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Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch den 27. Dezember 1911.

38. Jahrgang.

ein Bild

x Krieg zMen Mm mü der Mi.

Von Tripolis haben die Italiener die Türken in die Wüste zurückgedrängt. Die Knsteuplätze der Kyrenaika dagegen, Benghasi und Tobruk werden immer noch von den Arabern bestürmt. In der Nacht zum Freitag wurde bei B eng hast ein Sturm abgewiefcn. Man sand am Morgen in den Drahtnetzen vor den Schanzen neue Araberleichen. Ein weiterer Sturm wurde von den Türken am ersten Weihnachtstage in aller Frühe unternommen. Der Kampf dauerte den ganzen Tag. Erfolg hatten sie nicht. Bei Tobruk griffen 1603 Araber an. Der Kamps dauerte sechs Stunden. Die Italiener hatten neun Tote, sie schätzen die Verluste der An­greifer viel höher. Wie der Kampf aus,ging, sagt die römische Meldung nicht. General Trombi tele­graphiert aus Der na, der Feind hatte bei dem Kampfe am 18. Dezember 75 Tote; aus Ain Zara Tabjura und Homs ist nichts neues zu berichten.

Das italienische Kriegsschiff „Puglia" l>at das türkische Hosvitalschiff „Kaifferich" beschiagnahmt. Rach italienijcher Me.bung hatte die Durchsuchung des Schiffes ergeben, daß nichts vorhanden war, was die Eigenschaft als Hospitalschiff härte recht­fertigen können. Doch deutet die ganze Fassung der italienischen Meldung daraufhin, daß das Schiff eher sanitären als Kriegszwecken dienen sollte. Die türkische Regierung wird deshalb wohl sicher Protest bei den Mächten einlegen.

Die Türkei denkt nicht an Frieden. Eine türkische Regierungskundgebung besagt, die Pforte werde ih e unvsrjäyrdaren Rechte auf Tripolis und Kyrenaika bis zum Aeußersten verteidigen.

lich gearbeitet hat, braucht vor einer solche» land« rätlichen Mahnung sich nicht zu fürchten l Ader das hat eben die Sozialdemokratie nicht und darum fällt ihr das Herz in die Hosen, wenn die ein­sichtigeren Wähler zur Wahl schreiten! Die grundlose Entrüstung der Sozialdemokratie ist der beste Beweis dafür, daß sie die Abrechnung der ein­sichtigen Wähler fürchtet!

* Eine« gegen die Sozialdemokratie gerichteten Erlaß hat der Minister der öffentlichen Arbeiten ergehen laffen. Er hat den Vorschriften des § 2 der gemeinsamen Bestimmungen für die Arbeiter aller Dienstzweige folgenden Wortlaut gegeben:

Jeder Arbeiter ist dem Vorgesetzten Gehorsam schuldig und hat allen Anordnungen der Verwaltung Folge zu leisten. Auch außerhalb des Dienstes hat der Arbeiter sich achtbar und ehrenhaft zu führen und sich von der Teilnahme an sozialdemokratischen und anderen ordnungsfeindlichen Bestrebungen, Vereinen und Versammlungen fern zu halten.

Ausland.

** Tas Befinden des Kaisers von Oesterreich ist wieder sehr gut; Schnupfen und Hustenreiz sind ganz geschwunden.

** Soldaiknmcuterei in Portugal. Eine amtliche in Lissabon veröffentlichte Note besagt, daß der Oberst des 29. Infanterie-Regiments in Braga unter den Truppen Undotmäßigkeit festgestellt und einige Sold al en bestraft habe. Diese hätten sich offen gegen ihn ausgelehnt, und er sei bei dem Versuche, die Ordnung wiederherzustellen, durch einen Schuß in den Bauch verwundet worden. 39 Soldaten seien verhaftet, es herrsche jetzt wieder vollständige Ruhe.

* Unruhen im Agadir-Gebiete. In der Gegend von Agadir ist es zu Kämpfe.: zwischen den Schecks Gelullt und Hadi Hassan gekommen. Beide Schecks verfügen über einen starken Anhang und haben sich mehrere blutige Treffen geliefert. Seit der Abfahrt des deutschen Kreuzers „Berlin" herrscht in dem Ge­biete von Agadir vollständige Anarchie.

* Der Präsident von Ecuador, Estrado, ist in Grayaquiel gestorben.

** Australien. Es tauchen neuerdings Bestrebun­gen mtf, die französische Kolonie Neu-Kaledo- ni en für Australien zu erwerben. Von gehriff er Seite wird angestrebt, daß die australische Bundes­regierung die britische Regiemng veranlassen möge, mit der französischen darüber zu verhandln, daß Neu-Kalädonien im Wege te8 Kaufes oder Tausches gegen andere Gebiete an Großbritannien oder Au­stralien abgetreten werden möge.

♦* Kämpfe in Persien.

Persien hat sich unterworfen. Was wollte es an­ders machen? Die in Kaswin stehenden russischen Truppen warteten nur auf den Befehl, nach Teheran zu marschieren, und niemand war da, den Russen in den Arm zu faßen. Was ober mm? Die Annahme der russischen Forderungen erfolgte nicht bloß aus dem Grunde, daß die Hauptstadt vor einer Besetzung durch Rußland bewahrt bleiben sollte, sondern auch im Vertrauen auf die vorhergegaugme russische Zu­sicherung, daß, wenn Persien sich nachgiebig erweist, die russischen Truppen wenigstens aus Kaswin zurückgezogen toerben sollen. Von einer Räu­mung der anderen persischen Plätze, in denen die Russen stehen, ist überhaupt nicht mehr die Rede. Werden also die Russen Kaswin aus den Händen laffen? Man sollte meinen: Ein Mann, ein Wort. Aber so einfach liegt der Fall nicht. Die offiziöse Petersburger Zeitung „Rossija' hat schon in ihrem Artikel vom 12. d. die entsprechenden Vorbehalte ge­macht, indem sie schrieb:

»Sobald die Forderungen Rußbmds erfüllt find, wird ein weiteres Verweilen der russtschen Truppen in Kaswin überflüssig, falls nicht Angriffe auf Aussen, ernstere Unruhen oder ansere Berwtcllungen erfolgen." Der glückliche Zufall, der sich immer einstellt, wenn „Angriffe, Unruhen ober andere Verwickelungen" dem Stärkeren willkommen sind, ist auch diesmal nicht ausgeblieben. In Täbris, Resch t, En feli traten solche Ereignisse just in dem Augenblicke ein, wo man sie braucht, um sich auf sie berufen zu kön­nen. In allen drei Orten fanden am Freitag Kampfe zwischen den Rufst« und der perstschen Polizei statt. Die Russen griffen in Täbris die Negierungsämter an und beschossen das Arsenal, das sie zerstörten. In der Nacht nahmen persische Freiivillige den Re­gierungspalast wieder ein. Aus beiden Seiten waren die Verluste bedeutend. In Rescht versuchten die Russen die persische Polizei zu entwaffnen, wobei Kämpfe entstanden, bei denen die Polizei vollstän­dig vernichtet wurde. Zwanzig Polizisten sind ge­tötet. Aehnlich ging es in Enseli zu, wo zwei Ko­saken den Tod fanden. Diese Austritte sind nach An­sicht des Berichterstatters des New Dori Heralo dem russischen Konsul in Teheran zuzuschreiben, der ab­sichtlich die Zusammenstöße veranlasse, um den russischen Gesandten zu verhindern, die russischen Truppen zurückzuschicken. Russische amtliche Kreise erklären beim auch bereits, daß die russische Regie­rung zwar aufrichtig wünsche, ihre Truppen sobald als möglich zurückzuziehen, daß aber eine augenblick­liche Räumung nicht zugesagt werden kann.

* Dschulsa, 25. Dez. 1911. Das Schießen in Täbris dauert fort.

* London, 26. Dez. 1911. Aus Täbris find hcute vormittag Telegramme vom Gouverneur eingegan- gen, wonach Besprechungen mit den Russen unmöglich sind. Diese beherrschten die Straßen mit Artillerie und lehnten einen Waffenstillstand ab. Die Russen sollen nach diesen Meldungen so furchtbare Greuel begangen haben, daß der Korrespondent sie vorläufig nicht mitreilen will, lieber 500 Männer, Frauen un.) Kinder sollm kalten Blutes was- s a 1 r i e r t worden sein.

* * Die Revolution in Chin».

Die Gärung in der Mongolei ist soweit ge- diebeu, daß der Dalai Lama und feine Leute un- gehindert wieder alle Macht an sich reißen können. Roch Me.dunaen, die über Petersburg kommen, ist ein Komitee, zu dem sechs Fürsten und ein Ver­treter des Tala-. Lama gehören, mrt der Verwaltung der Mongolei betraut worden. Die Bildung eines Ministeriums ist in Aussicht genommen und die Bildung des Kabinetts im Gange. Für die Thron­besteigung des Cheptuns Dampa Hntuktu, des Ober­hauptes der buddhistischen Geffllichen, werden Vor­bereitungen getroffen. Es herrscht volle Ordnung.

Aus Schanghai wird gemeldet, daß die Friedenskonferenz an den Thron das Er­suchen richtete, die Zustimmung zum Zusammen­tritt einer zahlreicheren, mehr repräsentativen Kon- setenz zu gebe«, die ermächtigt sein soll, über die Rcaierungsform zu entscheiden. Wie es heißt, un­terbreitet " Auanschikai die Botschaft dem Throne^ riet aber Ablehnung.

Deutsches Reich.

r Berlin, 26. Dez. 1911. Der Kaiser hat dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts v. Kiderlen- Wächter die Brillanten zum Role» Adler-Orden 1. Klaffe mit Eichenlaub verliehen. — Der Kron­prinz hütet wegen seines Katarrhs noch das Bett, doch ist sein Befinden so zufriedenstellend, daß bereits morgen oder übermorgen die Ueberstedelung nach Berlin in Aussicht steht. — Ter Kaiser hat den amerikanischen Multimillionär Pieryont Mor­gan, der als ehemaliger Student der Universität Göttingen dieser eine große Stiftung hat zuteil werden lassen, als Ausdruck seines Dankes seine Büste in Marmor überreichen lassen.

* Generalstaatsanwalt a. D. Jsenbiel f. Der frühere Generalstaatsanwalt Geh. Oberjustizrat Dr. Hugo Jsenbiel sst am Samstag in Obemigk bei Breslau g e st o r b en. Mit ihm tft einer der bekann­testen Berliner Staatsanwälte dahingegangen. Durch die großen politischen Prozesse der letzten Jahre, in denen er die Anklage vertrat, ist sein Name bis weit über die Grenzen Berlins gedrungen. 1899 war er zum Oberstaatsanwalt ernannt toorben und war BeL, Landgericht Berlin I tätig, wo er in den großen Pro- zessen gegen die „Harmlosen", gegen den „Vor­wärts", (Kaiserinsel) und später in den Eulenburg­prozessen hervortrat. 1908 wurde er zum Gcncral- ftaatSantoalt ernannt. Der Dahingegangene war ein überaus wirksamer Redner. Ende 1909 war er we­gen Arterienverkalkung gezwungen, seine Äenstent- lassuug nachzusrichen.

* Dir preußische Schulverwaltung hat zur Be­kämpfung der fozialdemokratifchen Jugendbewegung eine Broschüre ausgearbeitet, die sämtlichen preu­ßischen Volks- nnb Mittelschulen in mehreren Exem­plaren Zugaben wird. Die Broschüre enthält die Mahnung an die schulentlassene Jugend, keiner sozialdemokratischen Jugendorganisation, sondern einer aus dem Boden vaterländischer Ge­sinnung stehenden JugendvereiniMng beizuireten. Große Erfolge wird die Broschüre kaum haben. Wenn die Luterrtchsverwaltung es sich angelegen sein läßt, daß die Heranwachsende Jugend in der Schule dauernd in echt christlichem Sinn un­terrichtet und erzogen wird, dann tritt die vaterländische Gesinnung von selbst ein. Der Ein­fluß der Lehrer ist in diesem Falle weit größer, als der Einfluß einer Broschüre, die von den roten Ettern der I, oend weggcnommen werden wird, be­vor sie nur gelesen ist.

cT München, 24. Dez. 1911. Nach weiteren Mit­teilungen über den zentrumsseindlichen Block für die bayerische:- Landtagswahlen wollen die drei Verbündeten Parteien Sozialdemokraten, Libe­rale und Altbayerischer Bauernbund 23 Zentrums- möndate erobern und wie folgt verteilen: Den So­ziale emotraten: 1) München-Land, 2) Mießbach, 3) Augsburg II, 4) Kempten (1 Mandat), 5) Würz­burg I, 6) Speyer. — Den Liberalen: 1) Regen fein' Mandat). 21 Lindau, 3) Kempten (ein Mandat), 4) Memmingen, 5) Sontbofen, 6) Regensburg I, 7) Bamberg, 8) Ebermannstadt, 9) Hof, 10) Hom­burg, 11) Bermersheim, 12) Annweiler. — Dem Altbayerischen Bauernbund: 1) Traunstein,

2) Ebersberg, 3) Deggendorf, 4) Vilshofen, 5) Re­gen (ein Mandat). Die Mehrheit des Zentrums würde freilich auch nach Eroberung aller dieser Mandate noch nichr gebrochen sein.

Allerdings wird sich am 12. Januar von dem augenblicklichen Stande unserer öffentlichen Meinung" ergeben. W t werden nämlich sehen, wieviel Wähler sich von der raffinierten Hetze der letzten Jahre haben gewinnen lassen für die staals- gefährlichc Parole: Lieber rot, als blau ober schwarz! Was die Stärke der einzelnen Parteien anlangt, wird sich dagegen nicht überall ein richtiges Bild ergeben. Wohl aber werden wir zwei große Gruppen unlerschudcn rönnen: auf der einen Seite diejenigen Wähler, die treu und fest zugleich auf dem Boden der christlichen Weltanschauung und dem Boden der friedlichen Fortentwicklung stehe»; auf der anderen Seite diejenigen, welche mit vereinten Steifen die bestehenden Verhäl niffe in oer R gierung und dem Parlament Umstürzen wollen, um aus den Trümmern sich über die Ver­teilung der Brnt auseinanderzusetzen.

«ms dem Wahlkreis Marburg-Kirchhain-Frankenberg.

Zu dem Artikel an dieser Stelle in Nr. 292 wird uns noch von befreundeter Seite geschrieben.,

K.ine Verwunderung darf es erregen, wenn in dem politücfi so stark zertlüflelen Wahlkreis Marburg-Kirch- Smin-Frankenberg auch in der jetzigen Wahlzeit Dinge ich ereignen, die wenig ersreuiich sind. Ist doch von jeher von verschiedenen politischen Parieien heftig um die Palme gestritten worden. Im Jahre 1903 wurde von einem großen Teile des Zentrums v. Gerlach unterstützt, obwohl man damals schon in Zentrums- krelsen nicht ganz einig mar. 1907 stand bereits das Zentrum gegen Gerlach. Im gegenwärtigen Wahl­kampfe ist das (und zwar mit Recht) abermals der Fall. Wenn nun v. Gerlach noch Anhänger unter den Zentrumsmännern findet, so ist da? nach dem Boraus­gehenden zu erklären. Es niuS eben hier die politische Schulung einsetzen. Daß in Nr. 292 der ,F Ztg' unter den Anhängern v. Gerlachs gerade die Mitglieder deS katholischen Gesellenvereins Amöneburg genannt werden, scheint von dem Einsender nicht ganz ohne Voreingenommenheit geschehen zu sein. Politik in einem Gesellcnverein zu treiben, ist durch die Statuten ver­boten. Sollten daher einige Mitglieder des genannten Vereins für v. Gerlach agitieren, so ist das keine Angelegenheit, für die man den Verein als solchen ver­antwortlich machen kann. Es ift dies zwar sehr zu bedauern, aber infolge der verwickelten politischen Lage des dortigen Wahlkreises und speziell der eigenartigen lokalpolitischen Verhältnisse Amöneburgs zu verstehen. Daß im Gesellenverein Amöneburg gute katholische Zeitungen und gerade im Versammlungslokale noch vtS vor nicht langer Zeit anslagen, wissen alle Vereins- Mitglieder. Denn mit Vorliebe las man die Kölnische Volkszeitung' und die .Fuldaer Zeitung', die dem Ver-1

ein zur Verfügung standen. Statt den katholischen Gesellenverrin Amöneburg zu tadeln, sollte man in Amöneburg tu öffentlichen Versammlungen die mänu- liche Jugend ausktären, dann würde sicherlich nicht wieder der Fall eintreten, daß von Zeutrumswählern im Pfarrort Amöneburg zum Teil ein anderer Kandidat gewählt wird, wie im FÜialort Rüdigheim, waS 1907 geschehen ist.

* Münster i. SB., 23. Dez. 1911. Der Provinzial­ausschuß und darProvinzialwahlkomitee der west­fälischen Zentrumspartei stimmten einem vom Vorstand« verfaßten Wahlaufrufe zu, in dem eS heißt:

In dem jüngst veröffentlichten Wahlaufruf der Zentrumsfraktion bei Reichstages wird in markigen Zügen ein Bild von der erfolgreichen Tätigkeit des Zentrums in der abgelaufenen Legislaturperiode ent­worfen. Trotz dieser segensreicher Wirksamkeit ver­binden für den bevorstehenden Wahlkampf zum Rieder- ringen der festgefügten Zentrumsparlei nicht nur bür­gerliche Parteien untereinander, sondern diese scheuen sich auch nicht, Wahlbündnifle mit der Sozialdemokratie zu schließen, der Partei del Umsturzes, welche als Ziel die Zerstörung von Monarchie, Staat und Kirche, Famiiie und Gesellschaft verfolgt. Sieben der Ent­scheidung über bie Fortführung unserer bewährten Wirtschaftspolitik handelt es sich bei der bevorstehenden Wahl um den Kampf zweier Weltanschauungen. Großes steht auf dem Spiele. Der Kampf wild schwerer als je zuvor. ZentrurnSwähler Westfalens! Gedenket der schweren Verantwortung, welche auf euch ruht! Erscheint vollzählig an der Wahl­urne. Werbet neu« Anhänger der ruhmreichen, zielbewußten Partei! Gebet in voller Einigkeit eure Stimmen de« ordnungsmäßig aufgestellten Zen- trurnskanbidaten, welche fettens des Piovinzialkomitees bekanntgegeben werden. In verschiedenen für das Zentrum aussichtslosen Wahlkreisen haben die zustän­digen Wahlkomitees beschlossen, zur Verhinderung der Wahl linksstehender Abgeordneter schon im ersten Wahlgange Kandidaten anderer Parteien die Stimmen zu geben. Folgt geschlossen den wohl­erwogenen Beschlüssen der berufenen Vertretungen; In der Einigkeit beruht unsere Kraft. Gewiß werden infolgedessen bei triefet Wahl viele Stimmen für das Zentrum nicht gezählt. Aber das Wohl des Baler- j landes steht über der Partei. Mögen alle Zcnttums- wähler darauf bedacht fein, diese Einbuße durch zahl­reiche Vermehrung der Zentrumsflimmen in asten Zen­trumswahlkreisen zu ersetzen. Auf denn, entschlossen in den Kampf, westfälische Männer! Schart euch in alter Treue um das ruhmreiche Banner des Zen­trums zu Schutz und Wehr des sturmumbrausten stolzen Zentinmsturmes! Sieg für Wahrheit, Recht und Freiheit!

X Die Werbekraft der Parteien.

In ihren „Rückblicken" gelangt die ,Norbd. Allg*, tritung' zu folgender Beurteilung des Wahlkampfes:

Heute geht durch di. Wahlbetrachtungen der Par- lbiorgane ein Zug, der ruhiger Besinnung unleugbar zugute tommt. Rian räumt ein und betont es zuweilen, daß der Kampf sich im ganzen ohne die heftige Erregung abspielt, von der frühere Wahlbewegungen Ingber Regel Zeugnis gaben, und bieser Umstanb wirb auf tue Erkenntnis bei allen Parten zurückgeführt, baß tvan sich in hohem Grade, wie er nicht oft eingetreten ist, auf die Werbekrast des eignen Pro­gramms und der Ersolge bisheriger Betäti« gun g angewiesen sieht. Insofern besteht allerdings die Aussicht einer verhältnismäßig wenig beirrten Ent­scheidung der Wäh'terschaften; sie haben weit günstigere Gelegenheit als je zuvor, die innere Zuge Höri gleit des einzelnen zu Ausdruck zu bringen, aus solchem Wege könnte denn der 12. Januar 1912 ein ziemlich verläßliches Bild von dem augenblicklichen Stande unserer öffentlichen Meinung erwarten lassen.

Daran ist richtig, daß sich in der Tat die konservative Partei und das Zentrum auf die Werbekraft ihres Programms und ihrer bis­herigen Leistungen verlassen. Aber wie sieht es in dieser Hinsicht bei b.n liberalen Parteien aus? Auf die „Betätigung" in den letzten Jahren können sich die schon gar nicht berufen; denn ihre Tatkratt erschöpsle sich im Vetrieinen und Schelten. Und n it dem positiven Programm dieser Par­teien sieht es auch sehr schlecht ans. Einig sind sie nur in dem negativen Programm: die Rechte unb das Zentrum auf's schärfste zu bekämpfen, Ihre Zeitungen unb ihre Wcchlrebner suchen bie Gemüter bet Wähler nicht burd) bie Liebe zum eigenen Programm warm zu machen, sonbern bind) bie Gegnerschaft gegen bie sog. „dlaufchwarzen" Parte en anfzuregen.

Wenn es auf bie Werbekrast be-3 allen Partei« rogramms ankäme, so hätte sich ja nicht bie neue Kampsorganisation bes gesamten Linksliberalismus, ber Hansabunb, zu bilden brauchen, dessen „Program n" ist Eifersucht unb Mißgunst gegen­über ber Lanbwirtschaft, Haß gegen bie Konser­vativen unb bas Zeiilrum. "

In bem Haffe, ber seit bem Blockkrach bie .ibciide Krast out der Linken bildet, finbet man flch veestanbnisinnig mit ber Sozia lbe mo Iratie zusammen. Die Gr o ß b lo ck destrebungen sprechen deutlich gegen bie offiziöse Ansicht, baß jetzt bie innere Zugehörigkeit bes eigenen Wählers zu seiner Partei allgemach znm Ausdruck kommen werbe. Um Wahkhilfe von anderen Parteien zu erlangen, opfert man sogar wesentliche Punkte des eigenen Pro­gramm .. Ter Liberalismus verzichtet auf den Kampf gegen die Sozialdemokratie, weil er deren Stimmen in vielen Wahlkreisen braucht, und bie Sozialdemokratie spielt sich vorläufig möglichst ge- mäßigt aus, um nicht die liberalen Hilfsstimmen gegen Wettbewerber von rechts oder ans dem Zen­trum zu verscherzen. Wenn die Wiederholung der Wahlgeschäfte von Konstanz, Düsseldorf, Lyck unb Labiau-Wehlau geplant ist, so kann man boch nicht bie Werbekrast des alten Programms als maß- gebens hinstellen. Der Liberalismus wollte vor b Ja,-reii die Herrschaft des Blocks auf dem Wege ber List erringen. Nachdem ber Plan gescheitert ist, will er sich bie harschende Stellung au; bem Wege ber Gewalt ertrotzen, — mit Hilfe bet Umsturzpartei!

Dem erstatteten Geschäftsbericht zufolge ist bie Organisation mit Ausnahme kleiner Diasporabezirke überall durchgeführt. Mit der Herausgabe und Verbreitung eigener Flugblätter wurden gute Er­solge erzielt. Der Stand der Finanzen ist gut und zeigt gegenüber den Vorjahren mannigfache Fort­schritte.

* Kreuznach, 22. Dez. 1911. Die Vertrauens- männerversammlung der Zentrumspartei beschloß einstimmig von bet Ausstellung eines eigenen Kandi- bate» abzusehen und im Hauptwahlgange den Kanbidatcn des Bundes der Landwirte, Orkono- mierat Lucke in Frankfurt a. M. zu unterstützen. — Das Zentrum hat im Wahlkreise rund 8000 Stimmen.

* Die „Wahlpflicht" der Beamten. Em Erlaß des Reichskanzlers macht allen Reichs beamten dis Ausübung des Wahlrechtes zur Pflicht. Der Erlaß, der vom 8. Dezember datiert ist, lautet:

Bei den bevorstehenden Neuwahlen zum Reichstag ist es als patriotische Pflicht aller staatstreuen Bürget zu erachten, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Insbesondere wird dies von den wahlberechtigten Be­amten zu erwarten sein. Um zu verhüten, daß die Er­füllung dieser Pflicht vereitelt wird, empfiehlt cs sich, daß die Beamten sich darüber vergewissern, ob sie in die Wählerlisten eingetragen find, unb sofern dies nicht der Fall sein sollte, durch rechtzeitige Einiptachen während ber Auslegung der Listen deren Berichtigung herbeifühten.

Ein ähnlicher Erlaß ist auf Beschluß bes Staate ministcriums von ben preußischen Ressort­ministern an bie ihnen unlerstehenden Beamten gerichtet worben.

X Negiernnz unb Wahlen. Wenn man jetzt bie weit links stehende Presse durchblättert, bau» hallt es wieder von Entrüftungsschrcien über bie Haltung bet Regierung im Wahlkampfe. Fragt man sich ehrlich, was bie Regierung eigen'lich getan habe, um diesen Zorn auf ihr Haupt zu laben, dann muß man antworten: nichts! Die Regierung hat sich in diesem Wahlkampfe so untätig verhalten, wie wohl in keinem der vorhergehenden. Nirgends ist auch nut ein Versuch der" Beeinflussung gemacht worden. Aber trotzdem! Die Opposition schimpft, weil es eben hergebracht ist, im Wahlkampfe über die Regierung herzuziehen. Ein typisches Beispiel dieser grundlosen Entrüstung liefert der ,Vorwärts', das Zentralorgan bet sozialdemokratischen Partei. Er zitiert folgende Verfügung des Landrats in Oels in Schlesien:

„Ich erwarte, daß alle mit direkt ober indirekt unterstellten besoldeten Beamten, ieweit sie im ivahl- ähigen Alter stehen, sich davon überzeugen ob sie in >ie seit gestern ausliegenden Wählerlisten eingetragen tnb, und daß sie gegebenenfalls im Wege des Ein­bruchs, der bis zum 21. d. M. angebracht sein muß, ihre Eintragung bewirken. Es bedarf keiner beson­deren Hervorhebung, daß die Ausübung des Wahlrechts am 12. künftigen Monats die Erfüllung einer Ehrenpflicht für jeden Reichs-, Sma.L- oder Kommunalbeamten bedeutet."

Dazu bemerkt das Blatt u. a.:

„Noch deutlicher kann ja der Königliche Land­rat nicht werden!" —

Ist das wirklich eine Beeinflussung, roenn der Landrat seine Beamte« auffordert, zur Wahl zu gehen? Wird nicht von allen Seiten daraus hin- gewiesen, daß Wahlrecht Wahlpflicht bedeutet? Predigt nicht auch die Sozialdemokratie, daß das Wahlrecht das vornehmste Bürgerrecht ist, das aus- zuüben niemand verabsäumen soll? Darf denn ein Landrat seine Beamten nicht ermahnen, zur Wahl zu gehen? Aus solche« Erlassen eine Beeinflussung herauszulesen, zeugt von einem sehr schlechten Gewissen der Entrüsteten. Sine Partei, die ehr«