Jß 298.
Sontttog 50. vezeinber (OH. ’ w 58. Jahrgang.
Tuldaer
Leitung
3. Blatt.
Vruck und Verlag der Zuldaer »etleudruckerel in Znlda.
** Das Jahr 1911»
Das auffälligste Kennzeichen des vergangenen Jahres 1911 war die außerordentliche Schwüle in den Sommermonaten; zugleich «ine meteorologische und eine politische Schwüle. In die Hitz- Periode fiel auch Ne Spannung zwischen England und Deutschland, die denAusbruch eines Kriegsgewitters ernstlich be?ürchten ließ.
Das ungewöhnliche Wetter war nicht bloß symbolisch für die hohe Politik, sondern hatte auch einen merklichen Einfluß auf die innere Entwickelung im deutschen Reiche; denn die Dürre führte zur Teuerung, und die Teuerung wurde von den rastlosen und skrupellosen Agitatoren der Linken nach Kräften ausgebeutet, um die Unzufriedenheit zu steigern und das Volk weiterhin auszuhetzen gegen die Regierung, die Agrarier und das Zentrum, denen man die Schuld an Sonnenbrand, Regenmangel, Futternot and Gemüseknappheit in die ,blauschwarzen" Schuhe schieben "wollte.
Der Mittag des Jahres 1911 ließ sich bedrohlich an, der Abend gestaltete sich aber bester. Man kann in der Tat das Jahr 1911 an seinem Abend loben; denn es hat trotz alledem den auswärtigen Frieden uns gelassen und die Rückkehr zum inneren Frieden gefördert.
Ter Völkersriede wurde nicht bloß durch die marokkanische Krisis gefährdet, sondern auch durch den italienischen Vorstoß gegen Tripolis, durch die russische Einmischung in Nordpersien und durch den Gärungsprozeß in dem chinesischen Riesenbottich. Die drei letzteren Gefahrenquellen hat das Jahr 1911 noch nicht verstopfen können; doch brennen uns diese Feuerchen nicht auf dem Nagel. Der nächstliegende italienisch-türkische Konflikt hat bisher die Ruhe aus dem Balkan nicht gestört und scheint sich im nordafrikanischen Wüsstn- sande abspielen zu wollen. Was uns unmittelbar bedrohte, der leidige Marokkohandcl mit seinem englischen Ein chlag, ist vor Jahresschluß glücklich ausgeräumt worden. Tas Kiderlen-Cambon'fche Abkommen wurde zunächst mit Zweifeln und Widerwillen ausgenommen, vermochte sich aber allmählich in die öffentliche Meinung durchzusetzen und wird jetzt mit Befriedigung betrachtet als eine vorteilhafte Verminderung der Reibungsflächen zwischen Deutschland und Frankreich. In unseren Beziehungen zu England ist freilich keine Befferung ein« getreten, sondern eher ein Rückschlag; doch darf man die Klärung als eine bittere, aber heilsame Medizin betrachten. Wir wissen jetzt, was wir von der englischen Eifersucht zu gewärtigen haben, und die verstäntigen Elemente jenseits des Kanals haben erkannt, wohin die fortgefetzte Feindseligkeit gegen Deutschland schließlich führen würde. Die größte Beruhigung für uns liegt in der Erfahrung, daß der Respekt vor der deutschen Wehrkraft stark"genug war, um auch den bösesten Willen im entscheidenden Augenblick zum Verzicht auf das vorbereitele Unternehmen zu zwingen. Schön ist es ja nicht, daß die verlockende Idee des schiedsgerichtlich gesicherten unbewaffneten Friedens au der Sandbank der britischen Anmaßung stranden mußte und das Wrack von der Woge des italienischen Größenwahns vollends forl- gespult wurde. Aber gut ist es, wenn man von gefährlichen Illusionen rechtzeitig befreit wird.
Tas Ansehen der Bethmaunhchen Regierung ist zweifellos durch ihre tüchtige Leistung in "der auswärtigen Politik beträchtlich gehoben worden. Bezeichnenderweise hatte die Regierung erst lauge gewartet, ehe sie über ihre eigenen Verdienste öffentliche Auftlärung gab. Noch länger dauerte es, bis die Regierung sich entschloß, über die gute« Wir- tun gen der Reichsfinanzreform ein klares und kräftiges Wort von amtlicher Stelle zu sprechen. Die Beleuchtung der sehr günstigen Finanzlage kam erst kurz vor Toresschluß; aber sie wird doch hoffentlich den seit mehr als zwei Jahren tätigen Verleumdern uni> Hetzer« noch etliche Opfer wieder abjagen.
In Zusammenhang mit der günstigen Entwick- lung der Finanzen steht der fortdauernde Aufschwung von Handel und Wandel, die Blüte der deutschen Erwerbstätigkeit, welche der Masse des Volkes ein gutes Arbeitseinkommen sichert. Die guten Einnahmen bilden das letzte Gegengewicht gegen die Steigerung der Ausgaben, die durch die Teuerung herbeigeführt wird. Da sich überdies die Preis- > । ।
steigeruug für die Lebensmittel in engerem Maße gehalten hat, als man zuerst befürchtete, so darf man wohl annehmen, daß die durch die wirtschaftlichen Verhältnisse genährte Unzufriedenheit zu- sammenschrumpst.
Weiterhin wirkt zur Aufklärung der Wähler und zur Beruhigung der Gemüter die imposante Fruchtbarkeit der Gesetzgebung im letzten Jahr. Sowohl die Regierung als die pofitiven Parteien dürfen mit Genugtuung und Hoffnung namentlich aus die letzte kurze Tagung des Reichstags zurückblicken. Das geltende System, dem die Großblock- polltiker ein vernichtendes V lksgericht zum 12. Januar androhen, kann den urteilsfähigen Wählern zurufen: An meinen Früchten sollt ihr mich erkennen.
Erfreulich ist auchznoch die Ausräumung des kon- feffionellen und kulturkämpferischen Hetzstoffes, den die Liberalen au? dem Motu proprio Quantavis zu schöpfen gedachten. Der Hl. Stuhl hat mit der amtlichen Erklärung der Richtberührung Deutschlands durch diese Verfügung der friedlichen Entwicklung unserer Politik und damit auch unserer Regierung einen großen Dienst erwiesen.
Das Ende des Jahres ist nicht wolkenlos, aber der politische Himmel ist doch in der Aufklärung begriffen. Die positiven Parteien dürfen mit erhobenem Haupte in das Wahljahr hineingehen. Viel Arbeit wird es kosten, es scheint jedoch, daß sie sich lohnen wird.
Ausland.
** Der Kampf um die Schule in Frankreich. Die Blockpresse stellt wutentbrannt an ber Hand der ,Bifern des Unterrichtsministeriums fest, baß die Strömung in Frankreich entschiebcn gegen die Staaisschuke und für die katholische Privatschule sei, die weit größere Forffchritte mache als die erstere. In dm Staatsschulen befinden sich 4135 886, in den freien Schulen 960 712 Schüler. Von einem Schuljahre zum andern haben die Staatsschulen 71367, feie freien Schulen 36 963 Schüler Zuwachs erhalten. Der Staat baute 222 neue Schulhäuser, die Katholiken 130. Die öffentlichen Schulen nahmen also um 3 Prozent, die privaten um 9 Prozent zu, die Zahl der Schüler bei den ersteren stieg um 17, bei den letzteren jedoch um 28 auf je Tausend.
** Die amerikanischen Trusts haben bereits einen Zwölftel des. Nationalvermögens der Vereinigten Staaten in Händen und noch immer dehnen sie sich, trotz der Antitrust-Politik des Präsidenten Taft weiter aus. Der Fleifchtruft legt jetzt seine Hand auch auf Brasilien. Nach einer Meldung der „Newyork Times" aus Washington haben sich amerikanische und kanadische Kapitalisten vereinigt, um in Brasilien ein großes Rindfleisch-Produktions- Unternehmen für die Ausfuhr nach Europa zu gründe»; sie sollen sich bereits neun Millionen Acres (11 Millionen Morgen) Weideland gesichert haben.
Ans dem Aachbürgsbrete.
's? Tammeisbach, 27. Dez 1911. Schön und erhebens verlief die Christ da um-Feier a n ersten WeihnachtZtage in unserer Gemeinde. Durch die Mt - wirtung des hochw. P. Beda vom Frauenberge u d mtferes verehrten Herrn Lehrers hat eit die Schulkinder eine kleine Krippen-Vvrstrllniig gegeben, welche ebenso wie die Gedichte und Gechitge große Befriedigung und Freude hervorrief.
* Gemünden, 28. Dez. 1911. Heute nachmittag touröe der Bahnarbeiter Wilhelm Kraft von San« <Mprozelten in der Station Gemünden von der Lokomotive des einfahrendm Hammelburger Lokalbahn- zuge-s über fahren und so schwer verletzt, daß er nach kurzer Zeit verstarb
* Oppenheim, 28. Dez. 1911. Der Weinh->dler Hermann Schober von hier ist seit einigen Tagen flüchtig, lieber sein Vermögen wurde der Ko n- kur s verhängt. Mannheimer Geschäftsleute verlieren allein an ihm zirka 100 000 Mack, eine Wiesbadener Firma ist um 200 000 Mack geschädigt, ein Weinkommissionär in Worms um 10 000 Mark. Nach dem „Mainzer Anzeiger" soll sich Schober, der für mehrere 100 000 Mack Wechsel gefälscht hat, am Samstag abenk) im Eisenbahnzug bei Straßburg, als man ihn verhaften wollte, erschossen haben.
Amt Geisa und Umgebung.
Geisa, 29. Dez. 1911. Vom 1. Januar an wird der Zug 1032 Geisa • Salzungen (ab Geisa 5 Uhr 10 Min. norm.) zur Beförderung von gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefen, sowie von gewöhnlichen Paketen benutzt. Die Briefkastenleerung in der Stadt erfolgt am vorher- gehmden Abend um 9 Uhr. Die Schlußzeit am Postamt« ist um 9 Uhr 20 Min. abends. An Montagen und an Tagen nach Feiertagen fällt die Benutzung deS Zuges aus.
(?) Geisa, 29. Dez. 1911. Bet ber Bohrung nach Kali in ber Flur Kranlucken erschloß man eine Quelle, welche die vor Jahren am Rothofe zu unserer Wasserleitung angekaufte an Mächtigkeit fast übertrifft. Da nun unsere Quelle schon vielmal, besonders biejen Sommer nicht genügend Waffer lieferte, so sollte man in Erwägung ziehen, ob es nicht ratsam ist, die neuerbohrte Quelle zu erwerben und an unsere Leitung anzuschließen. Die Anschlußstrecke würde kaum einen Kilometer betragen.
♦ Unterbreizbach, 29. Dez. 1911. Am heutigen Tage sind die ersten Spatenstiche zu den zwei neuen Kaliwerken, welche von ber Ge- weckschast Sachsen-Weimar errichtet werden, gemacht toorben. Die Schachtanlagen werden in unmittelbarer Nähe der Räsaermühle in einem Abstand von ca. 200 Metern errichtet und sollen zu gleicher Zeit nSgcteuft werden, auch sollen die Arbeiten mit aller Energie betrieben werden.
* Aus Thüringen, 29. Dez. 1911. Der Großherzog hat die Ehrenmitgliedschast des Wintersportvereins Ilmenau angenommen. — Ein Sok- dat des Eisenacher Infanterie-Bataillons hat bie Flucht ergriffen, nachdem er seiner Mutter mittelst Einbruch ein Sparkassenbuch entwenbei hat. — In Naumburg starb ein Student cm den Folgen einer Fischvergiftung. — Das Goethe-Sch iller-Archiv in Weimar hat den ganzen dichterischen Nachlaß Viktor Scheffels sowie eine Sammlung von Scheffels Handzeichnunam als Geschenk von dem ältesten Sohn bes Dickters erhalten. — Zwei Fechtbrüder mürben in Eisenach wegen ihres frechen Benehmens von einem Klempnermeister abgewiesen. Aus Wut darüber griff der eine der Bettler zum Messer und stieß es dem Meister zweimal in »die Brust,
Ans Gberhefsen u. den Hess. Aemtern.
* Marburg, 29. Dez. 1911. Der heutige Neu' jahrsmarkt war trotz der schlechten Witterung gut besucht. — Infolge des anhaltenden Regens der letzten Tage ist die Lahn an vielen Stellen aus den Ufern getreten und überflutet die tiefer liegenden Aecker und Wiesen.
* Kirchhain, 29. Dez. 1911. Verliehen wurde dem renfionierten Postschaffner Georg Roth zu Kirchhain das Allgemeine Ehrenzeichen. — Während der Obstreifezeit im verflossenen Herbst hatten etliche mit Früchten bchangene Aepfelbäume in den städtischen Obstanlagen frische Blüten angcsetzt, welche sich jetzt zu haselnußgroßeu Fruchten entwickelt haben und zur Bereitung van Gelee verwandt worden sind. Es ist »dies gewiß eine große Seltenheit, zweimal int Jahre von einem Baume Früchte zu ernten.
* Franlenberg, 28. Dez. 1911. Am 27. b. M. feierten die Eheleute Rentner Georg Hausmann im nahen Wetter i. H. ihre golbene Hochzeit in voller körperlicher und geistiger Frische.
* Treysa, 28. Dez. 1911. Begünstigt vom schönsten Wetter fanb heute ber hiesige Scherz markt statt, der bei ber Schwälmer Jugenb als Volksfest gilt, zu dem aber auch viele andere Besucher an's den umliegenden Dörfern und Städtchen kommen.
vermischtes.
** Erholungsstätten für Kolonialbeamte sollen in 'den Kolonien an für Europäer günstig gelegenen Punzen errichtet werden» Durch die Errichtung solcher „Sanatorien" hofft die Kolonialvcrwaltung finanzielle Ersparnisse zu machen, da die Erholungsreisen der Beamten in Zukimft eingeschränkt werden können.
* In seinem Hause ermordet und beraubt wurde der Müllermeistcr Treichte in EiSleben bei Halle
Kleines Feuilleton
— Humor im Hause. Es ist immer etwas Schö- lus, in einen heiteren Kreis von Menschen zu treten; da fühlt sich selbst der Pessitnist ganz wohlig, obschon jr es nicht offenbart. Fröhliche Menschen ziehen gleich einem Magnete» andere Menschen an, die Lachmuskeln kommen in Bewegung, ein Mincnspiel beginnt und das ganze Gemüt wird von feinen kleinlichen Sorgen und Gedanken abgelenkt. Ist aber das Gemüt möglichst wolkenfrei und sonnig, so wild auch her Physische Widerstand gekräftigt und dadurch die GJnnbheit des Körpers erhöht. Schon der große Philosoph Kant wußte viel über »Die Macht des Ge- tzlütes" zu sagen, schrieb et ihr doch sogar notorische Heilkräfte zu! Welch wichtiger Faktor ist demnach der Humor im Hause! Er strahlt in alle Herzen «nein und laßt alles vergeffen, was traurig macht. Und erst die Kinder! Sie wollen den Humor nicht »ntbehren, weil sie ihn nicht entbehren können. Ihr Gesichtskreis reicht kaum übler Hof und Garten hinaus, ihr Köpfchen wird noch nicht von quälenden Ge- dmiren durchzogen, die Zukunft liegt ihnen zu fern, fie leben dem Augenblicke. Und doch Begreifen sie es sehr wohl, wenn Vater und Mutter an ihrer besonderen Art der Humors tellnehmon, bentr geteilte Freube ist hoppelte Freude, unb nichts gilt ihnen höher, als burch ihr Lächeln auch Vater unb Mutter mit fortzureißen vom Emst bes Lebens, mit hineinzuführen in chre Gebankenwelt, in ihr Fühlen unb Empfinden. So finb bie Kinder bie Lehrmeister ber Eltern! Wohl bem Hanse, in dem Humor herrscht! Aber er muh aus der Tiefe des Wesens kommen. Dann wird man nicht immer nur Schatten seheq, nicht immer nur Bitteres kosten, dann wirb man die Sömge so zu nehmen wisse», tote sie nun einmal sind. Dann wirb man an seine lieben Nächsten nicht immer den Maßstab strenger Kritik ober eigener Tugentchaf- jigleit anlegen, sondern man toirb auch bie Menschen
verstehen suchen und so vor Enttäuschungen ae- wahrt bleiben. Dann wirb man allezeit objekÜv sein, nicht also sein eigenes Fühlen. seine eigene Person
in ben Vorbergrunb brängen, „mit Humor" wirb man über alle Steine hinweggehen, und allem, was vor bie Augen kommt, eine „humoristische Seile" abzugewinnen vermögen! Das finb so einige Vorteile bes Humors hn Hause. Auch bet der Kinbererziehuug selbst ist ber Humor von größtem Werte, er wirkt wahre Wunder und macht die Rute überflüssig wie jede Auftegung seitens des Erziehers. Selbst der Trotzkopf lenkt ein, wenn er ausgelacht wird, und auch der Flatterhafte und Träge mag nicht leiden, wenn man sich über ihn lustig macht; sein Stolz bäumt sich auf und sucht weitere Angriffsgelegenheiten für schelmische Neckereien zu vermeiden. Und die Estern selbst — wie oft gibfs hier Meinungsverschie' denheiten, die zu spitzen, schmerzenden Bemerkungen führen und den Friesen des Hauses gefährdm! Auch Mann und Frau sollten aller und jedes aus dem Gesichtspunkt eines soimigen Humors betrachten, wenn sie mal in Differenzen geraten. Dann sind die Wolken schnell zerteilt und das Herz und die Liebe bleibt jugendfrisch bis ins Alter hinein — wahrlich auch zum Segen der Kinder! -sk.
— Was es kostet, Lord-Mayor z« sein. Lord Mayor, d. h. Bürgermeister von London zu sein, mft dem dafür ausgesetzten Jahresgehalt von 10 000 Pfd. St., d. i. 200 000 Mk. und allen damft verbundenen Repräseniationspflichten gerecht zu werden, bedeutet em Problem, das aus den Grundlagen von Adam Rieses Kunst nicht zu lösen ist. Auch die offiziellen Behörden haben sich über dieses finanzielle Rätsel schon den Kopf zerbrochen, wenngleich es ja offenes Geheimnis ist, daß jemand, der über kein eigenes Bermögen verfügt, und wäre es der befähigteste Kopf, ebe« nicht Lord-Mayor von London weroen kann. I» einer der letzten Sitzungen des Londoner Stadtrates kam man auf eine dtes- bezügliche Jnterpellatio« überein, wenn möglich hier Verbesserung« und Kenterungen eintreten zu lassen, bte das Budget des Lorb-Mahors in einer nm der Würde feine» Amtes zu vereinbarenden Form etwas erleichtern. Sir William Treloar, der im Jahre 1906 das Amt des Lord-Mayors von London bekleidete, toartete einem AeitungSmanne
mit interessanten Ziffern aus dem Etat eines solchen auf. Er sagte u. a., daß es nichts Ungewöhnliches sei, wenn ein Lord-Mayor 400—600 000 Mk. mehr ausgebe, als sein Gehalt beträgt. Es sei so gut wie unmöglich, mit den ausgesetzten 10 000 Pfd. St. auszukoinmen. Einige Hauptposten aus feinem Budget sind die folgenden: Die Lord-Mayors Show (der bekannte, am Tage der offiziellen Ernennung stattfindende Umzug), sowie das Bankett am Abend, wovon der Lord-Mayor die Hälfte der Kosten bestreitet, 2000 Pfd. St.; zirka 8 bis 10 offizielle Diners im Mansion Haus 4500 Pfd. St.; Privat- Diner und Lunch-Einladuugen im Freundeskreise 2500 Pfd. St.; Bälle im Mansion Haus 1200 Pfd. St. Natürlich, fügte ber Ex-Lord-Mayor hinzu, gibt es da keine Grenze; diese Ausgaben hängen von den Neigungen und Bedürfnissen und Vermögens- verhältniffen jedes einzeln ab. Hinzurechnen als unumgänglich muß man noch die Spesen für die Sekretärgchälter, die Dienerlöhne, die bei den 40 bis 50 Bedienten im Mansion Haus keine Kleinigkeit sind, ferner die Pferd- und Wagen-Unterhaltungskosten, ganz abgesehen von der luxuriösen offiziellen Staatskutsche. Große Ansprüche werden auch an den Wohltätigkestsfonds des Lord-Mayors gestellt. Das allerdings recht ehrenvolle Amt eines Lord- Mayors von London verursacht einen Kostenaufwand von zirka 40 000 Pfd. St. — 800 000 Mark.
— Wie schützt man sich vor Tuberkulose? Rund 100 000 Menschen fallen in Deutfchland jährlich dieser verheerenden Krankheit zum Opfer. Im Blick darauf ist obige Frage für jedermann von größter Wichtigkeit. Dr. med. Sopp, Frankfurt a. M., äußerte sich zu ihr (in einem Vortrage) folgendermaßen: „Da wir auch bei größter Vorsicht eS nie werden ganz vermeiden können, daß wir gelegentlich Tuberkelbazillen einatmen oder schlucken, so gilt es, den Körper möglichst widerstandsfähig gegen das Edmisten der Tuberkelbazillen zu machm. Die Er» fabrmrg hat nämlich gelehrt, daß Menschen mst einer gesunden und kräftigen Körperkonstitution bei glei- cher Infektionsgefahr viel seltener an Tuberkulose erkranken als schwächliche und durch ungünstige Le
a. S. Der Mord wurde erst nach mehreren Tagen entdeckt. ®ie Pferde im Stalle warm schon halb verhungert.
• RahrungSmittelverglstung? Der Baumspektar Schwartz in Duisburg wurde am Freitag früh schwer krank, seine Frau tot in ihrem Bett aufgefunden. ES liegt, tote es scheint, eine Nahrungsmittel- Vergiftung vor. Man hofft, daß bet Mann am Lebe» erhalten werden kann.
* Ein neuer Landesverratsprozeß ist in Schwerin eröffnet toorben gegen ben Kaufmann Karl Hol st, der bereits seit einigen Monaten im Kieler Untersuchungsgefängnis in Haft sitzt. Die Anklageschrift beschuldigt Holst, daß er mit verschiedenen ausländischen Agenten in Verbindung gestanden habe.
* Ei« seltsames Abenteuer hat bei Orvieto in Italien eine Gräfin bestehen müssen. Seit 'Mittwoch abend war die Gräfin Cahen aus ihrer Villa bei Orvieto spurlos verschwunden. Da ihr Mann vor einiger Zeit von Räubern ausgeplündert worden ist, fürchtete man, daß die Gräfin von Ver- Brechern gefangen gehalten werde, um ein Lösegeld zu erpressen. Leute von Allerona bei Orvieto durchsuchten die ganze Nacht mit Fackeln den umliegenden Wald. Ein Schuhmacher fand endlich in einer Höhle hinter einem Dornengestrüpp die halb ohnmächtige Gräfin. Als sie sich etwas von ihrem Schreck erholt hatte, erzählte sie, sie sei abends bei einem Spaziergang von Räubern in den Wald und in die Hohle geschleppt worden. Weiteres wisse sie nicht. Von den Tätern wurde bisher keine Spur gesunden.
* Ei» „fürstlicher" Spielgetoin«. Der spanische Thronprätendent Don Jaime gewann im Trente-et> Quarante-Spiel in Monte Carlo 400000 Mk. Der Prinz war mit 80 000 Mk. aus Cannes angekommen und fetzte sich zum Spiele nieder. Im Verlaufe von einer Stunde gewann er 320 000 Mk. Als er am zweiten Tage abermals dem Spiele huldigte, gewann er weitere 80 000 Mk. Mit einem Gewinn von 400 000 Mk. verließ der Prinz Atonie Carlo und fuhr nach San Remo.
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bensbedinguugen geschwächte Menschen. Hier gilt bie Theorie vorn Kampf zwischen Krankheitserreger unb Körper bes Menschen. Hier gilt auch, wie bei ben meisten Krankheiten, ber Satz: „Verhüten ist leichter als heilen." Unter ben Schädlichkeiten, deren Ausschaltung ein nicht zu unterschätzendes Mistel int Kampf gegen die Tuberkulose darstellt, ist unstreitig eine der hervorragerchsten der Mißbrauch des Alkohols. Ich will nicht bloß davon reden, daß ausgesprochene Trinker in großer Zahl infolge der allgemeinen Schwächung ihres Körpers schließlich der Tuberkulose erliegen; französische Aerzte behaupten, 90 Prozent aller Schwindsüchtigen seien Säufer gewesen. Wichtiger ist noch die Tatsache, daß so viele noch lange nicht als ausgesprochene Trinker zu bezeichnende Menschen durch regelmäßigen Alkoholge- nuß ihre Gesundheft allmählich untergraben, daß sie der überall sich Bietenöcn Gefahr der Tuberkulose schließlich erliegen. 5mg.
— Der Name „Pfefferkuchen". Es hat gewiß schon mancher sich gefragt, wie es kommt, daß das schmackhafte Gebäck, dem man diesen Namen gab, unb bas keine Spur von Pfeffer enrhäli, bennoch „Pfefferkuchen" heißt. Der Ausdruck stammt noch aus 'dem Mittelalter. Pfeffer nannte man in früherer Zeit nicht ein einzelnes Gewürz, wie heute, sondern Gewürze überhaupt, wie solche namentlich durch Fugger in Augsburg von Indien nach Deutschland gebracht wurden. Pfefferkuchen bedeutet also eigentlich „Gewürzkuchen". Man spricht ja vielfach mich von einem „Pfefferlande". Ist der Liebste eines Mädchens noch im Pfefferlanbe, so will man damit andeuten, daß er sich in weiter Feme befindet, daß er noch gar nicht so bald kommt. Und wünscht man jemand ins Pfefferland, so wünscht man ihm eigentlich, entgegen der Absicht, in eine sonst recht angenehme Gegend, aber doch in eine weit von uns entfernte. vs.
— Genügsam. Berschutveler junger Mann: „WaS mich freut, ist, daß man immer noch Hoffnungen auf m:ch setzt — der Gerichtsvollzieher kommt alle Monate Nachschau'» — ob ich's nicht zu wa» Pjäüd- barem gebracht Habel"