M 290.
Meitstog 19. vezember |9U
LS. Jahrgang.
«K Das «-Puiver.
Eine sehr interessante Debatte fand zu «Beginn poriger Woche in der französischen Kammer statt. Der Sozialistenführer Iaurös und der Ma' rinemtnlster D e l c a s s ö gerieten sich in die Haare svogen deS famosen ll-Pulvers, das die fatale Eigenschaft hat, sich allmählich selbst zu zersetzen und in den Vorratskammern zu explodieren. „Von alleine" sagt man bei unS. Aus dieses „unhaltbare" Pulver totrb bekanntlich der Untergang der großen Kriegsschiffe Jöna und Siberts zurückgeführt. Von dem gefährlichen Pulver hat man inzwischen einen Teil - u s g e s ch t f f t, nämlich die älteren Jahrgänge aus der Zeit vor 1907. Die neueren Produkte der französischen Pulverfabriken, die Herr JaurLs unter Be- Ntfung auf Eingaben von Fachmännern auch für minderwertig und gefährlich hält, mußte man in den Scksiffen belassen, weil man sie doch nicht ganz pulverlos machen konnte.
Aber auch die alleren Pulverbestände sind nicht insgesamt vernichtet worden, wie man auf Grund von Zektuirgsmeldungen vielfach angenommen hatte, sondern sie lagern gemäß der Erklärung des Marinemini- sters in den Feuerwerkslaboratorien, „damit man beim Eintreten ernster Ereignisse sie w ie der einschiffen könne", d. h.: wenn ein Krieg ausbricht, so zieht die französische Flotte mit demselben Pulver in den Kampf, das die beiden genannten Schiffe unversehens in die Luft gesprengt hat. Der Abg. Jaurös kennzeichnete die Zwickmühle, in der sich die Verwaltung befindet, folgendermaßen: Entweder schiffen Sie das Pulver aus und stehen dann entwaffnet da, oder Sie behalten dasPulver, um be- wassnet zu erscheinm, und befinden sich dann in der [teten Gefahr der Explosion! — Gegenüber diesem chlimmen „Entweder — oder'' suchte sich der Ma- rineminister mit patriotischen Redewendungen zu helfe». Er versicherte pathetisch, die französischen Seeleute könnten überhaupt nicht in Unruhe geraten, Frankreich sei durchaus nicht entwaffnet usw. Daraus erwiderte der unerbittliche Jaurss: „Die toten Seeleute klagen Sie an. Glauben Sie, daß es als Aniwsrt genügt, an das Vaterland zu appellieren?" DelcassS wurde grob und meinte, JaurSs wisse nicht mehr, waS er spreche.
Der Vorgang ist bezeichnend. Frankreich muß sich vorläufig ^'.it dem schlechten und g e f ä h r l r- chen Pulver behelfen, weil es kein besseres Hai. Dieser Zustand kann noch länger dauern, da sich bisher noch nicht gezeigt Hai, daß die französischen Pulverfabriken leistungsfähiger geworden. In Frank- reich ist man bekanntlich immer „erz bereit"; aber Ken« zufällig die schönen Kulissen ein Loch bekommen, 1 sieht man Mängel und Unordnung der b e- denklichsten Art.
Auch in England ist es mit der Schlagsertig- !eit der .weltbeherrschenden" Flotte nicht so lückenlos und ztveifellos bestellt, wie man nach dem überlieferte«! Ruhme glaube» sollte. Abgesehen von einzelnen bedenklichen Unfällen, die im Friedensdienst der Schiffe oorgefallen find, hat die Vorbereitung zur Mobilmachung, die in diesem Sommer stattfand, nach glaubhaften Nachrichten emste Mängel .ergeben. Der Wechsel im dortigen Marineministerium und hie Auffrischung unter den Seelords scheinen die Reformüedürftigkeit der britischen Seemacht zu bestätigen.
Durch diese Erscheinungen auf der Gegenseite dürfen wir Deutsche uns nicht zum Neber- fu t verleiten und in trügerische Sicherei t wiegen lassen, aber wir dürfen doch uns der beruhigenden Zuversicht hingeben, daß bei der deutschen Wehrmacht zu Wasser ober zu Lande das P u V cer gut und trocken, die Organisation richtig entiöorfen und g-Avissenhaft durchgeführt ist. Solche Aergerniffe und Enttäuschungen, wie sie in Frankreich amtlich festgestellt und in England durch gelegentliche Enthüllungen beleuchtet werden, brauchen wir bei der strammen Zucht und der hochentwickelten Technik hier zu Lande nicht zu befurchten. Daher sollten tvir uns auch weder bange, noch unzufrieden machen lassen.
Die bitterernste Probe, auf die der Frieden im letzten Sommer gestellt wurde, hat Och den Beweis geliefert, daß die fremden Regierungen vor der Tä- ngkeit der deutschen Wehrmacht einen heilsamen Respekt haben. Hätten sie bei uns dieselbe mangelhafte Wirifchfft vorausgesetzt, die bei ihnen
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7diflltta — >■» 2. Blatt.
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herrscht, so würden sie vielleicht das Losschlagen gewagt haben.
Die Furcht vor der deutschen Leistungsfähigkeit ist von größte» Bett Darum ist es unverantwortlich, wenn liberale Blätter z» eigennützigen Parteizwecken die deutsche, Finanzen schlecht ma- chen. Die Gegner greifen das sofort begierig auf, weil sie die Finanzen al« ein« wesentlichen TÄ der Wehrkraft betrachten.
Ferner ist er leichtsinnig und gefährlich, wenn di« auf Unzufriedenheit spekulierende Press« voreilig Nachrichten verbreitet über angeblich neue RüstungSpläue auf dem Gebiete des Landheeres oder der Flotte. Da» muß ja tot AuSlande den Eindruck erroafen, daß wir uns ungenügend geschützt und bewaffnet fühlten, und also dort die Hoffnungen und die Anstrengungen neu beleben. Uebrigen« zeigen ja die neuen Erfahrungen, daß für die Kraftprobe nicht die Zahlen und die Massen der Streitkräfte allein ausschlaggebend sind, sondern daß e3 auf die Qualität, auf bi« Güte des persönlichen und sachlichen Materials sowie auf die richtige Organisation wesentlich ankommt.
„Kalte» Blut" empfahl der Reichskanzler neben der festen Entschlossenheit. Mr haben das volle Recht kalte Ruhe zu bewahren; aber dazu gehört auch, daß die liberale Presse kein Gerede macht, das von ben Gegnern ausgebeutet werden kann.
Deutsches Reich
* Der Kladderadatsch war bekanntlich früher ein Witzblatt. Er hat diese Eigenschaft aber so gründlich verloren, daß es der „Köln. Ztg." im vorigen Jahre begegnen konnte, in eurem Feuilleton über die deutschen Witzblätter der Gegenwart den Kladderadatsch völlig zu — vergessen. ES hat nun immer Leute gegeben, die sagten: „Den Kladderadatsch muß man nicht als Witzblatt ansehen, sondem man muß ihn ernst nehmen, dann läßt sich allerlei aus ihm lernen." Es scheint, daß der Kladderadatsch selbst jetzt ähnlich denkt. Sein Verlag hat, wie wir in bet Germania lesen, neuerdings ein« Sammlung von Artikeln und Zeichnungen, die der Kladd. seit 1870 gegen das Zentrum gebracht hat, besonders erscheinen lassen. Diese Veröffentlichung soll als AgitaticmSmaterial bei den Reichs- tagswahlen dienen. Im Jahre 1907, als es fast ausschließlich gegen Zentrum ging, ist man nicht auf diese Idee gekommen. Nun kann ja ein Gedanke oder ein Artikel zugleich witzig.und politisch schlagend sein. Aber der Kladd. sagt davon diesmal nichts, und eine Notiz in einem liberalen Blatte empfiehlt die Publikation vom politischen Standpunkte, wie irgend eine politische Broschüre. Wir finden das ganz korrckt und fachlich. Ob der Kladd. aber den Ruhm, den er als Witzblatt verloren hat, auf dem Gebiete des parteipolitischen Kampfes gegen das Zentrum wiedergewinnen wird, das bleibt eben abzwoarten.
* Rudolstadt, 17. Dez. 1911. Bei den gestern zum Nudolstäbter Landtag vorgenommenen Ersatzwahlen für die zwei gewählten Sozialdemokraten wurden abermals zwei Sozialdemokraten gewählt. Damit ist die sozialdemokratische LandtagSmehrheit gesichert. Der Rudolstadter Landtag ist der erste mit sozialdemokratischer Mehrheit, und man darf gespannt daraus sein, was et nun zu leisten vermag. Es bleibt jedenfalls bedauerlich, daß eS in einem deutschen Bundesstaate dahin hat kommen tonnen, daß die Sozialdemokratie eine Mehrheit tot Landtage besitzt. Thüringen, das sich gern al» „Mutterland der Reformation" preisen hört, ist überhaupt sehr stark von der Sozialdemokratie durchsetzt, die, wie die Landtagswahlen in Schwarzburg-Rudolstadt zeigen, dort noch immer weiteren Boden gewinnt. Und damit vergleiche man, wie in überwiegend katholischen Bezirken und Städten — wir brauchen nur auf die jüngsten Stadtverordnetenwahlen in verschiedenen rheinischen Städten hinzuweisen — die Sozialdemokratie bei den Wahlen von der Zentrumspartei niedergehaltm wird.
Ausland
** Attentat auf den englischen Schatzkanzler. Die Minister Lloyd George und Grey sprachen am
Samstag abend in einer Versammlung einer liberalen Frauenvereinigung über das Stimmrecht. Als sie die Bersammlung verließen, schleuderte ein männlicher Anhänger de» Frauenstimmrechts eine Mes- smgbüchse auf die Minister und traf Lloyd G v- org« in» Gesicht. Die Büchse zerschnitt die Lippe und verletzte da» linke Auge, da« Lloyd George fast eingebüßt hä He. Ein der Tat verdächtiger Mann wurde verhaftet.
*♦ Di« politische Lage to Spanien. Die überraschende Niederlage der Republikaner bei ben Gemeinbewahlen haben wir kürzlich gewürdigt. Sie war auf die gegen früher wett größere Wahlbeteiligung der konservativen Elemente zurückzuführen. Es wäre aber gänzlich verfehlt, besonders grafet Zu- kunstSerwartungen an diese« sonst so erfreuliche Ereignis zu knüpfen. Wohl ist der jetzige Rückgang der Republikaner nicht allein au8 ihrer Uneinigkeit zu et" Hären; es ist vielmehr sicher, daß bet kräftige Vorstoß der katholischen Kräfte in hohem Maße zu diesem Erfolge beigetragen hat. Die katholischen Blätter Spaniens sind weit davon entfernt, sich einem übermütigen Siegerjubel hinzugeben. Sie stellen vielmehr mit großem Ernste fest, daß der jetzige Steg nur erzielt wurde, weil die konservativen und katholischen Kräfte die liberal« Regierung in ihrem verzweifelten Kampf gegen den Repu- blikaniSmus unterstützten und damit eine Einigung aller monarchischen Küäste hergestellt wurde. Auf ähnliche Siege in der Zukunft ließe sich nut bann rechnen, wenn alle monarchischen Elemerck« btefe Einigkeit bewahren würben. Darauf könne man aber deswegen nicht zählen, well die liberale Partei bet der ersten Gelegenheit wieder mit den Feinden der Monarchie sich verbünden würde. Es fei nicht zu ermatten, daß die Liberalen eine konservative Regierung unter ähnlichen Umständen unterstützen würden. Ein Verrat am monarchischen Ordnungsprinzip, wie ihn die liberale Partei im Jahre 1909 bei dem Fetrerkrawall beging, würde sich auch ein zweites mal wiederholen, wenn wieder eine konservative Regiemng ben Kampf mit dem Umsturz aufnehmen müßte Also mit dürren Worten: Ein llbera- l e 8 Ministerium kann auf konservati v« Unterstützung gegen die Revolution rechnen, aber nicht umgekehrt. Diese Betrachtungen ergeben wieder die alte Wahrheit, daß der spanische Liberalismus, besonders der Liberalismus nach der Färbung von Canalejas, ein Schrittmacher der Revolution ist. Und ms diesem Grunde bleiben die Aussichten für die Zukunft für das arme Land noch immer düster genug, auch nach dem schönen Sieg der letzten Tage. Auf die Liberalen ist in Spanien also kein Verlaß mehr, um die Ordnung gegen die Wühlereien der Feinde von Thron und Altar sicher zu stellen. Ein spanisches Blatt machte nun dieser Tage die traurige Feststellung, daß über die Hälfte des spcmisthen Volkes für alle Wahlberechnungen vollständig aus scheid en müsse, da sie politisch vollständig ungebildet sei und sich kein« Rechenschaft über Bedeutung und Tragweite der Wahlen ablegen könne. Das beweist, wo die Wurzel des Nebels eigentlich liegt, nämlich im großen Mangel an politischer Schulung. Namentlich in den Provinzen, in denen der Geist des religiösen ^ndls- serentismus eingezogen ist, soll es damit sehr schleust bestellt feto, ivährcnd gerade in den mehr gläubigen Provinzen des Nordens und NordwestcnS politisches Bewußtsein am tiefsten gedrungen ist.
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** Di« Stärke her Fraktionen im alten Reichstag. Nach ben Blockwahlen zählte die Zentrums- fraltion 105, die konservative Fraktion 62, die natio- nalliberale 55, die freisinnige Fraktion 49, die Sozialdemokratie 43, die Reichspartei 25, die Polen 20, die Wirtschaftliche Bereinigung 19, die deutsche Re- fermpartei 6 Mitglieder, wozu noch 13 fraktionslose Abgeordnete kamen. Das Zentrum behauptete 11 Mandate bet den Ersatzwahlen, verlor Jmmen- stadt und Konstanz an die Nationalliberalen und Düsseldorf an die Sozialdemokraten, gewann aber Singen von den Liberalen. Es schließt deshalb mit einem Verlust von zwei Mandaten. Die Konservativen behaupteten fünf Mandate, verloren Oletzko an die Nationalliberalen, Labiau und Em
den U die Freisinnigen; dazu trat der Vertreter von Reuß älterer Linie aue der Fraktion au«. Die Stattenallib «relen behaupteten 3 Sitze, ve» loten aber Frankfurt a. Oder, Landau, Eannstatt und Koburg an die Sozialdemokraten und Verden an die Deutschhannoveraner. Dazu kommt noch der Verlust von Singen, dessen Abg. Keller den Rational- liberalen nahe stand, an da» Zentrum. Die Vertreter von WormS, Jena und Friedberg traten aus bet Fraktion aus. Der letztere Kreis ging in der Ersatzwahl ebenfalls an die Sozialdemokratie verloren. Den neun nationalliberalen Verlusten stehen die Gewinn« von Jmmenstadt und Konstanz vom Zentrum, Stegen von der Mytschastlichen VePeinigung und Oletzko von ben Konservativen gegenüber, so daß der Gesamtverlust noch 5 Mandate beträgt. Die Sozialdemokraten behaupteten 4 Mandate und gewannen 10, nämlich Frankfurt a. Oder, Landau, Cannstatt, Koburg und Friedberg von ben National- liberalen Halle und UeckermÜnde von ben Freisin- nigm, Eisenach von der Mrtschastlichen Bereinigung, Zschopau von der Reformpartei und Düsseldorf vom Zentrum. Infolge dieser und anderer Verschiebungen in den kleineren Fraktionen stellte sich die Frak- tionSstärke der Parteien am Schlüsse der Legislaturperiode folgendermaßen: Das Zentrum besaß 103 Mandate, die Konservativen 58, die Sozialdemokraten 53, die Nationalliberalen 51, die Fortschrittler 39, die Reichspartei 25, bie Polen 20, bie Wirtschaftliche Vereinigung 18, wobei ihr das durch den Tod des Abg. Liebermann v. Sonnenberg erledigte Mandat von Fritzlar zugezählt ist, die Reformpartet 3, wozu 17 Mandate von fraktionslosen Abgeord- neten kommen. Die Sozaildemokraten hatten danach sowohl die Rcttonalliberalen als auch die Freisinnigen überflügelt. Di« Sozialdemokraten und Liberalen verfügten im ganzen über 153 von 397 Mandaten. Wenn sie im künftigen Reichstage gufammen bi» Mehrhett erreichen wollen, müßten sie wo- nigstenS 46 Mandate erobern.
Billige Zündhölzchen. Der alte Ladenhüter von den teuren Zündhölzchen taucht wieder in liberalen Versammlungen und Zeitungsartikeln auf. Das Zentrum ist schuld, heißt es bann, baß die Zündhölzer soviel kosten. ES ist wahr; das Zen- tmm ist schuld, daß di« Zündhölzer so viel und nicht mehr kosten. Wenn es den Liberalen nach- cegangen wäre, würden die Zündhölzer viel meyr kosten als jetzt. Denn sie wünschten ein Monopol aus Zündhölzer, und der liberale Abg. Osann beklagte am 6. Juli 1909 im Reichstag, daß wctzM des Widerstandes de» Zentrums dieses Monopol nicht erreicht werden könne. Durch das Monopol hätte es die Regiemng in der Hand gehabt, beliebig viel Steuer auf bie Zündhölzer zu legen, ohne daß die Volksvertretung hätte gefragt werden muffen. Daß dann alle paar Jahr« die Steuerschraube etwas angezogen worden wäre, ist sehr wahrscheinlich. Wie heuchlerisch die liberal« Hetze tst, steht man daraus zu deutlich. Zuerst machen fre im Büloivblock eine Masse Schulden, bann lassen sie ander «Leute für Zahlung der Schulden sorgen, und schließlich sch imPfen sie tüchtig über die, welche die Schulden bezahltes Mit einer solchen Partei muß das Voll bei der Wahl schonungslos ins Gericht gehen, vorher wird es im deutschen Reicy nicht besser.
Ans -em Nachbargediele.
* Oberursel, 18. Dez. 1911. Zu der Fami - lientragödte im Hause Sauer wird noch bekannt: Die Schuld an dem entsetzlichen Entschluß Sauers dürfte auch noch darin zu suchen sein, daß er nicht nur in schlechten finanziellen Verhältnissen lebte, sondern auch in einen für ihn sehr unangenehmen Wechselprozeß verwickelt war. Nur durch den Tod sei er in dieser Sache einer neuen Anzeige und Strafe entgangen.
* Hanau, 18. Dez. 1911. Ein leichter Typhus f a l l wurde gestern in der hiesigen In f a n « tcriclafernie des 88. Regiments, 8. Kompagnie, festgestellt. Der Soldat wurde sofort nach dem Lazarett gebracht. Es sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß der eine Fall auf seinen Herd be- schränkt bleibt. Die Ursache der Erkrankung konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden.
Iie Tochter des $er6minlen.
Rowan von Adele Böttcher.
„Das ist nicht wahr!" erwidert Nina heftig, ohne auf die Unruhe zu achten, die ihre Kühnheit sowohl bei dem übrigen Dienstpersonal, wie auch bei den ©toten hervorruft. „Nehmen toir an, es hat wirklich jemand von der Dienerschaft vorhin den Sicher- hetts schrank geöffnet Ist dies schon ein Beweis, daß er sich auch ben großen Diamanten ungeeignet hat? Wie rch höre, waren sämtliche G ä st e beim Suchen des Diamanten beteiligt — die Dienerschaft aber nicht. Wie können Sie mit Bestimmtheit wissen, dafe der große schwarze Diamaili, von dem soviel Wesens gemacht tvird, nicht bereits gefunden stunde? Daß er nicht bereits heimlich beiseite gebracht ist? . . . Sie lachen ungläubig, Herr Oberst. Aber s» etwas kommt vor. Es gibt unehrliche Menschen in jeder Lebensstellung. Ich hab« nichts zu fürchten, sonst toürbt ich mir meinen Mund nicht verbrennen. Ich spreche mir im Interesse meiner Kollegen. Wer von Ihnen, meine Herren —" sie wendet sich zu den Gästen, die teils verwundert, teils belustigt zuhören — „loet von Ihnen würde einen Dieser engagieren, der unter dem Verdacht« des Diebstahls einer körperlichen Visitation unterzogen worden war? Kein«! UnS die Ehrlichkeit absprechen, heißt: uns ruinieren . . Ich für meinen Teil widersetze mich der Bifitatton, und ich rat« euch allen —" mit ausgefireckten Händen tritt sie auf die sprachlos Äbe Dienerschaft zu — „ich rate euch allen,
icheS zu tun."
Immer lebhafter, immer erregter springen die Worte von Nina» Lippen, Jetzt gcht ste hocherhoba- ften Hauptes art ihren Platz zurück.
Unruhig rückr der Oberst auf feinem Stuhl hin Wnb her
« Der, Marchese aber läßt sich nichch verblüffen. Durchdringend ruht fein Mick auf dem Kammerdiener Bernardo, der soeben Vortritt und in b«scheide» HM Tone sagt:.
„Ich möchte nur bemerken, meine Herren, daß ich die Sach« in etoem anberen Lichte sehe, tote meine Frau. Ich widersetze mich einer Visitation nicht."
„Aha, steht die Sache so?" murmelt bet Marchese. Ihm war der ärgerliche Blick nicht entgangen, den Bernardo feiner Frau, während sie vorhin sprach, zugeworfen.
„Me beult ihr übrigen über die Angelegenheit?" fragt der Oberst nach ebner kurzen Pause, indem er sich zur Dienerschaft wendet.
Schüchtern tritt der Gärtner vor — ein alter Mann mit weißem Bart, der in seinem Kreise Hobes Ansehen genießt und deshalb fefjon ebn Wort riskieren darf.
„Herr Oberst! Ich bitte alleruniertänigst um Berzeihmg. Aber toa» meine geehrte Vorrednerin, Frau Nina, gesagt hat, trifft dein Nagel auf den Kopf. Nn? bie Ehrlichkeit absprechen, heißt: uns ruinieren. Wir armen Teufel sind nicht in der beneidenswerten Lage, wie Sie, hochgeehrte Herren."
Leises Lächeln auf allen Gesichtern. Selbst über die ftrengen Züge bet Marchese Silvio huscht etwa? tote Humor.
Hierdurch ermutigt, fährt der alte Gärtner pathetisch fort:
„Herr Oberst! Sie sagten, der verloren gegangene Diamant bedeute einen großen Tess Ihre? Vermögens. Wenn er nicht gcfr.nbm wird, müssen Sie vielleicht Ihren Haushalt einschränken und mehrere von uns entlassen, und wir Armen müssen uns neue Stellungen suchen. Und dabei ständen toir unter dem Verdacht be3 Diebstahls!"
Lebhafte Zustimmung bei der Dienerschaft, während der Gärtner flch mit der umgekehrten Hand über die Äugen wischt und, selbst gerührt durch seine rhetorischen Künste, forifährt:
„Meine Vorrednerin hat ganz richtig gesagt: er gibt unehrliche Menschen in jeder LchenSstellung — bei hoch und niedrig, bet arm und reich. Darum, hochgeehrte Herren — wen« «ine Srperiiche Visitation stattfinden fast ist «S nur recht und billig, daß alle Anwesend en rotiert »erben. Und da affe
Herrschaften während der letzten Stunden Diamanten durch ihre Hände haben gehen lassen, während toir Dienstboten wie Gefangene abgesperrt wurden, schlage ich alleruniertänigst vor, daß die Herrschaften zuerst drankommen. Wonach für uns Diener nichts Erniedrigendes mehr drin liegt, wenn wir hernach auch visitiert werden. Nichts für ungut, geehrte Herren!"
„Sehr richtig! Gang logisch!" erwidert der Marches«, während der alte Gärtner flch mit einer linkischen Verbeugung zurückzieht.
„Unsinnl" ruft der Oberst stirnrunzelnd. „Das wäre das non plus ultra der Absurdität!"
Doch der Marchese ist anderer Meinung.
„Behandele die Sache als einen Scherz!" raunt er seinem Freunde halblaut zu. „Aber — gib auf alle Fälle deine Zustimmung!"
Der Oberst springt auf und stemmt die Hände auf den Tisch. Sein gutes freundliches Gesicht ist dunkel- rot vor Aerger.
„Zum Kuckuck noch einmal — meinst du, daß dies Gerede von Gleichheit zwischen Herrschaft und Dienstboten mich die Gesetze der Gastfteundschast vergessen läßt? Ich soll meine Gäste unter meinem eigenen Dach beleidigen? — Niemals! Richt für alle Diamanten der Well!"
„Aber wenn deine Gäste darein willigen? Ja, wenn sie darauf bestehen?"
„Sie werden sich hüten", brummt der Oberst.
„Das fragt sich. — Mein« Herren —", toenbet der Marchese sich zu den Freunden des Gastgebers, die sich bei dem leisen Wortwechsel zwischen ihm intb dem Oberst ein wenig zurückgezogen hatten — „meine Herren, darf ich Sie bitten, mir einen Augenblick auf die Terrasse zu folgen? — So — ich danke Ihnen. — Sie wissen alle, ich bin nicht der Mann, der eine ernste Sache leicht nimmt. Ick) sage Ihnen jetzt au» vollster Ueberzeugung: der Diamant befindet sich nicht in dem Händen eine» Dienstboten, sondern in den Händen eine» Gaste». Ich beschuldige letzteren hiermit öffentlich, und Jh» Ehr« wirb Ihnen gebieten, sofort eine körperliche Untersuchung m verlangen i"
Allgemein: Erregung unter den Gästen. Ein kurzes Hin und Her — und die Zustimmung ist ge- geben.
„Ich will nichts damit zu tun haben", brummt der Oberst, die Hände in ben Hosentaschen vergrabend. ’
„Es ist auch daS Beste", erwidert der Marchese trocken. Mit deiner Erlaubnis will ich die ganze Sache in die Hand nehmen und damit auch jede Ver- Mtwortung."
Widersttebend nickt der Oberst mit dem Kopf und zieht sich ein wenig zurück.
In diesem Augenblick kommt Boris Orloff au? dem Garten auf die Terrasse — wie gewöhnlich mit strammem, militärischem Schritt, die Schultern gerade, den Kopf hoch. Seine rechte Hand steckt vorn in dem bis oben geschlossenen Rock: die linke ruht auf dem Arm seiner Enkelin. Er spricht lebbast und heiter auf Sonja ein, und dies läßt ihre wie lauschend gesenkte Kopfhaltung natürlich erschein.n.
„Erspare dem Greis wenigstens die Schmach!" tuschelt der Oberst in gedämpftem Ton dem Marchese zu. bei diesem rührenden Anblick der Hilffoflgkeit und Unschuld. „Er war bei Tisch, als die eleftri'chen Glocken ertönten und hat sich auch an dem Srtchen nicht beteiligt. Er ist blind i"
„Aber sein Diener ist nicht blind", lautet die gelassene Entgegnung.
Und ohne noch weiter auf das ärgerliche Gemurmel seines Freundes zu hörens geht der Marchese dem alten Russen und seiner Enkelin entgegen und erklärt ihnen kurz, was vorgefallen und beschlossen ist.
Sonja wird todesbleich; einen Mommt erscheint cS, als scksivanke die schlanke Mähchengestalt. Ihr Großvater dagegen steht ftuhig und hocherhobenen Haupte» da und hört mit wachsendem Erstaunen M.
„Ich kann wohl kaum annehmen, daß Sie im Ernst sprechen?" sagt er stolz.
„In vollem Emst."
„Sie find nicht mein Gastfreund Wo ist der
Herr Oberst?" *-
Rasch tritt Oberst Morgan» vor. htertf. f.)