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J6 248.

Samitoj 50. »ejentiet Ml 58. Zatzrgang.

fuldaer W Leitung

2. Blatt

vr,ck mrd Verlag der Küdaer ts S«tac

Vochen-Kun-schau.

[:] Fulda, 29. Dezember 191 l.

Das n »u e Jahr, das wir jetzt Beginnen, erhält von dem alten Jahre einen ganzen Berg von Un- vollendetem, dessen Lösung und Vollendung wir von dem neuen Jahr erwarten. Die Reichstagswahl wird das neue Jahr mit Kampf und Lärm dnlctten. Was wird sie bringen? Vier Jahrzehnte lang war es uns vergönnt, das neue Jahr unter 6en Segnun­gen des Friedens und des wirtschaft!. Auft'chwun» ges zu begehen. Wird es auch in Zukunft so sein, auch im Jahre 1912? Wird nicht balo ein Welt­krieg mit allen feinen Schrecken die Welt durchtoben? Wird im neuen Jähre, wenn wieder die Gegensätze sich so scharf zufpitzen wir im Sommer des verflosse­nen Jahres, wem: 'die Schiffe schon Befehl zum Aus' laufen erhalten haben und die Schrapnells und Gra­naten schon bereit liegen, der drohenoe Krieg vermie­den werden können? Wer weiß? Wir können nichts weiter tun, als ehrlich und mit gutem Willen eine Entwicklung anstreben, die uns auch in Zukunft den Frieden sichert Möge das neue Jahr uns ein wei­teres wirtschaftliches Gedeihen bringen. Möge da? Hoffnungsschisi, das nun jetzt, mit unseren Wün­schen belastet, ins Meer der 365 kommenden Tage steuert, nicht allzu viel von seiner Ladung über Bord werfen müssen. MöA das kommende Jahr zum we- nigsten nicht schlechter werden als das. dessen letzte Tage jetzt ins Meer der Ewigkeit sinken.

In der weiten Welt sieht c<$ allerdings gar nicht sehr hoffnungsvoll aus. Der deutsch-französische Ma- rokkov Ertrag, jenes große Fliedenswerk der verflossenen Jahres, ist in allen^seinen Einzelheiten gesichert; nur der französische Senat hat noch das formelle Schlußwort. Die spanisch-franzö^ fischen Marokkoverhandlungen aber, die den deutsch- französischen Vertrag ergänzen, stoßen fort­gesetzt auf Schwierigkeiten. Wenn auch nicht anzu- tiehmen ist, daß diese Schwierigkeiten schließlich zu einem Abbruch der Verhandlungen führen werden, so wirkt ter Verlauf doch keineswegs beruhigend. Dazu kommen noch neue Unruhen in Marokko. In der Umgegend von Fez, der Hauptstadt des Landes, herrscht eine starke Gärung unter den marokkanischen Stammen. Die französische Regierung hat sofort alle Maßnahmen getroffen. Ihr General Bremond hat sich mit dem Sultan ins Einvernehmen gesetzt, um eine neue Ausstandsbewegung zu verhindern. In N o r d m a r o k k o, ter spanischen „Interessen­sphäre", wo der Aufruhr niemals ganz zur Ruhe ge- kommen ist, ist es schon wieder zu Zusammenstößen gekommen. Die spanischen Truppen schlugen mehocre! Angriffe der kriegerischen Rifkabylen am Kertflusse und bei Suk et Jenus zurück, wobei die Marokkaner empfindliche Verluste hatten und die Spanier an \ Toten und Verwundeten vier Offiziere und 38 Mann! verloren.

Ter Tripoliskrieg wird auch wohl noch dnen erheblichen Teil des neuen Jahres ausfüllen. Die Operationen der Italiener gehen sehr langsam vor sich, und Schritt für Schritt müssen sie das Terrain, das die Zugänge zu dem Innern des Lan­des birgt, erobern. Wenn ihnen dies endlich ge­lungen sein wird, so stehen sie vor einem aufreiben­den Kleinkriege, dessen Ende sich noch jahrelang hin- ziehen kann. Wesentliche Veränderungen der Kriegs­lage hat die vergangene Woche nicht gebracht. Zu der Fußfass.mg der Engländer und Franzosen an den Grenzen von Tripolis — die Engländer auf ägyptischem Boden in der Bucht von Solum, die Franzosen in der Oase von Djanet — haben die Italiener ein süßsamrs Gesicht gemacht. Wenn es auch unangenehm ist, muß es doch ertragen werben!

In Persien hat Rußland, wie vorauszusehen .-vor, alles erreicht, was es gewollt hat. Persien hat alle russischen Forderungen erfüHl Die Russen haben diesen Erfolg nicht zum wenigsten England zu verdcmkne, das Rußland in der persischen Frage rückhaltlos unterstützte. Generalschatzmeister Shuster ist bereits von seiner Entlassung benachrichtig» wor- den Die Unterwerftmg Persiens ist aber nicht er­folg,, ohne daß blutige Ereignisse zu verzeichnen wären. Vorläufig ziehen die Russen ihre Truppen aus Persien noch nicht zurück.

In Chi«» kämpft «a» trotz de« Wasseristtkl- stand es und bet FriedeuSverhandlungen in Shang­hai lustig weiter. Die Verhandlungen ta Shanghai stehen vor chrem Abschlüsse. Er wird wohl darauf hinauZlausen, daß die Tschung ihren Thron behal­ten, aber so ziemlich aller Rechte, die sonst einem Throninhaber zustchen, entkleidet werden. Der Kai­ser von Lhlna wird ta Zukunft nichts sein als eine dekorative Spitze. Born ckbsrfluteu Herrscher bi« zur rechtlose» Thronzierde, das ist ein weiter Sprung.

In Mexiko hat der alte Revolutionsgeneral Reyes kapituliert Mb sich selbst der Regierung aus- geliefert. Vielleicht wir- dadurch das von Unruhen und Aufständen zerrissene und zerrüttete Land einer ruhigeren Entwickelung entgegengebracht. Die Re­gierung steht nach biejem ihrem Erfolge gegen den letzten wirflich gefähruchen Revolutionär der Zu« kunft zuversichtlich entgegen.

Zo Den ReMMW'.'.

Wahlkreis Ftada-Sersstld.SlDch!tiH.

tz Große Freude herrscht int ganz n Wahlkreis dar­über, daß eirfer seitheriger hochverdienter Reichstags' abgeordneter, Herr Richard Müller, sich bereit erklärt bat. wieder zu kandidieren. 8Bir sind überzeugt, daß diese Freud« und Begeisterung auch am Wahltag alle ZentrumSwöh ler bis aus den letz­ten Man« zur Wahlurne führen wird und unser Kandidat GieSmal noch einige Tausend Stimm« mchr bekommt wie bet der letzten Wahl. Sine Iede Gemeinde nmß ihren Stolz darin finfce»^ aß alle wahlpflichtigen Männer zur Wahl gehen und einstimmig dem seit 18 Jahren bewährten Volks* Vertreter und Volksfreund, Herrn Richar» Müller, ihre Stimme geben. Daß er gewählt wird, ist ja sllbstoerständiich und unterliegt keinem Zweifel, aber er muß glänzend gewählt werden. DaS sei der Dank, den der Wahlkreis ihm abstattet. Bei bie« * ser Gelegenheit möchten wir an da? erinnern, was; wir vor 5 Jahren vor ter Wahl geschrieben haben. Im Anschluß an die Worte deS Reichskanzlers in seinem berühmten Silvesteftbrief, wo eS hieß: »Je­denfalls darf nicht vergesse» werden, daß die wich» tigsten Aufgaben der Seewehr, die Handelsverträge und die Finanzreform nut mit Hilfe des Zentrums gelöst worden fhtbl', sagten wir, daß an alT diesen großen Aufgaben Abg. MüLer-Fnlda hervorragende« ! Anteil habe. Er hat 1897/98 den von Admiral Tir- ! pitz vorgelegten Flottmplan derart verbessert, daß das von der Regierung erstrebte Ziel schneller erreicht i und trotzdem 53 Millionen Mark gespart wurden. ! Bei dem.Flottenzesetz vo-u 1900 hat das Zen- ! truin unter Führung des Abg. Müller-^ Fulda es erreicht, daß die Gesamtkosten für die ■ Vermehrung der Florte um 390 Millionen ermäßige > wurden. Bei dieser Gelegenheit hat Abgeordneter | Mülle,-Fulda die bekannte Panzer-Platten-Geschichte | aufgedeckt. Er stellte fest, daß die deutsche Marine > die Panzerplatten uni 20 Prozent oder 400 Mark - pro Tonne höher bezahlt als die auswärtigen - Staaten, und zwar auf Grund eines Pceiskartells, t welches die beiden deutsche« Fabriken (Krupp und , Stumm) sowohl unter sich als mit ausländischen Werken vereinbart hatten. Der Reichstag verurteilte diese Handlungsweise aus das entschiedenste und for- berte die Verbündeten Regierungen auf, nötigenfalls ein eigenes Panzerplattenwerk zu errichten. Die Panzerplattm-Fabrikantm ermäßigten infolge dessen den Preis von 2320 Mark auf 1920 Mk., was eine jährliche Ersparnis von 3 Millionen oder von 60 Millionen Mark für die Ausführungszeit des^ Flot- ten-Programms ausmacht In ähnlicher Weise war Herr Abg. Müller noch wiederholt tätig, so l B. bei den Vertrügen mit dem Apotheker Dr. Lutze, der bei der Sieferung von Arzneien etwa 100 Prozent mehr bekam, als der durchschnittliche Han- delswert betrug. Die »Kölnische Äolksztg.' schrieb damals: „Bei dieser Gelegenheit scheint uns ein öffentliches Wort des Tankes am Platze für die Tä­tigkeit, welche der Abg. Müller-Fulda i« der Budget« kömmission des Reichstages ausübt. Ucberall, wo es gilt, Klarheit über die wirkliche Lage der Tinge zu schaffen, Mißstände zn beseitigen, Ersparnisse durch-

zusetzm, wird der Name des Abg. Müller-Fulda en der erste» Stelle genannt.'

rTJStt Abg. Möller fort zurzeit »« Mhrung ta Mr vudgeikommission trab er verwaltet diese» Amt «eit Umsicht med Energie. Dieses kenntnisreiche und im- rrmüdlich« Mtglied der ZmtrmnSftaktto« gehört zu dmieuiam Parlamentarier«, welch« sozusag« die parlamentarische Maschine mit ta Gang halten. Wen» da» Zentrum gute Ftaarrzpolittt treibt, f» Est e» zum «roße» Teil da» Verdienst deS Aba. Müller^ulda." Die von der Regierung schon früher geplant« Ta­baksteuer hat Abg. Müller wiederholt zum Fall ge- beacht, und auch bet der jetzigen Finanzreform hat er es erreicht, daß statt der Gewichtssteuer dir Wert- teuer eingeführt wurde und der RegisrungSvor- chlaz «m 3 2 Millionen gekürzt wurde. Ueberhaupt st es ihm hauptsächlich zu verdank«, daß wir vor >er liberalen Resorm, die un» 60 Millionen Konsumsteuern mehr gebracht hätte, verschont ge­blieben und nebenbei den großen Schuldenmacher Fürsten Bernhard Bülow losgeworden sind da vor fünf Jahren in Verbindung mit dem auch schon längst tiergebenen Bernhard Demburg das Zmtrnm auS- schalten und an die Wand drücken wollte. Wenn unter Abg. allerdings bie Finanzreform «Seta hätte machen können, wäre sie sich« besser geworden leider fan- den aber verschiedene seiner Anttäge leint, Mehr­heit und das Zentrum allein hat bekanntlich nur knapp ein Viertel der Stimmen im Reichstag, ganz abgesehen davon, daß auch die Regierung (bezw. der Bundesrat) zustimmen muß. ES mußt« des- halb auch hier nach dem Grundsatz gehandelt wer- oen: „Das Bessere ist der Feind bei Guten. Dft Reform, wie tote ste jetzt bekomm« habe», ist die beste, -die den Umständen nach zu erreichen war und das ist, wie gesagt, vor allem das Verdienst unseres Abgeordneten. Hervorragend« Anteil hat er an da Einführung der Witwern- und Waifenverficheruna bet d« neue« Reichs- verfichenmgsordmmz. die seiner Anregung ihr Ent­stehen verdankt. DaS gleiche gilt von da Wert» z u w a ch s st e u e r, bi« den Wertzuwachs beim Ver­kauf von Grundstücken besteuert. So ist 'der Abg. Müller-Fulda in den 18 Jahren immer und überall tätig gewesen für das DoMwohl und hat getreu- lich erfüllt, was er bei feiner ersten Wahl im Jahre 1893 versprochen hat — in unermüdlicher Arbeit bat er dem Wahlkreis und dem Vaterland gedient und den Wahlspcuch der ZentrumSpartti: »Für Wahrheit, Freihett und Recht' hochgehalten. Em alter Fuldaer Chronist hat die Geschichte Fuldas in verschiedene Perioden eingeteilt und jeder ein charakteristisches Beiwort gegeben. U. a. verzeichnet er auch ein „aetos glorios a", em olorreiches Zeitalter. So viel ist sicher, wenn ein­mal eine Geschichte unseres Wahlkreises ge­schrieben- werden sollte, tenn wird die Periode „Müller-Fulda" darin bas „glorreiche Zeitalter" bilden und wir, seine Wähler, und jeder ein­zelne davon, dürfen stolz darauf sein, daß wir durch unsere Stimmen dieses glorreiche Zeitalter Haden herbeiführcn helfen. Am 12. Januar soll cs um fünf Jahre verlängert werten. Da darf, da will keiner fthlm, darum auf zur Wahl; mir über­wältigender Stlmmenzohl — wie noch nie zuvor wird gewählt in Stadt und Land

'jeer Rentner Richard Müller, Fulda.

■ 11 Stuttgart, 28. Dez. 1911. Auch in Würt- tembrrg unterstützt das Zentrum -die anderen rechtsstehenden Parteien in weitgehender Weise. Das Zmtrum hat den Wahlkreis Freudenstadt, wo es voriges Mal mit den Demokraten in Stichwahl stand, den Konservativen überlassen und wird schon im ersten Wahlgang für sie eintreten. Es wird außerdem in einer Reihe von Wahlkreisen außer­halb seines bisherigen Besitzstandes von Zählkandi- baiuren absehen und seine Stimmm den Konserva­tiven von Anfang an zuführen. Ohne die Hilfe des Zentrums könnten die Konservativm in greuben»- stabt, wo der Bauernbund im Jahre 1907 nur 568 Stimmen gegen 7607 des Zentrums erhielt, auch nicht auf den leisesten Erfolg rechnen, während un« mehr mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten ist, daß sie gegen den Großblock in die Stichwahl kommen werden. In den anderen Wahlkreisen, in welchen

da» Zentrum für sich kein« »«»ficht auf Erzielung eine» Wahlerfolge» hat, werte» ba Konservativ« die Stimmen bt» Zentrums ta manch«» Fälle» von nicht $n unterschätzendem Werte sein. Da» Zentrum ist ta feinen eigene« Wahlkreis« ta feiner Weise bedroht. Al« neu pr erotetnter Wahlkreis könnt« für das Zentrum ter Krei» Balingen ta tracht kommen. Hier hat ater das Zentrum auf konservative Gegenleistung« nicht zu hoffen, da von konservativer Sete ein eigener Kandidat ta der Person des VoWfthullehrerS Bernecker in Tail- in-gen aufgestellt worden ist, und weil sich verschie» bene evangelische Pfarrer de» Wahlkreises offen als Vertreter der Sache ter Volkspartet aufgetan und sich der Kandidatur Haußmann ata mit Herz und Mund zugetan erfiftrt haben. Btrn sich die Kon» servativm im Wahlkreise Balingen das Verhalt« des Zmtrums ta Freudenstadt ata Muster genommen und sich von Anfang an auf die Sette des Zentrums gestellt hättm, tenm hätte das Zentrum auf Erfolg rechnen können. Die Konservativen hättm hierbei für sich kein Opfer gebracht, da für sie die Möglich­keit, selbst in die Ettchwahl zu kommen, auszeschlos- sm ist. Ihr Eintreten für das Zmtrum hätte so gut wie fein Opfer für sie bedeutet, währmd dem Zen» trum diese Hilfe unter all«, Umständm wertvoll ge» toefen wäre.

4- Gras Posatewsky oder Stvering? Im „Berl. Tagebl.' wirft der frühere forischrillliche Abg. Dr. Heinz Potthoff die Frage auf, ob im Wahlkreise Bielefeld-Wiedenbrück der frühere Ltaatssekrelär Graf v. Posadowsky oder sein fozialdemokratischer Gegenkandidat Eevering zu wähicn fei.

Für die Freisinnigen in dem Wahlkreise würde die Frag« afuf. Venn die sortschritllichr BottSparlei halte an einer e genen Kandidatur fest, nicht in der Hoffnung, ben Wahlkreis für sich zu erobern. Die Kandidatur der sortschrittlichm Vollspartei könne höchstens eine Stichwahl herbei führen zwischen Posadowsky und Se- vering. Die Eonderkandidatur deS Forischritls habe natürlich nur dann einen Zweck, wenn auch in der Stichwahl die Front fich gegen rechts richten soll. Di« Person des Grafen Posadowsky dürfe die Fretsinnigen nicht hindern, in der Stichwahl gegen ihn Front zu machen; er sei Kandidat der rechtsstehenden Parteien und des Zentrums, deshalb könne ihn ein Liberaler trotz aller persönlichen Belehrungen nicht wählen.

Die .Deutsche Tagesztg." bemerkt dazu: „Daß ein derartiger Linksliberalismus, der sich so zum Stiefelputzer der Sozialdemotratie er­niedrigt, feinen Anspruch darauf hat, anders be­handelt zu werden, als die Sozialdemokratie, liegt auf der Hand.'

•$< Teuerung und Sozialdemokratie. Als will» kommmes Hetzmittel zur Revolutionierung der Mas­sen hat die Sozialdemokratie die Teuerung der letzten Wochm und Monate weiblichst ausgenützt. Nach der praktischen Seite der Abhilfe hat sie jedoch völlig versagt. Sie hat gegen die Teuerung kein einziges durchführbares Mittel vor­zuschlagen. Sie weiß, daß auch sie die Diuge des Naturgeschehens, die Witterung und ihre Folgen nicht anders dirigieren tarnt, ata ste kommen. Die Sozialdemokratie weiß auch unb verrät es selbst in ihren wissenschaftlichen Schriften, daß ihre cmg» priesenm Radikalmittel — Zollfreiheit, Vernichtung des Bauernstandes durch Verstaatlichung des Boden- eigentumS — für die Lebensmittelversorgung gar nichts nützen. Sie weiß auch, dich diese Mittel, gar nicht durchführbar find. Trotzdem bv- hauptet sie vor den Massen, fie könne leicht unb schnell das Volk zu ParadiessSzuständm führe« Nichts wie Worte hat die Sozialdemokratie, kein« Taren. Dieser KcunpfeSweift gebührt am 12. Januar ein gehöriger Denkzettel!

• Siu neue» Flugblatt de» Reich»verbande» gegen die Sozialdemokratie. Den Angriffen der sozialdemo- lralischrn Partei auf die ReichSverficherungsordnung tritt ein neues Flugblatt deS RrichSverbandes gegen die Sozialdemokratie (Nr. 150) entgegen, das die Heber« schrist trägt „ReichsverficherungSordnung und die So- iialbemotratie". DaS Flugblatt legt klar und über­zeugend die durch die Neuordnung erzielten Fortschritte für die Arbeiterschaft. dar und gibt dem Leser ein gutes Bild über die neuen gesetzlichen Bestimmungen. Es geißelt dabei di« Haltung der sozialdemokratischen Partei, die auch in dteser Frage bi« wirklichen Arbeiter- intrresse« dem einseitigen Parteiintereffe untergeordnet

Unpolitische Zeitlaufe.

N. Berlin, 28. Dezember 1911.

cRachdruck verboten.)

Was ich dm Lesem zu Neujahr wünsche?

Mut!

Ein -ganz winziges Wort. Nur drei Buchstaben: M—u-1 Mut. Aber ein hohes Gut, gleichsam der Seele Lebensblut. — Mut verloren, alles Verl»- ren, klagt mit Recht der Dichter. Unb nach der an­dern, günstigen Seite hin stellt das Sprichwort fest: Dem Mutigen gehört die Welt!

Ja, Muk muß man haben und bewahren, wenn man sich sein Plätzchen in ter Welt erobern will. DaS gilt nicht bloß von der Diesseits-Welt, sondern auch vom Jenseits. Wer über den schmalen Weg und auf die enge Pforte zum ewigen Heil gelangen will, darf auch den Mut nicht verlieren. Mut gehört zur Buße Und Besserung.

„Kampf umS Dasein" nennen ste das menschliche Leben und Streben. Nun ja, wir stnd alle in gewis­sem Sinne Soldaten, groß und Hein, Männlein utö Weiblein. Zu Silvester tonnen wir einen ähnliche« Rückblick tun, wie der überlebende Krieger am Abend eines Schlachttages. Auf der Wahlstatt des letzte« Jahres sind viele Kameradm gefallen, noch mehr 6er* mundet. Wir hätten uns auch nicht befiagen dürft», wenn wir dem Tode zur Beute gefallen wären oter jvenn wir jetzt mit schweren Wunde« hilf, und hofft nungslos dalägen. Aber wir habm Glück gehabt; jvir sind wieder einmal mit heiler Haut davon Ge­kommen. Wir leben noch, wir können noch wirft« und schaffen, sühnen und streben. Hurra! Den Kcmf hoch! Glück auf!

’ Freilich, die Silvesterfreude ist nicht ungemischt. §n oie Neujahrsbowle stnd auch etliche Essigtropft» Mallen. Es ging im eckten Jahre nicht alle«, tote til tollte Wir haben Nackenschläge erhalten; toir ha» fen Verluste erlitten; toir haben Fehler begangen; Mr haben in Stürmen gezittert und ta Enttäusch»» jtn gestöhnt. Vielleicht waren wir das eine oder da» Wd:re Mckl der Verzweiflung, dem Zusammenbruch

nahe. Und doch ist der Hals nicht gebrochen. Und doch haben wir noch Boten unter den Füßen und Luft in ben Lungen.

Als ich neulich durch eine Straße ging, wo wenig Auto« und viele Kinder verkehren, sah ich einen Heinen Knirps über dm Damm laufen. Die größeren Kinder hatten im Eifer des Spieles sich von ihm ent­fernt Jetzt suchte er auf eigene Faust den Anschluß wieder zu gewinnen. Die Beinchen waren noch schwach, etwas krumm und sehr unbeholfen. Er fiel und weinte; aber er arbeitete sich wieder empor unb strampelte weiter. Er fiel abermals und hmlte; aber er blieb nicht liegen, fonbetn setzte mit fleckigem Kit­tel und beschmutzter Rase feinen Kampf fort. An der Schwelle zum Bürgersteig wäre er zum dritten Male eanbet, wenn ich ihn nicht gehalten hätte. Er

: mir nicht Dank, sondern guckte mich aus seinen nassen Augen mißtrauisch und ängstlich an, als ob eink feindselige Einmischung in seinen Lebenswog vorläge. Doch da« wftderhergestellft Gleichgewicht benutzte er schleunigst, um weiter vorwärts zu trip­peln bi» an bk Schürze seine« etwas größer«» Schwester, die th« mit dm herzlich«, Worten em­pfing: Ra, so komm doch, du bummer Junge! Und e» war alles wieder gut.

Hat nicht unser LetenSlauf eint verzweifelte Ach«' lichkeit mü dieser Wanderung des Heben Strampel- peter? Wir nmrffcta vorwärts mit unseren schwa- chm und unbeholfenen Gliedmaßen; wir strauchckn, gleiten und fallen da» ehe Mal fiter btto andere Mal; wir tefleckm uns ta» Schmutz unb zerschneiden «n» manchmal bk Rase oder bt« Häute; wir schrei« vor Aerger und «da« vor Angst; wir ruft« nach Hllft und schar« ost vor der retteutex Hand z»rück- Ach, tot« «adelig und Hägfich ficht btefe Pilgerfahrt durch das irdisch« Jammertal aus! Das ist nicht bloß ein« Spring Prozeffioa tote ta Echternach, wo es bald rficktoSrS, tekd oorwLrS geht, sondern eine wahre FillteetzW«, M tet cs fortwährend Stürz« gibt 56, Wir leite, alle an ter Fallsucht, fett unftö StoimKkstrrn zesollm find. Doch da» Fal- l-u ist noch ttkfct vertzL^-tovoll; nur te-S Liegen- HelbTet »Ä«, fich «mfrofie™ da, ist di« Kunst, auf dte S o&unnt Den Mut der Auft erstrhun- nsrst da» große Kind immer hab« und te-

wahren, ebenso wie der gesunde Knirps, ter nach seinem Straucheln sich mit den Aermchen von dem Erdbodm abstemmt, um den Kopf wieder obm und den Schwerpunkt über die Füße zu bekommm.

Nur nicht liegen bleiben im Unglück! Und erst recht nicht liegen bleiben in der Schuko! Wehe dem, der da sagt: Ach, es hilft mir ja hoch nicht; ich falle immer wieder in die alten Fehler und Laster zurück; ich bin doch einmal befleckt nttb verloren; jetzt kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an! So ein Verzagter gleicht dem "weichlichen Kinde, das nach seinem Straucheln liegen bleibt und sich im Straßmschmutz hin und her wälzt Ei, so lange wir noch Leben in uns spüren, habm wir doch auch noch etwas Saft und Kraft, um uns wieder auf die Füße zu bringen. Und wenn wir erst wieder stehm, so wirb es mich mit dem Gehen wohl wieder werden. Nur Mut zum redlichen Versuch; Gott wivp Wetter helfen.

Auch dte Weihnachtsbotschaft mahnt uns, ben Mut nicht sinken zu lässm. Friede auf Erden, heißt es da, den Menschen, die guten Wilim S stnd. Der gute Wille, das ist der Mut, dm ich allen Lesern unb mir zum neuen Jahr wünsche. Wer noch lebt, kann noch wollm, unb wer will, der kann noch ge­rettet und beseligt werben.

An der Jahresscheide dreht man ben Kops nach zwei Seit«. Erst zum Rückblick auf daS vergangme Jahr, dann zmn Ausblick in di« Zukunft. Es gibt Leute, die das Gesicht ortbauerrtb im Nacken halten wollen, die von bä Betrachtung der Vergangenheit nicht loskommm können. Es ist, ata ob ihr Herz sich aufgespießt hätte an dm Dornm ter Kümmemtfle und Gewissmsbisse, die ihnm daS alte Jahr beschert hatte. Alle» mit Maß! Dte Erinnerung an das Vergangme ist gut, wen» man aus te» SchüffalS-- fchläg« ErfahrungsWeisheit schuft und bk began­gen« Fehler mit Rene sühnt. Aber die Ertanerim- gen dürft» nicht p» Blutegeln werten, die un, die Lebenskraft absaugen. Die Hanptfachr bleibt zu Neujahr ter Ausblick ta die Zukunft. Was f» man­cher vergeblich heiß «sehnt hat, da» wird dir ge­schenkt: eta neue» Jahr, eine Verlängerung de» Lo­den», eine Gelegenhett zur Efih«, zur Besserung, em» vorwävtsstreb«, »um frisch« Arbeit«, »um

flott« Schaff«. Ein kostbare» Gescheick, eine un­schätzbare Gabe, ein großer Treffer in bet Lebens­lotterie. Greif zu mit beiden Hänb«, greff zu mit Dankbarkeit und mit frohem Mut! Es kann noch alles gut werdm, und es wird noch gut werden, toeiu» du nur mit gutem Willen das Eisen schmiedest, das dir der Himmel beschert hat.

Wie soll man Neujahr feiern? Die Frage tourte einmal in einer Gesellschaft erörtert, unb nachdem mehrere hochgebildete Herr« und Damm tiessmnige und feine Neujahrsgedanken gewechselt hatten, sagte ein derber Graubart: Zu Nmjahr soll man sich ta die Hände spucken! Da» Hingt nicht ästhetisch und auch nicht hygienisch einwandftei. Aber es war ja auch nur bildlich gemeint. Wie tee Arbeiter, wmn sie einmal recht kräftig ihre Hände gebrauch« wol­lm, sich erst auf ben» einfachst« Wege die förderliche Anfeuchtung verschaffen so sollte jeder Mmfch sich zu Beginn des neuen Jahres in Bereitschaft stellen zu einer forschen TättAeit in seinem Berufe.

Arbeit, Arbeit — ist den» das ein vergnügliches Neujahrsprogramm? Ich denke doch; dem» im Grünte genommm gibt «S mir zwei wirkliche und wahrhaftige Vergnügrmgcn auf der Welt. Die tlnt Quelle 6er Freud« ist die fleißige unb fruchtbare Arbeit, das be- seligmde Bewußtsein: Jetzt hast du mit dein« Hirn- und Hattbkrästm etwas Nützliche» unb Schönes ze- schasftnl Das Werk lobt nicht bloß den Meister, son. dern e» beglückt ihn auch Da» könnte man Vater. freute nennen. Die zweite Quelle gibt eine sanft« Freude von mehr mütterlicher Natur. Das ist die Wohltättgkeit. Jedes Werk ter Barmherzigkeit, der RLHstenliete, der Freundlichkeit gegen einen Mitmenschen bringt Glück und Friebm in unser Herz.

Wllst du dir eta glücksüiges neues Jahr ver- schaff«, so schöpfe aus beiten Quellm: Sei treu und fleißig in deiner Werkstatt, sei gemütlich unJ hilfsbereit im Verkehr mit be« Genossen auf der in­dischen Pilgerfahrt.

Rur Mut! Bei gutem Willen schlagen wir un­ganz gut durch ba» Leben hindurch — bis zu dem groß« Rmjahr am jüngst« Tage!