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Notationrdruckund Verlag der Fuldaer Al- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 4.
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Fulda, Montafl den 3. Januar 1910.
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37. Jahrgang.
Grrstes WLcrtt.
ö Deutschland im Jahre 1909.
Wenn man den Verlauf eines Jahres einer Würdigung unterzieht, dann ist es angebracht, auch die wirtschastlichen Verhältnisse einer Prüfung zu unterziehen, denn das ist doch schlietzlich eine der ersten und wichtigsten Fragen für unS, unter welchen Bedingungen wir uns den LebenSbedarf beschaffen können. Bor einem Jahre standen wir mitten in der Krisis. Niemand vermochte mit einiger Gewißheit zu sagen, ob es nicht weiter abwärts, oder aufwärts gehen werde. So ist ja überhaupt eine der bedenklichsten Seiten dieser Konjunkturschwankungen, daß niemand zu sagen vermag, wann sie ihren Höhepunkt erreicht haben. Heute können wir sagen, daß der Höhepunkt der Krise hinter uns liegt. Sehr, sehr langsam freilich, aber doch unverkennbar hat es sich Im verflossenen Jahre zum Bestem gewandt, ohne daß die Krise unserem wirtschaftlichen und sozialen Leben tiefe Wunden geschlagen hätte. Unser einstens so bitter bekämpfter Zolltarif hat unS in der Landwirtschaft einen Jnlandsmarkt geschaffen, wie ihn in dieser gewaltigen Aufnahmefähigkeit niemand erhofft hatte. Die Landwirtschaft ist durch die Wirkungen des Zolltarifs in den Stand gesetzt worden, ihre wirffchaftliche Grundlage gründlich zu reformieren. Heute ist auch sozialdemokratischerseits anerkannt worden, daß die Landwirtschaft Deutschlands nahezu in der Lage ist, unseren Bedarf an Brotgetreide allein zu decken. DaS ist natürlich ein sehr wünschenswerter Zustand, der unS vom Auslande in der so überaus wichtigen Versorgung mit Nahrungsmitteln unabhängig macht.
So zweifelsfrei wie bei der wirtschastlichen Entwickelung liegen die Dinge in politischer Beziehung leider nicht. Das wirtschaftliche Leben steht unter jenen noch immer giftigen Gesetzen, die schon in der heiligen Schrift angedeutet werden durch den Hinweis auf die 7 fetten und die 7 mageren Jahre. Im p olitis ch e n Leben aber spielen neben den Entwickelungsgesetzen die Persönlichkeiten denn doch eine größere Rolle, und da ergibt sich die Schwierigkeit, zu erforschen, waS diese wollen. Das entscheidende Ereignis des abgelaufenen Jahres ist die Zertrümmerung des Blockes. Sie mußte früher oder später kommen, weil eS ein geschichtlicher Widersinn ist, die beiden sich dauernd bekämpfenden Richtungen des politischm Lebens aller Zeiten mit einander zu versöhnen lediglich zu dem Zwecke, einen mißliebigen Dritten, hier das Zentrum, an die Wand zu drücken. Nachdem der Block in Trümmer gegangen, mußte auch Fürst Bülow scheiden, er schied unter dem Eindmckr eines riesengroßen Mißerfolges und machte einem Manne Platz, der in seinem ganzen Auftreten noch ein Rätsel ist. Zunächst hat Bethmann-Hollweg die neuen Steuern, bei deren Schaffung der Block in Trümmer ging, und denen Bülow seine Unterschrift versagte, genehmigt. Dann aber hat seine Regierung die entsetzlich verlogene Hetze der Liberalen und Sozialisten gegen diese Steuern über das Land ergehen lasten, ohne erheblichen Widerspruch gegen die faustdicken staatsschädlichen Unwahrheiten zu erheben, mit denen da operiert wurde. Dann wiederum hat er in seiner ersten Kanzlerrede beteuert, er wolle mit allen Parteien regieren, aber wenige Tage darauf erfolgte auf ausdrücklichen Beschluß des preußischen Ministeriums die Maßregelungen von Zentmmsanhängem unter den Lehrern und Beamten in K a t t o w i tz, die einer gemeinsamen Stadtverordnetenliste des Zentrums und der Polen ihre Stimme gegeben hatten. Da abzuschätzen, lvohin der neue Kurs führt, das ist Wohl unmöglich. Wir wissen jetzt zwar, daß ohne Block regiert werden soll, aber wenn nicht ohne Pro- -gramm regiert werden wird, dann ist uns dieses Pro- ,geamm zum mindesten nicht darauf berechnet, uns Meude zu machen.
Schadet auch nichts. Mr wissen uns zur Geltung zu bringen, auch wenn man uns unfreundlich entgegenkommt. Der Gang der Reichsfinanzreform hat» bewiesen. Unter Ausschaltung deS Zentrum» sollte fie Zustandekommen, aber erst das tatkräftige Eingreifen de» Zentrums hat ihre Verabschie- düng möglich gemacht. Die für daS Reich benöttgte Riesensumme ist vom Reichstage bewilligt worden, und wenn auch —wie natürlich — manche Schönheitsfehler den neuen Steuern anhasten, so ist daS Werk im ganzen doch als wohlgelungen zu bezeichnen. Und daS Geschrei der liberalen Presse kann uns auch nicht die Genugtuung darüber rauben, daß mit der Finanz- reform die Mehcheit des Reichstages eine Aufgabe bewältigt hat, wie sie in solcher Größe noch keinem Volke zugemutet worden ist. Wir zweifeln auch nicht daran, daß schon nach wenigen Jahren, wenn die gegenwärtige von dem fttschen Eindmck der Ereignisse genährte Skrärgertmg und Erbitterung einer sachlichen Würdigung Platz gemacht haben wird, das allgemeine Urteil den Mchrheitsparteien Gerechtigkeit und Anerkennung widerfahren lasten wird.
Die Erledigung der Finanzreform hat für das Verhältnis der Parteien zueinander eine tiefgehende Wirkung gehabt. Der in den stürmischen Wahlen vom Januar und Februar 1907 geschaffene Block der sog. „nationalen" Parteien hat sich als zur Bewältigung einer eminent nationalen Aufgabe unfähig erwiesen, und an die Stelle der die billige und angeblich populäre Opposition vorziehenden Liberalen trat dar „antinationale" Zentrum, durch die Tat beweisend, daß es, wenn auch nicht so geübt Im Gebrauch der nationalen Phrase wie andere Leute, seine opferbereite Hilfe niemals versagt, wenn das Wohl des Reichs und des Volkes es erfordert. Die Gegner haben ein Verdienst des Zentrums aus der Mitarbeit an der Finanzrrform nicht anerkennen wollen, sie haben seine Motive zu verdächtigen gesucht; aber auch hier vertrauen wir voller Zuversicht auf das sachliche und gerechte Urteil der Geschichte.
Unter dem Eindrücke des Hereinfalls bei der Blockpolitik haben die drei freisinnigen Gruppen sich wieder an die Einigungsarbeit gemacht. Die liberale Einigung soll den „Ruck nach links" markieren und wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Schritt zum liberal« sozialdemokratischen Großblock fein, zu dem im Musterstaate Baden schon die Vorübung gemacht ist. In Baden hat die Sozialdemokratie den Liberalismus zum Teil verspeist und den übrig gebliebenen Teil sich untertänig gemacht. Aehnliche Wirkungen wird der Großblock mich im Reiche haben. Als neues politisches Gebilde erschien der H a n s a b u n d auf dem Plane. Mit gewaltiaem Tam-Tam wurde im ganzen Reich für den Bund die Werbetrommel gerührt. Seine Glanzperiode scheint er inzwischen schon überschritten zu haben, denn man hött in der letzten Zeit von ihm nicht mehr viel und es werden schließlich diejenigen Recht behalten, die ihm keine allzulange Lebensdauer verkündeten. Wenig erbauliche Zustände in unserer Marineverwaltung hat uns der Kieler Werftprozeß vor Augen geführt. Herr v. Tir- pltz mußte im Reichstage wegen der bei der Werft- oerwaltung aufgedeckten Mißstände mehrere Tage Spießruten laufen. Das, was er hier gehört hat, wird ihm sicherlich noch lange in den Ohren klingen und ihn veranlassen, mit dem eifernen Besen dreinzufahren. Erfreulich ist, daß die sehnsüchtigen Wünsche der Beamten auf Erhöhung ihrer Bezüge endlich Erfüllung gefunden haben. Man wird ihnen die Stuf- brffetung allerseits von Herzen gönnen. Ist auch nicht alle» ervelcht worden, was die Beamten wünschten, so dürfen sie sich doch versichett halten, daß Parlament und Regierung in ihrem Entgegenkommen soweit gingen, als es bet Staatssäckel erlaubte.
Ein grelles Schlaglicht auf die religiöse und soziale Verwilderung, die durch den Kirchen- und Ka- tholikenhüß hervorgemfen stt, warf die Behandlung deS „Falle» F e r r e r" in der liberalen, freimaurerischen und sozialdemokratischen Presse, der natür
lich auch die sog. „farblose" eifrig sekundierte. Eine internationale Flutwelle erhob sich; ohne die geringste Kenntnis des Prozesse» gegen den Anarchisten Fetter schrien die „Freidenker" aller Länder vor „Entrüstung" laut auf und behaupteten sofort, ein „feiger Ju- stizuwrd" läge vor, den die spanischen Offiziere auf Befehl .Roms" ausgeführt hatten. Unnöttg erst zu sagen, daß die gesamte „Intelligenz" sich in „feurigen" Protesten über die „spanische Schmach" erging und im Namen der „Kultur und der Humanität" Einspmch erhob gegen solche „Greueltaten". In unerhörter Weise ward auf b’e katholische Kirche geschimpft und geläftert, kein Wort war gemein und roh genug, das nicht mit breitem Behagen auf sie und ihre Diener angewandt wurde. — Als bann, so nach unb nach, es sich herausstellte, baß Ferrer mit vollem Rechte verurteilt worden war unb daß bie katholische Kirche selbstverstänblich mit bem Urteil nicht baS geringste zu schaffen gehabt bat, fühlte sich unseres Wistens kaum ein liberales Blatt, kein „geistiger Führer bet Nation" veranlaßt, seinen Irrtum freimütig unb ehrlich einzugestehen: im Gegenteil, Oer „Mord an Ferrer" wird einen „Ehrenplatz" in der liberalen „vorauSsetzungs- losen" Geschichtsschreibung sicherlich einnehmen.
Erwies sich im Falle Ferrer die Jntemationalität des Unglaubens, so trat auf dem Kölner Eucharistischen Kongreß wuchtig und imponierend die grandiose Einheit her die ganze Welt umspannenden katholischen Kirche in Erscheinung. Köln, die Metropole der „Psaffengaffe", wie man früher hämisch die Rheinlande zu nennen beliebte, hat schon schöne, prunkoolle, erhabene Feierlichkeiten in seinen Mauern gesehen, aber noch keine, wie den diesjährigen Eucharistischen Kongreß. Kirchenfürsten, Priester, Ordensleute und Laien aus fast allen Teilen be3 Erdballes waren nach Köln geströmt, um dort bem eucharistischen Gott ihre Huldigung zu Füßen zu legen, um sich an dem Feuer heiliger Begeisterung zu erbauen, das aus dem beredten Munde erster Kanzelredner sprach, das aus der andachtsvollen Haltung Tausender Glaubensbrüder widerstrahlte.
Deutsches Reich,
** Das Bürgerliche Gesetzbuch
ist mit dem 1. Januar 1910 zehn Jahre in Geltung, und diese Zeit wird genügt haben, dem deutschen Volke den Segen eines einheitlichen bürgerlichen Rechts für das gesamte Reich zum Bewußtsein zu bringen. Mühsam war die Arbeit zur Schaffung dieses Rechts, auf nahezu vier Jahrzehnte erstreckte sie sich, und erst jetzt wird die letzte Lücke durch das Inkrafttreten deS Gesetzes über den Versicherungsvertrag ausgefüllt. Mit Genugtuung darf man jetzt, zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches, auf das große Werk zurückblicken, das der Landesgesetzgebung zwar noch eine Reihe von Rechtsmaterien überlassen, aber doch der Rechtszersplitterung, die das sittliche Bewußtsein unseres Volks und dessen wirtschaftliche Bedürfnisse zu schädigen geeignet war, ein Ende bereitet und der Forderung „Ein Reich und ein Recht" bis an die Grenze des Erreichbaren Geltung verschafft hat.
* Berlin, 1. Jan. 1910. Am Silvestertag fand eine Sitzung des Staatsministeriums statt. Darauf fuhr der Reichskanzler zum Kaiser, um Vortrag zu halten.
* Die NeujahrSfeier am kaiserlichen Hofe. Bei leichtem Frostwetter wurde der Neujahrstag in Berlin durch das große Wecken eingeleitet. Der Kaiser, der den Silvesterabend im Kreise seiner Familie in Potsdam verlebt hatte, traf gegen 9 Uhr im Automobil im Berliner Schloß ein, etwas
später die Kaiserin, bie mit Sonderzug gefahren war. Es fand zunächst in der Kapelle des Schlosses Gottesdienst statt, unmittelbar danach folgte im Weißen Saale die GratulationS-Defiliereour beim Kaiserpaare. An daS Salutfchießen im Lustgarten schloß sich bann die große ParoleauSgabe im Zeughause und die Weihe und Nagelung neuer Fahnen. Nachmittags fuhr der Kaiser bei den Botschaftern vor,
* Weihnachtsbegnadigungen. Anläßlich des Weihnachtsfestes haben nicht weniger als neun deutsche Bundesfürsten Begnadigungen auSge« sprachen. Vom König Friedrich August von Sachsen wird mitgeteilt daß er die am heiligen Abend von ihm ausgesprochenen 34 Begnadigung gen auS eigenem Antrieb ohne vorherigen Bericht des Justizministers verfügt habe. — In Preu»' ßen sind Gnadenakte zum Weihnachtsfest nicht verfügt worden, es ist das hier an diesem Tage überhaupt nicht üblich.
* Zwei neue Reichsgesetze sind am 1. Januar in Kraft getreten. Auf das Gesetz über bie, weitere Einschränkung der Arbeitszeit fürs Frauen und jugendliche Arbeiter in Qe-( werblichen Betrieben wurde wiederholt hingewie-, sen. Außer diesem Gesetz treten die Bestimmung gen deS Gesetzes über den VersicherungSan^ trag mit dem neuen Jahre in Wirksamkeit. DaS, neue Gesetz schützt den Versicherungsnehmer gegen Willkürlichkeiten der Gesellschaften, die ihre Bedingungen bisher zum Teil in recht unklaren Bestimmungen diktieren konnten.
* Die preußische Wahlrechtsresdrnworlagch wird, wie jetzt auch die „Nordd. Allg. Zeuürr^ in ihren Rückblicken andeutet, in der Throne rede angekündigt und nach der Osterpause deS Landtags eingebracht werden. Als Ergebnis der veröffentlichten Wahlstatistik bezeichnet sit daß die Verteilung der Wählerklassen nach dech Einkommen, wie man die ganze Monarchie nicht nur einige großstädtische Sonderfälle inS Auge fasse, sich sehr viel nivellierender darstellt als bisher geglaubt worden fei. — Daraus darf man entnehmen, daß die Vorlage an der Grunds läge des DreiklasfenwahlrechtS nichts ändern wird.
)(Die Reichsversicherungs-Ordnung hat nach ihrer vorläufigen Veröffentltchung.eine Untr von kritischen Erörterungen h: - ‘
die Regierung eine umfassende Durchberatu forderlich machen. Diese Durchberatung wir». ' Bundesrate kurz nach Neujahr ausgenommen den. Die Reichsregierung soll die Absicht had.^ die Vorlage möglichst schnell zur Verabschiedung zu bringen. Die süddeutschen Staaten, die gegen Einzelheiten der Reform erhebliche Bedenken haben, sollen, um die schnelle Erledigung nicht aufzuhalten, bereit sein, ihre Bedenken zurückzustellen.
* Die Alldeutschen gegen Herrn v. Schoen. Dl» allbeussche „Tägliche Rundschau", bie nicht müde wirb, gegen ben Staatssekretär v. Schoen zu wüten, hatte bem Auswärtigen Amt neuerdings vorgeworfen, baß es bie Interessen zweier beutfcher StaatSange»' hörigen auslänbijchen Behörden gegenüber in schmählicher Weise preisgegeben habe, baß sogar ein deutscher Diplomat sozusagen strafversetzt worben sei, weil e| sich in ber Vertretung deutscher Interessen zu „tonet« big" gezeigt habe. — Die „Rorbb. Alla. Ztg." setzt biefen Behauptungen ein energisches Dementi entgegen unb stellt feft, baß der eine der Interessenten, bie angeblich zu Klagen über Mangel an Schutz seitens ber deutschen Behörden Anlaß haben wollen, an Ouerulantenwahn leide, während der andere für bl» energische Förderung seiner Interessen der betreffen»
Schattenblume.
17] Originalroman von Irene v. Hellmuth.
„Du bist ein armes Kind", sagte fie mitleidig, „hast auch noch wenig Freude gehabt auf der Welt! Freilich, ob Du Dich bei unS eingewöhnen wirst. Ist noch die Frag', — denn Dein Großvater wirb immer wunberlichrr unb verbrießlicher. Lieber Gott, er ist eben auch all unb hat fein Bünbel zu schleppen gehabt sein Leben Img. Run ist ihm bie Hypothek, bte er huf bie Mühl«, hat aufnehmen müssen, gekünbigt worben, — ber Wrt im Dorfe bhmten, ber seinerzeit baS Gelb hergab, will eS nicht länger stehen lassen. DaS ist nun bie größte Sorge. Woher soll ber Müller baS Geld nehmen? Niemanb will auf baS alte Gerümpel mehr etwas geben. Wenn er bie Hypothek nicht zahlen kann, ftnb fie imstande unb verkaufen ihm bafl !Haus zwangsweise. Wie bas werben soll, weiß ich -nicht! Ich täte ja von Herzen gern hergeben, wenn ich so viel hätte, — aber Gott", unterbrach sich bie geschwätzige Alte, „ba steh ich unb vergesse ganz, baß >Du müd' unb hungrig sein wirst, Du arme» Hascher! i®ul Aber jetzt lauf ich und sag dem Großvater, baß Du ba bist, unb bann koche ich etwa» recht Gute». Mache eS Dir nur einstweilen bequem, gleich bin ich wieder da!"
Rosel wollte zur Türe hinan», doch Gerda, die plötzlich wieder heftige Angst verspürte, hielt sie zurück. . „Meinst Du, daß ich dableiben darf, daß mich der .Großvater behält? WaS tue ich nur, wenn er nicht will?" fragte sie beklommen.
.Ei, das wäre wohl noch schöner", rief bie Alte unb stemmte kampflustig bie Arme in bie Selten, „ber H sich ja nicht unterstehen, etwas bagegen zu sagen, to bin auch noch ba, laß nut mich machen unb habe «tne Slngftl Froh soll er fein, ber Brummbär, wenn r“J?a bleibst! Wir brauchen ein junge» Gesicht, Ist ?icmani> mehr ba, ber nur einmal lachen tk5 r u r9 $ stM geworben auf btt Mühle, — ^on fett lange - lange!"--
Tie seufzte leise auf.
„Ja, Rosel", meinte Gerba traurig, „das Lachen habe ich auch verlernt."
„Du wirst eS schon wieder lernen, Kindchen! In Deinem After fängt baS Leben erst an! Unb wenn bann gar einmal ein Freiersmann kommt--"
„Ach bamtt ist es bei mir vorbei", unterbrach Gerba errötenb bie Alte; „ich war schon einmal verlobt — ba» Glück war sehr kurz — mein Herz ist tot!" —
„Ach glaub» nicht, Gerdachen, bazu bist Du noch viel zu jung! Mit ber Zett wirb ba» toieber anberSl Aber Du mußt mir erzählen von Deiner Verlobung — wie sah er beim auS, Dein Bräutigam--"
„Später Rosel — jetzt bitte, hole ben Großvater." Die Alte trippelte hinaus unb Gerba setzte sich erschöpft auf die einfache Holzbank, bie ring« an bet Wand entlang lief. In bem Gemach hatte sich nicht» beränbert, fett fie zum letztenmal hier gewesen war. Die Einrichtung zeigte nicht ben kleinsten LuxuS, sie konnte einfacher kaum gebacht werben.
Der große grüne Kachelofen nahm fast bte ganze Schmalseite ber Stube ein. In bet Mitte stand ein großer, eichener Tisch, baran lehnten ein paar Holzstühle; am Fenster schaukelte ein kleiner Käsig mit einem Kanarienvogel, an ben grüngestrichenen Wän- ben hingen alte Bilder in schmucklosem Holzrahmen, die Dielen waren mit feinem, weißem Sand bestreut Ein leichter Tabaksgeruch machte sich bemeckbat. ES verging eine geraume Weile, nichts regte sich irn Hanse, aber in bem Gemach herrschte eine wohlige Wärme. Gerba fühlte sich mübe, sie schloß die Augen. Beinahe wäre fie ein wenig eingenickt, als sich von draußm fchlürfenbe Schritte näherten. Sie fuhr empor unb da stand schon der alte Müller vor ihr. Et ging gebückt, ba» spärliche Haar war silberweiß unb um ba» Kinn zog sich ein weißet Bart wie eine Franze. Er hielt bie unvetmeibliche Pfeife in ber Hand, bie bichten, buschigen Augenbrauen waten über ber Nasenwurzel fast zusammengewachsen, bie grauen Augen blickten nicht gtrabe freundlich auf bie junge Enkelin, bie Ihm bie Hanb zum Gruße entgegen- streckte unb beinahe schüchtern sagte: „Grüß Gott, Heber Großvater, wie geht eS Dir?"
Hinter bem Alten war Rosel eingetreten unb ihre klugen, lebhaften Elsteraugen gingen forschend von einem zum andern.
Der Müller brummte etwas, baS Gerba nicht vet- stanb; ihr war überhaupt recht beklommen zu Mute, beim bie Augen des Alten bohrten stch In ihr Gesicht, als wollten fie 618 auf ben Grund bet Seel« bringen.
„Herrgott, ist daS eine Art ,fo fein einzige» Enkel- finb willkommen zu heißen", fuhr ba Rosel ungeduldig dazwischen, „ja freuen Sie sich denn gar nicht, daß Sie in Zukunft so ein liebes, junge« Ding um sich haben sollen?"
„Freuen?" brummte ber Müllet unb blickte bie Sprechende finster an, inbem sich seine buschigen Augenbrauen dicht zusammenzogen, „nein, freuen kann ich mich wahrhaftig nicht barüber unb Du weißt am besten warum!"
„Nein, bas weiß ich nicht!" entgegnete bie Rosel gereizt, unb pflanzte sich breit vor Ihrem Herrn auf. Sie wußte, baß sie stch ihm gegenüber schon etwas erlauben burfte. Die lange Dienstzeit, in bet sie Freud und Leid mit der Herrschaft geteilt hatte, gab ihr ein Recht dazu, und außerdem wußte man e» auf ber Mühle nicht anber«, als baß bte Rosel in allen Dingen mitredete. Sie würbe nicht mehr al« Dienstbote betrachtet.
Sie fuhr benn auch jetzt in vollem Zorn auf:
„Nein, Müller, — ba« ist zu arg, — Verbuchen, mein .Kind, glaub e« ihm nicht, et ist zwar ein recht brummiger alter Herr, aber — ganz so schlimm ist e« boch nicht, wie er sich stellt I'
Gerba war sehr blaß getoorben. Sie trat bicht vor ben Alten hin unb sagte in bemütig bittenbem Ton: „Laß mich bei Dir bleiben, Großvater — Du bist mein einziger Verwandter; ich hab« ja niemand al» Dich, ich verlange ja so wenig, unb wo» ich brauch«, kann ich vielleicht verdienen."
Ein« Paus« trat ein. Rosel führte schon wieder den Schürzenzipfel an bie Augen.
Der Alte aber sagte kurz und bestimmt r „Er kann eben nicht sein, — ich will e» nicht!"
„Großvater!" schrie Gerda auf unb sank weinend auf bie Bank nieber. „Ich muß also tolebet fort von hier?" fragte sie angstvoll.
Der Müller nlckte.
„Natürlich nicht heute ober morgen — aber fit» immer hier bleiben kannst Du nicht."
„Ja Müller, seid Ihr benn bet Sinnen?" rief Rosel aufgeregt, „ba« kann doch Euer Emst nicht sein!"
„Ja, ja", nickte ber Alte. „Siehst Du Rosel, ich war nicht einmal imftanbe, mein eigene« Kinb richtig zu behüten, zu täten unb zu führen, wie e« sich für einen Vater gehört«. E« mußte elenb unb erbärmlich zu Gmnbe gehen unb ich trage einen Teil ber Schuld an bem Unglück. Hätte ich zur rechien Zett bk Augen besser aufgemacht, e« wäre nicht geschehen. Und bamal« war ich noch jung unb stark; jetzt bin ich alt unb hinfällig geworden, meine Augen sehen nicht mehr so scharf tote damals. Wie soll eS mir da möglicb sein, ein so junge», unerfahrenes Ding zu beschützen! Da» sage ich Dir, ein zweiteSmal könnte ich so ein Unglück nicht ertragen und leicht wäre eS möglich, daß e« wieder so käme, wie bei meinem armen Kindl Es lebt ein Sohn jene» Elenden, der mir mein Liebstes nahm, was ich besaß! Wmn der Geier die Taub« hier wittert, so wird er so lange unser Haus umkrei- fen, biS et sein Opfer sicher hat! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt man, und der Sohn Robert Helldorffs soll mcht viel besser sein tote sein Vater! Ich aber hatte genug von dem einen Mal, e« hat mich fast um ben Verstand gebracht. Ein zweite« Mal ertrag ich es nicht! — Damm muß baS Mäbel tolebet fort!" — So, nun wißt Ihr meine Meinung!"
Er hatte, während er sprach, seine gebückte Gestalt aufgerichtet und starrte düster vor stch hin. Doch RosÄ ließ stch nicht so leicht elnschüchtecn.
„Ach was", tief fie heftig, „wer sagt denn, daß e« nochmal so heftig kommen muß! Da« ist doch der rein« Unsinn. Euer Enkelkind war schon einmal verlobt unb benft gar nicht baran, stch In einen atbem zu verlieben!"
(Fortsetzung folflt3