Jß 287.
trdtog 15. vtzemd« r»u
38. Jahrgang.
* Tuldaer W Zeitung
2. Blatt.
druck unt Verlag der Fuldaer Lettevdruckerel
i« $«160.
Deutsches Reich.
** Notstandskredit und Raiffriseirorgauisation. Rach dem Vorgang der Preußischen Zentral-Genos- senschastrkasse hat seinerzeit auch die Landwirtschaftliche Zentral-Darlehnskasse für Deutschland (Zentralkasse der Raisfessenorganisation) den mit ihr in Verbindung stehenden 1300 Genossenschaften billige Aus- nabmekred ite zwecks Ankaufs von Futter>- Mitteln zur Verfügung gestellt. Blättermeldun- gm zufolge sind diese im Interesse der notwendigen Durchwinterung der Viehbestände ins Werk gesetzten Maßnahmen in der beabfichtigten Weise durchgeführt worden und allen Anträgen von Genossenschaften in den Notstandsgebieten hat voll entsprochen werden können.
Rotuproprio und Modernisteneid.
# Karlsruhe, 13. Dez. 1911. In der Bud g et- ko m m t s s i o n der badischen Zweiten Kammer, die heute Kultus- und Volksschulwesen erledigte, wurde von dem Referenten auch das neueste M o t u p r o- P r i o über die Rechtsstellung der Geistlichen zur Sprache gebracht. Der Kultusminister wies darauf hin, daß die beiden Kircherrrcchtslehrer Göller und Heiner ausdrücklich erklärt hätten, das neueste Moituproprio könne sich nicht auf Deutschland beziehen. Würde das Motuproprio bei uns in Vollzug gesetzt werden, so würde die Regierung dagegen Einsprache erheben, weil staatsbürgerliche Rechte davon berührt würden. Der Sprecher des Zentrums betonte, daß es seiner Partei lieber gewesen wäre, wenn das pivilegium fori nicht neuerdings festgestellt worden wäre. Doch auf Grund der Ausführungen von Heiner und Göller könne man annehmen, daß die bezüglichen Anordnungen auf Deutschland keine Anwendung finde. — Bei Titel „Hochschulen" wurde seitens des Berichterstatters an die Regierung die Anfrage gerichtet, wie sie sich stelle zum Antimodern i st en e i d. Von der Regierung wurde erklärt, daß sie zum Modernistcneid keine feste Stellung rinnehme und auch Geistliche mit Modernisteneid ein weltliches Lehramt übertragen müsse, einfach, weil es später keine unbeeidigten Geistlichen mehr geben werde. Die Regierung lege nach wie vor den größten Wert darauf, daß die kath. theologische Fakultät an der Universität erhalten bleibe; Die badische Regierung wolle das Band nicht zerschneiden und sie würde es sehr bedauern, wenn die katholische Geistlichkeit keine Fühlung mehr hätte mit den anderen wissenschaftlichen Berufen Eine Aenderung in der Lehrtätigkeit werde übrigens nach Ueberzeugung der Regierung auch nach Ablegung des Antimoderni- iteneides nicht erfolgen. Der Sprecher des Zentrums betonte, der Antimodernisteneid sei eine innerkirchliche Angelegenheit. Auch enthalte der Eid nichts, was nicht schon früher von den katholischen Theologen gelehrt wurde. Bei der Frage fei vieles übertrieben worden. Auch das Zentrum lege großen Wer» darauf, daß die Geistlichen wie bisher an den Hochschulen ihre wissenschaftliche Vorbildung sich er- )Derben, wo ihnen Gelegenheit geboten ist, sich auch anderen Wissenschaften zu widmen. Von sozialdemokratischer Seite regte man die Aufhebung der theologischen Fakultäten der Hochschulen an. Die übri- g en P a r t ei c n, soweit sie sich äußerten, sprachen sich sehr gemäßigt aus. Es stehen die Wahlen vor der Tür, und da muß man vorsichtig sein.
Ausland
** Wie die Jakobiner mit den Bischöfen umspringe» muß fa für Kulturkampfseelen eine wahre Freude sein! In Portugal sind es jetzt nach d.r gewallsamon Entfernung des Bischofs von Guardia aus seiner Diözese drei Bischöfe des portugiesischen Episkopates, an denen die Jalobinerregierung ihre Macht gezeigt hat. Zuerst mußte der Bischof von B e j a weichen, weil die Schutztruppe der Spott- und Schandrepublik, die Carbonarjos, ihm nach dem Leben trachtete. Die provisorische Regiemng beschlagnahmte dann seinen Besitz als Strafe dafür, daß er — ohne Erlaubnis seinen Bischofssitz verlassen habe! Der Bischof von Oporto, der gegen die ©etoalttätigleit des freimaurerischen Ministeriums Einspruch erhoben hatte, tuurbe gefangen genommen und im Kloster Ein- tra eingesperrt, wo er sich mm seit mehr als zehn Mo
Tuchler des Verbannten.
21] Ronan von A dele Böttcher.
Jetzt stößt er schnell die letzte Türe auf und geht auf den Stcherheitsschrank zu — ganz direkt, so genau ist der Platz in seinem Gedächtnis haften geblieben. Mit feilten dürren Händen streichelt er ihn, wie ein geliebtes Kind. Dann bückt er sich und läßt die lan- zen Finger unter den Schrank gleiten.
Richtig — der Knopf bildet keinen rechten Winkel Fit der Türe!
Vorsichtig dreht er ihn und versichert sich nochmals, daß er jetzt dje richtige Stellung einnimmt.
Tann erhebt er sich mit der Elastizität eines Jüng- ings und schleicht tastend wieder davon, indem er ton Zelt zu Zeit, der Vorsicht halber, ängstlich ruft:
„Bernardo! Bernardo! ... Ist niemand hier?
, . Ich habe mich verlaufen!"
Jetzt ist er wieder in feinem Zimmer. Behaglich läßt er sich in seinen Lehnstuhl fallen und zündet sich eine neue Zigarette an.
„Ihr werdet nicht weit mit dem Raub kommen!" höhnt er in Gedanken. „Weiß wobl, was ihr beabsichtigt: sobald der Gehülfe des Optikers wieder fort ist, hätte ich das Nachsehen. Aber da seid ihr schief gewickelt, meine Lieben. Ihr seid klug; aber der alte Orloff ist noch klüger. Er wird euch Ehrfurcht vor dem Alter lehren und vor der Weisheit, die langjähriger Erfahrung entspringt. Er läßt euch nur die Kastanien aus dem Feuer holen — für sich selbst!"
Und selbstgefällig lacht der alte Gauner vor sich
Einige Stunden später.
Eine erlesene kleine Gesellschaft ist ungezwungen den sonnenüberstrahlten Festräumen der Villa For- ia versammelt.
Es sind nur die „Intimen". Die eigentlichen taste" werden erst am Abend zum Balle erwartet.
Etwa« bftick, aber voll liebenswürdiger Anmut
naten befindet. Der dritte gemaßregelte Bischof ist nun der Oberhirte von Guardia. Erwähnt muß aber noch werden, daß auch der Bischof von Braga und der Patriarch von Goa in Potugicsisch-Jndim verurteilt wurden und daß der Bischof von Coimbra wegen Abgabe einer Erklärung, dje der Regierung .Verlegenheit« bereiten soll", der Bestrafung entgegenstcht. Gegen den Patriarchen von Lissabon, Bell», will die Jakobinersippschast auch vorgehen, well er royalistisch gesinnt sei. Msgr. Bello ist nämlich ein Schulfreund der ExdiktatorS Franco.
Lokales.
Fulda, den 15. Dezember 1911.
uu Da? Fest des hl. Sturmius, der Gründers der Stadl Fulda, wird kommende» Sonntag, den 17. Dezember, in der hiesigen Domkirche feierlich begangen. Die Reliquien des Heiligen werden an diesem Tage mehrmals den Gläubigen aufgelegt. Unter den Üblichen Bedingungen kann auch im Dom vollkommener Ablaß gewonnen werden. In unserer Kathedrale erinnert der dem Sakramentsallar gegenüber liegende Sturmiusaltar an unteren großen Fuldaer Heiligen. Dort wurde auch vor 32 Jahren 1879), rote noch manchem alten Fuldaer erinnerlich fein wird, mit großen Glanz das 1100jährige Jubiläum des Todestages des ©eiligen (geft. 779) begangen. Die beiden projezierten Denkmale in unserer Stadt, die neue Sturmiuskirche auf dem Hirtsrain und das Sturminsdenkmal werden wohl nicht mehr allzulange auf sich warten lassen. Für die Förderung der Errichtung einer Sturmiuskirche hat sich bekanntlich kürzlich hier ein Äircbenbauöerem gebildet; für das städttscherseits zu errichtende Denkmal ist bis jetzt ein Fonds von 19.600 Mark vorhanden.
* Personalnachrichten ans dem Justizdienft. Gerichtsaktuar K ä s e l i tz bei dem Kgl. Amtsgericht in Fulda wurde zum AmtsgerichtsSekretär befördert und von dort an das Kgl. Amtsgericht zu Eiterfeld (Kreis Hünfeld) vom 1. Januar 1912 ab versetzt.
h Zinn Weinkontrolleur — anstelle des ausscheidenden ersten Inhabers dieses erst 1910 eingerichteten Amtes — hat der Vorstand der Kasseler Landwirtschaftskammer, ab 1. Jan. 1912 Herrn Kellerdirektor Puls aus Bacharackf a. Rh. gewählt. Die Tätigkeit des Weinkontrolleurs erstreckt sich auf den Umfang des Kammerbezirks. — Die nächste Vollversammlung ist mtf ben 18. und 19. Dezember er. anberaumt, in der u. a. auch über die bisherige Tätigkeit des (seit 1. Oktober er. tätigen) Bauleiü r- der Landwirtschaftskammer Bericht erstattet kv I en soll.
* Was man vor dem Weihnachtsfest bedenken soll, find sicherlich jene Fragen, die, werden sie erst nachdem Feste bedacht, mehr oder weniger unangenehme Lösungen finden. Eine solche Frage ist die nach dem rechtlichen Wesen des Umtausches. Der Umtausch ist eine cifie Weihnachtssitte, manche nennen ihn eine Unsitte. Viele Damen sind unglücklich, ivenn sie nichts mnzutauschen haben. Der Umtausch wird trotz seiner Wichtigkeit im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Strafgesetzbuch und in der Reichsverfassung nicht genannt. Der Umtausch ist leicht verständlich, tatsächlich schwierig, rechtlich ein verwickelter Begriff. Der Umtausch kann nur ausnahmsweise verlangt werden. Unter Umständen z. B., wenn der gekaufte Gegenstand mangelhaft ist. Aber um einen solchen Umtausch handelt es sich hier in der Regel nicht. Zu Weihnachten wird umgetauscht, weil dl» Sache nicht gefällt, ans Laune. Der Umtausch, wie er zu Weihnachten üblich, ist juristisch die Summe zweier Rechtsgeschäfte: als das Rückgängigmachen eines in der Regel von beiden Seiten, mindestens aber seitens des Verkäufers erfüllten Kaufvertrages und zugleich als Abschluß eines neuen Kaufvertrages stellt er sich bar. Sein Käufer ist berechtigt, aus bloßer Laune vom Vertrag zurückzutreten. Er kann nicht verlangen, baß dec Verkäufer mit ihm einen neuen Vertrag ab« schließe. Also: Anspruch auf Umtausch besteht nur, wenn et besonders vereinbart worden ist. Die Nutzanwendung für den Weihnachtsverkauf: man bedinge sich den Umtausch ausdrücklich au§l
bewegt sich das Geburtstagskind zwischen den Geladenen.
Graziella hat ein blaues Kleid gewählt — fast unbewu ßt. Von jeher ist blau ihre Lieblings färbe, iveil „er" sie liebt. Doch heute läßt die zarte Himmelsfarbe ihr pikantes Gchchtchen noch bleicher, die Schatten um die Augen noch dunkler erscheinen.
Als Orlando ihr vorhin mit ein paar herzlichen Worten einen herrlichen Straußs weißer Kamelien überreichte — da war noch einmal ein schwacher Hoffnungsstrahl in ihrem Herzen aufgezuckt. Mit ihrer ganzen bezaubernden Natürlichkeit blickt sie ihn lächelnd an. Und noch einmal kommt sie über ihn, die alte Zuneigung, die er seit Jahren für sie empfunden. Noch einmal steht er unter dem Zauber ihres offenen, kindlichen Wesens.
Wärmer als seit langem ergreift er ihre beiden Hände und will sie an seine Lippen ziehen--
Da sieht er Sonja eintreten. Und an ihrer Seite ben jungen Leutnant Borgoni, den erklärten Liebling der römischen Damenwelt.
Orlando zuckt zusammen und blickt starr auf die blendende Erscheinung, die langsam näher kommt — in lebhaftem Gespräch mit ihrem Kavalier.
Ein meergrünes Atlasgewand fließt in schimmernden Falten an der hohen Gestalt hernieder. Kein Schmuck, kein Aufputz irgendwelcher Art. Rur eine einzige weißleuchtende Seerose glänzt geheimnisvoll aus dem goldblonden Haargoringel, und eine ebensolche Seerose schließt ben tiefen Ausschnitt bet Taille.
Der feine Mund lächelt und enthüllt dabei zwei Reihen flefrter Perlzähne. Und auch die Grübchen in den zarten Wangen lächeln. Nur die Augen, diese blau grauen, tiefen Sphinxaugen voll dunkler Rätsel, blicken vorschleierl, unergründlich, wie immer.
Jetzt streift ihr Blick Orlando und Graziella.
Eine Sekunde ist es, als husche etwas wie Unmut über ihr strahlendes Antlitz.
Dann wendet sie sich mit besonderer Liebenswürdigkeit zu ihrem Begleiter.
OrlandoS Lippen Pressen sich zusammen. Ein seltsames, ihm bisher fremde« Gefühl durchzuckt ihn:
Aus dem Nachbargebiele.
f) Neuhof, 14. Dez. 191L Der hiesige Musik- verein, bet e« sich zur evten Ausgabe gemacht hat, m jedem Iaht einige WohltätigkeitSkonzette zu veransialien, gibt ein solches wieder am Sonntag, 17. d. Mts. Da zu demselben auoervem der diesige Männeichor seine Mitwiriung zugeiagl hat, dürfte den Freunden und Gönnern des «erems em wirtlich genußreicher Abend in Aussicht stehen. Dieselben feien von dieser Stelle aus noch einmal höflichst daraus aufmerksam gemacht. Das Konzert findet abends 8 Uhr im Hornima'schen Saale statt.
[:] Hilder« (Rhön), 14. Dez. 1911. Amtsgerichtssekretär Vetter von hier wurde vom L gebt. 1912 ab an das Kgl. Amtsgericht nach Langenselbold, Landkreis Hanau, und Appel vom Amtsgericht zu Steinbach-Hallenberg, Kreis Schmalkalden, vom gleich« Zeitpunkte ab nach hi« versetzt. — Vom 1. April 1912 ab werden der Kanzleigehilfe Möller und G«ichtsdiener Kröhne vom hiesigen Amtsgericht in den wohlverdienten Ruhestand tte- ten. — Gendarmeftowachtmeist« @ ret b von Batten wurde vom 1. Jan. n. I. ob nach Wächtersbach, Kreis Gelnhausen, und Wachtmeister Bretthauer von Hüttengesäß, Kreis Hamm, nach Batten versetzt.
* Neustadt a. S., 14. Dez. 1911. Einen s o n« derbaren Fund machte hier ein Hopfenhändler. Als er einen Hopsenballen aufmachte, fand er darin ein Sparkassenbuch, in dem über 17,000 Mark gut» geschrieben waren.
* Braunfels, 13. Dez. 1911. Unter Teilnahme der staatlichen und städtischen Behörden übernahm der heute mündig geworbene Fürst Georg Friebrich bie Standesherrschaft üb« Braunfels unb bas Solm- fer Lanb. Der Vater bes jetzigen Fürsten starb am 3. April 1891. Die Solmser Fürsten bilben eines ber ältesten deutschen Fürstenhäuser unb können in Kürze das 800jähr. Bestehen ihrer StanbeZhcrrschast SolmS-Braunfels feiern.
♦ Darmstadt, 14. Dez. 1911. Die Strafkammer beschäftigte ein Eisenbahnunfall auf ber Station Dörnberg bei Groß-Gerau, bei bem bie Lokomotive eines Güterzuges in ein totes Geleis fuhr unb bann nach Ueb«rennen des Prellbockes eine nahezu 5 Meter hohe Böschung in den mit Wasser gefüllten Landgraben hinabstürzie. Lokomotivführer Baptist Heiser, d« Führer des Zuges, wurde zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurteilt.
* Mainz-Kastes, 13. Dez. 1911. Der Wasserstand des R h ei n s ist in den letzten Tagen imm« noch mehr zurückgegangen, sodaß jetzt unterhalb b« Straßenbrücke weite Strecken des Flußbettes völlig ttockcn liegen. Man «innert sich hi« feit vielen Jahren keines so niedrigen Wasserstanbes.
h. Wiesbaden, 13. Dez. 1911. Nach vor aus gegangenem Referat bes Kanmierfekretärs Schroder über „Freiheitsstrafe wegen Versäumnis der Footbildungsschule", beschloß die heutige Vollversammlung d« Handwerkskammer für ben Reg.-Bez. Wiesbaden anstelle ber Haftstrafen, bie im Falle der Nichtbeitreibung ber Geldstrafen an deren Stelle treten, in der Folge Karzer st rasen zu substituieren.
* Aus Rheinhessen. Eine der größten elektrischen Anlagen Deutschlands dürste die große rheinhesslsche Qberlandzentrale sein, die bis zum Frühjahr 1913 fertiggestellt sein wird. Das Werk wird nicht iveniger als 143 Orte, wovon 134 auf Rheinhessen unb neun auf das südliche Nied fallen, mit Energie für Licht und Kraft versorgen. Die Gemeinden gewähren für Unternehmen ein Darlehen von drei Millionen Mark, wovon 2% Millionen bereits bezahlt sind.
* Ludwigshafen, 13. Dez. 1911. Einen Mordanfall verübte gestern ber 24 Jahre alte Kaufmann Bell auf ben 27 Jahre alten Kaufmann Bruno Teckelmann, mit dem er in ber Anilinsabrik zusammen arbeitete. Auf einem Spaziergang überfiel Bell plötzlich seinen Freunb mit einem Hammer unb schlug ihn mit einem Hieb auf ben Hinterkopf zu Boden. Einen zweiten Schlag parierte Deckelmann mit bem Arm, unb dieser feuerte hierauf einen Revolverfchuß auf feinen Gegner ab, ohne ihn jedoch zu treffen. Bell «griff hierauf bie Flucht. Allem Anschein nach hatte er eine Ermordung seines Freundes geplant, da die- s« ihm einen Gefälligkeitswechsel ausgestellt hatte, ben Bell am 15. d. M. einlösen sollte.
Eifersucht, brennende Eif«sucht auf ben hübschen jungen Offiziere dort an Sonjas Seite. Er möchte hin, möchte ben Menschen fortstoßen, möchte bie schlanke Mädchengestalt in seine Arme nehmen unb sie fort» führen aus dem Gesellschaftskubel, bamit fein Blick aus Männerangon sie mehr trifft — kein«, als nur ber feine.
Wie mit elementar« Gewalt kommt plötzlich die feste Gewißheit üb« ihn: bie Zeit ber Trennung hat seine Neigung zu b« schönen Russin nicht erkal- ten lassen, wie er gehofft, im Gegenteil. Zu hellen Flammen ist sie emporaelodert, jebe Vernunft unb Uebertegung in ihm erstickend.
Die kleine Graziella merkt mit dem Taktgefühl bet seinempfinbenben Frau bie plötzliche Umwandlung in dem geliebten Manne.
Mit einem ivehen Lächeln zieht sie ihre Hände zurück, die Orlando noch immer wie mechanisch in ben seinen hält. Dann wendet sie sich bleich, aber gefaßt, ihren anderen Gästen zu. —
Boris Orloff erscheint heute beftinguinter, würdevoller denn je. Am Arm des Obersten schreitet er von Zimm« zu Zimm« und macht auch keine Anstalten, sich zurückzuziehen, als der Dien« meldet, bas Diner sei bereit.
„Zu Ehren bes heutigen Tages kann ich es mir nicht versagen, meine Gnädigste, zu Mittag an derselben Tafel mit Ihnen und Ihren Gästen zu speisen," sagt « leutselig und führt die Hand ber Gastgeberin galant an die Lippen.
Signora Morgano ist entzückt unb bestellt sofort ein Kuvort bei Tisch zu ihrer Rechten für ben Fürsten.
„Wünschen d« Herr Fürst meine Dienste heute nicht bei Tisch," fragt der Kammerdiener Bernardo in scheinbar gekränktem Tone.
„Nein. Meine Enkelin wird für meine Bedürfnisse Sorge tragen. Ich werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie brauche."
Bernardo v«schwindet, und Orloff wendet sich mit einem fast jugendlich lebhaften Ausdruck in ben vornehmen Zügen zu fein« Nachbarin.
Amt Geisa unö Umgebung.
Geisa, 14. Dez. 1911. Man schreibt un«ti PreiSaufgabel Wo im deutschen Vaterlande ist es denkbar, daß in der Bahnhofswirtschaft nur katholisch« Zeitungen gehalten werden, wenn die Bevölkerung des zugehörigen Städtchens fast gan- protestantisch wäre? Undenkbar wäre das, lieb« Leser. Ab« das umgekehrte ist hier der Fall. Hi« im katholischen Geisa liegen auf dem Bahnhof wohl drei Zeitungen auf, ab« vergebens wird man nach einer katholischen Zeitung fragen. Es gibt da eine Berliner, Erfurter und Eisenach« Zeitung, aber die Fulda« Zeitung ist nicht zu haben. — Woher kommt das? Sollte die Schuld nicht an den Katholiken selbst liegen, die es nicht wagen, ein katholisches Blatt zu »«langen!
X Geismar bei Geisa, 13. Dez. 1911. Ein 12jähriger Junge machte sich auf der Schal weide mit ein« Jagdpatrone zu schaffen und zündete sie schließlich mit einem Zündholz a n. Dabei trafen ihn dermaßen viele Schrotkörner ins Gesicht, daß er ins Schwesternhaus geschafft roeibeu mußte, wo seine Wunden ausgewaschen und vom Arzt bie Schrotkörner entfernt wurden.
♦ Vacha, 14. Dez. 1911. Am 21. d. M. findet im hiesigen Rathaus eine Versammlung statt, in welch« ber Krankenhausfrage näh« getreten werben soll. Zu bief« Versammlung sind auch sämtliche Kaliwecke b« Umgegend vom Ministerium durch Rundschreiben etngelaben worden.
♦ Dermbach, 15. Dez. 1911. Die Prüfung für mittlere Beamte d« inneren Staatsverwaltung bestanden Bezirksdirektionsexpedient Karl Hagedor n-Dermbach und Expedient G. H e ß-Dermbach.
♦ Stadtlengsfeld, 13. Dez. 1911. Im Schulvorstand wurde einstimmig die Gründung einer neuen Lehrer st eile beschlossen. Von Ostern 1912 ab werden also voraussichtlich an d« Bürgerschule 6 Lehrkräfte wirken.
* Tiefenort, 14. Dez. 1911. In den letzten Tagen wurden hi« toieb« verschiebene Raufereien aus geübt, bie namentlich durch Streitereien ftemd- länbifcher, in hiesiger Gegend beschäfttgt« Arbeiter hervorgerufen wurden. Die Notwendigkeit, im hiesigen Orte ein stärkeres Schutzmannsaufgebot zur Verfügung zu haben, macht sich immer mehr bemerkbar.
Aus Gberheffen u. den hesi. Aemiern.
* Marburg, 15. Dez. 1911. Die erste Baurate für den Neubau eines physikalischen Instituts ist nach der Oberh. Ztg. in ben Etat unserer Universität für 1912 eingestellt worben. Mit bem Bau dieses Gebäudes dürste deshalb bestimmt im nächsten Frühjahr begonnen werden.
* Kirchhain, 14. Dez. 1911. Bei d« Stadtverwaltung in Kirchhain ist die Stelle eines Polizeisergeanten und städtischen Vollziehungsbeamten zum 1. Januar zu besetzen.
* Fritzlar, 14. Dez. 1911. In der Generalversammlung des Turnvereins wurde beschlossen, das 50jährige Bestehen des Vereins im Jahre 1912 durch ein Jubelfest zu begehen.
* Homberg, 14. Dez. 1911. Mehr als zwei Drittel b« abftimmenben Inhaber offener Verkaufsstellen in Homberg haben sich für die Einführung des Achtuhrlaben sch lusses erklärt. Der kgl. Regierungspräsident ordnet daher jetzt nach Anhörung des Magisttats an, daß vom 1. Januar 1912 ab in der Stadt Homberg die offenen Verkaufsstellen aller Geschäftszweige mit den auch sonst üblichen Ausnahmen um 8 Uhr geschlossen werden müssen.
* Niederwalgern, 14. Dez. 1911. Eine Kuh be? Lanbwirts Johann Heuser bahier brachte biefer Tage ein Kalb mit sechs Beinen zur Welt. Die beiden überzähligen Beine hängen vom Wib«rüst bes Tieres aus an b« linken Seite herunter unb besitzen ganz normal auSgebilbete Hufe. Das Wundertier entwickelt sich sehr gut und trägt ein recht munteres Wesen zur Schau.
* Jesberg, 14. Dez. 1911. Auch bei uns hat das Wertzuwachs st eueramt seine Amtsvisiten- tarte abgegeben in Gestalt einer ganz gehörigen Rech-
„Ich will heute einmal vsrgessen, daß ich blinb bin unb fröhlich sein mit den Fröhlichen!"
Orlanbo hat bas Geburtstagskind zu Tisch ge- fühft. Ihm gegenüber sitzt Sonja neben Leutnant Borgoni, der allerhand Bonmots austischt und feiner Nachbarin wiederholt silberhelles Lachen entlockt.
Orlando hingegen verläßt seine sonst oft gerühmte Unterhalwngsgabe vollständig. Was er sagt, klingt geistlos und trivial. Schließlich schweigt « ganz und blickt, unter finst« zufammengezogenen Brauen, zu Sonja hinüber, mit dem einen brennenden Wunsch, daß sie den Blick zurückgeben möge.
Doch sie «widert diesen Blick nicht. Dagegen glaubt Orlando zu bemerken, wie die Hellen, kecken Augen des Leutnants ihn wiederholt greifen — spöttisch, triumphierend, als habe er einen Sieg üb« ihn errungen.
Boris Orloff übertrifft sich heute selbst. Er be- h«rscht die ganze Gesellschaft. Abwechselnd ist er witzig, ernst, heiter, üb«sprudelnd — auf diese Weise die verschiedenen Stimmungen in das Gespräch tragend.
Dabei sind seine Gedanken beständig bei seinem Kammerdiener.
Wie weit mag Bernardo jetzt fern?
Er strengt sein Gehör an — lauscht und lauscht.
Jetzt überläßt « dem Obersten die Führung des Gesprächs, der rasch seine Lieblingsanekdoten hervorholt.
Heileres Lachen ringsum.
Plötzlich erhebt sich Boris Orloff.
„Hören Sie nichts. He« Oberst?"
Sofort berftummt die Unterhaltung. Jedermann blickt auf die hohe Gestalt des Fürsten
„Ling-ling-ling-lmg-ling —"
Der Oberft springt aus.
„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herrschaften!"
Und schon ist gr draußen in bet Halle.
„Ling-ling-ling ling-ling —" tönt es weit«, von oben, von unten, von links, von rechts, von überall hör.
„Was ist das?"
(Foftsetzung folgt.)