Einzelbild herunterladen
 

Fuldaer

Jahrgang

Fuld a, Dienstag den 4. Januar 1910

»PheknLtSgttchmit Aurnahmt bet 5o.nt und Feiertage, viertel- sShrlicherSerngrpteir ohne »ringrrlohn unb vestellgelbinZnlbase- wle auswärts 1.50 Ult

verantw. Kebattewt: «arrZchiitte, fSrbke Anzeigen: I.parzeTer In Fulda.

- - , , . , , , .. tiendruckerei in Fulda

Monatsdellage: „$ulb(ier Geschichtrblatter Fernsprecher Nr. 9.

Anzeigen: Vie et» spaltigePetiheileober bereit Raum 15 pfg. ReNamrnbtepetitzeile 25 Pfg., bet Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Rotationsbrnckunb Verlag der Fuldaer M-

s Die Weltlage im Jahre 1909.

Wenn man die politische Weltlage zu Anfang des Jahres 1909 mit der jetzigen vergleicht, so kann man wohl mit größter Genugtuung konstatie­ren, daß heute die Friedensausstchten nicht an- nähernd so gefährdet sind, wie zu Anfang des Zeit- raumes, dem unser Rückblick gilt.

Während wir uns damals damit begnügen mußten, die glückliche Erhaltung des Friedens zu buchen, ohne zugleich eine Besserung der politischen Lage, eine greifbare Gewähr für die Fortdauer des Friedens feststellen zu können, ist im Jahre 1909 nun endlich eine Wendung dahin eingetreten, daß die gegenwärtige Kriegsgefahr infolge der Balkanfrage langsam aber glücklich beschworen wurde, zugleich aber auch eine erhebliche Ab- schwächung der künftigen Kriegsgefahr zu­tage trat.

DaS kunstvolle Geflecht von Ententen und Bünd« niffen, mit dem man Deutschland zu umstricken sucht, besteht zwar äußerlich noch fort. Aber die Einkreisungspneumatik hat bei der Kraftprobe vom vorigen Frühjahr ein Loch bekommen. Der Spiri­tus ist verflogen, nur das Phlegma geblieben. Auch die Zarenreise im großen Bogen, die theatralische Zusammenkunft von Racconigi, hat den gesunkenen Kredit der deutschfeindlichen Gesellschaft m. b. H. nicht wieder zu heben vermocht. Das Ergebnis von '1909 ist die heilsame und beruhigende Erkenntnis: die beiden mitteleuropäischen Kaiser­sreiche sind, so lange sie in der alten Solidarität zusammenstehen, unangreifbar; kein Festlandsstaat und keine Staatengruppe mag es wagen, für Eng­land die Kastanien aus dem mitteleuropäischen Feuer zu holen.

Diese Erfahrungsweisheit ist eine höchst wert­volle Errungenschaft. Wir verzeichnen sie um so freudiger, als sie ohne Blutvergießen errungen worden ist. Insofern hat sich der letzte ostasiatische Krieg als nützlich für Europa erwiesen. In dem Kampfe mit Japan hat nicht bloß Rußland selbst sinett ernüchternden militärisch-finanziellen Aderlaß erhalten, sondern auch die Verbündeten Rußlands eine bstterernste Mahnung zur Vorsicht. Wer weiß, ob die bedächtigen Elemente in Frankreich daS Ueber- gewicht über die Heißsporne hätten behaupten können, wenn Rußland tn den letzten kritischen Zeitläuften noch so hoch und stolz da gestanden, wie vor dem ostasiatischen Kriege. Mit dieser Bemerkung wollen wir durchaus nicht das Verdimst des französischen Ministers Pichon und seiner Freunde herabsetzer,. Es bleibt ihnen der Ruhm, daß sie trotz aller Ver­lockungen von Westen und von Osten her fest ge­blieben find in der Ablehnung des kriegerischen Abenteuers. Sie haben dnrch diese Haltung nicht bloß ganz Europa, sondern besonders ihrem Vater­lande eine große Wohltat erwiesen. Ihr Verdienst soll auch nicht beeinträchtigt werden durch die Tat­sache, daß die deutsche Politik durch das Entgegen­kommen in der leidigen Marokko-Angelegenheit der französischen Nation die friedliche Haltung erleichtert hat. Wir wollen das Marokko-Abkommen aus den Ereignissen von 1909 nur deshalb hervorheben, weil e3 erheblich mit beiträgt zu der Hoffnung auf dauernde Erhaltung des Friedens.

Das ist die Hauptsache. Es ist nur Notbehelf sür den Augenblick, wenn von Fall zu Fall, von Jahr zu Jahr eine akute Kriegsgefahr beschworen wird. An dem chronischen liebel, der hart­näckigen Kriegstreiber ei der vereinigten Feinde Deutsch­lands und feines Verbündeten muß der Heilprozeß aussetzen. Und davon scheint jetzt der Anfang vor- Ötn. Allerdings steht England selbst noch in immung und Spannung gegenüber Deutsch­land, und im Falle eines Sieges der konservativ­imperialistischen Partei bei dm Wahlen kann es jdamü noch schlimmer werden. Doch das läßt sich 'ertragen, so lange nur dem landschwachen England

die Hilfe einer militärischen Festlandsmacht versagt bleibt.

In den letzten Jahren hatte es den Anschein, daß der Schwerpunkt Europas bis auf die britischen Inseln gerutscht sei. Jetzt hat sich gezeigt, daß er doch noch in der Mitte, bei bett verbündeten Kais erreichen, liegt. Diese konservativen Mächte haben offensichtlich das Uebergewicht über all' die Machenschaften, die auf einer Umänderung der europäischen Landkarte abzielen. Darum treten wir in das Jahr 1910 mit einer größeren Friedens- zuverstcht-, als wir sie bisher zu Silvester hatten. Muß auch der Friede vorläufig noch ein be­waffneter bleiben, so ist es doch eine Erleichterung der Last, wenn man ihn als verhältnismäßig sicher ansprechen darf.

Deutscher Reich.

** Berlin, 3. Jan. 1910. Der Kaiser hat dem General der Infanterie v. Bülow den Schwarzen Adlerorden verliehen. — Die am Freitag in Berlin zusammentretende Postkon - ferenz wird sich hauptsächlich mit der Aus­stellung von Empfangsbescheinigungen für einge­schriebene Sendungen beschäftigen. Die Be- fcheinigungssormulare sollen fortan der Zeit­ersparnis halber ausgefüllt und von dem Schalter­beamten nur unterschrieben werden. — Die Konferenz der Oberpräsidenten, die alljährlich wiederkehrt, findet diesmal am 8. Jan. auf Einladung des Ministers des Innern statt. — Eine Teilung der Provinz Schleswig- Holstein in zwei Regierungsbezirke wird, wie schon früher einmal, von Altona aus, angeregt.

** Verlobung im preußischen Königshause. Der dritte Sohn des verstorbenen Prinzen Albrecht v. Preußen, Regenten von Braunschweig, Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen hat sich, wie schon telegraphisch gemeldet, mit der ältesten Tochter des Herzogs Viktor von Ratibor, Prinzessin Agathe von Ratibor und Corwey verlobt. Der Kaiser gab die Verlobung bei dem Familien- diner am Neujahrstage im Königlichen Schloß bekannt. — Prinz Friedrich Wilhelm würbe am 12. Juli 1880 in Camenz geboren. Er hat in Bonn ftubiert und mehrere Jahre im 1. Garbe­regiment zu Fuß Dienst getan, wo er bis zum Major ausrückte. 1908 übernahm er bie väterlichen Besitzungen. Prinzessin Agathe von Ratibor,yt am 24. Juli 1888 zu Schloß Rauben bei Ratibor in Schlesien geboren. Die künftige Prinzessin Friedrich Wilhelm von Preußen ist wie ihre Eltern katholisch. Seit bie Hohenzollern bem Protestantismus sich zu- gewanbt haben, hat nur ein einziger preußischer Prinz eine katholische Fürstentochter als Gattin heimgeführt. Das war der ipätere König Fried­rich Wilhelm IV., ber sich 1823 mit ber Prinzessin Elisabeth von Bayern, einer Tochter bes Königs Max Josef vermählt Halle.

♦* liebet die Wirkung der Reichsfinanz- reform bemerkt die,Nordd. AUg. Ztg/ mit Rück­sicht auf bie soeben veröffentlichte Üebersicht der Reichseinnahmen vom 1. April bis 1. November 1909, die bekanntlich mit einem Mehr von rund 165 Millionen Mark gegen den entsprechenden Zeitraum des Jahres 1908 abschließt:

Es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß das in den Nachtragsetat von 1909 eingesetzte Mehr von 85 Millionen Mark tatsächlich erreicht werden wird; weitergehende Hoffnungen aber ließen sich cm die vorliegende Üebersicht für jetzt nicht knüpfen; von dem Mehrertrag gegen das Vorjahr werde voraus­sichtlich eine nicht unbeträchtliche Summe an die Fonds für Witwen- und Waisenversorgung abgesührt werden müssen. Gibt die Üebersicht auch mach keine bestimmten Anhaltspunkte über das Ergebnis bet neuen Zölle und Steuern, so ist das im gegenwärtigen Uebergangszustande

Schattenblume.

48] Originalroman von Irene ». Hellmuth.

Der Müller schlug eia heiseres Gelächter auf.

„Was Du nicht alles weißt. Tu kluge Rvsel Du!" schrie er erbost. „Sie denkt nicht daran? Ja. hast Du Brief und Siegel dafür?" > In ihren Jahren, — und denkt nicht daran! Sobald der junge Lasse drüben ihr in den Weg läuft und ihr schöne Stugcn macht unb verliebt tut, wie sein Vater es getan, bann kann die .Geschichte loSgchen! Du weißt noch ebenso gut wie Ich, wie es bei der Trudel ivat! Verdammt vornehm ssah er ja immer aus, der Schuft und an süßen Worten swar km Mangel. So lockte er das arme Lamm an sich! Und sein Sohn sieht ihm so ähnlich, daß tian meinen könnte, es ist Robert Helldorf selbst!"

„Bei Gerda ist es doch anders", beharrte Rosel, tfle kennt die traurige Geschichte, sie ist gewarnt ge- foug!"

„Jawohl", nickte der Müller, „als ob da irgend eine Warnung etwas fruchten könnte! Sobald einmal die Leidenschaft da fft, ist alles vergeben»! Im Ge­genteil, je mehr man warnt, desto ärger facht man das Feuer an. Was habe ich damals nicht alles versucht! 'Ich wußte es ja, daß jener ein schlechter Kerl war, (bie Trudel aber glaubte mir nicht, sie mit ihrem kin- iderreineu Sinn glaubte nicht an solche Schlechtigkeit! -Sie lachte mich ans, wenn ich etwas erfahren haben jwollte. Ich wußte doch, daß ihr eine» Tages die Augen ausgehen mußten! »Unb der Elende verstand 'es immer wieder, alle Zweifel zu verscheuche»; er (wußte es, daß die Trude ihm alles aufs Wort glaubte!"

Der Alte war auf die Bank gesunken und bedeckte bie Augen mit der Hand. Es hatte etwaS Rührendes, Den Greis weinen zu sehen. Er konnte seinen toten Liebling noch immer nitch vergessen, so viele Jahre auch seitdem »ergänzen waren.

Auch Rosel schluckte ein paar mal heftig, ehe sie wieder begann: „Ihr müßt aber doch einsehen, Mül­ler, daß Ihr das Kind nicht fortschicken dürft! Es steht allein in der Welt und wenn es sich selbst über­

lassen ist, und Ihr es hinausstoßt in die Fremde, bann kann so einem armen Ding viel leichter etwas zusto­ßen als hier! Und wenn es draußen zugrrmde geht, so tragt Ihr allein bie Verantwortung. Unb ich werbe schon gut auf bas Kind aufpaffen, wenn es hier bleibt, darauf könnt Ihr Euch verlassen'"

„Du?" lachte ber Müller höhnisch, „ich sage Dir, Du kannst das Mädel ebensowenig behüten, wie ich."

Gerda war ausgestanden und trat entschlossen unb trotzig zur Türe.

„Laß gut fein, Rosel", sagte sie in herbem Ton, „ber Großvater hat vielleicht recht, ich will ihm nicht zur Last fallen, er hat mit sich genug zu tun, so muß ich eben sehen, baß ich ein anderes Unterkommen finde!"

„Nein", rief Rosel heftig, „Du gehst nicht allein! Deine selige Mutter habe ich viel zu lieb gehabt, als daß ich mich jetzt nicht um ihr einziges Kind küm­mern sollte. Wenn andere Leute einen Stein statt des Herzens in der Brust haben, ick kanns nicht ändern, — aber wenn Dich Dein Großvater gehen läßt, so gehe ich mit Dir, so viel habe ich schon, daß es für uns beide langt 1 Weißt Du. ganz so arm bin ich nicht! Wir brauchen nur ein paar kleine Stübchen, bas kostet nicht viel und meinen alten Knochen wirb es auch gut tun, wenn sie sich einmal ordentlich ausruhen könn­ten! Ich habe genug gearbeitet!"

Sie warf einen lauernden Seitenblick auf den Mül­ler, der schon bei ihren ersten Worten erschrocken em- porgefahren war und nun sprachlos eine Weile auf Rosel blickte. Diese wußte schon, daß sie gewonnen hatte unb ein leises, triumphierendes Lächeln irrte um Ufren Mund. Sie wandte sich ab, um ihre Freude zu verbergen.

Der Müller aber scküttelte sie derb an der Schulter und rief aufgeregt: „DaS — das könntest Du mir antun, Rosel? — Du wolltest mich allein lassen?"

Sie nickte ernftijaft mit bem Kopfe.

„Ja, ganz gewiß tu’ ich's, wenn Ihr so eigen- finnig seid!"

„Dann mag die Gerda in GotteSnmnen hier blei­ben", sagte der Müller, „denn ohne die Rosel geht eS

nur natürlich. Immerhin zeigt em großer Teil der­jenigen Abgaben, die schon jetzt eine erhebliche Zunahme, und von den weiteren Steuern, die y**, neu eingesührt worden sind, haben beispielswE die Leuchtmiltetsteuer, die Zündwarensteuer und der Stem­pel für Grundstücksübertragungen ansehnliche Er­gebnisse gezeitigt. Dies tritt noch schärfer hervor, wenn man die Rohsolleinnahinen berücksichtigt, die auch alle zunächst noch gestundeten Steuerbeträge enthält."

* Das Reichskaligesetz. Im preußischen Handelsministerium fand gestern eine Konferenz über das Reichskaligesetz statt. Die weitere Ge­staltung, die das Gesetz erfahren soll, wird natur­gemäß von der Art der Einigung zwischen dem Syndikat und dem amerikanischen Trust abhängen.

)( München, 3. Januar 1910. Der Prinz­regent leidet infolge Erklärung an verstärktem Bronchialkartarrh. Bei genügender Scho­nung steht die Besserung in kurzer Zeit zu er­warten.

v München, 3. Januar 1910. Von den bayerischen vteujahrsdekorationen sind auch her­vorragende Zentrumsmitglieder betroffen worden. So hat Frhr. v. Hertling, der Vorsitzende der Zentrumsfraktion des Reichstages, den Michaels- orden 2. Klasse, und der Bürgermeister von Kiffingen, Hosrat Fuchs, der erste Vizepräsident der Abgeordnetenkammer, das Ritterkreuz des Berdienstordens der bayerischen Krone und damit den persönlichen Adel erhallen.

♦♦ Die Reichstagsersatzwahl in Eisenach-Dermbach.

Die Nationalliber alen behalten, der,Köln. Ztg.' zufolge, den Reichstagskandidaten Krug trotz feiner Ablehnung durch die Freisinnigen bei. Da­gegen hat in Kaltennordheim eine national- liberale Vertraueusmännerverfammlung die Kandi­datur Krug abgelehnt. Sie wünscht eine Ver­ständigung mit dem Freisinn.

Der nationalliberale Kandidat Krug ist bekannt­lich Mitglied des Bundes der Landwirte, deshalb will ihn der Freisinn nicht wählen. Die sreisinnige ,Lib. Kortesp/ schreibt darüber:

Es besteht eine Verabredung mit den National- liberalen, die auch von freisinniger Seite gern respek­tiert werden würde, wonach jetzt ein Nationalliberaler 1911 ein freisinniger Kandidat gemeinsam ausgestellt werden soll. Es wurde infolgedessen, um diesen Ver­trag nicht hinfällig werden zu lassen, von den Natio­nalliberalen die Abstellung eines mehr links stehenden Kandidaten, am besten eines Jungliberalen, ge­fordert. Es wurde ihnen anheimgegeben, wiederum wie 1907 Herrn Archivdirektor Dr. Winter zu präsen­tieren.

Also für 1911 beanspruchen die Gewährsmänner der ,Lib. Korresp/ auf Grund eines Abkommens das Recht, einen Kandidaten zu nominieren, für die Gegenwart beanspruchen sie aber ebenfalls das Recht, über die Kandidatenfrage zu entscheiden. Die nationalliberale ,Magdb. Ztg/ findet das sonderbar und betont weiter, daß die Nationalliberalen bie Unterstützung der Freisinnigen für ihre Gegenleistung in Weimar beanspruchen könnten. Die Verabredung die für die Hauptwahl gegolten habe, müsse auch ohne weiteres für die Ersatzwahl gelten. Dr. Winter sei unter den von nationaütderaler Seite den Freisinnigen angebotenen Kandidaten gewesen, aber jedesmal, wer auch genannt wurde, seien von freisinniger Seite Kompensationsforderungen gestellt, die von der nationalliberalen Partei unmöglich er­füllt werden konnten.

Die Kattowitzer Beamtennmßregelnngen nehmen kein Ende. Neuerdings ist wieder 11 P o st- unterbeamten in Kattowitz eröffnet worben, baß sie zum 1. Februar versetzt werben sollen; bie VerfetzungZotte roeten ihnen demnächst bekanntgege­ben. Ein Kassenbiener bei der Kattowitzer Reichs- bcmtfleUe, der bei den Stabtverordnetenwahlen eben-

nun einmal nicht. Ich wüßte nicht, was ich ohne sie anfangen sollte."

Mit einem halbunterdrückten Freubenruf eilte bas junge Mäbchen auf ben Alten zu unb stammelte:

„Ich banke Dir, lieber Großvater, Du sollst es nicht bereuen, bas gelobe ick Dir!"

„Aber das sag' ich Dir, Mädel", schrie er, „an dem Tage, wo ich erfahre, daß Du Dich mit jenem--

mit Dem Sohne Robert Helldorfs eingelassen hast, ober irgenb einen Hanbel mit ihm anfcingst — an bem Tage verläßt Du mein Hans — unb herein kommst Du mir nicht mehr, merke Dir bas!"

„Na, na," machte Nvfel beschwichtigenb, „macht boch bem Kinde den Kopf nicht warm. ES wirb sich ja alles finden Und nun noch einS: Ich darf doch für Eure Enkelin die Stube ber Trübe zurechtmachen Die steht ja all bie Jahre unbenutzt"

Der Muller stöhnte leise nnd schmerzlich auf unb griff sich an ben Kopf.

„Dort willst Du bas Madel einquartieten? Mem Gott, mein Gott, wie wird heute das ganze Unglück von damals wieder lebendig in mir!

Rosel zog Gerda mit sich fort.

„Komm nur Kind, es ist Zeit, baß Du zur Ruhe kommst, morgen ist auch noch ein Tag, da können wir weiter reden."

Zaghaft folgte Gerda, nachdem sie noch einen mit­leidigen Blick auf den Müller geworfen, ber voran- lchreitenben Men, die eine kleine Lampe angezünbet hatte unb nun eilig den langen Flur entlang schritt Vor ber letzten Türe machte sie Halt, öffnete mit bem mitgebrachten Schlüssel unb schob baS überraschte Mäbchen vollenbs in das traute Gemach.

„Ich hab es immer schön in Ordnung gehalten," sagte sie, „obgleich seit bem Tode ber atmen Trübe niemanb. mehr barm gewohnt hat. Siehst Du, hier hauste sie, unser Prinzeßchen, für bas ganze Summen verschwenbet würben, nur um ein Lächeln auf das feine Gesichtchen zu zaubern. Als bie Trübe immer so traurig im Hause herumschlich, ba zermarterte sich ihr Batet förmlich ben Kopf, tote et seinem Liebling wohl eine Freube bereiten könnte; aber e8 half nichts. Sir

falls für ben polnischen Kandidaten gestimmt hatte, mürbe nach Plauen verseht.

Dem Ob. Kur. zufolge haben die jüngst versetzten Eisenbahnobersekretäre Thomiak und Tender« erst am 28 bezw. 29. Dezember die amtliche Mitteilung er­halten, daß ihre Versetzung nach Köln bezw. Coesfeld am 1. Januar erfolgen werbe. Man wirb zugeben müssen, baß biefe Frist seht kurz ist unb bie Maßre­gelung rücksichtslos verschärft. Wenn bie Behötben boch wüßten, welchen Zündstoff sie durch ihr Vorgehen onhänfen!

In ber „Germania" lesen wir: Nun ist bie letzte Ursache ber hatten Bestrafung bet Lehret in Kattowitz, bie „polnisch" gewählt haben, bekannt geworben. Als am Dienstag, ben 7. Dezember v. I. bie vier Zersetzten Volksschullehrer vom Regie tu ngspräsiden- t e n in Oppeln zu der berühmten Konferenz ein« geladen wurden, ba haben die Gemaßregelten geltend gemacht, baß sie nach ber Lohalitätseiklätung bet zwei „Polen" unb nach ber über sie erhaltenen Auskunft an ihre Gefährlichkeit nicht geglaubt haben. Sie et- sckiencn jedenfalls weniger staatsgesähtlich als ihre beiden Gegenkandidaten, bie sich öffentlich als Anhän­ger bet revolutionären Ideen Fetters bekannt haben. Der Präsident bestritt ihren guten Glauben nicht, stellte aber ihre Schuld mit ben Worten fest: „Sie mußten ben Kteisschulinspektot fta- geu, wie Sie wählen sollen!" — So un­glaubliche eine solche Aeußerung des Regietungspra. sidenten von Oppeln auch klingen mag, so können wir nach den Mitteilungen, bie uns von zuverlässiger Seite zugehen, nicht baran zweifeln, baß sie wicklich gefallen ist. Ist boch bie ganze Maßregelung ber Lehrer und Beamten in Katowitz eine Kette von unglaublichen Dingen. Danach hat also der Regierungspräsident von Oppeln zugcben müssen, daß die gemaßregelten Lehrer in gutem Glauben gehandelt haben. Sie haben also nicht in schuldhafter Weise gegen die Ab­sichten bet Regierung gesündigt. Und trotzdem diese harte Maßregelung in Form einer Strafversetzung, während z. B. die Eisenbahnbeamten mit einet Art Verwarnung weit glimpflicher davongekommen sind! Dann aber die Motivierung, die ber Regierungspräsi­dent von Oppeln seinem schroffen Vorgehen gegen bie Lehret gibt: „Sie mußten ben Kteisschul­inspektot fragen, wie Sie wählen sol­len!" Da hört boch alles auf! Sinb benn bie Leh­rer, wenn sic ihre staatsbürgerlichen Rechte bei ben Wahlen ausüben wollen, nichts anberes als «Stirnin» bi ei), daß sie sich zuerst bei ihrem Kteisschulinspek- tor erkundigen müssen, wie sie wählen sollen, bezw. müssen, wenn sie sich nicht ber Gefahr einer Maß­regelung aussetzen wollen? Wirb bas, was der Re- giemngspräsibeut von Oppeln hier von ben Lehrern verlangt, von ihm ebenso von allen anderen B - a m t e n gefordert? Wo bleibt ba das verfassungs­mäßig garantierte Wahlrecht für alle Beamten? Die liberale Presse hat bisher bezüglich ber Kattowitzer Maßregelungen sich in Schweigen gehüllt, aber bie jetzige Mitteilung übet ben Ausspruch bes Regie- tungsptäsidenten bürste boch die Zunge losen, zumal sie eine prinzipielle Bedeutung hat. Und was werben insbcjonbere bie liberalen L eht e t z e i t u n g e» wie die Pädagogische Zeidmg und die Preußische Leh- re'jcitung, dazu sagen? Wenn ein Regierungsprä­sident verlangt, daß die Lehrer unb die Beamten erst ihre vorgesetzte Behörde befragen müssen, wie sie wäh­len sollen, dann gewährt das in ber Tat einen son­derbaren Ausblick auf bie Achtung bet garantierten Reckte aller Staatsbürger, bie sich in einer Bemnten- stelluug befinbeu.

; Sozialdemokratischer Preußeniag.

Der Parteitag der preußischen Sozialdemokratie wurde am Montag im Berliner Gewerkschastshause in Anwesenheit von etwa zweihundert Delegierten eröffnet. Zu Vorsitzenden wurden Aba. Singer und Rudolph-Franksurt a. M. gewählt. Abg.Hei­mann erstattete den Bericht der sozialdemokrati­schen Landtagsfraktion. In der Diskussion spricht

konnte eben nicht überwinden. Das Gelb hätte bet Müllet sich spaten sollen."

Gerda stanb wortlos unb starrte die Einrichtung des reizenden Zimmers an, in das sie früher nie einen Blick hatte werfen können, weil er stets geschlossen ge­halten wurde Der Großvater hütete es, wie ein Hei­ligtum Unb nun sollte sie hier wohnen? An bet einen Längswanb befanb sich das große Himmelbett mit ben spitzenbesetzten Vorhängen, währenb gegen­über bie Waschkommode stanb; ein zierlicher Toilet­tentisch zwischen ben beiden Fenstern, ein mit Hellem Seidenstoff bezogenes Sofa, im Hintergrund ein mäch­tiger Schrank vervollständigten die Einrichtung. Den Boden deckte ein weicher Teppich, von ber Decke herab hing eine rosa Ampel Verschiedene Nippftgürchen standen auf bem SBanbbrett unb alles war so tadellos sauber, als hätte bie Bewohnerin erst vor kurzer Zett bas Zimmer verlassen.

Währenb Rosel geschäftig hin unb her eilte, Feuer im Ösen anmachte unb da und dort ein Stäubchen entfernte, saß Gerda ganz still mit im Schoß gefalteten Händen.

Rosel hatte das Bett mit frischem, blütenweißem Linnen überzogen, bie Vorhänge geschlossen, bann hals sie mit rührendem Eiset dem stillen Mädchen auS ben noch feuchten Kleibern, schloß den Schrank auf unb entnahm bemfelben ein wenn auch altmodisches, so boch bequemes Hauskleid.

„Schau nur grab einmal In den Spiegel", lachte sie vergnügt, nachdem Gerda umgezogen war, „wie schön Dir bas Kleib paßt. Es «st zwar längst aus bet Mobe, aber für ben Augenblick haben wir eben nichts anberes, Sich mit her, was ba für feine Garberobe ist, alles gehörte bet Trübe, bie hatte gerabesolch zierliches Figürchen wie Du!"

Dabei nahm sie verschiebene Kleiber auS dem Schrank unb breitete dieselben vor Gerda auS.

„Hier hat bie Trübe oft gesessen unb mir von ihrem Herzallerliebsten erzählt", berichtete bie geschwätzige Alte, bie sich wahrhaft kindisch freute, daß sie nun jemand hatte, mit bem sie nach Hetzenslust plaudern konnte.

(Fortsetzung folgt.)