37. Jahrgang
Fulda, Mittwoch den 5. Januar 1910.
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Grstes Wlatt
in betracht kommt.
»«zsi-e«: tote et» spaltigr Petitzeile oder bereit Raum 15 pfg. BttlamenbupetiheUe 25 pfg., bet Wiederholungen wird enlspr. Rabatt gewährt.
RotationrdruSund Verlag der Luldaer N-
„So — so, — die gute Rosel, — na, da wären Sie ja in guter Hut", lachte Viktor Bolz vergnügt, „wie mich da» freut! Ich schleiche schon seit einer halben Stunde hier um das Haus herum, um nötigenfalls zur Hand zu sein; denn dem brummigen Müller ist alles zuzutrauen. Da wollte ich Sie nicht im Stichs kaffen. Als ich sah, daß hier Licht gemacht tourbe, da dachte ich es mir gleich, daß Sie nun bleiben würden. — Aber — ich hätte doch gar zu gern Gewißheit gehabt."
„Ich bitte, sprechen Sie leise, — wenn mein Großvater Sie hörte — er wäre sehr böse", kam es angswoll von Gerdas Lippen.
„Ach hier hört er mich nicht", versetzte Viktor sorglos, „weshalb sind Sie so ängstlich?"
„Sie dürfen niemals wieder hierherkommen! es war sehr unvorsichtig von Ihnen, so etwas zu tun", fuhr Gerda fort. „Wenn «nein Großvater eine Ahnung hätte, daß ich Sie kenne, oder daß ich mit Ihnen spreche, ich glaube, er jagte mich noch heute aus dem Hause. Ich darf es nicht tun! Ich bitte, gehen Sie letzt, — ich zittere vor Angst!"
„Nun denn, wenn Sie es wünschen."--
„Und, — nicht wahr, — Sie kommen niemals mehr hierher?"
„DaS tatn ich nicht so unbedingt versprechen, mein Fräulein — vielleicht werde ich noch sehr ost hier stehen."
Das Letztere hatte er so leise gesprochen, daß Gerda eS nicht verstand. In diesem Augenblick wurde die Türe geöffnet; Rosel stand auf der Schwelle und starrte wie entgeistert auf das offene Fenster und daS davor stehende Mädchen. Fast wäre ihr daS Geschirr entfallen, so zitterten ihr die Hände.
„Um GotteSwillen", murmelte sie, „was ist das? Gerade so, als ob die Trude noch lebte. Ich meine, eS war gestern, daß sie so dort stand und mit ihrem Schatz plauderte."
Gerda hatte heftig daS Fenster zugeschlagen und wandte sich nach dem Tische zurück. Sie sah sehr bleich und erregt auS.
tarische Unterstsihung nicht bei den Sozialdeniokraten suchen und auch nicht bei jenen Liberalen, die im Grimme sich selbst auSschalten oder gar mit der Um- turzpattei sich verbrüdem. Die Regierung ist zu- nächst angewiesen auf die Parteien, die ihr die Finanzreform verschafft haben, also auf die Konservativen, daS Zentrum und die kleineren Pattsien der Rechten.
Wollen die verständigen Elemente des Liberalismus sich dieser Arbeitsgruppe wieder anschließen, so sind sie wtlUommen. Wenn nicht, so wird eS auch ohne sie gehen. __
mutter, von all dem Leid, daS sie durchgemacht bei dem plötzlichen Tode des VaterS, und zuletzt berichtet« te von ihrem kurzen, seligen Liebesglück und von dem jähen Abschluß desselben.
Gerda durchlebte im Geilte noch einmal den süßen Zauber der ersten Liebe. Ganz vergeffen konnte sie Alfred nicht, so viel Mühe sie sich auch gab. Immer wieder tauchten seine treuen, ehrlichen Augen vor ihr auf, immer wieder mußte sie an ihn denken, und leise — leise regte sich die Hoffnung im lichten ißsinlel jhies Herzens, daß er einmal wiederkommen würde, daß auch er ihrer noch gedenke. Eine heiße Sehnsucht nach Glück erfüllte sie zuweilen.
Weshalb so"tc das Glück nicht auch zu ihr einmal kommen? Sie hoffte und wattete darauf, wie eben nur die Jugend zu hoffen vermag--
VI.
Mit Glanz und Prangen zog der Frühling ein. Allüberall regte es sich in der Natur. Die braunen Knospen hatten die Hülle gesprengt, die Sonne zau» bette Tausende von duftenden Blüten hervor. Unter der alten, breitästigen Linde, die vor der Mühle stand, saß Gerda oft und ließ die Augen weit hinausschweifen in die herrliche Landschaft.
Da? junge Mädchen hatte sich rasch einyewöhnk. Es tat ihr unendlich wohl, die immer scheltende Stimme der (Stiefmutter nicht mehr hören zu muffen. Gerda hatte ihr geschrieben und ihr mitgetetlt, daß sie auf der Mühle bei dem Großvater ein Unterkommen gesucht und gefunden habe und sie gebeten, ihr doch ihre Wäsche und Kleider schicken zu wollen, daraufhin tvar von Frau Emilie ein grober Brief eingelaufen, worin es hieß, Gerda möge sich ja nicht einfallen lassen, je- malS zu chr zurückkehren zu wollen; ihre Türe sei der Stieftochter für immer verschlossen und was dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr waren.
Gerda weinte heiße Tränen, denn ihre einzige Heimat war nun bei dem Großvater.
Rosel tröstete ihren Schützling. .
„Laß gut sein, Gerdachen, gräm’ Dich nicht. Ich bin doch auch noch da!"
(Fortsetzung folat^
'scheint täglich mit Ausnahme der So.m= «ndZeiertageviertel- Wrllchttvezngrprelr ohne Vringerlohn und Bestellgeld in Zulda so« wie auswärts 1.50 Ult.
verantw. Redakteur:
Schattenblume.
,19] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
Als Rosel dann alles in Ordnung hatte, ging sie in die Küche, um für das Essen zu sorgen.
Gerda saß mit geschlossenen Augen am Tisch und .stützte den Kopf in die Hand.
Das Feuer im Ofen knisterte leise und warf einen froten Schein auf den Boden — mhig brannte die [Lampe auf dem Tisch, die Stille ringsum tat dem er« lmüdeten Mädchen unendlich wohl.
Mötzlich horchte es auf. Vom Hofe her ertönte das /Geräusch vorsichtig sich nähernder Schritte; dieselben ^hielten unnntelbar vor dem Fenster an.
Gerda schaute sich ängstlich um.
/ Die Vorhänge waren geschlossen — nun wurde fteise an die Scheiben geklopft.
Das Mädchen fuhr heftig erschrocken empor, ein leichtes Zittern durchlief den schlanken Körper.
Wer mochte es sein? Ms das Klopfen sich noch einmal und etwas ftärker wiederholte, raffte Gerda all ihren Mut zusammen, trat einige Schritte vor, schob den Vorhang ängstlich zurück und fragte ängstlich: !.Wer ist da?"
, „Ich bin es, Fräulein, — Ihr Begleiter von heute "abend", klang es gedämpft zurück.
Ms Gerda vorsichtig das Fenster öffnete, erblickte nie ein lachendes Gesicht, aus dem die weißen, schönen Hähne ordentlich herausleuchteten.
„Sind Sie erschrocken?" fragte der draußen Stehende und als das junge Mädchen nickte, fuhr er l.lfrig fort: „Ach, das tut mir leid", — eS ließ mir fdmlich keine Ruhe, ich wollte erfahren, waS au? mel« >em Schützling geworden ist. Hat der alte Sonderling, Ihr Großvater, Sie in sein Haus aufgenommen?"
„Er wollte anfangs nicht", antwortete Gerda, befangen unter den auf ihr ruhenden Augen, „aber als «hm die Rosel drohte, ba3 Haus verlassen zu wollen sind mit mir zu gehen, da gab et nach."
Deutsches Reich.
»* Berlin, 4. Jan. 1910. Der Kaiser war am Montag abend im Opernhause, wo die „Hugenotten" gegeben wurden. Am Dienstag hörte er militärische Vorträge. — Der Bundesrat wird sich in seiner ersten Sitzung im neuen Jahre am Donnerstag mtt dem Verfassungsantrag der mecklenburgischen Regierungen beschäftigen.
* Köln ober Fulda als päpstliche Residenz! In der Reoue des deux Mondes veröffentlicht der französische Schriftsteller Georges Goyau eine Bismarckerinnerung, die er in kürzerer Form in mehreren französischen Blättern wiedergibt. Im November 1870 war bekanntlich der Erzbischof L e doch o w S k l von Posen nach Versailles gekommen, um den König von Preußen zu einer Intervention wegen der Besetzung Roms durch die Piemontesen zu bewegen. Der Herr Erzbischof soll damals gefragt haben, ob eS wohl möglich sei, daß der P a p st seinen Aufenthalt in Deutschland nehme. Der König und der Kronprinz sollen dagegen gewesen fein; Bismarck jedoch, schreibt Gohau, sei von der Idee begeistert gewesen. Er habe die Ansicht vertreten, daß Deutschland durch die Anwesenheit des Papstes in Köln ober Fulda manchen Vorteil haben könnte. Zunächst würde Deutschland als die einzige Macht für die Katholiken dastehen, die ihr Oberhaupt beschützen könne. Mallinckrodt werde auf die Seite der Regierung treten. Dann aber wäre der Papst in Deutschland durchaus nicht gefährlich, „ein guter alter Herr, ein Bischof wie jeder andere." Was der König befürchte, daß nämlich, wenn der Papst komme, in Preußen alles katholisch werde, sei ganz unbegründet, da der Mmbus des apostolischen Stuhles zum großen Teil auf besten weite Entfernung zurückzufüh- ren sei. BiSinarck habe sich bann bem Fürsten Hatzfeld gegenüber, mit bem er die Sache besprach, in scherzhafter Ausmalung bes Bilbes ergangen, das Die nach Deutschland auswandernben Karbinäle bieten würben. Bismarck sei es, noch Gohaus Auffassung, nicht ernst gewesen, er habe bloß zwischen Italien unb bem Vatikan hin unb her kokettieren wollen, um sich beide geneigt zu machen. Die Katholiken in Deutschland, speziell in Fulda, würden gewiß den Papst freudig willkommen geheißen haben, aber es ist doch, wie die „Germ." meint, ein wahres Glück, daß bem Fürsten Bismarck nicht bte erwünschte Gelegenheit geboten würbe, sich an dem Schauspiel ber auswandernben Karbinäle zu ergötzen unb den Papst wie jeden anderen preußischen Bischof (etwa wie im Kulturkampf) zu behandeln. Selbst angenommen, daß die Anfrage des Erzbischofs Lebochowski historische Taffache wäre, weiß man doch noch nicht, ob er bazu von bet römischen Kutte einen Auftrag batte, ober ob er aus eigener Besorgnis um ben apostolischen Stuhl bie Ansicht ber Regierung über die Angelegenheit erfahren wollte. Um sich von ber bamaligen Lage Pius IX. ein rechtes Bild zu machen, barf man nichtvergessen, daß in keinem der romanischen Länder wegen der politischen Unruhen ein Aufenthatt des heiligen Vaters möglich gewesen wäre.
* Kaiser Wilhelm und Präsident Taft. Präsident Taft erhielt von Kaiser Wilhelm zum Jahreswechsel folgendes Telegramm:
„Hast Du nicht eben mit jemand gesprochen?" Rosel.
Gerda blickte zu Boden, ohne zu antworten, öie überlegte, ob sie die Wahrheit sagen sollte oder nicht.
„So sprich doch", drängte die alte Frau.
Gerda schlang in auswallender Bewegung bie Arme um bereu Hals.
„Sei nicht böse, Rosel", bat sie schmeichelnd, „es ist ja nicht meine Schuld. Siehst Du, ich stmd heute fast verzweifelnd da draußen im Walde, weil ich den Weg zur Mühle nicht fand. Endlich, nach bangen Mi- nuten nahte sich mir der Retter in der Not. Er führte mich hierher, ich erzählte ihm von meiner Sorge und daß ich fürchtete, der Großvater möchte mich nicht auf- nehmen, und nun — hat er sich erkundigt, wie es mir eraanoen, — das ist doch kein Unrecht — Rosel?"
So, so —" mochte die Alte etwas gedehnt, „und wer war dieser „Retter", der sich noch bei Rächt und Nebel da im Hofe herumtreibt?"
„Viktor Bolz heißt er, ein Vetter der Helldorfs, er sagte mir, daß er Dich sehr gut kennt — unb daß er Dich sehr gern bat."
lieber das faltenreiche Gesicht der Alten flog ein freundliches Lächeln.
„Ach, der war's? Ja, das sieht ihm ähnlich, er hat ein gutes Herz, das muß man sagen. Den hat bie reine Menschenfreundlichkeit noch einmal herge- trteben. Ein schöner, stattlicher Herr, nicht wahr? Man sagt, daß er sich nächstens mit seiner Base, ber schönen Ada Hellborff, verloben wirb. Die wirst schon lange ihre Netze nach bem reichen Vetter aus. Ich begreife gar nicht, weshalb er bie Verlobung solange hinausschiebt, er braucht doch wahrhaftig nicht nach Geld zu sehen Fräulein Ada Hellborff besitzt allerdings auch keinen Pfennig Vermögen. Sie soll aber rein wie toll in den Vetter verliebt fein. Eigentlich hätte ich ihm eine andere Frau gewünscht, denn das Fräulein ist sehr stolz und hochmütig. Sie gönnt keinem Arbeiter einen Gruß und ist deshalb, wie man hott, auch gar nicht beliebt. Aber ein schöne? Mädchen, aroß und blond, wie ihre Mutter war."--
Bis spät in die Nacht hinein saßen bie beiden plaubernb beisammen. Gerda erzählte von ber Sttef-
Jhnm und dem amerikanischen Volke meine I besten Wünsche für ein glückliches Neujahr." \ Präsident Tast erwiderte: „In voller Würdigung und Erwiderung der mir übermittelten fteunb« lichen Wünsche Euerer Majestät wünsche ich Ihnen und dem deutschen Volke für das kommende Jahr Gesundheit und Wohlergehen."
* Ueber den Stand der preußischen Wahlreform hat der Reichskanzler dem Kulser letzthin — am 31. Dezember — Vortrag gehalten. Die bisherigen Verhandlungen des preußischen Ml- nisterrats, die noch nicht abgeschlossen sind, haben nach der „Tägl. Rundschau" daS einmütige Festhalten an der öffentlichen Abstimmung ergeben. — Dann kann sich die ganze Wahlresorm begraben lassen!
* Der Verlobung des Prinzen Fttedttch Wilhelm von Preußen mit bet Prinzessin Agathe, Tochter bes Herzogs von Ratibor, stand das katholische Glaubensbekenntnis ber Braut, wie jetzt verlautet, lange Zeit im Wege. Wie man hört, ist bie Frage ber Kindererziehung in einer Weise geregelt, welche den Grundsätzen der Kirche nicht widerspricht.
'* Veränderungen in der Generalität. Der kommandierende General des 15. Armeekorps General ber Infanterie Ritter Hentschel v. Gil gen heim hat am 2. Januar, wie aus Straßburg berichtet wird, in Berlin seinen Abschied eingereicht. Ebenso hat der Gouverneur von Straßburg, General der Kavallerie von Moßner, seinen Abschied eingereicht. Als Nachfolger des ersteren wird u. a. genannt der Divisionskommandeur der 22. Division (Kassel) Generalleutnant I r h r. v. Plettenberg.
X Die neue Schießoorschrift für die Kavallerie ist den Truppen mit dem 1. Januar zugegangen. Wichtig daraus ist, daß der Karabiner 1'908, der bekannflich unter den Mannschaften anfänglich mit so großem Mißtrauen ausgenommen wurde, jetzt in der ganzen Armee in allen Kavallerieabteilungen zur Einführung gelangen soll.
* Prof. Dr. Spahn als Vorspann des Ostmarkenvereins. In dem kürzlich herausgekommenen Flugblatt des Ostmarkenvereins gegen daS Zentrum wird als Kronzeuge für die Richtigkeit der preußischen Polenpolitik der Straßburger Professor Dr. Spahn genannt, der im Vorjahr schrieb:
„Die Polengesahr besteht für den preußischen Staat; wer sie leugnet, hat entweder keinen Einblick in die Verhältnisse oder es geht ihm die Fähigkeit ab, die politische Lage und die Erfordernisse eines Staates zutreffend zu erwägen."
Mit diesem Ausspruch Spahns zieht nun die liberale Presse gegen das Zentrum zu Felde. Mit Unrecht, der Straßburger Professor ist uns nicht eine Autorität in der Polenftage; er geht seine eigenen Wege, die in recht vielen Fällen mit denen des Zentrums nichts gemein haben. Die Tatsachen in der Ostmark aber geben dem Zentrum recht; dort wird ganz systematisch pro- testantisiert; erst kürzlich sind dort wieder in einer ganz katholischen Gegend die Güter angekauft worden; die katholischen Arbeiter hat man verdrängt und holt dafür Protestanten aus Rußland. Nur 24 Prozent aller Ansiedler sind katholisch.
T Sefonbere Feiertage. Wir lesen in der ,Deutsch. Tageszeitung:
„Die neueste Nummer des Reichsgesehblattes veröffentlicht, wie schon mitgeteilt wurde, eine Bekanntmachung über die Geschäftsbedingungen der Mannheimer Produktenbörse sür den Zeithandet im Getreide. In dieser Bekanntmachung heißt es: „Als Feiertage gelten, die staatlich anerkannten allgemeinen Feiertage, bie
Wegen des Feiertags Hl. 3 Könige wird die nächste Nummer der,Fuldaer Zeitung erst -gm Freitag ausgegeben.
n In den Jahresrückbttcke» der Presse
ist natürlich in der Hauptsache ber großen innerpoli- tischen Kümpfe bes letzten Sommers gebucht worben, der Verabschiebung ber Reichsfinanzreform, Zusammenbruchs bes Blocks unb beS Sturzes beS Fürsten Bülow.
Währenb die freisinnige Presse sich mit ziemlichen Anstand aus ber Affäre zieht, macht bie nattonallibe- unb bie ihr nahestehende sog. patteilos-nationale Dresse au8 ihrer Trauer um bas verlorene Gluck kein >Hehl. Sie will ber Welt weis machen, jetzt in ber mocklosen Zeit herrsche in Deutschland eine entsetzliche Enttäuschung, Zerfahrenhttt, Ratlosigkeit, Erbttte- frung, Verwirrung usw. Das ist ein heilloser Unsmn, 'auf ben nur biejenigen Parteikreise verfallen länuen, bie sich selbst enttäuscht, zerfahre» ,ratlos, erbittert Stab verwirrt Men, unb bie ihre eigenen Kopfschmerzen für einen nationalen Katzenjammer halten.
Wo herrscht benn bie Verwirrung? In ben Kreisen beS Zentrums sicherlich nicht. Im Gegenteil: dort begrüßt man das blockfreie Jahr 1910 mtt einem recht gehobenen Prosit, — wenn man auch sich bewußt tzle'ibt, baß Ettolge verpflichten unb bie neue Lage tüchtige Arbeit verlangt.
Btt ben Konservativen mar mich bie Sil- Sksterstitmnung recht gut. Eine Welle sah eS ia im porigen Jahre so au8, als ob bie Hetzereien unb baS kulturkarnpserische Ränkespiel einige Verwirrung bei Nicht ganz sattelsesten Konservativen herbeiführen könnte. Aber nach unb nach trat eine Klärung ein, — wobei bie Fehler ber neuen liberalen ZorneStaktik erheblich mitwirkten. Der konservative Patteitag von Berlin lieferte ben durchschlagenden Beweis, daß bte Partei bie entftanbenen Schwierigkeiten fibertounben Hot. Kein Zweifel, baß bie konservative Partei jetzt mehr Selbstbewußtsein unb Macht hat, als zu ber Klockzeit.
Also bie betben großen Parteien, bte ba8 große Merk des Blocksturzes unb ber Bewilligung von fastSOO Millionen neuen Steuern gewagt haben, begehen ben .Jahreswechsel ohne Verwirrung, Rattoflgkett usw.
*• Anders sieht es freilich bei ben N a ti o n a l l i b e- .'taten aus. Gerabe in ben letzten Tagen ist bie häusliche Auseinandersetzung in ben Blättern bieser 'Partei recht kräftig in bie Obren ber Nachbarschaft gedrungen. Seit Herr Paasche sich vorn Präsibenten- sttrhl in ber Finanzkommission heruntemianövrteren liefe, hat bie Führung bieser sonst so selbstbewußten Partei kein Gluck unb keinen Stern mehr gehabt. Der Zorn erwies sich toieber als schlechter Berater. DaS rücksichtslose Abschwenken zu ber ingrimmigen Ver- tteinungspolitik unb bie Großblock-Ansätze haben freilich ben iungliberalen Hitzköpfen sehr gefallen, aber aus ben Reihen ber bebädjtigen Liberalen mußte sich dagegen eine Reaktion erheben. Auf ben wilden Ruck nach links folgte eine Gegenströmung, bie ben Ausschluß an bie positiven Parteien unb bie Regierung 'triebet herbeiführen will. Durch bieses Wiberspiel bet Kräfte ist bie nationalliberale Partei zur Zett wirklich ■In einen Wirbel geraten, in Verwirrung, Zerfahrenheit unb Ratlosigkeit, Mögen bie Herren zusehen, wie sie aus ber verzwickten Sage herauskommen! Wir mt- jschen unS nicht in biefe nachbarhäusliche Krise unb I bitten nur höflich, daß man nicht ganz Deutschland für krank erklärt, wenn ber Liberalismus unpäßlich ist.
! UnS kommt bie Sage am Jahreswechsel sehr einfach ftnb klar vor. Die Regierung kann ihre parlamen-
betben jüdischen NenjahrStag« und der Ber- söhnungStaa; in dezug auf bie Abnahmefttst jedoch nur die staatlich anerkannten Feiertage." Wir haben an sich nicht» dagegen, daß die beiden jüdische« NemahrStage und der Versöhnungstag alS Feiertag gelten. Bedauerlich bleibt ja diese Nolwendigkttt, da "te beweist, rote stark unsere jüdischen Mitbürger bei dem Produktenbörsenhandel zu Mannheim betrittst sind. Was aber den Juden recht ist, sollte auch den K a t h o- liken billig sein. Bekanntlich gibt eS hohe katholisch« Feiertage, die in katholischen Kreisen fast allgemein g* eiert werden, aber nicht zu den „staatlich anerkannten allgemeinen Feiertagen gehören. Man hätte erwarte« dürfen, daß auch diese kalhoUsche« Feiertage für bi« Produktenbörse die Geltung von Feiertagen hätten.
Auch ein ilernet Beitrag zur Paritätssrage!
* Zu den Beamtenmaßregelungen in Katto« Witz schreibt das ,Berl. Tagebl/:
Wie weit sich die Maßregelungen der Kattowitz« Beamten erstrecken, darüber sind bisher nur etwa» widerspruchsvolle Mitteilungen an bte Oeffentnchkeit gekommen. Wie es scheint, hat der preußuche Justiz Minister in diesem Konflikt zwischen Beamtenrecht und Staatsräson noch am mttsten „das Gesicht gewahrt, während der preußische Minister des Innern, b« Kultusminister und der Eisenbahnminister in Verbm« duna mit Herrn Krätke den größten Eifer zu zeigen, beflissen waren. Im ganzen ist aber unter den Katto« witzer Staats- und Reichsbeamten eme fürchterlich« Musterung abgehallen worden. Wer bei der Prüfung auf Herz und Nieren nicht standhielt, über den ward« die Schale des Zornes seiner vorgesetzten Behörde mx9» geschüttet. Daß Beamte gemaßregelt werden, wett st« ihre Stimme für diejenigen Kandidaten abgegebe« haben, denen sie das meiste Vertrauen schenken, ffl eine Schande für Preußen und da» Reich. Wohin soll man kommen, wenn irgendein Regierung^ Präsident oder Minister sich herausnehmen will, btw Willen der Wähler durch irgendwelche Zwang«» maßregeln zu korrumpieren? Wir würde» schließlich bei russischen Zu ständen Halt mache«. Deshalb muß man erwarten, daß wenigsten» die Ber- treter des Freisinns sich nicht auf irgendwelche Beschönigungen der Kattowitzer Maßregelungen ttnlass« werden. Es genügt auch nicht, daß, rote da» Zentrum fordert, der Reichskanzler den Beschränkungen in bet Ausübung bürgerlicher Rechte entgeaentrttt; eS muß ihnen vielmehr, rote es die polnische Interpellation fordert, vorbeugen. DaS kann aber nur geschehen durch die Beseitigung der öffentlichen Wahl. Geheime Wahl im Reich, geheime Wahl auch im preußti schen Staat und bei den kommunalen Wahlen — da» ist die allgemeine Konsequenz, die aus dem Kattoroitze» Vorgang zu ziehen ist. #
4- Die .Tägliche Rundschau' sollte nach einer Mitteilung eines Hamburger BlatteS an die nationalliberale Partei verkauft werden. Di« ,Tägliche Rundschau' bestritt die Meldung und nannte sie einen „Siloesterscherz". Der.Reichs/ bote' meint, es scheine doch mehr an der Sachs zu sein, als die Redaktion der ,Tägl. Rundschau', wisse, denn die Münchener Neuesten Nachrichtens bemerkten zu der Nachricht der Zamb. Nachr/r „Wir haben uns über die Richtigkeit dieser Meldung beim hiesigen Zentralbureau der na-' tionalliberalen Partei erkundigt und die Antwort erhallen, daß allerdings Verhandlungen wegen Ankaufs der ,Täglichen Tundschau' schweben,' aber noch nicht zum Abschluß gebracht seien". Es wäre eigentlich nicht recht verständlich, daß die nationalliberale Partei die Zeitung für 1250000 Mark kaufen will, da daS „unab« hängige" Blatt ja ohnehin schon immer für toi«; Nationalliberalen tätig war, wenigstens foweit diese im Geiste des Evangelischen Bundes,a> beiten. Das konnte sie also umsonst haben und' brauchte nicht l1U Mill. Mark dafür auszugeben,; wenn nicht tote Gefahr bestände, daß die Zeitung in andere Hände überginge, da der Meyet'fche Verlag sie bestimmt verkaufen will und auch, wie es heißt, Herr Scherl als Käufer"
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