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37. Jahrgang

Fulda, Freitag den 7. Januar 1910.

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Gvstes IMatt

xuklären. Zn aber nicht die das Schreiben sie können sich diese eben als

diesem Zwecke brauchen die Bischöfe Hilfe der Regierung anzuflehen, wie des Staatssekretärs verlangt, sondern direkt an die Lehrer wenden, weil

A«rrl-e«: vir ei» spaltige Petitzeile oder deren «an« 15 Psg. Reklamendre-etitzeUt 25 psg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

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verantw. Redakteur!

Erfreulicherweise sind die Hochwürdigsten Herren Bischöfe die Antwort ans das Schreiben der Regie­rung nicht schuldig geblieben. Bischof Willibrod von Metz erklärt in einem Schreiben an den Staats­sekretär Mit aller Bestimmtbeit:

* Meiningen, L. Jan. 1910. Der neuvermählte Großherzog von Sachsen-Weimar ist mit seiner Gemahlin heute nach St. Moritz abgereist, wo er die nächste Zeit verbringen wird. Am 26. d. M. wird da- Großherzogspaar nach Berlin fahren, um dem Kaiser persönlich die Glückwünsche zu dessen Geburtstag auszusprechen.

•b München, 7. Jan. 1910. In Bayern sind die Nationalliberalen und die Jung­liberalen bekanntlich seit langer Zeit hart aneinander geraten. Jetzt scheint es zum offenen Bruch gekommen zu sein. Der Ausschuß der nationalliberalen Landespartei in Bayern hat beschloffen, auf seiner Forderung, daß ihm für das zukünstige Verhalten der Jungliberalen Garantien gegeben würden, bestehen zu bleiben. Im entgegengesetzten Falle würden sie aus dem bayerischen liberalen Block ausscheiden. Damit ist der Verfall des bayerischen liberalen Blocks in seiner bisherigen Zusammensehun- besiegelt, da die Jungliberalen einem solchen An trag, wie die bisherigen Verhandlungen mit Be.. stimmlheit ergeben haben, niemals zustimmen werden; der Antrag aber, wenn er nicht ein­stimmig im Zentralausschuß der vereinigten Liberalen Annahme findet, für gefallen zu gellen . hat. Dagegen ist anzunehmen, daß die ü b r i g e v liberalen Richtungen, mit Ausnahme der Nationalliberalen, sich zu einem neuen Block um so fester zusammenschließen werden. Groß würde dieser neue liberale Block allerdings nicht werden, wie ja schon heute seit der Einführung deS allgemeinen Wahlrechts der Liberalismus aller Schattierungen in Bayern ein sehr kleines Statisten» rösichen spielte.

4- Eisenach-Dermbach. -,t,. .

Die liberalen Kandidaten haben öfters eine recht eigenartige Geschichte. So jetzt auch wieder die na* tionalliberate Kandidatur für Eisenach. Der bisherige Kandidat Gutsbesitzer Krug ist zurück« etrr.- t e n, weil die Freisinnigen gegen seine Zugehörig^ I zum Bund der Landwirte Einspruch erhoben hattet ’j Der Rücktritt ist unmittelbar erfolgt, nachdem b( s Vorsitzende der nattonalliberalen Partei deS WM ' kreises öffentlich ecklärt hatte, die Nationalliberalei müßten die Zumutung, ihren Kandidaten fallen Ml laffen, mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Roch schöner aber ist, daß jetzt derselbe Vorsitzende, Justizrat Appeliu«, als gemeinsamer liberale Kandidat cmfgestellt worden ist.

s. Der sozialdemokratische Preußentag besprach am Mittwoch, am letzten BerhandlungStagg die preußische Verwaltung. In der Wahlrechts- frage, die am Dienstag erledigt wurde, will die Sozialdemokratie mit aller Kraft in den Kamps gehen und einen Wahlrechtssturm entfesseln, der nicht nur ihre eigenen Anhänger umfassen, sondern auch, rote ein Redner sich ausdrückte, andere Par­teien vorroärtspeitschen soll. Darüber hinaus geht noch eine vom Landtagsabg. Ströbel begründete Resolution, in der gesagt wird, daß man mit allen zu Gebote stehenden Mitteln vorgehen würde. „Massenstreik und politische Müssendem on» ftrationen", so sagte Ströbel, »sind in der Re­solution nicht ausdrücklich erwähnt, aber die Reso­lution ist so aufzusassen, daß wir entschlossen sind, zu allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu gxei|en'. Unter stürmischem Beifall führte er dann aus, es lasse sich nicht sagen, wann man zu diesen schärferen Mitteln greifen werde, aber man sei ernst­haft entschloflen, sie anznwenden; wenn die Zeit es gebiete, gehe man doch auf die Straße. Unter dieser Interpretation wurde die Resolution einstim­mig angenommen.

«ark Schütter ,

ÄÄS* MchEase: „Illustrierte Somttagrzeltmg"

Deutsches Reich.

* Berlin, 6. Jan. 1910. Die angekündigte Konferenz der preußischen Ob er Präsiden iev Hal gestern unter dem Vorsitz des Ministers des Innern staltgeftmden. Zu dem Diner, das der Minister anläßlich der Konferenz abends gab, war auch der Kaiser erschienen. — Am Donnerstag vormittag nahm der Kaiser die Vor träge des Kriegsministers und des Chefs des Mililärkabi- netts entgegen. — Auf Schloß Neuenberg bei Erlangen ist der ehemaligeReichstagsabg.Frei­herr von Eagern (Ztr.) im Alter von. 69 Jahren gestorben.

* Die Eröffnung des Landtags wird, wie amtlich bekannt gegeben wird, der Kaiser und König am 11. Januar, 12 lltjr mittags, im Weißen Saal des königlichen Schlaffes selbst voll­ziehen. Die erste Plenarsitzung des Haukes sindet am Dienstag nachmittag, statt. Unmittelbar nach der Konstituierung wird in ihr der Finanzminister den Slaatshaushaltsetat einbringen.

* Eine chinesische Kommission zum Studium der deutschen Marineeinrichtungen, an deren Spitze Prinz Tsaihsün steht, traf am Mitt­woch in Berlin ein. Prinz Tsaihsün wurde vom Kaiser empfangen und erhielt das Großkreuz des Roten Adlerordens. Unserem Kaiser überreichte er

Privatpersonen dem privaten Verein frei gegenüberstehen; von einer amtlichen Tätigkeit der Lehrer kann doch keine Rede sein.

einige kostbare alle Bronze- und Porzellangegenstande als Geschenk deS Kaisers von China. Dem Retchs- kanzler wurde auch ein Besuch abgestattet. Am Donnerstag besichtigie die Kommission bte Werst des „Vulkan/ in Stettin. Von dort begibt sie sich nach Siel.

♦ Vom Regierungspräsidenten von Oppeln von Schwerin erhätt die .Germania* die Berichtigung, daß die ihm zugeschriebene Aenßernng: »Sie mußten den Kreisschulinspektor fragen, wie sie wählen sollen!" weder den Tatsachen entspreche, noch auch dem Sinne nach gefallen sei. - Die .Germania" schreibt dazu: „Wir Haden bereits bemerkt, daß wir die betreffende Aenßernng des Herrn Regierungs­präsidenten von Oppeln für unglaublich halten müßten, wenn sie uns nicht von zu v er lässig er Seite mitgeteilt und dabei auch der Gewährs­mann genannt worben wäre. Dieser hat jetzt das Wort." ,

(*) Die erste Anwendung der Zwangsente,gmmg steht nach der „Tägl. Rundschau" demnächst bevor. Die am 19. Januar in Posen zusammentretende An- siedlungskommiffion wird nach Mttteilungen dieses Blattes die Zwangsenteignuny einer Reihe von pol­nisch e n- G ü te rn, insbesondere solcher, deren Eigentümer sich btmernb im Auslande aufhalten, be­schließen.

8 Der polnische Reichstagsabg. von Chrzanowski hat nach Vlättermeldungen fein Mandat nunmehr end- gilttg niedergelegt.

4- Die diesjährige Generalversammlung des Bun­des der Industriellen findet am 24 d. M. in Berlin statt Reichstagsabg Dr. Stresemann wird über .In­dustrie- und Hansabnnd" und Fabrikbesitzer Luboldt- Gara über die Reichsversicherungsordnung sprechen.

)( Tie „Tägliche Rundschau" gibt jetzt selber zu, daß sie' verkauft werden soll. Sie be­streitet nur, daß die nationalliberale Partei als Saufet in auftrete, nnd fährt dann fort:

„Menn ein Besttzwechsel der „Tägk. Rundschau" statlfinden sollte, so i't die selbstverständliche Boraus- fehung, daß das Blatt als unabhängige naNonale Zei- tuna erhalten wird und jede irgendwie geartete Partet- abhänqüikeit ausgeschlossen bleibt. Wenn die »Hamb. RachrÄ si.b noch einige Zeit gedulden wollen, werden sie unsere Behauptung einmandsfrei bestätigt finden.

** „Glänzende Erfolge" in der „Katholikenbe- krhrnnz" verzeichnet die Landeskirche des Königreichs Sachsen. Die ihr nahestehenden Blätter verkünden triumphierend, daß 1908 „fast 900 Personen mehr vom Katholizismus zur evangelischen Landeskirche übrrgetreten find als umgekehrt". Dem Evangelischen Bunde, der immer von Roms Uebergriffen" redet, schreibt die „Deutsche Tageszeitung" dazu ins Stammbuch: „Danach kann bodi, die Propaganda der römisch-katholischen Kirche in wachsen nicht so be­ängstigend und so gewaltig fein, wie man oft behaup­tet." Gegenüber diesen gewonnenen 900 Personen sind 1265 Personen verloren gegangen durch Aus­tritt aus der Landeskirche. Das sind die Ausge­kochtesten unter den „Genossen". Wieviel hundett- tausende ohne sormell ausgetreten, dem Protestantis­mus im roten Königreich sonst noch verloren gehen, davon schweigt diese Statistik. Die Statistik über die sozialdemokratischen Stimmen bei den Wahlen lehtt das besser und deutlicher und — für den Evangelischen Bund beherzigenswerter

y Ter Kieler Werstprozetz wird unwillkürlich in Verbindung gebracht mit folgender Meldung: „Vizeadmiral Braulina, der Direktor des Werst- dcpaltements des Reichsmarineamts, ist in Ge­nehmigung seines Abschiedsgesuches zur Disposition gestellt worben. Gleichzeitig wurde ihm bei Charakter als Admiral verliehen." — Ein Kaufmann wird ja wohl nicht an seine Stelle treten. So etwas kennt man in Preußen-Deutschland ja höchstens, wenn, wie in bet Kolonialpolitik, bie Karie so ver­fahren ist, baß bet normale Bureaukratismus sich bie Kraft 'zur Rettung nicht mehr zutraut.

„Ich erachte es als ein Recht bezw. eine Pflicht meines oberkirchlichen Amtes, die katho­lischen Lehrer meiner Diözese auf die religiöse Sette der Eintritts in den allgemeinen deutschen Lehrerverein mtfmedfam zu machen. Eine Erteilung von Verhaltungsmaßregeln an die Lehrer lag nur da­bei selbstverständlich fern und noch mehr ein Eingriff in die staatlichen Befugnisse. Wenn Eure Exzellenz es für angezigt halten, das Schreiben zu veröffentlichen, so bm ist benöttgt, auch diese Antwort der Oeffentlich- keit zu übergeben, gez. Willibrod, Bischof von Metz."

Bischof Fr i h e n von Straßburg antwortete u. a.

Er habe es für seine Psticht gehalten, die katho­lischen Lehrer vor dem Anschluß an den Allgemeinen Deutschen Lehrerverein zu warnen, da zahlreiche Kund­gebungen des Bereiris auf dem religiösen Gebiete Ten­denzen zutage treten ließen, die den Grundsätzen der katholischen Kirche widersprechen. Wie ich hierin meine Befugnisse überschritten haben sollte, vermag ich nicht einzujehen. Die Frage, um die es sich biet han­delt, ist tn erster Linie eine Geroiffenssrage für einen Test meiner Diözesanen. Durch den Umstand, daß diese Diözeianangehörigen als Beamte oder Lehrer einer staatlichen Behörde unterstellt sind, kann das prinzipielle Verhältnis nicht abgeschwächt werden, in dem sie in bezug aus Glaubens- und Gewiss ns- fragen zur kirchlichen Hirten« und Lehrgewalt stehen. Wenn in dem Schreiben gesagt wird, daß „Mitteilungen in Bezug auf daS Verhalten der Lehreischast nur auf dem Dienstwege zulässig find", so gestatte ich mir diese Auffas­sung als irrig dahin richtig zu stellen, daß der Dienstweg einzuhallen ist, sofern es sich um Mitteilungen handelt, bie in der staatlichen Kompetenffphare liegen und sich auf die durch die staatlichen Gesetze geregelte Amts­tätigkeit der Beamten und Lehrer beziehen. Außer den staatlichen Gesetzen haben aber die katholischen Be­amten und Lehrer Glaubens- und Gemissensrfiichien zu ersüllen, in bezug auf welche sie nächst Gott ihren kirchlichen Vorgesetzten unterstehen. Wie ich eine diese Gewiffenspflichte» betreffende Mitteilung auf dem Dienstwege und durch staatliche Vorgesetzte an die Lehrer gelangen laffen könnte, ist mir nicht ersichtlich. Dementsprechend sehe ich mich veranlaßt, den gegen mich erhobenen Vorwmf eines „Eingriffes in den Be­reich der staatlichen Besuguiffe" zurückzmveisen. Im Schlußsatz des dortseitigen Schreibens vom 1. d. M. wird die Veröffentlichung desselben in Aussicht gestellt. Nachdem diese Veröffentlichung bereits, und zwar an demselben Tage, an dem es in meine Hände gelangte, erfolgt ist, träge ich meinerseits keine Bedeuten, nun­mehr auch meine gegenwärtige Antwort der Oefsent- lichkeit zu übergeben.

x Die reichsländische Regierung nnd die Bischöfe.

Ueb« dir Vorgeschichte deS Konfliktes zwischen her Regierung in Elsaß-Lothringen und den Bischöfen von Straßburg und Metz (vgl. Nr. 3 Letzte Rachr.) wird uns noch folgendes mit- geteilt t

In den Reichslanden besteht seit längerer Zeit ein Lehrerverein, dem auch die katholischen Leh­rer in großer Zahl angehören. In diesem Verein haben nun die liberalen Elemente, gestutzt auf die Agitation gegen die notorisch schlechte Bezahlung der Lehrer in Elsaß-Lothringen sowie mit Unterstützung jugendlicher Schreier, den Anschluß dieses Vereins an den kirchenfeindlichen deutschen Lehrerve r- e i n, eine von fteisimiigen Leuten beherrschte, in ihrer Wirksamkeit überaus einseittge und kurzsichtige Or- ganifation, durchgeseht. Die einzelnen Mitglieder waren keineswegs für den Anschluß begeistert. Von den etwa 1000 lothringischen Lehrern bei­spielsweise haben sich nur 237 für den Anschluß aus­gesprochen, die übrigen 763 wollen von dieser „be­freienden Tat" nichts wissen. Sie kennen den Kurs, jaus den der allgemeine deutsche Lehrerverein hinsteuert lUnb protestierten schon seit Jahren gegen die von ge­wisser Seite offen und versteckt betriebenen Anschluß- bestrebungen. Heftige Debatten auf den letzten drei oder vier lothringischen Lehrertagen liefern den Be­weis, daß die lothringische Lehrerschaft in ihrer Majorität von einem Anschluß an diesen Verband nichts wissen will. Der Anschluß ist aber nun doch von einer Delegiertenversammlung beschlossen worden.

Die Bischöfe von Straßburg und Metz hatten sich verpflichtet gesuhlt, vor dem Eintritte in den Deutschen Lehrerverein zu warnen, dadurch, daß sie den ka­tholischen Lehrern einen entsprechenden Artikel des el­saß-lothringischen Schulsreundes vom ehemaligen Se­minardirektor in Metz, Prälaten Nigetiet, zur Kennt­nisnahme zustellten. Die Delegiertenversammlung legte gegen diese Warnung stellenweise in den leiden- fchastlichsten Ausdrücken Verwahrung ein; die liberale Presse schlug Lärm, tt. a. in der Metzer Zeitung in Wendungen, die noch auf etwas anderes hindeuteten. Dies andere ist nun gekommen: die Regierung hat eingegriffen und Staatssekretär Zorn v. Bulach hat den Bischöfen von Straßburg und Metz das be­kannte Schreiben zugehen lassen, das die Erteilung von Verhaltungsmaßregeln an die Lehrer durch jene Mit- teilungen als Eingriff in den Bereich der staatlichen Befugnisse scharf z li r ü ck w e i st.

Man sollte meinen, es ginge die weltlichen Be­hörden g a r n i cht s a n, wenn die Hochw. Herren Bischöfe an die katholischen Lehrer eine Aufklärung ge­langen lassen, toantm ein Katholik nicht Mitglied des Allgem. Deutschen Lehrervereins sein kann. Der Ver­ein ist doch keine Staatseinrichtung, die die Regierung zu schützen die Aufgabe hat. Der Lehrer ist ein wichti­ger Faktor für die religiöse Erziehung der Schulkin­der. Wenn darum der Deutsche Lehrerverein Tenden­zen verfolgt, die von den Bischöfen als antikatholifche, teilweise sogar als antireligiöse betrachtet werden müs­sen, so tst es nicht bloß ihr Recht, sondern sogar ihre Pflicht, die katholischen Lehrer über diese Ziele auf-

MldaerW Zeitung

Monatrbeilage: .Lulda« Geschichtsblätter"

Schattenblume.

JO] Originalroman von Irene v. Hellmuth.

Und das Mädchen schlang in aufwallender Herz­lichkeit die Anne um den HalS der treuen Alten und .bat mit Tränen in den Augen: „Verlaß Du mich jnicht, Nosel, ich will Dir dankbar sein, so lange ich lebe’"

i Wie eine Mutter sorgte Rosel für Gerda. Auch der Großvater gönnte ihr manches freundliche Wort. Die Alte meinte sogar, der Müller sei lange nicht mehr so brummig wie zuvor.

i Aber Gerda sorgte sich schwer um ihn.

Da sein Zimmer sich gerade über dem ihrigen be­fand, hörte sie ihn oft stundenlang herumwandern, im­mer auf und ab, ohne Unterbrechung.

[ Sie wußte es, er hatte Sorgen, schwere Sorgen iunb dieselben raubten ihm nachts den Schlaf; denn in wenigen Wochen war die Frist um, die der Dorf- Itoirt ihm gelassen, um die gekündigte Hypothek zu­rückzuzahlen. Jeder wußte es, daß die alte baufäl­lige Mühle nicht so viel wett war, als Schulden dar­auf lasteten und daß man bei einem etwaigen Ver­kauf also kaum zu seinem Gelds kam. So wollte nie­mand da? Risiko übernehmen und Geld darauf leihen. UeberaH war dec Müller schon gewesen, aber immer umsonst

„Dar alte Gerümpel hat gar keinen Wert mehr', hieß es. Die Sauern sagten es dem Müller ganz offen ins Gesicht. Seit langen Jahren hatte keine auSbef« ferndr Hand den Verfall des HauseS aufzuhalten ge­lacht. Die Mühle stand schon lange still. Die Tat- jkrast und Energie deS Alten war gebrochen. Er ver­mochte sich nicht mehr aufzuraffen und ließ alles gehen wie er wofite. Ein par Aecker und Wesen, die zur Minhle hegörtsn. deckten mtt ihrem Ertrag bie weni­gen Bedürfnisse des Alten.

' Früher war das alles anders gewesen Da hatte xuf der Mühle ein gewisser WoMand geherrscht. Da, Astige Geklapper war wetthin vernehmbar, und die Mtalle toiefen einen reichen Diehstand auf. Fetzt aber

standen sie leer nnd waren dem Verfalle preisgegeben; ein trauriger Bild.

„Wie das nun werden soll, wenn der Großvater wirklich das Geld nicht auftreibt?" fragte Gerda ihre alte Vertraute, als sie wieder, wie so ost beisammen auf dem Bänkchen unter der Linde saßen.

Rosel hielt seuszcnd mit der Arbett inne und schüt­telte bekümmert den Kopf.

„Das mag Gott wißen — er wird uns gnädig vor dem Aergften bewahren," flüsterte sie, denn der Diüller ging eben vorbei und er sollte nicht Seren, was sie sagte.

Die beiden blickten besorgt aus die Gestatt des Grei­ses, und Gerda wollte es scheinen, daß der Großvater fett ihrem Hiersein viel magerer geworden sei.

Sie stand aus und trat neben ihn.

„Wo gehst Du hin?" fragte sie.

„JnS Dorf hinunter," lautete die Antwort. „Ich will noch einmal mit dem Wirt wegen btr Hypothek sprechen, vielleicht verlängert er mir die Frist bis zum Herbst Kommt Zeit, kommt Rat. Tut er es nicht — dann müssen wir vorauSsichttich fort von hier, denn ich sehe keine Möglichkeit, daS Geld so schnell zu be­schaffen. Ueberleben werde ich es ganz gewiß nicht, wenn Ich wie ein Bettler den angestammten Besitz ver­lassen nmß. Aber mir gilt eS gleich. Lieber heute als morgen fahre ich in die Gnibe."

„So sollst Du nicht sprechen, Großvater," bat Serba; „e8 totrb sich ja ein Ausweg finden laffen.

„Ich sche vorläufig keinen," entgegnete er trübe und schritt langfam den schmalen Pfad entlang. Gerda konnte es nicht hindern, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten. Sie preßte das Taschentuch an daS Gesicht und weinte bitteckich. Auch Rosel schluckte mühsam.

Und über ihnen schien die goldene Maiensonne und bie B5gd fangen ihre Jubellieder.

Ganz in ihren Kummer und die trüben Gedanken versunken, bemerkten die beiden e$ nicht, daß zwei Herren langsam daherkamen. Gerda blickte erst fxV als die beiden Ankömmlinge dicht vor ihr standen und d« eine überrascht auStief- „Wie — in Tränend

Was haben Sie denn schon wiever für einen Kum- j mer Sie arme Schattenblume!"

Ein ungemein bitteres Lächeln spielte um Gerda- Mund.

„Schattenblume." wiederholte sie nickend.

Vor ihr stand Viktor Bolz und sah sie teilnehmend cm ; dann auf seinen Begleiter deutend fuhr er fort: „Gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen Vetter, Herrn Egon Helldorf oorstelle!"

Gerda zuckte leicht zusammen bei Nennung des Na­mens. Das also war der Sobn von Robert Helldorf, der Sohn dessen, der so viel Leid und Kummer über ihren Großvater gebracht Hatte, daß die Spuren da­von noch heute, nach so vielen Jahren, deutlich zu merken waren

Zaghaft schaute Gerda zu dem jungen, mit tadel­loser Eleganz gekleideten Mann auf. senkte aber sofort wieder errötend die Augen zu Boden vor dem seltsam heißen, leidenschaftlichen Blick, der sie getroffen. Sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie ihrer Befangenheit nicht Herr zu werden vermochte. Viktor Bolz fuhr in leichten.- Tone sott, indem er sich an seinen Vetter wandte; „Dies hier sst mein Schützling, den ich hilf­los und verirrt im Walde fand, und von dem ich Dir erzählte."

„Du hast eben immer Glück," entgegnete Egon Helldorff mit einem vielsagenden Lächeln. „Unser­einer könnte tagelang draußen Hemmlaufen, es wäre doch umsonst — mir ist so etwas noch nie begegnet!"

Er blickte Gerda immerzu an, sie fühlte e8, und wurde immer verlegener. Viktor schien nichts davon zu mecken. Er wandle sich jetzt an Rosel, die stumm immer wieder von neuem die Schürze glättete und sagte heiter: „Ich sah den Müller in das Dorf hinunter gehen; da ist eS wohl gestattet, daß wir ein wenig Platz nehmen? Wenn der Cerberus da ist, dürften wir eS ohnehin nicht wagen; wir find ja verfehmt. Ich glaube, er würde die Hunde auf unS Hetzen. Wenn ich nur ein Mittel wüßte, den alten Starrkopf zu versöhnen."

„Ach gnädiger Herr," stammelte Mosel ganz ver- wtrrf, „welche Ehre —' ... ... -

Sie schwamm förmlich in Wonne über den vor» nehmen Besuch. Dabei mußte sie immer auf Ego« Helldorf schauen ,ber seinem Baier so ähnlich sah.

Sie hatte ein paar Stühle herbeigeholt, weil daS kleine Bänkchen nur Platz für zwei Personen bot. Egon Helldorff hatte sich die Situation rasch zunutz« gemacht und neben Gerda Platz genommen, indem et in verbindlichstem Tone und ohne den Blick von ihrem Gesicht zu wenden begann: „Gestatten Sie einem müden Wanderer, daß er hier ein wenig ausruht?"

Als daS Mädchen stumm nickte, fuhr er fort: „Wir haben einen größeren Spaziergang gemacht - u‘.

bin sehr müde — hier aber ist gut sein! welch ein herrliches Plätzchen! Es ist schön, daß ich gar nicht fort möchte!"

Er Begann dann gewandt von allen möglichen Din­gen z« plaudern und schien eS kaum zu bemerken, daß Gerda beinahe stumm dabei faß.

„Waren Sie schon oben bei der Ruine, mein Fräu­lein?" fragte er, und als Gerda verneinte, fuhr er leb­haft fort: „Richt? daS müssen Sie sich aber wirklich einmal ansehen. Es ist sehr Interessant. Manches Ist noch sehr gut erhalten, zum Beispiel daS Burgverließ, wo man vor vielen Jahren sogar menschliche Knochen gesunden haben will. Unzählige Fremde besichttgen stets die Ueöerrcfie einer längst vergangenen Zeit. Dars ich vielleicht einmal Ihren Führer machen? Ich kenne nämlich jeden Winkel deS alten Gemäuers. Schon als Snabe war eS meine Liebllngsbeschästl. gung, dock hetumznschlüpfen. Bitte, verfügen Sie ganz über mich, bestimmen St« eine Zett und ich stehe zu Ihren Diensten."

„gtetn — ach nein," wehrte Gerda beinahe angst- voll, „da? darf ich nicht!"

„Wie, Sie dürfen nicht? Weshalb nicht?" fragte er verwundert i

„Der Großvater hat es mir verbaten — Sie ahne» gar nicht, wie feindlich er gegen Sie gesinnt isil" J

Egon Helldorff lachte last und belustigt auf z

... „Kortsetzimg folatt v. ~