im Etat für 1908 keine Deckung vorhanden war. Das Defizit für 1908 stellt sich daher auf über 200 Millionen Mark. Für das Jahr 1909 wird die Eisenbahnverwaltung voraussichtlich gegenüber dem Voranschlag ei« Mehr von 33,8 Millionen auszuweifen haben. Leider weist aber die Bergverwaltung einen Minderüberjchuß auf. Die allgemeine Finanzverwaltung stellt sich daher voraussichtlich mit einem Mehr von 29,2 Millionen dar, was das Resultat der Uebernahme der gestundeten Matriku- larbeilräge auf das Reich ist, und es muß anerkannt werden, daß der Reichstag bei der Reichsfinanz- resorm durch die Uebernahme der gestundeten Matrikularbeiträge eine gewaltige Last von den Schultern der Einzelstaaten genommen hat. (Beifall rechts und im Zentrum) Wir können annehmen, daß sich daS Defizit für 1909 «ach all dem von 156 Millionen um 51 Millionen ermäßigen wird. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich in der letzte« Zeit stark gebessert. Wir hoffen, daß die Einführung von EchifsahrtSabgaben auf den natür-
+ Die Eröffnung
des preußischen Landtags.
Das Urteil über die Thronrede, mit der gestem der preußische Landtag eröffnet worden ist, stimmt überein mit dem, daS die Thronrede zur Eröffnung des Reichstags gefunden hat: Nüchtern, sachlich, geschäftsmäßig.
Wenn man bei der Reichstagsthronrede über wichtige gesetzgeberische Aufgaben nähere Mitteilungm leider vermissen mußte, so trifft das bei der gestrigen Thronrede in noch erhöhtem Maße zu. Die kleinen Vorlagen, die den Landtag beschäftigm sollen, und die gewiß alle mit Freuden zu begrüßen sind — wir nennen vor allem die Entwicklung des Fori- bildungsfchulwesens auf dem Lande, Einfühmng des Fortbildungsschulzwanges in Westfalen, Pommern und Schlesien nach dem Muster von Hessen-Nassau, die Förderung der inneren Kolonisation die Verwaltungsreform — sind zwar genannt worden, aber was man über die wichtigste Vorlage erfahren wollte, erfuhr man nicht. Die Thronrede hat das Bild der Wahlrechtsreform nicht im geringsten entschleiert.
Es ist viel beachtet worden, daß im Anschluß an die Erwähnung der Wahlrechtsreform die Landesvertretung die Mahnung zu .strenger Sachlichkeit und pflichtbewußter Staatsgestnnung' erhalten hat. Die rechtsstehende Preffe sieht darist — und wohl nicht ganz mit Unrecht eine Meinungsäußerung der Regierung dahin, daß sie an den „bewährten Grundlagen des preußischen Wahlrechts sesthalten wolle und zwar aus der Erwägung heraus, daß die Pflicht der Staatserhaltung die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts in Preußen unmöglich mache. Aber wir haben mit der Auffassung, welche die Regierung bezüglich der Pflichten der Staatserhaltung vertritt — man denke nur an die Polenpolitik — bisher nicht so gute Erfahrungen gemacht, daß wir ihre Meinung als Evangelium hinzunehmen geneigt sein könnten, und wir werden uns deshalb auch durch noch so schöne „nationale Phrasen
nicht davon abhalten lassen, die von uns als ge-j recht erkannte Forderung deS allgemeine» gleichen Wahlrechts wie auch der geheime« Stimmabgabe auch fürderhin mit allem Nachdruck zu vertreten.
Bezüglich der Finanhverhältnisse deS preu» ßischeu Staates konnte dte Thronrede konstatieren,' daß bk Staatsfinanzen sich langsam zu bessern be-z ginnen, sodaß sich voraussichtlich auch der für daß laufende Etatsjahr veranschlagte Fehlbetrag nicht unerheblich ermäßige« werde. Die nähere AuS« sührung hierzu gab Finanzminister v. Rheinbaben in seiner fast anderthalbstündigen Rede zur Einführung des neuen State. Das Defizit für 1910 ist veranschlagt auf 92 Millionen, während eg im Vorjahre auf 156 Millionen veranschlagt war. Das endgültige Defizit des Vorjahres betrug 105 Millionen, das Defizit im Jahre 1908 202 Millionen. Es besteht aber die Hoffnung, daß daS tatsächliche Defizft im neuen Jahre sich geringer, erweisen wird als'der veranschlagte Betrag. Imme» hin bedeutet die Tatsache des Fehlbetrages eine ernst» Mahnung auch an den Landtag, das Gebot strengster Sparsamkeit nicht außer Acht zu lassen.
Aus den Ausführungen deS Finanzministers verdienen zwei Punkte wegen ihrer hochpolitischen Be«. deutung hervorgehoben zu werden: Seine Erklärung, welche von dem Haus mit starkem Beifall ausgenommen wurde, daß die preußische Regierung an der Einführung der Schiffahrtsabgaben festhalte, und zweitens seinen Dank an den Reichstag roegen der Entlastung der Einzelstaaten von beit gestundeten Mat rikularb eiträgen.
Im großen und ganzen bietet auch der neue Etat daS Bild einer gesicherten Finanzlage des preußischen Staates. Die angekündigte Neuordnung des Verhältnisses der Eisenbahn zu den allgemeinen Staatsfinanzen — der Beitrag der Eisenbahnverwaltung zu dem allgemeinen Staatshaushalt soll auf 2,1 Prozent des Anlagekapitals, also 210 Millionen jährlich, begrenzt werden, während der Hebet* schuß in ben Ausgleichfonds abgesührt wird — wird hoffentlich in die preußischen Staatsfinanzen eine neue feste Sicherung hineintragen.
X Der preußische Etat.
Der preußische Haushalts-Etat für 1910 beziffert bieEinnahmen auf3,837,412,963Mk.,bie AuS-^ gaben auf 3,725,019,542 Mk. im Ordmarium und, auf 204,393,421 im Extra-Ordinarium, zusammen auf 3,929,412,963 Mk. Mithin find bie AuS* gaben um 92 Millionen höher als bie Einnahmen. Der Fehlbetrag werde durch Aufnahme einer Anleihe zu decken sein.
Gegenüber den Veranschlagungen für bab, lausende Etatsjahr zeigen die Schlußsummen deS Etats für 1910 eine Erhöhung um 102,058,278 Mk. Bei den staatlichen Betriebsverwaltungen ist im Ordinarium ein Mehrüberschuß von überhaupt 82,181,374 Mk. veranschlagt, der sich aus Mehr- überschüssen von 92,100,210 Mk. und aus Minder*, Überschüssen von 9,918,836 Mk. zusammensetzt.
AuS den Einzelanforderungen des neuen Etats (einmalige und außerordentliche Ausgaben) sind her- vorzuheben:
Etat der Verwaltung ber 3 ö 11 e mtb indirekte« Steuern: Neubau eines Dienstgebäudes für baS Hauptzollamt in Erfurt erste Rate 100000’ Mk.
Etat ber Eisenbahnverwaltung: Bezirk der Eisenbahnbirektion zn Kassel: Erweiterung bes Bahnhofs Bettenhausen erste Rate 50000 Mk., Verlegung des Bahnhofs Niederzwehren erste Rate 100000 Mark, Erweiterung des Bahnhofs Bleicherode-Ost erste Rate, 50000 Mk., Herstellung eines UeberholungsgeleiseS auf dem Haltpunkte Körlee und Ausbau eineS Bahnhoferste Rate 50000 Mark, Erweiterung des bahneigene« Wasserwerks in Neuenbeken zur Versorgung ber Bahnanlage in Paberborn erste Rate 100000 Mark. —J Bezirk ber Eisenbahndirektion zu Frankfurt««
Schattenblume.
.24] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
Ada warf hochmütig den Kopf zurück.
„Du stehst Gespenster, mein guter Junge."
„Nein — nein, glaube mir, ich verstehe mich auf 'solche Angelegenheiten! Ich war schon oft genug verliebt und habe doch Erfahrung darin. In dem Mädchen erwächst uns eine Gefahr, die wir nicht unterschätzen dürfen. Viktor hat nie gelernt, sich zu verstellen, man kann ihm ohne Mühe seine Gefühle vom Gesicht ablesen, und die Att und Weise, wie er sich dem Mädchen gegenüber benahm, bewies mir deutlich, daß er verliebt ist! Du kannst es mir glauben! Wir trafen das Mädchen vor der Mühle, ich wußte es einzurichten, daß ich neben die Kleine zu sitzen kam. Er mußte mit der Alten vorlieb nehmen. Ich suchte von der Unterhaltung der beiden so viel als möglich aufzuschnappen, das war für mich nicht schwer. So erfuhr rch, daß dem alten Miller eine Hypothek gekündigt ist Da derselbe das Geld nicht austreiben kann, so wird wahrscheinlich Viktor damit aushelfen. Nebenbei bemedt ist jeder Pfennig verloren, den man In das alte Gerümpel noch hineinsteckt. Aber Viktor hat es ja dazu. Er fragt in feiner Verliebtheit auch gar nicht darnach. Er behandelte das Mädchen wie eine Heilige, er wagte kaum einen Händedruck und als ich mit meiner angeborenen Keckheit es mir einfallen ließ, die kleine zittemde Hand deS Fräuleins an meine Lippen zu drücken — da mußte ich eine -ellenlange Strafpredigt über mich ergehen lassen. . »Mir lief dabei die Galle übet*, fuhr Egon fort. '.Der tugendsame Vetter empörte fich über mich. Die ©etabr ist aber um so größer, als daS Mädchen eine «?ist. Tiefe, dunkle Augen, ein Gesichtchen so sanft und fromm und tugendhaft, daß ich «dem Vetter gar nicht so übel nehmen kann, wenn er ftch verliebt, obgleich sie ihm gegenüM wie ein Kind erscheint, denn der Altersunterschied ist naiür- Ilch ein sehr großer.'
« »Mein Gott, Du scheinst ja selbst ganz begeistert «sein von diesem Muster von Schönheit und Tu-
genb', lachte Ada auf, aber ihr Lachen klang hart und zornig.
„Spotte nicht, Ada', mahnte Egon, wir dürfen die Sache nicht leicht nehmen.*
-Ja, mein kluger Bruder, was soll ich denn tun?*
-Du mußt selber wissen, wie Du es anfangen willst, Viktor für Dich zu gewinnen. Aber ich hoffe. Du überlegst, was ich Dir gesagt habe. Entschlüpfen lassen bürfen wir ihn unter keinen Umständen. Ich bitte Dich, wir find arm und hängen ganz und gar von seiner Gnade ab. Ich habe eS satt, mich von ihm tyrannisieren zu lassen. Aber wenn eine andere als feine Fron hier einzieht, so wird e8 mit uns beiden sehr schlimm werden, denn eine Frau wird es ferner nicht dulden, daß wir hier bleiben. Und es war fiir Dich immerhin ein angenehmes Leben, das Du hier führtest. Ader das ift bann vorbei. Viktor würde uns dann eine Rente aussetzen, denn das Versprechen für uns zu sorgen, welches er dem Vater gab — wird er unter allen Umständen halten. Etwas Gescheiteres konnte unser Alter gar nicht tun, als ihm dieses Versprechen abzuverlangen. Aber was er uns gibt, bleibt doch immer ein Almosen. Wirst Du jedoch Viktors grau, so liegen die Verhältnisse natürlich ganz ander». Er wird bann mich, als seinen Schwa- ger, zum Geschäftsteilnehmer machen müssen, bann flnb wir geborgen. Du siehst also, daß wir alle Hebel in Bewegung setzen müssen, um den Plan zu realisieren, sowoU in Deinem als auch in meinem Interesse. Unfe ich denke, es wird Dir nickt sonderlich schwer fallen/
Adas Augen hingen in angstvoller Spannung an ben Lippe« der Bruders.
.Wie soll ich denn da» anfangen?'
„Herrgott*, tief er ungeduldig, „was seid ihr Frauenzimmer doch für unpraktische Leute! Richt einmal wissen sie, wie man einen Mann an sich fesselt! Ware ich an Deiner Stelle, ich hätte dem Viktor schon ganz gehörig warm gemacht! Zu meinen Füßen müßte er liegen und um Gnade betteln! Zu dumm! Wie weit bist Du denn eigenüich mtt ihm? — Daß Du die Geschichte mich gar nicht zum Klappen bringen
kannst! Ich sehe schon, ich muß mich Deiner anneh- menk Ich werde Vittor einige Andeutungen machen, damit er endlich weiß, woran er ist. Du mußt natürlich auch das Deinige beitragen 1 Recht sentimental, recht traurig herumgehen, den Kops hängen lassen! Wenn nut Deine Backen nicht stets so rot wären — Du müßtest blaß aussehen wie die kleine Müllerin brunten. Könntest Du nicht zum Schein ein wenig krank werben? Du mußt ihn verliebt ansehen, ihm bei ber Tafel bie besten Bissen mundgerecht machen, überhaupt immer um ihn sein. ES gibt noch tausenderlei Sachen, die ich pnführen könnte. Wenn Viktor in ber Nähe ist, so spiele Klavier, aber recht weich unb träumerisch, finge einige Liebeslieder. Du bist doch ein hübsche» Mädchen, da kann eS doch gar nicht fehlen!"
„Ich glaube, Viktor betrachtet mich mehr als Schwester, er ist ja immer gut und aufmerksam gegen mich, aber einen wärmeren Ton schlägt er nie an', wandte Ada ein.
„Bis jetzt hatte es mit dem „wärmeren Ton' auch gar keine Eile.' Er legte einen spöttischen Nachdruck auf jedes Wort. „Mer nun ist daS anbete. Ich möchte nur wissen, welcher unglückliche Zufall daS Mädchen gerabe zu uns hergeführt hat.. Aber gleich viel, sie ist einmal da und wir müssen mit dieser Gefahr rechnen. Natürlich werde ick auch mein möglichstes tun.'
Ada sah den Bruder aufmerksam forschend in das Gesicht.
. Hast etwas besonderes vor?' fragte sie bann langsam.
-Ja, — aber eS bebarf noch der genauen lieber* leauna*
„Bitte, sage eS mir.'
„Je, nun, ich werde eben dem Vetter zuvorkommen. Wenn es zwischen ihm und jenem Mädchen zu einer Erklärung kommt, muß die Kleine schon bis über beide Ohren in mich verliebt sein; bann wirb sie Viktor einfach abfahren lassen unb in feinem Schmerz wirb er fich bann um so lieber an Dein freue» Herz flüchten, vorausgesetzt natürlich, daß eS Dir nicht schon vorher gelingt, ihn an Dich zu fesseln '1
„Und vorausgesetzt, daß das Mädchen auf Deine Liebesworte hören wirb", spottete Aba.
„Zweifelst Du etwa daran?' lachte Egon selbstbewußt unb brehte seinen hübschen Schnurrbart. „Dich brauche ich kaum bazu. Wenn ich nur will, so gehört bas Mädel mir. Lehre Du mich die Weiber kenne«! Mir widersteht keine, sag ich Dir, oder ich müßte nicht „ich' sein! Und besonders bann, wenn ich eS mir vornehme Was willst Du wetten, daß ich bereite, in vierzehn Tagen den ersten Kuß von ihr bekommen habe? Den Anfang machte ich bereits heute, da ich bie Gefahr erkannte. Du hättest nur bas zarte unschuldige Täubchen sehen sollen, wie es zitterte unter meinem Blick! Ich kenne meine Macht und werde ste gebrauchen!' —
Ada zuckte etwas geringschätzig die Schulter«. „Unter Umständen kannst Du Dir damit mehr schade« und mir doch nichts nützen. Ich setze nur den Fall, die Else Kramer erfährt, baß Du der kleinen Müllerin nachstellst, bann ist auch die Aussicht, die Hand der reichen Erbin zu erringen mit einem Schlage dahin.'
„Das laß nur meine Sorge sein. Ich werde eS schon so anstellen, daß niemand etwas erfährt, lieb« rigenS liegt es bei Dir, daß es nicht allzulange dauert. Sobald Du mit Vittor verlobt bist, Höri meine Verehrung für die Enkelin des Müllers natürlich auf. Dann ist eS immer noch Zett, um Elses Hand anzuhalten. Wenn Du Bittor heiratest, habe ich eS wahrscheinlich gar nicht nötig, mich zu binden. Offen ge- ftanben, ich bleibe lieber ein freier Mann! Ich lasse mich nur in bie süßen Fesseln schmieden, wenn eS gar nicht anders geht. Doch fiir jetzt entschuldigst ®tt' mich wohl Halt, noch eins! Arn besten wäre eS, wenn Du Dich mtt der Kleinen auf der Mühle be* freunden könntest. Wir würde« sie bann einlade«, zu uns zu kommen; denn sie ist «och ein wenig scheu unb eS HM sehr schwer, sie allein zu treffen. Bei uni' böte fich leichter Gelegenheit dazu. Du gehst nur tote’ zufällig an einem schönen Nachmittag bei der Mühle vorüber; da sitzt die Kleine gewöhnlich runter der Linde. Ein Vorwand, Dich ihr zu nähe«, ist leicht gefunden.'
ISortfetuna foIaM