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Fulda, Samstag den 8. Januar 1910

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Rotatlonsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

. Jahrgang.

Fwertes HZlcrtt.

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 7. Januar 191O._

Am Silvestertage hatte das preußische Staatsmini­sterium eine Sitzung. Kurz daraus fuhr der Reichs­kanzler als preußischer Ministerpräsident zum Kaiser nach Wildpark und drei Tage nachher konnte halbamt­lich verkündet werden, die Regiemng halte in der WehlrechtSfrage einmütig an der öffentlichen Wehl zum Landtag fett und der Kaiser habe daS ge­billigt; über die weiteren Teile der Wahlrechtsfrage aber sei noch kein Beschluß gefaßt worden. Darob grellste Entrüstung in der liberalen Preffe, darob auch um so kernigere Worte auf dem sozialdemokratischen „P r e u ß e n t a g", der dieser Kundgebung das kleine bischen Interesse verdankt, dessen er sich erstellte. Aber die Negierung bleibt fest; sie kann sich ja auf „ihre" Konservativen verlaffen, die bis auf einige wenige Mandate im Abgeordnetenhause die Mehrheit haben.

In den jüngsten Tagen hat sich wieder ein Fall ereignet, aus dem hervorgeht, daß auch die deutschen Regterungsorgane vielfach Auffaffungen huldigen, die dem katholischen Volksteile durchaus nicht gerecht wer­den. Bekanntlich hat der Allgemeine Deutsche Lehrer- perein die ausgesprochene Tendenz, nicht nur die Si­multanschule einzuführen, und geistliche Schulaufsicht zu beseitigen, sondem überhaupt die Schule wie es geht zu entchristlichen. Da ist es nur erklärlich, daß von katholischer Seite gegen diesen allgemeinen deut­schen Lehrerverein Bedenken erhoben werden, ja daß die katholische Lehrerschaft vor dem Eintritt in diesen Verein gewarnt wird. Solche Wamungen hatten auch die reichsländischen Bischöfe an die katholischen Lehrer ihrer Diözesen gerichtet, und merkwürdigerweise hat die reichsländische Regierung diese Warnun­gen als einen Eingriff in die Hoheitsrechte des Staa­tes bezeichnet und zurückgewiesen. Es handelt sich hier nicht um die Frage, wer dieses in der amtlichen Korrespondenz mitgeteilte Schreiben an die Bischöfe von Metz und Stmßburg in letzter Linie veranlaßt hat; vermutlich ist es nicht aus der eigenen Initiative des Staatssekretärs Zorn v. Bulach hervorgegangen. Aber die Frage muß aufgeworfen werden: wie in aller Welt kommt man dazu, die Warnung vor dem Eintritt in einen durchaus privaten Berufsverband als einen Ein­griff in staatliche Hoheitsrechte anzusehcn?

In O e st e r r e i ch-U n g a r n ist allem Anscheine nach die E n t w i r r u n g nun wirklich auf dem Marsche. Am Dienstag hatte Herr v Lukacs seine Unterredungen zum Zwecke der ungarischen Kabinetts­bildung beendet und er reifte nach Wien, um dem Kai­ser über die Erfolglosigkeit seiner Verhandlungen Mit­teilung zu machen und den Grafen Khuen,Heder- varh als Ministerpräsidenten vorzuschlagen. Der Kai­ser ging hierauf jedoch nicht ein, ermutigte vielmehr Lukacs, ja betraute ihn schon jetzt endgültig mit der Kabinettsbildung. Die Hauptaufgabe dieses Kabi­netts wird die Durchführung der Wahlreform sein, die erkennen lassen soll, wie die Mehrheit der unga­rischen Staatsangehörigen über die umstrittenen Fra­gen denkt.

Frankreichs Politik beginnt das neue Jahr in ersttckender Oede. Wenn früher gar nichts los war, konnte man wenigstens auf Deutschland schimpfen. Jetzt, da man Deutschland Dank für die Nachgiebigkeit in der Marokkostage schuldet, muß der Chauvinismus etwas zurückgedrängt werden. Die Ableitung des im- pulswen Betätigungsdranges der Franzosen in öffent­lichen Angelegenheiten fehlt also, und das Abstürzen mehrerer großer Aviatiker bildet einen, wenn auch be­scheidenen Ersatz. Um so lebhafter pulsiett das Blut des Politikers dafür in den Adem unserer Vettern jenseits des Kanals Dort haben die |

Kämpfe um die Wahl allmählich ganz bedenk- liche Formen angenommen. So hart wie dieses Mal haben die großen Parteien in England bislang noch nie um den Sieg gerungen. An allen Straßenecken der Verkehrsviertel Londons kann man heute des Abends Kerle stehen sehen, die unausgesetzt auf die vorübergchende Menge einen kurzen wichtigen Pro­grammsatz ihrer Partei von einem Holzpodest, das sie mitnehmen, unter gewaltigem Stimmenaufwand ins Publist!m schreien und dann eine kurze Begründung auswendig gelernt nach dem Konzept irgend eines Parteiführers, folgen lassen. Man ringt heute eben nicht mehr zwischen Konservativen und Liberalen, den beiden alten großen Parteien, auch die Sozialisten sind aufs Feld getreten und fordern einen möglichst großen Anteil an der Diacht der Gesetzgebung. Für uns hat dieses Schauspiel insofern auch aktuelles Interesse, als ein Teil der Agitatoren mit der Auf­reizung gegen Deutschland, der Furcht vor Deutsch­land, arbeitet, während wiederum andere diese Furcht und diese Hetze gegen Deutschland als ein Zeichen des moralischen Tiefstandes des andern hinzustellen be­müht sind; wobei sonderbarertveise Vertreter beider Auffaffungen in allen Lagem zu finden sind. Ein Grube naufstand und neue Unruhen Zei­chen in Indien ergänzen das Bild politischer Er­regung, das das große Jnselvolk augenblicklich der Welt bietet.

In Griechenland beherrscht die Militärliga vollständig die Situation. Es liegen einige Anträge vor, die die Liga ohne Unterbrechung der Tagung bewilligt wissen will. Sie hat an die Volksvertretung einen dahin lautenden kategorischen Antrag gestellt, ein Umstand, der die Situation ebenso ernst gestaltet hat, wie sie es bei der iüngsttiberwundenen Krisis war. Der Minister des Jnnem wurde von dem Bund zur Abdankung gezwungen. — In politischen Kreisen legt man der Treueidleistung der Kreter bei der griechischen Regiemng wenig Be­deutung bei. Die Kreier haben sich dieses Vergnügen bereits zweimal erlaubt, ohne daß die Pforte bei ihren Maßnahmen über einen ganz formalen Protest hinausgegangen wäre. Darum hat man berechttgten Gmnd anzunehmen, daß auch dieses Mal aus dem Zwischenfall keine ernsten Folgen entstehen werden.

In der Türkei hat der bisherige Botschafter in Rom Hakki Dey das Großwesirat über­nommen; anfänglich schien es, als ob das jungtür­kische Komitee große Forderungen gestellt und gegen­über den Wünschen Hakki Beps kein Entgegenkommen gezeigt hätte. Schließlich aber gab das Komitee nach und machte Hakki Bey das Zugeständnis, er solle völlig frei und ungehindert regieren. Dies Verspre­chen wird natürlich nur so lange gehalten werden, als es den Jungtürken gut scheint. Sie werden lief)- durch dasselbe bei gegebener Gelegenheit sicher nicht beein­flussen lassen. Denn es ist allgemein bekannt, daß das jungtürkische Komitee in der Türkei eine ziem­lich unbestrittene Herrschaft führt. Vom europäischen Standpunkte aus gesehen, ist es natürlich eine mißliche Sache, daß eine anonyme, eine geheime Gesellschaft einen Staat nach Gutdünken regiert, und in der abend­ländischen, vor allem auch in der englischen Presse sind hierüber sehr pessimistische Betrachtungen ange­stellt worden. Indes ist doch zu bedenken: wer in der Türkei regiert, das ist einerlei, oder wenigstens nicht die wichtigste Frage; das erste und notwendigste Ersordemis ist vielmehr, daß überhaupt regiert wird, daß eine Macht vorhanden ist, die die Ordnung auf­recht erhält. Und da wird man den Jungtürken zu­gestehen müssen, daß sie diese Aufgabe im allgemeinen so gut erfüllen, als man es eben bei den dortigen Verhältnissen verlangen kann. Freiheit des Parla­ments ist sicher eine schöne Sache, und für höher kul­tivierte Völker unerläßlich; aber ein Parlament wird schließlich immer so behandelt, als es behandelt zu werden verdient, und ob das türkische Parlament sich die Übrigens absolut nicht drakonische Herrschaft des

jungtürkischen Komitees gefallen lassen will, das ist seine eigene Sache.

+ Die Reichsfinanzreform und das deutsche Wirtschaftsleben.

Man erinnert sich noch der schwarzen Prophczeih- ungen, mit denen während der Kämpfe um die Reichs­finanzreform die Hansa-Bund-Leute und die libe­ralen Blätter dem deutschen Wirtschaftsleben die Ge­fahr eines völligen Zusammenbruchs in Aussicht stellten.

Selbfwerständlich hat niemand bestreiten können, daß die Finanzreform für die von den Steuerbelastun­gen direkt betroffenen Gewerbe Schwierigkeiten im Gefolge haben würde, andrerseits muß man den Mehrheitsparteien die Anerkennung zollen, daß sie nach Möglichkeit bemüht gewesen sind, diese Schwie­rigkeiten zu vermindern. Aber darüber hinaus einen völligen Ruin des deutschen Wirtschaftslebens zu verkünden, das war Ueberireibung, und zwar wahrscheinlich nicht einmal bunt) den guten Glauben des Urhebers entschuldbar. Wie die Wirklichkeit aus­sieht, erkennen wir am besten aus den Rückblicken auf das Wirtschaftsjahr 1909, welche die Zeitungen in diesen Tagen veröffentlichen, und zwar wollen wir als unverdächtige Zeugen die liberalen Blätter berücksichtigen.

Da lesen, wir allgemein von der großen Freude über den starken und verheißungsvollen Aufschwung, den das deutsche Wirtschaftsleben im letzten Jahre genommen fiat, ja die Rassische Zei­tung sicht sich zu der Erklärung genötigt: „Es ist seit etwa Mitte des Jahres geradezu von einer Wendung in der wirtschaft­lichen Entwicklung zu sprechen!"

Seit etwa Mitte des Jahres — das ist die Zeit seit der Verabschiedung der Reichsfinanzrcform. Wir wollen für dieses große gesetzgeberische Werk natürlich nicht den Vorzug in Anspruch nehmen, daß es zu dieser Besserung des Wirtschaftslebens im verflossenen Jahre direkt ober allein die Veranlassung ge­wesen fei; wohl aber wird man sagen dürfen, daß bei der Finanzreform die ihr angedichteten Fehler doch wohl nicht ganz so groß sein müssen, wenn unter ihrer Herrschaft eine derartige Aufwärtsentwicklung des Wirtschaftslebens möglich gewesen ist.

Interessant ist vor allem die Feststellung, wie die Börse, die erfahrungsgemäß auf jede unangenehme Veränderung auf dem politischen Barometer sehr peinlich reagiert, die Verabschiedung der Reichssin- aanzrcform ausgenommen hat. Die „Voss. Ztg." teilt ir -firnn Artikel über die Berliner Fondsbörse mit:

In der ersten Woche des Mai sei auf die Hausse des April eine Reaktion eingetreten, diele „machte sich aber — in erneuter Kennzeichnung der trefflichen Wcheistandssäbigkeit der Börse — weniger in erheb­lichen Kursrückgängen, als in einem Zufammcn- sckrumpfen der Umsätze bemerkbar. Den äußeren An­stoß bierzu gab der unerquickliche Kampf um die Reichefinanzresorm, in welchem die Börse nur mit Müde und Not der widersinnigen Kolierungssteuer ent­ging: die Talonsteuer und die Erhöhung des Emis­sionsstempels für neue Papiere ließen sich leider nicht abwenden. Jedoch mehr als durch diese neuen Steuer­lasten fühlte sich die Unternehmungslust durch die Art und Weise bedrückt, in welcher die Handels- und industrieseindliche Steuergefetzgrbung zustande kam. Der ganze Juni und die erste Hälfte des Juli wurden von solcher Mißstimimmg beherrscht. Mit der dritten Juliwoche aber ivar man des pessimistischen Tones satt geworden. Die innere Kraft des Effektenmarktes zeigte sich von neuem, zumal er in den vorangegangenen Wochen der Geschästsstille und der abbröckelnden Kurse von allen schwächlichen Elementen gründlich gesäubert worden war; dazu hatten sich größere, deckungs- bedurstige Baisscengagements angesammelt. Kurzum, es entfaltete sich nunmehr wieder eine Kauflust, deren Umfang von Woche zu Woche wuchs. Befand sich unsere Börse schon den ganzen Monat August über

in voller Häufle, so stellte die Bewegung, die der Sep­tember brachte, alles seit langem erlebten in den Schalten: es war die beste Zett, welche die Börse feit 13 Jahren, feit dem Inkrafttreten des Börsen« gesetzes von 1896, gesehen hatte".

So sicht also in Wahrheit die Rückwirkung bet Finanzrcsorm auf das deutsche Wirtschaftsleben ausl Solcher Resultate brauchen sich die Urheber dieser Reform wohl nicht zu schämen.

Deutsches Reich.

X Der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag wird in den Tagen vom 19. bis 21. Januar in Berlin seinen geschäftssührenden Ausschuß zu einer Beratung zusammentreten lassen. Die Tagung soll der neuen Gewerbeordnungsnovelle, dem Arbeits­kammergesetzentwurf und der Neuregelung der Telephongebühren gewidmet sein.

* Die Kosten der Wegebauteu. Die Leistungen der preußischen Landkreise und Provinzialverbände für das Wegewesen stellten sich nach den jetzt zur Veröffentlichung gelangten Angaben für das Jahr 1903 nach Abzug sämtlicher Einnahmen dieses Verwaltungszweiges, die rund a/s der gesamten be­züglichen Aufwendung betrugen, auf 44,6 Millionen Mark. An dieser Summe waren die Provinzen Hannover und Schlesien mit 6,2 bezw. 6,1 Mill, beteiligt, den dritten dis fünften Platz nahmen erst mit 4,52 bezw. 4,16 und 4,11 Millionen, Sachsen, Ostpreußen und Westpreußen ein. Die geringste» Aufwendungen traten, abgesehen von den Hohen« zollernschen Landen (16415 Mk.), bei Pommern, Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau mit 2,38, bezw. 2,27 und 1,10 Millionen Mark in die Erscheinung.

)( Im Kampfe gegen die Schwindsucht, diese moderne Volksseuche der Jnbusttievölker, greift die Reichsregierung mit einer Kundgebung ein. Sie ver­sendet an die einzelstaatlichen Regierungen Leitsätze des Reichsgesundhcitsamtes mit der Empfehlung zur Berücksichtigung.

Es wird darin zunächst die Absonderung der Kranken mit offener Tuberkulose verlangt. Das soll geschehen durch Unterbringung möglichst vieler Kranken in Krankenhäusern in der Nähe der Städte; es wird jedoch empfohlen, die Heilbehandlung als Hauptsache anzuschen. Als nicht empfehlenswert wird die Er« richtnng besonderer Anstalten für nichtbeflerungsfähige Tuberkulöse angesehen. Zu der so sehr wichtigen Frage der Anstcckungsverhulung bei Kranken, die nicht in Krankenhäusern untergebracht sind, heißt es: „Diese Ausgabe haben in erster Linie die Fürsorgestellen, die außer der Absonderung in der Familie wesentlich für Verbesserung der Wohnungsverhältniffe und für die Belehrung der Kranken und ihrer Umgebung Si^ge zu tragen haben."

Der Kampf gegen die Tuberkulose wird solange vergeblich bleiben, als in den Großstädten die Woh­nungsverhältniffe weiter geduldet werden, die der Großkapitalismus eingeführt hat. Solange Tausende und Abertausende in Kellerwohnungen Hausen, so­lange ivieberuin Taufende und Abertausende von Fa­milien sich mit einer Wohnung von nur einem Zim­mer begnügen, werden alle Gelder, die für die Tuber­kulosebekämpfung aufgewandt werden, weggeworfene- Geld bleiben.

* Ferrcr-Rummel «nd Goethebund. In der Orts­gruppe Königsberg des Goethebundes wurde u. a. auch die Erklärung des Hauptvereins über die Hin­richtung Ferrers zur Sprache gebracht. Rechtsanwalt Dr. Siehr bedauerte das eigcnmächttge Vorgehen des Berliner Goetheblmdes in dieser Frage, der gar nicht dazu berechtigt sei; denn einzig und allein der Vor­ort sei befugt, im Namen des Goethebundes zu spre­chen. Das Vorgehen der Berliner Gruppe sei daher keineswegs auf das Konto des Goethebundes zu setzen. Andere Redner sprachen sich gleichfalls scharf gegen das Verhalten der Berliner aus.

Unpolitische Zeitlaufe.

(N.) Berlin, 6. Januar 1910.

(Nachdruck verboten.)

Was es neues gibt im neuen Jahr? Natürlich Un­glücksfälle. Trotz aller Wünsche zum Jahreswechsel will bas „viele Glück" nicht ungemischt ben Erdbe­wohnern zuteil werden. Zunächst sind die Flugkünst- •ler von der Tücke des Schicksals verfolgt worden. Der Franzose Delagrange fiel am Dienstag bei Pau mit seinem Eindecker aus 30 Meter Höhe zur Erde ünd war sofort tot. Ungefähr zur selben Zeit machte der alte brasilianische Flieger (Santo 8 Dumont pei Paris einen ähnlichen Sturz, kam jedoch mit eini- fien Wunden am Kopf noch lebend davon. An dem­selben Tage rächte die Lust sich in Deutschland an Drei ihrer „Bezwinger"; dabei handelte cs sich freilich Nicht um Flugmaschinen, die ja bei uns zu Lande noch nicht recht in Gebrauch sind, sondern um einen Luftballon alten Schlages. Er war in Dresden aufge- ftiegen und mußte in der Nähe von Krotoschin im Po- senfchen während eines stacken Sturmes landen. Der Korb stieß heftig auf, und alle drei Insassen erlitten schwere Knochenbrüchc an den Beinen.

»Der Wind, der Wind, das himmlische Kind."' Auch die Flugkünstler in Frankreich sollen die Kraft des Windes mißachtet haben. Die Sachverständigen nehmen an, daß die Flügel der Apparate zu schwach waren, um den Druck des stacken Windes auszuhal- ien, gegen den der 40pferdige Motor mit voller Kraft (arbeitete. ~ Es waren in beiden Fällen Eindecker, die an jeder Seite nur einen Flügel haben. Am Ende sind me Zweidecker, die einen kastenartigen Ausbau zeigen, dch widerstandsfähiger.

Die Berliner Flugwoche im vorigen Sommer ist bekanntlich ohne ernstlichen Unfall verlaufen. Das war ein halbes Wunder. Im September des letzten Wahres verunglückten bereits zwei Franzosen, Le- fßbvre bei Juvisy unb Ferber bei Boulogne. Jin Eejeiuber fanb bet spanische Flugkünstler Fernandez bei Anttbe den Tod. Dazu die zwei Januaropfer. Die Nachahmung des Vogelfluges ist also noch eine sehr unsichere und höchst gefährliche Sache. Wenn ein Gas­

ballon Schaden erleidet, so wirkt der Rest des Ballons in der Regel noch Ivie ein Fallschirm, ben Absturz verlangsamend und den Anprall auf den Erdboden ab­schwächend. Die Fluaniaschine aber ist viel schwerer als die umgebende Lust; wenn einer ihrer Flügel zu­sammenklappt, so verliert bas Ding sofort das Gleich­gewicht. Tie Eiscuniasse des Motors saust mitsamt dem Fahrer unaufhaltsam herunter. Darum sind die Abstürze der Flugkünstler aus erheblicher Höhe in der Regel tödlich. Der Fahrer kann von einem ganz be­sonderen Glück sagen, wenn tote Teile den Anprall so aussaugen, daß er selbst zur Seite fliegt und mit heilbaren Wunden davonkommt.

Also wollen wir lieber unsere Kinder nicht Flug­künstler werben lassen. Aber auch keine Rennfahrer auf dem Rade. Gegen diese Wettstrampelei ist mein Widerwille neu angefacht worden durch das „Scchs- tage-Rennen", das man soeben in Berlin zum zweiten Male den zahlungsfähigen Neugierigen vorgeführt hat. Eine Geschmacksverirrung der ärgsten Art. Die Flug- künftler und Lnftschiffer, die ihre Knochen zu Markte tragen, können doch wenigstens noch sagen, daß sie der Forschung und dem Fortschritt dienen. Aber wenn ein Rudel von Radfahrern sechs geschlagene Tage lang immer dieselbe Holzbahn in zahllosen Runden ab­fährt, so ist darin keine Spur von Kultur zu entdecken. Die Berichtecktatter sind ja auch ehrlich genug, die grauenhafte Langeweile anzueckennen, die in dieser Tretmühle geherrscht hat. Sttmdc um Stunde zog das Rudel in stumpfsinnigem Gleichmaß den Kreis um die Bahn. Hin unb wieder kam etwas Leben in die Bude, wenn ein unternehmungslustiges Paar mal einen Vorstoß versuchte, um ben Gegnern eine Runde abzugewinnen. Dann wirbelte einige Minuten lang alles durcheinander. Die Schiedsrichter hatten die größte Mühe, sich in dem Kuddelmuddel zurecht zu finden, um festzustellen, wer nun eine Runde verloren ober gewonnen habe. Ost fand bie Rechnung noch lär­menden Widerspruch und mußte wieder abgeänbert werden. Nach Erledigung des Zwischenfalls nahm dann der gleichmäßige Rundlauf in tödlicher Lange- roeile seinen Fortgang. Wie wenig ernst die Kraft­probe war, sieht man daraus, daß am Schluffe der ganzen sechs Tage das siegende Paar nur eine einzige

Runde, 150 ganze Meter, voraus war. Die Verteidi­ger des Unfugs sagen, es fei die Ausdauer erprobt worden, Auch das ist nicht stichhaltig. Selbstverständ­lich kann kein Mensch sechs Tage lang auf dem Rade fahren. Um b’e Sache so lange ausdchnen zu können, hat man bie Leute paarweise zusammenkop­peln müssen. Ein Paar bildet die Einheit mit Soli- darhost Während der eine Partner fährt, kann der andere sich ausruhen. Findet nun ein zäher Fahrer zufällig einen schlappen Partner, so kann ihn die eigene Ausdauer nicht zum Siege verhelfen Will man wirklich ausprobieren, wie lange hie Menschen das Strampeln auf dem Rade oushaltcn können, so muß man das ganze Rudel, jeden flir sich, bis zur Eckchöpfung fahren lassen unb zum Sieger denjenigen ausmfcn, der zuletzt noch auf dem Rade sitzen geolie­ben ist.

Was man fiter sechs Tage lang getrieben hat, war kein Sport, sondern eine Vergeudung ron Lebenskraft zum Zwecke einer schnöden Geldmacherei. Tie Fahrer setzen ihre Gesundheit aufs Spiel und veckürzen ihr Leben, um ihr Honorar einzustreichen, das man auch Blutgcld nennen könnte. Die Unternehmer aber strei­chen schmunzelnd die hochgeschraubten Eintrittsgelder ein; sie rechnen darauf, daß in der Großstadt Leute genug sind, die bei jeder „Sensation" mit dabei ge­wesen fein wollen, — mag das Schauspiel fein ober grob, kurz- oder langweilig sein. Es ist nicht gut, wenn solche sportwidrige Vorstellungen mich vom Hofe besucht werden, und es ist besonders zu beklagen, daß die Militärbehörde die Sache untersttitzt hat. Einer der Fahrer, der schließlich auch mit seinem Partner Elack den Preis gewonnen hat, der Duisburger Rütt, hatte sich nämlich seinerzeit, um nicht in feiner Rcunfahr- lausbahn gestört zu werden, der Ableistung der Mili- tarvflicht entzogen. Bei feiner Rückkehr nach Deutsch­land hätte er gleich gefaßt und in den bunten Rock gesteckt werden müssen. Aber bie Militärbehörde ge­stattete dem verlorenen Sohne, erst noch das Sechs­tagerennen mitzumachen. Ich gönne ja dem heim ge­kehrten Landsmann alles gute; aber vielleicht wäre es doch auch für ihn besser gewesen, wenn die Behörde ihn an der unsinnigen Ueberanstrengung gehindeck hätte. Jedenfalls darf man nun erwarten, daß die

Behörde auch gegenüber anderen unsicheren Kantoni­sten, die anstatt der Rennerei eine dringliche Nutzarbeit vorhaben, ebenso nachsichtig verfährt.

Schließlich muß ich noch einen „Unglücksfall" er­wähnen, der bei mir eine gewisse Schadenfreude er­weckt hat. In dem Einküchcnhause des Vor­orts Friedenau ist ein Aufruhr ausgebrochen. Das freut mich, weil wieder einmal die Unhaltbarkeit dieser fa- millenfcindlichen Strömung zu Tage tritt. Das Ein- küchenhaus soll bekanntlch für alle seine Einwohner die Speisen in einer Zentralstelle Herstellen, sodaß die einzelnen Familien ihren häuslichen Herd nicht mehr notwendig haben und die Frauen statt der Kocharbeit sich „höheren Bcschästtgungen" hingeben können. Run hat sich aber verschiedentlich schon gezeigt, daß die Zentralküche weder dem Gelobentel, noch dem Magen bekommt. In Friedenau rebellieren die Einwohner des neumodischen Hauscs, weil sie das ewige Einerlei und die schlechte Zubereitung der Kasernenkost nicht mehr ertragen können. So muß es kommen. Das Einküchenhaus bildet eine Vorstufe zum sozialdemo­kratischen Zukunstsstaat. Je gründlicher diese soziali­stische Abfütterung der modernen Welt verekelt wird, desto beffer. Das wirft auch den Auswüchsen der Frauenbewegung entgegen. Wenn die Hausfrau für eine gehörige leibliche Verpflegung ihrer Angehörigen sorgt, so ist das teilte minderwertige Beschäftigung, sondem die lohnende Ausübung eines heiligen und heilsamen Berufes. Der häusliche Herd gehört zu den idealen Werten, die auch den größten materiellen Se­gen verbreiten. Wo mit Siebe gekocht wird, da gedeiht nicht bloß der Leib, sondern auch das Gemüt, die Seele. Der Familientisch barf nicht zu einem Gast- hausttsch herabgedrückt werden. Meder mit der Zen­tralküche, aber hoch sollen leben alle Bestrebungen für die hauswirtschaftliche Ausbildung der Töchter, bet höheren, wie der niederen. Für die Tänbelschürze bleibt noch nachmittags Raum genug. Vormittags soll die derbe Küchmschürze zu Ehren kommen, sie bil­det eint Zier auch für das schönste und geistreichste Mädchen. Denn die Hausarbett ist gesund für die Ge­genwart und berechttgt zu der Zukunstshoffnung, daß die Trägerm als beglückende Hausfrau selbst glücklich werden wird.