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«Tuldaer

’e! Schön! Wann

retten.

** Zu Den ReichstagSwahte«.

kSahlkeik 8 nld a-Aer«f»L-LchUichl«».

•* Fulda. 12 Dez. 1911. Tal Jtaft. Ikdibfett1 hatte jüngst, wie immer »ans zuseriässiger Cuefle*, die Meldung gebracht, der htestqe ZenrmmswavlauStchuß habe einen in Berlin wohnenden Herrn all 8i eicht» lagStandidaten in Aussicht genommen. Gleichzeitig war von hier ans bte Nachricht von der Sufheflung diese« Herrn in bte au6n>drttge Presse ge­leitet worden. SStr haben damals lofort bte Nach­richt für falsch erfuhrt. Wie das ,firet5blatt' in feinen Dtttteilungen über bte Bertranen-tnännerverfatnmlttng vom Montag erfennen läßt, rotH es nun aber doch recht gehabt haben. Wtr wiederholen t die Nachricht des,Ful0. Riet6bl.' war unrichtig. In den vor­beratenden Besprechungen stad zwar eine ganze Reihe von Namen genannt worden, aber alS Kandidat in Aussicht genommen wurde keiner der Herren.

Aus dem Wahlkreis Hersseld-Hünfeld-Rotenburg.

= Bebra, 12. De;. 1911. Ter national, liberale Bauernbund ließ hier in einer Wahlversammlung drei Neüner auftreten. Den Hauptvortrag hielt der Kandidat der Bau­ernpartei für unfern W>rl'ltrcis, Herr Rud - l o f f - Grandenbom. Entsprechend der Mission des Bauernbundes, die Landwirte fü. die nationallibe­rale Partei einznsangen, ennaideltc der Kandidat ein Programm, das den Landwirtschaft treibende» Wählern die nationall:beralen Ideen muudgerech! machen sollte.

Jß 285.

NIttw»ch 15. t>ej«mb« Wt

58. Jahrgang.

Anslanü.

♦ Eine katholische Musterorganisation. Alle Ka­tholiken Italiens schauen mit Bewunderung auf hre Glaubensgenossen in Bergamo, d>e wirklich, waS katholische Organisation der Massen anlangt, die Führung haben. Dieser Tage fand in Bergamo die Heerschau über die vorbildliche Organisation statt. Sie zerfällt, nach der Vorschrift, die vom Papste für Italien erlassen wurde, tn fünf SMonen Die erste umfaßt das Wirken des Volksveretns einschließlich der Organisationen für bte Schule, und zwar: 46 Pfarrkomitees, 152 Vereine von Familien­vätern zur Verteidigung der religiösen Schule mit über 12 000 Mitglieder»!, 14 Bezirkskommissionen für die Verbreitung der guten Presse, 30 Volksbib- liotbeken, 73 Gesmtgsschulens, 47 Musikkorps mit 1800 Musikanten, 19 dramatische Vereine, 50 Abend­schulen für Erwachsene und 19 Vereine der Lehrer, der Richter, Advokaten usw. In der »weiten Sek- tion, die die wirtschaftlichen Organisationen umfaßt, zählt man: 115 Untarstützungsvereine mit fast 11 000 Mitgliedern. 48 ViehversicherungSgesell- schaften mit 4661 Mitgliedern, 47 Produktions- und Konsumvereine, 29 Gewerkschaften, 91 landwirt­schaftliche Kassen, 4 Volkssekretariate und 5 verschie­dene andere Organisationen, darunter die Auswan­dererfürsorge. In der driften Sektion, Wahlver- ani d, treffen wir 9 Bezirksorganisationen an. Die vierte Sektion umfaßt die Jugendorganisa­tion, die aus einem Universitätszirkel, 24 Turnver- inen, 110 Jugendheimen, 205 Jünglingsvereinen i nd Jungfrauenvereinen besteht. Die fünfte Sekfton betrifft die Aktion der katholischen Frauen mit 12 Vereinen der christlichen Mütter und 95 Mäd­chenheimen ferner 3 anderen Verbänden wirtschaft­licher Art für Frauen.

4? ** Die Königin von Spanien hat am Dienstag dem Lande eine Prinzessin geschentt. Der am 31. Mai 1906 zu Madftd geschlossenen Ehe König Alfons XIII. mit der Prinzessin Vikto.ia Eugenia von Battenberg waren bisher drei Kinder entspros­sen: Jnsant Äffonso, Jnfant Jaime und Infantin Beaftice. , ,

* Das verhängnisvolle Hoch. Das portugie­sische Blatt , Avangucrrdia" bringt Bilder von dem Prozeß gegen die „Verschwörer", bte einer förm- iwen Komödie gleichen. Das Blatt macht sich auch über ten P:o-eß lustig und schildert die Vemehmung von elf Anaektagten, betun zur Last gelegt tc-tr ein Hoch auf Conreiro ausgebracht zu haben. Wegen Mangels an Beweisen wurden sie von dem Delikt der „Verschwörung" fteigesprochen und konnten so­fort nach Äordvoftugal znrückkehren. Die auf dem Gerichtstisch liegenden „Verschwörer"-Waffen paßten bester in ein Ratttätenkubinett, als in einen Mo­narchistenfeldzug.

krattscke Organ mit den Opfern, die von den Kugeln bei Attentäter» nicht erreicht wurden. Sie haben die Tat bei Njegu? „in der gemetnften und schäbig­sten Weise" ausgeschrotet, da« „unzeitgemäße La­chen bei Justizministerr", „schurkische Verteumbun- gen", „Nichtswürdigkeiten", „Schamlosigkeit", au8- bündige Schurkerei", „pöbelhafte Schimpfrufe", „man soll keinen der Lumpen vergeflen, die ihre erbärmliche Charakterlosigkeit damal« so herrlich offenbarten; selbst die Pose de, Herrn JusttzministerS" usw. usw.

Gnade Gott der Justtz, roemt sie tn die Hände der Sozialbemokratte käme, bte den Attentäter ver­herrlicht und ihre davongekommenen Opfer vermale­deit.

Ein armer Kerl ist Njegu» allerdings in einem andern Sinn, ein armer Kerl, verhetzt durch ge­wissenlose Agitatoren und Zeitungsschreiber, die schmunzelnd über die Folgen ihrer Hetzreden die Hände reiben und ihre Haut in Sicherheit bringen, während der arme Teufel, den sie zu blutiger (Seroattkrt hetzten, im Gefängnis büßen muß- Auch hier bleiben die großen Spitzbuben, d. h. die geistigen Urheber der revolutionären Akte — die sozialdemokratischen Scharfmacher — straflos. Felg leugnen ste jede Schuld ab; durch bte Gerichts­verhandlung wurde festgestellt, baß Adlers Rede während der Njegus den Schuß abgab — höchst aufregend wirkte. Die eigentlichen Attentäter, bte auf die Anklagebank gehören, sind die Adler und Konsorten und die sozialistischen Prehhetzerl

X „Der arme Kerl".

Als der Sozialdemokrat N j e g u« im Wiener ParlamenVgebäude des R ev o l v er at t ent a t auf den Justizmimster B. Hachenburger verübt», da konnte man tn der sozialdemokratischen Presse Aus­lassungen lesen, die ganz offensichtlich auf eine Ver­herrlichung deS Verbrechens htnauSltefen.

Jetzt ist Njegus zu schwerer Zuchthaussftafe verurteilt worden und obgleich er in der Ver­handlung selbst zugab, er habe bett Justizminister er­schießen wollen, weil dieser bei der Rede Ablers ge­lächelt habe, sucht jetzt bte Wiener sozialdemokra­tische Presse dem Attentäter nicht bloß beizusprlngen, sondern ihn gerabegu zu verhimmeln.

Die Wiener „Arbeiterzeitung" nennt den verur­teilten Njegus einen armen Kerl Er wirb gepriesen als „grundguter, braver, auftichftger Mensch, voll Enthusiasmus und Ehrgeiz", habet allerdings eine „unglückliche Natur, bet ihre Empfindlichkeit und Reizbarkeit zum Verderben ausschlagen mußte." „Schade um den Menschen!" heißt es weiter,"Keine tränenselige Reue, mit der berechnende Angeklagte so oft operieren, aber tote echt wirft doch dieses ruhig menschliche Bebauernst" Sein Attentat — „diese ganze Kette von Zufällen ist ein Unglück, nichts mehr; kein anderes Unglück, als wenn dem Herrn von Hachenburger ein Ziegelstein auf den Kopf ge­fallen wäre" (waS würden wohl die sozialdemokra- ftschen Führer dazu Tagen, toenn ihnen solche „Zie­gelsteine", wie sie NjeguS aus dem Revolver abschoß, auf den Kops fielen?), eine „Tat, die ursachlos aus einem Taumel des Gehirns entsprungen ist", eine Tat, deren gestrige „blutig schwere" Besftasung „zu dem Bilde bei Oesterreich gehört" und „in guter Erinnerung bleiben wird", die „hart" und „mitleids­los" ist und „wohl viele Menschen zum Nachdenken über bisse Gerechtigkeit, zur Ueberptüfnng ihres Ur­teils über diese Gerechttockeit veranlassen wirb".

Mit einem Worte: Njegus wird zu einem Mär­tyrer ber österreichischen Justiz-Ungerechtigkeit er­hoben. Minber glimpflich verfährt baS sozialdemo-

gehen toir toteber gegen die s-bäbigen Oester- reicher?" — „Weiß niät, meine Herren!" — „Sa ja —•' wenn wir erst diese orabifeen Tiere Der baut haben, dann tonum Oesterreich dran." Ein ita­lienischer Hauptmann, in dessen Befestigung Binder und andere Journalisten einen arabischen Angriff ab» warfen mußten, ließ den Cefterreidxr seinen ganzen Hatz fühlen. „SZtt den Franzosen war der Hauptmann gewinnend, liebenswürdig über die Maßen, gegen mich eisig. Nach einer Stunde legt sich da» Feuer. SStr brechen auf, um tn» Korf Haniidie zu gehen. Lon den Franzosen verabschiedet sich der Hauptmann freund- sich lächelnd. „Bitte, kommen Sie sehr bald wieder meine Herren — wird mich sehr — sehr freuen!" Gegen mich gewendet, steif, unnahbar: „Ein Vorzug, Sie gekannt zu haben." 81» ich mich umdrehe, um zu gehen, spuckt er hinter mir au»! Er wollte keineswegs, daß ich e» sehe — ich habe e» doch gesehen und nehme e« unter Eid. So leben also unsere Bun. desbrüder au»l Haß de« Schwächeren gegen den Stär- leien — unversöhnlich gegen den Germanen, unver- lählich in den Zügen der Politik und schamlo» gegen den Fremden, der ihr geheiligter Gast sein sollte. WaS wollen wir denn noch mit Italien! Als Freund^kann eS uni nicht nutzen und als Feind kaum schaden."

Ob der Dreibund weiterbestehen wirb ober nickt, hängt nicht in öfter Linie von Deiitschlanb ab. Deutschland weiß nur, baß seine Freunbschast unb BunbeSgenossenschaft mit Oesterreich-Ungarn heute wie vom ersten Tage de» Bündnisses an für beibe Mächte gleich notwendig, gleich nützlich ist. Italien ist später binzuaetreten. Ob e» im Bunde bleiben will, hat es sAbst zu entscheiden. Hierzu­lande wird man nicht ohne Not den Vertrag kündi­gen. Schließlich aber, wenn einmal bet Tag kommt, der nicht auSbleiben wird, der Tag, wo Deutschland für feine „strategische Stellung" einen andern als den gegenwSrttgen Ausdruck suchen muß, so wird es nicht In Unruhe und Sorge sein. BiSmarck hat tref­fend gesagt, daß man mit richtigem politischen Blick verstehen werde, da« deutsche Staatsschiff durch die Strömungen der Koalitionen zu steuern.

Der Alte Fritz hat sich gegen ganz Europa be­hauptet. Und da« Deuttche Reich von heute ist al? Freund begehrenstoertet unb als Feind ein erkleck­liches mächtiger als dar Heine Preußen Friedrichs des Großen.

Nicht lange dauert es — ba springt ber Oberst auf unb reibt sich verwundert die Stirne.

„Verflixt! Was soar benn los mit mir? . . . Die Zigarette kann es doch nicht gewesen sein; denn Sie, mein Fürst, brannten sich doch auch eine an . . . Gewiß war es Blutandrang nach dem Kopf — Verbauungsbeschwerben. Die Gänseleberpastete heute mittag war zu schwer. Werb' nie toteber solch Zeug essen! HoflS ber Kuckuck!"

Dann läßt er sich, gutmütig lachend, von Ber­nardo den Rock von Sand und Laub reinigen, nimmt Orloff wie dem Diener das Versprechen ab, zu nie» maden über den dummen Vorfall zu reden — seine Frau und Tochter würden sich unnötig ängstigen — und belohnt Bernardo mit einem Goldstück.

An demselben Abend, als Bernardo seinen Herrn zu Bstt bringt, findet zwilchen beiden eine kurze ver­trauliche Unterredung statt.

„Der Herr Fürst waren oben und haben ba« Ter­rain rekognosziert. Ist dem Herrn Fürsten dabei ir­gend etwa« Bedenkliches ausgefallen?"

„Wieso?"

„Etwas, das unS gefährlich werden könnte?"

„Nichts. Außer dem Hund."

„Keine knarrenden Türen?"

„Nein."

„Auch keine eleftrische Vorrichtung beim Oeffnen deS SchrankeS?"

„Auch kekne elektrische Vorrichtung beim >?/"■■■ ba SchraickeS."

Und gähnend dreht Boris Orloff sich nach ber Wandseite und ist bald darauf fest eingeschlafen.

10.

Der Junge Marchese Orlando Tampanelll hat nach Erledigung der Angelegenheit für seinen Baler Paris wieder verlassen.

Etz hafte die französische MeichShauPtfliM mit dem festen Vorsatz betreten, sich nach Kräften zu amü­sieren unb Sonja Orloff zu vergessen. Ab« je mehr er sich in den Strudel der Vergnügungen stürzt, um­somehr ekeln ste ihn an. Kein weibliche» Wesen ver­mag e» ihn auch nur vorübergehend zu fesseln. Nur ein einzige« Gesicht erweckt ei* flüchtige» Interesse

Orloff fragt es wie verwundert, das Streichholz fallen lassend.

„Dem Herm Oberst wird unwohl, Herr Fürsti" ruft der Diener wie erschrocken.

„Wie?"

„Er flnft zu Bodeni"

„Allmächtig« —'

„Ein Zittern überfliegt seinen Körper; er ringt nach Atem; die Hände krampfen sich zusammen; die Muskeln werden schlaff —"

„Ist niemand in ber Nähe, der Hilfe bringen kann?"

Hastig blickt Bernardo um sich.

„Niemand, Herr Fürst."

„Rütteln Sie ihn am Arm!"

Der Diener gehorcht.

Die lang auf dem Boden ausgestreckte Gestalt rührt sich nicht. Die Zigarette ha ihre Dienste getan.

Kein unnötiges Wort wird mehr gewechselt. Die Arbeit beginnt

Der Oberst trägt eine doppelte Uhrkette; an ber einen ist ble Uhr befestigt, an ber anbern ber Schlüssel zum Sichechettsschrank.

Mt der Fixigkeit etne« gelernten Taschendiebes hakt Bernardo dm Schlüssel aus, nimmt ein Stück Wachs aus der Tasche unb macht rasch einen Abdruck des Schlüssel«. Nachdem er sich überzeugt, daß kein Wachs an dem Schlüssel hängen geblieben ist- ha« er ihn wieder an die Uhrkette, birgt drn Abdruck in der Westentasche und raunt Orloff triumphie­rend zu:

„Gemacht!"

Orloff wirst tief aufatmend feine Zigarette ins Gebüsch.

„Nun tzasch da» Riechsalz, Bernardo!"

Der Diener kniet neben dem armen Oberst nieder und hält ihm ein Fläschchen unter bte Nase.,

„Die Farbe kehft in seine Wangen zurück, Herr Fürst! Er ebnet wieder; er nOt stch < ,

„Gott sei gedankt!"

' OAs« ruft e« laut unb ta Tone innigste Freud».

* Bischofsheim, 9. Dez. 1911. U.tier Reichstags- kandidat, der von den Liberalen viel angefitnbete Ge­neral Häusler, erstattete gestern dahier' in eine, gut besuchten Versammlung Bericht über die Tätig­keit des Zentrum» tn verflossenen Reichstag. Zugleich entwarf er ein Bild von den Ausgaben des kommen­den Reichstages unb legte bat, wie er bähet die In­teressen seiner Wähler vertreten werde. Die Zen­trumswähler bltiben ihm treu.

k. Frankfurt e. M-, 11. Dez. 1911. Die Kon­servativen beabsichtigen, entgegen ihrer bis­herigen Absicht, keinen eigenen Kandidaten au tü­ftelten. Die gZaUonalltberalen beschlossen heute, gleich im ersten Wahlgange lür den fort­schrittlichen Kandidaten Oe,er emzutreten.

• Wiesbaden, 11. Dez. 1911. Hier stehen jetzt nicht weniger als drei rechtsstebende Reichsiagskandidaten gegenüber. General Kloeden. der vom Zenlrum unter- stützt wird, General Klingender (christlich-sozial) und als neuester Kandidat Oberstleutnat Wilhelmi (lonfcr- dativ). Sehr ärgelnch wegen der konservaiiven Kon- divatur zeigt sich die nationalliberale „Wiesb. Ztg.", da es so gut wie ausgeschlossen erscheint, daß der na­tionalliberale Kandidat Bartling ohne die Hilfe der Rechten noch einmal in die Stichwahl gelangt.

* Hachenburg, 11. Dez. 1911. xas Ze ntru m wird im 5. nassauischen Wahlkreise Ober west erwaid Den christlich-sozialen Abg. Dr. Burckhardt wieder unterstützen.

s Weimar, 13. Dez. 1311. Der hiesige Volks­verein für ba« kath. Deutschland hielt am ver­gangenen Sonittag eine politische Versammlung zwecks Stellungnahme zur bevorstehenden Reichstags­wahl ab. Das Refarat hatte in gütiger Weise ein Mitglied beB Erfurter Windthorstbundes, Herr Post- sckretär Rabemacher übernommen, der seiner Aufgabe in glänzender Weife gerecht wurde. Man beschloß, auch diesmal wieder im 1. Weimarischen Wahlkreis den Kanbibatm bet Wirtschaftlichen Vereinigung, den Relchstagsabgeorbneten G r a e f zu unterstützen. Mi einem Hoch auf Papst, Kaffer und Großherzog schloß ber Vertrauensmann die Versammlung.

* Darmstadt, 12. Dez. 1911. Die GinigungS- Verhandlungen zwischen der Fortschrittspartei und den Nationailiberalen i■< Hessen sind gescheitert.

* Ein neue» Rüstzeug zum Wahlkampf sind bi« Zentrums « Wahlpostkarlen, die m eleganter Aufmachung und interessanter künstlerischer Duich- siihrung (Vierfarbendruck) in Bild und Woit das Pro­gramm der Zentrumspartei darstellen und die Angriffe Der Gegner widerlegen. Durch die durchaus genauen statistischen und sonstigen Angaben, weiche die einzelnen Starten enthalten, dielen sie auch für die «ersammlungs- reim er wie überhaupt für alle Parteifreunde ein vor­zügliches Material im Kampfe gegen die gegnerischen Parteien. Der Vertrieb der Karten erfolgt durch die Änsichtspostkartenverfrieb-G. m. d. H. (Generolfekreiariat der rheinischen Zenirumsparleil tn Köln, Rudensftr. 1L Die Herstellung der Karten ist durch Gaiantiezeichnung einzelner Provinzialorganisationen der Zentiumspartei

In ihm, eine junge Schauspielerin mit goldblondem Haar unb rätselhaften blaugrauen Augen — Sonja- Augen!

Seine Sehnsucht nach ber Russin wächst. Tag und Nacht umschwebt ihn ihr Bild. Wie, toenn ei sie bei seiner Rückkehr nach Rom nicht mehr vorfände? Wenn sie die Villa Fortuna oder gar Rom bereit) verlassen hätte? . . .

Zu bet Sehnsucht gefeilt sich nun noch bte Angst die Geliebte für immer zu verlieren. Er beginnt sich matt unb elend zu fühlen. Sein frisches Gesicht wirb bleichet, fein elastischer Gang schleppend.

Et kämpft tapfer mit ferner Leidenschaft. Er will nicht unterliegen. Vergebens.

„Wit können unseren Hetzen nicht befehlen! hatte Graziella gesagt. Liebes kleines Mädchen! Wie recht sie hat! Sie wird ihn verstehen. Wer aus der ganzen Welt versteht ihn überhaupt so gut wie Graziella!

Ja, er fühlt, er muß zurück nach Rom, muß Lonja Wiedersehen. Er wird sonst krank vor Aufregung.

„Am fünfunbjtoantigflen hat Graziella ihren Ge­burtstag. Da darf ich nicht fehlen!"

In diesem Gedanken findet er etwa) Trost. Mit allen Fasern seines Herzens sehnt er den Tag herbti — ach, nicht um ber armen, keinen Graziella willen!

Die toenlgen Tage vergehen rascher, als Orlanb« es gedacht.

Am vierundzwanzigsten spät abends kehrt-er nach Rom zurück, unb am nächsten Morgen sitzen Vater unb Sohn tote gewöhnlich — bi« Matchesa Cam» panelli ist schon lange tot — etnanber am Früh- stückStisch gegenüber

„Du siehst schlecht aus —", sagt der Marchese Silvio, die Augenbrauen hochaiehenb, indem er die Tcibuna zusammenfaltet unb feinen Sohn forschend anbltdt

„Ich bin tief verstimmt, Vater."

Der Marchese faßt mit bet silbernen Zuckerzange bedächtig ein Stück Zucket unb wirft eS in sein« Deetasse.

„Fühlst bu dich disponier*, mir über blefe — «ev ftbmnuna Nähere» mltiuttü>‘-f' MS#». Hflt)

191 Roman von Adele Böttcher.

Langsam gehen die beiden Herren weiter. Boris Orloff nimmt den Faden der Unterhaltung geschickt ba wieder auf, wo ct vorhin fallen gelassen worben war. "Seine Unterhaltung ist stets anregenb unb fes­selnd. Wenn er sich die Mühe nimmt zu argumen­tieren, so geschieht dies nicht mit triumphierender Uebcftegenheit, sondern ruhig, heiter. Augenblicklich sind die beiden in ein militärisches Gespräch vertieft- Mit Begeisterung ecklärt der Oberst gerade ein vor kurzem in Italien eingesuhrtes neues Schießgewehr.

„Hier sind die Ziaaretten, Herr Fürst!"

Ruhig äußert Orloff erst noch seine cegentelüge Meinung übet das Gewehr, bevor er die Zigaretten­schachtel aus den Händen seines Kammerdieners nimmt unb ste seinem Begleiter hinhM. _

„Vielleicht haben Sie recht", erwidert ber Oberst. -Danke vielmals!" Und er steckt eine Zigarette zwi­schen bie Lippen.

Bernardo zündete sich ein Streichholz an und reichte es dem Oberst, ber sofort seine Zigarette in Brand steckt.

Orloff langt ebensalls nach einer Zigarette.

Bernardo will ein neues Streichholz anzünden; aber merkwürdig — es will nicht brennen. Er ver­such i ein zweites — ein drittes — —

„Was ich noch sagen wollte —" der Oberst tat rinen kräftigen Zug — „bie neuen Schießgewehre stnb doch —" paff — „aus dem Grunde bie aller­besten —" paff, paff — „weil--'

^Fruet, Herr Fürst!" >

Mit tiefer Verbeugung reicht Bernardo ein brew säendes Streichholz hin. Orloff nimmt e» unb will scheinbar seine Zigarette mzünden, indes der Oberst langsam vorangeht und flott drauflos pafft.

„Mein Gott, wie wird mir?" ruft et plötzlich, h» lern er stehen bleibt unb sich an den Kopf saßt. „Bev- tzyzrdo! Bernardo!" - -

X -WaS gibt es, Herr Oberst?"

X Italien und der Dreibund.

In den „Gedanken unb Erinnerungen" deS Für­sten Bismarck heißt es:

„Der Dreibund ist eine strategische Stellung, die angesichts der zurzeit fe'ine8 Abschlusses drohenden Gefahren ratsam und unter den obwattenden Bet. hältnissen zu erreichen war. Er ist von Zeit zu Zeit verringert worden, und es mag gelingen ihn weiter zu verlängern; aber ewige et: t ft feinem

Pertrage zwischen Großmacht en ge­sichert, und es wäre unrecht, ihn als sichere Grund, läge für alle Möglichkeiten betrachten zu wollen, durch die in Zukunft die Verhäbnisse, Bedürfnisse und Stirn, mutigen verändert werden können, unter denen er zustande gebracht wurde. Er hat die Bedeutung einer strategischen Stellungnahme in der europäischen Politik nach Maßgabe ihrer S'age zur Zeit des Abschlüsse»; aber ein für jeden Wechsel haltbares e w i g es Fundament b i l d et er für alle Zu- kunft ebenso wenig wie viele Tripel» und Oua- drupel-Allianzen der letzten Jahrhunderte und insbe- sondere die heilige Allianz und der Deutsche Bund. Er dispensiert nicht davon, immer auf der Wacht zu stehen/

Wer ernsthaft bie politische Lage überschaut hat, hat diesen Envägungen seit Jahren beigepflichtet. In ber Tat liegen bie Dinge nicht mehr butchweg so wie dazumal, als Italien bem Bündnis, das zwischen Deutschland unb Oesterreich-Ungarn bestand, beitrat. In Italien traute man Frankreich nicht. Man erin­nerte sich, daß dort ein Politiker einmal als Mei­nung vieler bie Forderung ausgestellt hafte: Wenn Frankreich so stark ist, wie es werden muß, wird es genötigt sein, zwei nationale Einheiten zu zerstören, bie beutsche unb bie italienische, lleberdies stieß Jia. lien bei seinem kolonialen Ausbreitungsdrang auf den Widerstand Frankreichs. Da war es ihm ein unab- fveisliches Interesse, festen Rückhalt an mächtigen Verbündeten zu finden. Ter Dreibund war die na» türttche „strategische Stellung" auch für Italien.

Inzwischen hat sich vieles verändert. Frankreich Unb Italien sind sich näher gerückt. Dagegen haben unzweifelhaft die Gegensätze zwischen Oesterreich-Un- garn unb Italien an Schärfe beträchtlich jugenom­men, was durch den Rücktritt des Generalstabschefs v. Hötzendorf nicht sowohl widerlegt als vielmehr be­stätigt wird. Wenn Italien jetzt im Orient Unruhen schüren, wenn mit seiner Unterstützung bie Albanesen, tote berichtet wirb, für bas Frühjahr einen neuen Ausstand oorbereiten, wenn ber Balkan verhängnis­voll aufflammen sollte — möglich, baß bas Bündnis zwischen den beiden beteiligten Großmächten auf eine starke Probe gestellt würde.

Wie aus Tripolis berichtet wird, ist Eugen Frei­herr von Binber-Kriegelstein bem Beispiele ber Kor­respondenten des „Berliner Lokalanzeiger" unb bet „Frankfurter Zeitung" gefolgt unb hat Tripolis „we­gen ber würdelosen Behandlung" seitens ber Italie­ner verlassen. Binber-Ktiegelstein war Kriegs-Be- richierstatter niedrerer österreichischer Blätter. Für ihn mar maßgebend, baß bie italienischen Offiziere auch in seiner Gegenwart mit großer Vorliebe von einem bevorstehenden Krieg mit Oesterreich sprachen und alles Oestinreichische beschimpften.

Baron Binber-Kriegelstein, ber einzige offiziell beglaubigte österreichische Krieg-koriespoiident in Tri­polis, erzählt unter bem Titel „Wie beliebt wir stnb" in bet „Franks. Ztg." von unablässigen Schmäh­ungen Oesterreichs burch die italienischen Offiziere in Tripolis, von Prahlereien mit einem baldigen Kriege gegen Oesterreich. Er hat sich stets einer gro' ßen Zurückhaltung befleißigt inb in seinen Berichten den Italienern nicht wehe getan. Trotzdem wurde er von den Italienern mit geradezu tödlichem Haß ver­folgt. In einem Bericht sagt Baron Binder bavüber unter anderem:

„Der Aufenthalt in Tripolis ist für den Oester- reid;.-r geradezu eine niederziehende Schmach. Die Beleidigungen, denen man hier täglich ausgesetzt ist, und ioelche mit dem besten Willen nicht überhchrt wer- den können, machen einem das Leben zur Qual. Beim österreichischen Konsuln: ziehen tagaus, tagein Trup- pen aller "Waffen, Wagenzüge, Munitionskolonnen vorüber. Und alle Truppen, ioelche vorüberziehen und uni. re Flagge sehen, vergessen es nicht, recht laut unv deuilich ausrufen: „Oesterreichische Schweine!" Bin­der wohnte im österreichischen Konsulat, auf das ein gegenüberstehender italienischer Wachtposten einmal scharfe Schüsse abgab. Die italienischen Offiziere sprechen nur vom Krieg gegen Oesterreich. Eines Tages begegne ich einer nach der Verteidigungslinie marschierenden Infanteriekolonne, ich grüße im Vorbei­

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