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58. Jahrgang.

* fuldaer K Zeitung

2. Blatt.

Vr»S nl Verlag der ZrUdaer SetlendruSerei in Znlda.

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Z11 de« ReiüjstliBlvchlell.

□ Tatsachen reden.

Der zweitletzte. Tag der Reichstagssitzungen mit der Rede des Schatzsekretärs Wermuth und die ge- ,-stem bereits mitgeteilte Auslassung der „Nordd. .Allgemeinen Zeitung" haben den vielen Märchen und Legenden über die Lage der Reichsfinan­zen hoffentlich für alle Zeiten den Hals umge­dreht; denn wer heute noch behaupten wollte, die Reform von 1908 habe ihr Ziel nicht erreicht, der Müßte sich dem Vorwurf der bewußten Unwahrheit oder grerizenlosen Unkenntnis aussetzen.

- Tie Reform von 1909 hat sogar ihr Ziel um mehrere Jahre früher erreicht, als man 1909 annahm. Die Tatsache steht heute unanfechtbar fest, und kein Rechenkünstler kann hieran etwas ändern, selbst wenn er noch so selbsibmiußt austreten wollte; :ec würde nur beweisen, daß er weder das kleine noch das große Einmatcins beherrscht..

Die Gesundung der Reichsfinanzen ist eine für das Volk erfreuliche Tatsache, die auch unserer inter­nationalen Stellung zugute kommen wird. Nur einige markante Zahlen seien noch hervorgehoben. 1909 rech­nete man allseitig damit, daß infolge bereits geneh­migter erster Raten oder gesetzlicher Verpflichtungen von 1910 bis 1914 insgesamt 761,6 Millionen Mark neuer Anleihen erforderlich sein würden. In diesen Schuldenbetrag waren nicht eingerechnet die große Anleihe von 1909 zur Bereinigung der Ver­gangenheit mit 522 Millionen Mark unb der Restbe­trag von 23,7 Millionen Mark für den südwestafrika­nischen Aufstand. Von den in sichere Aussicht genom­menen neuen Schulden von 7616 Millionen Mack '(für den südwestafrikanischen Krieg) sind nun in den Etat für 1910 148,1 Millionen Mark und in den für 1911 97,5 Millionen Mark eingestellt worden, 1912 sollen cs 50 Millionen Mark werden. Schon diese gleitende Skala sagt viel, noch weit mehr aber die Tatsache, daß weder 1910 noch 1911 auch nur ein Pfennig neuer Schulden ausgenommen worden ist. Der Reichskanzler machte also keinen Gebrauch von der Ermächtigung im Etat; er kam ohne die vor­gesehene Anleihe aus.

Noch mehr: es konnten die im Etat laufenden Schuldentilgungsbeträge annähernd in voller Höhe zur wirklichen Tilgung verwindet werden; d. h. 1910 32 Millionen Mark, 1911 rund 89 Millionen Mark, und für 1912 sind die Aussichten auf weitsre Schul­dentilgung sehr günstig. Wie ist dies möglich ge­worden? Durch die ungemein g ü n st i g e Ent­wicklung der Einnahmen, und zwar der al­ten Steuern wie der neuen Steuern. Die lieber« schlisse der letzten Jahre sind die größten seit Bestehen des Reiches; sie betrugen 1909 11,4 Millionen Mk., 1910 118.Millionen Mark, und werden sich 1911 auf mindestens 140 Millionen Mark belaufen. Solche Zahlen kann das Reich seit 1871 nicht aufweisen.

Noch eins muß hcworgehvben werden: im Jahre 1909 wurde gesetzlich bestimmt, daß die Summe von 240 Millionen Mark abgebürdeter Matrikular- b eiträge von 1911 bis 1913 zu tilgen sei. Was in drei Jahren geschehen sollte, ist schon in einem Jahre erreicht worden; diese den Bundesstaaten ab- gcnommene Last ist heute schon getilgt. .

Trotz dieser unanfechtbaren Zahlen spricht dec „Vorwärts" in einem Leitartikel „Statt Ueberschuß neue Steuern" — So wird vor der Wahl mit der Wahrheit umgesprungen!

** Die Liberalen als Hörige der Sozialdemokra­tie. Die Mannheimer sozialdemokratische „Volks- stimme" halte dieser Tage an die Rationalliberalen ein parteioffizieües Ultimatum gerichtet, entweder die Kandidatur Wittum in Pforzheim fallen zu las­sen, andernfalls keine sozialdemokratisch« Stimme bei dm Stichwahlen auf den nationalliberaien Kandi­daten falle. Wörtlich heißt es in dem Ultimatum:

„Daß bei een vevocueycndrn 4«e>chc-lagc-,ich>vaylen kerne einzige ioziawemoiraniche Summe einem nationalllberaten Kan rdaien mgetützrt wird, wen» dre Lein ng der baduchen NauonaUiVeralen Parlei es dutdet, daß Leute in dieser mit Kandidaturen betraut werden, die sich offen als Gegner des Großblockes be­kennen. Die Parlei wird wissen, was mit diesem Ulti­matum getagt ul."

Das ist nicht etwa eine private Ansicht der Mann­heimer Blattes. Andere sozialdemokrattsche Blätter strnnnen ihr jetzt durchaus bei. So bemerkt die „ Volks tvach.E:

„Wir stimmen unserem Mmrnheimer Parteiblatt durchaus zu; eS B empörend, daß die badischen Nationalliberaleu durch btt Aufstellung des Großdlock- gegners WiNmn dem Todfeind« des Großdlvcks. Herr» Theodor Wacker, in die Hände arbeiten. Wenn sie in partertaktischer Beziehung mit solcher Blindheit ge­schlagen sind, verdienen sie nicht, daß ihnen die Sozial­demokratie im Kampfe gegen den schwarz-blauen Block auch nur eine Stimme zuführt. Und wir halten Wort. — Aus Gernsbach im Murgtal schreibt man uns noch: „Wittum erklärte am Samstag in einer nationalltbe- ralen Versammlung: Der Ches der nationalliberalen Partei hat mir die Kandidatur angetragen. Aus patriotischen Gründen bade ich angenommen, um die Herren überhaupt los zu werden. Ich war und bleibe entschiedener Großblockgegner. Die Zentralleitung der Zentrumspartei hat bedingungslos Unterstützung zuge­sagt ohne jede Gegenleistung. Konservative und her­vorragende Zentrumsabgeordnete haben mich zur Annahme der Kandidatur gedrängt."

Und angesichts dieser offenen Gegnerschaft Wittums zum Großblock sollen die Soztaldemokraten die Liberalen in fünf Kreisen — um des Großblocks willen — heraushauen?! Nie und nimmermehr!"

Wk glauben zwar nicht, daß die Sozialdemo­kratie eine solche Drohung wahr macht. Allein da­von abgesehen ist es von der Sozialdemokratie höchst anmaßend, daß sie eine solche Sprache zu führen sich herausnimmt und für die Nationalliberalen äußerst blamabel, daß sie solche Sprüche sich gefallen lassen muffen. Im übrigen wird es mit den Sprü­chen sein Bewenden haben.

♦ Ein offener Mensch. Der sozialdemokratische Reichstagswahlkandidat deS zweiten mecklenburgi­schen Wahlkreises, Staoasson, lsagte, wie der „Ncichsboie" berichtet, gelegentlich einer Wahlver- sanimlung in Kirchdorf:

..Wir Sozialdemokraten erstreben die Republik- wir Sozialdemokraten wollen kein stehendes Heer- sondern Miliztruppen, wir Sozialdemokraten wollen auch kein Grundeigentum, sondern nur Gesell­schaftsbesitz, denn nur dadurch kann die Zufriedenheit des deutschen Volkes herbeiaeführt werden."

Mit solcher Offenherzigkeit sprechen sich die So­zialdemokraten jetzt selten aus.

♦ Wie die Sozialdemokratie die Gewinnung neuer Anhänger betreibt, darüber wird dem ,Westf. Bierkur, aus Witten geschrieben: Der Zufall spielt mir ein Zirkular in die Hände, worin den .Genossen" folgendes milgeteilt wird:

Werte Genossen! Wer im Münster! an de oder Sauerlande Verwandte oder Bekannte hat, oder Adressen von Leuten vermitteln kann, denen Agi­tationsmaterial zugesandt werden kann, wird dringend gebeten, deren genaue Adressen hierunter auszuschreiben und sofort einzusenden an Max König, Dortmund, Kielstraße 6.

Also um Eroberungen im katholische» Münster lande und Sauerlande handelt es sich bei diesem neuesten sozialdemokratischen Trick. Die toten Agi­tatoren hoffen jedenfalls, daß man im Sauer- und Münfterlande dumm genug sei, um auf den sozial­demokratischen Leim zu kriechen, wenn König oder andere Obergenoffen ihren sozialdemokratischen Schund und ihr hetzeri'ches Agsiationsmateriat an die Be- wohner dieser Bez rke schicken. Aber da werden sich diese„Bolksbeglücker" doch arg läufchen.

Aus dem Nachbargebiete.

„!" Poppenhausen, 20. Dez. 1911. Am 16. Oft. dss. Js. wurde in h esiger Gemeinde im alten Schönbetg'schen Saale ein Kursus der Kreis- Wander - Haushallungsfchule durch den Herrn Landrat Frhr. v. Doernberg in Gersfelds im Beisein der Herren Mitglieder des Kreisausichusses, der Herten Pfarrer Dr. Fiscker und Bürgermeister Bub eröffnet. An dem achtwöchenllichcn Kursus nahmen 22 Mädchen von hier und der Umget ung teil. Er wurde von der Haushallungs- und Koch­lehrerin Fräulein Bart he nies aus Gersfeld ge­leitet. Im Laufe des Kursus wurden auch zwei interessante Vorträge gehalten, und zwar sprach Herr Direktor ©tbeppmann aus Fulda übet Milchwirtschaft, Kälberaufzucht usw. und Herr Landwirtschastslehrer Lutte über Hühner- und Schweinezucht. Die heutige Schlußprüfung,

M Tschler Les Monaten.

27j Roman von Adele Böttcher.

.Freuen auch Sie sich, Italien so bald zu verlas­sen, Prinzessin?" fragt er eindringlich, und es zittert etwas wie Wehmut in seiner Stimme nach.

„9lein", entgegnet sie leise. „Ich habe hier man­che Freunde gefunden, unb es wird mir schwer, von Rom fortzugehen. Aber es muß sein?"

„Warum muß es sein?"

„Der entehrende Verdacht —"

„Sprechen Sie nicht davon?" mehrt er hefttg ab „Ihre Freunde haben Sie beleidigt und hebiirfen Ihrer Verzeihung. Bleiben Sie bei uns! Man Wird Sie mit offen n Armen wieder ausnehmen!"

Ein tiefer Seufzer entringt sich ihrer Brust.

„Unmöglich. Sie wissen ja nicht —“

Da packt es den jungen Mmin wie mit elemen­tarer Gewalt.

„Ich liebe Sie, Sonja!" flüstert er, ihre Hände ergreifend und sie stürmisch an sein wild klopfendes Herz drückend. „Ich habe nur den einen Wunsch: werden Sie mein Weib!"

Sie zuckt zusammen und blickt ihn an. Und es ist, als schlängen sich unsichtbare Fäden aus ihrer beider Augen einander entgegen, b;tje mit heim­lichem Glück erfüllend.

„Und Graziella," fragt sie vorwupssvoll, ohne ihm zedoch chre Hände zu entziehen.

Ein Schatten huscht über seine Züge. Unwillkür­lich streift sein Blick den alten Mann dort am arde- ren Ende d-.s Coupecs. . , .

Orloff rührt sich nicht. Schlaff hängen die Hän­de an seinem Körper herab. Sein Atem geht tief und etwas schnarchend.

„Graziella weiß, daß ich Sie liebe, Sonja —" Erwidert Orlando hastig in bebendem Flüsterton. »Als der Wagen mit Ihnen davon fuhr, sagte sie zu mir: „Folge Ihnen, Orlando! Sie werden dich notig haben!" — Ich wäre Ihnen auch ohne Gra- gieffaS Wunsch gefolgt; aber unser Glück wird unge­trübter sein, weil sie meinen Entschluß billigt."

Zum erstenmal, daß über Sonjas ernste Züge ein Schimmer von Freude huscht. Die Großmut der Reinen Italienerin rührt sie fast bis zu Träne».

„Das hat Graziella getan?" murmelt sie erregt. „Wie konnten Sie ein Mädchen wie Graziella Mor- gano aufgeben, um — meinetwillen!"

„Ich liebe Sie, Sonja — das sagt alles", wieder­holt er voll tiefer Innigkeit, indem er vor ihr nie­t'ersinkt und die heiße Stirn in ihre kühbn Hände birgt. „Die Liebe ist stärker als der Wille; sie ist starker als Gewiffen unb Pflicht. Ich habe eS ver­sucht, Sie zu vergessen; ich verreiste — vergeben'?. Meine Leidenschaft wuchs und wuchs, bis sie mich zu vernichten drohiq. Sonja, werden Sie mein Weib!"

Wieder blickt sie ihn an — mit einem seltsamen Ausdruck in drn schwimm ndm Augen.

Und ein Gefühl der Ruhe kommt über sie, eine Fricdensempfindung — gleich wie ein Sonnenstrahl im Frühling nach eisigen Winterstürmen.

In diesem Moment vergißt sie alles, was zwi- schen ihr ur.'d dem Geliebten steht; vergißt sie die Vergangenheit, vergißt sie den Großvater, vergißt sie den schwarzen Diamanten. Vergißt sie, 'daß sie die Helfershelferin eines Diebes ist und daß sie ihr ganzes Leben lang wird heucheln und lügen müssen, toenn sie Orlandos Weib wird. —

Langsam beugt sie sich über datz dunkle Männer­gesicht, das flehend zu ihr emporblickt, und schlingt die^Aruie um den Hals des Geliebren.

Die Lippen finden sich im ersten Kuß.

14.

„Ich möchte Sie morgen früh in einer privaten Angelegenheit sprechen, mein Fürst", sagt Orlando, nachdem er, in Rom angekommen, Orloff und dessen Enkelin nach dem „Grand Hotel" begleitet hat, „Um wieviel Uhr gestatten Sie —"

„Möglichst früh!" lautet die ruhige Entgegnung. „Denn sobÄd meine Dienerschaft eingetroffen ist — ich werbe ihr sofort meine Adresse telegraphieren — gedenke ich abzureisen "

Nach einer tiefen Verbeugung vor dem Alien un'd einem langen Blick, in dem seine ganze Seele liegt,

an der auch die Eltern, Herr Pfarrer und Bürger­meister beiwohnten, ervrachte das beste Zeugnis für die Tüchtigkeil der Lehrerin, die es versteht, in muster- Hafter Weis« den Kursistinnen alle» beizubringen, was tüchtige Hausfrauen wissen müssen. Auch die Antworten der Schülerinnen, die selbstgeschriebenen Koch- und Tagebücher usw. legten Zeugnis davon ab, daß m dieser kurzen Zeit viel und tüchtig gelernt worden ist. Arn Schluffe sprach Herr Pfarrer Dr. Fischer einige Worte de« Dankes und Lobe« der Lehrerin aus und forderte tue Schifferinnen auf, auch zu Hause fleißig das Gelernte zu benützen und sich so noch weiter auszubilden. Herr Bürger­meister Bub schloß sich den Worten des Vorredners an und konnte mitteilen, daß sich sür den zweiten Kursus, der am 8. Januar 1912 beginnt, bis jetzt schon 20 Mädchen gemeldet haben. Fräulein Elothflde Müller, Heiligenhof, sprach im Namen ihrer Müschülerinnen herzliche Dankesworte der Lehrerin und allen, die am Zustandetommen des Kursus mitgewirkt baden.

* Hanau, 21. Dez. 1911. Eine heftige Gas- explosiv» erfolgte heute in einem Hause vor der Kinzigbrücke, als dcB Dienstmädchen vom Vor­platz aus mit einer Küchcnlampe die Küche betrat. Vorplatz- und Küchentüre wurden zertrümmert, 38 Fensterscheiben zersplitterten und einige Fensterflügel wurden eingedrückt. Das Mäd­chen erlitt Brandwunden an Gesicht und Händen und fand Aufnahme im Krankenhause. Durch einen undichten Gummischlauch war in der Nacht so viel Gas der Bettung entwichen, daß die Küche damit nageMt war. Die Explosion war derart stark, daß in der ganzen Nachbarschaft die Fenster zitterten.

* Biedenkopf, 22. Dez. 1911. Im sogen. „Ober­gericht" des Breidenbacher Grundes, hauptsächlich in den Dörfern Steinperf, Ober- und Niedereisen- hausen, hat sich bi$ in die Gegenwart hinein ein früher allgemein verbreitet,ep Brauch in d er Weihnachtszeit erhalten. Es ist der Umzug der im letzten Schuljahr stehenden weiblichen Jugend am heiligen Abend mit dem von ihnen geführten Christkind, dessen Rolle von einem armen Mädchen aus einem Nachbarorte, seltener aus dem eigenen Dorfe, übernommen wirb. Als Honorar empfängt es in der Regel einen Taler und von jedem der be­teiligten Kinder einen Schwarzmehlkuchen, „Platz" geheißen. Das Christkind ist ganz wunderbar auf­geputzt. Sein Gewand besteht aus einer Unmenge, in wochenlanger Arbeit zusammengenähter, schmaler seidener Bänder, wie sie zum Besatz der in der Gegend üblichen Trachtenstticke verwertet werden. Das Gewand wird, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, ebenso sorgsam wieder in seine Einzelbestand- tcile zerlegt. Den Kopf schmückt eine abenteuerlich aussehende Kapuze aus künstlichen Blumen, zwischen denen zahlreiche wallende Federn emporragen. Datz Gesicht ist mit einem Schleier verhüllt. In den Hän- den trägt das Christkind ein Körbchen zum Aufbe­wahren der Geschenke unb eine Rute zur Abwehr der neugierigen Dorfbuben, die gar zu gern sein streng gewahrtes Inkognito lüften wollen. Bänder­verzierte Ruten schwingen auch die Begleiterinnen und machen, wenn's nötig ist, ausgiebigen Gebrauch davon. So zieht die unternehmende Schar von Haus zu Haus, unter Schellengeläute durch die dunklen Gassen, um — das ist eben das merkwürdige an die­sem Chrisckindlein — nicht Gaben auszuteilen, son­dern zu empfangen. Und sie fallen immer reichlich aus fodaß nach der Auslohnung der kleinen Dar­stellerin immer noch ein beträchtlicher Ueberschuß zur Verteilung kommen kann.

* Bad Ktjsiiigen, 21. Dez. 1911. Die Gwüchie, daß auf der projektierten Hauptbahn Gemün­den- H am m el b u rg-Bad Kif singeu Schnell­züge, insbesondere 0-Züqe nicht verkehren könnten, weil die Trace zu große Krümmungen- erhalte, wer­den zulländlaen Orts als völlig unbegründet erklärt.

* Vom Eichsfelde, 20. Dez. 1911. Eine ori­ginelle WtldbiebHgeschichte bildet gegen­wärtig in dem Dorse Steinbach (Kr. Worbis) Gegenstand einer hochnotpeinlichen Untersuchung. Ein dortiger Einwohner war der Wilddieberei be­zichtigt worden und auf Veranlassung der Staats­anwaltschaft fanden dieser Tage gerichtliche „Er­hebungen" an Ort und Stelle statt. Der der Wild­dieberei Bezichtigte machte aber dem die Untersuchung führenden Richter glaubhaft, daß er nicht Wild­dieberei, sondern — Hundedressur betreibe.

Zu diesem Zwecke hatte er sich selbst eine Art Jagd­gewehr mi8 Holz angeferrigt. Mit seinen Hunden ging er bi den Wald, um sie für die Jagd abzurich­ten. Um die Hunde auch an den Knall der Büchse zu gewöhnen, gab er aus einer Radfahrer-Schreck­pistole Schüsse ab, legte also das Gewehr an die Wange und knallte mit der Schreckpistole. Daß die Angaben des Angeschuldigten glaubwürdig waren, bewies noch der Inhalt seines Rucksackes, in welchem sich Hmideplitsche, Hundeleine, ein Korallenhalsband und ein ausgestopfter Hasenbalg befanden. — Die Anklage wegen Wilddieberei dürfte nach diesem überraschenden Ergebnis der Untersuchung wohl fal­len gelassen werden. Na, na!

vermischter.

* Zum plötzlichen Tode zweier Pionieroffiziere, der Adjutanten des Pionierbataillons Nr. 24, wor- über wir berichteten, teilt die Generalinspcktimi des Ingenieur- und Pionierkorps mit, daß die Todes­ursache bei dem Oberleutnant Fischer und dem Leutnant Tietgens, den. beiden kurz nacheinander verstorbenen Adjutanten des 2. Westfälischen Pio­nierbataillons Nr. 24 in Köln vollkommen einwand­frei aufgeklärt ist. Die Untersuchung hat zu einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen den In­stallateur geführt, der die Gasleitung unter den Raum verlegt hatte, in dem Oberleutnant Fischer durch Einatmen des Gasts seinen Tod fand. Der am 14. Dezember verstorbene Leutnant Tietgens er­lag nach vorheriger, anscheinend leichter Erkrankung, einer am 12. Dezember einsetzenden Gehirnhautent­zündung mit starken Krampfanfällen.

♦ Die Anstrichfarbe des Eifelturms. Die Pa­riser Stadtväter haben sich augenblicklich in zwei feindliche Lager geteilt. Dm Anstoß hierzu gab die wichtige Frage, welcher Farbenanstrich der Eifelturm im nächsten Jahre bekommen soll. Be­kanntlich erhalt der Eifelturm alle fünf Jahre einen neuen Anstrich, der jedesmal zirka 100 000 Franks kostet. Man kann sich daher wohl den Eifer denken, mit dein djese wichtige Frage diskutiert wird. Im Jahre 1889 prangte der Eifelturm in Orangefarbe, dann wurde er rot, dann goldgelb, augenblicklithj leuchtet er an der Spitze silberweiß, während der Unterleib des Turmes chromgelb erscheint. Die Devise der Stadtväter heißt nun auf der einen Seite: himmelblau, auf der anderen: perlgrau, und es ist nicht abzusehen, welche Konsequenzen der Streit noch nach sich ziehen wird.

* Scott und Amundsen auf dem Wege zmn Sud­pol. Kapitän Scotts Schiff „Terra nova" hat, tote aus Christchurch auf Neu-Seeland gemeldet wird, den Hafen von Lhttleton (42 Grad südlicher Breite) verlassen, um sich in das antarktische Eismeer zu be­geben. Das Schiff wird dann im Winterquartier die Rückkehr des Kapitäns aus dem Süden erwar t-n die voraussichtlich Mitte Marz 1912 erfolge«, dürfte Planmäßig sollte Kapitän Scott Anfang November mit seinem Vorstoß nach dem Süden be­ginnen und der Forscher erklärte, bevor er Gngtanl verließ, daß er den Pol vermutlich am 2 2. De­zember erreichen würde. Bekamittich ha' außer Kapitän Scott auch der Norweger Amund­sen eine Südpolexpedition unternommen, währen! die deursche Südpolar-Expedition die südlichen Brei, ten noch nicht erreicht haben dürste. Es besteht nm ein Wettbewerb zwischen dem britischen und den norwegischen Forscher, deren Ausgang man besam ders in England lebhaftes Interesse enigegenbrinqt Die Aussichten Scotts werden schon deswegen für bl besseren gehalten, weil seine Expedition besser misgo rüstet ist als die Anmndsms. Im Verlaufe seines Aufenthaltes im Südpolargebiet hofft Kapital Scott auch wichtige Miniralfunde zu machen, sei, Hauptziel ist e? jedoch, Goldminen zu entdeckest die, wie man annimmt, auf dem Kontinent um de, Südpol in großer Anzahl vorhanden sind.

* Ei« Opfer des Schneesturmes wurde das Segel schiff „Forttma", daZ mit Kohlen von Habersleber nach Flensburg unterwegs war. Das Schiff kentert! unb sank in bic Tiefe. Die Besatzung stieg in ba! Beiboot, bas ebenfalls kenterte, wobei sämtlich' Leute ertranken.

— Movern. „Sie ’agten boch. Sie roiuber meine Tochter glücklich machen, und jetzt wollet Sie sich scheiden lassen?" — „Nun, wirb sie b< nicht glücklich?"

auf Sonja — überlaßt Orlanbo Großvater unb Enkelin sich selbst.

Eine Viertelstunbe später sitzen beibe in einem kleinen Privatsalon bet einem exquisiten Souper ein- anber gegenüber.

„Hast beinc Sache gut gemacht", lacht ber Alte, sich mit ber Serviette bic letzten Reste einer Trüffel­pastete vom Bart wischettd. „Ich bin also vorhin im Coupee nicht umsonst cingeschlafen. Den hast bu fest!"

Sonja läßt die Gabel mit bern appetitlichen Ka­viarbissen, ben sie soeben zum Munbe führen wollte, sinken.

„Wie? Du schliefst nicht

„Bewahre. Es war bie letzte Chance. Deshalb tat ich, als ob ich schliefe —"

Die Röte ber Entrüstung steigt in Sonjas Wan­gen. Sie fühlt sich im tiefsten Innern, in ihren hei-» ligsten Gefühlen," verletzt Doch faßt sie sich rasch wieber.

„Dann brauche ich bir auch nichts mehr miizu- teilen", sagt sie kalr. „Rur bas noch, baß unsere Wege sich von heute ab trennen."

„Ganz meine Meinung!" lächelt ber Greis gemüt­lich. „Was also wünschest bu, daß ich morgen früh bem Herrn Marchese Orlanbo Campanelli antwor­ten soll, sobald er bei mir um beine Hand anhält?"

„Du du deine Einwilligung gibst — der Form Halver."

„Mitte ibig bewegt der Alte ben Kopf hin unb her.

„Armes Kind! Wie kannst bu so kurzsichtig sein?" „Wieso?"

„Wad wäre» bie Folgen meiner Einwilligung? — Erstens.könnten wir nicht als völlig Frembe aus- einanbergehen, wie wir beide es doch wünschen, und ich müßte dich außerdem mit Geldmitteln versorge», was mir, wie du weißt, momentan schwer fiele. Zweitens wären wir gezwungen, mit den Lungos abzurechncn — apropos, bereite dich auf eine baldige Begeammg mit ihnen vor! — Drittens würde dein Orlando bald merken, daß uns außer seinen Bank­

note» keine Geldmittel» zur Verfügung stehen — wenigstens vorläufig nicht, bis ich einen gewisse, Wertgegmstand zu Geld gemacht habe, worüber Wochen, ja Monate vergehen können. Während die­ser Zeit wird datz hochgeborene Parlamentsmityliei. Herr Marchese Silvio Campanelli keine Mühe scheuen, um zu beweisen, daß sein Verdacht doch nicht so ganz ungerechtfertigt war. Natürliche Folge: ein Haftbefehl, .nach welchem ich an Italien ausge­liefert würde und du als mutmaßliche Hehlerin gleich mir ins Gefängnis kämst. Ist diese Aussicht so verlockmd?"

In immer steigender Erregung hat Sonja zeige- hört. Großer Gott, soll der Fluch der Vergangen­heit stets auf ihrem jungen Haupte lasten? Soll ni» ein Sonnenstrahl wahrem Glücks ihr Leben bestrah­len? —

„Was willst du hm, um all das zu verhindern?" fragt sie in bebender Angst."

„Meine Einwilligung zu eurer Verbrndung nicht erteilen!"

Aus weit aufgeriffenen Augen starrt sie d.d Men an, ber mit seiner gewohnten philosophischer Ruhe bafltzt und sich behaglich bie Hänbe reibt — wie stets, wenn sein erfmberisches Hirn einen be- ‘ fonberen „Trick" au-3brötet.

„Unb was soll baraus werben, wenn bu dein, Einwilligung — verweigerst?"

Leise lacht er vor sich hin.

'„Das erfährst bu morgen, bevor ich abrcift Heule nur soviel zu deiner Beruhigung: ich wünsch» die Verbindung — toenn auch hauptsächlich, um Se Hochwohlgeboren, das Parlamentsmitglied Marchefi Silvio Campanelli zu ärgern."

Punkt neun Uhr am nächsten Morgen fragt £>r- lando im Sprechzimmer des Grand Hotel nach dem „Fügten Orloff". Der Kellners, der dem Herrn Fürsten seine Visitenkarte überbrachte, hehrt nach löcnig Minuten bereits zurück — an seinem Arn den blinden Greis führend.

Das Sprechzimmer ist zu so früher Morgenstund völlig menschenleer.

(Fortsetzung folgt)