Einzelbild herunterladen
 

naten zuzusteuern. Dieses Mal wirbelten dichte Flocken vom Himmel hernieder, als der Herr Ritt­meister durch die Straßen htnfchritt. Aber er lachte vergnügt In sich hinein: „Ein bißchen böses Reise­wetter hat la die kleine Dame! Wird ihr aber al- bravem Soldatenkinoe nicht schaden Und bester al­bet meiner Heinrika kann sie es gar nicht bekommen. Da mag sie schon mal so 'n bisset Schneegestöber mit in den Kauf nehmen. Hahahahak Eigentlich eine kostbare Idee: Anstatt, daß meine Frau mich mit einem Jungen beschenkt, schenke ich ihr ein Mädchen. Verrückte Musiki" Der Herr Rittmeister war ganz Wrihnachtsjubel, als er endlich kurz nach sechs Uhr in den vom Weihnachtskerzenschein durchstrahlten Sa­lon seiner Gemahlin zu rückkehrte.

Und nun hatte Frau Heinrike wieder einen Eifer, seinen Burschen, den Kutscher, ihre Köchin und ihre Zofe berbeizurufen, den Leuten ihre Gaben zu über» reichm ung sie dann davon zu schicken, lieb und lachend mit gütigem Scherzesworl für jeden, daß der Herr Rittmeister sein schmuckes Frauchen gar nicht wieder erkannte. So ganz Weihnachtslust war sie selbst an ihrem ersten gemeinschaftlichen Weih­nachtsfeste nicht gewesen. Da konnte ec sich für seine Weihnachtsgaben keinen glücklicheren Em- pfan^moment wünschen.

Endlich, der vornehme Regulator im Salon mel­dete eben zu sieben Uhr voll, verließ der letzte Dienst­bote den Bescherungsraum. Der Herr Rittmeister befand sich mit sedier Gemahlin allein, der Pseudo­postbote mit 'otr verwaisten Unteroffizierstochter durfte kommen, da--—

„Ja, kleines Frauchen, was hast Du denn da? Ist das ein Präsent für mich?"

Ein wenig bleich im Gesicht, und statt der eben noch darauf hinspielenden Weihnachtslust ein liebes zitterndes und bittendes Lächeln um die blühenden Lippen, brachte Frau Rittmeister dem staunende« Gatten ein elegantes Kästchen, dessen Deckel halb ver­schlossen war. „Mein Heinz, sei lieb, nimm es hin und--"

„Gnädige Frau, ein Postbote!" untechcach in diesem Augenblick die Zofe ihre Herrin vor der

JVs 294.

Samstag 25. vqemdrr 19U

58. Zaqrgang.

«Tuldaer M Zeitung

2. Blatt.

vrock Mb Verlag der Sulbatt Lciiendruckerei tu Suite.

't ------ ------- ' ' —

wochen-Nundjchau.

s:s Fulda, 22. Dezember 1911.

Die Weihnachtsglocken läuten in den politischen Wahlkampf hinein. Das Fest des Friedens ist um­tobt vom politischen Wafsenlärm, das Fest der Liebe von einer schon jetzt vielfach bis ins Maßlose ge­steigerten Agitation der Gegner. Uno doch sollte vor her Krippe der politische Häver schweigen; alle soll­ten sich erinnern der Fried,nsbotschaft der gnaden- brtngenden Stunde von Bethlehem, die da lautet: ^„Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind." Leider aber sind nicht alle guten Willens. Und so werden diesmal auch die Festtage berührt von dem vergiftenden Hauch eines erbitterten Wahlkampfes. Wir aber wollm trotzdem gläubigen Herzen- zur Krippe eilen und angesichts des Kmd- leinS, das im Stalle geboren wurde, all den Lärm und Haß des Tages vergessen.

Dem Hohenzollernhause ist eine freudige Weih- .nachtsüberraschung beschert worden. Der vierte Prinz ist in diesen Tagen dem kronprinzlichen Paare beschert worden. Das freudige Ereignis hat im deutschen Volke lebhafte Anteilnahme hervorge- ,rufen. Das ganze deutsche Volk bringt dem hohen Paare seinen Glückwunsch dar.

In Frankreich haben in diesen Tagen die Debatten über das deutsch-französische Marokkoab­kommen begonnen. Die Verhandlungen zeigen, daß wir mit unserem Urteil recht hatten, daß das von :ber deutschen Regierung bei dem Handel Errungene jtas Höchste darstellt, was unter den obwaltenden Umstckrden zu erreichen war. Aus » n Mitteilungen des französischen Ministers des Aeußeren, de Selves, ging hervor, daß Deutschland zuerst höhere Forde­rungen gestellt hatte, doch ist nicht zu vergessen.,. daß es sich bei den Abmachungen um ein Handelsgeschäft handelt, bei dem auch die französische Reoierung von ihren Forderungen etwas hat ablasson müssen. Uebri- ^gens nahm die Debatte einen für de Selves ungün- 1 fügen Verlauf, sodaß wohl die Folge ist, daß er aus ibem Ministerium Caillaux ausscheidet. An seine iStelle wird jedenfalls Millerand treten, ein Politiker, der b®8 Ohr der Deputiertenkammer und das Ver­trauen des Landes besitzt. Durch die Aenderung Itoare vielleicht das Ministerium Caillaux, dessen Stellung in letzter Zeit sehr bedroht war, zu retten. Aus der Debatte war auch zu ersehen, daß die Schwärmer, die den Vertrag mit Hoffnungen auf eine nahende deutsch-französische Annahs tu n g belastet haben, gründlich enttäuscht worden .sind. Als der Sozialist Jaures in seiner Rede die ! Politik der deutschen Rerriervup rechtfertigte und Deutschlands wirtschaftlichen Aufschwung pries, da 'wurde er von schmähenden Zurufen unterbrochen. Man warf ihm vor, ein „Plaidover gegen das Va­terland" gehalten zu haben. Es gilt eben heute noch als einen Vorstoß gegen ein ungeschriebnes Gesetz der Deputiertenkammer, zu Gunsten beS „Erzfeindes" Deutschland im Parlamente sich auszusprechen. Die ineue Aera der Deutschfreundlichkeit, deren Anbruch 'von verschiedenen Optimisten prophezeit wurde, liegt noch in sehr, sehr weiter Ferne, wenn sie überhaupt innals anbricht.

Der persische Konflikt mit Rußland wird wieder bedrohlich. Das alte Ministerium in Persien, das den russischen Forderungen entgegen« kommen wollte, ist gestürzt worden, und an seine Stelle wird eine Regierung treten, die dem russischen Ultimatum strikte ablehnend gegenübersteht. Der russischen Negierung kann das selbstverständlich nur willkommen sein, gewinnt sie doch auf diese Weise eine Handhabe, um zur Besetzung Nordversiens zu schrei­ten. — Auch ein türkis ch-vcrfischer Konflikt steht bevor. Es handelt sich um Grenzgebiete am Urmia­see, wo sich russische und türkische Truppen gegen­überstehen. Zu einem Zusammenstoß ist es allerdings noch nicht gekommen.

In Tripolis haben nur einige Kämpfe bei Benghasi stattgefunden, in denen nach türkischer Mel­dung die Arabertruppen siegreich blieben. Sonst schei­nen die Operationen zu ruhen.

In China haben die „Friebensoerhandtunoen" begonnen. Die Vertreter 6er Regierung und die der Rebellen sind in Shanghai zusammen gekommen und beraten. Da die Rebellen aber an ihren Forde- tungen, der Einführung' der Republik, festhalten, so besteht wohl keine Hoffnung, daß ote Verhandlungen

zu einem Ergebnis führen. Insbesondere, da sich beide Teile um den vereinbarten Waffenstillstand gar nicht kümmern und das Morden und Brennen lustig seinen Fortgang nimmt.

In Mexiko beginnt ebenfalls wieder der re­volutionäre Geist auszuflackern. Eine Verschwörer­bande, die ein Attentat gegen den kürzlich eingesetz­ten Präsidenten Madero plante, ist entdeckt worden.

* Ein religiöses Bekenntnis Windthorsts.

Fürst Bismarck hat bekanntlich in seinen „Ge- danken unv Erinnerungen" (Volksausgabe 1909, 2, Bd. 339) unfern unvergeßlichen Wmdthorst das Zeugnis ausgestellt: religiös ungläubig. Ob­wohl nun der eiserne Kanzler für diese kühne Be- hauptung den Beweis schuldig blieb, ja geradezu Lügen gestraft wurde durch den houptiächlich von Windthorsts ebenio opferreicher wie unverzagter parlamentarischen Tätigkeit niedergerungenen Kultur- tampf, ist dennoch Brsmarcks verleumderische Anklage immer wieder von den Feinden des Zeniru s aus­gegriffen worden, um über dessen glorreichen Führer den Stab z« brechen. Ter Mm gei an direkten Aufzeichnungen Windthorsts über seine religiös- kirchliche Gesinnung leistet dabei seinen politischen Gegnern willkommene Dienste. Memoiren wie Fürst Bismarck und Fürst Hohenlohe bat er nicht hinter- lassen, und Briefe religiösen Inhalts sind bisher fast gar nicht publik geworden, werden wahrschein­lich auch nur sehr spärlich vorhanden fein, da Windthorst überaus zurückhaltend in fernen Rieder- fchriften war. Gerade dieser Umstand ist für Windthorsts heutige Rechtfertigung äußerst be­klagenswert.

Um so erfreulicher ist eS, datz Herr Kaplan Schmidt in Hagen L W. im „Hochland" Gelegen- beit hat, einen bisher unbekannten, religiös gestimmten Wmdlhorstbrief zu v.röffentlichen. Der Brief fand sich, so schreibt Kaplan Schmidt, mit mehreren anderen Windthorstbrresen unter den Papieren meines seligen Vaters, des Reichs- und Landtags- abgeordneten Geh. Justiziars Otto Schmidt-Warburg (geft. 17. Juni 1910 zu Berlin). Das betreffende Schreiben erging an meine Großmutter, die Det­roit roete Frau Geh. Medizmalrat Marie Schmidt, geb. Everken, b;e seinerzeit im katholischen Leben der Hauptstadt eine hervorragende Stelle einnahm. Ihr gastliches Haus war jahrelang Mittelpunkt der katholischen Gesellschaft Berlins. Die Zentrums­abgeordneten sanden in den heißen Tagen des Kultur- kampses bei der opferwilligen, glaubensstarken Frau Trost und Ermunterung, weshalb sie auch den ehrenden Beinamen „Fraktionsmutter" erhielt. Windt­horst und v. Mallinckrodt standen ihr besonders nahe. Ersterer war mehrere Jahre im Anfänge der kirchenpolit'schen ämpfe ihr ständiger Gast. Sie war ihm eine treue Freundin, und Wmdthorst be­wahrte seine freundschaftliche Gesinnung auch nach dem Tode meiner Großmutter ihren Söhnen, so auch meinem seligen Baler. Doppelt freut es mich daher, Windthorsts Andenken heute ehren zu können durch Wiedergabe eines Briefes, der seine echt tirchlrche Gesinnung im schönsten Lichte zeigt. Der Brtes lautet (im Auszüge):

Hannover, 5. Juki 72.

Verehrte Freundb !

Der Kampf gegen bte Küche wird immer heftiger, ich sehe demselben mit wahrer BekümmenuS zu. In der Tat, wenn die Verheißungen des Herrn nichr wären, könnte einem bange werden. ES bleibt uns nichts als eifriges Gebet «nd andauernde Stand­haftigkeit ...

Stets Ihr dankbarer

L. W i n d t h o r ch

Hier hat Windthorst iuu Inneres spontan ge- offenbart, sein schwer betrübtes Herz einer treuen Freundin ousgeichüttet, so ergreifend, daß wir aus Dteien kummervollen Worten den Rückschluß machen können, wie es ihm innert tch jiimtb.e war, wenn er die Rednertribüne im Parlament für die bart- bedrängte katholische Kirche Deulsckiauds bestieg.

Nach kurz zuvor, am 14. Juni 1872, hakle er einen schweren, l teer ersolglofen Kamps tm Reichs­tage gegen blindwütige Vergewaltiger pertönlicher Freiheit führen müssen bet der ersten Beratung des

Gesetzentwurfs betreffend die Beschränkung des R. chls zum Aufenthalt der Jesuiten in Deutschland. Die Antwort auf ftmen flammenden Protest war — das „Reichsgesetz betreffend den Orden der Ge­sellschaft Jesu", welches am 5. Juli 1872 durch Verordnung des Bundesrats in Vollzug gefetzt wurde —, am gleichen Tage, an dem Windthorst, von Schmerz und Sorge übermannt, obiges Schreiben nach Berlin abschickte.

Diese Sitnat on muß man im Auge bebalten, um Windthorst's Worte vollauf roürbtgtn zu können. Sie find ein schönes Zeugnis seines starken Glaubens und feines tief empfindenden Gemütes.

* Sozialdemokratie

«nd JudnstriezSlle.

Am 22. April 1877 gab der sozialdemokratische Abgeordnete „Genosse" Bracke im Deutschen Reichs­tag folgende Erklärung ab:

Wir erkennen an, daß es eine Anzahl von Fälle geben kann, wo e» geboten ist, der heimischen I n d u ft ti e einen Schutz durch die Z ö 1 l e zu gewähren. Diese Fälle sind folgende:

Erstens wenn es sich handelt um eine sich ent* wickelnde und zu guter Hoffnung berechtigende Jn- dnstrie. — In solchen Fällen würden wir die vorüber­gehende Erhebung eines S ch utzzotles für gerecht­fertigt anerkennen.

In einem andern Falle, wenn nämlich die Be' f eitigung eines b est ehenden Schutzzolles einen vernichtenden Einfluß auf die Industrie im eignen Lande auSüben würde, würden wir auch aner- kennen, daß es sich hier rechtfertigt, den bisherigen Schutz weiter deizubehatten.

Es handelt sich da mit um die Lage der Arbeiter: geletzt den Fall, eine Industrie habe sich während des Bestehens eines Schutzzolles entwickelt, iino durch Aufgabe dieses Zolles werde dieselbe plötz­lich dem Anstande gegenüber konkurrenzunfähig gemacht, fo würde das auch tue Folge haben, daß eine grobe Anzahl von Arbeitern brotlos würde, und das lönnen wir nicht wünschen......

Ein letzter Fall, in welchem wir gegen einen Schutzzoll uns nicht seindletig verhallen würden, ist foigenber: wenn durch Reformen auf gewerblichem Gebiet eine ungünstigere Stellung der beimi» scheu Industrie gegenüber der des Auslandes Platz greisen sollte.

Diese Erklärung ist, rote „Genosse" Auer auf dem sozialdemokratischen Parteitage zu Stuttgart 1898 konstatierte (Protokoll S. 193) auf Grund „eines reiflich überlegten Fraktions­beschlusses abgegeben worden. Dazu stellen wir feit:

Die Sozialdemokratie hat niemals die Gelegenheit wahrgenommen, diese ganz vor­züglichen Grundsätze in die Tat überzusetzen.. Beweis:

1. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre lag die deutsche Industrie aufs schwerste darnieder; viele Tausende von Arbeitern waren ohne Arbeit und Brot. Eme Hauptschuld daran hatte der 1873 zum Teil, 1877 dann völlig verwirklichte Freihandel für deutsche Jndustriewaren. Die Sozialdemokratie selbst konstatiert diese Tatsache: Ter svziatdemokratische Parteitag zu Gotha 1876 (Schippet, Handelspolitik, 6. 332) nahm nämlich eine Resolution an, die erklärte:

„Daß die Not der arbeitenden Klaffen in den allgemeinen wirtschaftlichen Zuständen wurzelt, daß aber die bestehenden Handelsverträge (b. h. eben der Freihandel» seilens der Reichsreglerung ungünstig für die deutsche Industrie abgeschlossen sind und eine Arnderunq erheischten."

Jedoch — der Parteitag warnte die Genoffen trotzdem vor einer M tt w tr kun g an der „Aerberu.ig", die die „Not der arbeitenden Klaffen erheNchte!" Warum? Ja, dann — stützte man doch die Industrie und damit „die bestehende Gesellschaftsordnung". Und als nun trotzdem bet Einführung deS Schutzzollsystems — das „die Not der arbeitenden Klaffen erheischte" — >m Jahre 187 ' „Genosse" Kayser in Komequenz der 1877 von der Fraktion abgegebenen Erklärung für einen Schutz vor allem der Enenlndnstrie eintrat, da wurde er von den „Genossen" mit wüstem Geschimpf üdenchüttet. Und 1880 erklärte dann der Parteitag: Diele Drnge der Handelspotitrk — bei denen es sich nach der .reiflich überlegten" FraktionSerktäiung 1877 „mit um die Interessen der Arbeiter handelt" seien — „eine interne Angelegenheit der bürgerlichen parieren".

2. AIS es sich um Einführung der Arbeiter* sozialpotttik handelte, da ging Deutschland allein voran und entwickelte die „Reto m auf gewerblichem

Gebiet" in einem Umfange, wie kein Land der Welt. Selbst Proseffor Lujo Brentano, heute noch einer der entschiedensten Vertreter des Freihandels- gedankens, schrieb m Echmollers „Jabrbuch sür Gesetz- öebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" (1885, S. 20):

„Er würde auch der vö ttrge Freihan d el nicht ausreichen, nniere Industrie ficherzustellen, wollte man nrcht gleichzeitig auf wertere Verfolgung der eingeschlagenen sozialpolitischeu Bahnen ver­zichten. Denn wo fänden unsere Industriellen Ersatz für die Steigerung der Kosten, welche ihnen diese Eozialpoliiik, wie bemerkt, auferlegt D Von diesen Bahnen zurückzukehren, ist aber jetzt nicht mehr mögkrch."

Die Sozialdemokratie ober wütete — trotzdem nun „durch Reformen auf gewerbtrchem Gebiet eine ungün' tgere Stellung der deimischen Industrie gegen­über der des Auslandes" gegeben war — unentwegt gegen den Schutzzoll und gefährdete dadurch die Einführung und den Weiterbau aller Sozial­politik.

3. Zu Beginn unseres Jahrhunderts handelte es sich im Reich?tag um Erneue rung unseres Zolltarifs und Neuschaffung der unsere Jndustrieaussuhr stärken- ben Handelsverträge. Trotzdem nun

a) nahezu alle Diskussionsredner (besonders auch Bebel) auf dem sopatdemokratrichen Parteitage zu Stuttgart 1898 sich gegen die Auflassung aus­gesprochen hatten, daß die deutsche Industrie sich weit genug entw-ckett habe, um des Schutzzolles entbehren zu können «die schließliche Fassung 6er Parteitagsresolution ist ans „taktischen" Gründen zu verstehen);

bi trotzdem seit 1900 das deutsche J> duflrieleben in einer schweren Depression tag und die Sage der Arbeiter schwierig war;

c) trotzdem unter diesen Verhältnissen eine plötz­liche Aucheduug der Zölle doppelt verheerend ans Industrie- und Ardetterwelt wirken mußte:

trotzdem beantragte die Sozialdemokratie 1901 und 1902 im Deutschen ReicdStag bei der Be­ratung des Zolltarifs - „Zollfreiste t" auch bei allen Jnd- striewareu, auch wenn es sich um feinste Spitzen,chais und ferdene Tücher handelte.

So verwtrtltcht die Sozialdemokratie ihre schönsten Programme. Sie handelt uack dem Wahlspruch: Wichtiger aks die Wahr­nehmung der Arbeiter« sind die Partei« inteeesse«! Die wirkliche Vertretung und Lurchiuyrung der Arbeiterintereffen ater überläßt sie den bürgerlichen Parteien, vor allem aber dem Zentrum!

3 Was kostet ein Zukunstskrieg?

In den letzten Wochen ist so viel über Krieg geredet worden, — zweimal standen die Engländer in diesem Sommer bereit, uns ohne vorherige Kampfansage mitten im Frieden zu überfallen — daß man von selbst zu der Betrachtung kommt, welche Kosten wohl ein solcher moderner West­krieg veruickachen würde.

^um Kriegführen gehört ungeheuer viel GeV», und je mehr bereite Mittel ein Staat im Augenbstüe des Beginns des Krieges zur Verfügung hat, utt so vorteilhafter ift seine Position. Von hervor- ratenden Finanzleuten ist deshalb auch schon ver schiedentlich die Vermehrung unseres Kriegs^ s ch a tz e s, der im Jukiusturm zu Spandau unter gebracht ist, auf das Doppelte des vorhandenen Be träges angeregt worden. So hat sich z. B. im Her- renhause der "bekannte Leiter der Deutschen Banl Direktor v. Gwinner dafür ausgesprochen. Von welcher Bedeutung ein solcher Kri^Sschatz ist, er» et man aus dem Bismarckschen Wort, der über

Krieg 1870—71 sagte: „Hatten wir den KriegS- schatz nicht gehabt, so fing der Krieg am Rhein an", d. h. ohne blankes Gold wäre eS uns 1870 nicht möglich gewesen, so viele Truppenmassen in wenigen Stunden bis zur westlichen Grenze zu sen­den, öa(j der französische Gegner auS bett deutschen Landen ferngehalten und bet Krieg auf franzö­sisches Gebiet hinübergejpielt wurde. Ohne einen Kriegsschatz hätte» sich bte Entscheidungsschlachten vielleM nicht im tiefen Lothringen bei St. Privat und Gravelotte und im Elsaß abgespielt, sondern an bett Ufern des Rhein«. „Wir wären schon nach den ersten kleinen Schlachten auS der Position des Angreifers, auS bet Position beS Bedrängers in bte beb Bedrängten versetzt worden. Un ere rasche Kriegsbereitschaft hat nicht unwesentlich zu der für uns günstigen Entscheidung im Kampfe mit dem Erbfemde geführt, und diese unsere rasche KriegS-

Unterm Lichterbaum.

euhirachtshumoreske von Karl Rode.

Nachdruck nicht ge'iattct.

Frau Rittmeister Mülverstedt wäre die glücklichste Frau unter der Sonne gewesen, hätte sie in den nun- mchr fleben Jahre ihrer Ehegemeinschaft mit dem Herrn Gemahl diesem ein kleines Rittmeisterlein prä­sentieren dürfen.

An dem ersten Weihnachtsheiligabend, den sie als Neuvermählte — damals noch Oberleutnant — im Strahlenzlcmze des Tannenbaums verlebten, war dies allerdings nicht möglich gewesen; damals Hat- Im sich beide, der Herr Oberleutnant und sein jun­ges Ehegemahl, der frohen Hoffnung gefreut, daß es unter dem nächsten Weihnachtsbaum ein kleines Mülverstedtchen geben würde.

Aber das zweite Christfest war gekommen, ohne die Hoffnung zu erfüllen.

, „Wied schon noch werden!" hatte der Herr Ober- Jeutnant dann gemeint. Wir haften noch Zeit!" »Und Frau Oberleutnant hatte zu diesem Trost unter leisem Lächeln und lieblichem Erröten genickt.

i Indessen auch das dritte und vierte Weihnachis- ifeft waren gekommen, das ersehnte Kind dagegen ausgeblieben. Oberleutnants wurden Rittmeister, aber Eltern wurden sie nicht.

Und nun wollte es schon zum siebenten Male Het- Jlgaberf» werden, ohne daß Frau Rittmeister Aus­sicht hatte, ihre und des Gemahls Hoffnungen er­füllen zu können. Das tat weh! Lieber Gott, die finberfofen Ehen mehren sich in erschreckender Weise von Generation zu Generation, aber das ist kein Trost. Grade am Weihnachtsfeste, wenn vom Lich- terbaume aus das Wort des Heilandes: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!" der Menschheit in das Herz gesttahlt wird, dann empfindet es manches kin- iderlose Ehepaar mit doppeltem Weh, diesem Rufe micht Folge geben zu können. —

Da, am Morgen, des Heiligen Abmd, meldete ber alte, brave Wachtmeister aus bet Mühlversteat- schen Schwadron seinem Chef, daß seine Tochter, I

die Frau elnrs nicht minder braven, wenige Wochen vorher im Dienst verunglückten und zu Tode getont» menen Unteroffiziers, unter Hinterlassung eines Töchterchms, im Kindbett gestorben fei.

Das gab dem Herrn Rittmeister einen jener köst­lichen Gedanken ein, wie mir die Liebe sie haben kann.

Anfänglich halte er die Absicht, die Sache mst seiner Gemahlin zu besprechen; aber Frau Ritt­meister war heute mehr denn je bei ihrem Besche- rungswerk für die Dienstboten. Dem Herrn Ritt­meister schien es sogar, als ob sie sich ihm und dem Gedanken an ihre Kinderlosigkeit entziehen wolle, in­dem sie sich heut mit besonderem Elfer ber Aus­schmückung bes Lichterbaumes unb der Gabentische für die Dienerschaft widmete. Da unterließ er's. Er begab sich am Nachmittag nochmal in die Kaserne.

„He, Wachtmeister Horn, antreten mall"

„Herr Rittmeister befehlen?"

„Wie steht es mit der kleinen Enkelin?"

„Bös, Herr Rittmeister, wie's bei so ’tter armen verwaisten Kreatur nicht anders sein kann. Habe den Wurm einstweilen einer anderen Unteroffiziers- frau anvertraut, die auch gerade was Kleines hat. Herr Rittmeister kennen ja den Unteroffizier Müller von ber dritten Schwadron."

„Hm! Wie wäre es, alter Freund, wenn Sie mir die Krabbe überließen?"

„Herr Rittmeister . . .1' Der alte Wachtmeister bekam einen ordentlichen Schreck Bei dieser Frage seines Chefs.

„Abwarten!' winkte der einstweilen. „Sie wif- sm, meine Frau hat keine Kindcr. Wenn wir das verwaiste Kleine Ihrer Tochter zu uns nehmen, bann stnb Sie bie Sorge los, unb das Kind ist wohl aufgehoben."

„O Herr Rittmeister — — !* Jetzt hatte der Wachtmeister Mühe, bie aufauellenden Tränen zu unterbautet. „Gottes Segen über Sie und gnädig« Frau Gemahlin, wenn Sie das tun wollten."

„Abgemacht also! Hmt ist Helligabend, da will ich das Kind meiner Frau zur Weihnacht bescheren. Hier sind zwanzig Start. Sargen Sie dafür, daß

das Kleine hübsch säuberttch in einen Spankorb ver­packt wird, und lassen Sie es dann wie ein Postpaket um sieben Uhr hcut abend durch einen Ihrer Leute, adressiert an meine Frau, in meine Wohnung brin­gen. Der Mann soll das Päckchen Menschmkind direktement in die Hände meiner Frau geben und dann sofort verduften. Verstanden?"

„Befehlm, Herr Rittmeister!"

„Ich verlasse mich also darauf! Heute abend Punkt sieben. Sauber als W^thnachtSPräsent für meine Frau!"

„Befehlen, Herr Rittmeister!"

„Der Herr Schwadronschef ging säbelschleppmd davon, die hellste Herrgottsweihnachtsfteube im Herzen, unb ber Herr Wachtmeister schaute ihm nach, als ob er immer noch nicht recht an bas Weih- ncrchtswunber glauben könne, bas seinem Enkelchen und ihm widerfahren sollte.

Frau Rittmeister waltete nach immer geschäftig an ihren Bescherungstischen, als der Herr Ritt­meister wieder heimkehrte. Sie schim sogar so eifrig bei der Sache zu sein und, trotzdem es doch nur btt Bescherung für ben Kutscher, den Burschen, bie Kö­chin unb ihre Dienerin emzurichtm galt, noch so viel zu tun zu haben, daß ihr eine spätere Rückkunft des Herrn Gemahls angenehmer gewesen wäre, so diel angenehmer, daß sie ihn nochmals fortschtckte.

„So früh, Männchen? Ich habe noch soviel zu besorgen. WM Du nicht noch ein Stündchen in Deinen Klub gehen? Ms um sechs sollst Du noch beurlaubt sein. Zu sechs Uhr habe ich die Leute ein» geladen, dann bist Du wieder hier, gelt? Bist auch mein liebes Männchen!"

Der Herr Rittmeister mußte wirklich noch ein­mal davonspazieren. Aber er tat es gern. Er hatte seine Freude daran, daß sein Frauchen an diesem Heiligabend leichter über ihre Kinderlosigkeit hm- wegkam. Und außerdem paßte ihm ihre Anordnung hinsichtlich der BescherungSstunbe für die Dienstboten außerorbenMch gut tn bezug auf seine Weihnachts­geschenke.

Herr Rittmeister stelzte also noch einmal davon, um gegen sechs Uhr abermals bet häuslichen Pe-