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M 281.

Dienstag 12. vezemder 1911

58. Jahrgang.

fuldaer

Zeitung

2. Blatt.

vrns ul Virlag der Suite« XdietibiM«trti in Znlda.

X Bon den ^Parteilosen".

Nachdem die Wahlaufrufe von den Wortführern dqc verschiedenen Parteien ergangen sind, erläßt Prof. Dr. Paul Förster -Im „Tag" eine Art Wahlaufruf für die Parteilosen. Er glaubt nämlich, es gäbe „Millionen" oon Deutschen, die sich keiner der bestehenden Parteien angeschlosien hätten und anzuschließen vermöchten, die in den Program­men und Aufrufen übemll etwas richtiges, aber nicht die volle Wahrheit fänden, und die nun nicht wüßten, welchem Bewerber sie ihre Stimme geben sollten.

Gibt es wirklich so viele „Parteilose"? Dann würde ja die deutsche Nation mit Eigenbrödlem und Querköpfen sehr stark gespickt sein! Und gerade bei den -„JntelleKuellen", die Prof. Förster im Auge hat, sollte man eine derartige Unklarheit und Un- entschiedsuheit nicht vermuten.

Haben wir denn in Deutschland noch nicht Par­teien genug? In England, dem Musterlande des konstitutionellen Lebens, behilft man sich mit viel we­niger Parteien, und von dort haben wir einen Not­schrei der unschlüssigen „Parteilosen" noch nicht ver­nommen. Der Engländer scheint in seinem gesunden Menschenverstand den rechten Anschluß besser fin­den zu können. Wer bei den reichen Schattierungen in unserem Parteiwesen die ihm paffende Fahnen­farbe nicht zu finden weiß, der hat entweder ein schwaches Auge oder einen .;u starken Eigensinn.

Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die „Par­teilosen", wenn Prof. Förster ihnen nachsagt: früher Höften sie sich im Notfälle für eine von oben ge­gebene zugkrästige Wahlparole ins Zeug geworfen, um nachher das Volk wieder fünf Jahre sich selbst zu überlaffen. Allerdings haben vor fünf Jahren sich manche Leute durch die Bü- low'sche Vlockwahlparole irre führen lassen; auch solche Wähler, die ihrer ganzen Denkart nach auf die rechte Seite gehörten, helfen in ihrem Unverstände mit zur Begründung einer liberalisierenden Aera. Das gründliche Fiasko dieser „zugkräftigen" Blockpolitik hat hoffentlich die Klärung und die reinliche Scheidung der Geister weithin gefördert.

Die gegenwärtige Regierung versteht sich freilich nicht auf die Kunst der „zugkräftigen" Wahl­parole. Sie har sich ja nur mit Mühe und Not be­wegen lassen, wenigstens die guten Wirkungen der vielbestrittenen Finanzreform in? Licht zu stellen und auch über ihre auswärtige Politik endlich beruhigende Ausklärung zu geben. Aber sonst überläßt sie den Wahlkampf den Parteien, indem sie sehr sorg­fältig (vielleicht zu sehr!) ihre Stellung „über den Parteien" einwandfrei zu erhalten sucht.

Es bleibt also für den Wähler nichts anderes übrig, als daß er sich unter den Parteikandi- d a t e n den Mann seines Verttauens aussucht. In Meier Hinsicht gibt nun Prof. Förster seinen „par- .ilosen" Freunden den Rat, sie möchten an die Be- .oerter in ihrem Wahlkreise „wenige, aber entschei­dende Fragen und Forderungen" stellen und nach der Antwort ihre Abstimmung einrichten. Er stellt einen Musterfragebogen mit 7 Punkten auf, gegen dessen Inhalt wir eigentlich nichts einzuwenden Ha­ven, da jeder Zentrumskandidat mit gutem Ge- wisscu alle sieben Forderungen bejahen könnte. Aber welche politische Einfalt steckt hinter diesem Frage- unb Antwortspiel? Das hat doch die Erfahrung ost genug und deutlich genug gelehrt daß mittels ein­zelnen Fragen das Wollen und Können eines Kan­didat«, i nicht gründlich und sicher erforscht iverden kann. Die zweifelhaftesten Kandidaten geben oft die wohlklingendsten diplomatischen Erklärungen. Man muß die ganze Persönlichkeit prüfen nach ihrem bisherigen Verhalten im öffentlichen Leben, und dabei muß man festhalten, daß der einzelne Abgeordnete für sich in der praktischen Poli­tik ivenig oder gar nichts ausrichten kann, sondern die Entscheidung immer bei der Fraktion liegt, die man durch seine Wahl verstörst. Also muß der zielbewußte Wöhler sich immer für eine b e- stimmte P a rt e i entscheiden.

Tut er das, so wird ihm sein Gewissen, wenn es noch nicht eingerostet ist, die Vorhaltung machen: dieser Partei hättest du dich sch o n l ä n g st anschlie­ßen sollen!

Wer „parteilos" geblieben ist, eriveckt den Ver­dacht, daß er entweder keine klare Weltan­schauung hat, oder daß es ihm an dem Mute fehlt, eessflseeeeeeeBHeeeaeeeeeBeHeeöeHeeeeeeeeeeaeeeeeei

seine Weltanschauung im öffentlichen Leben zu b tätigen. Ein Mann, deo auf positivem christlichem Boden steht, gehört inks Zentrum oder zu dm Konservativen. Bezeichnmder Weise hat Prof. Paul Förster in seinem Fragebogen nicht vor­gesehen, die Stellung des Kandidaten zu dm re­ligiös-sittlichen Interessm zu erforschen. Die fallen aber doch geradezu ausschlaggebend ins Gewicht, wie namenttich in dem Wahlaufruf der Zen- tmmspartei fiat dargelegt wird. Mit Recht wird da hingewiesm auf das Besttebm, eine liberale Aera mit Hilfe der Sozialdemokratie her- beizuführm, und auf die wirtschaftlichen Ge­fahren und dm Kulturkampf, die aus einem Siege des Großblocks sich ergebm würden. Bei einer solchen Zuspitzung der Gegensätze sollte es in der Tat keine „Parteilosen" mehr geben dürfen. Da muß je­der, der als Kulturmensch gelten will, sich sein Ur­teil gebildet habm und werstätig Stellung nehmen entweder auf der Seite, wo man auf christlichem Bo­den die friedliche Entwicklung erftrebt, oder wo der „aufgestärte" Liberalismus mit Hilfe der Sozialde­mokratie zur Eroberung der Macht au-zieht. Die Parteilosigkeit darf nicht zur Grundsatzlosigkeit und zur Gewissenlosigkeit werdm.

Es gehört zu der schönsten und fruchtbarsten „Kleinarbeit", wenn jeder brave Parteigenosse die- jenigm Lmte aus seiner Bekanntschaft, die noch in der Zipfelmütze der Parteilosigkeit einhergehen, auf dm rechten Weg bringt.

Deutscher Reich.

Auf tönernen Füßen. Wie ein geivaltigtt Koloß steht die dmtsche Sozialdemokratie da. Der Sozialdemokvattsche Verein, die offizielle Partei­organisation, zählt über 1 Million zahlender Mit­glieder. Ein Wahlfonds von mindestms 6 Millio­nen Mark liefert das „Pulver" für den Wahlkampf. Ein He« von Beamten leistet jetzt Wahlarbeit; seine einzige Aufgabe ist es jetzt, zu agitieren. Mit Millionen von Flugblättern wird das ganze Deutsch­land überschwemntt, und Tausende von Versamm­lungen ergänzen das geschriebene Wort. So ist äußerlich der Koloß mächtig, aber das Fundament, auf dem «r ruht, ist schwach! Vor dem Forum der Wissenschaft können die sozialdemokratischen Theorien, die „Grundlagen" des sozialistischen Ge­bäudes,. nid# bestehen) Die materialistische Ge­schichtsauffassung, dieser „Grundpfeiler der gcmzm sozialdemostatischen Theorie", sinst bei objektives Untersuchung als einsaitige Vefzewaltigung der Tatsachen in ein Nichts zusammen. Der einfache Menschenverstand begreift die Unhaltbarkeit der ma- ftftcckistischen GeschichiSTstömng, und die Wissen­schaft nennt sie die „einseitigste aller geschichtsphi­losophischen Richtungen". Achnlich ist's mit der Wertlehre, mit der Konzentcations-, Krisen!-, Ver- elendungs- und Zusammenbruchstheorie, auf denen der „wissenschaftliche Sozialismus" und die foziab- demostatische Partei aufgebaut sind! Wer ohne rote Brille nur einen flüchtigen Blick in die Ent­wicklung unseres wirtschaftlichen Lebens wirft, dem ist ohne weiteres die völlige Unhaltbarkeit dieser wirtschaftlichen Theorim Hör. Und man kann dem „Gebäude de? Sozialismus" kaum wirksamere Stöße varsetzen, als wenn man die „Fundamente" desselben in ihrer ganzen Morschheit bloßlegt. Zu diesem Zwacke hat eben der Volksverein für das katholische Deutschland <z w e i Broschüren herausgegeben, von denen die eins in gemeinverständlicher Form sich gegen den „wissenschaftlichen" Sozialismus wen­det, während die zweite, mehr satyrisch gesttmmte, für die breite Agitatton bestimmt ist. Die eine Bro­schüre „Der Wissenschaftliche' Sozialismus", die Grundlage dor Sozialdemokratie (40 S., 20 H), legt die Haltlosigkeit der oben genannten sozialde- moknatischen Theorien dar, erörtert die Stellung der Sozialdemokratie zu Religion und Kirche und ivefft vom Standpunkte der Psychologie aus doS Mdersinnige der sozialistischen Gesellschaftsordnung nach. Die zweite Broschüre: „rot" (32 S.) wend# sich mit feinem Spott an den sozialdemokraftschen Agitator. Sie enthüllt das „Geheimnis" der sozial- demokrgtischen Werbearbeit und ist nur direkt und nur in Partien (das Hundert zu 2 Mk.) vom VolkN- vereins-Verlag in M.-Gladbach zu beziehen. Beide

Schriften sind so recht geeignet, die Sozialdemostatie als da» erkennen zu lassen, was sie in Wirklichkeit ist: ein Koloß auf tönernen Füßen!

Ausland.

** Des Marokkohandels zweiter Teil.

Die leidige Marokko-Afföre ist mit dem Abschluß des deutsch-französischen Bündnisses keineswegs au» der Welt geschafft. Jetzt beginnen nämlich die f r a n« zösisch-spanischen Verh andlungen über di« Abgrenzung ter gegenseitigen „Interessensphä­ren" in Marokko. Frankreich hat seinerzeit in einem kürzlich stückweise veröffentlichten Geheimvertrag der spanischen Regiemng, die von der englischen unter­stützt wurde, große Zugeständnisse gemacht, nach de­nen daS spanische Einflußgebiet in Marokko fast daS gesamte Küstenland Marollos umfaßt, während den Franzosen nur das Innere, das sich höchstens nur für Heine Ansiedelungen eignet, bleibt. Jetzt möchte Fransteich die „Einflußsphäre" in MaroHo wieder verschieben. Dabei findet es nun aber Widerstand an England. Denn trotz aller überströmender Beget- fterung für die Entente traut England seinem er­gebenen Bundesgenossen doch nicht so weit, daß es mit ihm die Herrschaft über die Straße von Gibral­tar teilen möchte. Dec Schlüssel zum Mittelmeer muß in englischer Hand bleiben, dämm wird das fetteste Stück im Norden des Scherifenreichs dem ohn­mächtigen Spanien zugespielt. Fransteich ist na­türlich wenig darüber erbaut, daß z. B. die wich- ttgste Bahnlinie des Landes, Tanger—Fez, seiner Kontrolle entzogen werven soll. Soviel man bis jetzt fleht, werden die Madrider Verhandlungen ge­nau nach dem Muster der Berliner Besprechungen geführt. Es gibt b efelben Unterbrechungen und Korrekturen. Wie unser Telegramm in der gestrigen Ausgabe bereits meldete, haben sich neue Schwierig­keiten ergeben, indem Spanien die letzten Vorschläge Frankreichs rundweg abgelbnt hat. Am Samstag war der spanische Botschafter im Londoner Aus­wärtigen Amt von Grey empfangen worden. Dort wird er sich wohl die nötigen Instruktionen geholt haben.

♦ Amerikanische Kriegssorgen. Der Staatssekre­tär des Krieges Simfon erHärte in seinem diesjäh­rigen Bericht, ein Krieg mit einet Großmacht würde die Vereinigten Staaten von Amerika so gut wie unvorbereitet finden. Dies fei größtenteils auf den Umstand zurückzu führen, daß die Armee in zu zahl­reichen Posten über daS Innere des Landes zer­streut fei und ein Mangel an Reserven bestehe. Der Bericht tritt energisch dafür ein, die Anwerbung auch für eine kürzere Zeit als 3 Jahren zu gestatten, um es möglichst vielen Männern zu ermöglichen, ben re­gulären Heeresdienst durchzumachen und ein starkes Bürgerheer aufzubauen.

Lokales.

Fulda, den 12 Dezember 1911,

X Der akademische Bonifatiusverein im hiesigen Priesterseminar kann im gegenwärtigen Semester auf eine 25jährige Tätigkeit feit seinem Wiedererstehen zurückblicken. Der Verein bestand erstmals von 1869 bis 1874, mußte dann infolge der Aufhebung der preußischen Seminarien 13 Jahre als nicht existierend gelten, um bann im Wintersemester 1886/87 wieder aufzuleben. Am 14. Dezember, nachmittags 3 Uhr, wirb der Verein im Bonifattussaal des Priester­seminars eine Jubel-Akademie abhalten, und er hofft auf ein zahlreiches Erscheinen der Herren Ehren- und außerordenllichen Mitglieder. (In einem besonderen Festartikel wurde im 2. Blatt unserer gestrigen Num­mer die Bedeutung bet akademischen Bonisatiusver- ein« gewürdigt. D. Red.)

tQF Zur schnellen Abwickelung deS Postschalter­verkehrs während der Weihnachtszeit kann das Pub­likum selbst wesentlich beitragen. Tie Einlieferung der Weihnachtspakete sollte nicht lediglich oder vorwiegend bis zu den Abendstunden ver­schoben werden. Selbstfrankierung der ein­zuliefernden Weihnachtspakete durch Postwertzeichen sollte die Regel bilden. Mit

seinem Bedarf an Postwertzeichen müßte sich ein jeder schon vor dem 19. Dezember versehen. Zeitungsbestellungen dürften nicht in den Tagen vom 19. bis 24. Dezember am Schalter der Post« anflalten angebracht werden. Für die am Post« ichatter zu leistenden Zahlungen sollte der Auflieferer das Geld a b g e z L h l t bereUbalteu. Die Befolgung dieser Ratschläge würde bet Poft und dem Pubttkum gleichmäßig zum Nutzen gereichen.

(*) Auf die Bekanntmachung des Hauptzollamtes, die im Anzeigelett enthalten ist, wachen wir untere Leser besonders aufmerksam und bemerken auf Er­suchen zur näheren Erläuterung noch iolaendes:

Nach dem neuen Stempelsteuergesetz sind sämtliche während der Dauer eines Jahres in Geltung gewese­nen Miet- und Pachtverträge über die in der Be­kanntmachung angedenen Gegenstände (auch die nur mündlich abgeschlossenen) steuerpflichng. Dabet ist es ohne Bedeutung, ob der Vertrag das ganze Jahr hindurch, oder nur eine kurze Zeit lang in Kraft ge­wesen ist. Befreit sind nur solche Verträge, bei denen der für die ganze Dauer des Vertrages zu entrichtende Zins zusammen 150 Mk. nicht über­steigt. Dem Zinse sind alle in Geld bestehenden Sie- benleistungen an den Vermieier für Schornsteinrei­nigung, Müllabfuhr, Beleuchtung, Warmwasserversor. gung, Zentralheizung, Fahrstuhlbenutzung usw. zur Be­rechnung seiner steuerpflichtigen Höhe zuzurechnen. Auf die Verpflichtung der Vermieter zur Aufstellung und Versteuerung der Mietverzeichnisse ist es ohne Einfluß, ob sie selbst die Räume von einem anderen gemietet haben und sie möbliert oder unmöbliert weiter­vermieten. Befreit sind nur solche Mietverträge durch die Gastwirte oder Zimmervermieter Fremde zur Beherbergung, also nur vorübergehend, ausnehn m. Für die Vermietung von Wohnungs- und Geschäftsräumeri ist zu beachten, daß die Hälfte der Steuerabgabe für solche Räume nicht erhoben wird, die für gewerbliche oder berufliche Zwecke be­stimmt sind. Sind gleichzeitig noch für andere Zwecke, z. B. als Wohnung Räume bermietet, so ist anzugeben, wieviel von dem Mietzinse auf die lieber- lassung der Räume für gewerbliche und berufliche Zwecke enthält. Erfolgt diese Trennung des Miet­zinses bis zum 31. Januar nicht, so kann sie nicht be­rücksichtigt werden und die Steuer wird in vollem Be­trage erhoben. Bezüglich der Versteuerung der Automaten und Musikwerke wird darauf hingewiesen, daß bei Musikwerken ihr Anschaffungs­preis, eventuell ihr Wert, für die Versteuerung maß­gebend ist, und daß bei Warenautomaten anzugeben ist, wieviel Warenbehälter sie haben.

* Die Kriegsmarine-Ausstellung wird heute abend 10 Uhr geschloffen. Herr Kapitänleutnant Mumm hält um 5 und 9 Uhr Vortrag, Herr Deckoffizier Steller um 3 und 7 Uhr.

Amt Geisa und Umgebung.

** Geisa, 10. Dez. 1911. Mit unserem Be­richte über bie Gemeinberatswa?! in Geisa befassen sich zwei Eingeiandt in der »Eise­nacher Zeitung' bezw. in der,Rhönzeitung'. Diese Eingefanbt* waren vorher ber ,Fuldaer Zeitung' überreicht worben. Einer Ausnahme staub entgegen, daß der Uebetbringer es ablehnte, bem Vorschlag der Redaktion zuzustimmen, die Erklärung vor ihrer Drucklegung einer bet Redaktion vertrauenswürdig erscheinenden Geisaer Persönlichkeit zwecks Klärung und etwaiger Schlichtung zu unterbreiten. Unser Gewährsmann in Geisa äußert sich zu den be­treffenden Eingesandt nun folgendermaßen:

DaS Eingesandt deS Herrn Klemens Schäfer gibt zunächst klipp und klar zu, daß er selbst in beregtem Sinne gewählt habe und bestätigt somit mit Namens- unterschrist die Richtigkeit unseres Relerates. Ge­wiß hat „der gütige Schöpfer dem Menschen als Höchstes Verstand und freien Willen verliehen", daneben aber auch die Verantwortlichkeit für den Ge­brauch von beiden, welche VerantwortliHkeit umso größer ist, wenn noch der „Vorzug' der irdischen Güter dazu kommt. In unserem Referate konstatierten wir lediglich, daß die Mehrheit der katholffchen Be« völkernng von Geisa — welcher der gütige Schöpfer doch auch Verstand verliehen haben dürfte — Anstoß an dieser Stellungnahme genommen hat, und dies zu berichten, halten wir nicht nur für ein Recht, sondern auch für eine Pflicht des „Reporters". Was den 2. Teil des Eingesandt von Herrn Schäfer angebt, so bat der Herr Einsender wohl übersehen, daß wir keine Namen genannt haben und er somit zu Un­recht unS insinuiert, daß wir speziell ihn damit gemeint hätten. Daß aber Verhandlungen mit der Gegenpartei gepflogen worden sind, wird Herr Schäfer heute umso

Me Wer des Verbannten.

18( Roman von Adele Böttcher.

„Darf man nach der Knmenbung dieser Vorj- richtung fragen?"

„Warum nicht? . . . Hier, gerade unter der Tür des Schranks befindet sich ein Knopf. Niemand weiß etwas davon, außer mir und meinet Familie. Man kann ihn nur fühlen, nicht sehen; denn zwi­schen dem Schrank und dem Erdboden sind nur drei Zentimeter Zwischenraum. Wenn pun der Knopf so gestellt ist, daß et mit der geschloffenen Tür einen rächten Winkel bildet ober so was — genau weiß ich es selbst nicht — so quietscht die Tür, sobald sie geöffnet wird, und setzt eine Masse elektrischer Glocken in Bewegung — in meinem Schlafzimmer, in den benachbarten Zimmern, ja sogar in den unte­ren Räumen. Ein fürchterlicher Skandal — sag' ich Ihnen. Der Hauptgrund, weshalb ich daS Ding selten benutze, da ich mir tagtäglich das Ver­gnügen des Anblicks meiner Diamanten gönne."

Geschickt verbirgt Orloff seine Erregung hinter Ausrufen lebhaftester Verivunderung.

„Großartige Erfindung! — Wunderbar! — Kaum glaublich!"

„Sie sollen's gleich mal mit anhören?" lacht der Oberst jovial, indem er unter den Schrank greift. „So — jetzt ist der Knopf gestellt, und ich öffne die Tür zum Schrank!"

Sofort Hirrt eine elektrische Glocke. Gleich dar­auf da» GeHingel vieler Glocken von allen Seiten — links, rechts, oben, unten--

Man hört das hasttge Oeffnen von Türen und er- schrockene Stimmen, die nach dem Hausherrn rufen.

Rasch geht der Oberst nach der Treppe.

„Nur ein Heiner Spaß!" ruft er heiter hinunter.

^Nichts weiter!"

Kaum H<Ü Oberst Morgano das Zimmer verlassen, ÄS Orloff mit jugendlicher Lebhaftigkeit aufspringt

ist allein . . et weiß wo der Sckrank steht ,.. I

die Tür ist offen ... er könnte die Diamanten weg- nchmen, bevor der Oberst zurückkehrt . . . Aber wenn der Mann noch einmal tn den Schrank hineinguckte, bevor er ihn abschließt--? Rein, die Gefahr ist

zu groß --

Mit einem tiefen Seufzer, der fast wie ein Stöh­nen Hingt, läßt der Greis sich wieder In seinen Sessel fallen.

Soeben kehrt der Oberst zurück. Noch lachend schließt er rasch den Schrank und dreht an dem dar­unter befindlichen Knopf. Dann reicht er seinem Gast den Arm, um ihn hinwegzuführen.

Beim langsamen Hinuntersieigen vergewissert sich Orloff nochmals, daß feine Beobachtungen vorhin richtig warm, und fügte ihnen hinzu:

„Zwischen Schrank und Erdboden drei Zentime­ter Zwischenraum. Unter der Tür ein Knopf, der so gestellt sein muß, daß et mit der Tür einen rechten Winkel bitbd."

•

Die nächsten Tage vergehen in ruhiger Gleich­mäßigkeit. Sonja bleibt zumeist in ihrem Zimmer und schreibt an dm Artikeln für das Giornale d'Jta lia. Und ihr Großvater sitzt von morgens bis abends auf der Terrasse, läßt sich von der Sonne bescheinen und raucht Zigaretten.

Da der „Fürst" gar nicht mehr „an das Geschäft" zu denkm scheint, wird das Ehepaar Lungo unge­duldig.

„Er wird alles in seinem dicken Schädel auJarbei- tat, Nina," tröstet Bernardo seine würdige Ehehälfte. „Er ist ein Genie — verlaß dich drauf!"

Aergerlich schüttelt die Frau ben Kopf. Ihr wird die Zett lang, da auch die „Prinzessin" fast g« nicht mehr ihrn Dienste bedarf.

Endlich gibt Bernardo Nina» Drängen nach, dem Slten auf den Zahn zu fühlen.

Wieder sitzt Orloff auf der Terrasse und raucht seine Zigarette.

Da nähert sich ihm der Kammerdiener — äußerst respektvoll wegen ber vielen Fenster ringsum

„Darf ich fragen, wie lange bet Herr Fürst noch hier zu bleiben gebenfen?" flüstert er, nachdem er sich vergewissert, daß niemand in ber Nähe ist.

„Bis Enbe diese» Monats."

„Heute haben wir schon den zweiundzwanzigsten, Herr Fürst —"

„Ganz recht!"

„und wir haben noch nichts in ber bewußten Sache getan, Herr Fürst!"

„Das heißt: Sie haben noch nichts getan, mein Bester. Ich habe schon viel getan, überlegt und vor­bereitet."

„Aber — wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf — es wäre wohl Zeit, die Sache praHisch in die Hand zu nehmen!"

„Nicht vor bem fünfundzwanzigsten. An dem Tage ist das Haus voll Gäste — zum Geburtstag Signo- rina Graziellas."

„Aber es müssen doch Vorbereitungen getroffen — vor allen Dingen muß ber Hunb aus bem Wege geschafft werden — am besten langsam durch Gift —"

Spöttisch lacht Orloff auf.

„Sie sind wirklich überaus schlau, Bernardo. Ge­wiß muß ber Köter weg. Aber «ft im letzten Augen­blick!"

„Wie soll ich denn zu bem Schraick gelangen, wenn das Vieh immer bavorsitzt? Ich muß boch einen Abdruck de» Schlosse» haben — wegen bes Nach­schlüssels

Nachdenklich bewegt ber alte Mann den Kops hin unb hör, während er langsam eilte Rauchwolke zwi­schen den gespitzten Lippen hervorbläst.

„Hm, bei solchem Abdruck kann leicht etwas Wachs im Schlüsselloch hängen bleiben unb alle? verraten —' sagte er mißbilligend. „Ihre Kunststückchen siId veraltet, mein Lieber; Sie find nicht mit der Zett fortgeschritten und müssen noch viel lernen, wenn Sie in Ihrem Beruf Erfolge erzielen wollen!"

„Darf ich fragen, ob der Herr Fürst etwas bes- seres vorzufchlagen haben?" fragt der Kammerdiener in gekränktem Tone. Sein Ehrgefühl ist tief verletzt.

„Ich werbe barüber Nachdenken. NebrigenS — Sie müssen heute nachmittag nach Rom fahren und

mir eine Portton vom feinsten Tabak holen. Außer- dem brauche ich eine Heine Maschine zum Zigaretten­drehen. Unb ein Rezept lassen Sie sich ebenfalls beim Apotheker machen. Verstanden? . . . Wach» haben Sie wohl selbst?"

„Natürlich, Herr Fürst."

„Und vergessen Sie nicht, Ihre Komplizen da» auf aufinecksam zu machen, daß der fünfunbzwanzigste für bie Sache festgesetzt ist."

„Sehr wohl, Herr Fürst."

„Unb noch etnS: ich werde heute abend eine be­sondere Sötte Zigaretten drchen. Wenn ich Jhnm nächstens befehle: „Bernardo, holen Sie Zigaret­ten!" — so bringen Sie die neue Sorte! Und Riech­salz! Und auch Ihr Wachs! Verstanden?"

„Ja, Herr Fürst!" Unb ber Kammerdiener nickt verständnisinnig mit dem Kopfe.

Am nächsten Tage fordert Boris Orloff ben Oberst zu einem Spaziergang durch den Park auf.

In lebhafter Unterhaltung begriffen, die sich bie& mal nicht um Diamanten, sondern um das Fest dreht, das zu Ehren von Graziclla» zwanzigstem Geburts­tag fiattfinben soll, gehen bie beiden Herren die ver- schlungmm Wege auf unb ab. Orloffs Hand ruht leicht auf der Schulter des Obersten. In respektvol­ler Entfemung folgt Bernardo mit Plaid und Stock.

„Holls ber Kuckuck!" ruft plötzlich der Oberst, in­dem er in seinen Taschen berumfingert. „Ich habe meine Zigarettentasche lergessen. Wollen -sie mir mit einer Zigarette aushelfen. Fürst?"

„Mit Vergnügen." Orloff bleibt stehen unb greift in seine Roöttasche. „Merkwürdig — mir gcht ey ebenso tote Jhnm."

Während der Oberst gutmütig über diese „Dupli­zität der Ereignisse" lacht, wendet sich Orloff narb seinem Kammerdiener um.

„Bernardo, holen Sie Zigaretten!"

„Sehr wohl, Herr Fürst." Und schon eilt et davon. .

/Fortsetzung folgt)