M 288.
Sonntag 16. Dezember |9U
58. Jahrgang.
* Tuldaer M Zeitung
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4- Blatt.
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gember 1881, jene Karrcftroph«. bic vor dretzig Jahre, unnennbare« Elen» über zahlreich« Familien brachte. Meine laute fid in Ohnmacht uh» nannte mich, al» f« sich erholt hatte, unter Küssen ihre LebenSreti rin. ®o haben wir dem Strumpfband und meiner Vergeblichkeit tatsächlich unser Leben gu verdanken, währen» mein schöner Fähnrich und feine Verwandtschaft pt unserem unsäglichen Schmerze ihr Leben einbüßten.
• »et »en Rettnngeardeue, »erbraanl. Bei einem Feuer, das in dem Dorfe Zawadlke in Russisch. ’45olen durch Braadstlflung aungebrochen war, wurde der größte Teil bei Daei emgeäschert. Der Bauer ßojae und sein Sohn erlitten bei den ReltungS« arbeiten den Tod, die Frau und der Bruder schwere Brandwunden.
Literarischer.
„Des Gotteskiiibe» Lieg im -sodanöhain". Drama für die WelbnachiSzecl vou Fr. DonatuS Pfau n< Müller O.F.M. Preit 1 Mark, 12 Ex. 10 Mk. BerlagSanftalt Ä. Vol mer, Recklingbamen.
Ein Bonifatius» und et» Weihnachtsstück! Etwas für die Vereinsdüdnen der Diözese ftulda. BonifaliuS erster Erfolg bet Amöneburg. Spannung und Weihe liegt über dem Stücke; die Sprache ist der Stimmung angepaßt, wenn sich auch der Rhythmus nicht immer so ohne Sträuben in die Form des echten deutichen Blankverses fügen will. Alles in allem ein Stück, dal der ländlichen Bühne, die ihren Beiuchern einen Abend frommer Unterhaltung und reiner Erhebung bieten will, nur zu empfehlen ist. Dem Verfasser wünsche ich ein« g«d«ihliche Weiterbildung; der Ansatz dazu ist sicher vorhanden! H. B.
Süchen-Kalenber und Wirtschaftsbuch für da» Jahr 1912. Verlag bon W. Vobach und Co., Leipzig.
Da? Wirtschaftsgeld richtig einzuteilen, ist bei der heutigen allgemeinen Teuerung eine schwierige Aufgabe der Sausfrau. Dennoch wird eS ihr gelingen, wen, sie sich über alle Ausgaben Rechenschaft ablegt, damit sie weiß, wo sie sparen kann. Diese Arbeit, die mancher SanSfrai umständlich erscheint, läßt sich ohne Muh« und großen Zeitaufwand durchführen bei Benutzung bon Vobachs „Küchen-Kalender und Wirtschaftsbuch. Aus,er den vrakti-ch bearbeiteten Tabellen und einem Kalendarium zum Vormerken von Gedenktagen ustv. enthält der Küchenkalender und Wirtschaftsbuch" einen reichhaltigen Küchenzettel für alle Tage de» Jahre«, zahlreich«, erprcbte Rndiregebte für den bürgerlichen Tisch. Wäschetabellen und eine Fülle von praktischen Ratschlägen für Küche und Saug sowie eine Anleitung zue ersten Hilfe bei Unglücksfällen und plötzlichen ®t» lrai uugen. Tel aller dieser Reichhaltigkeit kostet Bo- bach« „Kuchen-Kalender und Wirtschaftsbuch", der alten Hausfrauen zur Anschaffung und fleißiger Benutzung besten? empfohlen werden kann, nur 60 Pfg.
Wie wohnt man im Eigenhause billiger als in bet Mietswohnung? Wie beschafft man sich Bau» kapital u. Hypothek? Für alle Mieterkreise in Stadt und Land herausgegeben bon F. Flur, kgl. Bauinspektor. 60. Tausend. Mit 70 Abbildungen, Ansichten und Grundriffen der Hausbeispiele nebst Angabe der Baukosten. Preis 1 <H (Porto 10 4). Westdeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H„ Wiesbaden 35.
Der Verfasser weist nach, daß jene kleinen schmucken Familienhäuschen vor den Toren der Stadt in den bescheidenen Villenauartieren keinen größeren ZinS» aufwand beanspruchen als die Mietswohnung. Wer im Garten Obst und Gemüse baut, oder nebenher auch noch Hühner, Kaninchen oder Ziegen hält, der erzielt daraus jährlich einige Hundert Mark Ruhen und wohnt um die Hälfte billiger. »Wie verschafft man Baugeld und Hypothek" ist ein besonderes Kapitel tu der Schrift.
[] Die Eidenfrage.
Turch unser politisches .Desinteressement' in Marokko haben wir wirtschaftliche Vorteile einhandeln wollen. Daß uns da» nicht in vollem Umfange gelungen ist, hat nicht zuletzt dazu decgetragen, daß das Maroktoabkommen nirgends vollkommene Befriedigung auslösen könnt«. Der Reichskanzler hat selbst in seiner Marokkorede am letzten Zöge der Reichstagsver Handlungen dem Sinne nach zugeben müssen, das alles Wirtschaftliche tu lflta» rok'o von dem guten Wtllen Frankreich» abhüngt. Besonders bezieht sich das auf l»e Eisenerz-Frage. Das Susgebiet, jener Tut Marokkos von dem es hieß, daß Deutschland ihn für sich beanspruche, ist besonders reich an ergiebigen Eisenerzlagern. Der Marotkoverlrag regelt nun allerdings die Erzaussuhr in Marokko. Aber auf wirtschaftlichem Gebiet sind die UmgehungSmöglicb- keiten der Veitragsbestmmungen noch viel zahlreicher vorhanden, als auf politischem. Und wa» dann, wenn der »gute Wille" Frankreichs veriagt?
Bei unserer deutschen Erzarmul ist diese Fruge von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Dr. A. Wirth hat ausgerechnet, daß unser Erzvorrat in Deutschland noch 200 Jahre aus- reichen werde, bann fei der deutsche Boden erschöpft. Neuerdings modifiziert er diese seine Schätzung noch in der für die deutschen Erz. Verhältnisse ungünstigem Sinne, Er schreibt im «Tag«:
Ich habe inzwifchen neuerdings mit Industriellen Sesprochen, und bin zu folgendem Ergebnisse gelangt: sm Mineitegebtet, in der Näl>e von Luxemburg, da sind noch große Vorräte an Eisenerz vorhanden, und es wäre nur zu wünschen, daß drei« Vorräte noch jahrhundertelang dauern würden. Allein hier kommt eine entscheidende Tatsache in Betracht: da» dortige Erz ist stark phospborhattig. Derartiges Er, ist aber für unsere gesamte Feinindustrie, für Messer, Bajonette, Werkzeuge aller Art, lerner für Kanonen nicht brauchbar. Die Feinindustrie verarbeitet vhosphorsreies oder wenigitens phosphorarmes mangan- halliges Eisen. Derartige Metalle gibt e» jedoch bet uns hauptsächlich nur im Siegerland, und auch das Naht schon seiner Erschöpiung.
Für unsere Geiamterpörderung sind wir jetzt schon vom Ausland abhängig, und zwar um den Betrag eines Drittels. Dieser Betrag erhöht sich jedoch sehr bedeutend, wenn man die Qualität der Erze in Betracht zieht. Bei uns, im Minettegebiet, ist man schon mit 85 v. H. reinen EiienS, ja sogar mit 33 v. H. zufrieden. Dagegen wurden im schwedischen Lappland, bei Gallifara, Erze, die .nur" 50 v. H. reines Eisen besitzen, eiusach auf die Halde geworfen. Und Proben aus Marokko, die aus dem Dschebtlet. zwischen Mara- kesch und Safi, stammen, enthielten 64 v. H. Folglich ist die Beteiligung beS Auslandes an unserem Gesamt- erzverbrauch noch wett größer als ein Diittel.
Nach dem Urteil besonders sachverständiger Leute wird jedoch unser hochwertiges Eisenerz in dreißig Jahren schon zu Ende feto.
In 30 Jahren alto wären wir bei der Fabrikation unserer Kriegsausrüftung vollständig auf die Eisenerze des Auslandes angewiesen! Diese Tatsache muß weitsichtigen Politikern zu denken geben. Zumal, da Dr. A. Wirth einen Welttrust tn Eisenerzen, durch den der deutschen Industrie die hochwertigen Eisenerze des Auslandes gesperrt würden, keineswegs für eine Unmöglichkeit hält. Als Beweis dafür weist er auf die Tatsache hin, daß die Firma Ätupp schon jetzt durch eine französische Gruppe aus der ergiebigen Uenza-Mine an der Grenze Tunesiens und Algeriens herausgedrängt worden ist. Welche Aussichten werden sich da für die Eisenerze tn Marokko ergeben?
Vorläufig können wir ja der Zukunft mit Ruhe entgegensetzen. Aber immerhin werden unsere Wtrt- schaftspolitiker ihr Augenmerk darauf zu richten wissen, daß Frankreich bezüglich der wirtschaftlichen Abmachungen in Marokko seinen „guten Willen' auch betätigt.
Ans dem Nachbaraebiete.
* Meßen, 14. Dez. 1911. Die Gesamtzahl der Besucher imferer U niv ersität Im Wintersemester 1911 /12 beträgt 1428. Darunter befinden sich 1272 Studierende, 5 Hospitantinnen, 65 Hörer
36 Hörerinnen. Im Sommerfemcfter waren 1821 Studenten vorhanden, dagegen ist die Freouenz gegen da» Wintersemester 1910/11 um etwa 50 geftiege».
• Som Westerwul», 15. Dez. 1911. Der Versand der Ehristbäume, der von hier hauptsächlich nach dcn Städten am Rhein geht, hat jetzt wieder begonnen. Viele Besitzer von wertlosem Trieschland, da» sonst keinen Ertrag brachte, haben dieses in den letzten 10 bi» 15 Jahren mit Tannenbäumchen bepflanzt, die nun al» Ehristbäume ein hübsches Stück Geld einbringen. Leider sind durch die Dürre des letzten Sommer» vtflq bat kletrpsi Nadelbäumchen ringe- gangen.
* Mainz, 15. Dez. 1911. Di« Stadtverordneten bffchlossen, da« statistische Bureau in ein ftati« stische» Amt umzuwandeln. Man steht hieraus, welche Bedeutung von der Stadtverwaltung In Mainz der kommunalen Statistik betgemefsen wird. Leider gibt es noch viele Stadtverwaltungen, die nicht einmal ben selbständigen Bemühungen der Presse um Verwertung statistischer Ergebnisse da» wünschenswerte Entgegenkommen zeigen.
* Riederlabnstein, 15. Dez. 1911. Hier ist eine Orissahung zum Schutze der Stadt gegen Ver- unstaltun g eingeführt worden. Sie bezieht sich auf drei Straßen und sechs Gebäude, darunter die sehr alte St. Johanniskirche, di« St. Barbarakirche, die Oberförsterei mit Kapelle, dar „Wirtshaus an der Lahn',
vermischtes.
• Ein« Schwurgericht?sitzung ohne Geschworenen fand beim Landgericht Bochum statt. Es handelt sich um eine Anklagesache gegen den Kaufmann Naaf, der wegen einfachen Bankerott» zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Naaf legte Revision beim Reichsgericht ein, indem er das Verfahren be- mängelte; da» höchste Gericht wies die Sache an die erste Instanz zurück. Da aber lediglich das Strafmaß bemängelt worden war, war e» unnötig, die Geschworenen noch einmal in Bewegung zu setzen, denn die Geschworenen urteilen bekanntlich nur über schuldig und nicht schuldig, messen aber nicht die Strafe ab. So fand eine SchwurgerichtSfitzung ohne Geschworene statt. DaS neue Urteil lautete auf 2000 Mark Geldstrafe, die durch die Untersuchungshaft al» verbüßt erachtet wurde.
* Tapfere Frauen. In Berlin wurden dieser Tage acht Spielhöllen ausgehoben, in denen hauptsächlich Leute deS Mittelstandes spielten. Die Frauen der Spieler, die den Verlust am meisten spürten, da ihnen da» Wirtschaftsgeld von ihren ehrenwerten Ehe Herren entzogen wurde, hatten di« Polizei von der Existenz der Spielhöllen benachrichtigt.
• „Wir haben uns nicht getraut." Prinz August Wilhelm hat neulich einer Sitzung der Lichtenberger Stadtverordneten beigewohnt. E» war die, in welcher die Verschmelzung mit Berlin einmütig beschlossen wurde. An einer darauf folgenben gemeinschaftlichen Sitzung der Lichtenberger mit den Rummelsburger Gemeindevertretern nahm der Prinz mit dem Regierungspräsidenten nicht mehr teil. In dieser Sitzung rückte» plötzlich die Alteingesessenen beider Orte mit allerlei Gründen gegen die Verschmelzung heraus, so daß ein Stadtverordneter Däwell sich veranlaßt sah, ihnen zuzurufeu: „Warum hab> n Sie denn Ihre Be. denken nicht vorhin geäußert, als der Regierungspräsident und der Prinz da waren! Sie waren doch c lle einverstanden!" Peinliche» Ecktveigen. Da fand sich aber in der Tat ein Alteingesessener, der ganz naiv zur Verteidigung erwiderte: .Wir haben uns nicht getraut, die Hände hochzuheben."
* Mit einem Besenstiel «schlagen wurde auf einer Hochzeit in Kronheide bei Staraard in Pommern ein Bauunternehmer, der mit mehreren Hoch- zeilsgäften in Streit geraten war.
• Beim Eislauf auf dem Dorsteich bei Sparsee in Pommern sind drei Kinder ertrunken.
* Wegen Betrug» hatten sich der Privatmann Donath, der Privatmann Btichof aus Bautzen tn Lachsen, der Bademeister Btichof und der 'Moormann Bischof an» OppelSdorf vor der Strafkammer zu verantworten. Die Angektagt'n waren beschul- digt, Moorbäder mit Verwendung benutzten Moorschlarnrn» an Gäste verabreicht zu haben. Sie wurden gu fünf bejro. einem Monat Gefängnis verurteilt.
* Auf eigenartige Weise ist in Leipzig bet Postillon Schöne verunglückt. Al» er auf dem Post- tjefe an seinem Wagen etwa» nachzusehen hart«, stieß er sich plötzlich die Deichsel ins Auge. Er wurde sofort tu» Krankenhaus überführt, wo er alöbald verstarb.
• (Eie Geizhals. In Flensburg starb ein Ren- Her Daemicke, bet sehr dürftig gelebt hatte; et ging nur tn abgetragenen, fast zerlumpte» Kleidern, bewohnte eine kümmerlich ausgestatteie, nach dem Hofe hinauSgehende Stube und wollte bei seinem Tod« auf Kosten bet Armenoerwaltung beerdigt werden. Nach dem Tod« de» Geizhalse» fand man 200000 Mark in Wertpapieren. Als lachende Erben kommen zwei Berliner Tarnen in Betracht.
* Folgende Erinnerung an ben Brand de» Wiener RiegtheaterS, der vor 30 Jahren, am 8. Dezember 1881, ftcttfanb, wird der „Voss. Ztg." etngesen- d«t: III» ich noch in ben Bockfischjahren war, erhielt ich von meinen Eltern die Erlaubnis» noch dem schönen Wien reifen zu dürfen, um die einzige Schwester meiner Mutter, die dort als kinderlose Witwe eines höheren Offiziers lebte, zu besuchen. In Wien führte mich die gute Tante bald in die Gesellschaft ein und besuchte mit mir häufig Oper und Schauspiel. Mit besonderer Freude begrüßte ich eS, als meine Tante Eintrittskarten für ein neues großes Ausstattungsstück bestellt hatte, von welchem man sich allseitig einen großen Erfolg versprach. Direktor Franz Jauner hatte als Novität im Ringtheator „Hoffmanns Erzählungen" einstudiert, und wie aus der Reklame zu ersehen war, glänzend inszeniert. Ein besonderer Umstand erhöhte mir die Aussicht auf einen wonnevollen Abend. Ein entfernter Verwandter, ein junger Fähnrich. wollte uns mit seinen Angehörigen im Parkett treffen, und ich sollte neben ihm sitzen. Welche Seligkeit für einen Backfisch. Schon frühzeitig wurde sorgfältig Toilette gemacht, und weil bis zum Beginn der Vorstellung noch Zeit übrig war, benutzten wir nicht den bestellten Fiaker, sondern beschlossen, zu Fuß zu gehen, um dec Tante nach dem Abendessen etwas Bewegung zu verschaffen. Wir promenierten durch die Kärtnerstraße bi? zum Kärtnerring, wo wir vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen blieben, um die neuesten Bilder anzuschauen, von denen eins mich fo sehr fesselte, daß meine Tante vorausging, andere Schaufenster zu betrachten und mir zu rief: „Kind, komm bald nach!" Als ich einige Minuten später mich zum Weitergehen anschickte, sah ich vor mir am Boden einen roten Gegenstand liegen, 0 weh, ez war mein eigenes Strumpfband. Was tun? In großer Verlegenheit bückte ich mich danach, flüchtete in den Etagenaufgang des nächsten Hause», um es schleunigst wieder anzulegen. Hierbei hatte ich da? Etui mit dem Opernglas, das ich in der Hand trug, bei Seite gelegt. Kaum war die Ordnung an meiner Toilette wieder hergestellt, als ich Schritte auf der Treppe hörte und schleunigst davoneilte. An der Ringstraße holte ich meine Tante ein, die mich zur Eile mahnte. Nachdem wir eine kurze Strecke gegangen waren, sagte plötzlich die Tante: „Kind, wo hast du da» Opernglas?" Ich war starr vor Schreck, eilte zurück, aber die Stelle, auf die ich das Etui gelegt hatte, war leer. Was beginnen? Ich traute mich kaum zur Tante zurück und vergoß reichliche Tränen hinter derselben Türe, wo ich noch vor wenigen Minuten froh und glückstrahlend gestanden hatte. Weine» erleichtert, und so faßte ich ben Mut, zu meiner ungeduldig wartenden Tante zu eilen und ihr das Mißgeschick zu erzählen. Die Tante nahm eS mild auf Wir gingen stumm ivciter, als die Tante mich nach den Theaterkarten fragte. Jetzt erst trat mir die Größe deS Unglücks klar vor Augen. „Ich hatte sie ja in das Etui des Opernglases gelegt." Die gute Tante sagte ob meines Jammers nichts mehr, sie bnufte mir nur die Hand und ging mit mir nach dem naheliegenden Schiller-Cafä. „Wir wollen uns hier von unserem Schrecken ausruhen,' sagte sie, „unsere Theaterstimmung ist für heute in die Brüche gegangen.' Schließlich hielt sie mir doch über mein flüchtiges Wesen eine kleine Strafpredigt, dabet war fast eine Stunde im Casä vergangen, als wir durch Feuerlärm erstreckt wurden und alles durcheinander schrie: „Beim Immer brennt'», das Ringtheater am Schot- tcnrtng steht in Flammen!" Das Furchtbare setzte alle Welt in Verwirrung. Noch heute ist es mir, als erlebe ich von neuem den Schreckensabend des 8. De-
StcflaraeB- und Anzeigenteil.
Appetitlosigkeit
IDr. Hommel’s Haematoge»
----- ■■■ 20jähriger Erfolg! -----------
! Man verlange au»drück» >en Namen Dr. Hommrl.
Unpolitische Zeitlaufe.
N. Berlin, 14. Dezember 1911.
(Nachdruck verboten.)
Wenn das Weihnachtsfest herannaht, möchte ich ben Lesern zurufen, daß das Jahr 365 Tage hat, manchmal 366.
„Was hat denn das mit der Weihnachtsfeier zu tun'" O, sehr viel!
Unter dem Christbaum sind die Beute wirklich nett. Da blühen die Üblichsten Tugenden so üppig empor, wie die Blumen im Treibhaus. Opferwilligkeit. Dankbarkeit. Zärtlichkeit, Familiensinn, HäuS- Uchkeit, Gemütlichkeit — es ist eine wahre Pracht. Ach, wenn es doch immer so wäre hier unter dem wechselnden Mond! Mer der Bescherungstag bildet nut den 865. Teil des Jahres. Und wenn man die ganzen drei Festtage, welch« diesmal aufeinanderfolgen, als volle Musterlage rechnen will, so bleiben immer noch 362 „gewöhnliche" Tage übrig. DaS Festkleid bet LiebmSwürdigkett wird wieder abgelegt; 12 Monate lang laufen die Leute wieder in ihrem AlltagSge- toanbe nebeneinanber unb durcheinander. Unb tote sieht bas AlltagSgewanb cmS? Wie steht eS um die Gemütlichkeit am häuslichen Horde, wenn die Hausgenossen sich unwiert unb ungeschminkt toieber so geben, tote sie find?
Son bem „Sauber" ber häuslichen Weihnachtsfeier pflegt man viel zu fingen unb zu sagen. Jawohl, die Feier zaubert un» aus dem irdischen Jam- mectal hinaus in eine bessere Well, wenn toir ein lautere» Her, und einen guten Willen unter bat Christbrnnn bringen. Wenn toir aber die Liebenswürdigkeit uns nur für den AugenblickSbedars ancniä- len, dann ist bet AuSbruck „faulet Zauber em Platz.
Darf denn unter bem Weihnachtsbaum Kontö- bi e gespielt werben? Darf man am Christfest Mum- »enkchmy treiben, als ob schon Fastnacht wäre? ES P ein häßlich« Maskenscherz, wenn zänkisch«, hartherzige, treulose Familienmttglteder zu Weihnachten «kS Liebesengel sich cmffpielen.
Stet alte Russe PotenLn ist „berühmt" geworden, ec seiner Kaisern, auf einer Besichtigung» reffe
blühende Dörfer zu sehen gab, die gar nicht existieren. I Er hatte tn ben öbvn Steppen hie unb da Gerüste aufschlagen unb mit Zeug bespannen lassen, bie von weitern wie Häuser ünb Kirchtürme aussahen. Wenn bie Kaiserin vorbeigefahren war, würbe baz Blond- toerf beseitigt, unb bie alte Wüste lag toieber in ihrer Trostlosigkeit ba. „Potemkinsche Dörfer" nannte man bas. Unter bem Weihnachtsbaum gibt» auch Potemkinsche Dörfer der Liebe.
Da ist z. B. der Familienvater unb Haushaltung»- borftanb. 51 Wochen im Jabt spielt er ben anspruchsvollen, launischen, rücksichtslosen Herrn beS Hauses, der nur seine Becmemlichkeit unb (ein Behagen allein im Siime hat. Nur in bet Woche vor Weihnachten fällt ihm ein, baß er für Frau imb Kinder doch auch einmal eine angenehme Uebecraschung besorgen muß. Das ist ihm lästig, aber ba es so landesüblich ist, muß er schon sich mit einem Einkauf bemühen. Ist et gar zu bequem, so gibt er fehlet Frau ben Auftrag für bie Kinder etwa» zu besorgen, und der größeren Tochter da» nötige Geld zu der Bescherung für die Mutter. An dem heiligen Abend bleibt er einmal auSnahmStoeise gu ßattfe, weil eS elften? sich fo gehört und zweitens tn der Stammkneipe heute nickt» los ist. Er setzt ein freundliches Gesicht auf unb rebtt auch so süß, wie man eS sonst niemals cmS seinem Mnnbe hört. Kommt ibm ba8 Gähnen an. so dreht er ben Kopf nach der Schattenseite. Die häusliche Feier verlauft programmäßig, unb wenn ber „gute' Hausvater bte letzten Danksagungen eingeheimst hat, fo denkt er bei sich: „Na, da» toäre ja überstanden: von morgen ab geht'? wieder tm alten Gleise. Süßigkeiten müssen mit Maß genossen werden. Zu einem Familienstmvri will ich mich nickt ausbilden. Weibe» und Kinder darf man nicht zu sehr verwöhnen.'
Unb die toflrblge Hausmutter? Wo ist denn ihre spitze Zunge geblieben? 6te, bte sonst in strengem Ton kommandiert, sagt beut: „bitte' und lächelt herablassend dabei. Ihre gefürchtete Knauserigkeit hat sich in Freigebigkeit verwandelt. Sie denkt nicht bloß an ihren eigenen Staat, sondern ist emsig tn einem Dutzend von Säben becumgdaufen, um für bie Ihrigen etwa» Hübsche» zum Wärmen ob« zur Zierbe etozickaufen. Sogar tk bte Kinder, bie simst so oft ihr auf bie Nerven Men, hat sie Spielzeug besorgt
und überweist ihnen dasselbe mit einer Portion von Ermahnungen zum vorsichtigen Gebrauch und einem nachdrücklichen Kuß. Der Mann steht ihrer mütterlichen Gebarung nachdenklich zu und seufzt im Innern: Ach, wenn du doch alle 365 Tage im Jahre so sanftmütig wärest!
DaS aufsprossende Töchterlein ist sonst etwas modern angdjaudjt und liest lieber Romane, als daß sie sich an der Hausarbeit beteiligt. Mer zu Weihnachten ist sie tn die Küchenschütze geschlüpft und hat eigenhändig einen Kuchen fabriziert, der ben Eltern unb Geschwistern imponieren soll. Da er nach gutem Willen schmeckt, so loben tbn auch die Eltern nach Kräften, und der vorlaute Bruder raunt ihr erst am nächsten Tcwe zu. daß ihm baB mißratene Zeug noch schwer im Magen liege. Ja, das Fräulein hat sogar angeblich ihre Abneigung gegen Handarbeit überwunden. Pater und Mutter werden mit gestickten oder gehäkelten Dingerchen überrascht, bet denen man nicht unterscheiden kann, wo bie gekaufte Vorlage aufhört unb bie eigene Arbeit anfnnat. Utoer’m Weihnachts- baum aber rechnet bas Fräulein nach, ob unb wie tS mit ben empfangenen Geschenken sich gieren unb ben Freundinnen imponieren kann, unb wenn bte Bescherung nicht nach Wunsch ausgefallen ist, so tröstet sie sich mit bem Gedanken, e» werde ja wohl bald ein reicher freier sich finden, der ste tn bessere Verhältnisse überführt. Das hindert ste aber nicht, am Halse ber Eltern einige Dcmkbarkeitstranen zu probuztv- ten unb gefühlvolle Lieber auf bem Piano abzuftn- gom. Nach Weihnachten wirb sie ihren Eigensinn, ihre Arbeitsscheu, ihre Eitelkeit unb Begehrlichkeit nach tote vor die Zügel schießen lassen.
Und b«r Sohn des Hauses tn seinen Flegeljabrenk Der zeigt schon bte treffliche Anlage zu allen llntu* genben feines Vaters. Es wirb ihm noch schwerer, als bem erfahrenen Alten, bie häusliche Gemütlichkeit zu markieren. Da» Einbeftnsen seiner Bescherung ist ihm etwas reelles; da» übrige hatt er für Klimbim. Am liebsten möchte er mit ber außerordentlichen Aufbesserung seines Portemonnaies gleich loSgehen, um mit seinen luftigen Kameraden „sich auszuleben". Er sagt Dank, ab« er sagt nicht, baß er eigentlich mehr erwartet hatte. Unb wem feine Mutter schließlich feststem, daß so «in gemütlicher Abend tm Fa
milienkreise doch bas schönste unb glücklichste sei, so nickt er Beifall unb spekuliert dabei auf den Hausschlüssel. -
Es ist nicht alles Gold, toaS am häuslichen Weih- nachtsfeste glänzt. Am Baume bangt Flitter; auf dem Gabentisch liegt viel Flitterzeug; baS schlimmste aber ist bas flitterhafte Spiel mit erheuchelten Gefühlen unb hohlen Worten.
Wohl bem, bet sagen kann, bie gezeichnete Skizze paßt nicht auf ihn unb bie ©einigen. Der soll sich freuen unb ben Himmel bitten, daß seinem Hanse eine wahre, echte, reine, befetigenbe Feier mit lauterer Christfeststimmung erhalten bleibe. Die meisten Menschen werben aber Anlaß haben, nach einer Auffrischung unb Verbesserung bes Welhnachtsgeistes zu streben. Da muß man roieber bei sich selbst anfangen. Denn bu belne Gabe zum Weihnachtstisch bringen willst unb erinnerst bich, baß belne Angehörigen an beinern Betragen eüvas auszusehen haben, so ist der Entschluß zur Besserung dringlicher und wertvoller als alle Geschenke. Er soll ein Fest der Liebe sein, und dazu mußt du vor allem Liebe zu ben Deinigen mitbringen. Es soll ein Fest ber Eintracht sein, unb baju mußt bu ben ernsten Entschluß mitbrtugen, bich tn bie häusliche Ordnung einzufügsn und dein» Selbstsucht dem gemeinsamen Wohle nnterzuordnen. Es soll ein Fest bet G emütlichk eit sein, unb bas kann es nur werben, wenn auch bu ein lautere» Gemüt, ein gutes Gewissen mitbringst unb dich zu der Erkenntnis aufschwingst, daß das eigene Behagen nicht besser gesichert werden kann als dadurch, daß man den anderen Behagen bereitet. Es soll ein Christfest fein, und bie erste Christenpflicht ist bie T r cu e, das beharrliche Festhalten an bem, wa? man Gott gelobt, seinem Gott, seinen Ettern, seinen Äinbem versprochen hat.
Zum Weihnacht»b«um schreite nicht als Schau-» spielet ob« Beutejäger, fonbetn braver, ehrlich« Christenmensch und treuherzige» Familienglied. Dann wirb bte Botschaft be» Friedens auch dir unb beinern Hause gelten, unb e» wirb Freube herrschen auch an einem mageren Gabentisch. Der Geist ist k», der froh macht « , »