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mw* roodicnbeuay: „Illustrierte Somtagrzeitung"
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Eefatiottsbtudunb Verlag der Fuldaer Lk> ttensruckerei in Futda Ferusprecher Ur. 9.
jtf 288. Erstes Blatt.
ftuIba, Samstag den 16. Dezember 1911,
38. Jahrgang.
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Die heutige Ausgabe msatzt 18 Seiten.
oje Irr Parts nnd in London hat es wieder hochpolitische Verhandlungen im Parlament gegeben, die auch uns berühren.
Dir franzönsche Kammer begann am Donnerstag die Marokko-Debatte. Aus dem Verlauf des ersten Tages ergibt sich bereits mit voller Bestimmtheit, daß die Kammer das deutsch- franchstsche Abkommen genehmigen wird, und »war unverzüglich. Ter Abg. Graf de Mun, der das Abkommcn sehr scharf kritisierte, erntete freilich stürmischen Beifall, auch von den Bänken der Regierungs-Radikalen; aber als es zur Abstimmung kam, wurde sein Antrag, die Sache bis nach Abschluß der Verhandlungen mit Spanien zu vertagen, mit der erdrückenden Mehrheit von 448 gegen 98 Stimmen abgelehnt, Rian will aufräumen mit der deutsch-sranzösifchen Streiiirage. Die große Mehrheit ist um so bemerkenswerter, als die Rede des Ministers des Auswärtigen, Herrn de Salves, weithin enttäuscht hatte. Nach Erledigung des Abkommens mit Deutschland wird das Ministerium eine Krisis durchmachen wüsten, bei der zweifellos Herr de Salves über Bord gehen muß.
Bezeichnens für die Stimmung in Frankreich ist die lebhafte Begeisterung für die „Freundschaft und Bündnisse*, die aus allen Seiten der Kammer und bei der Regierung zu Tage trat. Dian hat offenbar die Ueberzeugung, d ß der verhältnismäßig günstige Ausgang der Verhandlungen mit Deutschland der Hilfe Englands zu verdauten ist. Die Verehrung für den „großen Bruder* fenieitS des Kanals wird auch dadurch nicht beeinträchtigt, daß England bei den jetzt schwebenden Verhandlungen mit Spanien eine ganz andere Haltung entnimmt, al? bei den Verhandlungen mit Deutschland. Jetzt tritt England, das sich den drillen Siuhl am Ver- handlunostisch errungen hat, für die spanischen Interessen ein, um die Stellung Frankreichs in der RachbarschMI der Straße von Gibraltar nicht zu mächtig werden zu lasten. Die Franzosen laste'.r sich das geduldig gefallen. Die Kammer murrte nur ein wenig, als der Minister des Auswärtigen die Nachgiebigkeit gegen Spanien gar zu deutlich vor aller Wert proklamierte, weil man mit Recht fürchtete, daß dadurch die spanischen Minister anspruchsvoller werden könnten. Der Gesamteindruck ist und bleibt: Frankreich hat sich damit abgefunden, daß se ne eigene Kraft nicht ausreicht und die englisch-russischen Krücken ihm unentbehrlich sind.
Das rrud auch bestätigt durch das Eingeständnis der R geiung, sie habe bei Beginn der Verhandlungen mit Deutschland drei Bedingungen gestellt, deren erste lautet: „Unsere Freunde und Verbündeten mußt-n out dem Lausenden gehalten werden.* Daraus kann man so gern, daß die Einmischung der englischen Regierung in der vierten Jnliwoche auf einen Hilferuf Frankreichs erfolgt ist. Die Tatiache würde freilich die Verantwortlichkeit von Sir Edward Grey für die brutale und zehr gefährliche Form seiner Einmischung Mcht aufheben.
Unter den weiteren Mitteilungen des französischen Ministers sä <t auf, daß die deutschen Diplomaten im Laufe der Verhandlungen von e nem Austausch in Togo und Kamerun gegen die ganze französische Kongokolonie vom Oz^an bis zum Sanga und auch von wirtschaftlichen Sonderrechten in einem Teile Marokkos gesprochen hätten, lieber diese Punkte wird unsere Regierung vielleicht noch Auskunft geben, -zunächst muß man testhalten, daß bi? Besp echung einer Möglichk-.it noch keineswegs folgern läßt, die deutsche Regierung habe em solches Endziel ernstlich erstrebt. Es g 4t, Frankreich für den Gedanken einer ernsthaften Ko.mpensat on emp- sänz'.lch zu machen. Natürlich wurde zunächst ^vorgeschlagen*, mehr gefordert,als man unbedingt haben woll'e, wie das bei solchen „Geschwftn* üblich ist. Es ist auch wohl denkbar, daß Herr v. Kiderlen gelegentlich gesagt hat: Eine Kompensation für unseren politischen Verzicht müssen rott jedenfalls haben; wollt ihr uns keine Kolon e in Msttclafrika abtreten, so müßte der Ausgleich in Marokko gesucht werden, etwa durch Einräiimnng von wirtschaftlichen Vorteilen für Deutlchland im Süden des Lances! Das wäre ein Versuch gewesen, durch Hmweis auf ein größeres Hebel die Franzoien in der Kongofrage nachgiebig zu machen. Sicherlich hat die deutsche Diploma'ie das Endziel der allgemeinen offenen Tür und der roirt- schaftttchen Gleichberechtigung festgehalten, das den deuttchen Interessen am besten entspricht. Tatsächlich hat ja auch Deutschland den anderen Na- tion n dasselbe gesichert, waS es für sich aus- bedungen bat.
Wie nun Frankreich mit Spanien und deffen englischen Gönnern ins Reine kommt, geht uns nichts an. Wir sind zufrieden, wenn die französische Kammer das Abkommcn mit uns genehmigt. Die Be- tetlrotU gleit dazu ist für den Frieden vorteilhaft.
Sehr friedliche Töne sind auch bei den jüngsten hochpolitischen Debatten in London angeschlagen worden. Sogar der alte maritime Kampshahn Beresford empfahl die Verständigung mit Deutschland, und Minister Grey gab die Erklärung ab, da. England nicht von Eifersucht aus die Expansion Deutschlands sich leiten laffe. Angesichts dieser und anderer schönen Worte bleibt in Kraft, was Herr v. Bethmann-Hollw.g in Nebereinstimmung mit der ganzen öffentlich n Meinung Deutschlands im Reichstage gesagt hat: Wir müssen eine positive Betätigung der angeblichen guten Absichten Englands sehen. An Taten fehlt eS leider noch. Es ist auch keineswegs ein Ersatz für die Taten, wenn die Engländer jetzt wieder von einem Abkommen mit Deutschland über die Flottenrüstung schwärmen. Die vertragsmäßige Bindung der beut« scheu Seemacht liegt in ihrem Interesse, aber nicht Gleichmäßig in unserem Interesse. Nicht bloß die Stimmung, sondern auch die materiellen Verhältnisse sind jetzt für eine solche Vereinbarung noch weniger
günstig als früher. Bei der gegenwärtigen Lac-e ist jede Zudringlichkeit für den Beruhigungs-Prozeß störend.
„Kaltes Blut!* saateHerr v.Bethmann. Das ist auch während der Entspannung, die auf die KristS vom Sommer naturgemäß gefolgt ist, immer noch am Platze.
W Paris, 15. D^. 1911. Die Deputierten, kammer nahm heute die Verhandlungen über das deut sch - französische Abkommmen wieder auf. In der Diplomaienloge war auch der deutsche Botschafter Freiherr von Schön anwesend. V a i l - laut (Geeinigter Soz.) erklärte, das Abkommen bedeute das Ende deS Alpdruckes eines Krieges. Frank, reich muffe daS Bindeglied zwischen England und Deutschland sein. Des werteren trat er für die französisch-spanische Freundschaft ein und protestierte gegen die kriegerischen Reden, die im letzten Sommer von gewissen Mitgliedern der Regierung gehalten worden seien. Baillant stellte ferner fest, daß Deutschland in der marokkanischen Frage eine sich gleichbleibende Politik bewiesen habe, während die französische Politik widerspruchsvoll gewesen sei und ein doppeltes Gesicht gezeigt habe. Er machte auf den Widerspruch aufmerksam, der zwischen der von der Kammer angenommenen Tagesordnung und der in Marokko befolgten Politik bestehe und schloß, indem er eine vollstän- digere Internationalisierung Marokkos empfahl. Vail- lant sprach fier 2 Stunden, ohne das Interesse des Hauses zu erwecken. Fervh (rad. Link«) gab dem Zweifel Ausdruck, daß das Abkommen Marokko von allen politischen und wirtschaftlichen Dienstbarkeiten, mit denen eS belastet gewesen sei, befreit habe. Er kritisierte die Klausel des Abkommens, die sich auf die Schutzbefohlenen bezieht. Durch diese Klausel werde Deutschland wieder seinen Weg in die französische Politik in Marokko hineinleiten. Kerry kritisierte dann die Klausel, die sich auf die Eisenbahnen und die Bergrechtsame bezieht. Der marokkanische Boden mit feinen Lasten bleibe Frankreich, die Bodenschätze aber mit ihrem Ertrag gingen ihm verloren. (Beifall.) Gegenwärtig fei das beste Rfttel, um dem Frieden zu dienen, sich für jede Eventualität bereit zu halten. Delahahe (Rechte- sagte: Der Augenblick ist ge- kommen, von der Regierung Reckensckaft zu fordern. Er griff den Ministerpräüden'en Caillanx an, weil er zuviel Entgegenkommen gegenüber Deutschland gezeigt habe und tadelte Delcaffe wegen seiner Geheimver- träge. Ohne den Funken in das Pulverfaß zu schleudern, hätte man auf die Entsendung des deutschen Schiffes mit der Entsendung eines anderen Schiffes antworten können. Wir hätten dann einerseits eine weniger herrische, anderseits eine weniger unterwürfige Haltung beobachtet. Allen europäischen Plänen seien in Marokko Tür und Tor geöffnet. Der ehe- malige Minister Millerand befürwortete im Namen der republikanischen Sozialisten die Annahme des Abkommens. Er bestrettet, daß Frankreich auf sein Vorkaufsrecht gegenüber dem belgischen Kongo verzichtet und wendet sich dagegen, daß Deinschland eine Vorzugsstellung in Marokko erhalten solle, wie mehrere Redner behaupteten. Deutschland hat in wir schaft- lick>er Beziehung nur die nämlichen Rechte wie alle anderen, nicht weniger, aber auch nicht mehr. (Lebhafter Beifall.) Die Verhandlungen mit Spanien müßten mit herzlicher Offenheit geführt werden. Die Debatte wird morgen fortgesetzt.
** London, 15. Dez. 1911. Aus dem weiteren Verlauf der Sitzung des Unterhauses (val. Nr. 287) ist noch hervorzuheben, daß Minister Grey erklärte, er würde alles tun, was er könnte, um irgendwelche Reibungsursache mit Deutschland zu beseitigen. Der Minister meinte, auch er habe dem deutschen Volke klar gemacht, daß Eifersucht gegen die deutsche Ausdehnung nicht Englands Politik in den jüngsten Verhandlungen bestimmt habe.
Veutsches Nerch
* Berlin, 15. Dez. 1911. Der Kaiser nahm am Freitag an der Parforcejagd in Döberitz teil. — Das königlÄ-e Staatsministerium trat am Freitag zu einer Sitzung zusammen. — Der Bunde s- r at genehmigte in seiner jüngsten Sitzung eine Reihe von Etats für 1912, sowie die Im letzten Sessions- abschrott des abgelaufenen Retchstagez verabschiedeten Gesetzentwürfe, darunter den über die Versicherung der Privatangestellten. — Zum Dt- ■ettor im Reichspostamt ist jetzt der bisherige Vortragende Rat in diesem Amt Geh. Oberpostrat Aschen" born ernannt worden. — Die Konferenz über ein Reichstheatergesetz hat am Freitag im Reichstag unter Teilnahme von Vertretern der Inter" dienten begonnen. — Der Kaiser bestimmte für die Mannschaften der Torpedobootsdivision und Minen- abtejlung eine Neubewaffnung durch ein Sei- tcngewchr mit einem Korb, um die Besatzung der Boote auch für den Nahkamps auszurüsten, der sich in vielen Fällen nach den Erfahrungen des russisch- japanischen Krieger als unvermeidlich erwiesen hat.
+ Die neuen Mariuefsidcnmgen wollen in b t Presse nicht zur Ruhr kommen. Besonders die liberale und die sozialdemokratische Preffe suchen wähl- politisches Kapital heranszuschlagen, indem sie bie Einbringung einer n uen Flottenvorloge ankündtgen. Von »unterrichteter Seite* wird der ,Tägl. Rundschau" inbeffen geschrieben,
daß die neuen Forderungen für die Flotte weder auf einer neuen „Marinevorlage" noch auf einer „Ergänzungsnovelle" tuet Flottenyesetz basieren werden. Die Forverungen nach einer Verkürzung der Bauzeit Ser Schlachtschiffkrruzer werde bte einmaligen Ausgaben des nächstjährigen Etats belasten, anstelle von je zwei großen Schiffen in den Jahren 1912 bis 1914 sollien in jedem Jahr drei auf Stapel gelegt werden. Die zweite Forderung betreffe bie Jndiensthaltung einer Reserveichlackt-chiff- Flotte. Die Reserveschlachllchiff. Flotte habe sich in ihrer Formalisn nur sehr langsam entwickelt. Nachdem jetzt die neuen Dreadnoughts in Dienst gestellt seien, seien ältere Linienschiffe für die Bildung der Reserveschlachtschiff-Flotte in genügender Zahl vorhanden. Die Kotten für bie Jndiensthaltung einer Relerverchlachrfchiff»Slotte würden die fort» dauernden Ausgaben deS Marineetats belasten.
Die Angaben beS Gewährsmannes der,Tägl. Rundschau" sind nach unserer Kenntnis btr Dinge zwar nicht von vornherein als unrichtig zu dezeich» nen, aber sie eilen doch benTatsachen voranS. Soviel wir wiffen, hat bi« Regierung durchaus noch nicht fest» Pläu« nach dieser ober jener Richtung hin gefaßt. Die Angaben deS GewährS» mannes der,$ägL Rundschau" bürsten sich somit
als Vermutungen ausweisen. Man wirb also vorerst abzuwarten haben. Von einer Flotter-Vorlage, rote bie liberale und sozialdemokratische Prcsse sie ankündtgen, kann jedenfalls unter keinem Umständen bi« Rede sein.
* Bon einem Regierungswechsel in Braunschweig, bet infolge einer Venöbnung 6er Cumberlands mit dem deutschen Kaiserhause zu erwarten stände, wurde gestern in verschiedenen B ättern berichtet. Die „Braunschw. Reuest. Nachr.* sind demgegenüber von maßgebender Stelle ermächtigt worben, bie Erklärung von einem angeblichen Regiernngs- roechfel in Braunschweig als jeder Begründung entbehrend zu bezeichnen. Die „Tägl. Rundschau* betont dazu, baß nach ihren Erkundigungen die Meldung von dem Regierungswechsel lediglich den Tatsachen vorauseile. Prinz Ernst August, der zweite Sohn des Herzogs, der gegenwärtig als Offizier im 1. bayer. schweren Reiterregiment steht, werde als Landesherr in Braunschweig einziehen. — Das ist schon wiederholt behauptet worden.
0 Die Steigerung der Aviv iterlöhne und Lcbeus- mittelpreife. lieber das Verhältnis der Lohnsteige- tung zum Steigen der Lebensmitlelpreise ist eine Statistik ausgestellt worden. Es wurde habet bie interessante Tatsache sestgestellt, daß die Lebensmittel in den letzten 10 Jahren in Deutschland durchschnittlich um 22 Prozent gestiegen sind. Die Steigerung er Arbeitslöhne hat in demselben Zeitraum in erhöhtem Maße fiattgehmhen, denn es wurde hierbei ein Durchschnitt von 32 Prozent festgestellt. Sowohl bei den Lebensmtllelpreisen wie bei den Arbeiterlöhnen lassen sich naturgemäß in einzelnen Fällen Ausnahmen sowohl nach oben wie nach unten fesistellen.
* Eine Verschwörung auf den Karolinen. Die .Köln. Volkszeitung" meldet, daß man auf den Karolinen eine Verschwörung entdeckt habe. Dreißig junge Burschen konnten rechtzeitig verhaftet werden. Die Verschwörung soll auf den Zwang bet Eingeborenen za den Wegearbeiten zurückzuführen {ein.
** Karlsruhe, 15. Dez. 1911. Wie bie zweite Kammer, hat jetzt auch bie erste badisch« Kammer dem Geietzeniwurf über bie preutz sch-iüddeutsche Staatslotterie zugestim nf. Es machte sich je» hoch eine recht schar?« Oppo rtion gegen das Projekt bt merkbar. So führte her Verroallungsgerichts- Präsident Lebal u. a. aus, es verstoße gegen dir Moral, baß her Staat has Glücksspiel selbst betreibe. Der Staat mache sich als Unternehmer ge» werbsmäßigen Glückspieles nach ben Paragraphen bes Gesetzes strafbar.
Ausland.
* Luxemburg. Der Zustand beS kranken Groß- Herzogs hat in ben letzten Tagen eine brbenkliche Verschlimmerung erfahren, sobaß man baS Schlimmste befürchtet. Die Großherzogin-Mutter ist von Schloß Königstein im Taunus hier eingetroffen.
** Französische Angst vor Zeppelin-Luftschiffen. Der Vi-epräsident des jranzöfilchen Aeroklubs De la Vaulx, der kürzlich an einer Fahrt mit hem Luftschiff „Schwaben* teilgenommen hatte, erklärte, 0a8 Zeppelin-Luitschiff sei nicht nur zum Auf- klärungLhienst geeignet, sondern auch eine gefährliche Angriffswaffe geworben, indem es 1000 Klgr. Sprengstoffe aufnebmen, ohne jeden Aufenthalt gegen 1000 Kilometer fliegen, mittelst Funkentelegraphie Meldungen erstatten und sich jeder Verfolgung entliehen könne. Die Franzosen hätten keine Zeit mehr zu verlieren, wenn sie die Stärkeren bleiben wollen.
** Ein neuer Fall Setter scheint in Spanien in Vorbereitung zu jein. In CulIera in Spanien sind einige Mordbuben verhastet worden, denen zur- zeft der Prozeß gemacht wird. Durch die liberale imd sozialdemokratische, sagen wir in einem Wort: durch die antiklerikale Preffe der ganzen Welt sind schon ergeifende Schilderungen der grausamen „Folterungen" gegangen, denen die Verbrecher angeblich unterzogen wurden. Es ist wahr, daß die Verbrecher selbst während des ganzen Prozesses daran festhielten, daß sie zur Gewinnung ihres Ein- geftändniffes gefoltert worden seien. Ihren Behauptungen steht aber der Eid der Gefängnis- und Gerichtsbeamten und das Ergebnis der von sechs Aerzten vorgenommenen Untersuchung gegenüber. Bei einem Angeklagten fanden sich Narben; es ergab sich jedoch, daß sie von einem Renkontre vor der Tat von Cullera herrührten. Die Verbrecher leugneten trotz erdrückender Beweise die Schuld an den Mordtaten; sie erklärten ihren Verteidigern gegenüber, nach den übereinstimmenden Meldungen der spanischen Blätter, sie lachten über den ganzen Prozeß, über das Kriegsgericht und üöex alles, zur rechten Zeit würden zwei „Kartoffeln" (gemeint sind Flinten kugeln) der Geschichte ein Ende machen. Die monarchistische Presse bespricht lebhaft diese Todesdrohungen an den König und Ministerpräsidenten. Die konservative „Epoca" befaßt sich mit dem zynischen Verhalten der Angeklagten und ihren Drohungen und schreibt:
Diese Leute fühlen sich sicher, daß ihnen nichts ge» schieht. Jene, die ihnen den Geist verdarben und sie zu Verbrechern machten, jene, die ihnen den Schwindel mit den Torturen beibrachten, um die Aufmerksamkeit von den schrecklichen Verbrechen der Angeklagten abzulenken, sind dieselben, di« ihnen den Glauben an daS Wunder der „Kartoffeln* beibrachten, di« dem Gerichtsverfahren ein Ende macken sollen. Zuerst wurde ihnen versprochen, daß sie nicht zum Tode verurteilt toürben, jetzt aber, daß die Strafe nicht vollstreckt werde, daß die Republik bald komme, sie befreie und ihnen dann den verdienten Lohn gebt. Diese Hoffnung gibt den Angeklagten den Zynismus. Man ver» weist sie auf Barcelona, wo ja auch die nach der Ver- urteilung von fünf Revolutionären ergangenen To» deSurteile alle nicht vollstreckt wurden.
Ter Korrespondent deS liberalen „Jmparcial" berichtet auS Suea, wo der Prozeß gegen die Revolutionäre und Mörder von Cullers ftattfinbet, daß diese, all fte der Witwe des von ihnen grausam ermordeten Polizisten Dolz ansichtig wurden, mit
ihren Gesten und Worten die Ermordung ihres Mannes nachahmten. Die Frau brach ohmnächtig zusammen. Die Verteidiger und Zeitungskorrespon- benten waren Zeugen dieser rohen Gesinnung der Verbrecher. Das sind die „Helden", für die unsere patentierten „modernen Kulturträger" Partei ergreifen. In der „fteiheitlichen" Presse Europas erschienen bereits ganz verlogene Berichte über dcu Revvlutionsprozeß von Cullera, die dieselbe Teudenz- macht wie die Berichterstarnrng über die Jener« Ereignisse betraten. Es soll offenbar um jeden Preis die öffentliche Meinung aus die kommenden revolutionären Ereigniffe vorbereitet und durch die rührseligen Schilderungen für diese eingenommen werden. So findet sich im radikalen „Sccolo" von Mailand ein Bericht, der von „unbeschreiblicher Rührung" des Publikums während der Gerichtsverhandlung spricht, als die Verbrecher ihre „Torturen" im Gefängnis erzählten. Tie liberale Press«, Spaniens, verzeichnet aber diese Rührung bei zwetz anderen Gelegenheiten, als die grausamen Mord- taten durch die Zeugen geschildert wurden, währens bei den Beschreibungen der angeblichen Torturen niemand in Bewegung geriet. Das Publikum nah« entschieden gegen die Verbrecher Stellung. Di- Geschichte übt an Canalejas und dem gesamten spa> uischen Liberalismus eine furchtbare Vergeltung Die Liberalen Haden sich mit den Revolutionärer verbrüdert, um die Klerikalen" zu bekämpfen. Nur ist ihnen die Revolution über den Kopf gewachsen, Hoffen wir, daß man in anderen Ländern bteft Lehren des spanischen Großblocks beherzigt! — Eft Telegramm aus Madrid betagt: In dem Vev fahren gegen die Angeklagten von Cullera wurde» sechs Todesurteile gefällt; jedoch schlägt bei Generalkapilün von Valencia in einem an das nun- mehr mit der Sache befaßten Obersten Militärgericht gerichteten Schriftsatz die Herabsetzung der Zahl bet Todesstrafen, wie verlautet, auf drei vor. Die spa> nische Großloge petitioniert um Begnadigung.
** England beklagt sich bekanntlich über die Hartl Verurteilung seiner Spione durch das deutsche Reich» gencht. Es hat dazu gar keine Beranlaffung. Dal englische Spionagegesetz steht ganz anders aus wie das deutsche und ist trotz seiner Schärse noch kürzlich aufs neue in einer Weise verschärft worden, daß man von einem drakonischen Strafgesetz reden kann. Nach diesem Gesetz kann jeder, der sich irgend einer bei Landesverteidigung dienenden Anlage, selbst einet Werst oder Fabrik, nur nähert, der Skizzen, Plan« oder Modelle macht, die „geeignet seien oder sein tonnten*, einem künftigen Feind dienlich zu sein, mit drei bis sieben Jahren Zuchthaus bestraft werden. Dabei ist eine wirkliche Ueberführmrg des Täters nicht eiforderlich. Es genügt zur Verurteilung, daß seine Absicht eine in diesem Sinne „schädliche* war; und das soll zum Beweise des Gegenteils, der dem Angeschuldigten obliegt, angenommen werde". Bei dem deutschen Gesetz hat bet öffentliche Ankläger den Beweis zu führen, daß sich der Angeschuldigte einer strafbaren Handlung schuldig gemacht hat, bei dem englischen Gesetz muß der Angeklagte nachweisen, daß er sich einer strafbaren Handlung nicht schuldig gemacht hat. Dieser Zustand hat in England zu einer geradezu unerträglichen Spionageriechcrei geführt! Wie viele Deutsch« in England sind schon vor das Polizeigecicht geschleppt worden und mußHen dort den Nachweis führen, daß sie unschuldig waren. Trotzdem aber beklagen sich die Engländer In schmähenden Worten über die deutsche .juristische Gemeinheit* und behaupten, daß die deutsche Justiz mit dem Urteil der deutsch englischen Freundschaft den denkbar schlechtesten Dienst erwiesen hätten. Das ist die Anmaßung auf die Spitze getrieben!
* Keine Uederßedluug Abdul HamidS. Mehrer« Blätter haben von «imr Uebersührung des ExsultanS Abdul Hamid nach Konstantinopel zu melden gewußt. Die bisher durch nichts bestätigte Nachricht scheint eine Ente gewesen zu sein. Nach Meldungen ou8 Konstantinopel ist dort von her lleberfieblung nichts bekannt.
8« öe» ReWtaWHep.
Wahlkreis Fulda - Gersselv - Schlächter«.
O Aus der Rhön, 15 Dez. 1911. Die Sozial» demokraten suchen mit Aufbietung aller Kräfte festen Fuß in unserer Rhön zu saffen. Sie haben in Kürze viele Orte mit Drucksachen, Flugblättern und Kalendern förmlich überflutet. Glück werden sie damit nicht viel haben, denn unsere Landbevölkerung weiß zu genau, daß sie von der roten Partei in Wirklichkeit nichts von alledem erhalten kann, was in den Flugblättern versprochen wird.
Hünfcld-HerSfeld-Rotenburz.
— Hünfeld, 15. Dez. 1911. Der „Bauernfang*, den die Fortschrittliche BolkSpartei, bl« Partei des extremen Kapitalismus, die Schutztmpp« der Börse und der Warenhaus«, in unserm Wahlkreis bei ber Agitation betreibt, geht selbst einem bem Liberalismus wohlwollenden, blockbrüderlichen Organe, der sozialdemokratischen „Volksstimme* über die Hutschnur. Sie schreibt von der fortschritt- lichcn Agitation im hiesigen Wahlkreis«:
Den Bauern vertprechen bie Herrschaften bie Aufteilung des Großgrundbesitzes, de« Arbettern Minimal» löhne, bte gesetzlich festgetegt werde» mühten, ben Frauen mehr Schutz. Ferner tritt idr Kandidat für bie Wehrsteuer, für die Junggefellen steuer, für die Automobttsteuer, für bte Bekämpfung der Warenhäuser ein Je nachdem, wo die Herr- iMafien reden, fällt auch bte Rede «tu». Dtefe An der Agitation kennzeichnet den Freisinn so richtig; die Einwohner bet Städte können hier erkennen rote es ge« macht wird.
Die „Volksstimme' will damit sagen, daß die FreisiimSmänn« in den Städten so ziemlich das Gegenteil von dem versprechen, was sie in unserm ländlichen Bezick als Partei-Devise auSgeben.