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Vomrrrrlag U. Dezemh«

58. öatzrgaig.

Tuldaer K Leitung

2. Blatt.

frted mi» Verlag d« $*llacr Sdkttbnuftid ht $n»«.

Bsr fünf Jahre»!

In diesen Tag« — es war am IS. D^enib« 1906 — sind fünf Jahre verflossen, seit der eerige Reichstag aufgelöst wurde. Es ist recht nützlich, sich heute an jenes folgenschwere Ereignis zu erinnern. Wir wollen dabei anknüpfen an Zugeständnisse, welche die „Frankfurter Zcktung" zu Beginn des Jahres gem^t hat.

Sie gab als Tatsache zu, daß Bülow bei Begtim der entscheidenden Sitzung nicht nur dem Grafen Bak- lestrem, smrdern»ai»ch andern die Auflösung t>er» schwiegen habe. Rur wenig Eingeweihte, dar­unter einbge liberale Führer und liberale Journalisten hatten Kenntnis von der Absicht schon Wochen vorher. Sie hüteten sich aber, es andern mitzutejlen, weil man ihnen da- Ungeheuerliche gar nicht geglaubt hätte Sie meinten auch, das Zentrum würde im letzt« Moment so viel Leute abkomman» bieten, daß der Antrag des Zentrums, 9 Millionen an den Aufwendungen für den südafrikanischen Feld­zug zu streichen, abaekchnt würde. ES hätten ja auch nur 6 Stimmen daran gefehlt. Bülow habe seine Absicht deshalb so geheim gehalten, um das Zen­trum damit zu überraschen. Er habe nämlich jene Auslosung schon damals als einen Appell an die Wäh­ler zur Einleitung der Politik die man später Block­politik genannt hat. gewollt. Darum habe er ein Kompromiß mit dem Zentrum nicht mehr gewünscht. DiÄ Zentrum toürhe. fo glaubte e-. wenn es den Entschluß zur Auflösung gekannt hätte, höchstwahr­scheinlich nachacgeben und bis zur dritten Lesung — deren am 13. Dezember handelte es sich nur um die ziueite — ei mm Ausweg gebunden Baben. Dazu habe Bülow es nicht fommen lassen wollen. So erkläre es sich aller auch, daß der sonst so höfliche Manu dem fragenden Präsidenten bei Beginn der Sitzung nicht zuFegeben baba, daß die Auflösung beschlossen sei.

Diese Mitteilung-^ muß man zusammenhalten mit Auslassungen des Fürsten Bülow selbst. Er hat sich dreimal fihe- die Ursachen des B>"-l>es mit dem Zen­trum ausgesprochen: in dem Sikveflerbrief. in der Wccklcede vom 19. Januar 1907 und im Reichstage am 25. Februar 1907, aber einen plausiblen Grund für diesen Bruch hat er öffentlich nicht bekannt ge- yeben. Im Gegenteile in der Rede vom 25. Febr. 19Ö7, als er im Reichstage der Zcntrumsabgeordne- ten Auge in Ange genenülle-stand hat er gegen das Zentrum nur noch den Vonmirf wegen der Abstim­mung vom 13. Dezember erhchen, indem er ausdrück­lich erklärte:

„Ich erkenne auch bettle durchaus an, dab das Zentrum mit gewirkt bat bei solchen Ausgaben (b. b. nationalen^, und dab e’ aebohen bat, sie in einer Weise zu löten, die im Inte esse des Landes war, bis zu dem Tage» wo das Zentrum sieh nicht nur ge­trennt hat von den andern btirnrrlicben Parteien, nett denen es zuiammen so grobe Aufgaben gelöst halte, sondern, wo eS die Regierung gezwungen hat, den Reichstag auhuI5fe«."

„Bis zu dem Tage" des 13. Dezember also hat das Zentrum national gehandelt, und damit fallen die Vorwürfe wegen früheren Verhaltens nach der eigenen Darlegung des Rei-stskarnlers zusammen, wie auch der Vorwurf wegen der Abstimmung vom 13. Dezember nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Letzteres schon deshalb nicht, weil die knzwischen ein­getretenen Tatsachen dem Zentrum recht gegeben Halle«. Zu der Zeit, osts die Regieru-igs- tiorfage für. die Fortsetzung des südwestafrikanischen Krieges im Reichstme eine ungerechtfertigt hohe Summe forderte, während der Zentrumsantrag nur verlangte, für den Rest des Etaksjallres Vorbereitun­gen zur künftigen Bermindenmg der Schutztrupven zu treffen und einen Teil der im Nachtragsetat gefor­derten Summe. nLrckich von den geforderten 29 Mil­lionen den Betrag »cm 8—9 Millionen abruftreiefren, ein Antrag, der am 13. De-ember b’e Krisis brachte, damals hatte bereits em schlichter Missionar im süd- westasrikaniischen KriegSgckicke, der Oblaten Pater Malinowski, die FriederiSverhandlun- gen mit den feindlichen Stämme« ein- igeteftef, die bona noch vor Weihnachten 1306 zum Frieden führten. Damit muß der Zentrumsan- trag als gerechtfertigt erschein. Aber Fürst Bülow wollte absolut den B r u ch mst d e m Z e «t r u m, wie in der „Franks. Ztg" fnnftotiert wird. Er suchte nur nach, entern äutze-en Anlaß. Dazu sollte ihm der Zentrnmsantrcrg dienen. Und darum gab es „nur

wenige Eingeweihte" — wozu jedenfalls der Korre- spondertt der demokratischen „Franks. Ztg." und einige liberale Führ« gehörten —, die um diesen Plan wußten. Und darum ging Fürst Bülow, wie in der „Franks. Zig." sehr deutlich gesagt wird, einer Verständigung mit dem Zentrum aus dem Wege, ab­sichtlich und geflissentlich, sogar mit einem Afftont, der mit seiner von der „Franks. Ztg." so sehr ge­lebten Höflichkeit nicht im Einklang steht. Der tiefste Eirund der Auflösung war die vom Evangelischen Bund seit Jahre» getriebene Hetz« dagegen, daß die Katholiken in Deutschland, die doch nur des „protestantischen Kaiserreichs" bilden, infolge ihrer Geschlossenheit, ihre» Sffers und ihrer Uneigen­nützigkeit einen solchen Einfluß auf die Reichs- gefchSste ausübten, daß sie sogar den 1. Präsidenten des Reichstages stellte». Dieser Hetze konnte auch Bülow auf die Dauer nicht widerstchen, und um sich selbst im Sattel ,« halten, gab er sei­nen treueste» und selbstlosesten Mitarbeiter, das Zen­trum, Preis.

Der 13. Dezember 1906 bildet eine» wichtige» Gedenktag i» der Geschichte des deutschen Reichstw yes Söwr wie hat sich inzwischen die Lage verän­dert! Fürst Bülow und seine Blockvoliik find der „Auflösung" verfalle», und Herr Dernbnrg, der sich mit so großen Plänen trug, kann in feinem Ruhestand überdeicken, wie unflug eS war, sich zum Sturmbock gegen eine Partei berzugeben, die chn in seinen wirk­lich praktischen Kolonialplänan am meiste» unterstützte. Das Zentrum kann a» den 13. Dezember stets mit ruhigem Gewissen denken, zumal die Folgezeit seine Politik glänzend gerechtftrtigt hat.

Deutsches Reich.

c? München, 12. Dez. 1911. Das Blockabkommen für die bayerischen Landtaasirahlen verteilt 23 Zeu- truiusmandate, die der Block erobern möchte, wie folgt unter die einzelnen Parteien: Liberale 12, Sozialdemokratie 6, Banernbündler 5 Mandate. Bei näherer Durchsicht der Liste findet man, daß mir den Sozialdemokraten solche Mandate vorgesetzt werden, bei denen halbwegs die Möglichkeit gegeben ist, einige davon zu bekommen. Es sind ihner näm­lich 5 Mandate verheißen, welche das Zentrum ■ 1907 nur mit relativer Mehrheit gewonnen hat, i vorwiegend städtische Mandate. Wenn in solchen Wahlkreisen die Gegner des Zentrums zusammen­gehen und die Zentrumswählcr sich nicht ganz energisch zur Wehr setzen, können diese Mandate verloren gehen. Aber trotzdem sind auch die So­zialdemokraten in gewiffem Sntne die Angeführten. Denn wegen des unsicheren Gewinnes von 5 Man­daten verzichte» sie auf 6 liberale Mandate in München, Nürnberg und Hoi, die ihnen absolut sicher wären. Die Liberalen, welche den größten Blockspeltakck machen, geben an, daß sie die Zen­trumsmehrheit stürzen wollen. Daß es ihnen miß­lingen wird, wissen ne selber recht gut. Der vor­dringlichere Zweck ist ihnen eben, die Eroberung der liberalen Mandate durch die Sozialdemokratie fern» zu halten. Auf bieten Leim sind denn auch die sozialdemokratischen Führer gegangen, sie garantierten den Liberalen ihre bisherigen Mandate und vn- ztchieu auf Eroberungen in liberalem Gebiet.

Ausland.

** Die katholischen Lehrervereiae Italiens find bemüht, durch energisches und zteckeivuß.es Handeln d n jüngsten Maßnahmen der italienischen Regie» ruvg auf Ausschluß der Religion aus dem Volks« schulunterricht entgegnt wüteten. Die Delegierten der Vereine tagten in Venedig und beschlossen, ben katholiichen Eltern zu empfehlen, in nächster Nähe der Schulhäufer Lokale für die Erteilung des Religionsunterrichtes dereitzu- st e l k e rt. Mit Schärfe wendet sich ein anderer Bk- sckkuß gegen die vom Minister mm geplante Ver- dräi guug des religiöse» Einflusses aus dem natio­nalen Institut für Lehretwaiten. Der lellen-krästige '•gereut hat in den letzten zwölf Monaten 900 neue Mitglieder gewonnen.

♦* Tas antiklerikale Fahtplanbnch in Belgien. Tie belgischen Französlinge haben fernen ruhigen Tag mehr gehabt, seit der Verkchrsmintster Helle­

putte statt der frühere» getrennten Ausgaben des belgischen Fahrplanbuchs in flämischer und franzö­sischer Sprache eine einheitliche, doppelsprachige einführte und in dieser, rote es jedem vernünftig Denkenden als selbstverständlich erscheint, für die französisch sprechenden Landesteile der ftanzöfijchen, für die flämischen der flämischen Sprache die erste Stelle gab. Die Französlinge erachten es als eine Entchrung ihrer Sprache, daß diele mit der fläm­ischen in so nahe Berührung gebracht wird, be­sonders aber nut der Maßgabe der Gletchberechligimg für letztere; es sind dieselben Leute, welche unlängst den ttüolntionären Raubmördern des französischen Konvents als — Befreier» m Jemavves ein Denk­mal setzte»; ei sind auch dieselben, die immerfort gegen Deutschland Hetzen, und dieselben, die mit dem Umsturz verbunden auf jede Weise die Be­seitigung des jetzigen katholischen Siegt» ments in Belgien herbeizusühren suchen. Gelingt ihnen dieses, so werden sie auch sofort die Be­friedigung ihres Hasses gegen das Flämische durch­setzen und die Maßna me Helleputtes rückgängig machen. Aber bis dahin zu warten, fehlt ihnen oie Geduld. Schon jetzt lassen sie sich bte Abneigung gegen die Berührung des Französischen mit dem Flämischen einen schönen Stüber Geld kosten, indem sie selbst ein rein jranzösisches Fahlplanbuch Herausgaben und es bei jeder Gelegenheit lausen. Das nennen sie dann einen großen Erfola.

* Der Staatsbankerott in Portugal und die ge­raubte» Kirchenschätze. Mit großer Encüstung mel­den die republikanischen Blatter, eine Bande maskier­ter Räuber habe einen Eisenbahnzug angegriffen, der „in den Kirchen konfiszierte Kunstwecke und andere Gegenstände" ttansportterte. Die Räuber seien in die Flucht geschlagen worden, da den Zug Bewaff­nete begleitete». — Aus dieser Schilderung geht un­schwer hervor, daß die von der Regierung geraubt n Kirchcnschätze von den empörten Bewohnern der so beraubten Orte zurückgenommen werden sollten und zlvar auf dem Weoe des Angriffes. Die Regierung fürchtete einen folchen Ueberfall der entlüfteten Be­wohner, sonst hätte fie dem Zug» kerne Bewaffneten lleigegebm. Es ist ein offene? Geheimnis, daß der Staatsbarckerott durch den Verkauf der Kirchenschätze etwas verzögert werden soll. Es handelt sich in vielen Fällen um Kunstwerke, die nicht an und für sich, sondern durch ihren historischen Charakter wert­voll sind und von Kunsckennern begehrt werden.

Lokales.

Fulda, den 14 Dezember 1911.

h. Lehrschwicde. Am 2. Januar 1913 beginnt, wie schon kurz gemelbct, in der hiesigen Lehrschmiede wieder ein neuer breimonatlicher Kursus. Durch Bestehen der Schlußprüfung desselben wird der Be­fähigung snackweis zur jelbständigenAus- übung des Hufbeschlaghandroerks erworben. Unterricht wie Prüiung sind unentgeltlich, außer­dem stehen für Prämienzrvecke bei der Prüfung 60 Mark zur Verlüaung. Jeder Kurfist erkält wöckentlich 1 Mark Taschengeld Dagegen habe» die Teilnebmer für Kost und Logis selbst zu sorge». Anmeldungen sind dem Leiter der Lehrschmiede, Herrn Kreistierarzt Weber, Hierselbst einznreichen. Dieser Anmeldung sind eine Geburtsurkunde, ein llnbcfcholtenbettszeugnis sowie der Nachweis, daß das Schmiedrhanvwerk 3 Jahre lang oldnungs- mäßig erlernt worden ist, beizit-ügeu.

c Die städtischen Amwendimgeit für die AkWNl- pflege werden in diesem Jahre, wie m einer Sitzung der Besicksvorsteher bekannt gegeben wurde, den Voranschlag um 5—6000Mk. überschreiten Die Mehrausgaben sind enlstanden teils durch die Zunahme der Bevölkerung, teils auch wegen der ungünftigen Zeitverhältnisse. In der erwähnten Sitzung wurde für bas kommende Etatsjahr eine dementtprechende Erhöhung der Ausgaben in den Armen-Eiat für notwendig gehalten. Auch im ver­gangenen Jahr 19i0 war der Abschluß ziemlich ungünstig, indem eine Neberzahlung von 5000 Mk. vorhanden ist. Diese wird verursacht haupriächlich durch die entstandenen Mehrausgaben für die all­gemeine Armenpflege, sowie für Krankenpflege und Begräbniskosten, andererseis durch die bei der Ein- nähme vorgesehenen 3000 Mk., die aus dem verfüg­bare» Kasseubestand des Jabres 1908 überwiesen

werde» sollten, was aber nicht geschah, weil im Vorjahre durch die da schon entstandenen bedeuten­den Mehrausgaben der verfügbare Kasseubestand ganz aufgebraucht wurde, ja 6ie Rechnung von 1909 log ar noch eine Debet jaung von 460 Mk. zurück» ließ. Tie Geldnnler Nützungen an Ar r e find voy 9764 Mk. im Jahre 1907 auf 13081 Mk. im Jahre 1910 aestieoen.

♦ Die Vertreter der hessen-nassauischen Landes» Versicherungsanstalt tagten dieser Tage in Kassel. Aus den Verhandlungen ist zu erwähnen, daß dir Etatsüberschreitnngen, die im letzten Jahre bei dem Heilverfahren allein 117 000 Mark betrugen, geneh­migt und der Etat für 1912 mit 11,119,050 Mack festgefetzt wurde. Landesrat Glaß hielt einen Vor- ttag über die einschneidenden Aenderungen, die die neue Reichsversicherungsordnung bringe, worauf die neuen Satzungen bekannt gegeben und genehmigt wurden. Ferner beschloß man, 11 K ontroll« statianen für größere Bezirke einzurichten, ab« zunäW nur fünf davon, nämlich Hanau, Fulda, Eschwege, Limburg und Homburg v. d. H. zu be­setzen. Wie aus einer Mitteilung des Reich Sver- sichmmgsamts zu entnehmen war, soll der Zinsfuß für von der Anstalt ausgeliehene Gelder auf 3Mt Prozent erhöht werden.

** Die gebnrtstnlfltche Armenpraxis für die Stadt Fulda ist, wie wir auf Wunsch des hiesigen Hebawmenvereins in Ergänzung einer frnhcren Meldung mitteile«, nicht mehr allem der Frau Fsscher übertragen, sonder» kann laut Magistrats- beschkuß von sämtlichen Hebammen ausgeiidt werden.

Aus dem Rachbargeblete.

[] Dipperz, 13. Dez. 1911. Herr Edmund Feuerstein von hftr bestand heute in Kassel die M eiste rprüfung für das Baubandwerk.

-b Sicklos (Rhön), 13. Dez. 1911. Wie vor einiger Zett bereits gemeldet wurde, soll hier eine Hochdruckwasserleitung erbaut werden. Die notroendigen Arbeiten gelange» in 2 Losen heute zur Ausschreibung.

* Mackenzell, 12. Dez. 1911. Gestern verschied hier der Königliche Obersörster Adolf Fuchs nach kurzem schwerem Leisen.

* Obern »la, 14. Dez. 1911. Das zweijährige Söhnchen des Gastwirts Orth spickte mit einer klei­nen Holzschraube und verschluckte diese. Obgleich man den Knaben sofort zum Arzt bracht«, kam Hilfe zu spät, auf dem Wege zu demsckbe» starb das Kind.

♦ Gemünden, 12. 5Dej. 191L Zu dem Elfen- bahnunfall, der, wie gemckdet, das Eintreffen de? Würzburger Schnellzuges in Fulda am Dienstag abend um zivel Stunden verzögerte, fei noch mitge­teilt: Aus unbckannten Gründen entgleiste nach­mittags %2 Nhi an der Einfahrt in den Bahnhof aus der Richtung Aschaffenburg eine Rangier- mafchine mit einem Wagen und versperrte die Ein- und Ausfahrt der Zuge aus der Richtung Elm und Hammelburg. Der Schnellzug nach Preu­ßen wurde über Aschaffenburg geleitet und der Ver­kehr nach Hammelburg durch llmparkierung aufrecht erhalten. Rach mehrstündiger Verspätung konnte der volle Verkehr wieder hergestellt werde». Der Schade» ist unbedeutend.

* Dieburg, 13. Dez. 1911. Giteet Frau, die aus dem noch fahrende» Zuge steigen wollte, wurden beide Beine abgefahren.

* Darmstadt, 13. Dez. 1911. In der Rocht wurde tion Unbekannten in dem Schlosse des Freiherrn von Gemntings» in Fränkisch-Crmnbach ein Ein­bruch verübt. Die Einbrecher erbrachen alle Schränkt und Behälter und erbeutcken allerlei Wertsachen, Münzen, bares Geld uh».

♦ Wiesbaden, 14. Dez. 1911. Ein Komitee von Frankfurter und Wiesbadener Herren hat beschlossen, in Wiesbaden ein Genesungsheim für tür­kische Offiziere zu gründen. Das Komitee gibt hier verwundeten und erholungsbedürftige» türkischen Offizieren und Sanitätsoffizieren kostenferie Aus­nahme, Verpflegung und Behandlung. Es wird in bleibender Fühlung mit der Vereinigung des Roten Halbmondes wirken.

* Bingen, 13. Dez. 1911. Zu dem Projekt der Rheinbrücke Bingen-Rü de 8h eim toifb bekannt, daß zwischen dem Rckch und Preußen eine

M Sedier $trfmleu.

20| Roman von Adele Böttcher.

Orlando steht auf und schiebt fernen Stuhl mit einer heftigen Bewemmg unter den Tisch.

„Ich glaube, keine Gewalt mehr über mein Herz zu haben “

„Wirklich? Ich hoffe, bu bist aber noch genug Herr deiner Sinne — bitte p^ich mir die Butter her­über! — daß du deinem Herzen nicht gestatten wirst, jedes Gefühl von Pflicht und Ehre in dir zu täten!" Flammende Röte Meßt Lei diesen fchommHsloftn Worten l» Orlandos ©im. Doch beherrscht er sich.

„Rein, Vater", erwidert er ernst. „Und weil ich es nicht mehr bin, taut ich Grazie lla Morgano nicht heiraten — sckbst nicht, wenn sie ihre Einwilligung zu einet Verbindung mit mir geben würde, was ich bezweifle."

Der Marchese schlürft langsam ein Ei aus und fäubrrt sich sorglich mit der Serviette bat starke», graumelierten Schnsrrbat.

„Slgnorina Morgan» ist in der Tat ein vorzüg- liclfes Mädchen —" bewerbt er. sich in dm Stuhl zu- rücklchnmd — „und es wäre nicht recht von dir, wenn du dich ihr eitlären würdest, so lange jene kleine — Verirrung nicht überwundm ist . . . Rein physische Neigungen dauern nie lange' fügt er spöttisch hinzu, indem er an seinem Tee nivpt.

Verletzt tritt Orlando einen Schritt zurück.

^Jch würde es tief bedauern, wenn meine Liebe zu Sonja Orlosf rem physischer Ratiir wäre!" rost <er voll ehrlicher Entrüstung

„Ich freue mich dich fo Sernimftfg sprechen zu hören, mein Sohn. Wenn die Vernunft lehrt, daß es an einem Charakter absolut mckM zu bewundern gibt» muß naturgemäß die Liebe aufBören.'

Ockando hat sich abgewandt. Nervös spielen ferne Finger mit einem Tecköffck Er weiß nicht, wo hiv- cms der Vater mit seinen Andeutungen will.

„Deshalb sehe ich auch keinen Grund zu solch tie­fet Niedergeschlagenheit," fährt der Marchese ruhig

-fort. „Die Sache ist fatal, doch ungefährlich. Ein Masernansall In deinem Mer toürdr mich mehr be- unrnhigm."

«D» meinst als», daß meint Liebe zu der Pttn- zeffin —*

„— ganz vorübergehend ist, natürlich. Wenn du siehst, daß du diese Rufiin nicht in ehrbare Gesellschaft einfiihren kannst —"

„Vater!"

Der Marchese erhebt sich langsam und tritt zu sei­nem Sohne.

„Diese Russen stehen in meiner Achtung ziemlich niedrig, Orland». Mir sind fatale Gerüchte über sie zu Ohren gekommerr — freilich vockäufig nur Ge­rüchte, aber äußerst glaubhafte . . . Ich toiS dich jetzt nicht mit Einzelheiten bekannt machen; denn bn bist gegenwärtig außerstande, fie ruhig z» prüfen. In wenigen Wochen muß die Frage erledigt fein — so ober so. Ich darf wohl von meinem Sohne hof­fen, da ßer fo lange jede» entscheidenden Schritt un­terläßt."

Orland» antwortete nicht. Mit finster zusammm- gezogenen Braue» geht er «regt im Zimmer auf und ab.

Kofff'chüttelnd beobachtet ihn fei» Vater. Der Junge scheint wirklich bereits tief« in ben Netze» jener Abenteuerin verstrickt, als er es für möglich hielt.

„Ich will dir noch eine Konzession machm," sagt 'er ernst, indem er die Hand auf Orlandos Arm legt. „Kürze die Wartezeit ab! Reife selbst nach Moskau! Suche die Fürstin Sarinffi und ben Bankier auf, von benen jener Boris Orloff fe ost spricht! Wenn bie beiden dem Charakter des altm Russm und feiner Enkelin ei» gutes Zeugnis ansstelle» — bann kannst bn meinetwegen S-mja Orkoff betraten und oben­drein mich, dcknen Vater, auslachen. Werm nicht —"

Er febnippt mit den Fingern und ubeckäßt er dem Sohn, ht Gedanken ben Satz zu vollenden.

„Du kennst jetzt meine Ansicht," fügt er nach ein« Weile 8hl hinzu, da Ockando noch immer schwerat. „Auf Medersehenl"

Al» der Marchese Silvi» dar Zimmer veckaffen

hat, rennt Ockando mit großen Schritten auf und ab.

„Wäre es möglich, daß der Vater recht hätte. Daß diese Orloffs —" Aufgeregt fährt er sich durch das dichte wellige Haar. „Nein, nein, es ist unmög­lich! Tiefer ehrfurchtgebickende blinde Greis kann kein Betrüger fein! Und gar seine Enkelin — schon der Gedanke allein belckdigt ihre Reinheit! . . . Doch — ich muß Gewißheit haben! Sck es auch nur, um alle Verleumdungen ein» für allemal abzuschneiden! Glckch nach Graziellas Geburtstag reise ich nach Mos­kau. ES ist ja für dich, meine einziggelickte Sonja!

♦

Zu derselben Zeit fitzt der „chrfutchtgckietende blinde Greis" in seinem Zimmer vor dem Toückten- spiegel.

Sein Dierter bearbeitet ben „Juviterkops" für bie heutige Geburtstagsfeier unb läßt sich dabei die letz­ten Anweifungen gcken.

„Sie wollen also den Schrank sckbst öffnen, Ber­nardo?" fragt Orloff in kaum vrrnehmabrem Flü­sterton.

„3a. Meine Frau versteht davon nichts," eo- widert jener ebenso leife.

„Was macht Ihre Frau jetzt? Ist sie bei meiner Enkelin?"

„Nein. Sie hat den Hund heruntergelockt und ins Waschhaus gesperrt."

„Wann be)eitigm Sie ihn?"

„Wenn ich die Toilette des Herrn Fürsten be- enbet habe."

„Wo ist bie übrige Dienerschaft?"

„Die meisten von ihnen find mit dem Ausschmücken bet Festsäle beschäftigt. Die anbei» servieren im Frühstückszimmer."

„Gut. Sind Sie schon enttchlossen, was aus den Sachen werden soll, werm Sie sie in Händen haben?"

Diabolisches ©rinfen verzieht Bernardos Spitz­bubengesicht.

.Alle» ht Ordnung . . . Gleich »ach zwck Uhr bringt, tote verabredet, der Gehülfe des Optikers das Pincmez des Herrn Fürsten . .

„Ah, ich verstche. Sie werden rächt eh« hinauf- gchen, als bis der Mann da ist?"

„Doch, etwas fnihcr. Damit er nicht zu warten bratM."

„Sehr gut. Sie haben di« Sache klug eingefädelt, lieber Benmcko. Mein Kompliment . . . Gehen Sie jetzt — wegen des Hmtdesl . . . Aber vorher noch ein paar Zigaretten!"

Bernardo fuhrt de» alten Mann zu feinem Lehn­sessel. Ein mitleidiges Lächeln über dessen schein­bare Hülstosigkeit rrmspickt ferne dünnen Lippen. Raich stellt er Zigaretten, Aschenbecher tmb Streich­hölzchen neben i^t auf einen Seinen Tisch und ver­läßt das Zimmer.

Orloff zündck fich eine Zigarette an, dabei lang­sam bis zwanzig zählend. Dann steht er auf und ruft gedämpft:

„Bernardo!"

Keine Antwort.

Ockoff wirft die Zigarette ht den Aschenbecher und schccktet zur Türe. Behutsam mit den Händen tastend, sucht er feinen Weg durch den Korridor bis znm ersten geschnitzten Kopf am Treppengeländer. Hier bleibt er einige Sekunden stehen unb ruft aber­mals leise, rekognoszierend:

JBcmarbi?!'

Mer still. Nur von unten, aus dem Frühstücks­zimmer, gedämpftes Stimmengewirr.

Ein fttumphi«ender Ausdruck breitet sich über Orloffs Züge.

Alles geht nach Wunsch.

Genmi zählt er die S drifte ab und tappt, mit den Händen tastend, weiter — immer weiter--

Da ist bie Tür--

Unb jetzt die nächste — —

Fast unhörbar öffnet er die Türe zum Schlafzim­mer des Obersten.

„Ist jemand hi«? Ich habe mich verlausen!" stöhnt er wie cwgsttich. „Bernardo! D«nardo!"

Kerne Antwort Mes still.

(Fortsetzung folgt.)