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37. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 5. Januar 1910

M 3

Zweites Wlcrtt

Kleines Fenitleton

Höchster und letzter Zweck der Erziehungi aber ist daS Leben: non scholae, sed vitae I discimus, nicht für die Schicke, sondern für das | Leben lernen wir. Aber welches Leben ist gemeint? Die humanitäre Pädagogik legt das Hauptgewicht aus das gegenwärtige, aus das irdische Leben. Das jenseitige Leben läßt sie in den Hinter­grund treten, und zwar spalten sich hier die Anhänger der Humanitäten Erziehungslehre in zwei ©nippen:

Die einen lassen das jenseitige Leben der­maßen in den Hintergrund treten, daß sie es ganz aus dem Gesichtskreis der Schule rücken: sie wollen eine Erziehung ohne Jenseits und dämm ohne Gott und ohne Religion, denn Gottesglaube und Religion sind mit dem Unsterblichkeitsglauben nicht bloß in allen geschichtlichen Religionen, sondem auch inner­lich unlöslich verbunden. Damit ist die religio ns- l o s e Schule proklamiert.

Andere gehen nichr so weit: sie ernennen in dem Hinweise auf ein jenseitiges Leben einen mächtigen Bundesgenossen des Erziehers, ebenso in der Reli­gion Sie schließen dämm das Religiöse nicht direkt aus der Erziehung aus. Aber sie machen hierbei eine doppelte Einschränkung: Erstens, jene religiöse An­schauung, die den Geist des Zöglings in Beziehung setzt zu einem jenseitigen Leben, darf beileibe nicht die positiv christliche sein. Allenfalls mag die Familienerziehung sich des konfessionellen Christen­tums bei der Erziehung bedienen, die offizielle Er­ziehung ist interkonfessionell (ein beliebtes Schlagwort in unserer Zeit!), sie hat nichts zu tun mit den positiven Dogmen des Christentums, sie baut sich auf einzig auf jenen allgemeinen religiösen Lehr­sätzen, die keine konfessionelle Färbung tragen und die sich daher für Zöglinge aller Konfessionen eignen. Danckt sind die Grundlagen für die Simultan- schulen gegeben, für Simultanschulen, die den re­ligionslosen äußerst nahe stehen, denn — das ist die zweite Einschränkung, die von diesen Pädagogen an­gebracht wird — die so geschilderte religiöse Unter­weisung und Erziehung ist nicht Hauptzweck der Schule, auch nicht einmal Gleichzweck, sondern hat sich in die bescheidene Rolle eines Nebenzweckes zu fügen. Menschliche und religiöse Erziehung sind dis­parate Dinge, die zwar neben einander bestehen mö­gen, aber eigentlich nichts einander angehen, auf ein­ander keinen bestimmenden Einfluß ausüben. Haupt­zweck der Erziehung bleibt die vollkommene Mensch­lichkeit, die sich auswirkt und auslebt im irdischen Dasein. Und da das irdische Leben ein Leben der Gemeinschaft mit anderen Menschen ist, die zum selben Staate, zur selben Nation verbunden sind, darum muß die Erziehung vor allem eine nationale sein: die Interessen des Staates, noch genauer der Natio­nalität, stehen oben an, ihnen haben sich alle anderen Jntereffen unterzuordnen.

Ein engbegrenztes Erziehungsideal! Und doch, wir sind auf dem besten Wege, daß es unseren Kin­dern aufgenötigt werde. Lasten wir es nur geschehen, daß die Kirche und das konfestionelle Christentum aus der Schule hinausgedrängt werde, lassen wir die Schule religionslos werden, und dieses Erziehunas- ideal leuchtet über allen Dorfschulen. Damit aber ist der Abfall nicht bloß vom Christentum, sondern von jeglicher Religion, von jeglichem Gottes- und Unsterb­lichkeitsglauben besiegelt, denn es ist zu klar, als daß es noch bewiesen zu werden brauchte, daß jene „allge­meine Religion ohne konfestionelle Färbung", die man tm Rebenamte in der Schule allenfalls noch zulasten will, eine Halbheit ist, die bald in sich zusammen brechen muß. Was als Nebenzweck angesehen wird, hat von vornherein schon keine große Aussicht auf Be­achtung. Doch gesetzt auch, man schenke dieser „all­gemeinen Religion ohne konfestionelle Färbung" einige Beachtung: wer ist es denn, der die Lehrsätze der allgemeinen Religion feststellt, der sie begründet, gegen Anzweifelungen sicher stellt und sie mit der nötigen Auktorität gegenüber den Zöglingen ausstat­tet? Die Kirche? Aber die ist ja ausdrücklich ausge­schaltet. Die hl. Schrift? Aber die ist ja konfessionell;

im Alten Testamente trägt sie die jüdische, im Neuen Testamente ßie christliche Religion vor. Also der Lehrer selber oder der Staat, in besten Namen und Auftrag er nationale Erziehung fördert? Aber wie haben die Ansichten der Lehrer und der Staatsmänner schon gewechselt hinsichtlich der elementarsten und ein­fachsten Dinge der Schule! welch ein Wirrwarr von Meinungen wird dann erst entstehen, wo es sich um so heißumstrittene, schwerwiegende und von vielen so bezweifelte Wahrheiten handelt, tvic es die Lehr­sätze der „allgemeinen Religion ohne konfestionelle. Färbung" trotz ihrer geringen Zahl doch immerhin sein werden! Die Folge dieses Widerstreites wird fein, daß man diese zerklüftete und haltlose Religion nur als einen Zankapfel der Schule, zum mindesten als einen unnützen Ballast betrachten und ganz beiseite schieben wird. Die religionslose Schule ist die not­wendige Folge der konfestionslosen Schube, die kon­fessionslose Schule aber untergräbt alle Religion und Sittlichkeit, und wird darum mit der Länge bet Zeit zur Mine unter dem Staatsbau. Durch rein mensch­liche Beweggründe, durch rein menschliche Zuchtmittel, ohne Gott, ohne Jenseits, ohne Religion, läßt sich nach dem Ausweis einer mehrtausendjährigen Erfah­rung nun einmal kein gesittetes Geschlecht erziehen. Ohne Gesittung aber, ohne Rechts- und Sittlichkerts- gMhl kann kein Staat bestehen, tlnb so wird die konfessionslose Schule auf die Dauer unfehlbar zur Totengräberin des Staates. Man möchte meinen, die Geschichte habe dies doch deutlich genug gelehrt.

Schon diese Erwäoungen zeigen zur Genüge, wie unerläßlich cs ist, daß eine religiöse, eine k onfes - fi onelle Erziehung in den Schulen gepflegt werde, und daß darum die Kirche einen unmittelbaren und direkten Einfluß auf die Schulen, wenigstens auf die Volks- und Mittelschulen behalten muffe, auch im Interesse des Volkswohles und des Staates. Doch suchen wir diese Notwendigkeit noch näher darzutun, indem wir sie christlichen, d i e katholischen Grundsätze hinsichtlich der Erziehung der Kinder in Den Schulen barlegen.

Die christliche Erziehungslehre stimmt mit der Humanitären, naturalistischen Erziehungslehre darin überein, baß der Zweck, die Aufgabe der Erziehung sei die Heranbildung des Zöglings zu einem vollkommenen Menschen, der befähigt sei, im gegenwärtigen Leben sich als vollkommener Mensch und als nützliches Glied des Staates und der Gesell­schaft zu feinem und der Gesellschaft Wohle zu be­tätigen Aber sie ist nicht so kurzsichtig, die Erziehung hierauf allein zu beschranken. Sie bringt tiefet vor, ihr Blick erweitert sich, sie schaut über diese kurz­dauernde, armselige Zeitlichkeit hinaus in die jen­seitige ewige Welt: nach den lichten (Sternen, die ihr von dort entgegenstrahlen, richtet sie ihren Lebensweg; Die Erziehung für Gott und für Christus, für di« Uebematur und für den Himmel gilt ihr als e r ft et Endzweck aller Erziehung. Die Erziehung soll den Zögling so beranbilden, daß er, in das Alter bet Reise rtngetreten' fähig unb gewillt fei, seine e w i g e; übernatürliche Enbbestimmung mit aller Ener­gie anzustreben, unb alle Mittel zu gebrauchen,. bie ihn zu diesem Ziel führen können unb nach Christi Anordnung führen sollen. Erst als s e I u n b ä r e t Endzweck bet Erziehung hat zu gelten bie Heranbil­dung des Zöglings für das irdische Leben, für seinen zeitlichen Berus. Die Erziehung soll dementsprechend den Zögling so heranbilden, daß er, in das Alter bet Reise ein getreten, fähig und gewillt sei, seiner irdi­schen Lebensaufgabe nachzukommen, den Pflichten, die ihm sein Lebensberuf auferlegt, treu zu erfüllen und dadurch sowohl für sein Bestes als auch für das Wohl des Staates und der Gesellschaft gemäß deut göttlichen Willen tätig zu fein.

Was aber das Verhältnis dieser beiden End­zwecke betrifft, so stehen beide nicht lose neben ein­ander, sondern in engster innerster Verbindung und zwar in der Beziehung der Unterordnung des zweb teu unter den erstem; nach christlicher Auffassung ist

Unterricht zum wenigsten in den Volks- unb Mittel­schulen beanspruchen müssen.

Nunmehr wollen Wit diese 6eiben Gründe ein­gehender zergliedern, damit ihre Beweiskraft den Lesern noch mehr in bie Augen springe. Zu diesem Zweck fragen wir uns:

A. Welches ist bie Aufgabe des weltlichen Un­terrichtes in ben Volks- unb Mittelschulen?

8. Wer ist berufen/ diese Aufgabe zu erfüllen?

A.

Welches ist also bie Aufgabe des weltlichen Unterrichtes in der Schule? Was die m a ß g e b e n - den K r ei s e hierüber denken, zeigen uns die tat­sächlichen Verhältnisse in allen Kulturstaaten: In keinem Kulturstaate existiert bie bloße „Lernschule", vielmehr hält man überall an ber „Erziehungsschule" fest. Erziehung durch den Unterricht ist nach allen Pädagogen von Ruf unb Namen, ist nach allen umsichtigen (Staatsmännern bie Hauptaufgabe ber Schule. Freilich die materialistische Lebensauf­fassung weiter Volkskreise legt auf bie Erziehung in ben Schulen keinen großen Wert; es erscheint ihnen als bie Hauptsache, daß bie Kinder mit nützlichen Kenntnissen ungefüllt werden, durch bie ihnen ein gutes wirtschaftliches Fortkommen ermöglicht wird. Allein mit Recht treten alle verstänbigen Pädagogen dieser grobsinnlichen, alles höheren Strebens leeren Auffassung entgegen. Gewiß verlangen bie wirtschaft­lichen Verhältnisse ber Gegenwart, baß ben Kindern ein größeres Maß praktischer Kenntnisse vermittelt werde als früher; aber bie Erziehungsnotwendigkeit ist damit nicht beseitigt, im Gegenteil, sie ist gewachsen in dem Maße als infolge der veränderten wirtschaft­lichen u. sozialen Verhältnisse bie Einflüsse stärker und zahlreicher geworden sind, bnrch die die Religion und Sittlichkeit und damit die Gmndlagen eines fried­lichen unb geordneten Lebens im Staate unb in ber Gesellschaft gefährdet toeTTTen.

Also barfiber kann bei allen Einsichtigen nicht ber geringste Zweifel bestehen, daß ber weltliche Unter­richt in gleichem Maße unterrichtend und erziehend wirken muß, ja daß in der Volksschule der Erziehung sogar bet Vorzug gebührt, indem bie Vermittelung bet Berufs krnntniffe mehr ber Fortbildungsschule zufällt, unb baß dämm als bie Hauptaufgabe ber Schule anzusehen ist bie Erziehung burch den Unterricht — allein schon im Volks- unb Staatsinteresse.

Erst recht betrachtet bas Christentum bie Er­ziehung als einen wesentlichen unb unzertrennlichen Bestandteil des weltlichen Unterrichtes: „Was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber an seiner Seele Schaden litte?", sagt der Hei- lonb (Mark 3, 36); mit andern Worten: was nutzen olle Kenntnisse, was nützen alle wirtschaftlichen, zeit­lichen Erfolge, was nützt ein gutes Fortkommen, wenn Religion unb Sittlichkeit nicht von Jugend auf prak­tisch geübt werben, und wenn durch diesen Mangel an Erziehung ber Himmel verloren wird, ben man nur durch ein religiöses unb sittliches Leben erreichen kann!

Mit seltener Einmütigkeit bekennen also weltliche, staatliche und kirchliche Auktoritäten. daß bie Haupt­aufgabe ber Schule sei: Erziehung bnrch ben Unter­richt.

Es fragt sich nunmehr, welche Erziehung in ber Schule zu erstreben fei. Hier scheiben sich die Päda- gogen in zwei große Lager. Die humanitäre (rein menschliche) Erziehungslehre betrachtet als nächsten Erziehungszweck bie Heranbildung des Zöglings zum vollkommenen Menschen. Die Er­ziehung soll alle Kräfte unb Fähigkeiten, bie in ber menschlichen Natur schlummern, zur ebenmäßigen Ent­wicklung bringen, unb zwar bis zu der Stufe, baß ber Zögling ein vollkommener Mensch sei. Stern unb Rem ber Erziehung ist bie Humanität, bie reine Menschlichkeil. Das ist ber nächste Zweck, das nächste Ziel ber Erziehung.

V Zur Schulausfichtsfrage.

II. Die Aufficht über den weltliche« Unterricht 'in den Volksschulen; Grundsätzliches. (3.)

Daß die Kirche ein unmittelbares, direktes und unabhängiges Recht auf bie Erteilung unb Beauf­sichtigung des Religionsunterrichtes in den Schulen hat, wird, wie wir gesehen haben, auch vom solchen aneckannt, bie nicht auf katholischem Stand­punkte stehen; auch sie mißbilligen jene Gesetze oder Verordnungen, die dem Staate ein unmittelbares unb birettes Recht auf ben Religionsunterricht gleich- ialls ober sogar allein n. ausschließlich zuschreiben, und ie betrachten es daher als eine Rechtsverletzung, daß >er Staat auch für den Religionsunterricht die Leh- iter, bie Orts-, Kreis-, unb Bezirksschulinspektoren ' anstellt unb beaufsichtigt, bie Schulbücher unb ben Lehrstoff in ben einzelnen Klaffen vorschreibt, bie Methode bestimmt, nach welcher ber Religionsunter­richt erteilt werben soll, unb schließlich gar noch ben Lehrer in seinem etwaigen SBiberftanb gegen bie ka­tholische Lehre ober gegen seine kirchliche Behörde in Schutz nimmt. Diese staatlichen Eingriffe in bie Lehr­gewalt ber Kirche werben, wie gesagt, auch von jenen Männern verurteilt, weil ihnen bas unmittelbare, di­rekte unb unabhängige Recht der Kirche auf ben Re­ligionsunterricht zu einleuchtend ist, als daß sie daran 'zu rütteln wagten.

I Aber durchaus nicht einleuchtend ist vielen das Aufsichtsrecht ber Kirche auf den weltlichen Un­terricht in ben Schulen. Was geht ber weltliche Unterricht bie nichtweltliche Kirche an? Hat doch Christus selber gegenüber dem Vertreter ber staatlichen Gewalt, gegenüber bem Pilatus, gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." (Joh. 18, 36.)

Wir wollen bie Lösung bieses Einwandes gleich vornehmen; diese Lösung führt uns ganz ungezwun­gen auf unser Thema hinüber.

Allerdings hat die Kirche auf ben rein weltlichen Unterricht als solchen kein unmittelbares unb direktes Recht; ihr direkter Machtbereich erstreckt sich nur so­weit als Religion und Sitte reichen. Allein ber weltliche Unterricht in ber Schule, zum wenigsten in ben Volks- unb Mittelschulen, ist ja gar nicht blo ß weltlicher Unterricht, sondern er ist zugleich auch Mittel der Erziehung, ja er ist baS letztere mindestens so sehr wie daS erstere: bie Erziehung ist vom Unterrichte nicht zu trennen, wenigstens nicht in ben Volks- und Mittelschulen, wo der Lehrer noch erzichungSbebüistige Zöglinge vor sich hat.

! Nun aber ist er ft en? eine Erziehung ohne Religion undenkbar, wie die Erfahrung uns allezeit gezeigt hat, und wie es sich auch, abge­sehen von ber Erfahrung, aus ber Natur ber Sache er­gibt. Die Religion aber untersteht ber unmittelbaren direkten unb unabhängigen Leitung ber Kirche, wie eben gezeigt wurde. Also untersteht auch bie Er­ziehung, und damit der mit ihr innerlich und untrenn­bar verbundene weltliche Unterricht in ben Volks- unb Mittelschulen ber unmittelbaren, bireften und • unabhängigen Leitung ber Kirche.

Zudem zweitens ist bie Kirche auch noch durch Christi ausbrücklichen Willen und Befehl unmittelbar bie birekte unb unab- i hängige Erziehung aller ihr zugehörenben Menschen übertragen worden: „Gehet hin in alle Welt unb ! machet alle Völker zu meinen Schülern, zu meinen Anhängern .... unb lehret fie alles halten was immer ich euch gesagt habe." (Matth. 28, 20.)

DaS sind die herben inneren Gründe, weshalb toir für die Kirche ein unmittelbares, birektes unb unabhängiges Aufsichtsrecht auch auf ben weltlichen

ber später hinzugeeilte Arzt bie Anordnungen der Prinzessin nur bestätigen konnte. Der Soldat erholte sich nun rasch wieder und war nicht wenig erstaunt, als er aus seiner Ohnmacht erwachte unb sich in ber Pflege eines so vornehmen weiblichen Arztes sah. Ter Vor­fall trug viel zur Vermehrung der Sympathien bei, die man ber Prinzessin und ihrem Gatten, bem jetzigen König, in ber Bevölkerung entgegenbrachte. y.

— Das „vereinfachte" chinesische ABC. Die chi­nesische Sprache hat bekanntlich für jedes Wort ein be­sonderes Schriftzeichen, das oft mühsam zu erlernen ist. Solcher Schriftzeichen kennt nun bas offizielle Wörterbuch des Kaisers Kong-Hi nicht weniger als vierzigtausend, eine Menge, deren Aneignung natür­lich über menschliches Können hinausgeht. Etwa drei Viertel aller Zeichen sind denn auch bereits gänzlich außer Gebrauch gekommen. Aber auch nur 10 000 Schriftzeichen bedeuten schon eine Gelehrsamkeit, zu der es nur bie befähigtesten Köpfe bei eisernem Fleiß bringen können. Nach einer Verfügung ber chinesi­schen Regierung sollen darum in den neuen Schulen von Honon nur noch im ganzen 1600 Schriftzeichen gelehrt werden, die als ausreichend für Durchschnitts­bildung angesehen werden. Interessant ist es, diese Zahlen mit hem Wortschatz der Europäer zu verglei­chen. Es gibt englische Kohlenarbeiter, bie nur ein Baar punbert Wörter brauchen, um ihr Denken unb Fühlen auszubrücken Ein Deutscher von Durch- schnittsbilbung verfügt vielleicht über 3000 bis 4000 Wörter, währenb Franzosen, Englänber und Italiener mit etwas weniger auskommen. Der Wortschatz ber Gelehrten beträgt vielleicht boppelt so viel; ihn über­trifft der Redner um weniges, und über den reichsten Wortschatz verfügen bie großen Dichter. Shakespeare soll über 20 000 Wörter in feinem Sprachschatz gehabt haben.

— Soldaten, die Sprengstoffe verzehren. Wie eine französische Marinezeitschrist mitteilt, hat feit einiger Zeit in der englischen Kriegsmarine bie Neigung um sich gegriffen, Sorbit zu essen, wie anbere Seeleute ben weit harmloseren Tabak kauen. (Sorbit ist bas neue englische Sprengpulver, das in seiner zerstörenben Wirkung bem Melinit gleichkommt, unb so wirb man

es begreiflich finden, daß bie englischen Militärbehöv ben ber neuen Geschmacksrichtung ber Marinesolbaten wenig Sympathien entgegenbringen, ihr vielmehr nw den schärfsten Strafandrohungen zu begegnen suchen Es ist keine leichte Aufgabe, ben Corditgenuß in bet englischen Marine einzuschränken ober auszurotten, denn wer einmal die Wirkung des Sorbit an sich ey fahren hat, sucht sich seiner auf alle mögliche Weis» wieder zu bemächtigen. Durch den sechzigprozenttgm Nitroglyceringehalt ist ber Geschmack dieses Spreng­stoffes ein eigenartig süßer, aber das ist es nicht, wa- die Soldaten zu begüterten Liebhabern desselben ge­macht hat, seine Wirkung auf bas Nervensystem ist vielmehr eine solche wie bie von Opium unb Mor­phium. In kleineren Dosen genommen, wirkt Corbtt leicht anregenb, in stärkeren dagegen berauschend wie Haschisch unb erregt ekstatische Vorstellungen und Bil­der, dir nach einer Weile von einem Zustand willen­loser Gleichgültigkeit abgelöft werden. Angesichts die­ser Wirkung läßt sich der Kampf der englischen Ma" rinebehörden gegen die gefährliche Liebhaberei ihrer Mannschaften wohl verstehen, ganz abgesehen davon, daß die Füllung der Geschosse nicht dazu da ist, um von ben Solbaten gegessen zu werden.

— Heber die angeblichen Kanäle auf dem Mar- erklärte in ber letzten Sitzung der englischen Astro­nomischen Gesellschaft ber Leiter des Greenwich- Observatoriums, daß auf dem Mars Kanäle nicht existieren. Er legte bie neuen Marsphotographien vor, bie ber amerikanische Astronom Prof. Haie von seinem Observatorium in Kalifornien mit Hilfe eines 60 zölligen Teleskopen gewinnen konnte. Die neuen Photographien bedeuten einen gewaltigen Fortschritt gegen alle bisher möglichen Marsauf­nahmen, von ben Kanälen ist nichts geblieben. Sie erklären sich als optische Täuschungen, bie ba« durch entstehen, daß durch das Nebeneinander dunkler Flächen auf ber Marsoberflache bas Aug« Kanäle wahrzunehmen glaubt.

— Im Restanrant. A: .Sieh' bort ben Herrn unb die Dame; fie reden fein Wort miteinander." — B: „Entweder kennen bie sich nicht, ober sie sind verheiratet."

drei Weisen barstellten, verehrt. Nach bem Gottesdienste versammelte man sich zum Mahl, bei welchem die ganze Gesellschaft ihn als den König verehrte. Dieses Bei­spiel sand bald da unb bort Nachahmung, ging aus ber Kirche auf das Volk über und so entstand schließlich bie Sitte von Dreikönigskuchen. Leider nehmen in unserer modernen, hastig dahinstrebenden §eit diese Volksbräuche mehr und mehr ab. Der ampf ums Dasein bringt die Nationen um alle

Poesie unb alle schönen Traditionen. -p.

— Königin Elisabeth von Belgien als Aerztin. Die jetzige Königin von Belgien ist bekanntlich eine Tochter des vor kurzem gestorbenen Herzogs Karl Theodor in Bayern, mit dessen Tode die Prinzessin nicht nur ihren Vater, sondem auch, was wenig be­kannt sein dürste, ihren Lehrer verloren hat. Die Prinzessin war nämlich vor ihrer Verheiratung der be­vorzugte und wohl eifrigste Schüler des prinzlichen Arztes. Lange Jahre hindurch stand sie ihrem Vater in der Klinik als Assistentin zur Seite, hatte die Ver­waltung und Ordnung der Instrumente unter sich, be­reitete Bandagen vor und trug durch ihr liebenswür­diges, die Kranken ermutigenbeS Auftreten viel zur Linderung der Schmerzen bei. Die Prinzessin hat es auf diese Weise, vornehmlich in der chirurgischen Be­handlung von UnfäKen jeder Art, zu einer gewissen Fettigkeit gebracht, die sie auch in ihrem späteren Le­ben nutzbttngmd verwendm konnte. Sie hat ihr be­sonderes Augmmerk der Krankenpflege zugewandt und ist Patronesse in zahlreichm Humanitären Anstalten Belgiens Aber auch außerhalb ihrer Funktton als Ehrenmitglied wohltättger Institute hat sic wiederholt Gelegenheit gehabt, ihre medizinischen Kenntnisse zu verwetten. So erst im tiorigen Jahre. Eines Tages war es ungewöhnlich heiß, und einer der Wachposten vor dem Palais des Thronfolgers war vom Sonnen­stich getroffen worden. Man brachte den jungen Men­schen in das Vestibül u. ließ einen Arzt kommen. Aber schnelle Hilfe tat not, jede Minute konnte über das geben des Soldaten entscheiden. Da eilte diePrinzrs» stn, die von dem Unfall gehöd hatte, herbei, kniete ne­ben dem Kranken nieder, löste ihm den Kragen und ließ ihm ehre so sachkundige Sorge angedeihen, daß

, — Tas Fest der heiligen drei Könige. Neben ,®t. Nikolaus sind es die heiligen drei Könige, bie sich in katholischen Ländern einer größeren Volks- ftümlichkeit erfreuen, als manche andere Heilige. Än vielen katholischen Gegenden Deutschlands, (ferner in Frankreich und den weiter südlich gelege­nen Ländern ziehen am Abend des Dreikönigsrages drei meist weißgekleidete Mädchen von Haus zu Haus und singen das zwar schlichte, aber deswegen nicht minder anmutige Dreikönigslieb. Hierbei trägt eines ber Mädchen an einem Stabe einen gelberen Stern, während die beiden anderen entweder einen Pilgerstab ober ein Szepter in der Hand halten. Ist den „heiligen drei Königen" eine Gabe verab­reicht worden, dann ziehen fie ein Haus weiter. iSinb bie drei Könige nicht selbst arm unb bedürf­tig, so werden bie gesammelten Gaben unter bie 'Armen des Ortes verteilt. In Frankreich unb Elsaß- Lothringen besteht noch eine anbere Dreikönigstags- Ditte, nämlich das Essen des Dreikönigskuchens. ,Die Hausmutter backt für diesen Tag einen großen Kranzkuchen, in den sie eine dicke Bohne hinein­steckt. Am Abend des Dreikönigstages kommt bann ‘ber mit einer weißen Serviette verdeckte Kuchen auf den Tisch und wirb vom Hausvater zerschnitten. Gespannt find aller Augen auf den Kuchen gerich­tet, die Bohne zu entdecken. Der Jüngste der Fa- iwilie teilt die Stücke aus und auf ein gegebenes sZeichen beginnt das Kuchenessen, bis einer der Esser (bie hatte Bohne unter ben Zähnen spürt. Er gilt bann für den Abend als der König unb es wird auf ihn ein Hoch ausgebracht. Der Ursprung des - Dreikönigskuchens rührt von einem Brauche her, ber einst in der Kathedrale zu Besangon in Mode war. Die Domherren erwählten einen ber Ihrigen für ben Dreikönigstag zum „König". Der Erwählte fetzte sich in der Kirche auf einen besonderen Thron, sm ber Hand eine Palme als Szepter tragenb. Mim Evangelium wurde er von dreiDomherren, die die

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