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JVo 297.

Freitag 29. Dezember 19tl

58. Jahrgang.

« fuldaer M Zeitung

Vr«k Httb v«rlag der Zu Ido er SttlendruSrrei i« Zulda.

Ausland.

* Die Arbeiterkrise in England. Gestern begann, nachdem all: Verhandlungen sich zerschlagen haben, die Aussperrung der 160 000 Baumwollweb er in Lancashire. Di« Lage ist sehr ernst In wend- gen Tagen werdm auch die Spimrereien schließen müssen, wodurch die Zahl der von der Aussperrung Betmffenen die gewaltige Höhe von mehr als 300000 erreicht. Der Kampf dürfte sehr erbittert werden. Die Arbeitgeber sind fest entschlossen, geeint vorzugehen uns die Zumutung zurückzuweisen, Leute nur aus dem Enind zu entlasten, weil sie sich gewei­gert haben, dem Verband der Weber beizutreten, der im übrigen längst anerkannt ist und eine eingehende Kontrolle über die Beziehungen von Arbeitgebern und Arbeitnedmern auszuüben vermag. Die Geld­mittel des Weberverbandes sind übrigens trotz der großen Mitgliederzahl nur schwach, weil die meisten erst kürzlich eingetreten sind. Die von der Aussper­rung hauptsächlich betroffenen Distrikte sind Roife- und Nord-Ost-Lancashire, mit den Zentren Blackburn und Burnley.

* Thronrede in Javnn. Gestern eröffnete der Kaiser von Japan das Parlament mit einer Thron­rede, in der er aus die zunehmenden freundschaftlichen Gesnmungen zwischen Japan und den anderen Mäch­ten hinwios und seine hohe Genugtuung über die Er­neuerung des Vertrages mit England ausdrücktc.

2lus Kirche und Schule.

* Zentralausschuß der deutschen Vincenzkonfe- renzen. Am 5. Dezember d. I. hat sich in Köln in einer Sitzung des Kölner Diözesanrates der Vin- cenzvereine der Arbeitsausschuß des Zentralaus- schuffes der deutschen Vincenzkonferenzen endgültig gebildet. Als berufsmäßiger Generalsekretär für die Vincenzvereine Deutschlands wurde Kaplan Dr. Löhr (Wohnung Köln a. Rh., Columbastr. 4) er­nannt. An diese Adresse wolle man alle geschäft­lichen Anfragen und Zuschriften richten. So ist nach langen schwierigen Verhandlungen eine Organisation zum Abschluß gelangt, die hoffentlich von weittra­gendster Bedeutung für die Vincenzsache in Deutsch­land sein wird.

Aus Liamvaraeolere.

* Hersfeld, 29. Dez 1911. In Gethsemane stieß das Kind eines Bergmanns die Kaffee­kanne um, so daß sich deren heißer Inhalt über das daneben sitzende 4s^jährige Schwesterchen ergoß. Trotz der sofortigen sachgemäßen Behandlung konnte das kleine Wesen nicht mehr dem Leben erhallen werden.

* Herborn, 26. Dez. 1911. Ein an der hiesigen Realschule angestellter Elementarlehrer war bei der letzten Stadtverordnetenwahl in die Stichwahl gekommen. Die auf ihn gefallenen Stimmen wurden jedoch für ungültig erklärt, weil ejn Elementarlehrer nicht wählbar sei. Die Sache soll nun weiter verfolgt werden, da der betreffende Leh­rer nicht an einer Volksschule tätig ist. Wir haben in unferm Bezirk schon einen ähnlichen Fall gehabt. In Frankfurt-Preungesheim hat der Bezirksausschuß die Wahl eines Lehrers für gültig erklärt, da er nicht an der Volksschule, sondern an einer höheren Schule tätig ist. Danach ist also für dir Wählbarkeit der Lehrer der Charakter der Schule, an der sie wirken, entscheidend.

* Offenbach a. M., 27. Dez. 1911. Die Ver­staatlichung der hiesigen Polizei soll demnächst erfolgen. Im neuen hessischen Staatsvor- anschlag für 1912 ist schon für das Polizeiamt Offen­bach ein Berrag von 9316 Mk. eingesetzt worden. In einer Erläuterung zu diesem neuen Ausgabeposten wird u. a. gesagt, daß das „in Weiten Kreisen Offen­bachs geteilte dringende Verlangen nach einer Ver­staatlichung umso begründeter erscheine, als die Of­fenbacher Polizei schweren Störungen der öffenrlichen Ruhe und Ordnung gegenüber nahezu völlig versagt habe." Dies sei mit darauf zurückzuführen, daß „nach der derzeitigm Organisation der Vorstano der Poli- aeiverwaltung dem Bürgermeister untergeordnet fei, der seinerseits wieder von den wechselnden Strö­

mungen der Stadtverordnetenversammlung abhän' gig sei." (In Fulda wird man diesen Ausführurr- gen einige Beachtung schenken dürfen. Hier sollte brkanntlich vor drei Jahren umgekehrt wie jetzt in Offenbach, die staatliche Polizei in städtische Polizei umgewavvelt werden. Rur das Eingreifen unseres Rcichsiagsabg. R. Müller hat damals im letzten Augenblick diese Umwandlung, die vor allem auch den stästischen Etat schwer belastet haben würde, hintan­gehalten. D. Red.)

Amt Geisa und Umgehung.

* Geisa, 28. Dez. 1911. Die Vereinigung S.' Weimar-Eisenach zu Berlin hat dem Großherzogi Bezirksdireklor 50 Mark zur Verteilung an arme Kinder der Orte Dermbach, Kaltennordheim und Geisa zu Weihnachten überreicht. Die Beträge werden durch Vermittelung der betr. Ortsfrauen­vereine tur Verteilung gelangen.

♦ Bacha, 28. Dez. 1911. Der Frau Berta Dchröde'- geb. Rohland, hier, die seit oem Jahre 1865 als Wirtschafterin im hiess,-en Hasvital täiiq war itih diese Tätigten mit Rücksicht auf ihr tuckes Alter rtt Ende dieses Jahres aufgibt, wurde «rn Ihrer Kö>. g! Hoheit der Fraa Großhencgin in Anerkennung dieser langjährigen treuen Dienstzeit ein Ehrendiplom verliehen.

* Stadtlcngspl», 28. Tez. 1911. Am zweiten Feiertag feierte das Johann Adam Loefer'sche Ehe­paar das fel en« Fest der goldenen Hochzeit.

* Wiesenthal, 27. Dez. 1911. Eine schöne Weih- nachtsfreud« wurde den Wiefentdalern dadurch euteil, daß das elektrische Licht leitens der Ueberlandzcntrale Dermbach (Inh. R. Diei) am Sonntag rum ersten Male brannte. In Wiesenthal smo ca 80 Anschlüsse beroeftei-t wo deo.

* Tiefenort» 28. Dez. 1911. Die -Gewerkschaft Kaiseroda wird für das 4. Quartal o. I. m die am 31. Dezember er. in das Gewerkenbuch einge­tragenen Gewerken eine Ausbeute von 200 Mark pro Kux verteilen, sodaß in diesem Jahre eine Ge­samtausbeute von 700 Mark zur Verteilung gelangt.

* Bus Thiftingkn, 28. Dez. 1911, 'Der StiUhUei Reinhard von Sonneberg turn'e von seinen eigenen schcugewordenen Pferden so schwer zu- aerichtet, daß er nach futter Zeit starb. — In Oberlind wurde der Einwohner Mäver von dem Einwohner Ehrlicher im Verlaufe cines Streite? der wegen eines Schneeballwurfes entstanden war, durch einen Messerstich in die Lunge so schwer ver­letzt, daß an feinem Auskommen gezweifelt wird.

Aus Gberhesien u- den Hess Aemlern

* Roth fSr. Marburg), 28. Der. 1911. Gestern abend wurde der Zimmermeister Linker von hier, der einen bei ihm zu Besuch weitenden Verwandten ein Stück des Weges begleitet hatte, zwischen Wolfs- Hansen und hier überfallen und so schwer ver­letzt, daß man ihn nach Mae bürg in die Klinik bringen mußie.

(?) RredcrU in, 28 Der. 1911. Die i.sführun > des Dramas „Des Ko te-liu 'es S-eg im Wovau-- Hain" durch d°e hiest'e Jün-lingSlo-ar» :<r ou hüte einen üterratck.enden Ec-otg. Die nächste und l tz'e Aufführung findet nickt tn'e ge-i eldet a n 31. Dr>. sondern Neujahr abends 7 il >r fla t.

# Bmvnedu g, 28. Irr. 19! 1. Man schreibt uns von hier: Die ,Fuldaer Zeitung" ha! sich unter der SLihril: Zur Wahl emegung iu zwei Nummern mit Awönebnrt beschäftigt und zwar in einer ®e; e, w l l.e eine ss! ch'igstellung er­fordert. Es soll zunächst nicht destrnten werden, daß in dem Gesellenverein Unrulrägl chkeiien aus­getreten sind. Dieselben betreffen n >r einzeln: Persönlichkeiten. Dabei kommen imriiucribar un­schöne Einfiüffe auch von außeir in Betracht, und sehr schöne Beispiele, we che gegeben worden sind. Für gute Lek fite ist geiorgt, in sein die ..Fuldaer Zeitung", der „Bonisalmsbote", das .Kolpingsblatl" und der .Sendbote" atifiiegcn. Was die weiteren Ausführungen anlangen, so n ögen si h die beiden Artikelschrecher beruhigen. Ter richtige kirchliche und politische Standpunkt wird hier, wie seither, auch für die Folge gewahrt werden, und wird es auch an den nöligen Aufklärungen nicht fehlen.

* Fritzlar, 28. Dez. 1911. Drei hier in Stellung befindliche Dienstmädchen erhielten auf Grund zehn­jäh r i g er Dienste bei einer Herrschaft vom Kreisausschuß des Kreises Fritzlar ein schönes Di­plom und ein Sparkassenbuch mit einer Einlage im Betrage von 10 Mark. — Die Lotterie des 4 8. Fr itzlarer P fe r d em a r k t e z für das Jahr 1912 ist genehmigt. Die Verlosung findet am 11. Juli, nachmittags 2 Uhr statt. — Dre Eoer führt Hochwasser und ist über die Ufer getreten. Dre in der Nähe gelegenen Gärten sind sämtlich unter Wasser geletzt. Auch in ihrem Oberlauf ist die Eder aus dem Flußbett getreten.

vermischtes.

* Blutiger Ausgang eines Konzerts. In der Nacht zum Montag geriet eine in einer Wirtschaft in St. Ingbert in der Pfalz gastierende Tiroler S äu- gergefellschaft mit Gästen, die das Konzert störten, in Streit. In dessen Verlauf gab der Glas­macher Weil acht Schüsse auf die Truppe ab, wo­durch ein Mitglied g e t ö t e t, ein zweites schwer, ein drittes leicht verletzt wuwe

* Verwegene Flucht eines Sträflings. Der Gru­

benarbeiter Herzog, der vor einigen Tagen wegen verschiedener Einbrüche in Rhbnik zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, ist in bcr Sonntag­nacht aus dem Gefängnis in Zabrze ausgebrochen. Am Samstag harte er bereits auszubrechen versucht, doch war fein Vorhaben bemerkt worden. Man legte Herzog Fesseln an. Samstag nackt zerbrach er Hand- und Fuß fesseln, brach eine Eisen­

ftange ans dem vergitterten Fenster und zerriß fein Bettuch, aus dem er ein 17 Meter langes Seil knüpfte. Er ließ sich damit in dcn Gefängnishof

shinab, aus dem et unversehrt weiterflüchtete. Herzog ; war nur mit einem Hemd bekleidet. Bisher ist es i nicht gelungen, des Ausbrechers habhaft zu wer­

den.

* In drei Sprachen mußte eine Verhandlung ge­führt werden, die di- Strafkammer eines Berliner Landgerichts beschäftigte. Wogen Betruges hatte sich der.Händler Pietro da Ros zu verantworten. Als Zeuge trat ein aus Russisch-Polen stammender Ar­beiter Jablonski auf. Die Verhandlung gestaltete sich zu einer sehr schwierigen, da der Angeklagte, der Ita­liener ist, angeblich der deutschen Sprache nicht mäch­tig war. Da auch der Zeuge Jablonski nur polnisch sprach, so ergaben sich alle möglichen Schwierigkeiten- Als Dolmetscher waren ein Amtsgerichisfekretär für die polnische Sprache und ein Kaufmann für die ita­lienische hmzugezogen. In der Sache selbst handelte es sich um einen alten Bauernfängertrick, dem der Zeuge Jablonski zum Opfer gefallen war. Der An­geklagte, 6er schließlich ein Geständnis ablegte und sehr gut deutsch sprechen konnte, wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

* Revolverszenc im Hotel. Gestern morgen gab in einem Gasthof am Freiburger Bahnhof in SB r e s' lau ein Fremder zwei Revolver schlisse auf den Por­tier ab. Als dieser die Polizei herbeiholte, verbarri­kadierte sich der Fremde in seinem Zimmer u. drohte, jeden zu erschießen, der in die Nähe käme. Die Schutz' leule schlugen die Tür ein, woraus der Fremde etwa 20 Schüsse abseuertc unö einen Schutzmann leicht verletzte. Die Beamten erwiderten d..r- Feuer und verletzten den Fremden an den Schenkeln und an einer H«.6. Es handelt sich anscheinend um ecken Geistesgestörten namens Anton Groß, der aus Ame­rika zugereist und nach seinen Papieren ein Oester- reicher ist.

* Das Urteil im Warschauer Sozialiftenprozeß. Nack mehrwöchiger Dauer* ist vorgestern der War­schauer Sozialisteilprozeß beendigt worden. Mehr als 70 Personen waren des Hochverrats und anderer schwerer Verbrechen angeklagt. 32 2fngeffagic wur­den zu langjähriger Zwangsarbeit, 25 zu mehrjäh­rigem Aufenthalt tet der Arrestantenkompagnie tierur* teilt 20 Angeklagte wuckden freiaesprochen.

* Ein fideles Gefängnis. In Rußland kommt auf den Kopf der Bevölkerung nur der sechste Teil des "'*iriolvcckrcinchs' wie in Dentschlar.'d sagt die Sta­tistik. Folglich müßte es in Rußland sechsmal weni-

>ck, geben als bei uns. Statsstisch mag dies richtig sein, wenn der Russe aber mal trinkt, dann besorgt er es auch gleich so gründlich, daß sich

Reklame»- «»d Anzeigenteil.

LfliseeieÄse kür Gas, Petroleum ampen m

-- Nur gute Qualitäten! ■■■■■■■■■-

N. Kalb Sohn, ButtemiirM 5.

des hilflosen Schnapsbruders die Passanten anneh- mm müssen und. wenn es Nacht und Winter ist, die Polizei. Der Schutzmann sammelt all die Zappeln­den, Schreienden, Schimpfenden oder im Rinnstein Schlafenden und bringt sie zu Fuß oder Wagen da­hin, wohin der normale Petersburger Schutzmann alles schleppt, in die „Revierstube". Für d'e Schnaps­brüder bestehen bei jeder Revierstube besondere Er­nüchterungskammern, die entleert werden, sobald ihre Insassen wieher auf zwei Beinen gehen können; die- können sie aber leider nickt immer. Als kürzlich in Petersburg eine solche Kammer geräumt werd'« sollte, stellte es sich nämlich heraus, daß allein zwei

- < • i Bem, ein anderer einen Arm gcbro» eben hatte, und zwar hatte man gar nicht gemerkt, daß der eine gar nicht betrunken gewesen, fonbem schon mit gebrochenem Sein eingeliefert worden war. Einem vierten schließlich war der Gesichtserker breit geschlagen, doch begab sich dieser ohne Beschwerde beim, froh des hübschen Andenkens an das fioele Griän mis

* Die „Brüder vom heiligen Geist". Von dem Gericht zu Portland im nordamerikanischen Staate Maine ist, wie wir vor kurzem berichteten, Frank W. Stanford, der Führer einer der eigenartigsten unter den zahllosen amerikanischen Sekten, der Sekte der „Brüder vom heiligen Geist", zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Tie Anklage warf ihm vor, daß er bett Hungertob von sechs An­hängern seiner Gemeinbe während der letzten Fahrt seines „Vettlerschiffes" Coronet verursacht habe. Eine fonberbare Laufbahn hat hier ihren vorläufigen Abschluß gefunden. Stanford war ursprünglich Geifflicker einer kleinen ®aötiftengemeintx in Rcw- Hampshire. Plötzlich aber wurde er „vom heiligen Geist ergriffen", er entsagte allem Irdischen, trennte sich von seiner Frau, wollte kein Geld mehr an- ' nehin n. sondern zog im Lande umher, worin Gott i ihn führen werde. In 3V2 Jahren des Wanderns hatte sich der große stattliche Mann mit sein langen blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen eine große Anhängerschaft erworben. Nun begann er ohne Hilfsmittel den Bau des Tempels von Schiloh und gründete die „Bank Gottes". Der Tempel wurde nur von den Anhängern des „Pro- pehtcn" aufgeführt, die keine Bezahlung nahmen; alles Material wurde von der Gemeinde kostenlos hergegeben. Die „Bank Gottes" besitzt heute ein Vermögen von einer Million Mark. Die „Brüder vom heiligen Geist" sind nämlich strenge Kommunisten. Wer sich ihnen anschließt, muß feine ganze Habe der Gemeinde hingeben, unö es gibt Anhänger, die 50 000 und 100 000 Mark geopfert haben. Jeder Bruder erhält täglich feine bestimmte Menge Brot unb Gemüse, bald mehr, bald weniger, I ie nach dem Willen des Höchsten, den nur der zweite Elias kennt, als welchen sich Stanford betrachtet. Nachdem Stanford in den Vereinigten Staaten An­hänger gesunden hate, rüstete er eine „heilige Flotte" aus, um die Welt zu bekehren. Seine An­hänger wurden Matrosen, und bald standen ihm zwei -schöne Schiffe zur Verfügung, die er „Coronet und „Kingoom" nannte, und mit denen er große Bekeh­rungsreifen machte. Als er vor einem Jahre mit feinen beiden Schiffen wieder zur Bekehrung auf- brach, von 70 Anhängern begleitet, da ging die „Kingdom" unter, und er mußte mit der „Coronet" oorbeifahrende Schiffe aufbalten, sie um Wasser und Provision anflcheu Als man sich so schließlich in einen Hasen durchgebettelt hatte, erhoben einige An­hänger gegen Stanford die Klage, daß er den Tod von sechs Menschen verursacht habe, indem -r sie verhungern ließ. Die Hungerstrafe war nämlich stets das beliebteste Sühnemittel Stanfords. Sich selbst ließ et aber nichts abgehen und lebte in Luxus. Nun hat die irdische Gerechtigkeit den „Propheten' verurteilt.

Sie Tochter lies Verbaiuileo.

Roman von Adele Böttch.r.

In fieberhafter Eile kleidet sie sich um. Dann packt sie die elegante Toilette und all die übrigen Ge° nenftänöe, von denen sie annehmen mußte, daß sie von dem Gelbe der Lungos angefchasit wurden, zusam­men. Mögen sie nun kommen, diese Leute! Stolz wird fit ihnen entgegentreten und sagen:

„Da nehmet euer Eigentum und verlaßt mich! Ich habe nichts mehr mit euch zu tun!"

Erleichterten Herzens blickt sie auf das Paket. Letzt schuldet sie niemanden mehr etwas — außer ßtlanbo.

Wer ach, wieviel schuldet sie ihm! Nicht nur die Kleider, die sie trägt — nein, das Leben selbst! Und vor allem diese unendliche Freude am Leben! Die Hoffnung auf di« Zukunft! . . . Wird er sie in dem 'einfachen dunklen Wollfleid ebenso lieb haben, wie in den kostbaren Gewändern, in denen er sie bisher stets geschen? . . .

Sie tritt vor den kleinen Spiegel, verschränkt die Hände hinter dem Kopf uri» betrachte sich lange und wohlgefällig . . . Ja, sie ist schön. Sie muß es selbst zugeben. Ihr« Taille erscheint fast noch schlem- Itr in dem hochanliegenden, schlichten Kleid . . . ihre Hände sind ebenso zart und weiß auch ohne Ringe ... . ihre Augen--

Klingeln draußen an der Entrsetür reißt sie aus Hex Betrachtung ihres eigenen Spiegelbildes. Gleich Himmf meldet das Heine Dienstmädchen, daß Signor Lampanelli sie zu sprechen wünsche.

FreudenrSte steigt in ihre Wangen. Der liebe O» fonbo! Was wird er ihretwegen bei seinem strenge« Mater Mitten haben! Glückstrahlmd, in froher Er­wartung, eilt sie nach dem Reinen Wohnzimmer.

Doch nicht der Geliebte tritt ihr entgegen, sondern ßew Vater, der Marchese Silvio. Orlando steht et* TM* abseits am Fenster.

Erstaunt blickt sie von dem einen zum andern. Dann verneigt sie sich leicht vor dem älteren Herr«

und geht auf Orlando zu, ihn mit einem zärtlichen Blick umfassend.

Spöttisch lächelnd blickt der Marchese Silvio ihr nach. Er ist durch solch „geschicktes Manöver" nicht zu täuschen' Er glaubt darin nur die jahrelange Schülerin eine? so vollendeten Meisters in der Heu­chelei zu erkennen ,wie es bet alte Samueloff alias Orlvff ist.

Höflich, aber kalt bittet er »die „Signorina", Platz zu nehmen und setzt fick in ihriger Entfernung ihr gegenüber, während Orlando zurücktritt und mit einem unbestimmten Gefühl des Unbehagens daraus wartet, was nun kommen soll.

„Mein Sohn hat mir mitgeteilt, was zwischen Ihnen vorgefallen ist," beginnt er in geschäftsmäßi­gem Tone. „Selbstverständlich wickschc ich nicht,' daß er Sie betratet — aus mehrfachen Gründen nicht, die ich nicht alle anfuhren will. Nur soviel: ich weiß, weshalb ein gewisser — «Samueloff tttrö fern Sohn nach Sibirien verbannt wurden."

Er machte eine kleine Pause und blickte Sonia durchdringend an. Doch ruhig hält sie dcn Blick aus, ohne mit den Wimpern zu zucken.

„Mein Sohn weiß, daß diese Heirat mich für im­mer von ihm trennen würde," fährt er fort Trotz­dem ändert er fernen Entschluß nicht. Ich wende mich deshalb an Sie. Nochmals wiederhole ich. roie übe = aus fatal mir diese Verbindung wäre, um das Opfer zu rechtfertigen, welches ich im Begriff stehe zu brin­gen. Kurz und gut: da mein Sohn erklärt hat, nicht zurückss^teu zu wollen, muß ich Sie bitten, ihn aufzugeben."

Ein flüchtige? Lächeln huscht über Sonjas ernste Züge.

„Sie sprachen von einem Opfer, das Sie zu brin­ge« gewillt seien? Und mm verlange. Sie du Opfer von mir?"

„Es wird ei» Opfer von beide» Seiten fein, uab ich beabsichtige. Ihnen das Ihrige möglickst je er­leichtern. Lassen Sie uns «rteimmder berechne», was Sie mit meinem Sohne verlieren würden! Tr har noch fechshundertvterzig Franken vo» der ReeU, die ich ihm bis jetzt alljährlich überwiesen, gutstehen.

Außer dieser kaum nennenswerten Summe und einem kleinen Hause in Frascati, das ganz leer steht und halb verwahrlost ist, besitzt er absolut nichts, was Ihnen eine Verbindung mit ihm vorteilhaft erschei­nen lassen könnte. Das Opfer von Ihrer Seite wäre kein allzu großes."

„Es scheint fast so," erwiderte Sonja ruhig.

„Gesellschaftliche Stellung ist auch etwas wert

-- ick gebe es zu. Besonders für Sie", fährt der Marchese erlassen fort. „Aber eine gesellschaftliche Stellung kann ohne pekuniäre Mittel nicht erreicht werden. Wenn ick richtig vermure, so besitzen Sie kein Vermögen —"

„Ich besitze nichts auf der ganzen Welt."

„Also weiter! Mein Sohn ist nicht besonders tri ringt. Zwar hat er die Naturwissenschaften stu­diert: aber -durch Ansübung dieses Beruft wird er keine Reichtümer sammeln. Auch in dieser Beziehung sind die Vorteile einer Verbindung mit mehrtm Sohne geringe."

„Sehr geringe," bestätigte Sonja.

„Ick verkenne nicht, daß auch gewisse Gefühle und Empfindungen mit in Betracht gezogen werdm müs­sen, doch kann ein derart rasch emporflackerndc« Feuer kein dauerndes sein rmfe wird Kalo durch ein anderes erstickt werden."

„Immerhin muß man mit diesem Gefühl rechnen." bemerkt Sonja, den Kopf nachdenklich hin und he» hriegenb.

„Ganz gewiß. Es kommt nur daraus an, welchen Wert es in — Banknoten umgesetzt, hat. Ich weiß nicht, ob Sie mich versteh«,?"

„Vollkomme». Wozu riet solche Delikatesse in GeschäftSongelegercheitek? Sie beabsichtige», mit eine bestimmte Summe zu zahlen, wem, ich Jhrm Sohn aufgebe, nicht wahr?"

Der Marchese Silvio verbeugte sich zustimmend.

Sie haben di« Sach« bet dem richtig« Samen genannt. Ich bta bereit, dum «gtmeffatt» Preis ff» zahlen"

Si» KMiuf höchster springt voa Cf

lcmdos Lippen.

„Das geht zu weit!" ruft er zornig. „Wie kannst du es wagm, Vater —"

„Du hast mir versprochen, die junge Dame in keiner Weise zu beeinflussen," unterbricht ihn der Marchese kalt.

Langsam wmdet sich Sonja zu Orlando und blickt ihm fest in die Augen.

„Du hast das verbieten deines Vaters gehört", sagt sie mit leiser Ironie. „Was bietest du mir?" „Mein Herz, meinen Namen, mein ganzes Selbst!" murmelt er mit vor Erregung heiserer Stimme.

„Auch das muß berechnet werden, Signore", wen­det sich Sonja wieder an den Marchese „Ein guter Name tft viel wert. Vergessen Sie Sie das ja nicht bä Feststellung feer Summe!"

Wieder neigt Marchese Silvio zustimmend den Kopf. Diese junge Person versteht ihn ausnehmend gut!

Mit gerunzelten Brauen, die Hand auf die Stuhl' lehne gestützt, in den Augen einen Ausdruck ungläu­bigen Entsetzens, steht Orlando da, während Sonja ofyte jede äußere Erregung in geschäftsmäßigem Tone fortfährt: „Wir dürfen auch nicht vergessen, feaß ich kompromittiert wäre, wenn aus der Heirat nichts wurde, nachdem ich meinen Großvater verlassen und mich in den Schuh Ihres Sohnes begeben habe. ES würde mit sehr schwer fallen, einen Mann und damit eine ehrbare Häuslichkeit zu bekommen, wo­nach ich — ich gestehe es offen — lebhaft verlange. Es sei denn, daß mein Vermögen groß genug märe, um feie Ohren meines künftigen (Satten und be» Munb der Verleumdung damit zu stopfe«!"

„Sonja'!" schreit Orlando auf, fein« selbst nicht mehr mächtig.

tot einer bittenden Bewegung bedeutet sie ihm, sich zu beherrschen.

„Immerhin -- Gela vermag viel und kann unter Umständen sogar ein verlorenes Glück ersetzen," wrn- dd sie sich mir leisem Lächeln wieder zu dem Mat» chesr: „Ihr Sohn bietet mir sein Harz mck sein« Sterne»; wieviel bieten Sie mir. Signore?"

.Wievid wolle» Sie habend (Forts, folgt)