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Lotationrbruckund Verlag der Fuldaer Ak- tieubruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. y.

37. Jahrgang

Fulda, Montag den 10. Januar 1910.

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der Regierungsentwurf Vorschlägen. Vor allem soll die Oeffentlichkeit der Wahl beibehalten werden, ^da­mit nur ja kein ostpreu bischer Gutsknecht die Prügel deS Herrn GutSinspektocS durch einen allzugrellfar­bigen Wahlzrttel quittieren kann, damit der liberale Brotherr seinem Arbeiter den Brotkorb recht hoch hän­gen kann, wen» er sich erlauben sollte, bei der Wahl nicht nach seiner Pfeife zu tanzen.

Die Einfühmng der geheimen Wahl ist die dring­lichste Verbesserung Sollte ste nicht zu erreichen sein, so halten wir dafür, daß daS Aentmm auf die ganze Vorlage pfeifen soll. __________ _______

den spanischen Behörden vorgenommen worden find. Die Verhaftungen betrafen mehrere alS Anarchisten bekannte Ingenieure in Anda­lusien, wo der König demnächst zum Jagd­aufenthalte eintreffen sollte. Man glaubt, daß diese Verhaftung mit der Ankunft von 30 Anar- . chisten aus Buenos Aires in Zusammenhang stehe, die nach dem Attentat auf den dortigen Polizeichef aus der Stadt ausgewiesen wurden. Die Bevölkerung ist in begreiflicher Erregung, da alle Verhafteten bisher hartnäckig jede Aus­kunft verweigern, aufgefundene Papiere. dagegen eine unheimlich emsige Arbeit in anarchistischen Kreisen, die auf ein Attentat auf den König von Spanien hinzielen, ausweisen sollen.

Gegen die Eidesleistung der neuen kreti­schen Kammer sür den König von Griechenland erhob die Pforte Protest bei den Schutzmächten. Wie verlautet, werden die ersten vier türkischen Armeekorps binnen kurzem auf die kriegs­mäßige Stärke gebracht werden. Der neueste Streich der kretischen Regierung hat die Geduld der Türken anscheinend erschöpft, und man muß sich auf ernste Maßnahmen der Pforte gefaßt machen. — Als Kriegsminister dürfte der Ber­liner Botschafter, Nisami Pascha, in das türkische Kabinett eintreten, nachdem der Gene­ralissimus Schewket Pascha abgelehnt hat.

** Der französisch-türkische Zwischenfall a« der Grenze von Tunis und Tripolis, über den wir berichteten, ist noch nicht erledigt. Der fran­zösische Botschafter hat bei der Pforte die Zu­rückziehung der türkischen Truppen au8 dem strittigen tunesisch-tripolitanischen Grenzgebiet verlangt.

» Die neue Regierung des Staates Nieara«' gua hat sich sehr schnell den Amerikaner unter- morsen. Der neue Präsident von Nicaragua, Madriz, hat dem Staatsdepartement in Washing­ton mitgeteilt, daß die von dem gestürzten Präsi­denten Zelaya angeordnete Hinrichtung der Amerikaner Grace und Canno, die angeblich einen Anschlag auf die nicaraguanische „Flotte* unternommen hatten, sich als ungerechtfertigt er­wiesen habe. Für die Hingerichteten wird da­rin schlechter Trost sein. — Der mit den Friedens­unterhandlungen zwischen dem Präsidenten Madriz und dem Führer der revolutionären Estrade be­traute General Fornos DiaS ist auf der Reife nach Managua infolge Kenterns deS Boote- bei Greytown ertrunken. — Englisches Selbst­bewußtsein zeigte der Befehlshaber des britische« Kriegsschiffs „Scylla". Er verbot kurzerhand unter Drohung des Eingreifens britischer Trup­pen die Kämpfe zwischen Insurgenten und Re­gierungstruppen in Greytown, weil britische- - Eigentum dadurch gefährdet werde.

Aus Uirche und Schule.

— Rom, 9. Jan. 1910. Kardinal Satoll! ist in der Nacht zum Samstag gestorben. — Kardinal Franzesko Satolli ist in dem umbrischen Städtchen Marsciano im Jahre 1839 geboren,; Während der ersten Zeit seiner kirchlichen Lauf­bahn trat er .in nahe Beziehungen zum Erzbischof von Perugia, dem späteren Papst Leo XIII., der ihn sehr schüfen lernte und ihn 1880 nach Rom berief. Hier gehörte der Verstorbene zu der in der vatikanischen Welt als Partei der Perugianer bezeichneten Gruppe der nächsten Ver­trauten Leos XIII. und stieg rasch aufwärts. Vo«

Ausland.

** Die Rechtshilfekonferenz der mitteleuro­päischen Wirtschaftsvereine hat einen, wenn auch nur kleinen Erfolg gehabt. Man beschäf­tigte sich mit der Frage, ob gewisfe privatrecht­liche Ansprüche aus Gründen der öffentlichen Ordnung und der guten Sitten des Rechts­verkehrs von der Vollstreckung ausgeschlossen sein sollen. Schließlich wurde ein Abkommen getroffen über die Durchführung solcher Konkurse, wo sich Maffenvermögen in mehreren Staaten befinden. Das ist schon ein erheblicher Fortschritt, der für die, exportierende Industrie erhebliche Vorteile zu bringen vermag.

% Eine Verschwörung gegen König Alfons soll nach Madrider Depeschen einer Anzahl sen­sationeller Verhaftungen zugrunde liegen, die von

statt zur Beratung der an die Bischöfe von Straß­burg und Metz zu richtenden Erwiderung. Man kann sehr gespannt darauf sein, was die Regrerung zu sagen haben wird. .

Die liberale Preffe, auch die konservative »Kreuz- zeitung", sucht der Regierung in ihrer bedrängten Stellung zu Hilfe zu kommen, indem sie einen nebensächlichen Punkt in den Vordergrund schiebt, indem sie aus dem Artikel des Prälaten Siegeltet, der in dem zur Verschickung gelangten „Schul­freund" stand, einige kräftige Sätze mütellt und daran die Bemerkung knüpft: der Artikel enthalte ohne Fragen recht schwere Beleidigungen und es sei dringend erwünscht, daß die Staatsbehörde „ihre Lehrer" gegen solche Beleidigungen in Schutz nehme, „besonders wenn sie von einer.mit den Staatsbehörden konkurrierenden kirchlichen Instanz den Lehrern zugefügt roerbe".

Gegen diese Taktik muffen wir Einspruch er­heben. Zunächst darf nicht der Anschein erhoben werden, als ob der fragliche Artikel den Lehrerstand als solchen oder die Lehrer in ihrer Gesamtheit be­leidige. Er enthält drastische Wendungen, aber ste richten sich nur gegen gewisse Verirrungen, die der Verfasser bespricht. Doch das steht vorläufig nicht auf der Tagesordnung, denn das Schreiben des Staatssekretärs bespricht mit keiner Silbe davon, daß der versandte Artikel Beleidigungen enthalte; er redet überhaupt nicht von dem Inhalt jenes Artikels, sondern erhebt Einspruch gegen die bischöfliche Mitteilung überhaupt, — und zwar aus dem prinzipiellen Grunde, weit die Bischöfe zu Mitteilungen an die Lehrer, auch wenn sie religiös-sittliche Angelegenheiten der außeramt­lichen Tätigkeit betreffen, nur mit Zustimmung der Staatsbehörde und vermittels des staat­lichen „Dienstweges" berechtigt sein sollen.

Das ist der Punkt, auf den der Finger gelegt werden muß. Das ist die Frage, die gegenwärtig zur Entscheidung steht. Dürfen die Bischöfe die ihrer Hirtensorge anvertrauten Gläubigen des lehrendes Standes warnen vor einer privaten Hand- lung, die nach Ansicht der Bischöfe mit dem Glau­bens- und Sittengesetze kollidieren würde?

Darauf muß mit Ja ober Nein geantwortet werden. Wer das Recht der Bischöfe verneint und die Seelsorge auf den staatlichen Dienstweg verweist, der ist ein Vertreter des ärgsten „staats-kirchlichen" Systems, wie cs sogar in den siebziger Jahren nicht so kraß verfochten wurde.

Von diesem Kernpunkte der Sache darf man sich nicht ablenken lasten durch die Bekritte­lung einzelner Wendungen in dem fraglichen Ar- .tiM des „Schulfreunds". Der Staatssekretär ist nicht als Verteidiger wegen angeblicher beleidigender Artikel ausgetreten, sondern als Zurechtweiser der Bischöfe wegen einer s e e l s o r g e r i s ch e n Handlung, als herausfordernder Oberherr über die kirchliche Behörde.

ß Die Politik des Herr« v. Beth- mann-Hollweg.

Herr v. Bethmann-Hollweg, der nun seit nahezu einem halben Jahre als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident die oberste Leitung der Geschäfte im Reiche und tm größten Bundesstaate in seiner Hand ^reinigt, hat als die nächste Aufgabe seiner Politik die Sammlung der im Kampfe um die Reichs- finanzreform verfeindeten bürgerlichen Par­teien zu gemeinsamer nationaler Arbeit bezeichnet. Von Seiten, die es wissen konnten, ist mehr als ein­mal versichert worden, daß er ängstlich vermeiden wolle, „in die Neuorientierung der Parteien einzu­greifen". Recht verstanden heißt dies: daß er nicht wünsche, die Parteien, die die Finanzreform gemacht haben, möchten sich zu einer festen Gruppe zusammen- schließen. Gewitzigt durch Bittere Erfahrungen, haben wir schon vor Monaten den Zweifel ausgesprochen, ob nicht vielmehr die Parole des Kanzlers die Samm­lung zur alten Blockpolitik bedeuten solle.

Dieser Zweifel verstärkt sich angesichts der Provo­kationen — anders können wir es nicht bezeichnen — die seit dem Beginn des Bethmann'schen Regiments fei reicher Fülle gegen die Katholiken im deuffchen sReiche ergangen sind. Dem Vorgehen gegen die geist­liche Ortsschulaufsicht, den Maßregelungen in Katto- witz sind jetzt die Eingriffe des Staatssekretärs Zom von Bulach in die Kompetenz der Bischöfe gefolgt. Mögen die Straßburger Maßnahmen vielleicht auch ohne ausdrückliche Verständigung mit Berlin erfolgt sein, sie passen zum ganzen System. — Ist die rasche Folge dieser Maßnahmen, deren jede das Empfinden des katholischen Volksteils schwer verletzen mußte, nur ein Zufall?

In wenigen Tagen werden wir hoffentlich klar sehen, wohin der Bethmann'sche Kurs steuert. Im pieichstage wie im preußischen Landtage, die morgen ■ Ihre Beratungen aufnehmen, wird Herr v. Bethmann Hollweg Gelegenheit erhalten, zu sagen, ob er für die Maßnahmen gegen den katholischen Volksteil die Ver­antwortung übernehmen will Bejaht er die Frage, so ist für uns die Lage geklärt, wir wissen, woran wir Mit ihm find.

Im Reichstage wird bis Ostern die Etatsbe- xatung den Hauptteil der Verhandlungen in Anspruch nehmen. Als Spezialfragen stehen zur Erörterung beim Militäretat die Fragen des Veterinäroffizierkorps und der Rationsgelder, beim Marineetat die Reform der Verwaltung im Anschluß an die Kieler Vorkomm- Niffe; die parlamentarische Kritik wird beim Militär­etat die Duellftage und die Affäre Fetth (Korps Bo- russia) berühren. Auch die Staatssekretäre des Aus­wärtigen AnUcI unb des Kolonialamtes werden in manchen Punkten zur Verantwortung gezogen werden. Von den bereits dem Reichstage zugegangenen Vor­lagen ist der Entwurf der Strafprozeßordnung die wichtigste. Angekündigt sind an sozialpolitischen Vor­lagen die Reichsversicheningsordnung, das Arbeits­kammergesetz und eine Novelle zur Gewerbeordnung, jedoch ist der Termin ihrer Einbringung noch unbe­stimmt. Zweifellos ist, daß bis Ostern in der Haupt­sache nur der Etat wird erledigt werden können, die Fülle des Beratungsmaterials wird zweifellos nach Ostern noch eine lange Nachsession notwendig machen.

Der preußische Landtag wird ebenfalls bis Ostern seine Hauptarbeit auf die Etatsberatung kon­zentrieren müssen Als wichtige Spezialfrage steht die Neuordnung des Verhältnisses der Eisenbahnsinanzm zur Erörterung. Außerdem wird vonseiten des Zen­trums die Polenfrage im Anschluß an die Katto- witzer Vorgänge und die Frage der geistlichen Schulaufsicht eine eingehende kritische Behand­lung erfahren. Was an sonstigen Aufgaben den Land­tag beschäftigen soll, wird die Thronrede am Dienstag ankündigen. Als wichtigste Vorlage steht die Reform des W a h l re ch t s in Aussicht. Der Name „Reform" ist allerdings nach allem, was bis jetzt bekannt gewor­den ist, ein Hohn. Nur geringfügige Aenderungen soll

Deutsches Reich.

** Berlin, 9. Jan. 1910. Wie die „Deutsche Tageszeitung" mitteilt, findet am Montag eine Konferenz von Sachverständigen im Reichsschatz­amte statt, die sich mit der Eosinfrage be­schäftigen wird. Im Anschluß daran wird eine Beratung der verschiedenen an der Frage be­teiligten Ressorts stattfinden. — Expräsident Roosevelt, der nach Beendigung seiner Präsi- dentschaft der Vereinigten Staaten von Nord­amerika nach Afrika auf Jagd ging, wird Ende April auf drei Tage auch Berlin besuchen.

* Zur Wahlresormfrage schreibt der ,Tag', es sei schon innerhalb der ersten vier Wochen des Zu­sammenseins des Landtags auf den Eingang des Entwurfs zu rechnen. Damit stehe nicht im Wider­spruch, daß bis jetzt über einzelne wesentliche Be- standteile der Vorlage endgiltige Beschlüsse in der Ministerialinstanz noch nicht gefaßt sind. Das gelte nicht etwa in bezug auf das Oeffentlichkeits- prinzip, wohl aber in bezug auf das Maß der Kon­zessionen, die nach der Seite des Mehrstimmenwahl- rechts gemacht werden sollen.

* Die Postkonferenz hat am Samstag ihre Beratungen geschloffen. Das durch die Bera- tungen gewonnene Material soll späterhin im Zusammenhang veröffentlicht werden. Wie es heißt, ist u. a. beschlossen worden, die Mitwir­kung des Publikums bei der Ausfüllung der Posteinlieferungsscheine in Anspruch zu nehmen. Die Abfertigung am Schalter würde dadurch er­heblich vereinfacht urd dem Publikum das lange Warten erspart werden.

)( Das Arbeitskammergesetz soll nach einer offiziellen „im großen und ganzen in der srüheren Fassung" wieder dem Reichstage vorgelegt werden, und zwar in nächster Zeit. Staats­sekretär Wermuth hat darüber neulich im Reichs­tage ähnliche Mitteilungen gemacht, aus denen sich ergab, daß er ernsthafte Reformversuche ge­macht hat, dabei aber auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß. Es ist allerdings anzu- nehmen, daß er mit dem alten Entwurf, der die Wählbarkeit der Arbeitersekretäre zu den Arbeitskammern ausschließt, noch unüber­windlichere Schwierigkeiten finden wird.

)( Wahlrechtsdemonstrationen wollen auch die „Demokraten", die sich von der „liberalen Vereinigung" abgezweigt haben, veranstalten, anscheinend, um ihr kleines Grüppchen und seine Bedeutungslosigkeit gründlich aufleuchten zu lasten. Am kommenden Dienstag, dem Tage der Landtagseröffnung, sollen in Berlin und den größeren Provinzstädlen solche Versammlungen abgehalten werden. Herauskommen wird dabei nichts.

5 Z« dem Konflikt in Elsaß-Lothringen.

Samstag nachmittag fand im Statthalterpalais in Straßburg eine Sitzung des Ministerrats

Schattenblume.

2] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

„Ich will Dir keine Lehren geben, denn das wäre doch nutzlos; aber dulden werde ich es nicht, daß Du dem Mädchen den Kops verdrehst Zu einem Spiel ist es zu gut Und dann — es ist in dieser Beziehung schon genug von Deinem Vater gesündigt worden. Du darfft das Unrecht, das jener dem alten Müller angetan, nicht noch vermehren. Also hüte Dich, ich werde wachen über der Kleinen und wenn ich in Erfahrung bringe, daß meine Mahnung fruchtlos war, daß Du das Mädchen trotzdem nicht unbehelligt läßt — bann' — Er vollendete nicht, es schien, als ob er ge­waltsam abbrechen wollte.

Egon lachte laut unb sorglos auf.

„Was — bann? Ich warte auf bie Fortsetzung, ich bin gespannt, was Du dann zu tun gedenkst!" „Ich werde der Enkelin des Müllers selbst die Au­gen offnen, damit sie bei Zeiten erkennt, woran sie mit Dir ist! So, das merke Dir. Ich weiß ganz genau, daß Du nur aus purer Eitelkeit ein solches Spiel be­ginnst, nur um bei Deinen Kameraden renommieren äu können und damit zu prahlen, daß Du die meisten Eroberungen zu verzeichnen hast. Man kennt das ja. Aber das ist wahrlich ein schlechter Ruhm. Denn einem jungen, unschuldigen Ding den Kopf zu ver­drehen, ist für einen Menschen Deines Schlages wirk­lich kein Meisterstück.

Egon lachte und drehte die Spitzen seines hüb­schen Schnurrbartes. Ein spöttischer, überlegener Ausdruck lag auf dem Gesicht des jungen Mannes. Ich begreife wirklich nicht", sagte er leichthin, „weshalb Du Dich so ereiferst. Wenn mir so ein reizendes Mädchen in den Weg kommt, so werde ich doch nicht die Augen zumachen. Mir gefallen nun einmal diese süße» Heinen Mägdelein! Was ist da weiter dabei? Ich tue ja nut, was tausend andere auch tun. Wenn so ein Gänschen sich freilich einbildet man will es gleich heiraten, wenn man es siebt, so ist das wahrhasttg nicht Meine Schuld! Ich habe übrigens schon mehreren hübschen Mädchen ein wenig den Hof gemacht, ohne

daß Du etwas besonderes dabei sandest, und nun auf einmal diese langen Reden, weil ich einem Mdächen die Hand küsse! Lieber Gott, ich bin eben galant, das verpflichtet doch zu nichts. Ich habe noch keiner das Heiraten versprochen, auch der Else Kramer nicht, die Du vorhin so betent has^ Ich bin also voll­kommen frei und genieße mein Leben auf meine Weise."

Viktor Bolz seufzte leise.

„Leider", warf er ein. „Aber siehst Du denn nicht ein, wie verabscheuungswürdig ein solches Treiben ist? Diese Art von Genuß habe ich nie begreifen kön­nen."

„Gib es auf, mich bessern zu wollen", lachte Egon, „es fft ganz umsonst. Du bist eben ein Philister. Die Jugend liegt hinter Dir! Ich will sie aus- kosten."

„Das halte wie Tri willst", entgegnete Viktor fin­ster, „aber noch einmal sage ich Dir, das Mädchen auf der Mühle laß in Ruhe."

„Herrgott, — jetzt höre aber endlich auf!" rief Egon heftig, „man könnte wahrlich glauben, Du bist felbft in die hübsche Kleine verliebt und fürchtest in mir den Nebenbuhler! Also — paß mal auf! Wir wollen die Probe machen bei der „schönen Müllerin", — ich bin neugierig, wer Sieger sein wird, ich ober Du!"--

Als hätte sich ihm zu Füßen plötzlich ein gähnen­der Abgrund aufgetan, so erschrocken schaute Vittor Bolz darein. Ihm war, als hätte ihm jemand eine Müde vor den Augen geriffen. Was undeutlich in ihm geschlummert, das war mit einem Male klar: Er war verliebt, — er, den bisher kein Weib zu fesseln vermocht hatte, fühlte eine tiefe innige Zuneigung in feinem Herzen erwachen.

Egon Helldorff beachtete ihn nicht weiter, sonst wäre ihm wohl sein plötzliches Schweigen ausgefallen. E» mußten heitere, luftige Erinnerungen fein, die dem jungen Lebemann durch den Sinn fuhren, denn er schwang sein elegantes, mtt einem silbernen Griff versehenes Spazierstöckchen in die Luft unb fang lustig eine ausgelassene Weise vor sich hin.

Als sie bie Villa erreicht hatten, verabschiedete er sich mit den Worten: „Ich muß noch einmal in die Fabrik hinüber."

Egon verzog spöttisch die Lippen, lüftete ein klein wenig den Hut zum Gruße und ging dann ins Haus. Der Wohnsitz Vittors wurde in der ganzen Umgegend nur das „Schlößchen" genannt, und diese Bezeichnung war nicht unberechtigt; denn es machte mit seinen Erkern undTürmchen einen recht stattlichen vornehmen Eindruck. Die Jnnenräume verrieten auf den ersten Blick, daß bei ihrer Einrichtung nicht geknausert wor­den war. Die gediegenen Eichenmöbel im Eßzimmer, sowie im Herrenzimmer gaben Zeugnis davon, ebenso die weichen persischen Teppiche, die überall bie Fuß- böben bedeckte». Die Kunst- und Luxusgegenstände, die man hier zusannnengetcagen hatte, repräsentier­ten allein ein Vermögen. Gleich beim Eintritt fiel die geschmackvolle Anordnung hübscher Korbmöbel auf, die um eine herrliche Palme gruppiert, zum Sitzen ein- luden. Die mit schönen Glasmalereien geschmückten Fenster schufen in der Vorhalle ein fein abgetöntes Licht, was den Raum doppelt traulich und anheimelnd machte. Wo es nur irgend an ging, hatte man Blatt­pflanzen angebracht, darunter selten schöne Exemplare ausländischer Gewächse.

Das „Schlößchen" befand sich auf einer Anhöhe und von der breiten Veranda aus genoß man einen herrlichen Ausblick. Saftige Wiesen breiteten sich im Tal aus, rechts erhob sich eine steile graue Felsen­klippe, die kahl aus dem dunklen Tannenwald empor­ragte; während man links in mäßiger Höhe die alte Burgmine erblickte, die äußerst malerisch dalag mit ihren altersgrauen, von dunklem Epheu umkleideten Mauern.

Egon 'Helldorff hatte schon eine Welle die herr­liche Aussicht bewundert; bann durchschritt er mehrere Zimmer unb ließ seine Augen suchenb umherschweifen. Ein junges, hübsches Mäbchen, bas im Schlößchen bebienftet war, trat eben herein unb Egon fragte das­selbe nach seiner Schwester.

„Ich sah das gnädige Fräulein vorhin In den Garten gehen", lautete die Antwort.

Egon trat rasch herzu und kniff das Mädchen in

bie Wange. Dieses versuchte ihm zu entschlüpfen, er aber schlang rasch den Arm um die sich heftig Sträu­bende unb zog sie an sich.

„Na, na", lachte er, „was bist Du heute so wiedev- borftig, kleine Katze? Bekomme ich keinen Kuß? Hat bir jemanb etwas getan? Ich möchte es keinem geraten haben."

„Lasten Sie mich los", rief ba? Mädchen aufge­bracht, unb ans ben blauen Augen traf ihn ein Zor- ucsblitz. Egon kümmerte sich nicht dämm.

„Nun sag mir aber geschwind, was Du eigenllich gegen mich hast!"

Die Augen bes Mädchens füllten sich mit Tränen. „Fräulein Ada hat vorhin — ihrer Gesellschaftsdame erzählt, — daß Sie sich nächstens verloben würden", kam es stockend von den Lippen der Dienerin. Egon stampfte zornig mit dem Fuße ben Boden, aber er be­herrschte sich rasch.

„Und das hast Du natürlich sofort geglaubt, Ma­rie!" sagte er leise, einen zärtlich vorwurfsvollen Ton anschlagend. „Das ist ja alles lauter müßiges Gerede. Meine Schwester will es freilich haben, — sie wünscht, ich soll ein reiches Mädchen heiraten, well wir beide doch kein Vermögen besitzen, — stehst Du, ich kann mich aber nicht dazu entschließen, weil — nun well ich eben eine andere Heb habe!"

Er warf dabei einen vielsagenden Blick auf Marie, die sich augenscheinlich sehr rasch beruhigte und sich nun wütig von ihm küflen liefe.

„Ist das wahr?" fragte sie lächelnd unb zeigte da­bei eine Reihe schöner Zähne. ES war ein hübsche- Mädchen von kaum 18 Jahren.

Egon nickte lebhaft. x

„Gewiß ist das wahr, Marie!"

Die Angeredete seufzte leise.

„Ach, Sie haben mir das schon oft gesagt, — aber ich kann es nicht glauben. Ich bin doch nur eiq einfaches Mädchen, was soll Ihnen wohl an mir ge­laßen? Eines Tages wird es doch so kommen, wie daß gnädige Fräulein sagte, — Sie werden sich mit einer reichen Dame verloben, unb bann — gehe ich fort von hier, — wett fort, — aber vergessen werde ich Sie nie, — niemals!" (Fortsetzung folgt)