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Letatienrdruüua» Verlag der Lnldaer Ab Ilendrnckrrei ix Zulda Lerxfprecher Kr.tz.

38. Jahrqang.

Fulda, Montag den 18. Dezember 1911.

Erstes Blatt

3h Seit ReichAiiKimhIep.

+ Der Groftblock.

Der Großblock marschiert! ries triumphierend da» .Berliner Tageblatt", die eiftigste Vorkämpferin btt Zusammmschlusses des Liberalismus mit dem Um» tur.5, als die Wahlaufrufe der liberalen Parteien an *)k Oeffentlichkeit kamen. In der Tat, der Groß- slvckgedanke marschiert und bei den Wahlen wird er sich als wirksam erweisen.

Was will man mit dem Großblock? Welches wer­den seine Folgen für uns sein? Der Endzweck bet Zusammenschlusses des Liberalismus und der Sozial- beiKotraitc ist ü Ausjitmltung des Zentrums, o. q. dem Zentrum soll jede Einwirkung auf den Kurs der RegiecungSgeschäste unmöglich gemacht werden. Den Konservativen gilt der Kanstss nur, .weil sie die Niv- öerringung des Zentrums nicht mitmachen wollen. Dem Zentrum aber gilt er um seiner selbst willen. Gedenkt man der Verlästerung des Zentrums durch Liberale und Sozialdemokraten, der Verleumdung sei­ner parlamentarischen Tätigkeit, so könnte man ver- ucht sein, in der politischen Betätigung i es Zentrums die Ursache der grimmigen Feind' ichast des Liberalismus und d-S Umsturzes suchen zu sollen. Aber das ist es nicht. Das eimgenbe Band, daS sich um Liberalismus unb Sozialismus schimgt, ist der Hast gegsu Rom, gegen die lawotiikve Kirche und die christliche Weltanschauung überhaupt. Schlägt man das Zentrum, dann be­raubt man die katholische Kirche in Deutschland ihres mächtigsten Boll­werks. Solange der kacholische Volksteil im Deut­schen Reiche im Zentrum eine starke parlamentarische Vertretung hat, werden alle Angriffe auf die Rechte und Freiheiten der katholischen Kirche an den Mauern des Zentrumsturmes zerschellen. Das wissen Libe­rale und Sozialdemokraten nur zu gut und darum bieten sie alles aus, das Zentrum zu vernichten.

Selbswerständlich bestreitet der Liberalismus, daß das Endziel seiner Bestrebungen der Kampf ge- gett Rom, die Entchristlichung des Staates das trei­bende Moment seines unnatürlichen Bündniffes mit der Umsturzpartei ist. Aber bedarf es wirklich noch Beweise dafür, wohin der Großblock steuert? Der Bülow-Block ist von liberaler Seite gefeiert als eine „befreiende Tat gegen die Herrschaft Roms". Der Ferrer-Rummel, die Hetze gegen die Bor­rom äus-Enzyklika, gegen den M o d e r ni­st e n e i d u. a., was sind sie anders als der Ausbruch eines fanatischen Hasses gegen alles, was katholisch ist. Was sollte es mich anders sein, was den kapitalistischen Liberalismus mit dem revolutionären und kommunistischen Sozialismus eint, wenn nicht der Haß gegen Rom! Für die Katholiken Deutschlands kann es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß sie es sind, deren heiligste Güter vom Großblock bedroht sinb. Drum ist es Pflicht je­des Katholiken, dem Zentrum seine Stimme zu ge­ben, damit es auch in Zukunft das feste Bollwerk bleibt gegenüber allen Angriffen des Unglaubens au die Freiheit der katholischen Kirche.

Aber auch die gläubigen Protestanten sollten die Gefahr nicht unterschätzen, die dem positi­ven Protestant. Christentum vom Großblock droht. Wohl wiffend, daß der Gegner getrennt leichter zu schlagen ist, bemüht sich der Liberalismus, den kon­fessionellen Unfrieden zu schüren. Und leider nicht oh-ne Erfolg. Mögen alle gläubigen evan­gelischen Christen ein offenes Auge für den Werde­gang bet Dinge haben. Die Schläge, bie man bcr katholischen Kirche versetzen will, können nicht ohne Rückwirkung auf das positiv gerichtete Protestanten- tum bleiben. Die Angriffe der Liberalen auf bie konfessionelle Schule zeigen aufs deutlichste, was für beide Konfessionen auf dem Spiele steht.

Der Großblock marschiert und für all« auf dem Loden der christliche» Weltanschauung stehenden Wähler, seien st« Katholik«, seien sie Protestanten, gilt eS daher, gemeinem* Ideale zu verteidigen.

Rebe« der kultnreüe» Bedeutung der Großblock- bestrebunge« ist tt das »irtsch-ftltche Mo­ment, da, den Großblock alr ehrt schwere Geftchr für unser deutsche, Bnlertand erschernen laßt. Freisinn und bi« Sozialdemokratie mb die eingefchworenen Gegner unserer Schutzzoll » Politik. Ihr Traum ist der Freihandri, und e» kann keinem Zweifel unterkiegen, daß von de« Bestrebungen dieser beiden Parteien bie Nationalliberalen allmählich ergriffen werden. 28an möge sich erinnern, daß bei der Einsetzung dec Schutz- zolftwlitll die Nationalliberalen ihr feindlich gegen­über standen. Zudem liegen jetzt Anzeichen vor, daß in der nationalliberalen Partei die Anhänger der Schutzzollpolitik nicht mehr so zahlreich sind, als in der Zeit um 1903.

Welches würden die Folgen einer Abkehr von unserer bewährte« Schutzzollpolitik fein? Die Ant­wort ergibt sich von selbst, wenn man bedenkt, daß der beispiellose wtrtschaflliche Aufschwung des deut- chen Reichs, der Ausbau feiner Wehrmacht und die Durchführung der sozial« Gesetzgebung nur möglich war unter dem Schutz der tm Jahre 1878 begonnenen Schutzzollpolitik. Dies alles wäre bedroht und in Frage gestellt durch einen Sieg des Großblocks. Da­her darf kein Wähler, der den gerecht« Standpunkt vertritt, daß die nationale Arbeit geschützt werden nuß, dem Großblock seine Stimme geben. Run könnte reilich der Einwand gemacht werden, die Gefahren des Großblocks seien gar nicht so groß, da die Re­gierung nicht mithin würde. Wer das glaubt, der gibt fich einer gefährlichen Selbsttäuschung hin. Wir erinnern an das Entgegenkommen, welches die Regierung den liberalen Ansprüchen gegenüber durch das Leichenverbrennungsgesetz und durch ihre Hal­tung bei dem Pflichtfortbildungsschulgesetz und dem preußischen Wahlgesetz bewiesen hat. Zu dieser liberalisierenden Tendenz der Beth- man n'schen Politik stimmt auch das beftemdliche Schweigen, das die Regierung in dem gegenntürtigen Wahlkampf beobachtet hat. Ein Vorgang, der einzig dasteht. In einer so entscheidungs fchweren Zeit, wie es die gegenwärtigen Wahlen sind, findet die Regie­rung nicht ein eintziges Wart der Abwehr gegen den Umsturz. Wie anders war das im Jahre 1907. Mit dem Schweigen der jetzigen Regierung gegenüber dem Umsturz läßt sich auch leicht die an und für sich un­begreifliche Tatsache vereinbaren, daß die Regierung auf die im Reichstag aufgestellte Behauptung, daß Negierungsvertreter zur Wahl eine» Sozialdemokraten aufgefocdert hätten, mit keinem Worte erwidert Hai. Dieses Schweigen der Regierung kann gar nicht anders gedeutet wer­den, als ein Abwarten auf die Entscheidung dec Wahlen, um danach den Regierungskurs einzustel­len. . Bis dahin will die Regierung es mit keiner Seite verderben.

Die Gefahren, die ms i» kultureller unb wirt­schaftlicher Beziehung vom Großblock drohen, sind ernst und schwer. Der Kampf les Großblocks richtet sich in erster Linie gegen das Zentrum, dessen Niederringung die Schaffung neuer Ausnahmegesetze gegen die katholische Kirche bedeuten würde. Wir stehen in diesem Kampf allein. Auf die Re­gierung ist kein Verlaß unb so müssen wir alles daran setzen, damit das Zentrum in alter Stärke wieder in den neuen Reichstag einzieht, als stackster Schirm und Wacht für bie hechelten her katholischen Kirche.

Schwere Gefahren wird das Zentrum im kom­menden Wahlkampf zn bestehen haben, aber eS kann unb darf auf die Treue feiner SScSIet zählen, unb wird darum unverzagt den schwerm Kampf auf­nehmen.

(*) Um den Angehörigen bei BeurlaubtenstandeS die Ausübung bei Wahlrechts zu ermöglichen, haben sämtliche deutsche KriegSministerien im Hinblick auf bie bevorstehende ReichStagswahl angeordnet, daß in der Zeit vom 13. Januar (allgemeiner Wahltag) bis 80. Januar (letzter Termin für Stichwahl) Ein­berufungen zum Militärdienst nicht erfolgen bürfen. Auch haben am Wahltag wie an den Tagen von Stichwahlen Beorderungen von Mann- schcssten des BeurlaubtenstandeI zu den Bezirks« kommandos zu unterbleiben.

* Wahlaufruf beS Hanfabundel. Der Hcmsabund erläßt seinen Wahlaufruf. Er bezeichnet darin als nächstes Biel die Erfüllung der Aufgabe für unser deutsches Bürgertum, alles daran zu fetzen, damit Gewerbe, Handel und Industrie in dem kommenden Reichstage eine angemessene Vertretung finden. Weiter wird, und das ist wohl bie Hauptsache, zu tatkräftiger finanzieller Unterstützung auwefordert in der Erwartung, daß jeder Kaufmann, Gewerbe­treibende und Industrielle seine Pflicht tue.

Wahlkreis Hanau-Eklnhaufen-Olb.

8 Hanau, 17. Dez. 1911. Nachdem dal Zen- trum die Aufstellung einer eigenen Kandidatur für den Wahlkreis Hanau-Gelnhausen-Orb beschlossen hat, ist nunmehr auch in die Wahlbewegung ringe- treten worden- Am Freitag abend fand in der Zen­tralhalle eine gutbesuchte Wähler-Versamm­lung der Zentrumspartei statt. Der VersammlungS- leiter, Mittelschullehrer Danz-Hanau, legte In seinen Begrüßung? - Worten dar, anS welchen Er- wägungen heraus vie Zentcumspartei beschlossen hat, im hiesigen Wahlkreise selbständig in den Wahlkampf einzutreten. Dann sprach der bisherige bayerische Landtags - Abg. Tremmel über b;e Tätigkeit des Zentrums im Reichstage in der letzten Legislatur- Periode, worauf der Kandidat der Zentrumspartei, Redakteur Gers aus Aschaffenburg, sich seinen Wäh­lern vorstellte und in längeren packenden AuSfüh- rangen sich über die verschiedenen politischen Fragen äußerte.

♦ Offenbach, 17. Dez. 1911. Al« national­liberaler Kandidat für den Wahlkreis Offenbach- Dieburg wurde der frühere Oberbürgermeister von Offenbach, Brink, aufgestellt.

* Köln, 16. Dez. 1911. Die Nationalliberalen werden als Kandidaten den gWer der Junglide, ralen, Rechtsanwalt Falk aufstellen, der auch von der Fortschrittlichen Volkspartei unterstützt wird. Die Konservativen verhandeln mit den Christlich- Sozialen wegen Ausstellung eine- gemeinsamen Kandidaten, als welcher der christliche Arbeiterführer Behrens in Betracht kommt.

* Kreuznach, 16. Dez. 1911. Chefredakteur Dr. Oerriet (B. b. L.) soll seinen Rücktritt von der Kandidatur im Reichstagswahlkrerse Kreuznach- Simmern erklärt haben.

* .Stehen Sie in der amtli ßeu Wählerliste?"

Von besonderer Wichtigkeit ist auch, daß bie Namen derjenigen jungen Männer nachgesehen werden, die bis zum Wahltermin das 25. Lebensjahr erreicht Haden. Gerade diese zum ersten Mal Wahlberechtigten werden bei bet Ausstellung der Wählerliste leicht übersehen.

Deutscher Reich.

»♦ Berlin, 16. Dez. 1911. Der Kaiser hörte am Samstag vormittag verschieden« Vorträge, u. a. den der MarinestaatsfekretärS und des ChefS des MilitärkabinettS. — Der Gouverneur von Kamerun, Tr. Gleim, wird von Teneriffa aus, wo er seine Fahrt unterbrach, voraussichtlich am 23. b. M. in Deutschland eintreffen. Nach seiner Ankunft können dann die Beratungen über den in dem Kongovertrage festgelegten Zuwachs seines Schutz­gebietes beginnen.

S 3«m neuesten Motnpropris schreibt die,Nordd. Allgem. Z 0/:

Di« Erklärung der Kurie, wonach daS päpstliche Mvtuproprio „Qnintavis diligentia“ Deutschland nicht berührt, ist von unserer öffentlichen Meinung fast über­all mit Befriedigung ausgenommen worden. Nur ver­einzelt finden sich Kritiken, bie nicht sachlich be­gründet ünd, sondern sich auf künstlich herbeigeholte Gründe stützen. Man mäkelt z. B. an der Form der vatikanischen Erklärung und möchte sie in eine unver­bindliche Aeußeru« des Kardinalstaatssekretärs um­deuten. Eine solche Berdunketung des Tat­bestandes ist aber angesichts der Umstände, unter denen die Erklärung herbeigesührt wurde, unmöglich. Sie wurde von der für den Berkehr der Regierungen mit dem Papste zuständigen Stelle aus eine amtliche Anfrage des preußischen Gesandten in ebenso amtlicher Weise mündlich und schriftlich abgegeben. Sie ist eine authentische Beurkundung dafür, daß die Kurie elbst dem Motuproprio eine Bedeutung für Deutsch­land nicht beilegt. Daraus, auf die Feststellung der Nichtgültigkeit für Deutschland, kam es an, und darauf war auch die Anfrage gestellt. Rach der formellen Erklärung deS Kardinalstaatssekretärs, wonach schon nach Interpretation des kanonische« Rechts das Motu- proprio für Deutschland nicht gilt, war es auch nicht mehr nötig, dieser Interpretation die Rücksicht ans Verfassung und Gesetze zur Seite zu stellen, an die die preußische Regierung gebunden ist.

Nun wird bi« Kulturkampfsfeele wohl endlich Ruh« hakun. Der Eifer, mit dem der Reichskanzler sich beeilte, bi« Aengste der Herren Kulturlämpfer zu verscheuche» und den er aud) jetzt wieder beweist, ihr« noch immer nicht ganz geschwundenen Sorgen zu bannen, iß wirklich rührend. Di« holde Schar braucht bloß zu schreien, und fiugS setzt der schweig­same Kanzler dem Papste die Pistole auf bie Brust. Die Katholiken mögen Beschwerden über Beschwerden erheben — danach kräht kein Huh» und kein Hahn. Di« das katholische Bock vertretend« Zentrum Spartei läßt ja daS Reich m seiner Slot nicht sitzen; fie leistet ihre Arbeit umsonst. Die Liberalen dürfen eilte Reichsfinanzreform glatt ablehnen; st« dürfe» Sbie neuen Steuer» in «»verantwortlicher

i hetzen: st« dürfen Tausende inS Lager der Umsturzpartei treibe» und fich direkt mit der Sozial­demokratie verbinde» — der Kanzler schweigt, und beschert den Liberalen.Kulturerrungenschaften* rot«, die Lrichenverbrennung auf öffentliche Kosten. Dem Zentrum di« Arbeit an unangenehmen (Steuern — den Liberale» die Hetzer de» Liberalen das Zuckerbrot — den Kalhokwe» die Peitsche. DaS ist BethmannS philosophische Regierungskunst.

Je? Gegen bie Finanzhetze. Wenn die Verirrung der parteipolstischen Agitation nicht an sich so traurig wäre, s» klimte man lache» über bie geradezu krampfhafte» Bemühungen bet Liberalen, den günstigen Eindruck der amtliche» Zahle» über bie Ergebnisse der neuen Steuern zu verwischen, die Finanzen des eigenen Landes schlechter zu machen, als fie sind, unb bei der Unantastbarkeit der Gegen­wart wenigstens durch willkürlich« Prophezeiung von neuen Zuümstssteuern tum der alten Miß­stimmung etwas zu retten. Di« Regierung läßt aber in der Adwchr der Fttnu^verkeumdung« nicht nach. Neuerdings gibt fi« durchschlagend« Zahle» über die Verminderung der ReichSschulden, In der ,Nordd» Allg. ßta.' wird ausgeführt r Während von 1900 brS 1909 bie Reichsschulden um 9700 Millionen anwuchsen, konnte vom 80. September 1910 biS dahin 1911 108 Millionen Anleihe abgeschrieben unb obendrein 40 Millionen fälliger Schatzanweisungen bet eingelöst werden. Seit 1909 ist der in den Statt vorgesehenen An- leihebedars ständig um 50 Millionen jährlich ge­sunken, und tatsächlich ist een den Anleiheermäch­tigungen in 1910 und 1911 tefat Gebrauch gemacht worden. Für 1919 find vorsichtshalber noch 48,T Millionen Anlerb« in Aussicht genommen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch diese Begebung nicht nötig fein. — wegen We Wucht dieser Tat- sa den reiche» die raffinierteste» Hetzkünste nicht aus.

Ne Mttr des BerbmN.

23] Rowan von Adele Böttcher.

„Idiot! @)el!" knirscht er mit gutgefpiefter Ver­achtung. „Ihre Dummheit hat alles verdorben. Sir mußten doch die elektrischen Drähte sehen, wenn welche da waren und die Verbindung durchschneiden. — Ich bin blind; aber Sie —"

„Ich habe keine gesehen," murmelt der Diener kleinlaut.

„Bah! Keine gesehen. Sie sind ebenso dumm, wie Ihre Frau. Die hat sich schön blamiert und den Verdacht sofort auf sich gelenkt. Erst will sie vorn herum entwischen •— und daM hinten herum. Wahr- Lch, ein würdiges Paar, dem ich solche delikate An­gelegenheiten antiertraut habe!"

,^Hol der Kuckuck das Weib!" zischt Bernardo mit geballten Fäusten.

„Papperlapapp!" höhnt der andere. „Ihr Schimp­fen nützt Ihnen gar nichts. Die Hauptsache ist: hat sie das Ding oder nul)t?"

Listiges Lachen verzieht das soeben noch wutver- zerrte Gesicht des Dieners.

„Bewahre. Ich hab's I"

„So — ?" Kein Zug in dem gleichmütigen Ge­sicht des Greises verrät seine triumphierende Freude bei dieser Nachricht. „Freilich, Sie sind ja stets der Schlaue!" fährt er spöttisch fort. „Uebrigens — mir scheint, eS zieht. Schließen Sie das Fenster! Lum Hinunterspringen ist es doch zu hoch; meinen Sie nicht auch, mein Bester?"

Schweigend blickt Bernardo den Greis von der Seite an. Wie unheimlich genau et seine Gedanken beraten hat! Fast graut ihm vor dem alteh Schlau- W.

„Natürlich werden Sie das Ding nicht aus der Hand geben wolle«, obgleich es bei mir entschieden sicherer wäre," höhnt Orloff weiter. „Aber merken Me sich eins: sollten Sie zur körperlichen Btfltation Gerufen werden, so geben Sie es mir! Gr ist zu Kroß zum Verschluckeft. Und wenn es bet Ihnen ge­

funden wird, kann nicht» Sie vor dem Zuchthaus be­wahren . . . Als» — Vorsicht!'

12.

„Er ist fort und damit bastaI" ruft Oberst Mor- gano nach einer Stunde vergeblichen Suchens mit er­zwungener Heiterkeit. „Ich hoffe nur, dm lieben Gasten fft der Appetit nicht vergangen! Also — wieder zu Tisch! Marsch!'

„Ganz meine Meinung!" bekräftigt seine Gattin mir ihrem liebenwürdigen Lächeln. „Darf ich di« Herrschallsten bitten, einen kleinen Spaziergang durch der Park zu unternetznm, bis die Dimer die Tafel von neuem arrangiert haben?"

Allseitige Zustimmung. Doch der Marchese Eam- panelli hält die Herren zurück.

„Seifen wir die Dame» allein gehen. Wir wollen hier bleiben."

„Aber lieber Silvio —" wchri der Oberst ei — „wir haben ja alle» dnrchfncht!"

„Nur nicht die DiSrtpschast."

O, meine Dimer —'

„Ich sage nicht, daß ich Dein« Dienern miß­traue," fällt der Marchese «mst ein. „Da der Dieb sich ab« zweifellos noch tm Haufe befindet, mußt du, um bie Ehrlichen « entlasten, bett Schuldigen her- auszufinden suchen."

Zweifelnd schüttelt der Oberst ben Kopf. Mb er jedoch steht, daß dem Vorschlag allseitige Anerkennung gezollt wirb, meint er ta kläglichem Zone:

„Na meinetwegen —1 toet wie?"

„Wir gebe» alle in di« BibUoHek. Die Poftzd sten brauche» wir jetzt »och nicht. Du läßt die ganz« Dienerschaft dorthin komme» und eröffnest ihr, bei» großer schwarzer Diamant sei di» gestohlen toeebes, unb da der Dieb »och tm Hanse sei, solle sich jeder, der fich unschuldig fühlt, disitter« kaffen."

Der Oberst fährt sich mit beide« Händen durch bei dichte, leicht ergraute Haar.

„Weist Gott, ich tu’l nicht gern! Aber im sagst, -es must sei«. Lu» — nur zu! Doch bitte, rocht schnell, damit Wtz Mb W bin!"

Gleich darauf klopft e8 an der Tür von. Orloffs Zimmer.

„Herein!" ruft der Alte, fich bchaglich in feinen Sessel zurücklehnmd, während er bet fich hinzufügl:. „Bravo, da sind sie ja schon!"

Der Marchese Silvio und Leutnant Borgoni tre­ten eint Mt wenigen Worten erflärt ersterer ben Gründ seines Kommens und spießt mit dm Worten:

„Sie gestatten gewiß Ihrem Dimer, uns hinunter zu begleiten!"

„Selbswerständlich!" Unb, stch zu seinem todes­bleich und zitternd dastehenden Kammerdiener wen- benb, fügt er hinzu: „Folg« Sie dm Herren, Bernardo!"

„Möchtm Die nicht auch mitkommen, mein Fürst?" fragt Leutnant Borgoni höflich.

„Nein, danke. Aber wenn Sie mir meine Enke­lin heraufschicken wollten, würde ich Ahn« sehr Bet» Kunden fehl*

Mit einer zustimmenden Verbeugung wmdm sich beide Herren znm Gehen.

Bernardo weiß nicht, soll er folg« »der bleiben. Angstschweiß bedeckst seine Stint.

„Bernardo!" ertönt plötzlich Orloffs sonore Süm- me. „Bevor Sie gehen, reich« Sie mit noch mein rotfeibette» Taschentuch! Er muß da irgendwo lie­gen — virileicht auf der Kommode!"

Langsam holt der Diener da» gewünscht« Tuch — auffallend langsam — und überreicht er mit tiefer Verbeugung feinem Herrn. Dann folgt er dem Mar­chese und de« Leutnant, bie, ihn schärf beobachtend, an der Tür auf ihn warten.

Als bie drei die Bibliothek betreten, find bereits alle versammelt.

Der Oberst sitzt a» seinem Schreibtisch. U* ch» herum hoben feine Freunde Platz genommen. Ihnen gegenüber, tm anderen Ende btt Zimmer», steht bie Dienerschaft — link« die Männer, recht« di« Frauen.

DaS Gesicht der Kammerfrau Nina iß graubleich, mte etn« WachSmaske; bet »ematbtt Eintritt nimmt e» dwe faß grünlich« Färbung an,

Jetzt, da man vollzählig ist, ftcht der Oberst auf. In wenig Wort« und mit so fester Stimme, wie r» fein Widerwille» gegen diese eifgebrungene körper­liche Untersuchung zulckßt, erklärt er dm Tatbestand.

„Ihr wißt all«, daß ich kein« von euch des Dieb­stahls für fähig hafte," schließt et mit einem wohl­wollenden Blick auf sein« altbewährte Dimerschaft. „Aber damit eure Unsuchld offen zutage trete — auch vor diesen Herren hier —" er oeutet auf seine Freunde so muß ich —"

Hier wird et durch die Kammerfrau Nina unter- brechen, die plötzlich Vortritt.

„Gestattm Sie mir ein« Frage, Herr Oberst!" sagt sie in tiefverletztem Ton«. „Welches Recht habe» Sie, uns körperlich vistiier« zu laffm?"

„Hm — oh« einen Unterfnchmrgsbefehl habe ich allerdings kein Recht dazu. Ader —" er zögert.

„Entschuldige, bafc ich dich unterbreche, liebet Ar­turo," fällt der Marchese rasch «inj, indem er auf- steht. „DaS Anerbieten ist aus dem Grunde gestellt —", fährt ec, zu der Kammerstau gewmdet, kurz fort — „damit Ihnen Gelegmheit aegebm werde, Ihre Uns^ild ohne polizeilichm Befiehl zu beweisen."

„Und woher neunten Sie das Recht, einen von un< für schuldig zu halten," ruft Ätna empört.

„Ich halte niemand von euch für schuldig," be- gürigt der Oberst rasch.

.Gestatt« Sie güttgst — Ste tun es doch!" b» harrt »ine. „Bern ersten Augenblick des Diebstahls en bewacht man uns Dienstboten wie Diebe. Ich frage nochmals:, mtt welchem Recht?"

De« Oberst wird tntmet unbchaglicher zumute. Wie hülfesuchmd richten sich seine outen, fteurchlichm äug« aus fein« kerzengerade dastehenden Freund, der ihm» diese stwle Geschichte edizebrockt hat und bet jetzt tm strengen Tone an feinet Statt erwiderte:

„Der Verdacht muß auf eine Person unter Ihn« fall« - ht Ermangelung irgendeiner andern.

(Fortsetzung W->